eJournals Italienisch46/91

Italienisch
ita
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0016
ita4691/ita4691.pdf1215
2025
4691 Fesenmeier Föcking Krefeld Ott

Gabriel Deinzer/Franziska Teckentrup/Elisabeth Tiller (Hrsg.): Migration und Herabsetzung. Invektive Dynamiken in italienischen Migrationserzählungen. Bielefeld: transcript 2023, 260 Seiten, € 45,00

1215
2025
Stephanie Neu-Wendel
ita46910195
Gabriel Deinzer/ Franziska Teckentrup/ Elisabeth Tiller (Hrsg.): Migration und Herabsetzung. Invektive Dynamiken in italienischen Migrationserzählungen. Bielefeld: transcript 2023, 260-Seiten, €-45,00 Stephanie Neu-Wendel Angesichts nationalistischer Entwicklungen und der mit ihnen einhergehenden Formen gewalttätiger und diskriminierender Ausgrenzung trägt der hier vorge‐ stellte Band zu einem kritischen gesellschaftlichen Gegendiskurs bei, der aktuell nötiger denn je erscheint. Die Inszenierung von Formen der Herabwürdigung und ihre Reflexion in Literatur und Film in Italien seit den 1990er Jahren stehen im Mittelpunkt der insgesamt neun Aufsätze, die an Arbeiten des Teilprojekts „Invektivität in literarischen und filmischen Darstellungen von Migration im Italien des 20./ 21. Jahrhunderts“ des von 2017 bis 2022 an der TU Dresden verankerten Sonderforschungsbereichs 1285 „Invektivität. Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung“ anschließen. Entsprechend bieten die Heraus‐ geber: innen einleitend in „Literarische und filmische Migrationserzählungen durch die Brille der Invektivitätsforschung. Zur Einführung“ (7-22) eine umfas‐ sende Definition von Invektivität, auf die alle Beiträger: innen rekurrieren; auf diese Weise lässt sich innerhalb der thematischen Vielfalt des Bandes ein klar konturierter roter Faden erkennen. Entsprechend illustriert Gabriel Deinzer unter Rückbezug auf das Genre des „Immigrationsfilms“ (26) in „Liebe, Verdacht, Invektivität. Migrationsbezogene Stereotype und deren narrative Verhandlung bzw. Fortschreibung in L’amore non perdona (2015) von Stefano Consiglio“ (23-48), wie invektive Kommunika‐ tionsakte und ihre Folgen - bei gleichzeitiger partieller Fortschreibung von Stereotypen - inszeniert werden. In „Documenting the Transnational Alps: THE MILKY WAY (2020)“ (49-69) wiederum arbeitet Sabine Schrader u.a. heraus, inwieweit das Zusammenspiel von Film- und gezeichneten Sequenzen im DOI 10.24053/ Ital-2024-0016 Dokumentarfilm als Gegenbeispiel zu (massen)medialen Darstellungen von Migration und den ihnen inhärenten „invective structures“ (66) fungieren kann. Mit hybriden Textformen befassen sich auch Maria Kirchmair und Berit Weingart. So zeigt Kirchmair in „Invektive Konstellationen und Identitätskon‐ struktion in Timira von Wu Ming 2 und Antar Mohamed“ (71-98) auf, wie innerhalb eines Genregrenzen überschreitenden Textes eine postkoloniale Per‐ spektive mit aktuellen Migrationsdiskursen verwoben wird, wobei ihr Fokus auf die Folgen von Invektivität für die Identitätskonstruktion der Protagonistin gerichtet ist. Kritische Reflexionen zu Genrefragen im Zusammenhang mit Strategien der Authentizitätsbezeugung kommen in Weingarts Beitrag „Her‐ absetzung und Gewalt bezeugen. Sex work und Migration in Le ragazze di Benin City (2007) und Il mio nome è Wendy (2007)“ (99-134) zum Tragen. Darin werden u.a. die Verschränkung von individuellen Handlungen mit strukturellen Formen von Invektivität in den Vordergrund gerückt sowie die Übernahme von Klischees problematisiert. Silvia Camilotti nimmt in „Tra divertissement e conflitto. L’invettività nella scrittura di Ornela Vorpsi e Milton Fernàndez“ (135-151) Strategien des othering in den Blick. Zudem wird ausgeführt, wie die „riappropriazione del linguaggio ingiurioso“ (144) durch die Erzählerin in Vorpsis Il paese dove non si muore mai als Gegenstrategie erkennbar wird, während Invektivität im Erzählerdiskurs in Fernàndez’ Bracadà in erster Linie als Mittel zur Erzeugung von Komik verstanden werden könne. Der Fokus von Franziska Teckentrups Aufsatz „Priva di identità? Postmigran‐ tische Perspektiven und Invektivität“ (153-182) liegt explizit auf der „Inszenie‐ rung komplexer postmigrantischer Identitäten“ (177); dies ist hervorzuheben, weil postmigrantische Ansätze im Zusammenhang mit literarischen/ filmischen und anderen medialen Repräsentationen mit Italienbezug bisher vergleichs‐ weise wenig einbezogen werden. Teckentrup verdeutlicht vergleichend anhand mehrerer Textbeispiele, wie durch die Reflexion struktureller und individueller Invektivitätserfahrungen binären Vorstellungen entgegengewirkt wird. In „Spazi di conflittualità. Amiche per la pelle di Laila Wadia“ (183-203) the‐ matisiert Lara Michelacci ebenfalls strukturelle Invektivität und die Reaktionen darauf, mit besonderer Berücksichtigung des Raumes als „luogo privilegiato del conflitto e dell’invettiva ma anche la possibile risposta con la formazione di comunità inedite e che agiscono dal margine“ (184). Elisabeth Tiller beschließt den Band mit ihrem Aufsatz „‚Cinesi di merda‘. Dystopische Variationen migrationsbezogener Invektivität in T. Pincios Cina‐ città (2008) und A. Scuratis La seconda mezzanotte (2011)“ (205-258). Darin stellt Tiller u.a. deutlich heraus, wie stereotype Vorstellungen und Angst-Dispositive DOI 10.24053/ Ital-2024-0016 196 Stephanie Neu-Wendel unreflektiert eingesetzt werden. Ergänzend dazu führt sie vor Augen, dass diese Aspekte an einen „offensichtlich um 2010 gesellschaftlich fest verankerten antichinesischen Impetus“ (255) anknüpfen. Alle Beiträge des Bandes Migration und Herabsetzung zeichnen ein facetten‐ reiches Bild der aktuellen Entwicklungen in Bezug auf Literatur und Film in Italien im Zusammenhang mit Migration. Der Band stellt entsprechend aufgrund der anschaulichen Analysen und eines detaillierten close reading sowie der umfangreichen bibliographischen Angaben eine hervorragende Quelle für daran anschließende Forschungen und mögliche Erweiterungen auf andere Genres und Medien dar. DOI 10.24053/ Ital-2024-0016 Gabriel Deinzer/ Franziska Teckentrup/ Elisabeth Tiller (Hrsg.): Migration und Herabsetzung 197