eJournals Italienisch46/91

Italienisch
ita
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0011
ita4691/ita4691.pdf1215
2025
4691 Fesenmeier Föcking Krefeld Ott

Amelia Rossellis Ringen mit der Welt

1215
2025
Luisa Maria Schulz
ita46910149
1 Rosselli 1964: 50. Biblioteca poetica Amelia Rossellis Ringen mit der Welt Luisa Maria Schulz - Se nella notte s’accendeva un faro, allora addio promessa - addio la scarpa dell’oblio, addio la lusinga di chi gioca - preso dalle antifone dei suoi compagni. Compagna d’armi - la tua costanza, la tua fiducia sono nelle mie mani? Calmati 5 e l’eroe che ero io diventerà la bestia che più nulla vuole. - Calmati e le scodelle dei poveri si riempiranno. Calmati - e le ventate in poppa separeranno la tua firma dalla mia, - il tuo disdegno dal mio farraginoso chiedere, disobbedire, - salvare, domandare - eccitare alla lotta una massa di gente 10 che non sa esistono i poveri, le martellate - le costruzioni - in calce per la povera gente che non si illude, ma delude - il raggio di sole che non era stato costruito per loro. - Calmati e avrai il vento in poppa e le tue parole fresche - di verginità rimeranno con nuova gentilezza. Parola mia 15 che tutta la stanchezza ora si rifà ai poveri. Domando - perdono per essermi nutrita di erbe selvatiche, e riporto - la pena ad un altro servizio. E riporto la lena ad un altro - fumare, incenso per i magazzinieri. 1 - Wenn in der Nacht ein Leuchtfeuer anging, dann Adieu Versprechen - Adieu Schuh des Vergessens, Adieu Schmeichelei dessen, der - erfasst vom Wechselgesang seiner Freunde spielt. Waffenschwester, - sind dein Rückgrat, dein Vertrauen etwa in meiner Hand? Beruhige 5 dich und der Held, der ich war, wird zu dem Tier werden, das nichts - mehr will. Beruhige dich und die Schüsseln der Armen werden sich - wieder füllen. Beruhige dich und die Rückenwinde werden deine DOI 10.24053/ Ital-2024-0011 Signatur von der meinen trennen, dein Schnauben von meinem - verworrenen Fragen, Retten, Widersetzen, Fordern - dem Aufwiegeln 10 zum Kampf einer Menge, die nicht kennt die Existenz der Armen, - des Hämmerns - der Bauten aus Kalk für arme Leute, die sich nichts - erdichten, sondern den Sonnenstrahl ernüchtern, der nicht für sie - errichtet ist. Beruhige dich und du wirst wieder den Wind im Rücken - haben und deine jungfräulich frischen Worte werden sich wieder 15 freundlich reimen. Mein Wort, dass sich alle Müdigkeit jetzt auf die - Armen bezieht. Ich bitte um Verzeihung dafür, mich von wildem Kraut - ernährt zu haben, und trage das Leid wieder zu einem anderen Dienst. - Und trage den Fleiß wieder zu einem anderen Rauchen, Lageristen- - Weihrauch. Übersetzung: Luisa Maria Schulz Amelia Rosselli hat eine Vorliebe dafür, ihre Gedichte mit Wenn, dann-Sätzen zu beginnen. Nichts ist in ihren Gedichten beständig, alles ist unvorhersehbaren Schwankungen ausgesetzt, wie Veränderungen der Witterung, die es in einem anderen Licht erscheinen lassen. Was dabei in diesem Fall genau auf dem Spiel steht, ist nicht so leicht zu fassen. Es scheint, als ob sich alles, was Halt oder auch nur etwas Trost geboten hat, verflüchtigt oder in den Wind geschlagen wird. Auch in den folgenden Versen erschließt sich in diesem Text nicht gleich, was hier eigentlich vor sich geht. Das lyrische Ich richtet sich an eine compagna d’armi, die wohl beunruhigt oder verzagt ist, und redet mit einer Litanei an beschwichtigenden Sätzen auf sie ein. Um wen es sich bei der compagna handelt, ist dabei nicht ganz klar. Ist sie eine Mitstreiterin, mit der das lyrische Ich ein Anliegen teilt? Oder handelt es sich womöglich sogar um ein Alter Ego des lyrischen Ichs (immerhin, auch die compagna scheint zu dichten)? Das wird nicht ganz klar. Was sich aber vermittelt ist die Insistenz, ja Vehemenz der Rede. „Beruhige dich“ - „Calmati“, setzt das Ich immer wieder an. Allerdings stimmt irgendetwas nicht mit diesen Beruhigungen. „Calmati / e l’eroe che ero io diventerà la bestia che più nulla vuole“ - „Beruhige dich und der Held, der ich war, wird zu dem Tier werden, das nichts mehr will“ (V. 4 f.). Schon hier scheint etwas verkehrt zu sein. Spätestens das „Calmati e le scodelle dei poveri si riempiranno“ - „Beruhige dich und die Schüsseln der Armen werden sich wieder füllen“ (V. 6) macht stutzig: So einfach kann es ja wohl nicht sein. Wir ahnen, dass Ironie im Spiel ist. Auch, dass „all die Müdigkeit sich jetzt auf die Armen bezieht“ - „tutta la stanchezza ora si rifà ai poveri“ (V. 15 f.) würde das so aufsässige Ich wohl nicht beruhigen. DOI 10.24053/ Ital-2024-0011 150 Luisa Maria Schulz 2 Re 2007: 27. Dieses Gedicht ist sarkastisch genannt worden, 2 doch auch das scheint nicht ganz zu stimmen. Held, Tier, Jungfräulichkeit, Lagerist, Zigarette, Weihrauch… In Rossellis Poesie prallen oft sakrale und profane, kriegerische und fragile, erhabene und alltäglich-banale Motive aufeinander. Diese Missklänge sind genau das, was Rossellis poetisches Timbre ausmacht. Aber es ist nicht nur ein trockenes Spotten über die großen Ideen. Es ist vielmehr spürbar, dass das Ich ja an etwas glauben will. Es sehnt sich nach Unschuld und nach Heldentum, auch wenn die Realität es immer wieder eines Besseren belehrt. Es ist luzide, aber es will sich nicht abfinden. Über die Dichterin Amelia Rosselli lässt sich nicht sprechen, ohne kurz ihre Geschichte zu erwähnen. Sie war die Tochter Carlo Rossellis, eines der umtriebigsten Antifaschisten im Italien Mussolinis. Er wurde vom Regime auf die Insel Lipari verbannt und gelangte in einer halsbrecherischen Flucht über Tunesien nach Frankreich. Amelia wurde 1930 in Paris geboren. Als sie sieben Jahre alt war, wurden ihr Vater und ihr Onkel von der französischen Terrororganisation La Cagoule auf der Straße blutig ermordet. Die kriegerischen und heroischen Motive in Rossellis erstem Gedichtband Variazioni belliche, dem dieses Gedicht entstammt, lassen sich nicht ohne diesen Hintergrund lesen. Nach dem Attentat zog die Mutter mit den Kindern weiter nach England, schließlich in die USA. Erst als junge Erwachsene beschloss Rosselli auf eigene Faust, in das Land ihres Vaters zurückzukehren. Zum Zeitpunkt der Entstehung der Variazioni belliche Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre hat sich Rosselli zwar in Rom niedergelassen und sich nach langer Hin- und Hergerissenheit zwischen den Sprachen, die man ihrem frühen Diario in tre lingue entnehmen kann, auch für das Italienische als (vordergründiges) Mittel des Ausdrucks entschieden. Aber auch ihre literarischen Bezugspunkte decken sich nur teilweise mit denen ihrer italienischen Zeitgenossen. Sie fühlt sich eher der europäischen und amerikanischen Moderne als einer bestimmten italienischen Strömung verbunden. Als ihre Vorbilder nennt sie neben Eugenio Montale und Dino Campana auch T.S. Eliot, William Faulkner, Lautréamont… Die progressiven italienischen poetischen Gruppierungen der Nachkriegszeit erkundete sie zwar interessiert - sie führte Korrespondenz mit Pier Paolo Pasolini und nahm an den ersten Treffen des Gruppo 63 teil -, unterwarf sich aber nicht ihren Regeln. Wichtiger als die poetischen Strömungen ihrer Zeit war für die Entwicklung von Rossellis Sprache wohl die Musik. In London und später in Italien nahm sie als junge Erwachsene zunächst Instrumental- und Kompositionsunterricht bei DOI 10.24053/ Ital-2024-0011 Amelia Rossellis Ringen mit der Welt 151 3 Rosselli 2010: 84 4 Rosselli 1964: 184. Vertretern der Neuen Musik wie Luigi Dallapiccola und Guido Turchi. Die Musik schien der sprachlich Zerrissenen vielleicht anfangs als Mittel des Ausdrucks am nächsten zu liegen. Schon der Titel Variazioni legt nahe, dass sie auch später, als sie sich vornehmlich aufs Schreiben verlegt hat, durch musikalische Kompositionsprinzipien inspiriert wird. Tatsächlich handelt es sich bei den Gedichten um titellose, formal relativ homogene Textgebilde, in denen dieselben Motive immer wieder auftauchen und sich verweben. Wie sich an „Se nella notte s’accendeva un faro“ unschwer erkennen lässt, bedient sich Rosselli dabei keiner klassischen Gedichtform. Es handelt sich eher um eine „kubische Form“ - „forma-cubo“ 3 , wie sie es selbst beschreibt. An die Stelle von Versmaß und Reimschemata treten relativ gleich‐ artige Satzgefüge, die von Anaphern (addio, calmati, riporto) und Binnenreimen (oblio/ addio, pena/ lena) bestimmt sind. Das Entstehungsprinzip dieser Textgebilde formuliert Rosselli in ihrem poetologischen Essay Spazi metrici durch eine Art musikalisch-psychische Mechanik. Sie möchte einen „quadro insieme spaziale e temporale“ 4 schaffen (hier kann man an den amerikanischen Black mountain poet Charles Olson denken), in den sich die poetische Materie einfügen muss. Die erste Zeile soll grafisch die Länge vorgeben, die Satzperioden sollen sich temporal entsprechen. Das formale Experiment scheint diesen Ansatz in die Nähe der Neoavanguardia zu rücken, allerdings spricht hier ein lyrisches Ich, das uns, wie indirekt auch immer, seine instinktive und viszerale Welterfahrung mitteilt. Das war in der Neoavanguardia verpönt. Auch Pasolini, mit dem Rosselli das Interesse für soziale Fragen teilte, äußerte sich kritisch über ihr lyrisches Ich und schrieb es dem bürgerlichen Bewusstsein zu. Mit ihrer so eigenen poetischen Form wirft diese Poesie auch übersetzerische Fragen auf. Die für Rosselli ebenfalls typischen sprachlichen Abwandlungen und agrammatischen Stellen sind in diesem Gedicht mit Ausnahme des elliptischen „non sa esistono“ (V. 10) zwar kaum zu finden. Aber auch Zeilenlängen lassen sich nicht genau abbilden, Klangverwandtschaften nicht an derselben Stelle er‐ zeugen. Es liegt nahe, Rossellis Kompositionsprinzipien als solche zu verstehen und etwas freier vorzugehen, aber darf diese Poesie auch in der Übersetzung ein wenig befremdlich klingen? Vielleicht liegt es gerade an der gewissen formalen und sprachlichen Unvertrautheit dieser Gedichte, dass ihre so eigentümliche und dringliche Stimme - nicht nur Valerio Magrelli nannte die Variazioni belliche „einen der wichtigsten Gedichtbände des italienischen literarischen DOI 10.24053/ Ital-2024-0011 152 Luisa Maria Schulz 5 Magrelli 2015: 167. Übersetzung L.M. Schulz. Novecento“ 5 - bis heute nicht umfassend in deutscher Sprache zugänglich ist. Übersetzungen liegen bisher nur bruchstückhaft vor (s. Bibliographie). Wie ergeht es nun aber dem lyrischen Ich des Gedichts, das sich entgegen seinem Mantra an die compagna ja offenbar gerade nicht beruhigen will? Es sträubt und windet sich. Es versucht, Menschen zum Kampf aufzuwiegeln, die von den Armen nichts wissen (wollen). Rosselli war durch ihre Familie ja in ein aktivistisches Milieu hineingeboren und wurde auch in Italien in diesen Kreisen empfangen, allerdings haderte sie ähnlich wie schon ihr Vater mit dem Wissen, selbst (wie die meisten der Weggenossen) bürgerlicher Herkunft zu sein. Erst durch den jungen lukanischen Dichter und Politiker Rocco Scotellaro, den sie 1950 kennenlernt und dem sie in den folgenden vier Jahren bis zu seinem frühzeitigen Tod sehr nah ist, lernt sie die Lebensbedingungen der armen Leute und der ausgelaugten Bauern wirklich kennen. Scotellaro nimmt sie mit in seinen Heimatort Tricarico in der Basilicata. „[L]a povera gente che non si illude, ma delude il raggio di sole che non era stato costruito per loro.“ (V. 11 f.) Dieser Vers sticht durch sein starkes Bild hervor. Rossellis Gedichte sind ja selbst ein ständiges Kippen von der Illusion in die Realität, von den großen Erwartungen und Idealen in die prosaische und grausame Wirklichkeit. Das lyrische Ich stößt sich immer wieder im Traum an der Wand an - und gibt sich doch wieder dem nächsten Traum hin. Die Armen spielen dieses Spiel nicht mit, das ist ihm bewusst. Sie ernüchtern sogar den Sonnenstrahl, und die belebenden Rückenwinde können sie nicht finden. Ihnen fällt von allem nur die Ermüdung zu. Das lyrische Ich scheint dagegen zwar händeringend zu protestieren, sich aber auch nichts über sein Gelingen als eroe vorzumachen. Das Ganze endet nicht in einer besseren Welt, sondern in einer Rückkehr zu den kleinen Ritualen des Alltags. Bibliographie Werke von Amelia Rosselli Variazioni belliche. Milano: Garzanti 1964 (Originalausgabe, einschließlich des Essays Spazi Metrici). Le poesie. Prefazione di Giovanni Giudici. Milano: Garzanti 2004. L’opera poetica. Milano: Mondadori (edizione I Meridiani) 2012. Lettere a Pasolini: 1962-1969. A cura di Stefano Giovanuzzi. Genova: San Marco dei Giustiniani 2008. DOI 10.24053/ Ital-2024-0011 Amelia Rossellis Ringen mit der Welt 153 È vostra la vita che ho perso. Conversazioni e interviste 1963-1995. A cura di Monica Venturini e Silvia de March. Bagno a Ripoli: Le Lettere 2010. Ausgewählte Gedichte. Übersetzt von Theresia Prammer und Alma Vallazza. Wien/ Lana: edition per procura 2004. Übersetzungen in Anthologien „Il sesso violento come un oggetto“, übersetzt von Gino Chiellino. In: Gino Chiellino (Hrsg.): Ich habe dich an diesen wilden Ort geführt. Erotische Gedichte aus Italien. München: P. Kirchheim Verlag 1987, 90-91; wiederabgedruckt in: Ulla Hahn (Hrsg.): Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden. Stuttgart: Reclam 1992, 126. Laschen, Gregor (Hrsg.): Die Mühlen des Schlafs. Poesie aus Italien. Bremerhaven: Fach‐ verlag NW 1995 (enthält mehrere Gedichte von Amelia Rosselli, übersetzt von Rolf Haufs, Gregor Laschen, Werner Söllner, Brigitte Struzyk, Johann P. Tammen und Ernest Wichner, 35-51.) Italiano, Federico/ Krüger, Michael (Hrsg.): Die Erschließung des Lichts. Italienische Dich‐ tung der Gegenwart. München: Carl Hanser Verlag 2013 (enthält vier von Lea Ritter- Santini und Theresia Prammer übersetzte Gedichte Rossellis, 126-131.) Übersetzungen in Zeitschriften „Amelia Rosselli, Gedichte“. Akzente 35 (1988): 418-422. (Enthält mehrere von Lea Ritter- Santini übersetzte Gedichte.) „Amelia Rosselli, Wenn die Seele ihr Gepäck verkauft. Gedichte“. SINN & FORM, Jg. 72, Heft 6/ 2020: 779-786.(Enthält mehrere von Luisa Maria Schulz übersetzte Gedichte.) Sekundärliteratur Bisanti, Tatiana: „Amelia Rosselli: Tu non vivi fra queste piante che s’attorcigliano“. In: Manfred Lentzen (Hrsg.): Italienische Lyrik des 20. Jahrhunderts in Einzelinterpretati‐ onen. Berlin: Erich Schmidt 2000, 282-291). Baldacci, Alessandro: -Amelia Rosselli. Roma-Bari: Laterza 2007. Fortini, Franco: „Rosselli“. In: Breve secondo Novecento. Milano/ Lecce: Piero Manni 1996, 55-56. List, Katharina: „Vor Babel, nach Babel: Amelia Rossellis «lingua trilingue»“. In: Lettera‐ tura e migrazione: proposte intorno alla figura del ponte. Literatur und Migration: Fragen zur Figur der Brücke. A cura di/ hrsg. von Barbara Kuhn/ Marita Liebermann. Roma: Viella 2023 (Venetiana, 24), 137-154. DOI 10.24053/ Ital-2024-0011 154 Luisa Maria Schulz Magrelli, Valerio: „Amelia Rosselli“. In: Millennium Poetry. Viaggio sentimentale nella poesia italiana. Bologna: il Mulino 2015, Kap. 39, 167-170. De March, Silvia: -Amelia Rosselli tra poesia e storia. Introduzione di Andrea Zanzotto. Napoli: L’Ancora del mediterraneo 2006. Pasolini, Pier Paolo: „Notizia su Amelia Rosselli“. Il Menabò di letteratura, Nr. 6 (1963), 66-69. Re, Lucia: „Amelia Rosselli: poesia e guerra.“ Carte Italiane, Jg. 2, Nr. 2-3 (2007), 71-104. Sermini, Sara: „E se paesani/ zoppicanti sono questi versi“. Povertà e follia nell’opera di Amelia Rosselli. Introduzione da Antonella Anedda. Firenze: Olschki 2019. Tandello,-Emmanuela: Amelia Rosselli, la fanciulla e l’infinito. Roma: Donzelli 2007. DOI 10.24053/ Ital-2024-0011 Amelia Rossellis Ringen mit der Welt 155