Italienisch
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0171-4996
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Narr Verlag Tübingen
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Fesenmeier Föcking Krefeld OttElwys De Stefani/Anja Stukenbrock (Hrsg./ a cura di): Hundert Jahre Italienische Umgangssprache: Leo Spitzer im Gespräch – Conversazioni con Leo Spitzer: a cento anni dalla pubblicazione della Italienische Umgangssprache. Heidelberg: Universitätsverlag Winter (Studia Romanica 236), 172 Seiten, € 38,00
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Klaus Grübl
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Elwys De Stefani/ Anja Stukenbrock (Hrsg./ a cura di): Hundert Jahre Italienische Umgangssprache: Leo Spitzer im Gespräch - Conversazioni con Leo Spitzer: a cento anni dalla pubblicazione della Italienische Umgangssprache. Heidelberg: Universitätsverlag Winter (Studia Romanica 236), 172 Seiten, € 38,00 Klaus Grübl Neben einer auf Deutsch (7-18) und auf Italienisch (19-31) dargebotenen Einleitung versammelt der vorliegende Band sechs Beiträge namhafter Autoren, die aus Anlass des einhundertjährigen Jubiläums der Publikation von Leo Spitzers Italienischer Umgangssprache (1922) zurückblicken auf das Werk des in Wien geborenen jüdischen Romanisten (1887-1960), der nach Stationen in Bonn, Marburg, Köln und Istanbul zuletzt an der Johns Hopkins University in Baltimore tätig war. Sie gehen dabei insbesondere der Frage nach, inwieweit es Spitzer gelang, mit der ihm eigenen, von ihm selbst als „deskriptiv-psycho‐ logisch[e]“ (1922: VIII) bezeichneten Methode linguistische Erkenntnisse vor‐ wegzunehmen, die erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts theoretisch und methodologisch systematisiert wurden, etwa im Rahmen diskursanalytischer, pragmatischer und interaktionslinguistischer Ansätze. In ihrer Einleitung (ich halte mich hier an die deutsche Version), die auch eine hilfreiche Zusammenfassung der im Band publizierten Beiträge enthält (12-16), umreißen Elwys De Stefani und Anja Stukenbrock den Entstehungskontext und die methodischen Grundlagen von Spitzers Umgangssprache (7-12): Bereits 1913 hatte Spitzer sein - im September 1914 fertiggestelltes, kriegsbedingt aber erst Jahre später veröffentlichtes - Werk in einem Brief an Hugo Schuchardt angekündigt mit den Worten, es solle in dem Buch um „das Ungesprochene, aber DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 1 Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (06-10768). Wien, 04.11.1913. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https: / / gams .uni-graz.at/ o: hsa.letter.1431 (10.03.2025). 2 Es bliebe somit zu diskutieren, inwieweit behauptet werden kann, dass „Spitzers pri‐ märes Interesse […] der tatsächlich gesprochenen Alltagssprache“ (S. 9) gegolten habe. Das Desiderat, die dialektale Mündlichkeit Italiens zum Gegenstand einer linguistischen Untersuchung zu machen, weist Spitzer (1922: X I I I ) jedenfalls aus verschiedenen, im Wesentlichen praktischen Gründen von sich: Es fehle hier schlicht an einer handfesten Datenbasis; über Syntaktisches schwiegen die Dialektwörterbücher sich in der Regel aus; und überdies erschwerten, ja verunmöglichten die Dialekte „dem Verständnis des Ausländers das Erfassen der in der Umgangssprache so wichtigen Nuance, der stilistischen ‚valeur‘“. Spitzers selbstbewusster Kommentar, dass die Dialekte „den Rahmen [der Studie] gesprengt, nicht erweitert“ hätten, darf aber wohl als Ausweis seiner Auffassung gelten, dass die konstitutiven Bestandteile des „beim Sprechen Gefühlte[n]“ sich im Wesentlichen sprachunabhängig, also auf universeller Ebene erfassen ließen. So ist wohl auch Spitzers Hinweis zu verstehen, „daß vielleicht zu einer Darstellung einer romanischen Umgangssprache das Französische oder etwa das Rumänische ein ergiebigeres Material geliefert hätten“ (1922: I X ). 3 Vgl. dazu etwa Gumbrecht 2002: 72-151. Mitverstandene“ 1 gehen. Im Vorwort, das Spitzer an seinen „Verehrte[n] Meis‐ ter“ Wilhelm Meyer-Lübke richtete, beschrieb der Autor seine Methode als ein „Nachfühlen psychologischer Prozesse, die sich zwischen zwei Gesprächspart‐ nern während eines Gesprächs abspielen“ (1922: VIII ; im Original gesperrt). Als Datenbasis dienten Spitzer in erster Linie Dialoge aus italienischen Theaterstü‐ cken, also fingierte Mündlichkeit, deren literarische Stilisierung und begrenzte Repräsentativität der Autor durchaus erkannte. Im Übrigen darf man Spitzers Anspruch, in seiner Umgangssprache die „mündliche Rede des ‚korrekt‘ (normal, durchschnittlich) sprechenden Italieners“ (1922: VII ) darzustellen, angesichts der am Beginn des 20. Jahrhunderts in Italien wohl noch flächendeckend bestehenden Diglossie für durchaus problematisch halten. 2 Gleichwohl ist nicht von der Hand zu weisen, dass Spitzers Vertrauen in die Fähigkeit der herange‐ zogenen Autoren, in ihren Theater- oder Romandialogen in mehr oder weniger authentischer Weise bestimmte Charakteristika des gesprochenen Italienisch darzustellen (z.B. Diskurspartikeln, Ellipsen, Anakoluthe), im Ergebnis zu sehr präzisen, auch aus heutiger Sicht überzeugenden Beobachtungen geführt hat. Schon aufgrund ihrer Entstehungszeit kann Spitzers Arbeit natürlich nicht an den methodologischen Standards der heutigen Korpuslinguistik gemessen wer‐ den. Die datenzentrierte, die Beispiele kumulierende Anlage und der stark de‐ skriptive, zur Digression neigende Duktus der Monographie zeigen außerdem, dass Spitzer - der sich ja auch in seinen literaturwissenschaftlichen Arbeiten vor allem für die stilistische Besonderheit der analysierten Texte interessierte 3 - keineswegs das Ziel verfolgte, mit seiner aus den Belegen heraus entwickelten, DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 172 Klaus Grübl 4 Gleich zu Beginn seines Vorworts spricht Spitzer von einer „an der Erscheinungen Vielfalt sich unterwürfig anschmiegende[n] deskriptive[n] Methode“ (1922: V ), die er an die Stelle des „Streben[s] nach systematischer Architektonik“ und des „großartig konstruktiven Historismus“ seines akademischen Lehrers Meyer-Lübke setzt. 5 Dieser Ansicht war im Übrigen wohl auch Spitzer selbst: Sein Unterfangen, auf der Basis fremdsprachlicher Belege die im Gespräch ablaufenden mentalen Prozesse zu erschließen, bezeichnete er jedenfalls als persönlichen „Präzedenzfall“ (1922: X I I I ). 6 Wunderlich gebraucht systematisch die Form Umgangsprache, Spitzer dagegen die Variante mit Fugen-s. behutsam interpretierenden Beschreibung „psychologische[r] Prozesse […] während eines Gesprächs“ eine ‚Theorie‘ der natürlichsprachlichen Interaktion vorzulegen. Dennoch steht für die Bandherausgeber außer Frage, dass Spitzer mit seiner originellen, von ihm selbst als unsystematisch qualifizierten 4 Form der „sprachanalytischen Praxis“ (16) empirisches Neuland betrat. 5 Ob die von Spitzer so pionierhaft geleistete Konzentration auf die „konstitutiven Elemente[n] des Gesprächs zwischen zwei oder mehreren Parteien“ (1922: VI ) mit den Konzepten heutiger pragmatischer Forschungsdisziplinen angemessen erfasst oder gar in eine historische Reihe gestellt werden kann - das ist hingegen eine Frage, die von den Autoren des Bands durchaus unterschiedlich beantwortet wird. Aus germanistischer Perspektive geht Peter Auer in einem lesenswerten Beitrag („‚Der innere Kern muss erschlossen werden, dem die äusseren Er‐ scheinungen entkeimen‘: Umgangssprache bei Wunderlich und Spitzer“; 33- 56) der Frage nach, inwieweit Hermann Wunderlichs 1894 erschienene Mo‐ nographie Unsere Umgangsprache in der Eigenart ihrer Satzfügung, die Spit‐ zer als Vorbild für seine Arbeit anführt (vgl. 1922: V , VI , VII , XI , XIV ), die Italienische Umgangssprache beeinflusst hat und inwiefern Spitzer über seine dem Deutschen gewidmete Vorlage hinausgeht. Auer stellt zunächst heraus, worin die bemerkenswerte Innovationsleistung von Wunderlichs Abhandlung bestand: Die ‚Umgang(s)sprache‘ 6 , also das gesprochene Hochdeutsch, ist im Wesentlichen ein Phänomen des späteren 18. und des 19. Jahrhunderts; denn erst zu dieser Zeit etabliert sich im städtischen Bürgertum eine mündliche Form des Deutschen, die zugleich überregional verständlich und frei von der Künstlichkeit der (geschriebenen) Standardvarietät ist. Syntaktisch und stilis‐ tisch („in der Eigenart ihrer Satzfügung“) weist die Umgangssprache somit die typischen, im Wesentlichen universellen Charakteristika der konzeptionellen Mündlichkeit auf. Da die Unterschiede zwischen den traditionellen, primären Dialekten und dem in bürgerlichen Milieus sich verbreitenden Umgangsdeutsch in der Syntax eher gering sind, greift Wunderlich bei seinem Versuch, die Be‐ sonderheiten der gesprochenen Sprache zu analysieren, neben hochdeutschen Texten (in erster Linie Theater- und Romandialogen aus Werken des 18. und DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 De Stefani/ Stukenbrock (Hrsg./ a cura di) Hundert Jahre Italienische Umgangssprache 173 7 Hier zitiert Auer aus einem Aufsatz von Wunderlich (vgl. Wunderlich 1893/ 94: 116). - Aus Wunderlich 1894 ließen sich zahlreiche weitere Beispiele anführen, die den Versuch des Autors zeigen, die strukturellen Besonderheiten der Mündlichkeit aus der Spezifik ihrer Produktionsbedingungen abzuleiten. Vgl. etwa - in einem Abschnitt zum temporaldeiktischen Ursprung der Diskurspartikel nun (wie dem auch sei): „die sinnlich warnehmbare [sic] Situation ist es eben, aus der die Umgangsprache mit ihrer Lebendigkeit losbricht“ (1894: 37). 19. Jahrhunderts) auch auf Dialektliteratur zurück. Wie später Spitzer geht es Wunderlich also um die syntaktischen Merkmale mündlicher Sprachproduktion und um deren außersprachliche Herleitung aus den für die spontane face-toface-Kommunikation charakteristischen Situations- und Kontextparametern. Die Tatsache, dass sowohl Spitzer als auch Wunderlich für ihre Analysen vor allem auf literarisch stilisierte und damit wenig authentische Formen der Mündlichkeit zurückgriffen, ist für Auer ein wichtiges Argument gegen die ahistorische-Vereinnahmung der beiden Sprachforscher als „Wegbereiter“ heu‐ tiger konversationsanalytischer oder interaktionslinguistischer Ansätze (39 f., 52 f.). Bemerkenswert ist gleichwohl der von Wunderlich (1894: 1-22) in einem eigenen Kapitel entwickelte Ansatz zu einer Typologie von „Rede und Schrift“: Zwar sind Wunderlichs Ausführungen im assoziativen, bisweilen plauderhaft wirkenden Stil der Zeit gehalten; die konzeptionellen Divergenzen von gespro‐ chener und geschriebener Sprache werden darin aber recht konsequent aus den unterschiedlichen Produktionsbedingungen abgeleitet. Auf diesen Überle‐ gungen konnte Spitzer später anerkennend aufbauen: „[D]as I. Kapitel Wunder‐ lichs enthält eine Umgrenzung des Begriffs Umgangssprache, die ich nicht wiederholen will“ (1922: VII ). In der Tat formulierte Wunderlich eine Reihe von Einsichten, die entfernt an die Darstellung der „Kommunikationsbedingungen“ im Nähe/ Distanz-Modell von Koch/ Oesterreicher (1985; 2011: 3-19) erinnern und die auch noch für die heutige Mündlichkeitsforschung ihre Gültigkeit haben dürften (Auer präsentiert dazu auf S. 46 eine praktische Übersicht mit einigen griffigen Zitaten aus Wunderlichs Arbeit: die gesprochene Sprache „spricht zum Ohr“ (1894: 7) und ist zeitlich gebunden; sie „entwickelt sich […] aus bestimmten Situationen heraus“ 7 und richtet sich an „kleine Verkehrskreise“ (1894: 21); sie ist geprägt von der „Lebhaftigkeit der Empfindungen“ (1894: 109) und von der „Wirkung des Gesprochenen, die vom Hörenden auf den Redenden zurückspringt“ (1894: 20)). Wie Auer zeigt, war es aber erst Spitzer, der bei sei‐ nen Analysen die Sprecher/ Hörer-Beziehung und die Situationsgebundenheit des Dialogs „programmatisch in den Vordergrund [rückte]“ (54). Wunderlich verharrte nämlich noch weitgehend in der sprachhistorischen Perspektive des für seine Zeit prägenden junggrammatischen Paradigmas: Daher läuft seine DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 174 Klaus Grübl 8 Vgl. etwa Wunderlichs Überlegungen zur ‚Pragmatikalisierung‘ von nun und so (z.B. nun ja, ach so, so so): „[Es] heftet sich eine bestimmte Klangfarbe des Tones an Formen, in denen ursprünglich ein wesentlich anderer Bedeutungsgehalt ruhte, und meist sind solche Verschiebungen zugleich mit einem Drängen an die Spitze des Satzes verknüpft“ (1894: 37). Analyse gesprochensprachlicher Strukturen in aller Regel auf die Beschreibung kognitiver Prozesse hinaus, die in der Umgangssprache (oder in den Dialekten) zum Wandel durch „Verfestigung“ und „semantische Ausbleichung“ (40) ge‐ führt haben. 8 Bei Spitzer überwiegt dagegen die synchronische, „psychologischdeskriptive“ Untersuchung der Situations- und Kontexteinbindung des dialogi‐ schen Sprechens. Wie Auer zu Recht festhält, kommt Spitzers Analysemethode aber im Wesentlichen einer stilistischen, „psychologisierende[n] Annäherung an die sprachlichen Äußerungen und Strukturen“ (52-54) gleich. Trotz pro‐ funder Einsichten in die kontextuell-pragmatische Bedingtheit des Sprechens fehle es Spitzers Ansatz an wissenschaftlicher Systematik, so dass man ihn kaum sinnvoll mit den methodologischen Prinzipien der heutigen Mündlich‐ keitsforschung in einen Zusammenhang stellen könne. Elwys De Stefani bietet in seinem Beitrag („Tra conversazione e Umgangs‐ sprache“; 57-77) einen interessanten, detailreichen Überblick zur Geschichte des Konversationsbegriffs und damit zusammenhängender Konzepte in Deutsch‐ land und Italien, den er mit einem wissenschaftshistorischen Exkurs zur Entste‐ hung der Mündlichkeitsforschung verbindet und schließlich auf die Frage nach Spitzers Rolle in dieser Entwicklung engführt („Il ruolo di Spitzer nell’affermarsi di una linguistica del parlato“; 70-72). De Stefani zeigt, dass der seit dem 18. Jahrhundert belegte deutsche Terminus Umgangssprache (oder Sprache des Umgang(e)s) dem in Italien bereits im Cinquecento verhandelten Konzept der conversazione sehr ähnlich ist (vgl. dazu vor allem Stefano Guazzos Werk La civil conversatione, 1574). Von Beginn an eigne dem Begriff im Deutschen ein „carattere poliedrico“ (60): Denn einerseits steht Umgangssprache in Oppo‐ sition zur - räumlich variierenden - Mundart, andererseits zur - stilistisch elaborierten - Schriftsprache (auch: Sprache der Schriften; vgl. Bodmer/ Breitinger 1746: Bd. 2, 625). Historisch liegt offenkundig eine Metonymie vor, die vom Konzept des gesellschaftlichen, freundschaftlichen Umgangs (oder: Verkehrs) zwischen gebildeten Personen (60-63) über die gepflegte mündliche (aber nicht-mundartliche) Konversation hin zur dafür verwendeten (überregionalen) Varietät führt. So weist etwa das Wörterbuch von Joachim Heinrich Campe (1811: 75) den Ausdruck Conversationssprache als Synonym für Umgangssprache aus (59). Während dieser Terminus aber im 20. Jahrhundert - wohl als Folge der sozialen Ausbreitung des gesprochenen Hochdeutsch von ‚oben‘ nach DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 De Stefani/ Stukenbrock (Hrsg./ a cura di) Hundert Jahre Italienische Umgangssprache 175 ‚unten‘ - zum allgemein üblichen, tendenziell sogar abwertenden Begriff für das gesprochene, regional variable, aber nicht-dialektale Deutsch wurde, haben sich im Italienischen und Französischen keine äquivalenten Bezeichnungen heraus‐ gebildet. Denn da der germanistische Begriff der Umgangssprache zugleich den Aspekt der konzeptionellen Mündlichkeit und der regionalen Variation umfasst, entsprechen ihm auf romanischer Seite zum einen die italiani regionali oder français régionaux, zum anderen das italiano parlato oder français parlé. Die mit it. (lingua della) conversazione oder fr. (langue de la) conversation verbundenen Konzepte sind dagegen näher an der ursprünglichen Bedeutung des dialogischen Austauschs und der (gepflegten) Unterhaltung geblieben. De Stefani verweist in diesem Zusammenhang auch auf die intellektuelle Tradition der höfischen Konversationskultur, die sich im 16. Jahrhundert durch Werke wie Castigliones Libro del Cortegiano (1528), Della Casas Galatheo overo de’ costumi (1558) und Guazzos Civil conversatione (1574; s.o.) von Italien aus in Europa verbreitete (65 f.). Zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung wird das Alltagsgespräch jedoch erst am Ende des 19. Jahrhunderts, so etwa in (proto-)sozialpsychologischer Perspektive bei Moritz Lazarus (1878; Lazarus 1986) oder eben von germanistischer Seite bei Hermann Wunderlich (1894). Ähnlich wie Peter Auer sieht De Stefani den Beginn einer methodologischen Systematisierung der Gesprächsforschung erst in den 1960er Jahren (und wohl nicht zufällig koinzidiert der Aufschwung einschlägiger Disziplinen wie der Labovschen Soziolinguistik oder der US-amerikanischen Konversationsanalyse mit der Verfügbarkeit portabler Audio-Aufnahmegeräte; 69). Leo Spitzers Rolle in dieser - sehr weit gefassten, in mehreren autonomen Traditionslinien verlaufenden - Geschichte der Gesprächsforschung bleibt für De Stefani die eines zwischen den Paradigmen seiner Zeit stehenden Sonderlings (als solcher wurde Spitzer übrigens auch später, im US-Exil, betrachtet, als er sich vor allem literaturwissenschaftlichen Fragen widmete; vgl. dazu den Beitrag von Utz Maas im hier besprochenen Band, 132). Der Reiz von Spitzers Arbeiten bestehe somit gerade in seiner Fähigkeit, die Denkschulen zu überschreiten und verschiedene methodische Einflüsse in kreativer Weise zusammenzuführen. Offenkundig gibt es zwischen den frühen Arbeiten eines Lazarus (1878; Lazarus 1986), Wunderlich (1894) oder Spitzer (1922) und der in den 1960er und 1970er Jahren entwickelten Methodologie der Gesprächsanalyse keine historische Kontinuität. Deshalb kann Spitzer nicht im eigentlichen Sinn als ‚Vorläufer‘ pragmatischer Disziplinen wie der interaktionalen Linguistik gelesen werden - auch wenn er sich in pionierhafter Weise mit Phänomenen befasste, die später innerhalb dieser Forschungsdisziplinen adressiert wurden. Für De Stefani steht nichtsdestoweniger außer Frage, dass Spitzer im Kontext des zeitgenössi‐ DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 176 Klaus Grübl 9 Hier ist dem Autor ein unglücklicher Lapsus unterlaufen: Es ging den Junggrammati‐ kern natürlich nicht um die ‚Unsagbarkeit‘ der Lautgesetze (70: „ineffabilità delle leggi fonetiche“), sondern um deren Ausnahmslosigkeit (it. ineccepibilità). 10 Vgl. dazu das Zitat in Anmerkung 4. - In diesem Zusammenhang sei auch an die zwei anderen Werke aus Spitzers „dem Italienischen gewidmete[n] Bücher-Triptychon“ (1922: 292) erinnert: Die Umschreibungen des Begriffes „Hunger“ im Italienischen und Italienische Kriegsgefangenenbriefe (Spitzer 1920 bzw. 1921). schen Spannungsfelds zwischen junggrammatischem Positivismus 9 und idealis‐ tisch-ästhetischer Sprachforschung (Croce, Vossler), mit seinem feinen Gespür für die Nuancen des individuellen Sprachgebrauchs und seiner analytischen Sicht auf die situativen Bedingungen des dialogischen Sprechens (72: „ha descritto il parlare come un’attività che i partecipanti devono organizzare in modo situato“), einen bedeutenden Beitrag zur Mündlichkeitsforschung geleistet hat. Nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenwilligen, die konventionellen Pfade selbstbewusst überschreitenden Methode 10 üben Spitzers Arbeiten bis heute eine ungebrochene Faszination aus. Auch Maria Selig („Umgangssprache und Stil. Leo Spitzer und die aktuelle Sprachwissenschaft“, 79-99) beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Spitzer als Vordenker moderner pragmatischer Forschungsrichtungen angesehen werden kann. Wie De Stefani stellt sie zunächst heraus, dass Spitzers Arbeit durch eine Vielzahl von unterschiedlichen Modellen geprägt war, die der Autor in origineller Weise zusammenzuführen und weiterzuentwickeln verstand. Durch die Ausblendung historischer und medialitätsbezogener Überlegungen zum Verhältnis von Schriftsprache, Umgangssprache und Dialekten kann Spitzer sich deutlich konsequenter als sein germanistisches Vorbild Wunderlich (1894) auf die situativ-prozessualen Aspekte und auf die interaktionale Dimension des dialogischen Sprechens konzentrieren (80-85). In dieser Hinsicht geht Spitzers Studie weit über seine Modelle (darunter auch Charles Ballys Arbeiten zur französischen Stilistik) hinaus. Allerdings warnt Selig davor, Spitzers Leistun‐ gen unvermittelt am methodologischen Anspruch heutiger linguistischer For‐ schungsdisziplinen zu messen und ihm aus dieser ahistorischen Warte pauschal mangelnde Systematizität zu unterstellen. Für eine angemessene Würdigung von Spitzers „psychologisch-deskriptive[r]“ Methode - die der Autor wie eine Selbstverständlichkeit, ohne theoretische Fundierung, ansetzt - sei es notwendig, sich mit „dem ‚ganzen‘ Spitzer“ (94), also auch mit seiner litera‐ turwissenschaftlichen Forschung, auseinanderzusetzen und dabei in Rechnung zu stellen, dass Linguistik und Literaturwissenschaft zu Spitzers Zeit noch keine scharf voneinander getrennten Disziplinen waren. Deshalb entziehe sich die von Spitzer praktizierte, an der Schnittstelle von Sprache (langue) und Text DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 De Stefani/ Stukenbrock (Hrsg./ a cura di) Hundert Jahre Italienische Umgangssprache 177 11 Im Wesentlichen Sansò 2020. 12 Vgl. dazu Remberger 2021 und Favaro 2023. angesiedelte Stilistik (85-90) einer methodologischen Beurteilung durch heutige Kategorien von (linguistischer) Wissenschaftlichkeit. Spitzers theoretischer Non-Konformismus und seine intuitiv-hermeneutische, „auf textlichen Sinn ausgerichtete[n] Perspektive“ (95) zeugen für Selig aber auch von dem epistemi‐ schen Potential, das die Beschäftigung mit einer „Vorgeschichte der Pragmatik“ (96) für eine (visionäre) Weiterentwicklung heutiger linguistischer Paradigmen und ihres in der Regel hochspezialisierten, methodologisch streng abgezirkelten Erkenntnisinteresses birgt. So gesehen könne nämlich die bei Spitzer mit noch ‚prädisziplinärer‘ Offenheit betriebene Form der Sprach- und Diskursanalyse ein Anstoß sein für die Überwindung (oder immerhin ein Hinterfragen) allzu starrer disziplinärer Grenzziehungen und allzu selbstgenügsamer Methodologien, die die heutige Linguistik im Wesentlichen kennzeichneten - und die sie bisweilen zögerlich machten gegenüber Versuchen des progressiven Zusammendenkens von Teildisziplinen im Rahmen eines umfassenden, funktionalistischen Modells der sprachlichen Strukturbildung und deren semiotischer Potenz (Selig verweist hier exemplarisch auf gebrauchsbasierte und konstruktionsgrammatische An‐ sätze; vgl. 95, Anm. 13). In Angela Ferraris Beitrag („I segnali discorsivi nella Italienische Umgangs‐ sprache: un programma di ricerca tra linguistica del testo e pragmatica“, 101-122) treten die bei Auer und De Stefani betonten Vorbehalte gegenüber einer Vereinnahmung von Spitzers Arbeit durch die moderne Pragmatik und Textlinguistik deutlich in den Hintergrund. Vielmehr versucht die Autorin, ausgehend vom aktuellen Forschungsstand 11 aufzuzeigen, mit welcher Klarheit und Präzision Spitzer die formalen und funktionalen Eigenschaften italienischer Diskurspartikeln bereits vor über einhundert Jahren beschrieb (die Abgrenzung der Kategorie bereitet notorisch Schwierigkeiten; Ferrari vertritt einen weiten Begriff, der neben diskursgliedernden Konnektoren und interaktiv-prozeduralen ‚Gesprächswörtern‘ auch ‚abtönende‘, illokutionsbezogene Elemente wie pure oder un po’ umfasst; vgl. 103 f.). 12 Sie illustriert dies an einer Vielzahl von Beispielen aus Spitzers Werk und kommt zu dem Ergebnis, dass Spitzer mit seiner datenbasierten Analyse von Elementen wie ma, dunque, ebbene, allora, insomma, starei per dire, anzi oder senti un po’ im Kern bereits ein ‚echtes Forschungsprogramm‘ skizziert habe („un vero e proprio programma di ricerca“, 114-120). Ferrari zeigt, dass in Spitzers Darstellung - die gerade in diesem Bereich weit über Wunderlichs Arbeit hinauszugehen scheint (121) - alle we‐ sentlichen Eigenschaften der Funktionsklasse erkannt und adäquat beschrieben DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 178 Klaus Grübl 13 Eine Eigenschaft, die wiederum Maas Spitzers Sprachanalyse attestiert (127). werden (so etwa die prozedurale Funktion der Partikeln; ihre semantische Unter‐ bestimmtheit, Kontextabhängigkeit und Polyfunktionalität; ihre morphosyntak‐ tische Heterogenität und Transkategorialität; ihre historische ‚Erstarrung‘ (z.B. Spitzer 1922: 201) aus Elementen mit propositionaler oder anderer prozeduraler Bedeutung usw.). Der in der linguistischen Spitzer-Rezeption wiederholt beklagte Eindruck der mangelnden Systematizität ergebe sich lediglich daraus, dass die Ausführungen über verschiedene Kapitel der Monographie verteilt sind („Die Eröffnungsformen des Gesprächs“, „Sprecher und Hörer“, „Sprecher und Situation“, „Die Abschlußformen des Gesprächs“), dass Spitzers Argumentation sich in der Masse der herangezogenen Beispiele bisweilen verliert und dass die behandelten Phänomene nicht unter einen einheitlichen, klar definierten Begriff gebracht werden (insofern könnte allerdings hinterfragt werden, inwieweit es angemessen ist, Spitzer zu unterstellen, er habe ein „vero e proprio programma di ricerca“ formuliert; Angela Ferrari ist sich des zugespitzten, euphorischen Charakters ihrer Einschätzung aber wohl bewusst [120 f.]). Im vielleicht gewichtigsten Beitrag des Bandes („nihil est in syntaxi quod non fuerit in stylo. Leo Spitzers linguistische Arbeiten“, 123-149) skizziert Utz Maas virtuos 13 den sprachtheoretischen Hintergrund und die verschiedenen im zeitgenössischen Kontext relevanten Wissenschaftstraditionen, die Leo Spit‐ zers linguistisches Werk geprägt haben. Maas zeigt sehr klar, dass es keinen Sinn ergibt, den Autor der Italienischen Umgangssprache in der (a)historischen Rückschau zu einem Italianisten, Pragmatiker oder Gesprächslinguisten ante litteram zu machen; denn Spitzer, der sich selbst zeitlebens als „Sprachforscher“ (1922: 293) bezeichnete (146), war ein „Außenseiter im Fach“ (144) und ein „philologischer Freibeuter“ (146): In seinen Stilanalysen setzte er im Prinzip die humanistische Tradition der hermeneutischen, am Text entlang entwickelten Sinnerschließung fort. Dabei war es sein Anspruch, den state of the art der damals virulenten fachlichen Entwicklungen und ihres weiteren epistemologischen Rahmens zu rezipieren (Historische Linguistik, Dialektologie, Strukturalismus, Soziologie, Erkenntnistheorie); er selbst beteiligte sich aber lange Zeit nicht aktiv an der Theoriediskussion. Spitzer gehe es jedenfalls nicht um das formale Konstrukt der langue, sondern um die vielfältigen Erscheinungsformen des langage, des „Sprachleben[s] in seiner formalen Heterogenität“ (127). So erkläre sich Spitzers anthropologisch-universalistische Motivation, „das Allgemein-Um‐ gangssprachliche menschlicher Rede aus Speziell-Italienisch-Umgangssprachli‐ chem […] heraus[zu]präparieren“ (Spitzer 1922: 292). Wenn Spitzer sich also für die italienische Umgangssprache und die „konstitutiven Elemente[n] des DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 De Stefani/ Stukenbrock (Hrsg./ a cura di) Hundert Jahre Italienische Umgangssprache 179 Gesprächs zwischen zwei oder mehreren Parteien“ (1922: VI ) interessierte, dann tat er das nicht, um einen Beitrag zur italienischen Varietätenlinguistik zu leisten oder eine pragmatische Theorie der sprachlichen Interaktion zu entwickeln; er tat es vielmehr, weil er die Dialogizität und ihre situativen Voraussetzungen als „natürliche Konstante gesprochener Sprache“ (127) erkannte und weil es sein übergeordnetes Ziel war, das „Sprachleben“ (126-129) - die in der individuellen Praxis und in „sozial differenzierten Konstellationen“ (131) sich manifestierenden idealtypischen Formen der menschlichen Sprechtätigkeit - zu verstehen, ‚nach‐ zufühlen‘ und deskriptiv herauszuarbeiten. In der strukturalistischen (letztlich junggrammatisch inspirierten) „Engführung“ (131-139) auf die laborhaft synthe‐ tisierte Homogenität dekontextualisierter einzelsprachlicher (oder dialektaler) Systeme sah er hingegen die Gefahr des epistemischen Verlusts jener Wesens‐ merkmale, die das Eigentliche, Lebendige, über den grammatischen Regeln Stehende der menschlichen Sprechtätigkeit ausmachen: Denn „alle Neuerung geht von schöpferischen Einzelnen aus, nihil est in syntaxi quod non fuerit in stylo, Syntax, ja Grammatik sind nichts als gefrorene Stilistik“ (Spitzer 1925: 179; 123 f.). Was Spitzer faszinierte, war somit das kreative Potential der menschlichen Sprachpraxis in ihrer individuellen, historischen, sozialen und einzelsprachlichen Diversität; deshalb bot ihm der in den Kriegsgefangenenbriefen zu beobachtende „Kampf [der semicolti] mit der Schriftsprache“ (Spitzer 1921: 15) ein ebenso fruchtbares Terrain wie die literarischen, sprachschöpferischen Experimente eines Rabelais, Góngora oder Nestroy. Der universalistisch-anthropologische Sprachbegriff und die hermeneutische Tradition der philologischen Textanalyse bilden somit den geistigen Horizont, vor dem Spitzers linguistisches Werk zu verstehen ist. Dazu ein letztes, programmatisches Zitat aus Spitzers „Nachwort“ zur Italienischen Umgangssprache (1922: 293): „Der Sprachforscher muß sich heute von entseelender ‚Grammatikalisierung‘ der Sprache fernhalten: er betone nicht nur das Leben der Sprache, sondern sehe in ihr vor allem die quellende Fülle menschlichen Erlebens! “ Zum Abschluss des Bandes unternimmt Lorenzo Renzi in einer originellen philologischen Studie den Versuch, Leo Spitzer als Verfasser eines kurzen, für den internen Gebrauch im Wiener Zensurbüro bestimmten Manuals aus dem Jahr 1915/ 2 1916 zu identifizieren („Un’attribuzione: uno scritto di Spitzer censore umanitario“, 151-172). Spitzer war dort von September 1915 bis November 1918 in leitender Funktion (als sogenannter Remedurkontrollor) für die Zensur der italienischen Kriegsgefangenenkorrespondenz zuständig. Während dieser Zeit sammelte Spitzer das umfangreiche empirische Material, das er für seine beiden anderen Monographien auswertete (Spitzer 1920 und 1921). In beiden Ausgaben DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 180 Klaus Grübl 14 Die Zensur der Kriegsgefangenenkorrespondenz. Merk und Handbuch [sic] für den Zensur‐ dienst [1915], 20 S. (im Folgenden: Zensur); Instruktionsbuch der Zensurabteilung (1916), 27 S. - Beide Hefte wurden herausgegeben von der „Leitung der Zensurabteilung“, einer Unterabteilung des Roten Kreuzes. 15 Die vermutlich ältere Ausgabe [1915] der Handreichung ist im Unterschied zur ver‐ mutlich jüngeren [1916] nicht datiert; im Bestand des Kriegsministeriums (heute: Österreichisches Staatsarchiv) wurde sie aber im Ordner für das Jahr 1915 archiviert. Das Heft kann online konsultiert werden unter: https: / / wk1.staatsarchiv.at/ gefangene -und-fluechtlinge/ kriegsgefangenschaft/ index.html. - Die von Renzi (S. 166, Anm. 34) erstellte Synopse der Varianten, die die zweite Fassung der „Richtlinien“ geringfügig von der ersten unterscheiden, steht teilweise im Widerspruch zum Wortlaut der Passage, die Renzi als „gran finale“ bezeichnet und auf S. 165 zitiert. Die von Renzi (korrekterweise) als Originalversion (1915) ausgewiesene Passage enthält nämlich zwei Varianten, die in Anm. 34 (irrtümlich) der 1916er-Fassung zugeordnet werden (er möge dessen eingedenk bleiben, das stets wache Pflichtgefühl). des von Renzi analysierten Manuals 14 wird zunächst die Organisation der Arbeitsabläufe in der Zensurabteilung beschrieben und werden sodann die für die „Remedur“ (d.h. Schwärzung) der Kriegsgefangenenbriefe anzusetzenden Prinzipien erläutert. Renzi argumentiert, dass die jeweils im hinteren Teil abgedruckten „Richtlinien der Zensorentätigkeit im Besonderen“ zumindest in ihrer ursprünglichen Fassung von 1915 15 aus Spitzers Feder stammen: „[D]a suo vecchio lettore“ erkennt Renzi darin Spitzers „voce di incantatore“ (159), seinen gehobenen Stil und die klare, bisweilen ciceronianisch anmutende Syntax eines humanistisch Gebildeten (161). Für Spitzers Autorschaft sprächen aber auch die an die Zensoren gerichteten Aufforderungen, ihre Arbeit nicht als „mechanisches Lesen von Briefen und Karten“ (Zensur: 20) zu betreiben, sondern „zwischen den Zeilen [zu] lesen“ [Zensur: 17; bei Renzi wird auf S. 163 fälschli‐ cherweise auf Zensur: 7 verwiesen] und im übergeordneten Interesse einer „rationelle[n] und humane[n] Behandlung der in unseren Lagern befindlichen Gefangenen und Internierten“ (Zensur: 19) zu wirken. Typisch für Spitzers enthusiastischen Stil scheint Renzi auch das den „Richtlinien“ (allerdings nur in der 1915er-Ausgabe) nachgestellte, abgesetzt und fett gedruckte Motto zu sein: „Daher gelte als oberster Grundsatz: nicht quantitativ - qualitativ zensieren! “ (Zensur: 20). Renzi überlässt das abschließende Urteil über die Plausibilität seiner Zuordnung dem Leser. Sollte Spitzer aber tatsächlich der Autor der „Richtlinien“ sein, dann sähe Renzi ihn dadurch von dem bei Foligno (1922) geäußerten Vorwurf befreit, er habe seine ohnehin fragwürdige Funktion als Kriegszensor in unredlicher Weise dazu genutzt, wissenschaftliches Material zu sammeln. Renzi sieht Spitzer vielmehr als „censore umanitario“, der nicht nur an die patriotische, sondern auch an die menschliche Verantwortung der Zensoren appellierte. DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 De Stefani/ Stukenbrock (Hrsg./ a cura di) Hundert Jahre Italienische Umgangssprache 181 16 Hier eine Liste der wenigen Fehler, die ich im Buch gefunden habe: „Einführung in Spitzers Leben und wissenschaftlicher Leistung“ (13); „bildet De Stefani die etymologi‐ sche Nähe und den lexikographischen Umgang der beiden Begriffe ab“ (14); „Beim Thema der ‚elliptische Sätze‘“ (S. 45); „Ich sehe daher keinen Grund für Annahme“ (52, Anm. 25); „Fundierung gesprochen sprachlicher Phänomene“ (S. 54); „Mass“ (statt Maas; 85); „Leiter eines der fünf Zensurgruppen“ (158); „da wache“ (statt das; 166, Anm. 34). - Übrigens hätte ich auffällige Formulierungen in der Einleitung wie „lexikographischen Umgang der beiden Begriffe“ (S. 14) oder „Die Gründe dieser Verzögerung“ (7) als Übersetzungsinterferenzen eingestuft (vgl. „trattamento lessicografico dei due termini“ [27] bzw. „Le ragioni di questo ritardo“ [19]). In der ersten Fußnote zur italienischen Version des Kapitels (19) danken die Herausgeber aber Samuel Lo Presti für die Übersetzung und Liliana Lovallo „per l’attenta lettura“, was offenbar so zu verstehen ist, dass die Originalfassung des Texts die deutsche ist. 17 Vgl. zu dieser Tendenz auch die allgemeine Zeitkritik von Strohschneider 2024. Meine ausführliche Besprechung hat hoffentlich gezeigt, dass es sich bei dem - schmalen, aber reichhaltigen - Band, den Elwys De Stefani und Anja Stu‐ kenbrock vorgelegt haben, um eine anspruchsvolle, sorgfältig kuratierte 16 und überaus anregende Lektüre handelt. Was die von den Herausgebern gestellte Leitfrage angeht, so scheint mir aufgrund der instruktiven und differenzierten Perspektiven, die die Autoren des Bands auf die Italienische Umgangssprache eröffnen, in der Gesamtschau recht klar zu sein, dass das einhundert Jahre alte Werk nicht adäquat als früher Beitrag zur italienischen Varietäten- oder allgemeinen Gesprächslinguistik gelesen werden kann. Wie vielleicht am deut‐ lichsten aus den Artikeln von Maria Selig und Utz Maas hervorgeht, war Spitzers epistemischer Horizont ein ganz eigener, der die unterschiedlichsten Impulse aufnahm und aus dem der Autor in höchst origineller, virtuoser und kreativer Weise zu schöpfen verstand. Für die heutige Linguistik sollte Spitzer also nicht die Rolle des - theoretisch und methodisch überholten - Begründers irgendeiner modernen Teildisziplin haben, auf den man bisweilen nostalgisch zurückblicken kann. Angesichts des kaum reflektierten, mechanistischen Sprachbegriffs, den der in der heutigen Linguistik vorherrschende Glaube an die totale ‚Berechen‐ barkeit‘ des Sprachlichen impliziert, 17 scheint mir aus Spitzers feinsinniger, anthropologisch orientierter Philologie („Sprachseelenforschung“; Spitzer 1922: 293) vielmehr ein hochaktueller methodologischer Imperativ zu sprechen. Bibliographie Bodmer, Johann Jakob/ Breitinger, Johann Jakob (1746): Der Mahler der Sitten. 2 Bde. Zürich: Conr. Orell u. Comp. Campe, Joachim Heinrich (1811): Wörterbuch der deutschen Sprache. Fünfter und letzter Theil. U bis Z. Braunschweig: Schulbuchhandlung. DOI 10.24053/ Ital-2024-0013 182 Klaus Grübl Favaro, Marco (2023): Modal particles in Italian: Adverbs of illocutionary modification and sociolinguistic variation. Berlin: Language Science Press (= Open Romance Linguistics 6) - https: / / doi.org/ 10.5281/ zenodo.10259474 (10.03.2025). Foligno, Cesare (1922): „[Rez. zu Spitzer (1920)]“. 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