Italienisch
ita
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0030
ita4692/ita4692.pdf0615
2026
4692
Fesenmeier Föcking Krefeld OttBarbara Ladurner: Zur Perzeption emotionaler Sprechweisen durch prosodische Merkmale im Deutschen und Italienischen. Berlin: Weidler 2022 (Europäische Beiträge zur Angewandten Germanistik), 308 Seiten, € 52,00
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2026
Matthias Heinz
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Barbara Ladurner: Zur Perzeption emotionaler Sprechweisen durch prosodische Merkmale im Deutschen und Italienischen. Berlin: Weidler 2022 (Europäische Beiträge zur Angewandten Germanistik), 308 Seiten, € 52,00 Matthias Heinz Die Monographie von Barbara Ladurner, eine Wiener germanistische Disserta‐ tion, liefert eine empirische Untersuchung, die aus gleich viererlei Gründen besonderes Interesse verdient. Sie behandelt nämlich mit der Perzeption ein wichtiges, lange eher vernachlässigtes Feld der Sprachwissenschaft; dazu die nicht leicht fassbare Kategorie der Emotionalität in gesprochener Sprache; drittens nimmt sie prosodische Merkmale in den Blick, die, wenngleich stark beforscht, empirischen Zugängen nicht umstandslos zugänglich sind; überdies nimmt sie in der Gegenüberstellung von Deutsch und Italienisch eine kontras‐ tive Sicht ein. Untersucht wurde aufgrund von Höreindrücken die Emotions‐ erkennung für ‚Freude‘ und ‚Ärger‘ in durch eine Vorstudie ausgewählten Audiobeispielen, die vier Probandengruppen aus 81 Personen, aufgeteilt jeweils in L1 Deutsch vs. L1 Italienisch und Laien vs. Stimmexperten, zur Bewertung mittels Fragebogen vorgelegt wurden. Nach dem kurzen Einleitungskapitel nimmt die theoretische Grundlegung (einschließlich der im Titel angeführten „[…] Forschungssituation“) zu Recht einen substantiellen Teil (Kap. 2, 23-91) des Bandes ein. Während hier ver‐ gleichsweise viel Raum kultur- und sprechwissenschaftlichen Sichtweisen auf Prosodie, Sprechausdruck und Emotionen (samt themenspezifischer Modelle, etwa 50-56) gewidmet ist, welche die Betrachtung der „harten“ phonetischen Fakten gewiss gewinnbringend ergänzen können, kommen die Grundbegriffe der Prosodie einigermaßen detailliert, doch in manchmal idiosynkratischer An‐ ordnung und mitunter verkürzt zur Sprache. So sind die Zusammenfassungen zum Rhythmus, einem erwiesenermaßen für die Perzeption höchst relevanten Verbundphänomen, in Kap. 2.1.2.2 (Rhythmus als prosodisches Merkmal) und DOI 10.24053/ Ital-2024-0030 1 Die Zählung des Unterkapitels „1.2.2.3“ (34) enthält einen Zahlendreher (recte „2.1.2.3“). Kap. 2.4.1 (zu dessen Wahrnehmung) zu selektiv und teils disparat bzw. geben schlicht nicht den aktuellen Stand der umfangreichen Forschung zu diesem Phänomen wieder. Unter den „Einflussfaktoren auf die Prosodieperzeption“ (Kap. 2.5) ist ein knapper Teilabschnitt dem eigentlich zentralen „Einflussfaktor Sprache“ (Kap. 2.5.1, 85-89) vorbehalten, davon sind kaum drei Seiten dem Aspekt „Sprachvergleich: Prosodie im Deutschen und Italienischen“ (86-89) gewidmet. Die zitierte Forschungsliteratur beschränkt sich hier, neben einer sprachhistorisch-germanistischen Quelle, auf zwei (! ) Beiträge, die sich (auch) mit dem Italienischen befassen, einerseits die einschlägige, sehr geeignete, allerdings nicht mehr ganz neue kontrastiv-gesprächslinguistische Monogra‐ phie von Rabanus (2001), daraus ein minimaler Ausschnitt mit Aufzählung von lautlichen Merkmalen des Italienischen (es wiederholt sich viermal die Angabe: „Rabanus 2001: 63f.“), andererseits eine nur teil-einschlägige Synthese (Keßler 2013, zur Lautung des Italienischen aus der Sicht des Faches Deutsch als Fremdsprache), an deren Stelle unzählige geeignetere Überblicksdarstellun‐ gen über die lautlichen Eigenschaften des Italienischen hätten zitiert werden können. Zwei weitere Referenzen (Berretta 1995, Berruto 1985) werden einmalig erwähnt, fehlen jedoch, vermutlich weil nur sekundär aus Rabanus (2001) zitiert, in der Bibliographie; die beiden Kurzangaben sind für italianistische Linguisten unschwer als Verweis auf bekannte Artikel zur Syntax des gesprochenen Italienisch identifizierbar. Nicht ganz nachvollziehbar ist die Entscheidung der Vf. (oder womöglich Vorgabe seitens des Verlags), ihre sehr fein differenzierten Kapitelunterteilun‐ gen in Kapitel 2 und 3, mit vier und teils fünf dezimalen Gliederungsebenen, nicht im Inhaltsverzeichnis abzubilden. 1 Dadurch scheint es so, als weise das wichtige Auswertungskapitel 3.3.4 („Perzeption und Analyse der prosodischen Merkmale“) von S. 149-207 (also ca. ein Viertel des gesamten Buches) keine weitere Untergliederung auf. Doch dieser lange Abschnitt enthält im Gegenteil - wie die vorhergehenden - Unterkapitel mit Tabellen und Balkendiagrammen zur statistischen Aufbereitung der Befragungsergebnisse. Etwas schematisch kann man die Formulierung und Beantwortung der Forschungsfragen und Hypothesen nennen. In dem langen Schlusskapitel 4 (209-256, „Ergebnisinterpretation und Hypothesenbeantwortung“) werden so vier Forschungsfragen (die erste und zweite mit Unterpunkten) detailliert „ab‐ geprüft“ und die Hypothesen in Kap. 4.5 nacheinander „beantwortet“, während die Zusammenfassung des Ganzen (Kap. 4.6) mit rund einer Seite sehr kurz aus‐ fällt. Diese Vorgehensweise ist in manchen Arbeiten in empirisch-sozialwissen‐ DOI 10.24053/ Ital-2024-0030 178 Matthias Heinz schaftlicher Tradition üblich geworden, für die Systematisierung und Synthese relativ kleinteiliger Einzelergebnisse scheint sie jedoch weniger hilfreich. Die Verifizierung (der meisten Hypothesen) bzw. Falsifizierung (ganz oder zum Teil: 6, 8a, 8d, 8 f, teils 8 g zur angenommenen Rolle von Stimmfärbung/ Timbre) hängt naturgemäß von der Formulierung der Ausgangsannahmen ab. Es überrascht also kaum, wenn wenig plausible Annahmen wie die, es seien Kategorien wie Akzent/ Rhythmus (8a), Lautstärke (8d), Sprechgeschwindigkeit (8e) oder Pausen (8 f) von eher untergeordneter oder geringer Relevanz für die untersuchten emotionalen Sprechweisen, aus den Daten nicht oder nur teilweise bestätigt werden können. Zusammenfassend ergeben sich aus der Datenerhebung unter den Probanden per Fragebogen wichtige Aufschlüsse über den Ausprägungsgrad der untersuchten Emotionen, wobei sich „sprachlich/ kul‐ turelle, berufsbezogene und auch geschlechtsspezifische Differenzen zeigen“ (255). Der Abgleich der subjektiven Höreindrücke der Probanden mit der zum Vergleichsmaßstab gewählten sprechwissenschaftlichen Studie von Kranich (2003), die instrumentelle Messungen der phonetisch-prosodischen Merkmale des Emotionsausdrucks im Sprechen enthält, ergibt breite Übereinstimmungen. In deren Ermittlung liegt ohne Zweifel ein Wert der Untersuchung. Doch darf man wohl fragen, ob in einer 2022 publizierten Untersuchung als wesentliche Kontrollstudie eine rund 20 Jahre früher erschienene, rein deutschsprachige Arbeit aus dem Umfeld der Sprechwissenschaft tatsächlich den state of the art widerspiegelt. Die durchaus umfangreiche Bibliographie (257-269) erscheint bei ihrer Berücksichtigung der Forschungsliteratur mitunter selektiv (und dabei v. a. germanistiklastig) in ihrem starken Fokus auf theoretische und sprechwissen‐ schaftliche Beiträge. Zwar sind darunter auch Perspektiven der internationalen Forschung zu Wahrnehmungspsychologie und Phonetik vertreten, jedoch kaum mit jüngeren Arbeiten; genuin italianistische Beiträge zu den Mustern des italiano parlato fehlen dagegen ganz. Ein aufgelisteter älterer Artikel von Missaglia (2001) gilt dem Deutschen als Fremdsprache, doch hätten allein von letzterer italienischen Forscherin viele Arbeiten jüngeren Datums zur kontrastiven Prosodie für Ladurners Studie Nutzen bringen können. Bei Barbara Ladurners Monographie handelt sich in der Gesamtschau um eine wertvolle, gemäß ihrer gewählten Methodik sorgfältig durchgeführte Studie mit interessanten, wenngleich etwas kleinteilig präsentierten Ergebnissen. In Zeiten zunehmender Forschungsspezialisierung und -ausdifferenzierung liegt eine ihrer Stärken nicht zuletzt in dem Mut, sich an eine interdisziplinäre Vorgehensweise heranzuwagen. Dabei kann die Arbeit ihren germanistischen und sprechwissenschaftlichen Hauptfokus nicht verleugnen und weist so ein‐ DOI 10.24053/ Ital-2024-0030 Barbara Ladurner: Zur Perzeption emotionaler Sprechweisen 179 zelne blinde Flecken auf: Wenigstens exemplarisch hätte man sich eigene experimentelle Analysen zur Untermauerung der Befragungsdaten aufgrund der Hörimpressionen und mehr Anschluss an den jüngsten Forschungsstand zur akustischen und perzeptiven Phonetik und Prosodie sowie besonders zum Italienischen gewünscht. Dessen Berücksichtigung ist ein Vorzug, die kaum vorhandene Einordnung der diesbezüglichen (sozio)phonetischen und prosodischen Verhältnisse im Lichte der reichlich vorhandenen einschlägigen Literatur (neben Arbeiten in italienischer liegen viele relevante Darstellungen in englischer und deutscher Sprache vor) ein Manko der Arbeit. Die Untersu‐ chung vergrößert jedoch ohne Zweifel unsere Kenntnisse über die Merkmale emotionaler Sprechmuster im kontrastiv betrachteten Sprachenpaar Deutsch und Italienisch und deren Salienz in der Wahrnehmung. DOI 10.24053/ Ital-2024-0030 180 Matthias Heinz
