eJournals Italienisch46/91

Italienisch
ita
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0014
ita4691/ita4691.pdf1215
2025
4691 Fesenmeier Föcking Krefeld Ott

Clodagh Brook/Florian Mussgnug/Giuliana Pieri: Intermedia in Italy: From Futurism to Digital Convergence. Cambridge: Legenda 2024. 248 Seiten, € 120,00 (= Visual Culture, 6)

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2025
Daniele Migliori
ita46910185
Clodagh Brook/ Florian Mussgnug/ Giuliana Pieri: Intermedia in Italy: From Futurism to Digital Convergence. Cambridge: Legenda 2024. 248 Seiten, € 120,00 (= Visual Culture, 6) Daniele Migliori Selbst im Jahr 2025 ist Intermedialität noch eine neuartige Richtung der philo‐ logischen Wissenschaft: Meistens konzentrierte sich die bisher veröffentlichte Literatur auf Intermedialität binnen eines einzigen Mediums, erst seit neuester Zeit werden in einigen Monographien die Grenzen einzelner Medien wirklich überschritten, um sich auf eine tatsächlich intermediale Theorie zu fokussieren. Auf der wertvollen Arbeit ihrer Vorgänger*innen basieren Clodagh Brook, Florian Mussgnug und Giuliana Pieri das Werk Intermedia in Italy: From Futurism to Digital Convergence (2024), eine übergreifende Monographie der intermedialen Praxis in Italien vom Futurismus bis hin zur Pandemie. Wie in einer episodischen Zeitreise im vereinten Italien werden sieben Wendejahre der italienischen Geschichte vorgestellt, in denen jeweils die größten künstlerischen und intellektuellen Veränderungen im intermedialen Bereich stattgefunden haben. Das Werk beginnt im Jahr 1915 und diskutiert die Entwicklung der futu‐ ristischen intermedialen Ästhetik von den Vorkriegsjahren bis zum Manifest Ricostruzione futurista dell’Universo (1915). Das erste Kapitel, „1915: Revolution“ (33-61), beleuchtet die kreativen futuristischen Eingriffe in alle Bereiche der Künste und Wissenschaften wie Architektur, Stadtplanung, Malerei, Bildhaue‐ rei, Möbeldesign, Bühnenbild, Mode, Alltagsgegenstände, Literatur, Typografie, Werbung und Kommunikation. Es werden auch die Verschmelzung der Künste und ihre grundlegende Vernetzung erörtert. Die Ideen der Gleichzeitigkeit und universelle Dynamik werden diskutiert und das Konzept von Grenzen wird infrage gestellt. Diese Aspekte werden im Jahr 1932 mit dem Begriff des Gesamtkunstwerks und seinem Zusammenhang mit der faschistischen Revolution in Italien bis hin DOI 10.24053/ Ital-2024-0014 zur Mostra della Rivoluzione Fascista (MdRF) weiterentwickelt („1932: Gesamt‐ kunstwerk“, 63-85). Hier realisiert sich das utopische Konzept zur Vereinigung der Künste und sein Potenzial für politische und ideologische Zwecke. Das Kapitel untersucht auch die Methoden, wie die Faschisten die Künste in das Regime integrierten und wie diese Integration ermöglicht wurde. Die Autoren erörtern außerdem die Art und Weise, wie die MdRF einen immersiven Raum schuf, in dem die Barriere zwischen dem, was inszeniert wurde, und dem Betrachter praktisch unsichtbar war. Diese Erosion zwischen Kunst und Leben wurde von dem totalitären Regime genutzt, um die Grenzen zwischen Kunst, Ideologie und Gesellschaft zu sprengen. In der Nachkriegszeit veranschaulicht das Werk den experimentellen Cha‐ rakter des Gruppo ‘63. Im Kapitel „1963: Experiment“ (87-113) wird der ge‐ sellschaftliche Kontext der Zeit diskutiert, der von rasanter Modernisierung, Konsumismus und dem Aufstieg einer neuen städtischen Mittelschicht geprägt war. Die Autoren skizzieren außerdem die Unterschiede zwischen Avantgarde und Experimentalismus und untersuchen die experimentellen Praktiken von Künstlern und Schriftstellern wie Edoardo Sanguineti, Mario Ricci und Umberto Eco. Ziel ist die Neukonfiguration von Kunstformen und ihre Manifestation durch verschiedene Medien. Es werden die radikalen Versuche beleuchtet, konventionelle Vorstellungen von Lesbarkeit und Komposition in Frage zu stellen. Im Kapitel „1972: Collapse“ (115-141) werden die Krisenjahre vorgestellt, die nach dem Wunder der 1960er Jahre die Gesellschaft sowie die Kunst Italiens tief verändern. Die Kunst befindet sich in dem Spannungsfeld von apokalyptischer Stimmung der anni di piombo und Problematiken, die aus der Umweltkrise entstanden sind. Daraus leitet sich die Hybridität der 1990er Jahre im nächsten Kapitel und ihre zunehmende Verbreitung in der italienischen Kultur und Gesellschaft ab („1994: Hybridity“, 143-169). Dieses Kapitel erläutert, wie sich die Idee der Hybridität insbesondere in den Sozialwissenschaften und der Anthropologie als vorherrschendes Konzept herauskristallisierte und zur Beschreibung der Verschmelzung verschiedener Erfahrungsebenen und des Ab‐ baus von Barrieren verwendet wurde. Es wird auch der Einfluss transnationaler Kräfte auf die italienische Kultur und Gesellschaft erörtert und untersucht, wie diese Kräfte alles beeinflussten, von Musikvideos bis hin zu Graphic Novels im Zeitgeist des Cross-Overs. Im Kapitel zur Konvergenz („2007: Convergence“, 171-193) wird diskutiert, wie infolge des politischen Klimas der videocrazia das Konzept der Konvergenz in Italien neu gedacht wurde und wie es zur Entstehung neuer Formen interme‐ dialer Kunst kam. Das Kapitel untersucht auch die Rolle digitaler Technologien DOI 10.24053/ Ital-2024-0014 186 Daniele Migliori bei der Ermöglichung von Konvergenz, die Bedeutung der partizipativen Kultur in der experimentellen künstlerischen Praxis in Italien und ihr Potenzial zur Untergrabung kommunikativer Normen. Die vorgestellten Projekte geben Ein‐ blicke, wie Italien auf den weltweiten Wandel zur Medienkonvergenz reagierte und ihn gestaltete. Schließlich diskutieren die Autoren die Auswirkungen der COVID-19-Pan‐ demie auf intermediale Praktiken in Italien („2020: Contagion“, 195-222) und kommen zu dem Schluss, dass die Pandemie die Grundfesten unserer kollektiven Vorstellungskraft erschüttert und sich der vorherrschenden Logik der società dello spettacolo widersetzt hat. Es wird erörtert, wie die Pandemie zu einem Rückzug in den häuslichen Raum und einer Pause zum Nachdenken geführt hat und wie sie sowohl virtuell als auch auf lokaler Ebene ein neues Gefühl der Vernetzung hervorgerufen hat. Im Kapitel wird auch veranschaulicht, wie die Pandemie zu einer Verlagerung der öffentlichen Aufmerksamkeit hin zur visuellen Kultur geführt hat. Der Bedarf an weiteren Werken über Intermedialität ist groß - vor allem solchen über Italien: Die Auswahl an Werken über das Thema ist auch außerhalb des deutschen Sprachraums noch weitgehend gering. Intermedia in Italy ist das umfangreiche Werk, das bisher gefehlt hat, um sich einen breiten, doch zugleich tiefgründigen Überblick in die intermediale Praxis des vereinten Italiens zu ver‐ schaffen: Es handelt von der Vergangenheit, der Gegenwart und teilweise auch der Zukunft der heutigen, realen italienischen Gesellschaft, fern von Romanti‐ zismen, die in unserer globalen Gesellschaft nur wenig weiterhelfen können. Intermediale Kunstformen stehen im Zentrum des Lebens der Gegenwart, und Intermedia in Italy ist sowohl ein einführendes Werk, das sich mit der neuesten internationalen Forschung zum Thema befasst, als auch eine Monographie, die einen vertieften Blick in ausgewählte Bereiche wirft. Brook, Mussgnug und Pieri präsentieren eine intermediale Diskussion, die von Literatur und Theater bis hin zur Graphic Novel und Virtual Reality reicht. In der Epoche der Verschmelzung von Grenzen kann jede Disziplin der Italianistik von einem intermedialen Blick profitieren, um neue, wissenschaftliche Herausforderungen anzunehmen und das Fach weiter zu entfalten. DOI 10.24053/ Ital-2024-0014 Clodagh Brook/ Florian Mussgnug/ Giuliana Pieri: Intermedia in Italy 187