eJournals Italienisch46/91

Italienisch
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0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0010
ita4691/ita4691.pdf1215
2025
4691 Fesenmeier Föcking Krefeld Ott

Lingue madre. Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen und normierender Grenzziehungen. Beispiele aus Italien und Frankreich

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2025
Eva-Tabea Meineke
Robert Lukenda
Der Artikel untersucht die Aktualität literarischer Mehrsprachigkeit als künstlerisches, soziologisches und politisches Phänomen, das sich gegen zeitgenössische nationale und nationalistische Reinheitsideologien sowie gegen die erneute Politisierung von Sprache und Kultur richtet, die man derzeit vielerorts in Europa beobachten kann. Anhand von Beispielen aus der italienischen und französischen Literatur – insbesondere Maddalena Fingerles Lingua madre (2021), aber auch autosoziobiografischen Werken von Annie Ernaux und Didier Eribon – wird gezeigt, wie durch den Einsatz verschiedener Sprachen, Dialekte und Soziolekte soziale Differenzen und Machtverhältnisse, Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen und die Komplexität individueller und kollektiver Identitäten sichtbar gemacht und kritisch reflektiert werden. Die Übersetzungsproblematik mehrsprachiger Texte wird ebenfalls diskutiert, da Übersetzungen nicht nur sprachliche, sondern auch soziale und politische Dimensionen des Originals bewahren sollen. Dabei zeigen die analysierten Texte, dass literarische Mehrsprachigkeit als „Schutzschild“ gegen Nationalismen und Populismen fungieren kann, indem sie für die Komplexität von Kommunikation und die Notwendigkeit eines reflektierten Sprachgebrauchs sensibilisiert und gleichzeitig auf die Gefahr von Abgrenzungsmechanismen und Verabsolutierungen hinweist, in die eine oberflächliche Identitätsbildung führen kann.
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Lingue madre. Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen und normierender Grenzziehungen. Beispiele aus Italien und Frankreich Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda L’articolo esamina l’attualità del multilinguismo letterario come fenomeno artistico, sociologico e politico che si oppone alle ideologie contemporanee di purezza nazionale e nazionalista, nonché alla rinnovata politicizzazione della lingua e della cultura che si può osservare attualmente in molte parti d’Europa. Sulla base di esempi tratti dalla letteratura italiana e francese - in particolare Lingua madre (2021) di Maddalena Fingerle, ma anche opere autosociobiografiche di Annie Ernaux e Didier Eribon - viene mostrato come, attraverso l’uso di diverse lingue, dialetti e socioletti, le differenze sociali e i rapporti di potere, le relazioni tra gruppi etnici e la complessità delle identità individuali e collettive vengano rese visibili e riflesse criticamente. Si discuterà anche della problematica della traduzione di testi multilingui, poiché le traduzioni devono preservare non solo le dimensioni linguistiche, ma anche quelle sociali e politiche dell’originale. I testi analizzati mostrano che il multilinguismo letterario può fungere da „scudo protettivo“ contro il nazionalismo e il populismo, sensibilizzando alla complessità della comuni‐ cazione e alla necessità di un uso riflessivo del linguaggio e sottolineando al contempo il pericolo dei meccanismi di demarcazione e di assolutizzazione a cui può portare una formazione superficiale dell’identità. Der Artikel untersucht die Aktualität literarischer Mehrsprachigkeit als künstlerisches, soziologisches und politisches Phänomen, das sich gegen zeitgenössische nationale und nationalistische Reinheitsideologien sowie gegen die erneute Politisierung von Sprache und Kultur richtet, die man derzeit vielerorts in Europa beobachten kann. Anhand von Beispielen aus der italienischen und französischen Literatur - insbesondere Maddalena Fingerles Lingua madre (2021), aber auch autosoziobiografischen Werken DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 119 1 Tomizza 2000. Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass für Tomizzas mehrsprachigen Roman Materada (1960) in der italienischen Kritik eigens der Begriff der letteratura di frontiera, der ‚Grenzliteratur‘, geprägt worden war. Vgl. hierzu auch die Thesen zur ,Globa‐ lisierung‘ der italienischen Literatur in der Postmoderne, z.B. in Gestalt Antonio Tabucchis oder auch Umberto Ecos, deren Bücher, Geschichten und Figuren sprachlich, kulturell und geografisch ganz unterschiedliche Horizonte verbinden. Gören/ Bedin/ Dilşad Karail 2016. von Annie Ernaux und Didier Eribon - wird gezeigt, wie durch den Einsatz verschiedener Sprachen, Dialekte und Soziolekte soziale Differenzen und Machtverhältnisse, Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen und die Komplexität individueller und kollektiver Identitäten sichtbar gemacht und kritisch reflektiert werden. Die Übersetzungsproblematik mehrsprachiger Texte wird ebenfalls diskutiert, da Übersetzungen nicht nur sprachliche, son‐ dern auch soziale und politische Dimensionen des Originals bewahren sol‐ len. Dabei zeigen die analysierten Texte, dass literarische Mehrsprachigkeit als „Schutzschild“ gegen Nationalismen und Populismen fungieren kann, indem sie für die Komplexität von Kommunikation und die Notwendigkeit eines reflektierten Sprachgebrauchs sensibilisiert und gleichzeitig auf die Gefahr von Abgrenzungsmechanismen und Verabsolutierungen hinweist, in die eine oberflächliche Identitätsbildung führen kann. 1 Zur Aktualität literarischer Mehrsprachigkeit Ihrem Wesen nach stellt Literatur ein die Nationen übergreifendes Phänomen dar, dem in besonderer Weise ein grenzüberschreitendes und vernetzendes Potential innewohnt. Nicht selten greifen Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf das Instrument der Sprachmischung zurück, um kulturelle Vielfalt zu signalisieren und sich in einem transkulturellen Kontext zu positionieren. Sprachmischung gerät hier nicht nur zu einem kulturellen und politischen Statement, das sich gegen nationale oder nationalistische Verengungen wendet, sondern wird, wie es Fulvio Tomizzas Essay M’identifico con la frontiera zum Ausdruck bringt, zum Ausgangspunkt eines Identitätsmodells, das sich wie selbstverständlich an der Grenze zwischen Kulturen (in diesem Fall der italienischen und südslawischen) bewegt. 1 Wenn sich Mehrsprachigkeit auf der einen Seite nationalen und nationalistischen Reinheits‐ ideologien und Grenzziehungen widersetzt, so ist sie - und dies illustriert das mehrsprachige literarische Œuvre des aus Istrien stammenden Tomizza - auf der anderen jedoch zugleich ein Instrument, das nicht nur das kulturell Verbindende, sondern auch das Trennende in den Fokus rückt. Gemeint sind hier vor allem kulturelle, ethnische und politische Konflikte, die die Geschichte Europas geprägt haben und die in der Form individueller und kollektiver Sprachkonflikte bis in DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 120 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 2 Vgl. zur Aktualität dieses Themas im außerliterarischen Kontext auch die Italianitätsdebatte um den Tennisstar Jannik Sinner, der von Corrado Augias in La Repubblica als „italiano per caso“ bezeichnet wurde, was heftige Reaktionen hervorrief. Augias 2025. 3 Melandri 2010; Balzano 2018; Fingerle 2021. Melandris Eva dorme erhielt u.a. den Premio Internazionale Cesare de Lollis (2010), Balzanos Resto qui erreichte den zweiten Platz bei der Verleihung des Premio Strega 2018 und wurde 2019 mit dem Premio Bagutta ausgezeichnet, Fingerles Lingua Madre erhielt 2020 den Italo-Calvino-Preis. 4 Scego 2003. Der Roman wurde von der Autorin in zwei Sprachen geschrieben und publiziert. Auch ihr aktueller Roman Cassandra a Mogadiscio (Scego 2023), der 2024 bei Fischer in der Übersetzung von Verena von Koskull erschien, bedient sich der Mehrsprachigkeit. Das Phänomen erfreut sich auch in der italienischen Populärkultur großer Beliebtheit. Ein Beispiel hierfür ist die transkulturelle Musik des Sängers Mahmood, der 2019 mit seinem mehrsprachigen (italienisch-arabischen) Song Soldi das Sanremo-Festival gewann. Musikalisch mischt er Elektropop mit arabischen und nordafrikanischen Klängen. Vgl. hierzu Igiaba Scegos Vorwort „Nota della curatrice“, in Scego 2019: 14. 5 Amara Lakhous wurde 2006 für seinen Roman Scontro di civiltà per un ascensore a Piazza Vittorio (Lakhous 2006) mit dem Premio Flaiano ausgezeichnet. die Gegenwart und die Gegenwartsliteratur hineinwirken. Hiervon zeugen z.B. Romane wie Francesca Melandris Eva dorme (2010), Marco Balzanos Resto qui (2018) oder Maddalena Fingerles Lingua madre (2021), in denen die Sprachbeziehungen im Südtiroler Raum verhandelt werden. 2 Diese Romane haben gezeigt, dass man mit mehrsprachigen Texten ein großes internationales Publikum erreichen und auch wichtige Literaturpreise gewinnen kann. 3 Dass Mehrsprachigkeit in den Gegenwartsliteraturen, insbesondere im hier behandelten italienischen bzw. italienischsprachigen Kontext, keine Rander‐ scheinung ist, lässt sich an zahlreichen Beispielen verdeutlichen. Da ist zunächst die Ende des 20. Jahrhunderts populär gewordene Gattung des Regionalromans, die sich vor allem auch mit dem Kriminalroman, dem giallo, mischt. Man denke hier an Andrea Camilleris Romane um den Commissario Montalbano, die sich im Camilleri-Jahr 2025 ungebrochener Beliebtheit erfreuen und selbstverständlich das Sizilianische einschließen. Erwähnen muss man in diesem Zusammenhang auch die postkolonialen, migrantisch geprägten Literaturen, z.B. die Texte Igiaba Scegos, die über das Instrument der Vielsprachigkeit neue Erfahrungswelten in die italienische Literaturlandschaft hineinholen und dabei Stellung zu virulen‐ ten Gesellschaftsfragen - von der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit bis hin zur Verhandlung der spezifischen Identitätsproblematik von Zugewan‐ derten und der Fokussierung des Alltagsrassismus - beziehen. 4 Die italienische Sprache mit mehrsprachigen Kontaminierungen wählen im postkolonialen Kontext zudem Autorinnen und Autoren, die das Idiom der eigenen, früheren Kolonialmacht vermeiden möchten, wie z.B. der Algerier Amara Lakhous 5 oder die US-Amerikanerin indischer Abstammung Jhumpa Lahiri. DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 121 6 Stellvertretend hierfür seien im deutschsprachigen Kontext genannt Schme‐ ling/ Schmitz-Emans 2002; Schmitz-Emans 2004; Dembeck/ Parr 2017 und darüber hinaus: Kellman 2020; Kellman/ Lvovich 2021; Rentel/ Schwerter et al. 2022. 7 Wie die Herausgeber des Handbuchs Literatur und Mehrsprachigkeit schreiben, bietet erstens „die Beschäftigung mit und die Analyse von Mehrsprachigkeit und insbesondere mehrsprachiger Literatur allen, die sich für Fragen der Inter- und Transkulturalität so‐ wie der Migration interessieren, einen wichtigen Zugang zu Phänomenen sprachlicher, kultureller und auch sozialer Differenz. Zweitens kommen mehrsprachige literarische Texte dem neu erstarkten Interesse an der sprachlichen Struktur der literarischen Textualität entgegen. […] Drittens schließlich bietet Mehrsprachigkeit die Möglichkeit, die Einschränkungen der nationalphilologischen Betrachtungsweise zu überwinden.“ Till Dembeck/ Rolf Parr: „Mehrsprachige Literatur. Zur Einleitung“, 9-14, in: Dembeck/ Parr 2017: 9-10. 8 So wurde beispielsweise 2019 anlässlich des hundertjährigen Jubiläums von D’Annunzios Impresa di Fiume, die den Auftakt zu einer Unterdrückung der slawischen Bevölkerung und Sprache durch den italienischen Faschismus markierte, in Triest, also in unmittelbarer Grenznähe zu Slowenien und Kroatien, eine D’Annunzio-Statue enthüllt, die man in Kroatien vielfach als Reaffirmation einer irredentistischen Ideologie verstand. Das gestiegene Interesse an literarischer Mehrsprachigkeit manifestiert sich mittlerweile auch in der literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschung. 6 Als Gründe hierfür werden zum einen die wachsende Aufmerksamkeit genannt, die man sprachlichen und kulturellen Phänomenen der sozialen Diversität und Differenz, gesellschaftlichen Entwicklungen wie Migration und ihren künstleri‐ schen Repräsentations- und Verhandlungsformen entgegenbringt. Zum anderen spielen hier aber auch textuelle Aspekte eine Rolle, z.B. das wieder erwachte Interesse an der linguistischen Beschaffenheit literarischer Texte. 7 Ziel des vorliegenden Beitrags ist, sich der Aktualität literarischer Mehrsprachig‐ keit zuzuwenden. Dabei soll das Thema im Kontext aktueller populistischer und nationalistischer Tendenzen behandelt werden, die (nicht nur) in Europa derzeit Hochkonjunktur haben - Tendenzen, die auch dazu geführt haben, dass histori‐ sche, längst für überwunden geglaubte Kultur- und Sprachkonflikte in Europa wieder an politischer Brisanz hinzugewonnen haben. Man denke hier an den in Teilen der italienischen Gesellschaft salonfähig gewordenen Neo-irredentismo ge‐ genüber jenen mehrsprachigen ,Randgebieten‘, die, wie die istrische Halbinsel oder die Stadt Fiume/ Rijeka, von der politischen Rechten historisch gesehen als ‚Teile Italiens‘ beansprucht wurden. 8 Während Mehrsprachigkeit, so die Beobachtung, historisch in vielen Regionen Italiens und Europas weit verbreitet ist und angesichts gesellschaftlicher Singularisierungstendenzen und der zunehmenden kulturellen und ethnischen Diversifizierung spätmoderner Gesellschaften sozial an Bedeutung gewinnt, gerät sie politisch gesehen wieder stärker unter Druck. Ein Beispiel hierfür ist der von der Meloni-Regierung ausgerufene Kampf gegen Anglizismen im DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 122 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 9 Vgl. Jansen 2013; Lobin/ Pietrini 2022. 10 Vgl. Schönau 2025. öffentlichen italienischen Sprachgebrauch. 9 Die (Re-)Politisierung der Sprache und, damit einhergehend, der Literatur, manifestierte sich auf besonders eindrückliche Weise auch im Rahmen des italienischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse von 2024, zumal hier bedeutende Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die wie Roberto Saviano ein überaus gespanntes Verhältnis zur Meloni-Regierung haben, in der offiziellen italienischen Delegation unerwünscht waren. Andere, wie z.B. Antonio Scurati, der mit seinen erfolgreichen historischen Romanen für faschistische Denk- und Sprachmuster sensibilisiert, entschieden sich für einen Auftritt in Frankfurt außerhalb der offiziellen Delegation. 10 Welche Funktionen ästhetischer, kultureller und vielleicht auch politischer Art kommen der literarischen Mehrsprachigkeit im skizzierten Kontext konkret zu? Ist, plakativ gefragt, der bewusste, jedoch herausfordernde Umgang mit Sprachen, der nicht selten an tiefsitzende historische oder zeitgenössische Konflikte und problematische Beziehungen zwischen Ethnien und sozialen Gruppen rührt, in den Gegenwartsliteraturen womöglich ein ,Schutzschild‘ ge‐ gen erstarkende Nationalismen, gegen ideologische, kulturelle und sprachliche Reinheitsphantasien und das neue Errichten von Grenzen und Fronten, wie sie heute zu beobachten sind? Diese Fragen möchten wir am konkreten Beispiel von Maddalena Fingerles Lingua madre erörtern und dabei die Perspektive auf den französischen Kontext erweitern. Wenn Lingua madre ein Beispiel für die Aktualität einer kulturellen Funktion literarischer Mehrsprachigkeit ist, nämlich (historisch gewachsene) Identitäten, nationale Zugehörigkeiten und offizielle Sprachpolitiken zu verhan‐ deln und in ihren kollektiven wie subjektiven Dimensionen sichtbar zu machen, so steht die international mittlerweile vielbeachtete Gattung der Autosoziobio‐ grafie für eine weitere, vor allem sozialanalytische und soziokulturelle Funktion literarischer Polyphonie, die in spätmodernen, politisch, sozial und kulturell polarisierten Gesellschaften an Bedeutung gewinnt: für den Anspruch, über die Kombination unterschiedlicher Sprachregister regionaler und soziokultureller Provenienz soziale Differenzen, Macht- und Klassenverhältnisse in den Blick zu nehmen und vor allem jene Stimmen und Lebenswelten sichtbar zu machen, die sich sozial und kulturell an den Rand gedrängt fühlen. In Maddalena Fingerles Lingua Madre (2021) und in den im folgenden behan‐ delten Texten französischer Autosoziobiografinnen und -biografen wie Annie Ernaux (La place, 1983) und Didier Eribon (Vie, vieillesse et mort d’une femme du peuple, 2023) ist Mehrsprachigkeit vor allem ein Instrument, um ausgehend von DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 123 11 Dieser Aspekt lässt sich mustergültig an Ernaux’ La place zeigen, das zeitlich aus dem hier behandelten Kontext etwas herausfällt. 12 Zu Formen und Funktionen literarischer Mehrsprachigkeit vgl. grundlegend Dem‐ beck/ Parr 2017; sowie des Weiteren Strutz/ Zima 1996. der Beschreibung konkreter Familienverhältnisse die Komplexität sprachlicher Beziehung innerhalb von Gemeinschaften in den Fokus zu rücken. In einer Zeit aufstrebender Nationalismen und Populismen, die durch die Kommunikations‐ gewohnheiten und Logiken sozialer Netzwerke geschürt werden, sensibilisieren die Autorinnen und Autoren damit nicht nur für einen um sich greifenden unkritischen Sprachgebrauch, sondern betonen zugleich die (psychologische, soziale, kulturelle und politische) Problematik, eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Komplexität des sprachlichen Gefüges innerhalb mehrsprachiger Texte verweist dabei auf eine weitere Schwierigkeit, die wir in den erwähnten Texten schlaglichtartig beleuchten möchten: die übersetzerische Vermittlung solcher Texte, denen selbst ein translatorisches Element eingeschrieben ist. Wie insbesondere das Beispiel der Autosoziobiografie zeigt, hat die Übersetzung mehrsprachiger Texte in den zurückliegenden Jahren mithin einen Wandel durchlaufen, der die soziologischen und ethnografischen Prägungen der Ori‐ ginaltexte und die damit verbundene Mehrsprachigkeit stärker als in der Vergangenheit in den Fokus rückt. 11 2 Vorbemerkung: Formen und Funktionen literarischer Mehrsprachigkeit Wie schon die einleitenden Bemerkungen zeigen, gibt es ganz unterschiedliche Erscheinungsformen literarischer Mehrsprachigkeit: Zum einen sind hier grob mehrsprachig schreibende Autorinnen und Autoren mit jeweils einsprachigen Texten zu nennen (international wird hier gerne der Fall Samuel Beckett ge‐ nannt); zum anderen mehrsprachige Texte, in denen, wie in Melandris Eva dorme und Fingerles Lingua madre, unterschiedliche Sprachen - Italienisch, Deutsch und der Südtiroler Dialekt - verwendet werden. 12 Des Weiteren lassen sich unterschiedliche Funktionen von Mehrsprachigkeit in Texten identifizieren. Diese können stilistischer, klangästhetischer oder folkloristischer Natur sein, wie sie - historisch betrachtet -in den Sprachkollagen der Avantgarden zu finden sind, wo sie poetologisch gesehen nicht selten subversive, komische oder verfremdende Effekte haben. Dem Instrument der Sprachmischung können aber auch mimetische, soziolinguistische und erinnerungskulturelle Motive zugrunde liegen, z.B. wenn, wie in Eva dorme, konkrete (historische oder gegenwärtige) regionale Sprachsituationen modelliert werden, die oft mit einer DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 124 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 13 Wie Andreas Gipper am Beispiel der Romane Carlo Sgorlons gezeigt hat, wurde über die Konfrontation von Hoch- und Regionalsprache eine „Fundamentalproblematik“ themati‐ siert, „welche die italienische Kultur bis in die Gegenwart prägt“: Im Wesentlichen geht es dabei um das schwierige „Verhältnis von Zentrum und Peripherie“ sowie um die damit verbundenen kulturellen und politischen Kräfteverhältnisse. Gipper 2004: 253. 14 Zum Konzept der „latenten“ Mehrsprachigkeit s. Radaelli 2011. Vgl. auch den Begriff „Mehrschriftlichkeit“ als intermediale Form der Mehrsprachigkeit, z.B. wenn es um Kombinationen von Text und Bild oder um den Rückgriff auf andere Alphabete geht. S. Schmitz-Emans 2014. 15 Wenngleich Mehrsprachigkeit also literaturgeschichtlich weit verbreitet ist, so war sie poetologisch gesehen (v.a. was die vermeintlich niederen Sprachregister wie den Dialekt angeht) bis in das 19. Jahrhundert doch weitgehend auf die Gattung der Komödie beschränkt, während die Tragödie das Genre der einsprachigen, hohen Norm war. Interessant ist Knauths Feststellung, dass literarische Mehrsprachigkeit historisch betrachtet nur am Rande in das Konzept der Weltliteratur einbezogen wurde. S. Knauth 2004. Auch wird die literarische Sprachmischung, der per se eine sprachliche und kulturelle translatorische Dynamik eingeschrieben ist, zugleich als für die Übersetzung potenziell hinderlich angesehen, während Weltliteratur ihrem Wesen nach - trotz der weitverbreiteten Ansicht, wonach Poesie letztlich ,unübersetzbar‘ sei - Übersetzbarkeit voraussetzt bzw. stets auf Neue zur Übersetzung herausfordert. Das weitverbreitete Misstrauen gegenüber Mehrsprachigkeit manifestiert sich eindrücklich in der Epoche der Nationenbildung im 19. Jahrhundert, die auf der einen Seite eine Epoche intensiver Übersetzungstätigkeiten, auf der anderen aber auch eine Ära der einsprachigen Norm ist. Man denke beispielsweise an Friedrich Schleiermacher, der das Übersetzen als Instrument zur Entwicklung der nationalen Kultur und Sprache feiert, Mehrsprachigkeit aber als unnatürlich und dieser Entwicklung entgegenstehend ablehnt. Schleiermacher [1813] 1963. politischen Intention gegen eine kulturelle Bevormundung mehrsprachiger regionaler Bevölkerungen durch politische Zentren verbunden sind. 13 Wenn man mit Michail Bachtin Heteroglossie (also Sprachregistervielfalt) und Polyphonie (Stimmen- und Perspektivenvielfalt) als Strukturprinzipien moderner Erzählliteratur ansieht, so distanziert man sich in der Forschung doch zunehmend von der Sichtweise, Mehrsprachigkeit nur als ein zwingend auf der Textoberfläche manifestes Element zu betrachten. Im Gegenteil lässt sie sich als eine „latente“ Realität auffassen, 14 beispielsweise als eine Art in‐ nere Stimmenvielfalt, die beim Übersetzen oder Verfassen von Texten in der Fremdsprache auftritt. So gesehen ist Mehrsprachigkeit literaturgeschichtlich also alles andere als die Abweichung von der Norm, als die sie durch die nationalliterarische ,Brille‘ gesehen zumeist erscheint. 15 Mit dieser Ausdehnung des Mehrsprachigkeitskonzepts, in der explizite und mehr oder weniger implizite Formen literarischer Mehrsprachigkeit zusammen‐ gefasst werden, sind zugleich Definitions- und Eingrenzungsprobleme verbun‐ den. Zunächst stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, was letztlich DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 125 16 Dembeck/ Parr 2017: 10. 17 Dembeck/ Parr 2017: 10. 18 Fingerle 2021: 40. Die Seitenzahlen zu den Zitaten aus Lingua madre sind im Folgenden innerhalb des Texts in Klammern angegeben. überhaupt ein einsprachiger Text ist, „[d]enn Spannungen und Interferenzen zwischen unterschiedlichen Sprachstandards (im Sinne von Polyphonie oder Heteroglossie) finden sich immer und überall“. 16 Um literarische Plurilingualität und ihre Funktionen zu untersuchen, sollte sich die Forschung deshalb auch weniger auf die im engeren Sinne linguistische Perspektive beschränken (mehr‐ sprachig sind Texte, die unterschiedliche Sprachregister wie Standard, Dialekt, Soziolekt etc. oder Sprachen kombinieren), sondern vielmehr „das strukturelle Gefüge von Sprachdifferenzen im Text […] beschreiben, andererseits aber auch deren kulturpolitischen Einsatz.“ 17 Dies soll im Folgenden zunächst am Beispiel von Maddalena Fingerles Lingua madre erfolgen. 3 „Non è poi così tanto vero che non c’è più il fascismo“ 18 - Mehrsprachigkeit als Symbol der Komplexität von Identität und Zugehörigkeit in Maddalena Fingerles Lingua madre [I] movimenti di massa mi mettono ansia. Mi spaventano come le manifestazioni e la gente che urla e le bandiere. Anche le bandiere dei Mondiali mi spaventano, i simboli mi spaventano, la croce, lì, davanti a me, mi spaventa. Mi spaventa il rito, mi spaventano le parole che sto sentendo, mi spaventa la naturalezza con la quale tutti fanno la stessa identica cosa nello stesso identico momento e io li sento uniti e inconsapevoli e come guidati da qualcosa […] mi alzo a metà e un poʼ in ritardo, per non far parte di quella massa che si muove come un’onda regolare, pronta a tutto. (65-66) Im Roman Lingua Madre von Maddalena Fingerle steht die offizielle, kultu‐ rell und politisch verankerte Mehrsprachigkeit in einer überaus komplexen Beziehung zur familiären und subjektiven Mehrstimmigkeit des Protagonisten. Und genau darum geht es auch auf der inhaltlichen Ebene: Lingua madre zeigt anhand der tragischen Geschichte seines Protagonisten, dass eine klare, vollkommen verständliche Sprache nur sehr selten vorliegt und dass Wörter ‚be‐ schmutzt‘ werden können, d.h. im persönlichen Erleben und in der Interaktion mit anderen konnotativ belastet werden, ihren Sinn verlieren und Unverständ‐ nis hervorrufen. Jeder Mensch hat letztlich eine ganz eigene ‚Muttersprache‘, DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 126 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 19 Der Protagonist selbst erklärt, dass die Wahrheit der Wörter an den Buchstaben ablesbar sei, in die man die Wörter zerlegen könne: „Se scomponi le parole e guardi le lettere loro ti dicono la verità. Le lettere, se le guardi, sono sincere e ti dicono i segreti. Madre, per esempio, Emme, a, di, erre, e: MADRE. Emme e erre di a: MERDA. Merda madre merda madre merda madre.“ (39) Es wird deutlich, dass jede Sprache ganz eigene konnotative Bedeutungen hat, im Deutschen ist diese Assoziation so nicht möglich. 20 Interessant ist hier die Assoziation mit der postmodernen Erkenntnis der verlorenen „Unschuld“ der Sprache, die Umberto Eco in seinen Postille a „Il nome della rosa“ (Eco 1989: 508), thematisiert und für die er Bewusstsein einfordert. Er schreibt: „L’idea del Nome della rosa mi venne quasi per caso e mi piacque perché la rosa è una figura simbolica così densa di significati da non averne quasi più nessuno: rosa mistica, e rosa ha vissuto quel che vivono le rose, la guerra delle due rose, una rosa è una rosa è una rosa è una rosa, i rosacroce, grazie delle magnifiche rose, rosa fresca aulentissima. Il lettore ne risultava giustamente depistato, non poteva scegliere una interpretazione; e anche se avesse colto le possibili letture nominaliste del verso finale ci arrivava appunto alla fine, quando già aveva fatto chissà quali altre scelte. Un titolo deve confondere le idee, non irreggimentarle.“ Paolo Prescher bewegt sich zwischen einem hohen Bewusstsein für den Konnotationsreichtum von Sprache, das die Postmoderne forderte, und dem gegenwärtigen, im Zuge des Neuen Realismus auftretenden, klaren und eindeutigen, an der Realität orientierten Sprachgebrauch. Die Postmoderne verstand sich mit ihrer mehrdeutigen Literatur als Schutzschild gegen Totalitarismen, auf deren Erfahrung sie reagierte; die gegenwärtige Abkehr vom postmodernen intellektuellen Spiel und ihrem „anything goes“ läuft Gefahr, Verabsolutierungen zu unterschätzen. die sich fortwährend entwickelt und Teil seiner Identität ist. Lingua Madre zeigt die Schwierigkeit eines reflektierten und sensiblen Umgangs mit Sprache auf sehr vielschichtige, ironische, aber z.T. auch im pirandellianischen Sinne humoristische Weise - ein bitterer und auch tragischer Beigeschmack, der Sprache anhaftet, intensiviert sich bis zum Höhepunkt am Schluss. Die Tragik liegt in der Unmöglichkeit des Protagonisten, einen Kompromiss zu finden: zwischen einer Kommunikation, die sich einerseits sprachlichen und kommu‐ nikativen Standards und Gewohnheiten widersetzt, die aber andererseits - allen Widrigkeiten und Komplexitäten zum Trotz, die in mehrsprachigen Kontexten auftreten - dennoch gelingt. Die Hauptfigur Paolo Prescher, dessen Name als Anagramm „Parole sporche“ („schmutzige Wörter“) lautet, 19 wächst mit einem besonderen Verhältnis zu Wörtern auf, und so ist auch sein erstes Wort nicht „mamma“, sondern „parola“ („Wort“) (11), was von Anfang an zu Spannungen im familiären System führt. Seine Mutter Giuliana Prescher kann mit der außergewöhnlichen sprachlichen Auffassungsgabe und der unangepassten Art ihres Sohnes nichts anfangen, ihr Weinen darüber durchzieht den Roman leitmotivisch, der mit dem Satz beginnt: „È da quando sono nato che mia madre piange.“ (11) Aus Paolos eigener Sicht ist es seine Mutter, die ihm durch ihre konventionelle Lebensweise die Wörter ‚beschmutzt‘, d.h. sie nichtssagend werden lässt: 20 „Piange perché le dico che DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 127 ormai parola non significa più parola perché lei mi ha sporcato la parola.“ (11) Sein Vater Biagio Prescher, so heißt es, leidet an Aphasie oder Stummheit (11). Er kann nicht sprechen und merkt sich die Wörter mit Hilfe von Etiketten, die er an den Gegenständen im häuslichen Bereich der Familie anbringt. Wohl aus dem Gefühl heraus, unverstanden zu sein, begeht er Selbstmord: „Forse è per le parole sporche, perché non ne abbiamo di diverse, no: non ne ho trovate di pulite. […] ci sono delle parole pulite, nella mia testa: Crepai, borghesi, dice papà nella mia testa.“ (62-63) Trotz seiner Sprachlosigkeit ist es ironischerweise sein Vater, mit dem Paolo innerhalb der Familie das beste Verständnis verbindet. Seine Schwester Luisa Prescher antwortet auf alle oberflächlichen, bürgerlichstandardisierten und heuchlerischen Fragen ihrer Mutter (19), es heißt von ihr, dass sie „parla come una rivista femminile“ (30); sie steht somit der Sehnsucht ihres Bruders nach einer reinen, ehrlichen und auch ästhetisch ansprechenden Sprache diametral entgegen. Sie möchte, ebenso wie ihre Mutter, schön sein und vor allem nach außen hin so scheinen, was Paolo wie folgt kommentiert: „non capiscono che la bellezza è un’altra cosa. La bellezza è nella voce, nelle parole che dici e che hai in testa. Più parole sporche hai e dici, più sei brutta.“ (32) Welche Wörter von Paolo als „rein“ („pulite“) bezeichnet werden, ist dabei, wie auch er selbst erkennt, gar nicht so leicht zu identifizieren, sondern hängt ganz von seinem subjektiven Empfinden ab, das sich je nach Situation eher authentisch oder aber von negativen, aus der Erinnerung oder von Vorurteilen gespeisten Konnotationen, sinnlichen Eindrücken und Gefühlen gestaltet. Er weiß zwar, dass er so empfindet, wie er empfindet, aber er kann selbst nicht ganz genau erklären, warum dies so ist, und er weiß auch, dass es für die Menschen um ihn herum unverständlich ist. Er selbst ist für sich das Maß aller Dinge (auch wenn er genau das bei anderen kritisiert, z.B. bei seiner Mutter). La gente non capisce mai che cosa intendo quando dico sporco o pulito. Mi fanno impressione le lentiggini, per esempio. Puzzano di latte. E anche i capelli rossi perché sanno di bruciato. Anche le parole lentiggini e rosso. Però c’è una ragazza che vedo sempre alla fermata dell’autobus che mi dice ciao, lei ha i capelli rossi puliti e le lentiggini pulite. Certo che i capelli rossi sono sporchi e le lentiggini mi fanno schifo, ma su di lei no, cioè: dipende. Nessuno capisce cosa intendo con sporco o pulito e non riesco mai a spiegarlo e mi arrabbio, così non ne parlo proprio più. (15-16) Wörter sind für Paolo sinnlich wahrnehmbar, er kann sie z.B. frühstücken („voglio fare colazione con le parole“, 77), er kann sie, wie die Sommersprossen im vorhergehenden Textauszug, riechen, er kann sie schmecken, trinken und genießen: DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 128 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda Il fatto è che alcune parole tolgono la fame perché riempiono lo stomaco, anche al di là della cadenza e della dizione. Globo, per esempio, è un pasto completo, aiuola è un capriccio come lo zucchero filato e riempie la bocca, e poi ci sono le parole liquide che ti rinfrescano e ti dissetano, come glicine, e quelle che sono come le merende o uno spuntino, e tra queste c’è intonaco che ti impasta la bocca ma è bello come lo fa. (61) Nach dem Tod seines Vaters beschließt Paolo, kein Italienisch und nur noch die anderen Sprachen, die er gelernt hat, zu sprechen, die „weniger schmutzig“ seien: „un poʼ di inglese, un poʼ di greco, un poʼ di latino e un poʼ di tedesco.“ (68) Nach dem Abitur entscheidet er sich dann, nach Berlin zu ziehen. Hier verspricht er sich den Kontakt mit einer ‚reinen‘ deutschen Sprache, die niemand ‚beschmutzen‘ kann: „[U]na cosa la so, è la più importante: parlerò tedesco, solo tedesco, e nessuno mi potrà sporcare le parole.“ (73) Der Punkt ist, dass Paolos Suche nach der ‚reinen Sprache‘ und einer komplexen identitären Verortung Gefahr läuft, in ihr Gegenteil umzuschlagen: eine kompromisslose, an den Faschismus erinnernde, starre und ausgrenzende Reinheit. Der schmale Grat wird in Lingua Madre anhand von zahlreichen Beispielen auf faszinierende Weise immer wieder aufgezeigt. Paolo möchte einzigartig und unangepasst sein, und gleichzeitig fällt auch er selbst immer wieder auf Konventionen herein, ist in sich selbst widersprüchlich. So hält er sich in bestimmten Situationen an eine sozial vorgegebene Kleiderordnung, z.B. bemerkt er auf der Trauerfeier für seinen Vater „una ragazza che indossa un paio di occhiali da sole e un abito nero più da sera che da funerale, un tacco forse un poʼ troppo alto e poco adatto alla situazione.“ (65), und vor seinem ersten Treffen in Berlin mit einer Mailänderin, die er in der Bibliothek kennenlernt und die ihn aufgrund ihrer Originalität und Unangepasstheit auch sprachlich begeistert, Mira di Pienaglossa (Anagramm von „Sapone di Marsiglia“, das auf die ‚Reinheit‘ und vollkommene Verständigung hindeutet), befragt er das Internet (93). In der deutschen Sprache schätzt Paolo vor allem die besonderen, nicht ins Italienische übersetzbaren, und deshalb aus seiner Sicht ‚reinen‘ Wörter wie z.B. „Katzenwäsche“: „faccio quella che i tedeschi chiamano Katzenwäsche“ (77). Er merkt aber schnell, dass er sogar die Wörter „Fremdschämen“ und „Schadenfreude“ in relativ kurzer Zeit durch seine eigenen Erinnerungen an seine Familie ‚beschmutzt‘: Fremdschämen è una parola che non c’è in italiano, ma con cui riesco a capire tanto di quello che provo per mia madre: significa vergognarsi per qualcun altro. E poi c’è anche la Schadenfreude, che mi fa pensare a mia sorella, che è felice quando agli altri succedono cose brutte. In italiano si traduce con stronza. La mia parola preferita, al momento ancora pulita, è Sollbruchstelle. (88) DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 129 21 Im Denken Preschers lassen sich durchaus historische Bezüge zur Sprachphilosophie der Aufklärung und des Sensualismus, so z.B. bei Condillac, erkennen, die von der Un‐ trennbarkeit des Denkens und der Sprache ausgehen und den Sprachgebrauch gemäß dem Prinzip der clarté zum kritischen Gegenstand machen: Die Reinigung des Denkens vollzieht sich hier über die Reinigung der Sprache(n), die in der Gesellschaft, im Alltag, in den Wissenschaften und in der Politik dominieren. Vgl. Cherubim/ Walsdorf 2004: 18. Tatsache ist, dass Wörter für Paolo Prescher dann „rein“ sind, wenn sie das ausdrücken, was sie ausdrücken sollen, 21 woraus folgt, dass Schimpfwörter nicht unbedingt als ‚schmutzig‘ zu betrachten seien (41). Daher äußert er sich mit einer teilweise sehr merkwürdig wirkenden Direktheit: „Le parole sono tendenzialmente pulite se dicono quello che devono dire senza fare la doppia faccia, come negro e tedesco.“ (41) Die Komplexität von Sprache und ihre individuelle und auch kollektive Belastung treten zum Vorschein, und damit jongliert die Narration. Die Sprache, die Fingerle ihrem Ich-Erzähler in den Mund legt, provoziert, indem sie benennt, was tabuisiert wird, und gleichzeitig zeigt sie auch die Gefahr von Diskriminierungen auf, die gerade damit einhergeht: Der Doppel- und Mehrdeutigkeit kann man eigentlich nicht entgehen. Kritisiert wird dabei auf der einen Seite die als oberflächlich und heuchlerisch eingeordnete Political Correctness seiner Heimatstadt Bozen, in der die (sprachliche) Identitätsfindung und die Frage der Zugehörigkeit beson‐ ders kompliziert sind, und auf der anderen Seite die ‚faschistisch‘ anmutenden Tendenzen der Identitätssicherung, die die als unsicher eingestufte sprachlichkulturelle Situation bedingt. In Bozen gebe man vor, mehrsprachig zu sein, auch wenn das so nicht stimme, weil eigentlich die Angst vor der „Mischkultur“ vorherrsche: […] ai bolzanini interessano solo le radici e il territorio e le beghe sui monumenti e sui nomi delle strade e hanno paura della Mischkultur e hanno paura di perdere radici, identità, cultura […] e dicono che siamo tutti bilingui, trilingui, quadrilingui, anche se non è vero niente. Dovremmo esserlo, ma sappiamo tre paroline che sputiamo all’esame del bilinguismo che attesta che siamo bilingui perché sappiamo tre parole striminzite. (58) Paolos persönliche Sprachkrise, die zunächst im Umfeld seiner Familie entsteht, wird also durch den mehrsprachigen Kontext in seiner Heimatstadt verstärkt, auf den erst eingegangen wird, nachdem zunächst zu Beginn des Romans die Familienverhältnisse und das dort vorherrschende Unverständnis geklärt sind. Dieses ist auf Polyphonie zurückzuführen, die jedes Familienmitglied (und generell jeder Mensch) in sich trägt und die Paolo bei sich selbst bemerkt. So DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 130 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 22 Mit den Kartoffeln wird hier ein typisches Stereotyp für Deutsche aufgerufen. möchte er z.B. einmal „nein“ antworten, und antwortet dann doch nach außen mit „ja“, „mi scappa però un: Sì“ (50), was schwerwiegende Folgen für seinen Freund hat. Als er entscheidet, nur noch Deutsch zu sprechen, merkt er, dass er eine innere Stimme hat, die Italienisch spricht und die nicht immer mit der Stimme, die er nach außen hin äußert, identisch ist. Er erkennt auch, dass die eigene Polyphonie bereits vorhanden war, als er nur Italienisch gesprochen hat: Spesso in testa dico una cosa in italiano, e in tedesco o me ne viene un’altra simile o a volte completamente diversa: è come se ci fossero due persone, una italiana che parla dentro e una tedesca che parla fuori. E forse un poʼ era così anche quando parlavo solo italiano, perché comunque una parlava dentro e una palava fuori e non sempre dicevano la stessa cosa. (71) Die bereits in der Familie erfahrene Abwesenheit von gelingender Kommuni‐ kation erhält in Bozen durch die historisch bedingte Mehrsprachigkeit von Italienisch, Deutsch und Ladinisch noch eine weitere Dimension. Paolo zufolge wirke sich diese Mehrsprachigkeit auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit aus, die in Bozen anders sei, als z.B. in Florenz (wo die italienische Standard‐ sprache lokalisiert wird), und wo es keine doppelte Namensgebung gibt, die wiederum neue Konnotationen erlaubt (vgl. auch Catinaccio/ Rosengarten und Talvera/ Talfer). A Bolzano tutto ha due nomi, a volte anche tre: uno in tedesco, uno in italiano e a volte, quando si deve, se proprio si deve, anche in ladino. Questo è un problema perché le parole hanno un potere metamorfico sulle cose. Non puoi pensare che una strada a Firenze sia la stessa cosa di una strada a Bolzano che non è solo una strada, ma anche una Straße. (43) Das Deutsche wird in Lingua Madre langsam und zunächst subtil eingeführt, um sich dann im Verlauf des Romans immer stärker ‚einzumischen‘. Gleich zu Beginn klingt schon der Nachname des Protagonisten alles andere als typisch italienisch; dann scheint das Deutsche durch, als Paolos Schulfreund Jan Einstatt Italienisch spricht und ein falsches Pronomen einbaut: „Prescher, lo conosci Marco? […] È bilingue come io [! ]“ (39). Das nächste Wort „Katakombenschulen“ (39) ruft die komplexe Sprachgeschichte Südtirols anhand von Jans Familienge‐ schichte auf: „Mi racconta che suo nonno andava nelle Katakombenschulen e nascondeva i libri tedeschi nel cestino della bicicletta, sotto le patate 22 .“ (39) Jan geht als „tedesco“ bzw. als „altoatesino di madrelingua tedesca, anzi no: sudtiro‐ lese di madrelingua tedesca“ (40), wie Giuliana Prescher Paolo harsch korrigiert, DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 131 23 Hannah Arendt betont mit Blick auf avantgardistische Kunst den nur sehr schmalen Grat, der die „Entlarvung bürgerlicher Heuchelei“ und der „verheuchelten Höflichkeit […] der guten Gesellschaft“ von totalitären Bewegungen trennt und macht auf die Gefahr des „alten Spiels épater le bourgeois“ aufmerksam. Arendt 2025; 775-776. der auf seiner Bezeichnung „tedesco“ beharrt, auf die italienische Schule, die sich allerdings „nella parte tedesca della città“ (39) befinde. Er unterläuft die identitären und sprachlichen Grenzen und behauptet stolz, zweisprachig zu sein, entwickelt sogar eine europäische Identität (39). In Wirklichkeit spricht Jan kein Hochdeutsch, sondern den Südtiroler Dialekt, „thialetto“ (45), wozu sich Paolo Prescher, dem Jan eigentlich sehr sympathisch ist, ablehnend äußert: „A me il dialetto sudtirolese fa schifo perché non ci capisco niente quando parlano i tedeschi di Bolzano. A me fa schifo anche come parlano gli italiani, qui a Bolzano, perché non si capisce niente uguale.“ (42) Auf der einen Seite greift Paolo hier also auf Vorurteile zurück, die seine Heimatstadt kennzeichnen, auf der anderen wird auf geschickte Weise die Dichotomie von Südtiroler Dialekt und Italienisch durch ein generelles Unverständnis aufgehoben. Der Roman zeigt auf, dass die Entscheidung, was ‚reine‘, also ehrliche, authentische Sprache ist, auf zwischenmenschliche Aushandlung angewiesen ist und von Fall zu Fall getroffen wird. Es gibt keine feste Regel und somit auch keine Sicherheit, stattdessen sind individueller Ausdruck und Freiheit möglich, doch es bedarf der Kompromissbereitschaft, um Verständigung zu ermöglichen. Für den sensiblen Paolo Prescher beinhaltet Sprache die ganze Bandbreite der Erfahrung: vom größten Genuss der Reinheit und Schönheit, - die er u.a. auch durch die Aussprache einübt (42) -, bis hin zu Schmutz, Ekel, Abscheu, die ihn am Leben leiden lassen und ihn zuletzt zusammen mit seiner Tochter in den Tod treiben. Nur so meint er am Schluss die ersehnte „Reinigung“ von der Anpassung an die sich v.a. sprachlich manifestierende Heuchelei 23 des Bozener Bürgertums finden zu können, nachdem auch seine Beziehung zu Mira di Pienaglossa, von Unverständnis bedroht scheint, als die beiden zurück nach Bozen ziehen. Mira macht Paolo nämlich darauf aufmerksam, dass er von seinem verabsolutierten, harten Urteil ablassen soll (175), was den paradoxen Charakter seiner Haltung auf den Punkt bringt. Paolos Wahnsinn bricht aus, als er bemerkt, dass nun auch ihm ein bürgerliches Leben droht und er gezwungen sein wird, sich anzupassen. Der Konflikt äußert sich bei Paolo sprachlich, er versucht, mit Wasser, Seife und Waschritualen die Reinigung zu erzwingen, für seine Tochter und für sich selbst, aber er scheitert. Literarisch entstehen allerdings ästhetisch und klanglich äußerst ansprechende Passagen, die an avantgardistische Lyrik erinnern, die ganze Dramatik der Mehrsprachigkeit und die Sehnsucht nach Reinheit der Wörter verdichten und ihn letztendlich in den acte gratuit treiben: DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 132 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 24 Vgl. hierzu Spoerhase 2017. Mi insapono trenta volte e strofino strofino strofino trenta volte con la spugna e il sapone e i polpastrelli. Unflat. Non riesco a toglierla, questa patina di sporcizi. Lo sporco è incollato a me, alla mia pelle, Haut, al mio corpo, Körper, e non riesco a lavare nemmeno le parole, nicht mal die Wörter, anche se le continuo a dire, sagen, sotto l’acqua, Wasser, per lavarle, waschen: borsa borsa borsa borsa borsa borsa borsa borsa borsa. Tasche Tasche Tasche Tasche Tasche Tasche Tasche Tasche Tasche. […] Mia madre scoppia a piangere e io penso che sarò padre. La devo salvare. Subito, immediatamente, adesso. Die blöde Kuh heult rum. Mi sento lo sporco addosso, la pelle tira. Mia madre strilla che c’è gente che può aiutarmi. Prega. Die blöde Kuh heult rum. Mi prende per un braccio, mi fa male, strattono, io voglio solo salvare mia figlia. Fass mich nicht an, du blöde Kuh! Lo sporco pizzica e prude e brucia. (176-177) Selbst Paolo, der die ‚Heimat‘ belächelt - „Ma infatti no, la Heimat in realtà non mi serve perché mi sembra una cosa da matti“ (44) - ist der Heimat bedürftig, vor allem wenn Heimat dort ist, wo man verstanden wird und sich nicht allein fühlt (87), unabhängig von Polyphonie, Sprachgrenzen und Sprachgruppenzugehörigkeiten. Das in Lingua madre thematisierte komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Mutterbzw. Herkunftssprache und individueller Identitätsfindung, die als ein Abnabelungsprozess von den Sprachverhältnissen des Herkunftsmilieus dargestellt wird, prägt zugleich ein ganzes literarisches Genre, auf das wir im Folgenden, nach Frankreich wechselnd, schlaglichtartig eingehen möchten. 4 Autosoziobiografie als mehrsprachiges Genre bei Eribon und Ernaux: soziologische, erinnerungskulturelle und politische Bezüge Als ein narratives Genre im Überschneidungsfeld soziologischer Analyse und literarischer Autofiktion befasst sich die Autosoziobiografie mit der Darstellung von Klassengegensätzen und sozialen Auswahlmechanismen. 24 Inspiriert von Pierre Bourdieus Gesellschaftstheorie legen die Texte von Autorinnen und Autoren wie Ernaux, Eribon und Louis den Fokus auf soziale und psychische Phänomene, die sowohl in den Sozialwissenschaften als auch in der literarischen Tradition lange Zeit kaum Berücksichtigung fanden. Gemeint sind vor allem die (in der soziologischen Tradition vielfach kritisch beäugte) subjektive Eindrücke und gelebte Klassenerfahrungen wie soziale Scham und der von Bourdieu identifizierte ,gespaltene Habitus‘ zwischen (proletarischem) Herkunfts- und (bürgerlichem) Zielmilieu, die sich in einer sozial kontextualisierten Art und DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 133 25 Vgl. hierzu Bourdieu 2017; Bourdieu 1970. 26 Dieses ‚Ablegen‘ folgt der in Frankreich lange Zeit betriebenen offiziellen Sprachpoli‐ tik: Obwohl von einer großen regionalsprachlichen Vielfalt geprägt, betrachtet sich Frankreich Antoine Berman zufolge als einsprachiges Land. S. Berman 1984: 18. 27 Zu diesen Begriffen Jaquet 2014. 28 Ernaux 2003: 34‐35. Weise in der erzählerischen Form der Autosoziobiografie manifestieren. In der Tradition Bourdieus, der sich immer wieder mit sprachlichen Mechanismen sozialer Distinktion und Konstruktion sozialer Ungleichheiten befasste und dabei auch Institutionen sprachlicher Bildung und Sozialisierung wie die staat‐ liche Schule als soziale Selektionsmaschinen enttarnte, 25 artikuliert sich auch in den autosoziobiografischen Texten die Einsicht, dass Fragen der sozialen Zugehörigkeit und der sozialen Mobilität immer auch Sprachfragen sind. Wie die Texte von Ernaux, Eribon oder Louis verdeutlichen, ist der soziale Aufstieg und Bildungsweg für Individuen aus den unteren Schichten fast zwangsläufig mit dem ,Verlernen‘ bzw. ‚Ablegen‘ der Sprache des proletarisch-ländlichen Herkunftsmilieus verbunden. 26 Die Präsenz von im linguistischen Sinne mehr‐ sprachigen Elementen mag in vielen autosoziobiografischen Texten überschau‐ bar sein. Dennoch muss man die Autosoziobiografie, wie im Folgenden zu sehen sein wird, unbedingt als wichtige zeitgenössische Reflexionsform sozial und kulturell bedingter Mehrsprachigkeit betrachten. Die mit dem sozialen Werdegang sogenannter transfuges de classe bzw. transclasses  27 verbundenen Identitätskonflikte werden in den Autosoziobiografien vielfach sprachästhe‐ tisch ins Bild gerückt. So illustriert die Präsenz unterschiedlicher Sprachregister in Ernaux’ Texten - auf der einen Seite das Standardfranzösische, die „langue de l’ennemi“, 28 die sich Ernaux im Laufe ihres sozialen Aufstiegs angeeignet hat, auf der anderen der Argot ihres familiären Umfelds - die soziale und kulturelle Distanz der Autorin zu ihrer Herkunft. Die Ängste und Konflikte, die aus dem sprachlichen und sozialen Abnabelungsprozess vom Herkunftsmilieu (und der damit einhergehenden, internalisierten Abwertung der Sprache dieses Milieus) resultieren, werden von der Ich-Erzählerin beispielsweise in La place thematisiert: Enfant, quand je m’efforçais de m’exprimer dans un langage châtié, j’avais l’impres‐ sion de me jeter dans le vide. Une de mes frayeurs imaginaires, avoir un père instituteur qui m’aurait obligé à bien parler sans arrêt, en détachant les mots. On parlait avec toute la bouche. Puisque la maîtresse me „reprenait“, plus tard j’ai voulu reprendre mon père, lui annoncer que „se parterrer“ ou „quart moins d’onze heures“ n’existait pas. Il est entré dans une violente colère. Une autre fois: „Comment voulez-vous que je ne me fasse pas reprendre, si vous parlez mal tout le temps! “ Je pleurais. Il était DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 134 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 29 Ernaux 1983: 64. 30 Ernaux, zit. nach Charpentier 2022. 31 Eribon [2009] 2018: 128. malheureux. Tout ce qui touche au langage est dans mon souvenir motif de rancœur et de chicanes douloureuses, bien plus que l’argent. 29 In der Verbindung zweier sprachlicher und kultureller Sphären - die Verschmel‐ zung von Standardbzw. Schulfranzösisch und klassischer Syntax auf der einen und der „langue commune du monde populaire“, in der Meinungen und Weltsichten der classes populaires zum Ausdruck kommen, auf der anderen Seite - manifestiert sich zugleich Ernaux’ Bestreben, eine (neue) emotionale Verbin‐ dung zum „monde populaire“ zu knüpfen, um sich selbst und das Lesepublikum in ihr Herkunftsmilieu ,eintauchen‘ zu lassen: Le matériel qui m’a beaucoup servi pour écrire La Place, ce sont justement les phrases de mes parents dont je me souvenais, la langue commune du monde populaire, que j’avais partagée avec eux. […] J’emploie les mots qui sont les leurs! Je me resitue dans cette langue-là, dans cette violence-là… Je me sers des ressources syntaxiques classiques, mais afin de m’immerger moi et le lecteur dans la réalité des rapports sociaux dont j’ai eu l’expérience dans mon premier monde, dans la vision et les limites du monde de mon père, j’utilise ce vocabulaire pour dire leur monde. 30 Die (freilich literarisch geformte und genormte) Sprache dieses monde populaire und die Präsenz von Wörtern aus der Kindheit haben hier eine erinnerungskul‐ turelle und ethnografische Funktion. Sie fungieren als Archiv einer Lebenswelt der classe ouvrière, die, wie Eribon in Retour à Reims schreibt, seit den 1980er Jahren zunehmend aus dem Fokus von Politik und Kultur verschwand 31 und die im Zuge des sozialen Milieuwechsels von den transclasses, wie angedeutet, auch sprachlich hinter sich gelassen wird. Diese mit persönlichen Affekten verknüpfte Archivfunktion wird von Eribon im Buch über seine Mutter Vie, vieillesse et mort d’une femme du peuple explizit betont: Je n’aurai plus l’occasion d’entendre les expressions qui revenaient souvent dans la bouche de ma mère, ses intonations, sa manière de parler (fort), son accent ses régionalismes. J’avais eu à cœur de bannir cet accent, ces locutions, afin de devenir quelqu’un d’autre, quelqu’un qui n’aurait rien conservé de ses origines sociales et de son infériorité culturelle et linguistique de départ. Changer de classe, changer de milieu social impose de réapprendre à parler. Et de bannir la manière dont on parlait auparavant. DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 135 32 Eribon 2023: 199-200. 33 Eribon 2023: 203-204. 34 Spoerhase spricht von „Experten für die aktuelle politische Situation“ und „Überset‐ zer[n] des Sozialen“, die einem zumeist bürgerlichen Lesepublikum Einblicke in einen „fremden Teil der Gesellschaft“ offerieren. Spoerhase 2017. C’est pourquoi j’ai été heureux de découvrir tout récemment l’existence d’un diction‐ naire consacré au „parler champenois“, rédigé par un professeur de linguistique de l’université de Reims. J’eus le sentiment que ce serait l’un des rares documents auquel il me serait possible de recourir pour glaner quelques renseignements sur ma mère, comme s’il m’offrait quelques pièces d’un dossier personnel qui viendrait se substituer à des archives familiales qui n’existent pas. Des fragments de biographie, en quelque sorte. 32 Bien des mots sont encore présents à mon esprit, qui s’employaient couramment dans mon milieu familial - ma mère, et plus encore mes oncles et tantes … Pendant très longtemps, ces mots, ces locutions, ces accentuations furent toujours prêts à se glisser subrepticement dans les phrases que je prononçais (une „bâche“ pour une serpillière, „s’entrucher“ pour „avaler de travers“), avant d’être aussitôt repris et censures par le surmoi linguistique et social acquis […]. 33 Trotz der formellen und ästhetischen Unterschiede zwischen Fingerles Text und den zitierten Autosoziobiografien fallen eine Reihe von Gemeinsamkeiten ins Auge: erstens die Scham gegenüber der Herkunftssprache, deren Klang bisweilen einen geradezu körperlichen Schmerz bereitet; zweitens der Wille zur Emanzipation vom familiären Umfeld, die über das Ablegen der damit verbun‐ denen Sprache führt; drittens die den Hauptfiguren jeweils eigene Sehnsucht, ein vermeintlich reines Idiom zu finden (bzw. zu erlernen), das diesen Prozess vollendet. Der soziologische und erinnerungskulturelle Anspruch, eine in den öffent‐ lichen Diskursen verdrängte Lebenswelt der classes populaires sprachlich zu erschließen und sie in einen kulturellen, d.h. literarischen, Horizont einzuschrei‐ ben, der ihnen normalerweise unzugänglich ist, 34 hat vor allem bei Eribon eine klare politische Zielsetzung. Die Präsenz des O-Tons und der damit verbundenen Stimmen und Erfahrungen jener Bevölkerungsteile dient hier nicht nur dazu, Gründe für den in Frankreich zu beobachtenden Aufstieg der extremen Rechten zusammenzutragen - Eribons Literatur ist immer wieder als Erklärungsansatz dafür gelesen worden, weshalb so viele Menschen aus der einstigen Arbeiterklasse in Frankreich heutzutage den Rassemblement national (RN) wählen. Sie dient vor allem dazu, eine kulturelle und politische Repräsen‐ tationslücke zu füllen, die nach dem Niedergang und Autoritätsverlust der DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 136 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 35 Eribon 2023: 326. 36 Rancière 2000. 37 „Cette distribution, et cette redistribution des places et des identités, ce découpage et ce redécoupage des espaces et des temps, du visible et de l’invisible, du bruit et de la parole constituent ce que j’appelle le partage du sensible. La politique consiste à reconfigurer le partage du sensible qui définit le commun d’une communauté, à y introduire des sujets et des objets nouveaux, à rendre visible ce qui ne l’était pas et à faire entendre comme parleurs ceux qui n’étaient perçus que comme animaux bruyants.“ Rancière 2004: 38-39. Was sprachlich nicht artikuliert ist bzw., wie das La place-Zitat illustriert, in der legitime Sprache ,nicht existiert‘, ist in der Realität und in den Diskursen zumeist unsichtbar: „C’est parce qu’il y avait un Parti communiste qui se présentait comme le parti de la classe ouvrière et qui parlait pour la classe ouvrière et en son nom que cette classe existait dans les discours et dans la réalité.“ Eribon 2023: 321. 38 Zu den Gefahren, die in soziologischen Kontexten von der Repräsentation einer parole brute ausgehen und die als symbolische Form von Gewalt gesellschaftliche Ungleichheiten letztlich reproduzieren, anstatt sie aufzubrechen, vgl. schon Bourdieu [1993] 2015: 1416-1424. 39 S. die Charakterisierung von Eddys Vater, der Schweine schlachtet und ihr Blut trinkt: „C’est ça qu’est le meilleur, c’est le sang quand il vient juste de sortir de la bête qui crève.“ Louis 2014: 14-15. klassischen Vertretungsorgane der Arbeiterklasse (der Kommunistischen Partei, der Gewerkschaften) klaffte und die überwiegend von populistischen Parteien wie dem RN besetzt wurde. Die von Eribon in Vie, vieillesse et mort d’une femme du peuple aufgeworfene Frage, „C’est la question politique fondamentale: qui parle? qui peut prendre la parole? “, 35 hat dabei sowohl eine politisch-engagierte (öffentlich in Namen und für andere sprechen) als auch eine fiktionspolitische Facette: Sie re-definiert auch ästhetisch betrachtet jenen geteilten Horizont von Wahrnehmungen und Denkweisen, den Jacques Rancière als partage du sensible bezeichnet hat 36 - jenen Raum, in dem identitäre Zuschreibungen und Handlungsmöglichkeiten festgelegt werden und der darüber mitbestimmt, wel‐ che Individuen, soziale Gruppen und Stimmen moralisch, sozial und politisch überhaupt Gehör und Anerkennung finden. 37 Angesichts dieser soziologischen und literarischen Politisierung bzw. - mit Blick auf frühere Epochen wie den Realismus - Repolitisierung der literarischen Sprache(n) kann es letztlich auch nicht verwundern, dass die Mehrsprachigkeit autosoziobiografischer Texte in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation Frankreichs auch in den Dunstkreis politischer Sprachdebatten und -diskurse gerät. Dass mit der Präsenz der parole populaire (brute) in autosoziobiografi‐ schen Werken mitunter der Vorwurf der ,Miserabilisierung‘ der unteren Schich‐ ten verbunden ist, zeigt insbesondere die Diskussion um Édouard Louis’ En finir avec Eddy Bellegueule (2014). 38 Es sind bezeichnenderweise gerade nicht die inhaltlichen Schilderungen des sozialen Elends und des Herkunftsmilieus, 39 DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 137 40 Meizoz 2014. Vgl. hierzu die folgende Stelle: „C’est vrai que j’aime pas les Noirs, tu vois plus que ça maintenant, qui font des problèmes partout, qui font la guerre dans leur pays ou qui viennent ici brûler des voitures, mais toi Jordan, toi t’es bien, t’es pas pareil, on t’aime bien.“ Louis 2014: 30-31. 41 Aus Platzgründen beschränken wir uns hier auf eine kurze Analyse der Übersetzungen jener bereits zitierten Passagen von Ernaux und Eribon. 42 Bourdieu 1982: 11. sondern deren sprachliche Darstellung im vermeintlichen O-Ton des Volkes, an denen sich diese Kritik festmacht. Meizoz zufolge erinnert der von Rassis‐ men und Sexismen durchsetzte Sprachgebrauch, der im von Louis skizzierten Herkunftsmilieu dominiert, an rechtspopulistische Diskurse und die Sprache des RN. 40 Hingegen zeichnen sich, so Meizoz, Ernaux’ (und, wie man mit Blick auf die vorherigen Zitat ergänzen könnte, auch Eribons) Texte durch einen in hohem Maße reflektierten Umgang mit Sprache(n) aus, der daher glaubhaft einem soziologischen Ansatz verhaftet sei und weniger stigmatisierend wirke (auch weil er, wie bei Ernaux, den klassischen syntaktischen Traditionen folgt). 5 Anmerkungen zur Übersetzung und zu Übersetzungsstrategien von Mehrsprachigkeit: Beispiele von Ernaux, Eribon, Louis, Fingerle Wie wird nun konkret mit der spezifischen Mehrsprachigkeit in den behandel‐ ten Texten übersetzerisch umgegangen? 41 Um zunächst beim Beispiel der Autosoziobiografie zu bleiben: Die skizzier‐ ten sozialanalytischen und politischen Facetten der Autosoziobiografie - ihr Potenzial, virulente gesellschaftliche und politische Entwicklungen zu erklären - haben dieser Gattung international große Aufmerksamkeit beschert und einen bis heute anhaltenden Übersetzungsboom ihrer Texte, darunter auch ins Deut‐ sche, ausgelöst. Grundsätzlich ist bei der Übersetzung autosoziobiografischer Texte der ausgeprägte ,französische Charakter‘ solcher Unternehmungen zu bedenken, der sich im Gegenstand der Untersuchung, im soziologischen Modell und in den beschriebenen (alltags-)kulturellen Realien ausdrückt, so in der beschriebenen Darstellung von Sprache (Dialekt, Soziolekt). Zum Vergleich: Schon Bourdieu hatte im Vorwort zur deutschen Übersetzung von La distinc‐ tion deutlich gemacht, dass sich seine Untersuchung wie eine „Ethnographie Frankreichs“ lesen lasse. 42 Dieser dokumentarischen Prägung und Zielsetzung der autosoziobiografischen Texte, die soziale Wirklichkeit mit subjektiven und objektiven Verfahren beschreiben, ist in der Übersetzung Rechnung zu tragen. Sie bedingt, wie zu sehen sein wird, einen Übersetzungsstil, der den DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 138 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 43 Im Gegensatz zu den frühen Übertragungen wird den jüngeren Übersetzungen von Ernaux’ Werken eine strukturell und stilistisch deutlich enger an den Ausgangstexten orientierte Prägung attestiert. S. Lukenda 2024. Dies verdeutlicht allein schon die Übersetzungsgeschichte der Titel von La place ins Deutsche: Das bessere Leben in der Erstübersetzung von 1986 (Ernaux 1986); Der Platz in der Neuübersetzung von 2019 (Ernaux 2019). Der deskriptive Übersetzungsstil hat jedoch Grenzen: Zur Mehrspra‐ chigkeit im beschriebenen Sinn (Standardfranzösisch, Argot, Dialekt) kommt in den Autosoziobiografien noch eine weitere, fachsprachliche Ebene - die insbesondere in den Texten Eribons ausgeprägte Präsenz von Fachtermini aus der Bourdieu’schen So‐ ziologie wie distinction. Während dieser Begriff im Französischen in die Alltagssprache eingegangen ist, zählt er im Deutschen zum soziologischen Fachvokabular. S. Finck 2023. Distinction wird daher nicht immer mit „Distinktion“ übersetzt, selbst in den Bourdieu-Texten nicht, wie das Beispiel des deutschen Titels von La distinction (Die feinen Unterschiede) zeigt. 44 Eribon 2024: 167 (Herv.-i.-O). 45 Vgl. hierzu auch die Doppelungen von Übersetzung und Originalbegriffen in der deut‐ schen Übersetzung von En finir avec Eddy Belleguelle: „Die Schimpfworte wechselten sich mit den Tritten ab, und dazu mein Schweigen. Schwuchtel, Schwuli, Schwuppe, Tunte, Schwanzlutscher, Arschficker, oder auch Homo und Gay. Pédale, pédé, tantouse, geschilderten französischen Realien terminologisch möglichst ,treu‘ bleibt. 43 Mit anderen Worten: Der ethnografisch bedingte Fokus auf der Sprache ,zwingt‘ zu übersetzerischen Lösungen, die den mehrsprachigen Charakter der Original‐ texte bewahren (der natürlich durch den Kontrast mit der Übersetzungssprache erweitert und akzentuiert wird). Dies illustriert die deutsche Version jener Passage aus dem oben zitierten Textauszug aus Eribons Vie, vieillesse et mort d’une femme du peuple in der Übersetzung durch Sonja Finck (Titel: Eine Arbeiterin), der die Sprache der Mutter in den Blick nimmt: Viele Ausdrücke, die in meiner Familie üblich waren - die meine Mutter gebrauchte und mehr noch meine Onkel und Tanten -, habe ich im Kopf. Die entsprechenden Redewendungen und Wörter schlichen sich noch lange unbemerkt in meine Sätze: Für „Putzlappen“ sagte ich nicht serpillière, sondern bâche, für „sich verschlucken“ nicht avaler de travers, sondern s’entrucher. 44 Die französischen Begriffe (insbesondere Dialektbegriffe wie bâche) dürften vielen deutschsprachigen Leserinnen und Lesern, sicher auch solchen mit fundierten Französischkenntnissen, kaum geläufig sein, dennoch hat sich die Übersetzerin aus nachvollziehbaren Gründen dafür entschieden, sie in die deutsche Version zu integrieren, anstatt sie beispielsweise durch adäquate deutsche Dialektausdrücke zu ersetzen. Dabei geht es wohl nicht ausschließ‐ lich um das Motiv, in der Übersetzung eine gewisse Fremdheit des Originals zu bewahren und dem ethnografischen Anspruch des Originals gerecht zu werden. 45 Neben soziologischen Motiven sind hier vielmehr auch narratologi‐ DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 139 enculé, tarlouze, pédale douce, baltringue, tapette, fiotte, tafiole, tanche, folasse, grosse tante, tata.“ Louis 2015: 17. 46 Dies war jedoch nicht immer der Fall: So wurden die soziologischen Prägungen von Ernaux’ écriture in frühen Übersetzungen oftmals übersehen und abgeschwächt. S. Lukenda 2024. 47 So beispielsweise in Melandris Eva dorme. Beigefügt ist der deutschen Fassung von Lingua madre ein Kapitel mit Endnoten, in denen politische, kulturelle und geografische Realien, Übersetzungsprobleme sowie die vielen intertextuellen Bezüge erklärt werden. sche Gründe hervorzuheben, d.h. die im Zitat vorliegende Erzählsituation: dem, wie Sonja Finck in der Diskussionsveranstaltung auf der Frankfurter Buchmesse zum Thema Mehrsprachigkeit betonte, Sprechen über Sprache, das diese Passage charakterisiert. Die Reflexion des Ich-Erzählers über die Sprache der Mutter öffnet eine Metaebene, auf der es - im Unterschied zur Handlungsebene - nicht primär und unmittelbar um konkretes und exaktes Verstehen geht. Anders ausgedrückt: Die Tatsache, dass hier der Gegensatz zwischen Standardsprache und Dialekt im Mittelpunkt steht, ist - in Verbindung mit den standardsprachlichen Übersetzungen der Begriffe - zum Verständnis der Stelle ausreichend. Zusammengefasst bedeutet dies: Insgesamt trägt die skizzierte Übersetzungsstrategie also dem ,doppelten‘, d.h. soziologischen und literarischen Charakter der Autosoziobiografie Rechnung. 46 Der Anspruch, Mehrsprachigkeit in der Übersetzung nicht nur anzudeuten, sondern sie möglichst exakt wiederzugeben, um damit zugleich die sprachliche Verfasstheit des Originals sichtbar zu machen, zeigt sich auch in Fingerles Muttersprache. So werden beispielsweise die in der italienischen Fassung ver‐ wendeten deutschen und dialektalen Begriffe und Sätze in der Übersetzung grau markiert. Insgesamt hat sich die Übersetzerin Maria Elisabeth Brunner also für eine Variante entschieden, die auf starke formale Eingriffe in den Text, z.B. durch Fußnoten, wie sie in mehrsprachigen Texten mitunter vor‐ kommen, verzichtet. 47 Mehrsprachigkeit wird in der Übersetzung stattdessen oft ,dezenter‘ in unterschiedlichen typografischen Varianten und Schriftfarben in den Fließtext integriert. Der Verzicht auf Fußnoten lässt sich dabei mit der dominanten internen Fokalisierung im Text erklären. Man befindet sich zumeist im Kopf der Hauptfigur und liest deren Gedanken mit. Fußnoten würden diesen Gedankenfluss (und den weiter oben erwähnten poetisch-rezitativen Charakter der mehrsprachigen Passagen) erheblich stören: Vor fünftausend Jahren, wir schwänzen die Schule, facciamo blaun, auf den eisigen Bergeshöhen der Gletscher der Val Senales. Er starb. Thialetto. Dialekt. Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen. Es tut mir leid, ich werde saubere Wörter suchen, und dann werde ich dich wieder danach fragen. Des isch die Sproch vo di oagenen Leit. DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 140 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 48 Fingerle 2022: 183. Deutschsprachige Elemente des Originals stehen in der Übersetzung in grauer Schriftfarbe. 49 Viart/ Vercier 2005; Brühne/ Conrad von Heydendorff 2021. 50 Ernaux 2019: 53-54 (Herv.-i. O.). 51 Ernaux 1986: 61 (Herv.-i. O.). Zweisprachig wie ich. Paaaaolo! Zweisprachig sind wir, ja, wir. Es regnet. Du musst sterben. 48 Das hohe Maß an sprachlicher Selbstreflexivität, dass die erwähnten Texte kennzeichnet, spiegelt sich somit in den skizzierten Übersetzungsstrategien wider. Es ist davon auszugehen, dass diese gestiegene Sprachsensibilität in der Übersetzung auch ein Ergebnis jener Re-Soziologisierung und Re-Politisie‐ rung des Literarischen im Allgemeinen ist, die sich in besonderer Weise mit Strömungen wie der Autosoziobiografie verbindet. Dieser im Zuge der literari‐ schen ,Rückkehr zur Wirklichkeit‘ 49 zu beobachtende und noch kaum in seinen Tiefenstrukturen analysierte Wandel literarischer Übersetzungspolitiken führt dazu, den mehrsprachigen Charakter der Texte zu bewahren und zu akzentuie‐ ren, anstatt ihn, wie ein kurzer abschließender Vergleich der Neuübersetzung von La place mit der Erstübersetzung des Textes zeigt, abzumildern. So werden in der von Sonja Finck übersetzten Neufassung von 2019 umgangssprachliche französische Begriffe und Wendungen integriert: „Weil die Grundschullehrerin mich immer ,verbesserte‘, verbesserte ich später meinen Vater, ich eröffnete ihm, dass Wendungen wie se parterrer (sich auf den Boden schmeißen) oder quart moins d’onze heures (Dreiviertel elf) im Französischen nicht existierten.“ 50 In der Erstübersetzung von 1986 wurden diese Termini hingegen schlichtweg übergangen: „Da meine Lehrerin mich ,verbesserte‘, wollte ich später meinen Vater verbessern und ihn darauf hinweisen, daß bestimmte Ausdrücke nicht existierten.“ 51 6 Fazit: Mehrsprachigkeit als Schutzschild gegen Nationalismen und Populismen Inwieweit werden durch den Rückgriff auf Mehrsprachigkeit in den erwähnten Texten nationalistische und populistische Diskurse und Tendenzen unterlaufen? Und worin liegt das Potenzial dieser Texte, als ,Schutzschild‘ gegen aufstrebende Nationalismen zu fungieren? Zusammengefasst dient das Instrument der Vielsprachigkeit in den erwähn‐ ten Texten dazu, gesellschaftliche Sprachbeziehungen und ihre soziologischen, kulturellen und politischen Facetten darzustellen und sie zugleich zu unterlau‐ DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 141 52 Ernaux und Eribon weisen immer wieder auch auf die Gefahr der Delegitimierung hin, die vom Schreiben über das ,einfache‘ Volk ausgeht. S. Eribon 2018: 98. Andere Autoren einer engagierten, dokumentarischen Literatur, die mit unterschiedlichen Sprachregi‐ stern, sozialen Polarisierungen arbeiten und dabei klar Partei zugunsten des peuple und gegen die vermeintlichen Eliten beziehen, haben sich mit Populismusvorwürfen auseinandersetzen müssen. So beispielsweise Éric Vuillard und seine Erzählung zum Ausbruch der französischen Revolution 14 juillet. S. Schoentjes 2017. fen. Zwar situieren sich die behandelten Werke in zeitgenössischen gesellschaft‐ lichen Makrokontexten, die von politischen und kulturellen Polarisierungen und von einem undifferenzierten, populistischen Sprachgebrauch bestimmt werden, der sich in politischen und medialen Diskursen festsetzt. Und den‐ noch ist es vor allem ihr hohes Maß an sprachlicher Reflexivität, das gegen populistische Diskurse mobilisiert. Um hier abschließend auf das Beispiel der Autosoziobiografie zurückzukommen: Obwohl Ernaux und Eribon als Intel‐ lektuelle außerliterarisch mitunter die Nähe zu populistischen Strömungen suchen, was sich unter anderem an ihren Sympathiebekundungen für Jean-Luc Mélenchon zeigt, und sie, besonders Eribon, auch in ihren literarischen Texten Fundamentalkritik an den politischen, ökonomischen und kulturellen Eliten üben, so ist ihre Sicht auf die classes populaires nicht unkritisch. Die erwähnten Strategien der sprachlichen Hybridisierung - die ,Verschmel‐ zung‘ ,klassischer‘ literarischer sprachlicher Normen mit der langage populaire - haben zwar die Funktion, eine in den kulturellen und politischen Diskursen verdrängte Lebenswelt der classes populaires in das kulturelle Bewusstsein zu bringen. Jedoch führt dieser engagierte Anspruch keineswegs zu einer populistischen Überhöhung der Lebenswelt, der Ansichten und der Sprache des ‚einfachen‘ Volkes, zumal diese immer auch soziologisch gerahmt und kontrastiert werden. 52 Im Gegenteil: Auffällig ist, dass in sämtlichen behandelten Texten mehrsprachige Verhältnisse in Gesellschaften nicht mythisch überhöht, sondern vielmehr kritisch betrachtet werden. So liegt der Fokus auf der Kon‐ fliktualität solcher Beziehungen. Bei Ernaux und Eribon resultieren diese aus den Klassengrenzen zwischen den transclasses und ihrem Herkunftsmilieu, bei Fingerle hingegen aus der historisch spannungsreichen Koexistenz zwischen Sprachen und Sprachgruppen in mehrsprachigen Regionen wie Südtirol, die jeweils mit Abgrenzungsmechanismen einhergehen. Beide Situationen stehen im Zusammenhang mit der schwierigen Herausbildung von Identität innerhalb einer Nation, die notwendig heterogen ist, und sind jeweils auch auf die Entwicklung persönlicher Identität zurückführbar, die innerhalb der Familie beginnt. DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 142 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda 53 Vgl. hierzu Magris 1986. 54 Dass Motive sprachlicher Reinheit nicht unbedingt einem rigiden sprachlichen Natio‐ nalismus folgen, zeigt schon ein Blick in die italienische Literaturgeschichte. Man denke hier an Alessandro Manzonis Roman I promessi sposi, der - ursprünglich im Lombardischen verfasst - von Manzoni in einem langwierigen Prozess der Selbstüber‐ setzung ,toskanisiert‘ bzw. ,im Arno gereinigt‘ (‚risciacquatura in Arno‘) wurde und Modellcharakter für eine nationale Literatursprache im geeinten Italien bekam. Man‐ zoni orientierte sich hierbei nicht nur an der toskanischen Tradition der Tre corone, son‐ Lingua madre ist insofern bemerkenswert, als die Plurilingualität des Textes hier für eine Abkehr von jener im ausgehenden 20. Jahrhundert literarisch vielfach beschworenen und mythisch verklärten Vorstellung von Mehrspra‐ chigkeit steht, die zwar konfliktreich, letztlich aber doch bereichernd ist und die einen zentralen Bestandteil des ,Mythos (Mittel-)Europa‘ verkörpert. 53 Sie erscheint in Fingerles Text nicht nur als ein mit zahlreichen Widersprüchen belastetes politisches Symbol - auf der einen Seite ist Mehrsprachigkeit eine Voraussetzung, um in Südtirol im öffentlichen Dienst beschäftigt zu sein, auf der anderen Seite muss man sich hierfür aber offiziell zu einer Sprachgruppe bekennen. Der Zwang zur Sprachgruppenzugehörigkeit ist dabei Hindernis für die persönliche und berufliche Zukunft des Protagonisten. Und auch die Mehrsprachigkeit entpuppt sich, wie dargestellt, vielmehr als eine Fiktion, die im Bozener Alltag kaum verankert ist. Deutlich wird dies an einer Stelle, in der Paolo Prescher mit seiner Freundin eine Konditorei betritt. Das anschließende Gespräch mit der Verkäuferin verliert sich im Sprachdickicht aus Südtiroler Dialekt, Standarddeutsch und Italienisch: Entriamo e la proprietaria, una vecchia rugosa, ci dice velocissimo: Guatn Obnd, wos konni fir enk tian? Io non capisco e mi sento in imbarazzo ma sono italiano e il dialetto non lo capisco. Per fortuna interviene Mira e chiede se possiamo parlare tedesco, Standarddeutsch, dice apposta Standarddeutsch e non Hochdeutsch, ma la vecchia si irrigidisce comunque e invece di ripeterci la domanda, ci guarda risentita e sentenzia: Italiano. (155) Die mehrsprachige Situation steht hier für das Scheitern von Kommunikation und Verständnis. Sie ist, wie das vorletzte Zitat illustriert, ein Symbol der Verwirrung und deutet den nahenden Selbstmord des Protagonisten an. Die Flucht aus der Herkunftsregion und die Suche nach der ‚reinen‘ Sprache ist aber, um es abschließend zu betonen, keineswegs als ideologisch und nationalistisch aufgeladene Sehnsucht zu begreifen, auch wenn sie mit der Gefahr einhergeht, in eine bei Prescher sich selbst verabsolutierende und dadurch in gewissem Sinne ebenfalls totalitaristische Haltung zu kippen, was die (Selbst-)Morde am Schluss belegen. 54 Die Reflexionen über Sprache, die Lingua DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 Literatur und Mehrsprachigkeit im Zeichen erstarkender Nationalismen 143 dern nahm dezidiert auch sprachliche Anleihen beim modernen französischen Roman und dem zeitgenössischen Toskanischen. So gesehen ist die Entwicklung der modernen italienischen Literatursprache als ein Prozess der Rezeption, Übersetzung und Vermi‐ schung unterschiedlicher sprachlicher Einflüsse zu sehen. Auch Pasolinis ,Rückkehr‘ zu einem von modernen Einflüssen ,unkorrumpierten‘ Idiom, dem Friulanischen, ist so gesehen als Prozess der Kontamination bzw. des Aufbruchs nationalsprachlicher (massenmedialer und literarischer) Standards und Normen im Nachkriegsitalien zu verstehen. So ging es Pasolini darum, den Dialekt als „antidialetto“, als zeitgenössische Literatursprache zu etablieren. Pasolini 1994: 3. S. hierzu auch die Romane Ragazzi di vita und Una vita violenta sowie die Filme Mamma Roma und Accattone, die von der Sprache der borgate romane ,kontaminiert‘ sind. Vgl. zu den erwähnten Beispielen Manzoni und Pasolini Baum 1983. madre kennzeichnen, in denen die Wörter einen Geruch und Geschmack haben und bisweilen ein Gefühl von Schmerz und Ekel verursachen, sind gleichzeitig dazu geeignet - darin besteht das Paradox des Romans -, eine Sensibilität gegenüber Sprachen und ,Sprachregimen‘ zu fördern, die jenem erwähnten, undifferenzierten Sprachgebrauch entgegenwirkt, wie er in den Medien oder in populistischen Diskursen vorherrscht. Man kann in diesem Zusammenhang z.B. an den Begriff ,Remigration’, das Unwort des Jahres 2023, denken, der sich im Zuge des Aufstiegs nationalistischer Strömungen im öffentlichen Diskurs festgesetzt hat - ein Begriff, der auf den ersten Blick harmlos, bürokratisch und nüchtern anmutet, der aber letztlich einen perfiden, ,toxischen‘ Beigeschmack hat. Mehrsprachigkeit, so das Fazit, sensibilisiert gerade in unserer von der Beschleunigung von Kommunikation geprägten Zeit für die eigentliche Kom‐ plexität von Kommunikation, für das Wunder bzw. das Scheitern des gegen‐ seitigen Verständnisses und warnt vor der Gefahr der Verabsolutierung, die ebenfalls mit dem Reinheitsgedanken einhergeht, und dies nicht nur über Landes- und Klassengrenzen hinweg, sondern auch innerhalb von Familien, wie die Preschers in Fingerles Text, aber auch die Familienverhältnisse bei Eribon und Ernaux zeigen. Zugleich lesen sich die analysierten Stellen jedoch auch als eine Metapher, nicht nur auf Südtirol und Frankreich, sondern auf das allgemeine sprachliche Ökosystem in Europa - ein Kontinent, der einerseits sehr viel auf kulturelle und sprachliche Vielfalt gibt, der aber letztlich (wohl auch aufgrund der Hartnäckigkeit sprachlicher Nationalismen) keine gemeinsame Sprache findet. Vielleicht wird der geopolitische Druck von außen, von dem zum Zeitpunkt der letzten Frankfurter Buchmesse noch nicht so sehr die Rede war, Europa bald zu einem stärkeren nicht nur politischen, sondern auch sprachlich-kulturellen Zusammenhalt zwingen. Eine solche ‚Einheit in Vielfalt bzw. Mehrsprachigkeit‘, DOI 10.24053/ Ital-2024-0010 144 Eva-Tabea Meineke/ Robert Lukenda die sich ganz im Sinne eines demokratischen Pluralismus gestaltet und zu der die Literatur einen entscheidenden Beitrag leisten kann, wäre auch im Sinne eines dauerhaften Friedens in Europa wünschenswert. Bibliographie Primärliteratur Balzano, Marco: Resto qui. Torino: Einaudi 2018. Eribon, Didier: Retour à Reims [2009]. Paris: Flammarion 2018. Eribon, Didier: Vie, vieillesse et mort d’une femme du peuple. Paris: Flammarion 2023. Eribon, Didier: Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Berlin: Suhrkamp 2024. Ernaux, Annie: L’écriture comme un couteau. 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