eJournals Italienisch46/92

Italienisch
ita
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0029
ita4692/ita4692.pdf0615
2026
4692 Fesenmeier Föcking Krefeld Ott

Adriano Salvi: Il galloitalico di Sicilia cent’anni dopo. Analisi paradigmatica della morfologia verbale di cinque punti AIS (Aidone, Bronte, Fantina, San Fratello e Sperlinga). Palermo: Centro di studi filologici e linguistici siciliani 2023 (= Progetto galloitalico 3), 358 Seiten, € 20,00

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Thomas Krefeld
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Adriano Salvi: Il galloitalico di Sicilia cent’anni dopo. Analisi paradigmatica della morfologia verbale di cinque punti AIS (Aidone, Bronte, Fantina, San Fratello e Sperlinga). Palermo: Centro di studi filologici e linguistici siciliani 2023 (= Progetto galloitalico 3), 358 Seiten, € 20,00 Thomas Krefeld Die Erforschung des sogenannten Galloitalischen in Sizilien hat in den letzten 20 Jahren, auch im Zusammenhang mit dem monumentalen Atlante linguistico della Sicilia (ALS), große Fortschritte gemacht; dazu haben nicht zuletzt die umfangreichen und eindrucksvollen Lexika der Dialekte von Aidone (Raccuglia 2003), San Fratello (Foti 2014) und Nicosia/ Sperlinga (Trovato/ Menza 2020) beigetragen. Obwohl diese Wörterbücher allesamt auch zahlreiche Konjuga‐ tionstabellen enthalten, steht in diesen Werken, der Gattung entsprechend, der Wortschatz und implizit, durch die dokumentierten Formen, die Phonetik deutlich im Vordergrund. Eine vergleichend angelegte Untersuchung der Ver‐ balmorphologie, wie sie in der hier besprochen Arbeit unternommen wurde, ist daher wirklich willkommen. Bereits der Titel verdient aufmerksame Lektüre, denn es ist nicht von ‚dialetti/ varietà galloitalici‘ die Rede, sondern von ‚dem‘ Galloitalischen. Es handelt sich nämlich in den Orten, um die es geht, keines‐ wegs überall um konsistente und vitale Lokaldialekte, wie bereits den Verfassern und Exploratoren des AIS bewusst war (vgl. Jaberg/ Jud 1928: 131-135); davon kann nurmehr in San Fratello (AIS 817) und Sperlinga (AIS 836) die Rede sein (33-37). Teils ist die Sprechergemeinschaft (vgl. Toso 2010) bereits stark eingeschränkt, wie in Fondachelli-Fantina (AIS 818), wo die Nachkommen der Informantinnen bzw. Informanten „possiedono oggi solamente delle compe‐ tenze dialettali passivi“ (32); teils ist der Auslösungsprozess des Dialekts bereits stark fortgeschritten, wie in Aidone (AIS 865), wo ein „dialetto sicilianizzato con pochissimi residui strutturali galloitalici“ (29) gesprochen wird, oder gar DOI 10.24053/ Ital-2024-0029 in Bronte (AIS 838), wo sich allenfalls „alcune tracce dell’influsso galloitalico“ (29) nachweisen lassen. Vergleichende synchronische Untersuchungen zum Galloitalischen geben also einen Einblick in den langfristigen Prozess eines Sprachwechsels, der je nach Ort unterschiedlich weit vorangeschritten ist. Die Pole dieses diachronischen Kontinuums lassen sich einerseits, initial, als vitaler Bilinguismus (San Fratello) und andererseits, final, als Substratkonstellation (Bronte) identifizieren (vgl. zur Resilienz des Galloitalischen auch Krefeld 2023 bzw. 2025). Gegenstand der Untersuchung sind - wie der Titel spezifiziert - die Verbal‐ paradigmen der galloitalischen Erhebungspunkte des AIS. Das zugrunde gelegte Material geht jedoch über den AIS hinaus, denn es ist „suddiviso in tre parti per ogni varietà dialettale analizzata“ (45). Dazu gehören neben dem AIS (1) die ge‐ nannten neueren Wörterbücher und andere, aber auch (verbal)morphologische Arbeiten zu den galloitalischen Dialekten (2) und schließlich eigene Erhebungen aus den Jahren 2021 und 2023 (3). Genauer gesagt wurden 38 Paradigmen un‐ tersucht, die im Anhang in zahlreichen Konjugationstabellen dokumentiert sind (247-358). Verf. spricht von einem ‚Korpus‘ (45-47), das allerdings empirisch und methodologisch strengen Anforderungen nicht gerecht wird, denn weder lassen sich die erfassten Formen auf die jeweiligen Informantinnen bzw. Informanten zurückführen, noch wird ihre Quelle systematisch ausgewiesen (abgesehen von den Tabellen 180-209, S. 217-226, auf Basis des AIS). In Zeiten der Digital Humanities, wo sich die datengestützte, wenn nicht datengetriebene Forschung an den FAIR-Prinzipien orientiert, wäre auch eine digitale Online-Bereitstellung wünschenswert gewesen. Verf. operiert mit einem morphologischen Ansatz, den er in Anlehnung an Anna M. Thornton als „modello a parole e paradigmi“ (53) bezeichnet; damit können auch Flexionsformen erfasst werden, die sich nicht in Stamm und Endung analysieren lassen. Paradigmen werden weiterhin als die Gesamt‐ heit aller Flexionsformen einer abstrakten lexikalischen Einheit, oder: eines Lexems, definiert. Die Paradigmen lassen sich weiterhin in Konjugationsklassen einteilen; im Standarditalienischen gibt es drei davon, die zwei Makroklassen erkennen lassen (57 ff.), von denen eine die regelmäßig flektierten Verben der -are-Konjugation und die andere alle anderen Konjugationsklassen umfasst. Im Fall der Unregelmäßigkeit eines Paradigmas werden zwei Ausprägungen unter‐ schieden (63-66): „verbi moderatamente irregolari“ mit schwacher Suppletion der Basis (bzw. des Themas), wenn die Allomorphe phonetisch ähnlich sind (z. B. it. conosco [-sk-] und conosci [-ʃʃ-]) und „verbi altamente irregolari“, wenn eine Suppletion der kompletten Flexionsform (z. B. ita. è und fu im Paradigma von essere) oder eine starke Suppletion der Basis vorliegt, bei der die Allomorphe DOI 10.24053/ Ital-2024-0029 172 Thomas Krefeld keine phonetische Ähnlichkeit aufweisen (z.-B. it. and- und vadim Paradigma von andare). Verben, deren Paradigmen durch mehrere Basen gebildet werden, lassen sich über die Distributionsmuster der Basen, d. h. ihre Zuordnung zu Personen und Tempora, typisieren. Hier greift Verf. auf Vorschläge von Martin Maiden zurück (L-, U-, N-pattern und PYTA, d. h. perfecto/ pretérito y tiempos afines; 70-76), deren Diskussion hier zu weit führen würde. Wichtig für die Beschreibung des Galloitalischen ist nun die Tatsache, dass genuin süditalienische und sizilianische Dialekte nicht drei, sondern nur zwei Konjugationsklassen kennen, die durch den stammbzw. endungsbetonten Infinitiv gekennzeichnet sind (60). In Bezug auf die regelmäßigen Konjugationen ergibt sich eine Zweiteilung der erforschten galloitalischen Orte: […] risulta che nei dialetti di Aidone (sia moderno che antico), e Sperlinga si può osservare la quasi completa riduzione delle tre coniugazioni romanze a due. […] L’unica differenza tra la seconda e la terza coniugazione romanza che rimane è quella tra la forma rizotonica e rizoatona dell’INF. Questo sviluppo è tipicamente siciliano […]. Il dialetto galloitalico di Fantina e quello di San Fratello invece presentano un sistema ben diverso, visto che si possono individuare tre coniugazioni più o meno distinte. (91) Über die sprecherabhängige Variation bzw. Unsicherheit, die sich bei der Elizitie‐ rung offenbart, wird eher beiläufig berichtet; sie wurde wohl als methodologisch nicht relevant eingeschätzt. Im Hinblick auf den Vergleich von Fantina und San Fratello heißt es immerhin: Nonostante questa comunanza fra il fantinese e il sanfratellano, si è delineata, secondo quanto osservato durante le inchieste sul campo, una differenza fondamentale: a Fantina l’influenza dei dialetti siciliani circostanti sembra essere così forte che i parlanti iniziano a dubitare delle distinzioni all’interno della M[acro]C[lasse]2 di cui sopra. Il sistema a tre coniugazioni più o meno distinte vacilla e sta per cedere il posto al Sistema siciliano. (96) Weiterhin ist die Rede davon, „che le forme galloitaliche autoctone con la V[ocale]T[ematica] [-e̝-] prevalgono ancora sulle altre nei lessemi verbali che seguono la II coniugazione“ (96). Diese Hinweise auf Fantina sind sehr spezifisch, als ob vergleichbare Schwankungen in den anderen Aufnahmeorten nicht vorgekommen wären; das wäre außerordentlich erstaunlich. Denn Unsicherheit des Sprechers und damit einhergehende Variation charakterisieren genau das Verhalten, das man in Sprachwechselszenarien wie den hier beschriebenen erwartet. Und in der Tat DOI 10.24053/ Ital-2024-0029 Adriano Salvi: Il galloitalico di Sicilia cent’anni dopo 173 finden sich auch andere Beobachtungen in dieser Richtung (so 96 zu Fantina; 97, 213 ff. zur gesamten „sinecìa novarese“; 99, 223 zu Sperlinga; 210 zu San Fratello; 228 zu Aidone). Eine konsequent korpuslinguistische Ausrichtung hätte die quantitativen Verhältnisse dieser koexistierenden Varianten dokumentieren müssen, um den keineswegs evidenten Charakter der vom Verf. erstellten Paradigmen zu zeigen. In einem eigenen Kapitel (203-229) werden diese Paradigmen schließlich systematisch mit den Formen abgeglichen, die sich aus den mittlerweile gut hundertjährigen Karten und Konjugationstabellen des AIS extrahieren lassen. In der Zusammenschau erweist sich die Situation in Aidone als besonders dynamisch: Non solo si è sviluppata una variante [gemeint ist: varietà] moderna, maggiormente sicilianizzata, che ha quasi soppiantato il vernacolo galloitalico aidonese che oggi‐ giorno conta ancora solo pochi parlanti, ma è stato modificato anche quest’ultimo in maggior misura rispetto agli altri dialetti galloitalici presi in esame. (229) Fazit: Die Arbeit ist materialreich und rein beschreibend; sie liefert zweifel‐ los eine synchrone und eine mikrodiachronische Bestandsaufnahme. Es wird jedoch auf jeden Versuch verzichtet, die beschriebenen morphologischen Pa‐ radigmen mit ihren spezifischen Stammdistributionen und deren diachronen Veränderungen funktional zu erklären. Auch die dominante Motivation der Ve‐ ränderungen durch den Kontakt mit den lokalen sizilianischen Varietäten wird durchgängig behauptet, aber nicht durch entsprechende Paradigmen belegt. Hier wird beim Leser deshalb sehr viel dialektales Vorwissen vorausgesetzt. Eine kartographische Visualisierung oder wenigstens eine synoptisch-tabellarische Präsentation der Ergebnisse im arealen Kontext wäre wohl deutlich leserfreund‐ licher gewesen. Literatur AIS = Jaberg, Karl/ Jud, Jakob (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Süd‐ schweiz. 8 Bände. Zofingen: Ringier. ALS = Ruffino, Giovanni (Hrsg.) (1991-): Atlante linguistico della Sicilia. Palermo: Centro di studi filologici e linguistici siciliani. Foti, Giuseppe (2014): Vocabolario del dialetto galloitalico di San Fratello. Cata‐ nia: Università degli Studi di Catania (Dissertation) - <https: / / hdl.handle.net/ 20.500.11769/ 588376> (11.03.2026). DOI 10.24053/ Ital-2024-0029 174 Thomas Krefeld Jaberg, Karl/ Jud, Jakob (1928): Der Sprach- und Sachatlas als Forschungsinstrument. Kritische Grundlegung und Einführung in den Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz. Halle (Saale): Niemeyer. Krefeld, Thomas (2023): „Mittelalterliche Migrationsvarietäten und ihre Resilienz: das Galloitalische in Sizilien“. In: Albers, Marina u.-a. (Hrsg.): Language & Migration. München: LMU München (= JournaLIPP 8), 1-25 - https: / / doi.org/ 10.5282/ journalipp / 4889 (11.03.2026). Krefeld, Thomas (2025): „Il gallo-italico siciliano e la resilienza linguistica di migrazioni medievali“. In: Fesenmeier, Ludwig/ Paciaroni, Tania/ Dessì Schmid, Sarah (Hrsg.): Movimenti - Bewegungen III. Akten der Sprachwissenschaftlichen Sektion des Deutschen Italianistentags 2022. Tübingen: Narr Francke Attempto (= Italianistica 3), 199-229. Raccuglia, Sandra (2003): Vocabolario del dialetto galloitalico di Aidone. Palermo: Centro di studi filologici e linguistici siciliani (= Materiali e ricerche dell’ALS 13). Toso, Fiorenzo (2010): „Comunità gallo-italica“. In: Enciclopedia dell’Italiano. - https: / / www.treccani.it/ enciclopedia/ comunita-gallo-italica_(Enciclopedia-dell'Italia no) (11.03.2026). Trovato, Salvatore C./ Menza, Salvatore (2020): Vocabolario del dialetto galloitalico di Nicosia e Sperlinga. Palermo: Centro di studi filologici e linguistici siciliani (= Materiali e ricerche dell’ALS 39). DOI 10.24053/ Ital-2024-0029 Adriano Salvi: Il galloitalico di Sicilia cent’anni dopo 175