Italienisch
ita
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0004
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2025
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Fesenmeier Föcking Krefeld Ott"Gli orsetti lavatori esistono!": Die Tierwelt in Ammanitis Roman Io non ho paura
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2025
Werner Schäfer
Der Aufsatz handelt von den Tieren, die – in großer Zahl und Vielfalt – Niccolò Ammanitis Roman Io non ho paura bevölkern. Er listet sämtliche in dem Roman vorkommende Tiere auf und analysiert anhand einer Reihe von Szenen beispielhaft ihre Funktionen: Charakterisierung, Lokalkolorit, Spannung, ihre Rolle in der menschlichen Gesellschaft, ihre Rolle in der Interaktion mit den Menschen. Besondere Beachtung wird den orsetti lavatori gewidmet, den Waschbären, die den Roman als eine Art Leitmotiv durchziehen und die es am Ende dem Protagonisten, dem neunjährigen Michele, ermöglichen, zwischen Mythos und Wirklichkeit zu unterscheiden.
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„Gli orsetti lavatori esistono! “: Die Tierwelt in Ammanitis Roman Io non ho paura Werner Schäfer L’articolo tratta della presenza - un’importante presenza in termini di numeri e funzioni - del mondo animale nel romanzo Io non ho paura di Niccolò Ammaniti. Oltre a fornire un elenco completo degli animali che appaiono nel romanzo, l’autore ne descrive la comparsa in varie scene e ne analizza la funzione: colore locale, caratterizzazione, suspense, specchio della cultura umana, attori nell’interazione con gli uomini. Particolare attenzione viene data agli orsetti lavatori, che costituiscono una sorta di leitmotiv nel romanzo, e che alla fine sono la chiave che consente al protagonista, Michele, ragazzo di nove anni, di distinguere fra mito e realtà. Der Aufsatz handelt von den Tieren, die - in großer Zahl und Vielfalt - Niccolò Ammanitis Roman Io non ho paura bevölkern. Er listet sämtliche in dem Roman vorkommende Tiere auf und analysiert anhand einer Reihe von Szenen beispielhaft ihre Funktionen: Charakterisierung, Lokalkolorit, Spannung, ihre Rolle in der menschlichen Gesellschaft, ihre Rolle in der Interaktion mit den Menschen. Besondere Beachtung wird den orsetti lavatori gewidmet, den Waschbären, die den Roman als eine Art Leitmotiv durchziehen und die es am Ende dem Protagonisten, dem neunjährigen Michele, ermöglichen, zwischen Mythos und Wirklichkeit zu unterschei‐ den. Niccolò Ammanitis Roman Io non ho paura spielt während eines drückend heißen Sommers im Jahre 1978 in Acqua Traverse, einem gottverlassenen Dorf irgendwo im Süden Italiens. Die Erwachsenen ziehen sich angesichts der Hitze in ihre Häuser zurück, während die Kinder - es muss sich um die Ferienzeit handeln, die Schule wird nur ganz nebenbei erwähnt - sich unter der Führung des dominanten, nicht besonders zart besaiteten, zwölf Jahre alten Teschio die Zeit mit Spielen, Mutproben und Fahrradausflügen vertreiben. Zu dem Freundeskreis gehören Remo Marzano, ein treuer Gefolgsmann von Teschio, DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 1 Ammaniti 2018. Im Folgenden wird durchgehend nach dieser Ausgabe zitiert. 2 Man könnte argumentieren, dass man aus diesen Berichten des Erzählers Michele schließen kann, dass der Charakter Michele am Ende des Romans überlebt. 3 Krieg 2018: 295. 4 Rodenberg 1999: 33. Salvatore Scardaccione, Sohn der einzigen wohlhabenden Familie des Ortes, Barbara Mura, ein gutmütiges, etwas pummeliges, aber auch zähes Mädchen, und vor allem Michele Amitrano, der Erzähler des Romans, und seine kleine Schwester Maria. Das Figurenpanorama wird erweitert durch die Eltern und einige der Geschwister der Kinder, allen voran Felice, den älteren Bruder Teschios, den Schweinebauern Melichetti sowie Sergio, einen Kleinkriminellen, dessen Auftauchen in Acqua Traverse die dramatische Handlung des Romans vorantreibt. Acqua Traverse, „quel posto dimenticato da Dio e dagli uomini“ (52), 1 umfasst vier Häuser und die Villa der Familie Scardaccione. Warum der Ort so heißt, weiß niemand, selbst der alte Tronca nicht. Der Name Acqua Traverse ist, angesichts der Tatsache, dass der Fluss ausgetrocknet ist und das Trinkwasser in Tankwagen herangeschafft wird, nicht ohne Ironie. Die Geschichte wird chronologisch erzählt, mit der Ausnahme von einigen wenigen Vorausblenden, etwa der Schilderung einer gefährlichen Situation, die der erwachsene Michele bei einem Skiurlaub erlebt und der Schilderung der späteren Entwicklung von Acqua Traverse. 2 Die Geschichte wird zwar durchgehend aus der Perspektive des jungen Michele erzählt, nicht aber, wie Judith Krieg in ihrem „Nachwort“ nahezulegen scheint, 3 im kindlichen Duktus. Die Sprache des Erzählers ist zu abstrakt, das Vokabular zu differenziert, die Metaphorik zu ausgefeilt für einen neunjährigen Jungen. Das wird vor allem in solchen narrativen Passagen der Erzählung deutlich, die eine Örtlichkeit oder eine Situation beschreiben: Ero immerso nell’inchiostro. La strada la vedevo appena e quando non la vedevo, me la immaginavo. Ogni tanto il bagliore fiacco della luna riusciva a diffondersi nella trapunta di nuvole che copriva il cielo e allora scorgevo per qualche istante i campi e le sagome nere delle colline ai lati della carreggiata. (257) Ammaniti lässt den Leser Acqua Traverse so erleben, als wäre er persönlich dort anwesend. Alle Sinne werden angesprochen, ganz so, wie es Hemingway vom Schriftsteller fordert: „Was ein Schriftsteller sagen will, muss der Leser sehen, fühlen, riechen, hören können.“ 4 Genau das leistet der Roman. Die Intensität der Schilderung, die Anschaulichkeit, die Freude am Detail machen die Lektüre zu DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 72 Werner Schäfer einem Lesevergnügen. Dazu trägt auch die Vermischung der Gattungen bei. Der Roman ist gleichzeitig Sittengemälde, Entwicklungsroman, Kriminalroman. Lokal- und Zeitkolorit wird der Erzählung vermittelt durch häufige Anspie‐ lungen auf Besonderheiten des Italiens der siebziger Jahre, Namen, Ereignisse, Sachverhalte: Die Zigarettenmarken Milde Sorte, Nazionali und Dunhill, ein Schwarz-Weiß-Fernseher von Grundig, Schlager von Mina, Lucio Battisti, Paolo Conte, eine Giulietta blu (ein Modell der Marke Alfa Romeo), eine Bianchina (ein Automodell der Firma Autobianchi), ein Lupetto Fiat, Juventus Turin und Lanerossi Vicenza, Dino Zoff als Vorbild für Michele, der beim Fußballspielen das Tor hütet, und nicht zuletzt die Spiele der Kinder: das Tischfußballspiel Subbuteo, das Kartenspiel Sputo nell’oceano sowie Ruba bandiera, Un due tre stella und Giocare al mondo als Geländespiele. Auch Red Dragon, der Name von Micheles neuem Fahrrad, gehört hierher. Michele, wissbegierig wie immer, fragt, was das denn bedeute. Sein Vater weiß es nicht und verweist ihn an seine Mutter. Die hält sich den Mund zu und lacht. Die Vorstellung, dass sie Englisch könne, findet sie irrsinnig: „Sei scemo, che so l’inglese io? “ (216). Wie so häufig in der italienischen Gegenwartsliteratur ist der Roman frei von den gängigen Italienklischees. Keine toskanischen Landschaften, kein Verdi, kein Giotto. Keine Spur von Bella Italia. Musik kommt meist aus Lautsprechern, Venedig ist nur präsent als Nippfigur in Form einer Gondel, einem Mitbringsel des Vaters, mit dem die Kinder nichts anfangen können. Zwar ist von Tagliatelle und Pasta asciutta jeweils einmal beiläufig die Rede, aber Micheles Lieblingses‐ sen ist Kartoffelpüree mit Spiegelei, und Filippo wünscht sich nichts mehr als Brot mit Butter und Marmelade. Das Wort Pizza kommt kein einziges Mal vor. Die Sonne scheint nicht schön, sie brennt und sorgt für unerträgliche Hitze. Das Meer ist nichts als ein Sehnsuchtsort. Die Kinder haben es noch nie gesehen. Das Versprechen des Vaters, mit den Kindern eines Tages dorthin zu fahren, wird nie eingelöst. Als die Kinder nach einem Gewitter von einem Hügel aus zum ersten Mal in der Ferne das Meer erblicken, hat es angesichts der angespannten Lage nicht den Reiz, den man sich davon versprochen hat (vgl. 241). Michele ist nicht nur der Erzähler, sondern auch der Protagonist des Buchs, und wenn das Buch als Entwicklungsroman bezeichnet werden kann, dann gilt das in erster Linie für ihn. Die Überwindung seiner kindlichen Ängste vor Monstern, Werwölfen und allen erdenklichen Fantasiegestalten machen ihn zu einem erwachseneren Menschen, ebenso wie seine Versuche, hinter das Geheimnis der Erwachsenen zu kommen und damit Teil von deren Welt zu werden. Nicht zuletzt gilt das auch für seine Annäherung an das rätselhafte und furchteinflößende Wesen im Erdloch und die Entdeckung von dessen Identität. Dieses Wesen, findet er heraus, ist ein gleichaltriger Junge, Filippo, Opfer einer DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 „Gli orsetti lavatori esistono! “: Die Tierwelt in Ammanitis Roman Io non ho paura 73 5 Mein Dank gilt Frau Loredana Pellegrino, die mich auf die Bedeutung der Tiere in dem Roman aufmerksam gemacht hat. 6 Neben den Tieren würden auch das Wetter und die Farben eine eigene Untersuchung verdienen. Entführung. In ihm entdeckt er seinen ‚Bruder‘ (was er eine Zeitlang ganz wörtlich versteht) und letztlich sich selbst. Es ist bezeichnend, dass ihm bei der Suche nach der Wahrheit ausgerechnet ein Comic-Held, Tiger Jack, als Vorbild dient. Immer wieder fragt er sich, wenn er nicht mehr weiter weiß, was Tiger Jack in seiner Situation tun würde. Wirklichkeit und Fiktion stehen in einem ständigen Austausch. Michele ist einfühlsam, hilfsbereit, klug, rücksichtsvoll. Dass wir das als Leser akzeptieren können und nicht als unerträgliche Idealisierung verstehen, liegt wohl daran, dass wir Michele leiden sehen, ständig im Kampf mit der Erwachsenenwelt, mit dem beengenden Leben in Acqua Traverse, mit seinen Illusionen, seinen Monstern, seinen Freunden und sich selbst. Seine Wesensart ist es letztlich auch, die ihm - ungewollt und ungeplant - den Weg zu Filippo, dem gefangenen Jungen in dem Erdloch, bahnt. Nach einem Wettlauf unter den Freunden ist Barbara, durch Mehrheitsentscheidung, als Verliererin dazu verurteilt worden, eine Strafe abzubüßen. Welche Strafe es sein soll, entscheidet Teschio: Sie soll sich vor den anderen entblößen. Die wütende und gleichzeitig verzweifelte Barbara gibt am Ende nach. Unter Tränen öffnet sie die ersten Knöpfe ihrer Kleidung. Im letzten Moment schreitet Michele ein, bekennt, dass er der Verlierer sei und lässt sich an Stelle von Barbara von Teschio eine Strafe zuteilen: Er soll die Ruine erkunden, vor der sie stehen. Dort stößt er, nach einem mutigen und geradezu artistischen Fortschreiten durch zerfallene Räume ohne Böden, auf das Erdloch, in dem sich etwas verbirgt. Das behält er für sich, es bleibt sein Geheimnis, und das leitet den Beginn der dramatischen Geschehnisse ein. Die Geschichte, so spannend sie auch sein mag, wäre nur die Hälfte wert ohne Ammanitis bildstarkes Erzählen. Dazu gehört ein Stilmittel, das bei der flüchtigen Lektüre gar nicht ins Auge fallen mag, aber dessen Bedeutung kaum zu überschätzen ist: die Verwendung von Tieren. 5 Tiere durchziehen den ganzen Roman, vom Anfang bis zum Ende, beinahe von der ersten bis zur letzten Seite, von den zirpenden Grillen bis zu dem Hund, der in der Ferne bellt. 6 Es mag kein Zufall sein, dass die Grillen als erstes ihren Auftritt haben, um dann immer wieder zu erscheinen, denn sie stehen (zusammen mit den Zikaden) metonymisch für die hochsommerliche Atmosphäre. DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 74 Werner Schäfer 7 Die genaue Zahl kann je nach Zählweise variieren: Hier zählen cane/ cagnaccio/ cagno‐ lino als ein Tier, bassotto, ‚Dackel‘, als ein weiteres Tier. 8 Die Tiere sind in der Reihenfolge ihres Auftretens im Roman aufgelistet. Falls Singular und Plural erscheinen, ist die erste aufgelistete Form die, die im Roman früher als die andere auftritt. 9 Borgards 2016: 230-231. 10 Außerdem wird uccello auch im uneigentlichen Sinne gebraucht, nicht als Bezeichnung für das Tier, sondern als umgangssprachliche Bezeichnung für das männliche Glied (vgl. 125, 162, 163), generationenübergreifend gebraucht, sowohl von Sergio als auch von Michele verwendet. Die Verwendung von Tieren ist in dreierlei Weise bemerkenswert, durch ihre Vielzahl, durch ihre Vielfalt und durch die verschiedenen Funktionen, denen sie dienen. Beeindruckend ist schon ihre schiere Menge. Es sind 99 an der Zahl: 7 grilli, bastardino, scrofa, tacchino, rospi/ rospo, maiali/ maiale, gallina/ galline, bas‐ sotto, conigli, gatti/ gatto, cane/ cagnaccio/ cagnolino/ cani, cinghiali, mucca, pecore, mosche, cavalline, coccodrilli/ coccodrillo, pollo/ polli, topi, girini, animale, lupo/ lupi, volpe/ volpi, verme/ vermi, uccelli/ uccello, rinoceronte, trota, pesce/ pesci, piccioni, lucertole/ lucertola, anaconda, gibbone, moscerini/ moscerino, vespe, zanzare/ zanzara, civetta, scarafaggi, cimici, millepiedi, insetti, lepre, gazze, falco, puma, fagiano, oca, mosche/ mosca, formiche, lupo mannaro/ lupi mannari, biscia, insetti pattinatori, pipi‐ strello, cardellini, tafani, barracuda, formichiere, orsetti lavatori, orsi, medusa, ragno, capra/ caprette, agnello, falena, pantera, elefanti/ elefante, sciacalli, marmotta, cavallo, zecche, pulci, vipere/ vipera, bracco, serpenti, quaglia, cavallette, cicale, struzzo, polpo, serpe, libellula, rondini, foche, pappagallo, tarli, passeri, volpi volanti, cucù, leonessa/ leone, colombi, gallo, farfalla, tartarughe, segugio, corvi, ramarri, bufali, gufo, sardine, topo. 8 Schon die Aufzählung vermittelt einen Eindruck von der Vielfalt der Tiere, die in dem Roman vorkommen: Haustiere und Nutztiere, heimische Tiere und exotische Tiere, kleine Tiere und große Tiere, unbekannte Tiere und bekannte Tiere, Insekten, Vögel, Fische, Kriechtiere - alles ist vertreten. Die Tiere in Io non ho paura sind, wie literarische Tiere überhaupt, simultan Bedeutungsträger und Tiere, also Tiere und Zeichen zugleich, „materiell-semiotische Mischwesen“ 9 . Kein Tier in dem Text ist ein Zufall, deshalb lohnt es sich auch, nur am Rande erwähnte Tiere zu interpretieren. Es fällt auf, dass nur sehr wenige generische Termini wie insetti oder animale vertreten sind, zumal animale mehr als einmal auf ein bestimmtes Tier verweist, nicht als generischer Terminus gebraucht wird. 10 Für Michele (und die anderen Kinder) zählt das individuelle, greifbare Tier, nicht die Spezies. DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 „Gli orsetti lavatori esistono! “: Die Tierwelt in Ammanitis Roman Io non ho paura 75 11 Togo, hier Eigenname, ist im Italienischen auch Appellativ, ein dialektales Wort mit der Bedeutung ‚ottimo‘, ‚eccellente‘. Ob diese Bedeutung auch mitgemeint ist, ist schwer zu entscheiden. Drei der Tiere sind namentlich bekannt: Augusto, Melichettis Dackel, den er angeblich seinen Schweinen zum Fraß vorgeworfen hat, Tiberio, sein Wach‐ hund, beide mit volltönenden Kaisernamen der römischen Antike versehen, vor allem aber Togo, eine Promenadenmischung, „un cagnolino buono“ (89), ein Hund, der dem Dorf zugelaufen und von der Gemeinschaft adoptiert worden ist. 11 Die schier unzähligen einheimischen Tiere, die ganz konkret benannt werden, zeigen, dass die Kinder die Natur beachten, dass sie mit ihr vertraut sind, dass sie sie kennen. Es gibt kaum einmal eine Szene, in der Michele nicht auf Anhieb ein Tier identifizieren kann, das er hört oder sieht. In einer nächtlichen Situation glaubt er, am Wegesrand ein Tier zu bemerken, schwarz, schnell, lautlos. Im ersten Augenblick fürchtet er, es könne ein Wolf sein. Dann aber reagiert er ganz rational, setzt seine Kenntnis der Umgebung ein: Nein, es ist vielleicht ein Fuchs oder ein Hund, ein Wolf kann es nicht sein: „Non c’erano lupi dalle nostre parti“ (26). Die Tiere sind Teil des Alltags der Kinder, sie sind Teil ihrer Lebenswelt. Das wirft auch ein Schlaglicht auf unsere Gegenwart, in der Tiere meist nur noch als Schoßtiere vorkommen oder tot auf dem Teller. Dabei ist die Einstellung der Kinder zu den Tieren keineswegs romantischverklärt. Mit der größten Selbstverständlichkeit vertreiben sie sich die Zeit, indem sie Kaulquappen fangen (22). Sie klauen eine Henne, töten sie und spießen sie auf, um sie oben auf dem Hügel zur Schau zu stellen, als Demonstration ihrer „Eroberung“ des Territoriums (vgl. 24-28). Michele sinnt darüber nach, ob das, war er in dem Erdloch gesehen hat, tot sein könnte, obwohl es sich bewegt hat, wie die Hühner, die auch ohne Kopf noch mit den Flügeln schlagen (50). Die Katzen, beobachtet Michele, spielen mit den Eidechsen, die sie gefangen haben, sie verfolgen sie, auch wenn ihre Gedärme aus dem Körper heraustreten und sie keinen Schwanz mehr haben. Sie verfolgen sie in aller Ruhe und vergnügen sich, bis die Eidechse tot ist. Dann berühren sie sie gerade einmal mit der Pfote, so als ob sie ihnen Ekel erregte, und wenn sie sich nicht mehr bewegt, sehen sie sie kurz an und gehen dann weg (vgl. 241-242). Diese Beobachtung ist wohl auch als ein Gleichnis auf die Welt der Menschen, auf die Welt der Erwachsenen zu verstehen, einer Welt, die, wie Michele allmählich erkennt, keine heile Welt ist, sondern eine Welt voller Grausamkeit, für die das Verdikt seines Vaters gilt, das in eben diesem Zusammenhang wieder auftaucht: „Piantala con questi mostri, Michele. I mostri non esistono. Devi avere paura degli uomini, non dei mostri“ DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 76 Werner Schäfer (241). Michele durchläuft den schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens. Das ist alles andere als Kinderbuchseligkeit. Auch das Verhalten der einzelnen Figuren den Tieren gegenüber ist relevant. Es wirft ein Licht auf ihren Charakter. Sergio, der überführte Kriminelle, ergreift im Gespräch mit Michele eine Zeitung, als ein Nachtfalter ins Zimmer geflogen kommt, und zerquetscht ihn mit einem Fluch an der Wand: „‘Ste farfalle di merda“ (219). Ähnlich vertritt er auch in der Entführung und gegenüber seinen Komplizen eine besonders harte Gangart. Teschio verpasst Togo einen Fußtritt und jagt ihn davon, als er an dem Reifen eines Fahrrads knabbert: „Vai via, cagnaccio“ (143). Darin spiegelt sich auch sein Verhalten den anderen Kindern gegenüber. Michele dagegen lässt sich von Togo, der ihm seine Hütte zeigen will, ohne Widerstand mitziehen, als der mit seinen Zähnen seine Hand ergreift. Und Maria erbarmt sich des armen, von Zecken und Flöhen geplagten Hundes und verabreicht ihm ein Schlammbad. Das habe sie, erklärt sie ihrem Bruder, im Fernsehen gesehen, so machten es die Elefanten in Afrika. Michele wendet ein, Togo sei doch kein Elefant, Maria kontert, er sei aber doch schließlich ein Tier. Am Ende machen sie sich daran, die Flöhe und Zecken einzeln aus dem Fell zu ziehen, aber das Werk bleibt unvollendet. Nach ein paar Minuten verlieren sie die Geduld (vgl. 135-137). Sie haben gute Intentionen, aber nicht unbedingt das nötige Durchhaltevermögen. Sie sind eben Kinder, das illustriert diese Szene sehr gut. Remo, Teschios treuer Gefolgsmann, hat schon zehnmal mit Steinen den Bau der Wespen zum Einsturz gebracht. Michele dagegen schaut den Wespen zu, wie sie, „quelle testarde“, ihren Stock immer wieder von neuem aufbauen, voller Bewunderung für ihr Beharrungsvermögen (vgl. 229-230). Er stellt seinem Vater eine Frage, die eines Wissenschaftlers würdig ist: Er will wissen, warum die Wespen den Bau errichten und wer ihnen das beigebracht hat: „Perché quelle vespe facevano l’alveare? Chi gli aveva insegnato a farlo? “ Der Vater, um eine Antwort verlegen, tut das, was Erwachsene eben tun in einer solchen Situation, er gibt eine ausweichende, nichtssagende Antwort und erklärt, sie wüssten es eben, es liege in ihrer Natur. Was Michele, ganz kindlicher Philosoph, dazu veranlasst, sich zu fragen, was denn wohl in seiner Natur liege. Was er könne, ohne dass man es ihm beigebracht hätte. Er kommt nur auf eines: Er weiß, wie er auf den Johannisbrotbaum klettern kann. In großer Dichte erscheinen die Tiere bei Micheles Versuch, in der Dunkelheit der Nacht das neue Versteck Filippos zu finden. Er muss einen regelrechten Hindernisparcours durchlaufen, auf dem ihn Tiere begleiten und ihm im Weg stehen. In der Stille hört er den schrillen Schrei eines Kauzes, „il richiamo stridulo di una civetta“, und das Bellen eines Hundes, „l’abbaio di un cane DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 „Gli orsetti lavatori esistono! “: Die Tierwelt in Ammanitis Roman Io non ho paura 77 lontano“, und er bildet sich ein, am Straßenrand kleine Wesen mit den Ohren von Füchsen zu sehen und die gigantischen Herren der Berge, aber dann bringt ihn der Gestank der Schweine Melichettis wieder in die Wirklichkeit zurück. Ihm stehen vor Angst die Haare zu Berge, und Teschios Behauptung kommt ihm wieder in den Sinn, dass Melichettis Schweine den Dackel gefressen haben. Er nähert sich der Felsspalte, in der Filippo, wie er glaubt, versteckt ist. Von dort kommen die Laute der Grillen an seine Ohren, dann tritt er auf einen glitschigen Gegenstand. Er glaubt, es wäre eine Qualle, aber es ist eine Kröte (vgl. 257-260). Er kommt bis auf hundert Meter an Melichettis Hof heran und sieht im faden Schein einer Lampe die rostige Hollywoodschaukel und einen Teil der abgeschabten Hauswand. Dahinter, in der Dunkelheit, der Pferch der Schweine. Er erinnert sich an einen Ausspruch von Teschios Vater, dem Jäger, dass die Schweine den besten Geruchssinn der Welt haben, noch besser als die Spürhunde. Wie so oft in solchen Situationen überlegt er, was Tiger Jack, sein Comic-Held, tun würde, und wird für einen Moment Herr seiner Angst. Er erinnert sich daran, dass die Indianer sich bei der Büffeljagd mit Dreck einreiben. Diesem Vorbild folgt er. Er reibt sich mit Schweinemist ein. Dann hört er außer den Grillen etwas anderes: Musik. Ein Sänger? Die Musik kommt aus dem Radio. Daneben der schlafende Melichetti, der Bewacher Filippos, mit der Flinte auf dem Schoß. Plötzlich zerreißt Hundegebell die Stille, „i latrati acuti di un cane“. Selbst die Grillen schweigen für einen Moment. „Il cane! “ Michele hat Melichettis Hund vergessen. Dessen rote Augen bewegen sich in der Dunkelheit, er reißt an der Leine, der schnarchende Melichetti wird wach, bewegt den Kopf mit seiner Halskrause wie eine Eule, ruft seinen Hund zur Ordnung: „Tiberio! “ Michele nähert sich den Schweinen und blickt schließlich in die gelben und bösartigen Augen dieser Muskelpakete. Er hofft inständig, dass seine Rüstung aus Mist ihn schützt. Aber die Eingeweide drehen sich ihm herum. Er kämpft sich weiter vor und kommt zu einer Wurzel, die aus der Erde herausragt. Dort sind eine Ziege und drei Zicklein angebunden, die ihn anstarren. In dem Moment spürt er über sich in der Luft einen schwarzen, stillen Schatten. Es ist ein Kauz, „una civetta“, und der greift ihn an. Michele fragt sich, warum. Käuze seien doch gute, friedliche Vögel. Dann geht er den Weg weiter, die Grillen zirpen, der Hund Melichettis hat aufgehört, zu bellen, es herrscht Ruhe, die Steine und die Pflanzen sind von kleinen Punkten erleuchtet: Glühwürmchen, „lucciole“ (260-267). Michele kommt zu einem Spalt in dem Felsen. Aus der Grotte dahinter kommt Blöken. Dort hat man Schafe eingesperrt. Sie stehen wie die Sardinen nebeneinander. Er glaubt, am Ziel zu sein, er hat es geschafft, an Tiberio vorbeizukommen und sich nicht von den Schweinen fressen zu lassen, aber er kann Filippo nicht finden. Er ruft nach ihm, aber nur der Kauz antwortet DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 78 Werner Schäfer ihm. Er ist entmutigt, stellt sich vor, wie die Erwachsenen sich dem Versteck nähern, mit dem Mercedes, unter dessen Rädern Kröten zerquetscht werden (vgl. 269). Er geht ein Stück zurück, in der Morgendämmerung kann er jetzt etwas besser sehen: Da ist der Kauz, „la civetta“. Er sieht seine schwarze Kontur vor dem Mond. Er kommt bei den Zicklein vorbei, und wieder greift der Kauz ihn an. Er betrachtet diesen komischen Kauz, fragt sich, was los sei, ob da wohl eine Maus sein könne. Dann geht ihm ein Licht auf: „Il nido! “ Der Kauz schützt seine Jungen, so machen es die Schwalben doch auch, erinnert er sich. Und diesem Kauz hat man den Zugang zum Nest versperrt. Und wo bauen Käuze ihre Nester? In Felsnischen. Die Felsnische! Er nimmt die Balken weg, die die Felsnische versperren, der Kauz streift ihn, die Spalte im Felsen ist frei, und der Kauz fliegt hinein. Und Michele hat Filippos Versteck entdeckt (vgl. 268-270). Es ist seine Vertrautheit mit den Tieren, sein Wissen um die Brutgewohnheiten der Käuze und deren friedliche Natur, die ihm den Weg weisen. Auf dem Parcours bilden die Laute der Tiere, das Bellen des Hundes, die Schreie des Kauzes, das Zirpen der Grillen die Hintergrundmusik, mal laut, mal leise, mal dramatisch, mal verhalten. Diese ‚Musik‘ bildet, wie in einem Spielfilm, die Atmosphäre ab, die Spannung und die nachlassende Spannung. Nicht alle Tiere sind in realiter in dem Roman präsent - dagegen sprechen ja schon Tiere wie Puma oder Nashorn. Stattdessen kommen sie in Liedern oder Versen vor oder in sprachlichen Vergleichen mit dem Bindewort come: Die Erwachsenen ziehen sich wie Kröten, „come rospi“ (13), in ihre Häuser zurück, Barbara sperrt den Mund auf wie eine Forelle, „come una trota“ (35), Michele kriecht wie eine Eidechse über die maroden Balken der Ruine, „leggero, leggero, come una lucertola“ (43), der Ast des Baumes ist wie eine Anakonda, „grosso e sinuoso come un anaconda“ (44). Michele wird zum Panther, „una pantera“ (122), als er sich ins Wohnzimmer schleicht, um heimlich die Nachrichten zu hören, seine Mutter wird zu einer Löwin, „una leonessa“ (202), als sie sich auf Felice stürzt, um ihren Sohn zu verteidigen. In solchen Passagen begegnen sich Realitätssinn und Fantasie des Erzählers. Die Libelle kommt zweimal vor, aber nicht als lebendiges Tier, sondern einmal in einem Vergleich, einmal in einem Lied. Für Michele sind die bedrohlich über den Köpfen der Kinder fliegenden Hubschrauber eiserne Libellen, „libellule di ferro“ (242), so wie vorher der Mähdrescher eine gigantische Heuschrecke ist, die sich durch das Kornfeld bewegt, „una gigantesca cavalletta di metallo“ (97-98). Durch Referenz auf die vertraute Tierwelt verwandelt sich Michele die fremde Welt der Technik an. Ihr zweites Auftreten hat die Libelle in einem Lied von Lucio Battisti, das Micheles Mutter, gut gelaunt, aus vollem Hals singt (vgl. 165-166). Der Text mit dem Verweis auf die Libelle ist leicht anzüglich, DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 „Gli orsetti lavatori esistono! “: Die Tierwelt in Ammanitis Roman Io non ho paura 79 12 Die Waschbären verdanken ihren Namen einer Beobachtung europäischer Zoologen und Zoowärter, als die Tiere nach Europa kamen. Die Waschbären betasten in Gewäs‐ sern ihre Beute im Wasser, bevor sie sie zu sich nehmen, statt sie direkt mit dem Maul aufzunehmen. Dieses Verhalten behielten sie auch in den Zoos bei, wo sie das Wasser aufwühlten, um nach Nahrung zu tasten. Das führte zu der irrigen Annahme, dass sie besonders reinlich sind und sich ständig waschen (Michler 2022: 26). vielleicht ein Indiz für die sinnlichen Freuden, die die Mutter nach der Rückkehr des Ehemanns von einer langen Dienstreise erfahren hat. Ihre gute Stimmung kommt nicht von ungefähr. Der Kuckuck hat seinen Auftritt in einem Kinderreim, den Felice, voller Ironie, zitiert, als er endlich Michele in dem Erdloch neben Filippo erwischt hat. „Cucù? Cucù? L’aprile non c’è più“ (193). Von dem kindlich-unschuldigen Text des Reims bleibt nichts übrig, als er Michele, nachdem der sich aus dem Loch herausbugsiert hat, windelweich prügelt. Ein exotisches Tier, das in Acqua Traverse nichts zu suchen hat, findet in Vergleichen und Erzählungen der Kinder untereinander Eingang in das Buch, aber auch in einem Rätsel, das Maria ihrem großen Bruder stellt und das der, zu ihrer Freude, nicht lösen kann: Michele soll ein Tier nennen, das mit einer Frucht beginnt, „un animale che comincia con un frutto“. Nachdem Michele ein paar hilflose Versuche gemacht hat, gibt er sich geschlagen. Maria nennt ihm triumphierend die Lösung: „coccodrillo“. Michele schlägt sich an die Stirn. Natürlich: „cocco-drillo“ (83-84). Eine schöne Szene zwischen den Geschwistern, in der einmal ein Rollentausch stattfindet: Maria, die sich sonst alles von ihrem Bruder erklären lassen muss, ist diesmal diejenige, die Bescheid weiß. Von ganz besonderer Bedeutung in dem Roman sind die Waschbären. 12 Sie durchziehen den ganzen Roman wie ein Leitmotiv. Sie stehen sinnbildhaft für Micheles Reifung. Zum ersten Mal überhaupt hört er das Wort aus dem Mund von Filippo, und es ist das erste Wort aus Filippos Mund, das er identifizieren kann: „Gli orsetti … Gli orsetti lavatori“ (106-107). Michele traut seinen Ohren nicht, er kann sich nicht vorstellen, was das bedeuten könnte. Aber immer wieder fängt Filippo von den Waschbären an. Wenn man das Küchenfenster auflasse, dann kämen sie herein und würden Kuchen und Gebäck stehlen. Da Filippo aber auch vom Schutzengel und vom Herrn der Würmer spricht, verweist Michele die Waschbären ins Reich der Fantasie. Das tut er erst recht, nachdem Filippo ihm gesagt hat, er habe von den Waschbären erfahren, dass Michele keine Angst vor dem Herrn der Würmer habe. Kann nicht sein, folgert Michele, Bären sprechen nur in seinen Comic-Heften, nicht in der Wirklichkeit. Also kann es keine Waschbären geben. Seine Vermutung erhärtet sich, als er DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 80 Werner Schäfer seinen Vater nach den Waschbären fragt. Der kennt sie auch nicht. Und will davon auch nichts wissen (vgl. 149). Was außerhalb seiner beschränkten Welt liegt, interessiert ihn nicht. Am Abend soll Michele Maria eine Gutenachtge‐ schichte erzählen. An den Wortlaut der Geschichte kann er sich nicht erinnern und erfindet in seiner Not die Waschbären. Sofort ist Maria hellwach. Die Waschbären kommen in der Geschichte, wie sie sie kennt, nicht vor. Sie will wissen, was das sei. Michele fantasiert. Er erklärt, man könne die Wäsche am Flussufer deponieren, dann würden die Waschbären sie waschen. Maria will wissen, wo es die denn gebe, diese Waschbären, und Michele antwortet: „Al Nord“ (126-129). Der Norden, das ist so weit weg, dass er in den Bereich der Fantasie fällt. Dann gerät Micheles System ins Wanken. Er macht eine überraschende Entdeckung: In einem Schulheft von Filippo, das er heimlich liest, stößt er wieder auf die Waschbären. Filippo spricht davon, wie sein Vater, der oft nach Amerika fährt, ihm erzählt hat, dass es dort Waschbären gebe. Seine Villa hat einen Swimming-Pool und ein Trampolin, und in dem Garten leben Waschbären (164-165). Michele wird unsicher. Bei nächster Gelegenheit vertraut er sich Salvatore an. Der holt eine Enzyklopädie aus dem Bücherregal und zeigt sie Michele. Dort sieht er Bilder von einem Tier, das wie ein Fuchs aussieht, „una specie di volpe“, aber kleinere Beine hat und haariger ist, „più pelosa di una volpe“, mit einer weißen Schnauze und einer Maske um die Augen, die wie die von Zorro aussieht. Sie waschen nicht die Wäsche, sie waschen ihre Nahrung, erklärt Salvatore: „Esistono gli orsetti lavatori“. Michele ist völlig verwirrt. Was er für Fantasie gehalten hat, für die fantastische Faselei eines eingesperrten, verwirrten Jungen, für ein Ammenmärchen, erweist sich als wahr. Und dabei, sagt er sich, habe er diesem Jungen in dem Loch doch immer wieder gesagt, die Waschbären existierten nicht (vgl. 182-183). Er hat einen neuen Ausschnitt der Wirklichkeit für sich entdeckt, die Grenzen seiner Welt gesprengt. Auf der anderen Seite verweist er die Monster, die er immer für wirklich gehalten hat, ins Reich der Fantasie. Er ist gereift, er hat kindliche Vorstellungen überwunden und gelernt, dass es in der Welt mehr gibt, als man ahnt, er hat gelernt, zu zweifeln, an sich und seinem Wissen von der Welt. Das beweist sich später, in der Szene, als Filippo, aus dem Erdloch befreit, aber noch ‚blind‘, von Flughunden spricht, „le volpi volanti“, die er zu hören meint (191). Flughunde? Hunde, die fliegen? Die gibt es doch nur im Märchen, glaubt Michele. Aber dann setzt der Zweifel ein: Die Waschbären, an deren Existenz er nicht geglaubt hat, haben sich auch als existent erwiesen. Dann, folgert er, kann es auch Flughunde geben. Und hat damit recht. Diese Szene weckt die Erinnerung an Hamlets Mahnung an Horatio: „There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 „Gli orsetti lavatori esistono! “: Die Tierwelt in Ammanitis Roman Io non ho paura 81 13 Vgl. Conrad von Heydendorff 2018: 118. of in your philosophy - Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, Horatio, als eure Schulweisheit sich träumen lässt“ (Shakespeare 2014: 67). Das titelgebende Motiv des Romans ist die Angst, la paura. Der Titel selbst, Io non ho paura, hat - das ahnt man schon vor der Lektüre - eine schillernde, nicht eindeutig zu bestimmende Bedeutung. Immer wieder taucht im Laufe des Romans das Stichwort Angst auf, in unterschiedlichen Kontexten, mit unterschiedlichen Bedeutungen: Unbehagen, Schauder, Horror, Grauen, Furcht - mal schwingt das eine, mal das andere stärker mit. Michele hat Angst, Teschio einen Vorschlag abzuschlagen, er fürchtet seine Reaktion (vgl. 143); seine Mutter ist fast vor Angst gestorben, als Michele so lange ausgeblieben ist; Maria hat Angst, unter dem Kopfkissen zu ersticken, das die Mutter ihr aufs Gesicht drückt, damit sie nicht gehört wird (vgl. 248); Sergio meldet Zweifel an Felices wiederholter Beteuerung „Io non ho paura“ an und bezeichnet ihn als Schwuchtel, „recchione“ (250). Bei der literarischen Inszenierung der kindlichen Angst bedient sich Amma‐ niti einschlägiger Elemente und Sujets: Dunkelheit, Heimlichkeit, Verstecke, Stimmen, Fantasiegebilde. 13 Angst bereitet den Kindern auch das vor allem von Teschio verbreitete Gerücht, Melichetti habe seinen Dackel seinen Schweinen zum Fraß vorgeworfen. Als Barbara, sehr zu Teschios Verärgerung, in all ihrer Naivität Melichetti damit konfrontiert, reagiert der erstaunlich gelassen. Ruhig erklärt er, Augusto habe sich an einem Hühnerknochen verschluckt und habe ein christliches Begräbnis erhalten. Er sei ein gut erzogener Hund gewesen (vgl. 21). Und er ermahnt Teschio, keine Lügen zu verbreiten und nicht den Namen anderer zu beschmutzen. Eine rationale Erklärung ist an die Seite der angsteinflößenden Geschichte getreten, aber die hat damit noch nicht ihre Wirkung verloren, wie sich in einer späteren Szene zeigt. Der wohlige Schauer, den die Geschichte auslöst, ist attraktiver als die unspektakuläre Wirklichkeit. Bei Michele - und hier wird der Titel des Romans relevant - ist „Io non ho paura“ zunächst eine Selbstversicherung, in einer Situation, in der er tatsächlich Angst hat. Die gegenteilige Behauptung dient dazu, die Angst in den Griff zu bekommen. Immer wieder überwindet Michele seine Angst; er lässt sich durch seine Angst nicht davon abhalten, das zu tun, was er für nötig hält, und am Ende, als er Filippo aus dem Erdloch befreit, in der gefährlichsten Situation überhaupt, hat er keine Angst mehr. Im Gegenteil, jetzt ist er es, der Filippo Mut macht. Der rührt sich nicht von der Stelle: „Non ce la faccio … Ho paura“. Die Angst lässt ihn verweilen, wo er ist, statt die Flucht anzutreten. Aber so kann er nicht entkommen. Michele beschwört ihn: „No, tu non hai paura. Non hai paura. Non DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 82 Werner Schäfer 14 Die deutsche Übersetzung profitiert von der Gemeinsamkeit der beiden Sprachen bei der Bezeichnung der Waschbären - orsetti lavatori. Andere Sprachen, die das Bild nicht gebrauchen, wie das Englische mit raccoon, erschweren die Übersetzung. c’è niente da avere paura“ (277). Seine Furchtlosigkeit überträgt sich am Ende auf Filippo, der sich einen Ruck gibt und der Gefahr entkommt. Gegen Ende des Romans weitet sich die Angst aus, alle haben Angst, auch die Erwachsenen. Als sich die Situation zuspitzt, greift die Angst um sich und erfasst alle. Die Mutter will ihre Angst verbergen, aber ihre Hände zittern, als sie den Käse schneidet (vgl. 247). Drüben im Wohnzimmer schreien sich die Erwachsenen an. Maria, mit Michele alleingeblieben, fragt, was da los sei, warum die Erwachsenen schreien. Michele, zunächst selbst ratlos, kann sich nur einen Grund vorstellen: Sie haben Angst. Und erklärt es sich und Maria mit einem Tiervergleich. Das sei wie bei den Smaragdeidechsen. Angesichts einer Gefahr blähten die sich auf, sperrten das Maul auf und fingen an zu zischen, um dir Angst einzujagen, weil sie selbst Angst hätten (vgl. 246-247). Das merkwürdige, aber vertraute Verhalten der Tiere macht das merkwürdige, aber fremde Verhalten der Menschen fassbar. Der verschwenderisch reichen Tierwelt Ammanitis - vielfältig in der Art, eindrücklich in der Schilderung, sinnfällig - fügt die deutsche Übersetzung noch ein weiteres Tier hinzu: Aus der Scassona, Micheles altem Fahrrad, wird der „Schrottesel“ (15). Bei Marias Rätsel, mit einem Wortspiel, das im Deutschen nicht funktioniert, wird aus dem „cocco-drillo“ der „Zitronen-falter“ (71). 14 Die Reclam-Ausgabe erleichtert denen die Lektüre, für die Italienisch nicht die Muttersprache ist, durch Erklärungen des Vokabulars, vor allem aber durch präzise Erklärungen der landeskundlichen Anspielungen. Die Verfilmung des Romans durch Gabriele Salvatore, der dem Roman in den Dialogen eine stärkere süditalienisch-dialektale Färbung gibt, vermittelt ebenfalls ein klares Verständnis von der Bedeutung der Tiere in dem Roman. Plötzlich in der Stille auffliegende Vögel jagen dem Zuschauer einen gehörigen Schrecken ein, ebenso wie den Figuren, tierische Stimmen begleiten die Handlung. Ganz besonders zu empfehlen ist das Hörbuch, gelesen in wunderbar klarer Diktion von einem einzigen Sprecher, Michele Riondino, der durch Modulation der Stimme in Geschwindigkeit, Tonhöhe und Lautstärke die Atmosphäre des Romans einfängt, Angst, Freude, Verärgerung ebenso wie die Stille oder die Geräusche in der Natur. Diesem Hörbuch sind viele Hörer zu wünschen, vor allem aber sind dem Buch viele Leser zu wünschen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Tiere in Io non ho paura sowohl durch ihre allgegenwärtige Präsenz als auch durch ihre vielfältigen Funktionen - Schaffung von Lokalkolorit, Charakterisierung, Spannungsent‐ DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 „Gli orsetti lavatori esistono! “: Die Tierwelt in Ammanitis Roman Io non ho paura 83 wicklung, Spiegelbild menschlicher Kultur, Mitspieler in der Interaktion mit den Menschen - in ganz besonderer Weise die Qualität des Romans ausmachen. Bibliographie Primärwerke Ammaniti, Niccolò: Io non ho paura. Torino: Einaudi 2001. Ammaniti, Niccolò: Io non ho paura. Film von Gabriele Salvatores. Roma: Cattleya 2003. Ammaniti, Niccolò: Io non ho paura, Hörbuch, gelesen von Michele Riondino. Roma: Emons 2013. Ammaniti, Niccolò: Io non ho paura. Hrsg. von Judith Krieg. Stuttgart: Reclam 2018. Ammaniti, Niccolò: Io non ho paura. Übers. von Ulrich Hartmann. München: Eisele 2023. Shakespeare, William: Hamlet. Englisch/ Deutsch. Hrsg. und übersetzt von Holger Klein. Stuttgart: Reclam 2014. Forschungsliteratur Borgards, Roland u.a.: „Tiere und Literatur“. In: Roland Borgards (Hrsg.): Tiere. Kultur‐ wissenschaftliches Handbuch. Heidelberg: Metzler 2016, 225-240. Conrad von Heydendorff, Christiane: „Diskontinuierliches Erzählen bei Niccolò Amma‐ niti. Von der Pulp-Literatur zu einem Schreiben unter realistischen Vorzeichen“. In: Christiane Conrad von Heydendorff: Zurück zum Realen. Tendenzen in der italienischen Gegenwartsliteratur. Göttingen: Unipress 2018, 99-192. Krieg, Judith: „Nachwort“. In: Niccolò Ammaniti: Io non ho paura. Stuttgart: Reclam 2018, 287-303. Michler, Berit/ Michler, Frank-Uwe: Entdecke die Waschbären. Münster: Natur und Tiere 2022. Rodenberg, Hans-Peter: Ernest Hemingway. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1999. DOI 10.24053/ Ital-2024-0004 84 Werner Schäfer
