eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL37/3

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-37-0050
pm373/pm373.pdf0907
2026
373 GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.

Die letzte Meile gehört uns

0907
2026
Jens Köhler
pm3730062
62 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 03/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0050 Jens Köhler Ehrlich und Priesberg kommen von einer Informationsveranstaltung zur künstlichen Intelligenz mit dem Titel: ‚Selbst auf der letzten Meile braucht es keine Programmierer mehr.‘ Sie sind so vertieft in ihre Diskussion, dass sie die entgegenkommenden Teilnehmer nicht bemerken und in diese fast hineinlaufen. „Offenbar erwischt es jetzt die Programmierer“, fasst Priesberg zusammen. „Code lässt sich nun mit Hilfe geeigneter Prompts erzeugen, und zwar zu nahezu jeder Fragestellung.“ Ehrlich hatte im Laufe der Diskussion seinen Kollegen vergeblich versucht, von dieser Einstellung abzubringen: „Also, dann ist das eben so. Auf, auf in den Film ‚Matrix‘“. Priesberg reagiert genervt: „KI wird unseren unzureichenden Verstand besiegen. Um zu zeigen, wie unzureichend er ist, erzähle ich dir mal eine Begebenheit, die mir kürzlich passiert ist.“ Ehrlich gähnt: „Na, dann mal los.“ Priesberg wartet nicht lange: „Ich habe letztens meine Garderobe erneuert. Bei uns gibt es zwei große Modehäuser, die direkt nebeneinander stehen. Ich wollte in das größere zweite Haus, bin aber im ersten Haus gelandet und habe schließlich dort alle Einkäufe getätigt.“ Ehrlich grinst und wundert sich, dass sich sein Kollege plötzlich für Kleidung interessiert. Er überlegt: „Die Frage ist doch jetzt sicher: Warum bist Du in Haus 1 gegangen, obwohl Du alles in Haus 2 kaufen wolltest? “ „Genau“, fährt Priesberg fort: „Ich habe Haus 1 für Haus 2 gehalten und den Unterschied erst geahnt, als ich mich von einer Verkäuferin habe beraten lassen. Da war es mir aber zu peinlich, die Sachen zurückzugeben und ins andere Geschäft zu gehen. Also habe ich den Kauf abgeschlossen, wo ich war.“ Ehrlich entgegnet: „Ich frage mich, was das alles mit künstlicher Intelligenz und Programmieren zu tun hat…“ Priesberg unterbricht: „Wie schon erwähnt, ich möchte dir die Unzurechnungsfähigkeit des menschlichen Verstandes, also in diesem Fall meines Verstandes, verdeutlichen: Ich hatte ja tatsächlich eine Zeitlang nicht gemerkt, im falschen Geschäft zu sein. Und solche Fehlleistungen passieren auch beim Programmieren. Und die KI gleicht das aus. Das ist alles.“ Ehrlich klatscht langsam und steigert sich: „Bravo, bravissimo, quod erat demonstrandum! “ Priesberg schaut verstört und Ehrlich setzt noch einen drauf: „Die KI, die KI hat immer recht…“ Er klopft sich vor Lachen auf die Schenkel. „Ich stelle mal eine einfache Frage“, sagt er, nachdem er sich wieder beruhigt hat: „Wie hast du denn gemerkt, dass du im falschen Geschäft warst? Hätte dich dein Verstand doch gänzlich betrogen, dann wärst du nie darauf gekommen.“ Priesberg überlegt: „Das Logo auf dem Namensschild der Verkäuferin war anders. Wohlgemerkt: Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich gedanklich noch in Haus 2. Und nein, es hat nicht sofort klick gemacht, sondern ich dachte tatsächlich, Haus 1 hat Haus 2 gekauft oder die Verkäuferin hat einfach ein falsches Schild.“ Ehrlich lacht wieder: „Es macht einfach Spaß zu sehen, wie man dem eigenen Verstand beim betrügen zusehen kann.“ Er bleibt hartnäckig: „Wie hast du es dann schließlich gemerkt? “ „Naja“, gibt Priesberg kleinlaut zu: „Gelegentlich waren Markenlabels von Haus 1 zu sehen, das übrigens nur zwei belegte Stockwerke hat. Haus 2 hat fünf.“ „Warst du mit dem Einkauf zufrieden? “, insistiert Ehrlich weiter. „Auf jeden Fall. Es war günstiger und auch modischer. Ich konnte neue Farben ausprobieren“, schwärmt Priesberg. Ehrlich wischt sich seine Mähne aus dem Gesicht und fährt durch seinen Dreitagebart. Seine Jeans hatten auch mal bessere Zeiten erlebt. Vielleicht sollte er sich von Priesberg beraten lassen. Er fasst zusammen: „Ich würde mal sagen, dass dein Verstand ausgezeichnet gearbeitet hat. Du hast die Einkäufe, die du wolltest, sogar mutmaßlich günstiger, und hast am Ende die Täuschung bemerkt. Und das Wichtigste: Zu jeder Zeit warst du in der Lage gewesen, deine Wahl zu ändern. Sag‘ mir bitte, weshalb dein Verstand nicht geliefert haben soll.“ Priesberg gibt kleinlaut zu: „Du hast recht. Alles richtig gemacht. Und genau wegen dieser Selbstreflexion und -korrektur brauchen wir uns keine Sorgen machen. Es werden weiterhin Programmierer benötigt. Sie kennen die tatsächlichen Begebenheiten und ergänzen die Erzeugnisse der KI, um sie in unsere Welt einzupassen. Damit sie auch wirklich funktionieren und nicht nur Fiktion sind, wie im Film ‚Matrix‘.“ Ehrlich schließt: „Durch die KI wird man also nicht überflüssig-- sondern besser.“ Eingangsabbildung: © iStock.com / Comeback Images Kolumne Die letzte Meile gehört uns Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch- - Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben. Jens Köhler Dr. Jens Köhler, BASF SE, fokussiert sich auf die Digitalisierung in Forschung und Entwicklung. Anschrift: BASF SE, RGQ / IM, 67 056 Ludwigshafen E-Mail: Jens.Koehler@basf.com