Transforming cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2018-0066
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Freiräume zum Spielen, Entdecken und Naturerleben
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Maren Pretzsch
Annemarie Wilitzki
Jürgen Peters
Im Rahmen eines durch die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) wissenschaftlich begleiteten Entwicklungs- und Erprobungsvorhabens (Fördertitel des BMUB) werden in Berlin zurzeit drei Naturerfahrungsräume eingerichtet. Seit den 90er Jahren entstanden in vielen Kommunen Deutschlands naturnahe Spielräume, die allesamt das Ziel verfolgen, Kindern im städtischen Kontext Naturerfahrungen zu ermöglichen. In der vorliegenden Untersuchung wurden diese deutschlandweit erfasst und analysiert, um Grundlagen zur Planung und Umsetzung weiterer Flächen abzuleiten.
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43 3 · 2018 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Räume und Flächen Naturferne Kindheit Laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2017 wachsen immer mehr Kinder und Jugendliche in städtischen Ballungszentren auf [1]. Gründe hierfür ergeben sich bereits vor der Familienplanung: Nach dem Schulabschluss locken Hochschulstätten mit günstigen Studienbedingungen und städtische Kommunen mit einer größeren Auswahl an Ausbildungsberufen [2]. Aufgrund der günstigen Arbeitslage, einer Freiräume zum Spielen, Entdecken und Naturerleben Die Umsetzung des Konzeptes der Naturerfahrungsräume in deutschen Städten Naturerfahrungsraum, städtische Umwelt, Kindheit, urbane Grünflächen Maren Pretzsch, Annemarie Wilitzki, Jürgen Peters Im Rahmen eines durch die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) wissenschaftlich begleiteten Entwicklungs- und Erprobungsvorhabens (Fördertitel des BMUB) werden in Berlin zurzeit drei Naturerfahrungsräume eingerichtet. Seit den 90er Jahren entstanden in vielen Kommunen Deutschlands naturnahe Spielräume, die allesamt das Ziel verfolgen, Kindern im städtischen Kontext Naturerfahrungen zu ermöglichen. In der vorliegenden Untersuchung wurden diese deutschlandweit erfasst und analysiert, um Grundlagen zur Planung und Umsetzung weiterer Flächen abzuleiten. Bild 1: Erkunden, Erfühlen und Erleben - Naturerfahrungsräume im städtischen Raum. © A. Wilitzki, HNEE 44 3 · 2018 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Räume und Flächen besseren Betreuungsinfrastruktur und der schnelleren Erreichbarkeit von öffentlichen Einrichtungen und Arbeitsstellen bleiben viele der Zugezogenen auch nach dem Abschluss ihrer Ausbildung in städtischen Kommunen wohnen und gründen eigene Familien [1]. Durch den vermehrten Zuzug in die Städte steigt der Bedarf an Wohnungen. Kommunale Flächenreserven, darunter die „wilden Ecken“, in denen vor allem ältere Kinder gern spielen [3], stehen im ständigen Konflikt mit anderen Flächennutzungen. Nicht selten werden gerade städtische Brachen, aber auch Spielplätze, umgewidmet und als Bauland genutzt [4]. In vielen Groß- und Mittelstädten wird die Verfügbarkeit von städtischem Grün insbesondere in Wohnungsnähe immer knapper. Im Vergleich mit früheren Generationen halten sich Kinder und Jugendliche heute vermehrt in geschlossenen Räumen auf und treten im Alltag immer seltener in Kontakt mit der Natur [3]. Weitere Aspekte, die zu einem wachsenden Bedarf an Naturerfahrungsmöglichkeiten in der Stadt führen, wurden bereits ausführlich in der Ausgabe 03|2016 von „Transforming Cities“ beschrieben. Das Konzept der „Städtischen Naturerfahrungsräume“ Die Notwendigkeit, naturnahe Flächen im Siedlungsbereich für die Erholungsnutzung durch Kinder und Jugendliche zu sichern, hat mittlerweile auch der Gesetzgeber erkannt. Im Jahr 2010 nahm er den Erhalt und die Schaffung von Naturerfahrungsräumen in die Zielformulierung des Bundesnaturschutzgesetzes auf [5]. Wie die Ausgestaltung konkret aussehen kann, lässt der Gesetzgeber offen. Bereits seit den 90er Jahren setzen Kommunen Flächenkonzepte um, die das Ziel verfolgen, Kindern und Jugendlichen naturnahe Erholung innerhalb von Siedlungsbereichen zu ermöglichen. Das ursprüngliche Konzept „Städtischer Naturerfahrungsräume“ (NER) wurde 1998 im Rahmen eines Forschungs- und Entwicklungsprojektes im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz entwickelt [6]. Es beschreibt die NER anhand der folgenden Merkmale (in Anlehnung an Schemel [7]): Vorrangnutzung Erholung (Spiel und Bewegung von Kindern in der Natur) Zuordnung zu Wohngebieten: möglichst dicht, d.h. nicht mehr als 300-500 m entfernt freie Zugänglichkeit vor allem für Kinder und Jugendliche, keine reguläre Betreuung durch Erwachsene Mindestgröße 2 ha (in Ausnahmefällen mindestens 1 ha) keine Ausstattung mit Geräten oder mit anderer Infrastruktur, nur unbefestigte Wege naturbestimmte Entwicklung des Geländes, Zulassen natürlicher Sukzession, extensive Pflege in Teilräumen (zwecks Offenhaltung) alle spielerischen und sportlichen Aktivitäten außer Motorsport sind erlaubt Im Rahmen eines Modellprojektes wurden in den Jahren 2002 bis 2004 in Karlsruhe, Freiburg, Nürtingen und Stuttgart NER entsprechend des Bild 2: Flächenelemente wie Totholzhecken können gemeinsam mit Kindern gebaut und gepflegt werden. © J. Peters, HNEE Bild 3: Stöcke, Reisig, Rindenhäcksel - loses Material lädt zum eigenständigen Bauen ein. © M. Pretzsch, HNEE 45 3 · 2018 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Räume und Flächen von Schemel entwickelten Konzeptes eingerichtet und erprobt- [8]. Spätere Vorhaben wie in Berlin und München orientieren sich daran. Deutschlandweit existieren zudem weitere Ansätze, die große Schnittmengen mit dem Konzept der städtischen NER aufweisen. Eine Vorreiterrolle bezüglich der Verbindung ökologischer und pädagogischer Ziele im besiedelten Raum nimmt das Bundesland Rheinland-Pfalz ein. Hier nutzen Kommunen für die eigene Entwicklungsplanung die offizielle Flächenkategorie des „Naturnahen Spielraumes“, welche extensiv gestaltete Räume ohne herkömmliche Spielgeräte beschreibt [9]. Seit 2002 verwendet die Stadt Oppenheim diese Bezeichnung für den naturnahen Spielraum „Paradies“. In Schleswig-Holstein wurde bereits 1993 die Flächenkategorie des Naturerlebnisraumes im Landesnaturschutzgesetz festgesetzt. Hierbei handelt es sich um ausgewiesene Landschaftsteile, die sich aufgrund ihrer natürlichen Ausstattung und Nähe zu für den Naturschutz bedeutsamen Flächen als besonders geeignet erweisen, Besucher*innen Naturerlebnisse zu ermöglichen [10]. Die Ausgestaltung des Konzeptes der Naturerlebnisräume ist sehr vielfältig, einige von ihnen lassen sich jedoch größtenteils über das Konzept nach Schemel [7] abbilden. Darüber hinaus gibt es deutschlandweit viele weitere Projektbeispiele, die in ihrer konkreten Ausgestaltung den städtischen NER stark ähneln, jedoch nicht als solche ausgewiesen sind, beziehungsweise eine andere Bezeichnung tragen, so die „Wildnis[se] für Kinder“, die seit 2012 im Ruhrgebiet geschaffen wurden. Städtische Naturerfahrungsräume in Großstädten am Beispiel von Berlin In Berlin werden seit 2015 im Rahmen eines Entwicklungs- und Erprobungsvorhabens drei Pilotflächen eingerichtet und betrieben. Der Prozess wird durch die HNEE wissenschaftlich beobachtet und bewertet. Im Ergebnis ist die Erstellung eines praxisbezogenen Leitfadens geplant, der Behördenvertreter*innen und weiteren Involvierten notwendiges Wissen und Argumente für die Einrichtung von NER an die Hand geben soll. Das Pilotprojekt findet unter den speziellen Standortvoraussetzungen der Metropole Berlin statt. Dies hat bezüglich einiger Faktoren wie der Flächenverfügbarkeit, der administrativen Gliederung der Stadt mit einer entsprechenden Aufteilung von Zuständigkeiten und Kompetenzen, der Nutzungsintensität etc. eine mangelnde Vergleichbarkeit zu anderen Kommunen zur Folge. Um die Übertragbarkeit hier gewonnener Erkenntnisse zu überprüfen, erscheint es notwendig, diese um Erfahrungswerte aus anderen Kommunen zu ergänzen. Aus diesem Grund führte die wissenschaftliche Begleitung des Berliner Vorhabens eine deutschlandweite Befragung zur Umsetzung von NER und vergleichbaren Flächenkonzepten durch. Methodisches Vorgehen Von März bis Juni 2018 wurden leitfadengestützte Experteninterviews mit Flächenverwalter*innen und Betreiber*innen in Form einer Telefonbefragung durchgeführt. Ziel war es, Wissen zur planungsrechtlichen Situation, zu Betreiber- und Finanzierungsmodellen, Pflege und Betreuung der Flächen sowie übergeordnete Erfolgs- und Hemmfaktoren Bild 4: Abkühlung mal anders - Lehmkuhlen animieren zum Matschen und Planschen. © A. Wilitzki, HNEE Bild 5: Eine spannende Geländemodellierung fordert zum Toben, Rennen und Verstecken auf. © M. Pretzsch, HNEE 46 3 · 2018 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Räume und Flächen für die Etablierung des Konzeptes zu sammeln. In die Untersuchung gingen sämtliche ermittelte Flächen ein, die mindestens bezüglich der folgenden Kriterien mit dem ursprünglichen Konzept der städtischen NER nach Schemel [7] übereinstimmen: Zielbestimmung naturbestimmte Erholung von Kindern und Jugendlichen, Flächen in großen Teilen naturnah/ einer naturbestimmten Entwicklung überlassen, einzelne Ausstattungselemente/ Spielgeräte werden entgegen dem ursprünglichen Konzept akzeptiert, eigenständig durch Kinder und Jugendliche nutzbar, pädagogische Begleitung entgegen dem ursprünglichen Konzept möglich. Als Grundlage für weitere Interviewanfragen dienten eine Literatur- und Onlinerecherche, Kontaktadressen der Stiftung Naturschutz Berlin und Folgeempfehlungen der Interviewpartner*innen. Der Begriff der NER wird im weiteren Textverlauf für sämtliche identifizierten Flächen angewandt, die bezüglich der aufgeführten Kriterien mit dem Konzept übereinstimmen. Insgesamt fanden 17 telefonische Interviews statt. Zudem gingen schriftliche Rückmeldungen aus drei weiteren Kommunen ein. Die abschließende Auswertung erfolgte auf Grundlage von 19 bestehenden NER in Deutschland. In Verbindung mit den gesammelten Erkenntnissen des Berliner Pilotprojektes ergibt sich ein umfassendes Wissen zu den Herausforderungen der Einrichtung und des Betriebes von NER, welches im Folgenden zusammenfassend dargestellt wird. Deutschlandweite Untersuchung Im Rahmen der Befragung wurden einschließlich der sechs Berliner Flächen 30 NER in Deutschland ermittelt. Die Karte (siehe Bild 6) verortet sechs Berliner NER und 19 weitere Flächen bundesweit. Bestehende NER sind dunkelgrün, die geplanten NER hellgrün und die ehemaligen NER orange gekennzeichnet. Besonders viele und nach Aussagen der Befragten intensiv genutzte NER befinden sich in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Berlin (siehe Bild 6). Die NER in Karlsruhe und Freiburg sowie der NER Berlin Adlershof werden aufgrund eines momentan fehlenden aktiven Flächenmanagements als ehemalige NER dargestellt. Im Sommer 2018 wurde der jüngste NER in Bochum eröffnet. In den Städten Hamburg, Düsseldorf und Heidelberg werden aktuell weitere NER geplant. Bild 6: Übersicht über die deutschlandweit erfassten NER © A. Wilitzki, HNEE 47 3 · 2018 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Räume und Flächen Lage und Erreichbarkeit Bei der Suche nach einer passenden Fläche spielt die Lage eine wichtige Rolle. Der NER sollte für Kinder von ihrem Wohnort aus selbstständig erreichbar und zugänglich sein. Für die meisten NER existieren entsprechend keine zeitlichen Zugangsbeschränkungen. Zudem befinden sich von den 19-NER (außerhalb Berlins) 17 NER in direkter Nähe zu Wohngebieten (Einzugsradius von max. 500 m), davon sechs in Stadtzentren und elf in peripheren Bereichen. Weite Entfernungen zum eigenen Wohnhaus sowie zu Kinder- und Jugendeinrichtungen verringern die Chance, dass Kinder eigenständig die Flächen „erobern“ können. Nach Angabe der Befragten können auch große Straßen ohne Querungshilfen wie Ampeln oder Zebrastreifen ein Hindernis darstellen. Weiteres Eignungskriterium ist die Größe der Flächen. Sie sollte nach Schemel mindestens 2- ha, in Ausnahmefällen 1 ha betragen. In der Tabelle in Bild 6 wird deutlich, dass nicht alle Flächen dieses Kriterium erfüllen. Der größte NER mit 7 ha befindet sich in der Stadt Hannover. Flächenplanung und -einrichtung Zur Neuanlage eines NER sollten zunächst menschliche Hinterlassenschaften wie Altlasten, Müll etc. aus den Flächen entnommen bzw. gesichert werden. Darauf folgt die Erfassung der bestehenden Vegetation, gegebenenfalls finden Maßnahmen zur initialen Gestaltung der Fläche statt. Bestehende Hecken und Bäume zum Klettern, Verstecken und Naschen sollten je nach Bedarf auf der Fläche verbleiben. Kinderbeteiligungsaktionen dienen der Ideensammlung zur Geländegestaltung und frühzeitigen Einbindung späterer Nutzer*innen. Auch bei der Umsetzung können Kinder und Jugendliche behilflich sein. In der Phase der Einrichtung des NER finden nicht selten Geländemodellierungen statt. Dadurch kann ein für Kinder spannendes Relief aus Hügeln und Senken wie in der BUND Kinderwildnis in Nienburg und Bremen geschaffen werden. Selten werden vereinzelte Spielgeräte integriert. Neben einem spannenden Relief sprechen sich die Befragten vor allem für eine Vielfalt an Blühaspekten und verschiedenartigen Vegetationstypen wie dichten Gehölzbeständen, Wasser- und Wiesenbereichen aus. Dies fördert auch das Vorkommen von Insekten und weiteren Tieren auf den Flächen. Flächenverwaltung und Betrieb In den meisten Fällen verwalten die Kommunen die Grundstücke. Dieses Modell findet sich bei fast allen NER, etwa in den Städten Norderstedt, Hannover, Nürtingen, Gießen und Herne, wieder. Eine Ausnahme stellt der naturnahe Spielraum „Paradies“ in der Stadt Oppenheim dar. Hier ist ein kleinerer Teil des Grundstückes in Besitz der Verbandsgemeinde. Die Stadt Oppenheim ist zeitgleich auch der Betreiber der Fläche. In den sieben „Wildnis[sen] für Kinder“ in den Städten Bochum und Herne betreibt die Biologische Station Östliches Ruhrgebiet alle Flächen. In Hannover ist für den Betrieb des „Kinderwaldes“ der Förderverein Kinderwald Hannover e. V. verantwortlich. Die Flächen in Nienburg und Bremen werden vom BUND e. V. (Kreisgruppe/ Landesverband) betrieben. In der Stadt Vaihingen wird ein kooperatives Betreibermodell zwischen dem Förderverein „Naturerlebnisraum am Bächle“ und der Stadt genutzt. In Norderstedt liegt der Betrieb in den Händen der Stadtpark Norderstedt GmbH. Von den 19 NER bieten 14 NER pädagogische Programme an. Dazu gehören Einzelprogramme in Form von Impulsveranstaltungen und/ oder regelmäßige Programme. Kinder und Jugendliche von sechs bis zwölf Jahren, zum Teil auch deutlich jünger oder älter, lernen die Fläche kennen und kommen spielerisch mit Natur- und Umweltthemen in Kontakt. Die pädagogische Betreuung, auch wenn sie selten stattfindet, dient der Vertrauensbildung bei Kindern und Eltern. Die ansässigen Bild 7: Zusammen sind wir stärker - der Bau einer Hütte erfordert Teamarbeit. © A. Wilitzki, HNEE Bild 8: Obstbäume zwischen Brombeergebüschen, Lehmhügel neben Hochstaudenfluren und Matschbereich - Vielfalt im Naturerfahrungsraum in Berlin Spandau. © M. Pretzsch, HNEE 48 3 · 2018 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Räume und Flächen Vereine und Verbände beziehungsweise die Kommunen selbst sind zudem Ansprechpartner für die Anwohner*innen. Nach dem Vorbild Schemels [7] wird auf fünf NER in Deutschland keine pädagogische Betreuung angeboten. Sie müssen auf „eigene Faust“ entdeckt werden. Generell werden alle Flächen nicht ausschließlich eigenständig von Kindern besucht, sondern auch von Familien und betreuten Kindergruppen aus Kitas und Schulen genutzt. Pflege und Entwicklung Entsprechend ihres Zweckes ist in NER eine größtenteils naturbestimmte Entwicklung gewünscht. Ziel der Flächenpflege ist es, die Entwicklung eines NER so zu steuern, dass er für das Kinderspiel attraktiv bleibt, hierbei jedoch so wenig wie möglich in die Eigendynamik der Fläche einzugreifen. Entsprechend stehen Verantwortliche vor der Herausforderung, Pflegemaßnahmen und überdies bestehende Routinen mit der gewollten freien Entwicklung der Fläche in Einklang zu bringen. Auf diese Herausforderung reagieren die Kommunen unterschiedlich: In den „Wildnis[sen] für Kinder“ wie in Bochum Höntrop findet eine sehr zurückhaltende Pflege statt. Sukzession ist erwünscht, gelegentlich werden besonders dichte Bereiche freigeschnitten. Eine feste Pflegeroutine gibt es nicht. Die Pflege erfolgt adaptiv entsprechend der Entwicklung des NER. Auch im „Naturerlebnisraum am Bächle“ in Vaihingen wurde bewusst auf die Erstellung eines Pflegeplanes verzichtet. Maßnahmen wie das Freihalten von Wegen, die Mahd der Wiesen und das Mulchen der Flächen werden im Auftrag der Stadt und unter Anleitung des Fördervereines „Naturerlebnisraum am Bächle e. V.“ von dem Landwirt durchgeführt, der die angrenzenden Flächen bewirtschaftet. Als einziger der untersuchten NER wird der NER München in der Grünanlage Johanneskirchen vollständig seiner natürlichen Entwicklung überlassen. Pflegetätigkeiten umfassen lediglich notwendige Maßnahmen zur Erfüllung der Verkehrssicherheitspflicht. Dies unterscheidet sich von der Herangehensweise anderer Kommunen. So existieren unter anderem für den Kinderwald Hannover, den naturnahen Spielraum Oppenheim und das Gelände „Obere Ziegelei“ in Stuttgart durchaus Pflegepläne. Die Pflege des Kinderwaldes Hannover beispielsweise erfolgt im Rahmen eines umfangreichen Konzeptes, welches detailliert beschriebene Arbeitstypen Reparatur von Weidenbauwerken etc.) unterschiedlichen Geländebereichen zuordnet. Sie findet in sogenannten „Geländewerkstätten“ mit den Kindern gemeinsam statt. Zudem werden im Auftrag des Fördervereines Pflegetätigkeiten durchgeführt und von der Stadt Hannover aufwändige Pflegemaßnahmen umgesetzt. Die Intensität der Pflege ist insofern einerseits abhängig von der Grundausstattung der Fläche, andererseits auch von der Herangehensweise der Verantwortlichen. Pflegepläne können hilfreich sein, sobald ausgewählte Maßnahmen wiederholt im Sinne einer Pflegeroutine durchzuführen sind und eine rein adaptive Pflege der Fläche beispielsweise aufgrund mangelnder Kenntnisse der Ausführenden nicht möglich ist. Chancen und Herausforderungen Neben Aussagen zum konkreten Management der Flächen wurden im Rahmen der Befragung auch allgemeine Faktoren identifiziert, die sich nach Aussage der Vertreter*innen von Verwaltungen und betreibenden Einrichtungen hemmend oder förderlich auf die Etablierung des Konzeptes auswirken. Insbesondere in größeren Städten benannten die Befragten die mangelnde Verfügbarkeit ausreichend großer Flächen als vorrangiges Problem. Die Schaffung einer Kategorie „Naturerfahrungsraum“ für die planungsrechtliche Festsetzung in der Landschaftssowie in der Bauleitplanung könnte nach Aussage der Behördenvertreter*innen zu einem schnelleren Eingang des Konzeptes in die kommunale Planungsroutine führen und wurde vielfach als hilfreich angesehen. Unsicherheiten herrschen im Hinblick auf die Anforderungen der Verkehrssicherheitspflicht und das Haftungsrecht. Hierzu werden im Rahmen der wissenschaftlichen Auswertung bestehende Bild 9: Naturerfahrungsräume bieten auch Orte zum Entspannen und Ruhe finden. © A. Wilitzki, HNEE 49 3 · 2018 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Räume und Flächen Annahmen juristisch überprüft und, angelehnt an die Erfahrungen des Pilotprojektes, Empfehlungen zur Ausgestaltung des Sicherheitsmanagements formuliert. Diese werden innerhalb des geplanten Leitfadens verfügbar gemacht. Als Herausforderung wurde auch der hohe und langwierige Aufwand für die Öffentlichkeitsarbeit beschrieben, der aufgrund mangelnder Kenntnis des Konzeptes in der Bevölkerung und innerhalb der Behörden zu betreiben ist. Eine gute Öffentlichkeitsarbeit dient auch der Gewinnung von Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung sowie der kommunalen Wertschätzung der NER. LITERATUR [1] Friedrich-Ebert-Stiftung (Friedrich-Ebert-Stiftung - Forum Politik und Gesellschaft) (Hrsg.): Stadtkinder - Städte in Deutschland werden immer mehr zum Lebensraum für Familien - Eine Auswertung der aktuellen Bevölkerungsdaten für die Friedrich-Ebert- Stiftung. Berlin, 2017, S. 8-27. Online verfügbar unter http: / / library.fes.de/ pdf-files/ dialog/ 13727.pdf, zuletzt geprüft am 24.07.2018. [2] Berlin Institut (Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung) (Hrsg.): Im Osten auf Wanderschaft. Wie Umzüge die demografische Landkarte zwischen Rügen und Erzgebirge verändern. Berlin, 2016, p. 22. Online verfügbar unter https: / / www.berlin-institut. org/ fileadmin/ user_upload/ Im_Osten_auf_Wanderschaft/ BI_WanderungOst_online.pdf, zuletzt geprüft am 24.07.2018. [3] Richard-Elsner, C.: Draußen spielen Lehrbuch. Beltz Juventa in der Verlagsgruppe Beltz und Weinheim Basel, Weinheim, 2017, S. 111-112. [4] Beirat Bündnis Recht auf Spiel/ Deutsche Gartenamtsleiterkonferenz: Kein Rückbau von Spielflächen - Resolution vom Beirat Bündnis Recht auf Spiel und der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (GALK). Berlin, 2016. S. 1-2. Online verfügbar unter https: / / w w w.dkhw.de/ fileadmin/ Redaktion/ 1_Unsere_ Ar beit/ 1_ Schwerpunkte/ 4_ Spiel_und_Bewegung/ 4.8_ Kein_Rueckbau_von_ Spielflaechen/ Rueckbau-Reso lution_neu.pdf, zuletzt geprüft am 24.07.2018. [5] BNatschG: Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege (Bundesnaturschutzgesetz) vom 29.07.2009 (BGBI. l S. 2542). Zuletzt geändert durch den Artikel 421 der Verordnung vom 31.08.2015 (BGBI. l S. 1474). Online verfügbar unter http: / / w w w . g e s e t z e i m i n t e r n e t . d e / b u n d e s r e c h t / bnatschg_2009/ gesamt.pdf, zuletzt geprüft am 24.07.2018. [6] Schemel, H.-J.: Naturerfahrungsräume. Ein humanökologischer Ansatz für naturnahe Erholung in Stadt und Land. Ergebnisse aus dem F+E-Vorhaben 808 06 009 des Bundesamtes für Naturschutz. Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.), Bonn- Bad Godesberg, 1998. [7] Schemel, H.-J.: Das Konzept der Städtischen Naturerfahrungsräume. In: Schemel, H.-J., T. Wilke: Kinder und Natur in der Stadt. Spielraum Natur: Ein Handbuch für Kommunalpolitik und Planung sowie Eltern und Agenda-21-Initiativen. Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.), BfN Skripten 230, Bonn- Bad Godesberg, 2008, S. 79-92. [8] Schemel, H.-J., Reidl, K., Blinkert, B.: Naturerfahrungsräume in Städten - Ergebnisse eines Forschungsprojektes. Online verfügbar unter http: / / www.naturerfahrungsraum.de/ pdfs/ ner_ ziegenspeck _ 02.pdf, zuletzt geprüft am 24.07.2018. [9] Degünther, H.: Naturnahe Spielräume in Rheinland- Pfalz - Flächenkategorie für große, extensiv genutzte Spielräume in Wohnungsnähe. In: Schemel, H.-J., T. Wilke: Kinder und Natur in der Stadt. Spielraum Natur: Ein Handbuch für Kommunalpolitik und Planung sowie Eltern und Agenda-21-Initiativen. Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.), BfN Skripten 230, Bonn-Bad Godesberg, 2008, S. 137-207. [10] LNatschG-SH: Gesetz zum Schutz der Natur - Schleswig-Holstein (Landesnaturschutzgesetz) vom 24.02.2010 (GVOBl. S. 301). Online verfügbar unter http: / / www.gesetze-rechtsprechung.sh.juris. de/ jportal/ portal/ t/ 12q7/ page/ bsshoprod.psml/ js_pane/ Inhaltsverzeichnis, zuletzt geprüft am 24.07.2018. AUTOR I NNEN Dipl.-Ing. Maren Pretzsch Wissenschaftliche Mitarbeiterin Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) Kontakt: mpretzsch@hnee.de M. Sc. Annemarie Wilitzki Wissenschaftliche Mitarbeiterin Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) Kontakt: annemarie.wilitzki@hnee.de Prof. Dr. Jürgen Peters Professur für Landschaftsplanung und Regionalentwicklung Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) Kontakt: jpeters@hnee.de
