eJournals Italienisch46/92

Italienisch
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Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0035
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2026
4692 Fesenmeier Föcking Krefeld Ott

Erinnerung an Giancarlo Consonni (1943-2026)

0615
2026
Edoardo Costadura
ita46920201
1 Giancarlo Consonni: Da grande voglio fare il poeta. Presentazione di Bruno Nacci. Milano: La Vita Felice 2013, hier insbesondere „Le scuole di lingua“ (11-22) und „Tableaux vivants“ (26-28). 2 Giancarlo Consonni: La bellezza civile. Splendore e crisi della città. Santarcangelo di Romagna: Maggioli 2013. 3 Vgl. Clelia Martignoni: „Giancarlo Consonni“. In: Silvia Morgana (Hrsg.): La letteratura dialettale milanese. Autori e testi. II. Roma: Salerno Editrice 2022, 1421-1437. Erinnerung an Giancarlo Consonni (1943-2026) Giancarlo Consonni, der am 13. Februar 2026 an den Folgen eines Schlaganfalls in Mailand gestorben ist, war einer der bedeutendsten italienischen Dichter der letzten 40 Jahre. Geboren am 14. Januar 1943 in Merate (Provinz Lecco), wuchs er im benach‐ barten Verderio, in einem ländlichen und noch stark von der Landwirtschaft geprägten Umfeld auf. Sein Vater war zuerst Landarbeiter, dann Maurer und Stuckateur gewesen; unmittelbar nach dem Krieg hatte er sich einige Jahre als Lastwagenfahrer verdingt, bis er schließlich zur Feldarbeit zurückgekehrt war. Die Mutter, die aus der Gegend von Pistoia stammte, also eine eingewanderte Toskanerin war, kümmerte sich derweil um die Gaststätte, in der die Familie auch lebte. Während der Sommermonate und der Schulferien arbeitete der junge Giancarlo mit auf dem Feld. In unzähligen Gedichten und in einigen eindrücklichen Prosatexten hat Consonni ein facettenreiches und liebevolles Bild dieser Welt gezeichnet. 1 Es war die Mutter, die darauf bestand, dass der Sohn auf das Gymnasium und anschließend auf die Universität ging. Consonni, der früh eine künstlerische Begabung an den Tag legte, studierte Architektur am renommierten Politecnico in Mailand, wo er 1984 selbst zum Lehrstuhlinhaber für Urbanistik ernannt wurde. Als solcher engagierte er sich noch bis zuletzt für das, was er die „bellezza civile“ 2 nannte, eine Architektur, die lebenswerte Räume erschafft und deren Schönheit ein gemeinschaftliches Miteinander zu stiften vermag. Neben der Tätigkeit als Architekturtheoretiker und -historiker betrieb Con‐ sonni zwei weitere „mestieri“ - den des Malers und Zeichners, und den des Dichters, um den es nun vornehmlich gehen soll. Drei seiner vier ersten Gedichtbände sind im Dialekt von Verderio verfasst, einer Varietät des Brian‐ zolo, die er als erster (und vermutlich als letzter) als literarische Sprache verwendete: 3 Lumbardia, prefazione di Franco Loi, Milano: I Dispari 1983; Viridarium, commento di Franco Loi, Milano: All’Insegna del Pesce d’Oro (Vanni Scheiwiller) 1987; Vûs, Torino: Einaudi 1997. Bereits in diesen ersten Werken bilden sich die zwei grundlegenden Positionen seiner Poetik aus, nämlich die Memoria und mithin die Zeugenschaft einerseits, andererseits die Betrachtung DOI 10.24053/ Ital-2024-0035 Mitteilungen 201 4 Ich denke natürlich an Montales Spätwerk, insbesondere an Satura (1971). 5 Giancarlo Consonni: Il conforto dell‘ombra. Torino: Einaudi 2025. 6 Die Bezeichnung geht bekanntlich auf Luciano Anceschi zurück. Gemeint waren in erster Linie Vittorio Sereni, Luciano Erba, Giorgio Orelli und Nelo Risi; vgl. Luciano Anceschi (Hrsg.): Linea lombarda: sei poeti. Varese: Magenta 1952. 7 Giancarlo Consonni: „Dialetto e lingua“. In: Da grande voglio fare il poeta, Milano 2013, 92-94, hier 94. 8 Consonnis Ehefrau Graziella Tonon, wie Consonni Architektur-Professorin am Poli‐ tecnico in Mailand, ist ebenfalls als Lyrikerin hervorgetreten. des Augenblicks, des sich unverhofft auftuenden Sinns in der Welt. Wenn das Gedächtnis im narrativen und zuweilen auch im dialogischen Modus operiert, findet die „occasione“ (um mit Montale zu reden) im Modus des Epigramms, des kurzen, auf das Wesentlichste reduzierten Gedichts statt. Mit den Jahren gesellt sich diesen zwei Hauptinstrumenten eine dritte „Leier“ hinzu, nämlich die des Gelegenheitsgedichts, das teils den Modus des erneut an Montale gemahnenden 4 Tagebucheintrags, teils die Form des Widmungsgedichts annimmt. Im letzten, 2025 erschienenen Band, Il conforto dell’ombra, 5 ist dieser Gattung eine ganze Abteilung gewidmet (Babylo minima). Ein unverwechselbarer, warmer und genau austarierter Ton verbindet aber alle diese Texte und Gedichtbände. Es ist der konkrete, zuweilen leicht ironische, nie in romantisierende Nostalgie verfallende Tonfall, der als Markenzeichen nicht nur der sogenannten „linea lombarda“, 6 sondern der großen lombardischen, vor allem mailändischen Poesie gelten kann (Carlo Maria Maggi, Carlo Porta, Delio Tessa) - einer Tradition, in die sich Consonni bewusst einschrieb. Nach Vûs, das erst 1997 erschien, aber eine seit Beginn der 1990-er Jahre ab‐ geschlossene Schaffensphase dokumentierte, dichtete Consonni ausschließlich auf Italienisch, dabei nüchtern die Konsequenzen aus dem Verschwinden der Lebenswelt und der Dinge ziehend, auf die sich der Dialekt bezog (der Dialekt sei „lingua delle cose“, so Consonni in einem Essay 7 ). Dabei veränderte sich die Poetik in ihren Grundsätzen kaum; was sich veränderte, war die Umwelt, die der ruhige und differenzierte Blick des Dichters dokumentierte. Neben die immer präsente Erinnerung an das Dorf der Kindheit und Jugend trat nach und nach die Großstadt Mailand einerseits, andererseits die Küstenlandschaft um Laigueglia (Ligurien), wo der Dichter gemeinsam mit seiner Familie 8 seit Beginn der 1970-er Jahre jeden Sommer verbrachte. Der Ertrag dieser langjährigen Dichtertätigkeit in lingua füllt fünf schmale, aber gehaltvolle Gedichtbände. Sie seien hier in der chronologischen Reihenfolge genannt: In breve volo, presentazione di Raffaello Baldini, Milano: Scheiwiller 1994; Luí, Torino: Einaudi 2003; Filovia: Torino: Einaudi 2016; Pinoli, Torino: Einaudi 2021; Il conforto dell’ombra, Torino: Einaudi 2025. Einen überraschenden Beleg für Consonnis Vielseitigkeit lieferte 2009 die DOI 10.24053/ Ital-2024-0035 202 Mitteilungen 9 In: Giancarlo Consonni: Vûs, 74-75. 10 In: Giancarlo Consonni, In breve volo, 15. unter Pseudonym veröffentlichte Sammlung von „divertimenti“ im Stile von Raymond Queneau oder von Alphonse Allais (d’Avec: Oblò, Faloppio: LietoColle, 2009). Hinzu kommen die Bände, die das malerische und graphische Werk dokumen‐ tieren - ein Werk, dessen Ästhetik eng mit Consonnis Poetik der „occasione“ verbunden ist. Sie sind sämtlich bei dem Verlag La Vita Felice in Mailand erschienen: Ritmi e soglie, con un testo di Ludovico Meneghetti (2018); Sognando la Liguria 1994-1998, con un testo di Paolo Rusconi (2019); Stagioni 1980-1998, con un testo di Antje Stehn (2021); Luoghi e Paesaggi 1961-2021 (2021); L’uccello di fuoco. Ascoltando Stravinskij 1995-1996 (2022); Nel blu. Collages 2013 (2022); Ascoltando Bach. Collages 2016-2022 (2022); Omaggio a Erik Satie 1998 (2022); Nel grigio. Collages 2016 (2022); Studi per arazzi. Collages 2003 (2024); Tarsie e altri collages 2000-2024 (2024); Incantamenti 1991-1998 (2024); Textures e paesaggi. Collages 1975-2022 (2024); Apparenze e graffiti 1982-2001 (2024). Lassen wir nun die Stimme des Dichters sprechen, auf dass sie ein langan‐ haltendes Echo haben möge. Edoardo Costadura Grüista 9 Gruista Se me piâs de fà ’l grüista? Se mi piace fare il gruista? Rinassèssi üsèl vöj turnà chị̀. Chi umị̀tt là in bass ch’în trepilènt e mị̀ che ustíi visị̀n a Diu. Rinascessi uccello voglio tornare qui. Quegli omíni là in basso scalpitanti e io che bestemmio vicino a Dio. Sono gli ulivi 10 Sono gli ulivi angeli di terra. Aprono dai tronchi grandi ali d’argento. Sulle balze talvolta scende furioso il vento. DOI 10.24053/ Ital-2024-0035 Mitteilungen 203 11 In: Giancarlo Consonni, Luí, zit., 62. 12 In: Giancarlo Consonni: Il conforto dell’ombra, zit., 45. E se fosse 11 E se fosse quello svagare in altra stanza vicinanza di aria e pietra di dalie e orti se fosse prossimità l’altrove dei morti? Mietitrebbia 12 Estirpati gli ultimi gelsi fece il suo ingresso trionfale la mietitrebbia. Fine delle schiene chinate nella canicola. E i bambini? Mai più scorribande tra i mietitori, mai più merende all’ombra delle robinie. DOI 10.24053/ Ital-2024-0035 204 Mitteilungen