eJournals Italienisch46/91

Italienisch
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Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0005
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Einleitung

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Caroline Lüderssen
Christine Ott
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1 Hessenschau vom 18.10.2024. Interview: Franco Foraci. Dossier - Frankfurter Buchmesse 2024: Italia ospite d’onore Einleitung Caroline Lüderssen/ Christine Ott Das vorliegende Dossier versucht einige der Begegnungen zu dokumentieren, die anlässlich des italienischen Gastlandauftritts bei der Frankfurter Buchmesse 2024 stattgefunden haben. Sie wurden von einem Team aus DozentInnen und Studierenden der Italianistik und insbesondere des ab dem Wintersemester 2024/ 2025 eingeführten neuen Masters Internationale Literaturen und Buch‐ märkte (Goethe-Universität Frankfurt, Philipps-Universität Marburg, Frankfur‐ ter Buchmesse) koordiniert. Entsprechend stammen die meisten der hier ver‐ sammelten Beiträge von Studierenden. Unter dem Motto „Radici nel futuro“ kamen zwischen dem 14. und 20. Oktober 2024 rund 90 AutorInnen aus Italien nach Frankfurt, um ihre Bücher vorzustellen. Die Buchmesse bot trotz aller Polemik im Vorfeld gerade Roberto Saviano (der nicht zur offiziellen Delegation gehörte) und weiteren regimekri‐ tischen Autorinnen und Autoren wie etwa Francesca Melandri eine große Bühne. Die AutorInnen hatten ihrerseits einige Veranstaltungen außerhalb des offiziellen Programms organisiert, z.B. im Rahmen der Bühne des Verbands der ÜbersetzerInnen (VdÜ). Saviano selbst hatte in Frankfurt ein umfangreiches Pro‐ gramm von Begegnungen, darunter auch eine Diskussion gemeinsam mit dem Journalisten Deniz Yücel, mit dem er Erfahrungen von Zensur und Repression des freien Journalismus erörterte. „Es ist unglaublich, dass die Zentralregierung es erreicht hat, über die wichtigen Themen der Zeit hier offiziell nicht zu reden.“ 1 So Saviano in einem Interview im Hessischen Rundfunk, er betonte aber auch, dass sich viele AutorInnen trotzdem auf der Messe kritisch gezeigt DOI 10.24053/ Ital-2024-0005 2 Melara-Dürbeck 2024. 3 Valerio 2024, Campofreda 2024. 4 Desiati 2021 und 2024. 5 Homepage: multi.unipv.it. 6 Auch diese Veranstaltung fand in Zusammenarbeit mit dem Italienischen Kulturinstitut Köln statt. Das Projekt, das dank eines Zuschusses des Ministeriums für Universität und Forschung realisiert werden konnte, ist das Ergebnis der Designarbeit von drei verschiedenen Forschungseinheiten, der Universität Neapel „L’Orientale“, der Universität Tuscia (Viterbo) und der Universität Pavia (in koordinierender Funktion), in Zusammenarbeit mit dem Studio haben. Die Buchmesse hat sich damit tatsächlich als ein Raum der freien Meinungsäußerung und als Plattform für Diskussionen erwiesen. Den Irritationen, für die schon im Vorfeld die Nicht-Einladung prominen‐ ter Autoren wie Saviano geführt hatte, verlieh die Rede des Kultusministers Alessandro Giuli anlässlich der Eröffnung der Buchmesse neue Schärfe. Giuli zitierte rechte Philosophen wie Julius Evola und reagierte auf die provokantprogrammatische Nennung von Saviano und Falcone durch den Hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein sowie die Nennung von Autorinnen und Auto‐ ren durch Kulturstaatsministerin Claudia Roth, indem er mit einem süffisanten Lächeln bemerkte, die Namen von AutorInnen seien ja bereits genannt worden. Zur Eröffnung sprachen aus dem Kreis der AutorInnen Susanna Tamaro, Stefano Zecchi und Carlo Rovelli. Verschiedene Schauplätze boten in Frankfurt auch abseits des offiziellen Kulturprogramms vielen interessanten Begegnungen eine Bühne, etwa in der Evangelischen Akademie am Römerberg, im Frankfurter Kunstverein, in der Romanfabrik, der Buchhandlung Weltenleser sowie der Deutsch-Italienischen Vereinigung e.V. Dort umfasste das Programm Präsentationen mit Laura Melara-Dürbeck über ihre Monografie mit dem Titel Die Gaumenfreuden des jungen Goethe. Die italienische Reise kulinarisch erzählt, 2 sowie in Zusammenarbeit mit dem Italienischen Kulturinstitut Köln mit Chiara Valerio und Olga Campofreda, als Vertreterinnen einer neuen Buchreihe des nonsolo Verlags in Freiburg unter dem Motto „non solo limoni“, 3 moderiert von Mario Desiati, dessen Roman Spatriati  4 den Premio Strega 2023 gewonnen hatte. Ein Interview mit dem Autor, das Anouk Sonntag geführt hat, findet sich in diesem Heft. Giuseppe Antonelli stellte im Gespräch mit Cristina Giordano sein multimediales Projekt „MULTI - Museo multimediale della lingua italiana“ vor: 5 ein virtuelles Museum, das das vielfältige immaterielle Erbe der Geschichte der italienischen Sprache durch eine integrative und interaktive Nutzung seiner Inhalte aufwerten soll, die sich auch an Nicht-Fachleute und Nicht-Italienischsprachige richtet. 6 DOI 10.24053/ Ital-2024-0005 86 Caroline Lüderssen/ Christine Ott Dotdotdot. Seit Mai 2024 ist das Multi unter der Leitung von Giuseppe Antonelli integraler Bestandteil des Universitätsmuseumssystems der Universität Pavia. 7 Scego 2024. 8 Lehn 2019. 9 „Weibliches Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, Homepage des S. Fischer Verlags. 10 Lehn 2024. In einen deutsch-italienischen Dialog kamen an einem weiteren Diskussions‐ abend die Schriftstellerinnen Igiaba Scego und Isabelle Lehn. Igiaba Scego, 1974 in Rom geboren, ist eine der profiliertesten italienischen Autorinnen, die sich mit der Kolonialgeschichte ihres Landes und dem ‚Black Italy‘ von heute beschäftigen. Als Ikone der Transkulturalität gefeiert, sieht sie sich selbst als afro-italienische Autorin. In ihrem neuesten Roman Cassandra a Mogadiscio arbeitet sie ein Stück der eigenen Familiengeschichte auf, die verwoben ist mit der blutigen Geschichte ihres Herkunftslandes Somalia, einstige europäische Kolonie, dann im Würgegriff der Militärdiktatur Siad Barres, vom Bürgerkrieg verwüstet und bis heute von Krieg, Hungersnot und islamistischem Extremismus destabilisiert. Der zur Buchmesse 2024 auf Deutsch erschienene Roman Kassandra in Mogadischu  7 ist ein langer Liebesbrief der Autorin an ihre Nichte Soraya. Er erzählt vom Jirro, dem gebrochenen Herzen der Somalier, das eine Generation der nächsten vererbt, aber auch von der ersten Liebe, von Essstörungen, vom Zusammenhalt zwischen Frauengenerationen und von der Notwendigkeit, das Wissen weiterzugeben: der nächsten Generation, aber auch denen, die Teil eines neuen, offenen Italiens und Europas sein wollen. Isabelle Lehn lebt in Leipzig und wurde 1979 in Bonn geboren. Sie studierte Allgemeine Rhetorik, Ethnologie und Erziehungswissenschaft in Tübingen und Leicester und promovierte in Tübingen zu rhetorischen Persuasionsmechanis‐ men in der Werbung. Ihr Roman Frühlingserwachen  8 ist eine selbstreferentiellselbstironische Auseinandersetzung mit der Situation von Autorinnen in einem männlich dominierten Literaturbetrieb, mit toxischen Beziehungen, unerfülltem Kinderwunsch und Körperlichkeit. „Weibliche Autorschaft [sei] ohne Zweifel von Nachteil für die Bewertung der daraus hervorgehenden Literatur“, schreibt Lehn in ihrem Aufsatz „Weibliches Schreiben in der deutschen Gegenwarts‐ literatur“. Sie beschreibt auch das Paradox, dass weibliches Schreiben als „emotional“ abgewertet wird, andererseits aber ein Buch einer Autorin, das weniger emotional ist, als „verkopft“ bezeichnet wird. 9 In ihrem neuen Roman Die Spielerin  10 geht es um eine Frau, die sich in der Finanzbranche durchsetzt, indem sie von der stummen, unscheinbaren Assistentin zur Managerin aufsteigt. Gerade die permanente Unterschätzung, durch männliche Kollegen sichert der DOI 10.24053/ Ital-2024-0005 Einleitung 87 11 Giurickovic Dato 2017 und 2018. 12 Segre/ Mentana 2015 und 2024. 13 Segre/ Mentana 2024: 75. nur mit „A.“ benannten Protagonistin den Erfolg - zumindest bis zu einem ge‐ wissen Punkt. Denn A.s Unscheinbarkeit macht sie auch für einen international agierenden mafiösen Clan interessant. Als der Plan einer Beteiligung an einem großen deutschen Presseunternehmen scheitert, muss A. jedoch untertauchen. Die beiden Autorinnen präsentierten Auszüge aus ihren jüngsten Publikatio‐ nen und kamen über Themen, die ihren Werken gemeinsam sind, ins Gespräch: die Rolle von Autorinnen im Literaturbetrieb, Mutter-Tochter-Beziehungen, Körperlichkeit, Italienbilder- und -stereotypen. Am Rande einer zweisprachigen Lesung mit Anna Giurickovic Dato wurde das in diesem Heft abgedruckte Interview mit der Autorin geführt. Ihr Roman La figlia femmina  11 behandelt das Thema des Missbrauchs eines Vaters an seiner minderjährigen Tochter. Die Mutter, die im Roman spricht, verwebt Erinnerungen an das scheinbare Familienidyll mit ihrer gegenwärtigen Situation und reflektiert über das derzeitige Zusammenleben mit ihrer Tochter. Der Roman eröffnet die Möglichkeit, die Darstellung des weiblichen Körpers sowie Narrative und Abhängigkeiten in Ehen zu hinterfragen. Im Gespräch mit Anna Giurickovic Dato, die neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch Juristin ist, wurde deutlich, dass es der jungen italienischen Autorin ein besonderes Anliegen ist, über schwierige und traumatische Themen wie Kindesmissbrauch und Essstörungen zu schreiben und diese in ihren Romanen literarisch zu verarbeiten. In Zusammenarbeit mit dem Neofelis Verlag in Berlin wurde schließlich die deutsche Übersetzung der Erinnerungen von Liliana Segre vorgestellt, die sie mit Enrico Mentana mit dem Titel La memoria rende liberi bereits 2015 veröffentlicht hatte. Die deutsche Fassung erschien unter dem Titel Erinnern macht frei. Das unterbrochene Leben eines Mädchens in der Shoah. 12 In ihrem Buch zitiert Segre Primo Levi mit dem Wort der „Verwunderung“ im Hinblick auf das, was er - und was auch sie - erleben mussten: „Denn in einem Kind wie mir gab es neben Kälte, Einsamkeit, Hunger, Melancholie und Traurigkeit immer auch die Verwunderung über das Böse der anderen. Es war ein ständiges Wundern.“ 13 Angesichts der Entwicklungen der letzten Monate, in denen zu erleben ist, wie antisemitische Haltungen und Taten in Deutschland zunehmen, ist dieses Erinnern aktueller und notwendiger denn je. Im Rahmen der Buchmesse diskutierten Eva-Tabea Meineke und Robert Lukenda mit der italienischen Germanistin und Autorin Maddalena Fingerle und der Übersetzerin Sonja Finck über Sprachmischung in der Literatur, Spra‐ chen des Populismus, die Herausforderung des Literaturübersetzens und neue DOI 10.24053/ Ital-2024-0005 88 Caroline Lüderssen/ Christine Ott 14 An dieser Roundtable waren mehrere Institutionen innerhalb und außerhalb Frankfurts beteiligt: der Verband deutschsprachiger ÜbersetzerInnen, das RMU-Italienforum, das Institut franco-allemand, die Villa Vigoni, die Frankfurter Stiftung für deutsch-italienische Studien und der Master Internationale Literaturen und Buchmärkte. 15 Fingerle 2022. 16 Fingerle 2024 und 2025. 17 Doom 2021 und 2024. Tendenzen auf dem italienischen, französischen und deutschen Buchmarkt. 14 Der Fokus des Gesprächs wurde auf Frankreich und den deutschsprachigen Kontext ausgeweitet. Der Roman Lingua madre  15 der aus Südtirol stammenden Autorin Maddalena Fingerle erzählt die Geschichte des in Bozen lebenden Paolo Prescher, der dort vor allem unter der geheuchelten Mehrsprachigkeit seiner Herkunftsregion leidet und auf der Suche nach einer ‚unversehrten‘ Sprache ist. Aspekte der Mehrsprachigkeit spielen auch in Sonja Fincks Übersetzungen eine Rolle. Vor diesem Hintergrund wurde diskutiert, was das Wesen von mehrsprachiger Literatur ist und welches grenzüberschreitende Potenzial ihr innewohnt. Die Diskutierenden waren sich einig, dass Mehrsprachigkeit, gerade zu Zeiten erstarkender Nationalismen, kulturelle Vielfalt signalisieren und sich im transkulturellen Kontext positionieren kann. Der dieses Dossier ergänzende Beitrag von Eva-Tabea Meineke und Robert Lukenda greift die Themen dieser Diskussionsrunde auf. Darüber hinaus erscheint ein Interview mit Maddalena Fingerle, das Melody Schmidt über deren zweiten Roman, Pudore  16 , mit ihr geführt hat. Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit aktuellen Themen des internationalen Buchmarktes: Simon Prahl nimmt in BuchmesseZ. Unter Litfluencer: innen und BookToker: innen das beliebte Genre ‚Dark Romance‘ der New-Adult-Branche in den Blick. Anhand des Erfolgsromans Fabbricante di lacrime von Erin Doom 17 zeigt er, wie BookTok als emotionale Plattform solche Texte ins Zentrum einer neuen, digitalen Lesekultur rückt - jenseits klassischer Kritikräume.-Dabei wird deutlich, wie sehr sich Literaturvermarktung und Lektürepraxis im Zeitalter sozialer Medien verändern. Die Frankfurter Buchmesse reagierte darauf mit einer eigenen Halle für diese Community - farbenfroh, laut und mitten im Trend. Eine Hommage an die Literatur des Gastlandes konnte, auf Einladung des Vereins Kultur & Bahn e.V. und der Deutsch-Italienischen Vereinigung e.V. im Haus des Buches, die italienische Literatur in den Fokus rücken: Martin Maria Schwarz (hr2-kultur) befragte Eva-Tabea Meineke und Christine Ott zur Litera‐ turgeschichte Italiens, zu Dante, Petrarca und Boccaccio, über Manzoni, Svevo und Leopardi bis zu Pirandello, Calvino, Fo, Eco und Tabucchi. Bei den aktuellen Autorinnen und Autoren ging es um Dacia Maraini, Roberto Saviano, Antonio DOI 10.24053/ Ital-2024-0005 Einleitung 89 Scurati, Fabio Stassi und viele mehr. Im vollbesetzten Saal im Haus des Buches gelang es, dass der Funke der Begeisterung für die italienischen Autorinnen und Autoren schon im Vorfeld der Messe auf das Publikum übersprang. Im Rückblick haben die vielen Begegnungen und Gespräche gezeigt, dass genau diese Begeisterung für die Vielfalt und Lebendigkeit der italienischen Gegen‐ wartsliteratur, die in der Tradition der großen Vorbilder neue Themen und Formate präsentiert, ein wichtiges Instrument im Widerstand gegen Populismen und Bildungsfeindlichkeit sein kann. Bibliographie Campofreda, Olga: Anständige Mädchen. Roman. Übersetzt von Verena von Koskull, Freiburg: nonsolo Verlag 2024. Desiati, Mario: Spatriati, Torino: Einaudi 2021. / / Spatriati. Berlin: Wagenbach 2024, übersetzt von Martin Hallmansecker. Doom, Erin: Fabbricante di lacrime. Milano: Salani 2021. / / The Tearsmith. Übersetzt von Barbara Neeb/ Katharina Schmidt/ Christina Neiske. Frankfurt: S. Fischer/ Sauerländer 2024. Fingerle, Maddalena: Lingua madre. Italo Svevo Edizioni 2021. / / Muttersprache. Übersetzt von Maria Elisabeth Brunner. Bozen: Folio Verlag 2022. Fingerle, Maddalena: Pudore. Romanzo. Milano: Bompiani 2024. / / Mit deinen Augen. Roman. Übersetzt von Viktoria von Schirach. München: Luchterhand 2025. Giurickovic Dato, Anna: La figlia femmina, Fazi Editore 2017. / / Das reife Mädchen. Übersetzt von Annette Kopetzki. München: Piper 2018. Lehn, Isabelle: Frühlingserwachen. Roman. Frankfurt: S. Fischer 2019. Lehn, Isabelle: Die Spielerin. Roman. Frankfurt: S. Fischer 2024. Melara-Dürbeck, Laura: Die Gaumenfreuden des jungen Goethe. Die italienische Reise kulinarisch erzählt. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2024. Scego, Igiaba: Cassandra a Mogadiscio. Milano: Bompiani 2023. / / Kassandra in Mogadi‐ schu. Roman. Übersetzt von Verena von Koskull. Frankfurt: S. Fischer 2024. Segre, Liliana/ Mentana, Enrico: La memoria rende liberi. La vita interrotta di una bambina nella Shoah. Milano: Rizzoli 2015. / / Erinnern macht frei. Das unterbrochene Leben eines Mädchens aus der Shoah, aus dem Italienischen von Ulrike Schimming. Berlin: Neofelis Verlag 2024. Valerio, Chiara: Kein Herz, nirgends. Roman. Übersetzt von Christiane Burkhardt, Frei‐ burg: nonsolo Verlag 2024. DOI 10.24053/ Ital-2024-0005 90 Caroline Lüderssen/ Christine Ott