Italienisch
ita
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0008
ita4691/ita4691.pdf1215
2025
4691
Fesenmeier Föcking Krefeld Ott"Sie ist instabil und möchte das auch sein": Im Gespräch mit Maddalena Fingerle
1215
2025
Melody Schmidt
Maddalena Fingerle, geb. 1993 in Bozen, studierte Germanistik und Italianistik in München und promovierte 2022 mit der Arbeit Lascivia mascherata, Allegoria e travestimento in Torquato Tasso e Giovan Battista Marino (Berlin 2022). Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Autorin von zwei Romanen: Lingua madre (2021, deutsch Muttersprache 2022) und Pudore (2024, deutsch Mit deinen Augen). Ihre Romane wurden u.a. mit dem Italo-Calvino-Preis und dem Flaiano-Preis ausgezeichnet.
Der Roman Lingua madre erzählt die Geschichte des in Bozen lebenden Paolo Prescher, der dort vor allem unter der geheuchelten Mehrsprachigkeit seiner Herkunftsregion leidet und auf der Suche nach einer ‚unversehrten‘ Sprache ist. Fingerles Text ist dabei selbst mehrsprachig angelegt.
Der zweite Roman Pudore handelt von der 29-jährigen Tochter einer in München lebenden Familie der italienischen Borghesia. Gaia ist das ‚schwarze Schaf‘ der Familie. Sie hat nicht studiert, wie es in der Familie üblich ist, lebt in einer Mietwohnung und ist nicht verheiratet. Sie sehnt sich nach Emanzipation von ihrer Familie. Nur ihr Bruder und die mütterliche Haushälterin wissen, dass sie lesbisch ist. Im Verlauf des Romans kämpft Gaia mit der Trennung von ihrer Exfreundin Veronica und den innerlichen Prozessen, die dadurch offengelegt werden.
Im Nachgang zu Italiens Gastlandauftritt 2024 gab Maddalena Fingerle Studierenden der Goethe-Universität Frankfurt am 03.02.2025 ein Interview. Wir drucken hier den Teil ab, in dem die Autorin über ihren zweiten Roman Pudore spricht.
ita46910105
„Sie ist instabil und möchte das auch sein“: Im Gespräch mit Maddalena Fingerle Herausgegeben von Melody Schmidt Maddalena Fingerle, geb. 1993 in Bozen, studierte Germanistik und Italianistik in München und promovierte 2022 mit der Arbeit Lascivia mascherata, Allegoria e travestimento in Torquato Tasso e Giovan Battista Marino (Berlin 2022). Sie ist wis‐ senschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Autorin von zwei Romanen: Lingua madre (2021, deutsch Muttersprache 2022) und Pudore (2024, deutsch Mit deinen Augen). Ihre Romane wurden u.a. mit dem Italo-Calvino-Preis und dem Flaiano-Preis ausgezeichnet. Der Roman Lingua madre erzählt die Geschichte des in Bozen lebenden Paolo Prescher, der dort vor allem unter der geheuchelten Mehrsprachigkeit seiner Herkunftsregion leidet und auf der Suche nach einer ‚unversehrten‘ Sprache ist. Fingerles Text ist dabei selbst mehrsprachig angelegt. Der zweite Roman Pudore handelt von der 29-jährigen Tochter einer in München lebenden Familie der italienischen Borghesia. Gaia ist das ‚schwarze Schaf‘ der Familie. Sie hat nicht studiert, wie es in der Familie üblich ist, lebt in einer Mietwohnung und ist nicht verheiratet. Sie sehnt sich nach Emanzipation von ihrer Familie. Nur ihr Bruder und die mütterliche Haushälterin wissen, dass sie lesbisch ist. Im Verlauf des Romans kämpft Gaia mit der Trennung von ihrer Exfreundin Veronica und den innerlichen Prozessen, die dadurch offengelegt werden. Im Nachgang zu Italiens Gastlandauftritt 2024 gab Maddalena Fingerle Studie‐ renden der Goethe-Universität Frankfurt am 03.02.2025 ein Interview. Wir drucken hier den Teil ab, in dem die Autorin über ihren zweiten Roman Pudore spricht. Melody Schmidt Meine erste Frage an Sie ist: Warum lautet der Titel Ihres neuen Romans Pudore? Maddalena Fingerle Im Deutschen würde ich das mit ‚Scham‘ übersetzen, mit dem deutschen Verlag haben wir das diskutiert. Wir haben gesehen, dass das nicht so klar ist. Der DOI 10.24053/ Ital-2024-0008 Verlag hat dann doch einen ganz anderen Titel ausgewählt, und zwar Mit deinen Augen. Über einen Buchtitel kann man auch lange diskutieren. Also unter ‚Mit Deinen Augen‘ würde ich mir jetzt etwas ganz Anderes vorstellen als zum Beispiel unter ‚Scham‘. Ich denke aber auch, dass ich mich als Autorin nicht unbedingt einmischen muss in diese Entscheidungen. Den Titel Pudore habe ich aber tatsächlich selber ausgewählt. Das ist nicht immer so im Verlagswesen, oft werden die Titel auch von LektorInnen oder von anderen Personen ausgewählt. Und bei mir war es eigentlich ein Arbeitstitel. Mir war klar, dass Scham insofern eine Rolle im Roman spielt, als dass Gaia dieses Schamgefühl immer wieder spürt. Sie möchte es nicht spüren und hat das Gefühl, es gehört nicht wirklich zu ihr. Das kommt natürlich von ihrer Familie, in der die Scheinwelt sehr wichtig ist, viel mehr als Gefühle zum Beispiel. Sie wird von der Familie nicht wirklich wahrgenommen als das, was sie ist - oder akzeptiert. Und das ist der Moment, in dem sie auch Schamgefühl spürt. Es gibt zwei Stellen im Roman, wo das Wort vorkommt. Als „pudore“ kommt das einmal bei einer Sitzung mit dem Therapeuten Emilio vor und sie möchte nicht direkt darüber reden. Sie weigert sich und sagt, das Einzige, was sie mit Scham verbinden kann, sei die Unfähigkeit, Dialekte oder Färbungen, Variationen der Sprache nachzumachen. Natürlich ist das aber eine ganz andere Art von Diskurs. Es ist nicht das Gefühl, worauf der Therapeut eigentlich hinaus möchte. Ganz am Ende, im letzten Satz, taucht die Scham noch einmal im Begriff „spudorata“ auf. Da hatte ich das Gefühl, es schließt sich ein Kreis, und fand den Titel passend. Ich wollte dem Roman unbedingt einen Titel aus nur einem Wort geben, das war meine Idee dahinter. Es gäbe ja auch andere mögliche Titel. Melody Schmidt Gibt es denn einen Unterschied zwischen „pudore“ und „vergogna“? Maddalena Fingerle Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, dass das tatsächlich ein bisschen mit der ethisch-moralischen Frage zu tun hat. Ich glaube, Scham ist auch mit Sexualität verbunden. Ohne ins Detail zu gehen: Ich finde es erschreckend, dass es im Deutschen z.B. „Schamlippen“ heißt. Darüber könnte man auch ewig nachdenken: Wieso ist Sexualität mit Schamgefühl verbunden? Dieser Bezug kommt bei Gaia auf jeden Fall von der Familie - der Gedanke, dass man sich nicht so fühlen darf, wie man möchte, auch auf diesem Gebiet. Aber sie benutzt das Wort „vergogna“, weil sie eben das nicht zulassen möchte. Sie möchte nicht das sein, was die Familie für sie entscheidet. Melody Schmidt Muss das Ende des Romans als Suizid interpretiert werden? DOI 10.24053/ Ital-2024-0008 106 Herausgegeben von Melody Schmidt Maddalena Fingerle Für mich ist es extrem spannend, dass auch diese Lektüre möglich ist. Ich hatte es tatsächlich ein bisschen geahnt, dass es so interpretierbar wäre. Deswegen habe ich ein paar Signale gesetzt, durch die klar wird, dass sie weiterleben wird. Für mich stand fest: Sie bringt sich nicht um. Auch deswegen, weil mein erster Roman schon diese Handlung hatte. Ich finde, das hätte zu Gaia auch nicht gepasst. Sie sagt einmal zum Beispiel, dass sie zu eitel wäre, sich selbst umzubringen, weil sie ihre Schönheit intakt lassen möchte. Außerdem macht sie Pläne für die Zukunft. Sie sagt, sie möchte noch ins Kino gehen, die Haushälterin der Familie treffen und in der kommenden Woche noch mit dem Therapeuten sprechen. Deswegen dachte ich, das ist eigentlich schon klar. Aber ich merke - jetzt auch bei den Lesungen - dass ein Zweifel da ist. Ich kämpfe nicht gegen Irritationen, weil ich finde, die Literatur muss auch mit Irritationen und Ambiguität arbeiten. Deswegen finde ich es spannend, dass man das auch so lesen kann. Für mich war ganz klar, es ist eine Befreiung, ja Autonomie. Sie ist jetzt frei von der Familie. Sie fackelt alles ab, was mit der Familie zu tun hat und vielleicht stirbt ein Teil von ihr in dieser Wohnung. Melody Schmidt Im Roman gibt es einige Metaphern oder Bilder. Kann man auch die Exfreundin Veronica so sehen? Ist sie ein Alter Ego der Protagonistin - eine Wunschversion ihrer selbst? Oder ist klar, dass Veronica wirklich existiert? Maddalena Fingerle Sie existiert schon innerhalb der Fiktion. Aber natürlich haben Sie völlig recht. Das ist die Idee, die die Protagonistin von ihr hat. Mir ist auch ganz wichtig, dass die idealisierte Veronica von Gaia nie wirklich die echte Veronica betrifft. Weil Gaia selber auch eine Art dieser Idee von Veronica wird, ist die natürlich auch ein Teil von ihr. Sie idealisiert Veronica so sehr, dass sie dann merkt, dass sie wie sie sein möchte. Und ich glaube, das machen ganz viele Leute. Das kennen wir, wenn wir verliebt sind, dass wir eine Idee haben von einer Person, die vielleicht nicht ganz zu ihr passt. Sie ist nicht wirklich wie eine 30-Jährige, würde ich jetzt behaupten. Durch das schwierige Verhältnis zur Sexualität hat sie das Verliebtsein recht spät kennengelernt. Das heißt, ihre Mechanismen sind ähnlich wie bei 14bis 16-Jährigen. Deswegen fand ich es spannend, dass sie ihre Probleme nicht tiefer analysieren möchte und auch nicht erkennen kann: Was passt bei mir nicht? Was war das Problem in der Beziehung? Es liegt also eine Verschiebung vor, wenn sie sagt: Das Problem waren die Haare. Das ist typisch für sehr junge Leute, die sagen: „Deswegen mögen mich die Leute nicht.“ Das ist ganz klar DOI 10.24053/ Ital-2024-0008 „Sie ist instabil und möchte das auch sein“: Im Gespräch mit Maddalena Fingerle 107 1 https: / / www.stuttgarter-zeitung.de/ inhalt.grossartige-fotokunst-fantastische-welt.db3 9650d-81b1-4c33-8df9-f6028126f081.html [28.10.2025]. nicht der Grund, aber für sie in dem Moment einfacher. Aber gleichzeitig auch schmerzvoll. Melody Schmidt Wer ist die geschminkte Person, die weder Frau noch Mann ist, die Gaia beim Meditieren sieht? Maddalena Fingerle Das Bild, das mich für diese Beschreibung inspiriert hat, ist ein Foto von Erwin Olaf mit dem Titel „Clown mit Brief im Schwimmbad“. 1 Mir ist die Idee gekommen, weil ich einer Ausstellung von Erwin Olaf war. Dort habe ich Figuren gesehen, die ich weiterentwickeln wollte. Tatsächlich habe ich gedacht, die Figur ist Gaia. So funktioniert für mich auch das Schreiben dass man ein Bild hat oder Stimmen und dann arbeitet man daran. Und da hatte ich diese Figur im Kopf. Gaia und Veronica mussten außerdem das Gleiche werden in dem Moment. Also sind die zwei Figuren Gaia und gleichzeitig Veronica. Ein bisschen war da auch der Gedanke der Genderproblematik: Wie identifiziert sie sich? Da Gaia selbst das aber nicht ganz akzeptiert, musste ich darauf nicht tiefer eingehen. Ich hatte aber ehrlich gesagt auch ein bisschen Angst, dass das Buch dann so etikettiert wird: Okay, Gender. Deswegen habe ich es eher unterschwellig gelassen, als eine Art Traum. Aber das ist eher ihr Unbewusstes und nicht wirklich real. Das hat keine wirklichen Konsequenzen. Melody Schmidt Es gibt mehrere Elemente im Roman, die als Übertragung fungieren könnten, zum Beispiel die Nesselsucht, die Gaia entwickelt hat. Ist sie tatsächlich auf Veronica allergisch? Maddalena Fingerle Auf der Realitätsebene: Gaia ist sehr gestresst. Dazu kommt auch das unterschied‐ liche Verhältnis zum Körper, das Veronica und Gaia haben. Gaia empfindet ihre Augen als ekelig - so wie innere Organe. So etwas darf man nicht anfassen. Bei Veronica ist es eher so: Wenn sie könnte, würde sie auch innere Organe anfassen. Sie ist sehr fasziniert vom Körper. Gaia wird dann auch langsam so, weil sie Veronica ähnlicher wird. Diese Entwicklung hat auch eine körperliche Erscheinung und das ist in diesem Fall die Nesselsucht. Ja, Gaia ekelt sich vor sehr vielem. DOI 10.24053/ Ital-2024-0008 108 Herausgegeben von Melody Schmidt Melody Schmidt Gaia sagt gegen Ende, sie habe sich jetzt von Veronica befreit. Würden Sie sagen, sie hat an dem Punkt ihre eigene Identität gefunden? Maddalena Fingerle Ich glaube nicht, dass sie sich wirklich von Veronica befreit hat. Sie möchte es glauben. Oft im Leben ist es doch so also auch außerhalb der Literatur: Wenn man wirklich möchte, dass man sich zum Beispiel befreit und auch so tut, dann glaubt man schnell, man sei schon befreit. So ist es bei Gaia, die überzeugt ist, frei zu sein. Das sieht man auch an der Distanz, als sie nicht mehr mit „du“, sondern mit „sie“ über Veronica redet. Das geht genau in diese Richtung. Sie tut so, als ob sie frei wäre, ist es aber noch nicht. Auch mit dem „Hausabfackeln“: Wenn sie wirklich frei gewesen wäre, hätte sie so etwas nicht gebraucht. Melody Schmidt Als sie diesen instabilen Tisch kauft für das Abbrennen der Wohnung: Dass ihr das Instabile gefällt, könnte für ihren Unabhängigkeitsdrang stehen, oder? Maddalena Fingerle Ja. Und ich glaube, sie identifiziert sich mit diesem Tisch. Was zum Beispiel auch über den Anfang eines Studiums bekannt ist: dass nicht alles perfekt ist. Sie ist instabil und möchte das auch sein. Sie möchte nicht „perfekt“ scheinen wie die anderen in ihrer Familie. Natürlich sind die auch weder perfekt noch stabil. Was heißt Stabilität überhaupt? Sie akzeptiert sich also, wie sie ist. So banal das klingt, es ist dann doch ein großer Schritt. Melody Schmidt Vielen Dank für das interessante Gespräch! Schriften von Maddalena Fingerle Lingua madre. Romanzo. Trieste: Italo Svevo Edizioni 2021 (= Incursioni). Muttersprache. Roman. Aus dem Italienischen von Maria E. Brunner. Bozen: Folio Verlag 2022. L’Adone non è noioso. Trieste: Italo Svevo Edizioni 2023 (= Biblioteca di Letteratura Inutile). Pudore. Romanzo. Milano: Mondadori 2024. Mit deinen Augen. Roman. Aus dem Italienischen von Viktoria von Schirach. München: Luchterhand 2025. Weitere Informationen finden sich auf der Homepage der Autorin: www.maddalena-fingerle.com DOI 10.24053/ Ital-2024-0008 „Sie ist instabil und möchte das auch sein“: Im Gespräch mit Maddalena Fingerle 109
