eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL37/1

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-37-0009
pm371/pm371.pdf0413
2026
371 GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.

Jazz im Orchester: Improvisation trifft auf Plan

0413
2026
Susanne Marxhttps://orcid.org/0000-0003-3294-5351
Thilo Wolf
Die Entstehung von Musik fasziniert. Detailliert durchdacht durch Komponisten, maßgeschneidert durch Arrangeure, geleitet durch Bandleader und Dirigenten oder spontan und (scheinbar) frei in Improvisationen. Insbesondere das erfindungsreiche Zusammenspiel in Jazzbands hat die Managementforschung inspiriert, die Elemente der Improvisation aus dem Jazz mit Rollen und Koordinationsinstrumenten auf Unternehmen zu übertragen, was als „Jazz-Metapher“ in die Literatur eingegangen ist. Die Prinzipien des Jazz werden dabei als Rahmen für Flexibilität und Innovation, die Orchesterarbeit hingeben als strikt planorientiert betrachtet. Im folgenden Artikel stellen wir dem Forschungsstand zur Jazz-Metapher die Erfahrungen von Bandleader und Geschäftsführer Thilo Wolf gegenüber, der auf die erfolgreiche Zusammenarbeit von (agiler) Jazzband mit (planbasiertem) Orchester zurückblickt.
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41 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 01/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0009 Die Jazz-Metapher für das (Projekt-)Management Jazz im Orchester: Improvisation trifft auf Plan Susanne Marx, Thilo Wolf Für eilige Leser | Die Entstehung von Musik fasziniert. Detailliert durchdacht durch Komponisten, maßgeschneidert durch Arrangeure, geleitet durch Bandleader und Dirigenten oder spontan und (scheinbar) frei in Improvisationen. Insbesondere das erfindungsreiche Zusammenspiel in Jazzbands hat die Managementforschung inspiriert, die Elemente der Improvisation aus dem Jazz mit Rollen und Koordinationsinstrumenten auf Unternehmen zu übertragen, was als „Jazz-Metapher“ in die Literatur eingegangen ist. Die Prinzipien des Jazz werden dabei als Rahmen für Flexibilität und Innovation, die Orchesterarbeit hingeben als strikt planorientiert betrachtet. Im folgenden Artikel stellen wir dem Forschungsstand zur Jazz-Metapher die Erfahrungen von Bandleader und Geschäftsführer Thilo Wolf gegenüber, der auf die erfolgreiche Zusammenarbeit von (agiler) Jazzband mit (planbasiertem) Orchester zurückblickt. Schlagwörter | Jazz-Metapher, Projektmanagement, Teamarbeit, Führung Jazz und Klassik: Live auf dem 34. IPMA- Weltkongress Am Abend des 18. September 2025 betraten zwei musikalische Ensembles gemeinsam die Bühne des 34. IPMA-Weltkongresses in Berlin: eine Jazzband-- das Thilo Wolf Jazz Quartett und ein klassisches Quintett-- das Juli Linden Streichensemble. Gemeinsam zeigten sie in der Keynote „Jazzthinking“ an diesem Abend auf, welche Prinzipien der Kollaboration sich aus der musikalischen Zusammenarbeit ergeben und wie sich diese auf den unternehmerischen Kontext übertragen lassen. Im folgenden Beitrag greifen wir diese Erkenntnisse auf und setzen sie in einen Rahmen der Managementforschung. Dabei beginnen wir zunächst mit einem Rückblick, der die Theorie aufzeigt und Zitate der Keynote von Thilo Wolf [1] enthält. Anschließend wenden wir uns einem praktischen Beispiel zum Zusammenspiel von Jazzband und Orchester zu und schließen mit Feedback der Teilnehmenden des IPMA-Weltkongresses. Legen Sie sich eine schöne Jazz-Schallplatte auf (oder streamen Sie), bevor Sie weiterlesen, z. B. „A Swinging Hour In New York“- - ein Album des Thilo Wolf Jazz Trios mit Gästen und Streichensemble (Spotify). Geschichte der Jazz-Metapher in der Managementforschung Ende der 1990er Jahre suchte die Organisationsforschung nach neuen Impulsen, um geänderte organisationale Anforderungen nach mehr Flexibilität und Innovation abzubilden. Inspiration fanden die Forschenden zunächst im Jazz. Die Anpassungsfähigkeit, minimale Hierarchie und wenigen Grenzen als charakteristische Merkmale des Jazz klangen als passend für Organisationen im 21. Jahrhundert [2]. Die Academy of Management veranstaltete im Jahr 1995 ein Symposium in Vancouver, an dem Jazzmusiker und Organisationsforscher Prinzipien, Rollen und Strukturen des Jazz analysierten und deren Übertragung auf das Unternehmensumfeld diskutierten. Dieser Ansatz fand dann als „Jazz-Metapher“ in verschiedenen Forschungsfeldern Verwendung, insbesondere im Management. Auch das Projektmanagement wurde früh mit Arbeitsweisen in der Musik durch Riihelä [3] in Zusammenhang gebracht. 2019 bezeichnen Kuura und Sandoval [4] die Musik und insbesondere den Jazz gar als typische Metaphern für die Projektarbeit. Diese Begeisterung der Forschenden für die Jazz-Me- Wissen | Jazz im Orchester: Improvisation trifft auf Plan 42 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 01/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0009 tapher mag auch darauf zurückzuführen sein, dass viele selbst oder Familienmitglieder als Musiker tätig sind [5]. Pina e Cunha et al. [6] merkten schon 1999 an, dass der Forschungsfokus sogar zu sehr auf dem Jazz liege und man sich nun wieder empirischen Untersuchungen zuwenden solle. Die Gefahr der Einseitigkeit [5], eine Ablehnung des Musikstils [7] und ebenso, dass die Metapher zu wörtlich genommen würde [8], zeigen Grenzen der Übertragbarkeit auf, jedoch soll die Metapher vor allem einen neuen Zugang zu organisationalen Fragen geben [8]. So wird die Jazz-Metapher in der Managementlehre auch heute an Hochschulen eingesetzt, beispielsweise an der Harvard Business School [9]. „Als Jazzmusiker liegt der Fokus auf Emotion mit Leidenschaft, Kreativität, Inspiration, Improvisation, Intuition, als Unternehmer erlebe ich den Fokus auf Rationalität mit Planung, Organisation, Effizienz, Strategie, Prozessen-- in der Kombination beider Welten liegt die Faszination.“ [1] Improvisation ist nicht nur im Jazz, sondern auch in anderen musikalischen Genres oder im Theater zu finden [10]. So wurden organisationale Prinzipien für Improvisation in indischer Musik, der Musiktherapie [5] oder Jam Bands der 80er und 90er Jahre [11] mit dem Jazz verglichen und auf den Unternehmenskontext übertragen, beispielsweise zur Öffnung der Innovationsaktivitäten im Sinne von Open Innovation bei IBM [11]. Die Faszination für das Lernen von musikalischen Prinzipien für andere Anwendungsgebiete setzt sich bis heute fort. Nunmehr 30 Jahre nach der Erstauflage hat die Academy of Management 2025 erneut ein Symposium veranstaltet, das nach dem ursprünglichen Fokus auf Jazz nun ein breites Spektrum musikalischer Konzepte, beispielsweise aus der Musiktheorie, auf ihre Übertragbarkeit für die Organisationsforschung diskutierte [12]. Die musikalische Keynote auf dem IPMA-Weltkongress 2025 war somit besonders passend. Die Jazz-Metapher wurde in verschiedenen Bereichen zur Erkenntnisgewinnung genutzt. Allen voran steht die Verwendung in der Organisationsforschung allgemein [13], zur organisationalen Improvisation [6] oder für das Verstehen von Zusammenarbeit in Netzwerken [14]. Prinzipien des Jazz fanden auch in der Innovationsforschung rege Verwendung. So untersuchte Howe [15] anhand von Workshops mit live Jazzmusik, wie die Jazz-Metapher zu Innovationsverhalten in kleinen und mittleren Unternehmen anregt. Ein Modell zu erfolgreichen Jam Sessions, das u. a. klare Rollen, Lernbereitschaft, Kompetenz und kontinuierliches Feedback als Voraussetzungen aufzeigt [16], wurde auf Innovationsaktivitäten in Unternehmen übertragen [17, 18]. Musik und Jazz insbesondere wurden auch in Studien im Projektmanagement genutzt. Im Vergleich musikalischer Prinzipien und Projektarbeit zeigt Riihelä beispielsweise Parallelen zwischen dem Gantt-Chart und Notenblättern eines Orchesters auf. Horizontal werden durch unterschiedliche Zeichensetzung in zeitlichen Abschnitten Arbeitsaufgaben notiert, die letztlich durch graphische Repräsentation zur zeitlichen Organisation und Synchronisation beitragen sollen-- sowohl im Orchester als auch im Projekt [3]. In Projekten zur Produktentwicklung wurde 2001 durch Kamoche und Pina e Cunha [19] die Metapher des Rugby für flexibles und Jazz für ein improvisiertes Vorgehen genannt. 2002 nutzten Wikström und Rehn [20] die Jazz-Improvisation als Anregung für Hinweise für die Projektarbeit und schlussfolgern, dass Pläne unterstützend und nicht begrenzend wirken, Abweichungen und Flexibilität zur Normalität gehören und sich Strukturen emergent weiterentwickeln sollen. Diese Arbeiten sind zu einer Zeit entstanden, als das klassische Projektmanagement überwog und agile Vorgehensmodelle wie Scrum noch in der Entwicklung waren. Bemerkenswert ist die zeitgleiche Vorstellung von Scrum als agilem Prozessmodell durch Ken Schwaber und Jeff Sutherland auf einer Informatikkonferenz im Jahr 1995 [21]-- demselben Jahr, als die Jazz-Metapher die Organisationsforscher in Vancouver in den Bann zog. Die Prinzipien des Jazz wurden später mit Scrum-Teams in der Softwareentwicklung auch direkt verglichen (2008 [22]). Schauen wir nun zunächst darauf, was den Jazz im Sinne der Jazz-Metapher ausmacht. Teamwork im Jazz: Rollen und Strukturen Im Jazz musiziert eine Gruppe von Musikern entweder als Band in derselben oder auch abweichenden Besetzungen. Eine besondere Form bilden Jam Sessions, die viele verschiedene Musiker in für sie neuer und wechselnder Besetzung zu- Abbildung 1: Keynote „Jazzthinking“ auf dem 34. IPMA- Weltkongress in Berlin, Foto: Paul Hahn Wissen | Jazz im Orchester: Improvisation trifft auf Plan 43 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 01/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0009 sammenführen. Somit unterscheidet sich die Dauerhaftigkeit der Zusammenarbeit. Den Konstellationen ist jedoch gemein, dass Jazz zumeist in Zusammenarbeit einer Gruppe dargeboten wird, wohingegen klassische Musik sowohl in Gruppen als auch von einer Einzelperson praktiziert werden kann [4]. Die Größe der Gruppe variiert von Duos, kleinen Kombos (4-6 Personen) hin zu Bigbands und Orchestern (20-40 Personen) [4]. Auch innerhalb der Stilrichtung Jazz unterscheidet sich der Anteil der Improvisation [5] und nimmt in größeren Formationen wie einer Big Band ab [4]. Mit der Jazz-Metapher wird meist der gemeinsame Auftritt kleinerer Kombos in den Fokus genommen, die auf Basis von Jazz-Standards einen hohen Anteil an Improvisation vortragen. In der Jazzband werden drei Rollen beschrieben. Der Band Leader wählt die Songs aus, zählt das Tempo ein und setzt den Startpunkt, ähnlich wie ein Projektmanager [20]. Im Song jedoch ergibt sich ein fließender Rollenwechsel von Solist und Begleitung (Comping) [14, 23], was auch als Shared oder Rotating Leadership [13, 5] interpretiert wird. In der Gruppe wird während des Spiels so gemeinsam entschieden, wie sich das Stück entwickelt [13]. Das setzt zunächst Wissen und Fähigkeiten der Beteiligten voraus und spielt sich in von allen akzeptierten Strukturen als Organisationsprinzip ab. Kenntnisse zur Musiktheorie, Jazzgeschichte, ein umfassendes Repertoire an Songs, die Beherrschung des eigenen Instruments, aber oft auch zumindest das Verständnis für weitere Instrumente [19, 13] sind ebenso wichtig, wie die realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und derer anderer [13], eine oft non-verbale Kommunikation sowie die grundlegende Motivation zur Improvisation [5]. „Improvisation beginnt mit einem der Grundbausteine Melodie, Harmonie und Rhythmus. Durch Instrumentierung, emotionale Aufladung (Gefühl) und dem „Swing“ als kollektive Energie entstehen Inspiration und Innovation.“ [1] Für ein gelungenes Zusammenspiel der Jazzband erfolgt die Improvisation in einem klaren, jedoch minimalen Rahmen, den die Beteiligten kennen und akzeptieren [19, 24]. Der Improvisation liegt zumeist ein Song, ein sogenannter Jazz-Standard, zugrunde, der Melodie (Head), Harmonie mit Akkordfolgen, Rhythmus und ggf. auch Tempo vorgibt [19, 13]. Auf dieser Grundlage soll sich ein Gleichklang in der Gruppe entwickeln, der auch als Groove bezeichnet wird [14]. Die Zusammenstellung typischer Jazz-Standards, z. B. im Real Book, wird als „body of knowledge“ bezeichnet [20], was ja auch Projektmanagern nicht fremd sein dürfte [25]. Für den zuvor genannten fließenden Führungswechsel und den Gleichklang ist die Kommunikation in der Gruppe entscheidend. Hier stehen vor allem das Zuhören und Reagieren im Fokus [14, 8]. Ebenso erfolgt die Abstimmung durch gelernte nonverbale Signale wie Augenkontakt oder Handzeichen [26], um bestimmte, standardisierte Abläufe zu initiieren. Hier werden beispielsweise die „trading fours“ genannt, in der die Führungsrolle des Solisten alle vier Takte zügig wechselt [8]. Sich der Improvisation und damit dem Experimentieren zu widmen als Umsetzungsstrategie, erfordert eine lernorientierte Fehlerkultur und wird neben dem (musikalischen) Ergebnis im besten Fall mit einem Gefühl von Erfüllung und gesteigerter Motivation belohnt [5]. „Zusammenspiel gestalten- - Struktur gibt Sicherheit, Improvisation bringt neue Ideen- - erst zusammen entsteht das starke Ergebnis.“ [1] Der minimale Rahmen und die Form der Selbstorganisation eines kleinen Teams im Jazz erinnert an agile Vorgehensweisen wie Scrum. Sprints geben einen Rhythmus vor. Verschiedene, zeitbegrenzte Meetingformate entsprechen einer Akkordfolge. Das regelmäßige Zuhören und Reagieren finden sich in Reviews und Retrospektiven wieder. In kleinen Teams werden Änderungen ebenso flexibel aufgegriffen wie in der Jazzimprovisation. Es lassen sich also durchaus Ähnlichkeiten von Elementen aus Scrum mit den organisationalen Prinzipien des Auftritts einer Jazzband feststellen. So wurde die Jazz-Metapher auch für die Analyse von Softwareentwicklung nach Scrum eingesetzt [22]. „Jazz ist pure Agilität! “ [1] Improvisation, das Kernmerkmal des Jazz, ist jedoch nicht immer das geeignete Organisationsprinzip, so dass für Routineaufgaben die Metapher der Orchesterleitung genannt wird [8]. Zwar haben auch klassische Komponisten improvisiert, indem sie Variationen ihrer Werke aufführten, jedoch ist diese Interpretationsfreiheit später durch einen strikten Fokus auf die originale Komposition und die Exzellenz in der Wiedergabe ersetzt worden [4]. Dieser Fokus setzt die Darbietungen klassischer Musik mit einer planbasierten Vorgehensweise gleich [14]. Höchste Genauigkeit im Spiel der Noten, also der Umsetzung des Plans, steht im Gegensatz zur Improvisation der Abbildung 2: Thilo Wolf Jazzband in einem Konzert mit Orchester, Foto: Sascha Pöltl Wissen | Jazz im Orchester: Improvisation trifft auf Plan 44 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 01/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0009 Jazzband im Fokus [20]. Hinzu kommt die Wahrnehmung, dass größere Gruppen (Orchester) weniger improvisieren können, da die persönliche Kommunikation nicht in gleichem Maße erfolgen kann [5]. In einem Orchester finden sich daher andere Rollen. So nimmt der Dirigent eine führende Funktion ein, um Tempo und Interpretation zu steuern [4, 8]. „Die kleine Jazzband steht für maximale Agilität, das große Sinfonieorchester für eine Konzern- und Prozess-Struktur.“ [1] Von Arbeitsweisen eines Orchesters zu denen eines Jazzensembles zu wechseln, braucht Zeit und Lernbereitschaft [13]. Fraglich ist nun, wie ein Zusammenspiel von beidem- - der agilen Improvisation der Jazzband und der planbasierten Umsetzung in klassischer Musik- - für ein gemeinsames Konzertprogramm gelingen kann. Ein hybrider Ansatz ist gefragt. „Zwei Welten begegnen sich: Jazz und Klassik! “ [1] Fallbeispiel: Konzertprogramm von Jazzband und Orchester Im Jahr 2023 realisierten das Thilo Wolf Jazz Quartett und das Münchner Rundfunkorchester ein gemeinsames Crossover- Programm (Gershwin Melodies). Dieses kombinierte auf der einen Seite eine Jazzband mit hoher Spontanität und rhythmischer Präzision, auf der anderen ein klassisches Orchester mit rund 70 Musikerinnen und Musikern aus Streichern, Holz- und Blechbläsern sowie Schlagwerk- - geführt von einem Dirigenten. Eine zentrale Herausforderung lag im unterschiedlichen Timing beider Welten. Während Jazzmusiker gewohnt sind, rhythmisch exakt „auf den Punkt“ zu starten, beginnt ein Orchester naturgemäß mit einer minimalen, aber synchronen Verzögerung im Millisekundenbereich. Damit das Zusammenspiel funktioniert, müssen die Arrangements so gestaltet sein, dass beide Systeme in ihrer Eigenlogik ernst genommen werden. Voraussetzung dafür sind klar definierte Rollen sowie verlässliche Strukturen zur Synchronisation. „Jeweilige Stärken ausspielen und Identitäten erhalten! “ [1] Bereits in der Arrangement-Phase ist entscheidend, dass beide Ensembles auf Augenhöhe agieren. Das Orchester bringt klangliche Vielfalt, Dynamik und technische Brillanz ein, die Jazzband Spontaneität, Improvisation und Flexibilität. Ein erfolgreiches Zusammenspiel von beiden entsteht nicht durch Angleichung, sondern durch bewusste Raumverteilung. Gelungene Crossover-Produktionen zeichnen sich dadurch aus, dass die unterschiedlichen Fähigkeiten höchst verschiedener Ensembles bewusst genutzt werden. In der Praxis besteht ein solches Arrangement meist aus mehreren klar unterscheidbaren Teilen. Es gibt fest strukturierte, vollständig ausnotierte Passagen, in denen sich Jazzband und Orchester in einem gemeinsamen Notenkontext bewegen. Hier kann das Orchester seinen Klang, seine Wucht und seine Präzision voll entfalten. Daneben existieren improvisatorisch geprägte Abschnitte, die der Jazzband Freiraum geben, jedoch weiterhin einem klaren formalen Ablauf folgen. In diesen Momenten nimmt sich das Orchester bewusst zurück, fungiert als klangliche Basis und gibt der Jazzband den Fokus, ohne den gemeinsamen Rahmen zu verlassen. Hinzu kommen freie sogenannte „Open Parts“, in denen die Jazzband vollständig autonom agiert. Das Orchester wartet hier auf ein Signal- - einen Cue- - der Jazzband an den Dirigenten, der wiederum den nächsten gemeinsamen Einsatzpunkt für alle definiert. Die Improvisation bleibt frei, wird jedoch erneut in eine gemeinsame Struktur überführt. Besonders lebendig wird das Zusammenspiel in Frage-und-Antwort- Passagen, bei denen feste Orchesterstrukturen auf freie jazzige Reaktionen treffen (siehe Beispiel in Abbildung 3). Der große Mehrwert solcher Produktionen liegt darin, dass alle Beteiligten in ihrer künstlerischen Identität wahrgenommen werden. Daraus entstehen Spielfreude, Offenheit und echte Interaktion. Der Erfolg solcher Kooperationen folgt einem einfachen Prinzip: Identitäten bewahren, Stärken sichtbar machen und Raum für gemeinsames Gestalten schaffen. In einer Crossover-Produktion übernimmt der Dirigent eine Schlüsselrolle: Er ist Schnittstelle zwischen zwei musikalischen Systemen und verantwortlich für Synchronisation und Atmosphäre. Gute Dirigenten wissen: Wer seine Musiker groß macht, wächst selbst. Oder anders gesagt: Ein guter Dirigent nimmt den Applaus entgegen, ein großartiger gibt ihn weiter. Führung bedeutet dabei nicht, es allen recht zu machen, sondern eine klare Vorstellung zu haben und gleichzeitig offen zuzuhören. Im Spannungsfeld zwischen orchestraler Präzision und jazziger Flexibilität zeigt sich, dass Authentizität und Spielfreude eine zentrale Voraussetzung für Publikumswirkung sind, während reine Perfektion allein diese Wirkung nicht erzeugt. Klare Führung, ehrliches Interesse und echtes Zuhören sind die entscheidenden Bausteine, um sehr unterschiedliche Abbildung 3: Interaktion von Jazzband und Orchester kommentiert: QR-Code zum Video Wissen | Jazz im Orchester: Improvisation trifft auf Plan 45 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 01/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0009 Ensembles zu einem gemeinsamen und erfolgreichen Ganzen zu führen. Fazit und Ausblick Während sich vor ungefähr 30 Jahren Vorgehensmodelle entwickelten, die Agilität fördern, und im Organisationsmanagement Inspiration aus dem Jazz gezogen wurde, wird heute eine an Projekte und Organisation angepasste, hybride Kombination aus verschiedenen Vorgehensmodellen empfohlen [21]. Diverse Projektmanagementstandards beinhalten heute sowohl klassische als auch agile und hybride Methoden [25]. Im hybriden Projektmanagement, beispielsweise einem planbasierten Projekt mit einem agil arbeitenden Teilprojekt, nimmt die Synchronisation der Teams eine besonders wichtige Rolle ein [21]. Insofern bietet die Analyse von musikalischen Crossover-Programmen wie die Kollaboration von Jazzband und Orchester eine frische Perspektive, die uns Anregungen für die heutige Zeit der Transformation geben kann. Metaphern haben natürlich Grenzen der Übertragbarkeit. Eine Jazzband ist kein Scrum-Team, ein Orchester kein Konzern. Jedoch können Metaphern inspirieren und aus scheinbar so anderen (musikalischen) Welten lassen sich interessante Erkenntnisse ableiten. Das bestätigen Teilnehmende, die im Anschluss an den Vortrag mit Jazzern und Streichern auf dem 34. IPMA-Weltkongress an einer Umfrage teilgenommen haben: 88,1 % der Befragten (n=134) haben einen deutlichen Impuls für das berufliche und unternehmerische Denken mitgenommen. Wie dieser Impuls aussieht, möchten wir zum Abschluss mit einigen Antworten aus der Befragung verdeutlichen: „Einander zuhören ist wirklich notwendig“, „Wertschätzung für die zweite Reihe“, „Improvisation ist etwas Gutes“, „Applaus im Büro“, „Kulturen konzertieren“, „Die Ähnlichkeit zwischen Musik und Führung ist verblüffend und macht einiges gut sichtbar“, „Ein Projektteam ist ein Ensemble und kein Soloauftritt“ sowie die Schlussfolgerung: „Metapherarbeit unterstützt“. Wir hoffen somit auch Ihnen eine Anregung gegeben zu haben. Klare Rollendefinitionen, die Begegnung auf Augenhöhe, das Respektieren der verschiedenen Arbeitsweisen und das Schaffen von einem gemeinsamen, strukturellen Rahmen kann uns auch in der hybriden Projektarbeit, als Grundlage der Zusammenarbeit dienen (Abbildung 4). Für die Forschung bleibt offen auszuloten, welche Blickweise solcher Metapher in den Mittelpunkt gestellt wird. Ist es der Song, die Jam Session, die Band, eine Konzertreihe oder gar das Leben als Musiker? Diese Betrachtungen könnten insbesondere für temporäre Organisationsformen weitere Erkenntnisse generieren. In dem Zusammenhang bleibt zu definieren, was überhaupt als Projekt in der Musikbranche verstanden wird. Hier wird von Bandprojekten gesprochen, die teilweise über Jahrzehnte bestehen oder aber zeitbegrenzte Zusammenarbeit für ein Crossover-Konzertprogramm. Eine weitere Fragestellung wäre zudem die Nutzung der Erkenntnisse für die Organisation in der Musikbranche selbst: Arbeiten die Musiker in ihren Projekten nach den Prinzipien ihrer Musik? Was macht Grenzgänger aus, die sich in beiden Welten zu Hause fühlen? Welche Veränderungen bleiben nach Abschluss der Zusammenarbeit in einem Crossover-Setting im Orchester oder der Jazzband? Metaphern werden Sie viele weitere finden. Lassen Sie sich von ihnen inspirieren und finden Sie den Groove in und mit Ihrem Projektteam. Für die bessere Lesbarkeit haben wir das generische Maskulinum verwendet. Die verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich auf alle Geschlechter, es sei denn, dies wird anderweitig explizit kenntlich gemacht. Literatur [1] Wolf, Thilo: Jazzthinking. Kreatives Denken- - Teammanagement. 34. IPMA World Congress Berlin 2025 [2] Hatch, Mary Jo: The Vancouver Academy of Management Jazz Symposium—Jazz as a metaphor for organizing in the 21st century. In: Organization Science 1998, 9(5), S. 556-568 [3] Riihelä, Sakari: Conducting projects like music. In: International Journal of Project Management 1996, 14(3), S. 137-140 [4] Kuura, Arvi / Sandoval, Iñaki: Improvisation in project management: Lessons from Jazz. In: University of Latvia, & Professional Association of Project Managers (Hrsg.). 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Thilo Wolf (Dipl.-Kfm.) ist Musiker, Dirigent, Unternehmer und Kulturmanager. Seit über 30 Jahren arbeitet er an der Schnittstelle von Jazz, künstlerischer Produktion und unternehmerischer Verantwortung. Er ist Bandleader (Thilo Wolf Big Band), Pianist, Komponist und Arrangeur sowie Geschäftsführer der Wolf Promotion (Eduard Wolf GmbH & Co. KG) und der Wavehouse Entertainment GmbH. Aus seinen Erfahrungen in Musik, Führung und Unternehmertum entwickelte er das Konzept JAZZTHINKING, das Prinzipien des Jazz und der Arbeit mit Orchestern auf Zusammenarbeit, Leadership und Veränderungsprozesse in Organisationen überträgt. www.jazzthinking.de Foto: Rainer Zola