eJournals Italienisch46/92

Italienisch
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Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0033
ita4692/ita4692.pdf0615
2026
4692 Fesenmeier Föcking Krefeld Ott

Nachruf auf Karl Maurer

0615
2026
Karlheinz Stierle
ita46920197
Mitteilungen Nachruf auf Karl Maurer Am 30. August 2025 ist Karl Maurer in seinem hundertsten Lebensjahr verstorben. Karl Maurer war eine der herausragenden Gestalten der deutschen Romanischen Philologie, als sie noch in ihrer Blüte stand. Er war in allen Sprachen und Literaturen der Romania zu Hause, aber seine besondere Liebe galt der großen Dichtung Italiens. Maurer promovierte bei Hugo Friedrich in Freiburg mit einer Dissertation zu Interpretationen zur späteren Lyrik Valérys (1954). Schon vier Jahre später folgte seine Habilitation in Bonn über Giacomo Leopardis Canti und die Auflösung der lyrischen Genera. 1959 wurde er in Bonn zum ordentlichen Professor für Romanische Philologie berufen. 1965 folgte er einem Ruf an die neugegründete Universität Bochum, wo er mit Tatkraft und Umsicht den Aufbau des neuen Romanischen Seminars betrieb, dem er bis zu seiner Emeritierung 1992 treu blieb. In Bochum vereinte die neugegründete Fakultät für Philologie alle philolo‐ gischen Fächer. So wurde es möglich, die traditionellen Philologien auf neue Ansätze der internationalen Literatur- und Sprachtheorie zu öffnen. 1967 erschien als Visitenkarte der neuen Fakultät das erste Heft der von Maurer herausgegebenen Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft, deren Ti‐ tel Poetica eine Hommage an die gleichnamige Zeitschrift der Petersburger „Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache“ war. Neben Maurer als verantwortlichem Herausgeber bestand das Bochumer Herausgebergremium der neuen Zeitschrift aus dem Altphilologen Hellmut Flashar, der Germanistin Ingrid Strohschneider-Kohrs und dem Anglisten Ulrich Suerbaum. Die Zeit‐ schrift in ihrer Verbindung von philologischer Tradition und Offenheit für neue literatur- und sprachwissenschaftliche Fragestellungen gewann schon in kurzer Zeit ein hohes internationales Ansehen. Von Anfang an trug Maurer mit grundlegenden Beiträgen zur Dichtung Dan‐ tes, Hölderlins und Nervals aber auch zur Würdigung „sekundärer Texte“ und insbesondere zum Problem der Eigenständigkeit von Übersetzungen lyrischer Texte dazu bei, die Poetica zum Ort der Begegnung von sachlich kompetenter Philologie und neuen Fragestellungen zu machen. Während die französische Literatur der Zeit ganz im Zeichen von Derridas „Dekonstruktion“ stand, galt Maurers Literaturbetrachtung dem poetischen Wort in seiner Gestaltungs‐ DOI 10.24053/ Ital-2024-0033 macht. Zu Maurers „Treue zum Wort“ gehört auch, dass er für die Zeitschrift am Deutschen als Wissenschaftssprache festhielt. Mit seinem opus magnum „Goethe und die Romanische Welt“, 1997 erschie‐ nen, betritt Maurer noch einmal Neuland. In einer faszinierenden Spurensuche zeigt er hier zwei bisher so gut wie unbekannte Wege, die von der italienischen, der späten Renaissance verdankten Pastorale und von Fénelons Einreden gegen das klassische Gattungssystem des Grand Siècle zu Goethe führen, der in sich europäischen Klassizismus und Antiklassizismus vereinigte. Der Romanist und Komparatist zeigt hier mit souveräner Kenntnis der europäischen Literatur, wie Goethes Dichtung mit einer europäischen, bis in die Anfänge von Griechenland und Rom reichenden Erinnerung gesättigt ist. Maurers große Darstellung endet mit Goethes Torquato Tasso, in dem ein ganzes Netz europäischer Bezüge sich zu Goethes vielleicht schönstem Werk zusammenschließt, dessen Strahlkraft Maurers großer Recherche neuen Glanz verlieh. Mit Francesco Quevedos Sueño de la muerte und den Editions- und Deu‐ tungsproblemen, die dieser Text aufwirft, hat Maurer sich in Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit mit Ilse Nolting-Hauff in seinen letzten Jahren noch einmal ein neues Feld erschlossen. Noch kurz vor seinem Tod konnte er die endgültige Fassung dieses in ganz neue Dimensionen vorstoßenden, vielfach gebrochenen Textes in Händen halten. Es ist die Aufgabe der Literaturwissenschaft als Philologie, den Text bewohn‐ bar und damit erst eigentlich zum Wort zu machen. Der bloße Text ist ein Textresiduum, das erst wieder zu einer fremden Nähe erweckt werden muss. Das setzt Kompetenz als Frucht des Studiums voraus, aber auch eine Schulung der Aufmerksamkeit, die das fremde Wort erst Wort sein lässt. In seinem Aufsatz „Dante als politischer Dichter“ (Poetica 1975) schrieb Maurer einmal den Satz: „Dante weiß, daß er mittlerweile an hart erarbeiteter universaler Bildung und an notorischer, kompromissloser Integrität ohne seinesgleichen ist.“ Wäre dies nicht zugleich ein Portrait von Karl Maurer selbst? Nie hat Karl Maurer sich einem Turn oder einem Paradigmenwechsel verschrieben. Seit seinen Anfängen hat er Kurs gehalten, Kurs auf das fremde Wort, in dem die Sprache sich zu einer höchsten Sinngestalt verdichtet. Karlheinz Stierle DOI 10.24053/ Ital-2024-0033 198 Mitteilungen