Transforming cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2020-0038
65
2020
52
Migrants4Cities
65
2020
Marcus Jeutner
Susanne Schön
Susanne Thomaier
Helke Wendt-Schwarzburg
Das BMBF-geförderte Forschungsprojekt „Migrants4Cities: Hochqualifizierte Migrant*innen gestalten Zukunftsstädte“ erprobte von 2016 bis 2019 in Mannheim einen ko-kreativen Stadtentwicklungsprozess. Die zentralen Ergebnisse und daraus resultierenden Konzepte für den Transfer in andere Städte sind jetzt in einer umfassenden Publikation veröffentlicht.
tc520056
56 2 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Transformation Mit dem Urban Design Thinking (UDT) wurde in Mannheim eine neue Methode für die ko-kreative und ko-produktive Stadtentwicklung erprobt und weiterentwickelt. Ein UDT-Team aus 26- Migrant*innen und elf städtischen Stakeholdern erarbeitete über eineinhalb Jahre hinweg bedarfsorientierte Lösungen zu den Themenfeldern Arbeiten, Wohnen, Mobilität, Zusammenleben und Mitmachen. Die Stadt Mannheim hat ambitionierte Nachhaltigkeitsziele formuliert und bemüht sich auf vielfältigen Wegen um eine nachhaltige Stadtentwicklung und einen (noch) engeren Kontakt zu ihren vielen internationalen Mitbürger*innen. Nach Jahren eines überwiegend integrationspolitisch geprägten Diskurses sollte sich der Blick wieder weiten und auf die - möglicherweise - innovativen Potenziale von hochqualifizierten Migrant*innen für eine nachhaltige Stadtentwicklung richten. Auch in Sachen Beteiligung und Innovation ist Mannheim kein unbeschriebenes Blatt. Seit Jahren laufen ebenso zahlwie erfolgreiche Aktivitäten. Die Herausforderung besteht darin, neue kokreative Herangehensweisen in diese städtischen Aktivitäten einzubetten und mit den vielen Aktiven in diesen Bereichen zu verzahnen, ohne die besonderen Qualitäten dieser neuen Arbeitsformate zu Migrants4Cities Transformation durch ko-kreative Stadtentwicklung Urban Design Thinking, Ko-Kreation, Urban Lab, Nachhaltigkeitsforschung, Reallabor Marcus Jeutner, Susanne Schön, Susanne Thomaier, Helke Wendt-Schwarzburg Das BMBF-geförderte Forschungsprojekt „Migrants4Cities: Hochqualifizierte Migrant*innen gestalten Zukunftsstädte“ erprobte von 2016 bis 2019 in Mannheim einen ko-kreativen Stadtentwicklungsprozess. Die zentralen Ergebnisse und daraus resultierenden Konzepte für den Transfer in andere Städte sind jetzt in einer umfassenden Publikation veröffentlicht [1]. Bild 1: Prototyping mit Spaß! Zweites öffentliches UrbanLab am 26. Januar 2018. © Mario Timm 57 2 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Transformation beschneiden. Weiterhin muss die Stadt nach Wegen zur Umsetzung ko-kreativer Lösungen suchen, denn dieses Versprechen ist dem in Mannheim angewendeten UDT-Prozess inhärent. Schließlich stellte sich die Frage, ob und wie aus diesem experimentellen Setting in Mannheim übertragbare Erkenntnisse für andere Städte gewonnen werden können. Diesen Übertragbarkeitsanspruch einzulösen und den Transferprozess zu gestalten, hat sich in transdisziplinären Forschungsprojekten als sehr schwierig herausgestellt. Migrants4Cities hat dafür mit 40 Adressaten aus 13 Städten eine Transferbeziehung aufgebaut, sie regelmäßig mit Zwischenergebnissen versorgt und zu Formaten, Ergebnisrelevanz, Impulsen und Übertragbarkeitspotenzial dieses Ergebnistransfers befragt. Urban Design Thinking als ko-kreative Methode der Stadtentwicklung Städte und Stadtverwaltungen sehen sich mit einer engen Verflechtung aus gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen konfrontiert, die systemische Veränderungen erfordert. Damit geht eine Komplexität einher, der bisherige Lösungsansätze häufig nicht gerecht werden. So braucht es einerseits neue Ansätze, die eine breitere und echte Teilhabe verschiedener Akteure ermöglichen und andererseits Freiräume, um Dinge auszuprobieren und um zu experimentieren. In der Welt von Unternehmen findet beides bereits statt: Die Arbeit mit Prototypen nach dem Prinzip „Trial and Error“ sowie die Ko-Kreation von Lösungen durch Kund*innen, Unternehmensakteure und Externe. Auch bei Gesetzgebungsverfahren sowie der Entwicklung sozialer Dienstleistungen werden in skandinavischen Ländern bereits seit den 1970er Jahren ko-produktive Arbeitsweisen angewendet, um Erfahrungen von Bürger*innen einzubeziehen und deren Engagement in Sozialsystemen zu stärken [2]. Ko-Kreation in der Stadtentwicklung hat also eine Integrationsfunktion. Sie befähigt Bürger*innen, sich aktiv und auf Augenhöhe mit anderen Beteiligten aus Stadtpolitik, Stadtverwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft in Entscheidungsfindungsprozesse einzubringen und gleichberechtigt darauf Einfluss zu nehmen [3]. Städte stellen jedoch eine komplexe „Design-Aufgabe“ dar, von der Nutzer*innen und Planer*innen als alleinige Akteure überfordert wären. Die kokreative Zusammenarbeit mit einer Vielzahl weiterer Akteure ermöglicht dagegen das Vorantreiben städtischer Innovationen [4). Die zielgruppenspezifische Lösungsentwicklung ist dabei im städtischen Kontext je nach Betrachtungsmaßstab nicht immer ohne Weiteres möglich, da etwaige Nutzergruppen zu divers sind. Bei der Übertragung von ko-kreativen Arbeitsweisen auf Stadtentwicklungskontexte, wie UDT sie leistet, muss dieses Spannungsfeld zwischen „One size fits all“ und Nutzer*innen-Zentriertheit konzeptionell gelöst werden. Dies wird seit einigen Jahren am Fachgebiet Bestandsentwicklung und Erneuerung von Siedlungseinheiten der TU Berlin vollzogen und stellt eine methodische Weiterentwicklung des Design Thinking-Ansatzes dar [5]. Das Urban Design Thinking - eine methodische Variante des in Unternehmen verbreiteten Design Thinkings [6] - zielt darauf, Arbeitsweisen klassischer Stadtentwicklungsprozesse mit solchen der Produktentwicklung zu vereinen. Ausgehend von den realen Bedarfen spezifischer Nutzer*innen- Gruppen werden in iterativen Arbeitsschleifen passgenaue Lösungen erarbeitet. Ausgangspunkt ist dabei nie die Lösung selbst, sondern das konkrete Problem. In einem ergebnisoffenen, aber streng lösungsorientierten Prozess, wird stets die technologische und wirtschaftliche Machbarkeit berücksichtigt und deshalb in transdisziplinären Teams gearbeitet. Zentral ist auch das Prinzip des frühen Scheiterns durch prototypische Erprobungen. Kernelemente des klassischen Design Thinkings bleiben dabei erhalten: die Zusammenarbeit unterschiedlicher Teilnehmender auf Augenhöhe, die Ergebnisoffenheit, die Fokussierung auf spezifische Bedarfe, das Experiment und der iterative Prozess. Hinzu kommt ein Raumbezug. Bedarfe und Lösungen werden aus dem physischen und dem sozialen Raum einer Stadt oder eines Quartierts abgeleitet und in ihm verortet. Dies erlaubt es, Problemlagen zu spezifizieren und Nutzer*innen-Gruppen zu identifizieren. Weiterhin sind die Entwicklung und Visualisierung von Geschäftsmodellen Teil der kollaborativen Arbeit. Nicht zuletzt entstehen durch die Bild 2: Öffentliche Testaktion am 13. April 2018: Kreativ arbeiten im Freien - bald auch in der Arbeitsbox? © Markus Prosswitz 58 2 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Transformation frühzeitige Einbindung potenzieller Umsetzer*innen in den Arbeitsprozess Lösungen mit einer hohen Anschluss- und Umsetzungsfähigkeit. Auch im Projekt Migrants4Cities hat die Methode es ermöglicht, dass Migrant*innen mit Akteuren aus unterschiedlichen fachlichen Bereichen zusammengearbeitet und sich so in die Entwicklung ihrer Stadt eingebracht haben. Gerade die aktivierende und akteursübergreifende Arbeit wurde von den Teilnehmenden als wichtiger, motivierender Faktor für ein Engagement in Stadtentwicklungsprozessen bewertet. Auch der Wert des Experiments und der Prototypen war deutlich erkennbar. So konnte beispielsweise das Konzept einer KulturTram vom einfachen Pappmodell über einen ersten Versuch in einem Bus bis hin zur mehrfachen prototypischen Umsetzung auf der Schiene ausprobiert und weiterentwickelt werden. Bis heute war die KulturTram bei drei Anlässen im Einsatz und verband die Quartiere und ihre Bewohner*innen. Gleiches gilt für die Lösung einer Arbeitsbox, die nach der programmatischen Entwicklung als Papp- und 3D-Modell, von Studierenden in einem Designwettbewerb entworfen, von Mitgliedern der Handwerkskammer und der Schreinerinnung gebaut und von der Hochschule Mannheim schließlich testweise aufgestellt wurde. Hieran erkennt man deutlich den Wert der Öffnung ko-kreativer Projekte mit Blick auf die Erschließung externer Perspektiven und (Fach-) Expertisen. Das Innovationspotenzial hochqualifizierter Migrant*innen Die besonderen Perspektiven und Ideen, die die hochqualifizierten Migrant*innen in den UDT-Prozess eingebracht haben, lassen sich vier Kategorien zuordnen: Berücksichtigung internationaler Beispiele städtischer Nachhaltigkeitslösungen, die sich nicht nur aus dem Herkunftsland speisen, sondern auch aus Reiseerfahrungen und Auslandsaufenthalten. Bereicherung des Prozesses durch besondere Perspektiven, die einen kosmopolitischen Blick für „typisch deutsche“ sowie alternative Lösungen umfassen. Formulierung stadtentwicklungspolitischer Bedarfe vor dem Hintergrund eigener Migrationserfahrungen, die üblicherweise eher nachrangig behandelt werden. Einbringen besonderer Fähigkeiten zur Wahrnehmung/ Wertschätzung von Verschiedenheiten und Kompetenzen im Schnittstellen- und Diversity-Management in der Stadtentwicklung. Die Einbindung dieser speziellen Bevölkerungsgruppe, die nicht zu den üblichen Beteiligten in Stadtentwicklungsprozessen gehört, erfolgte auf Grundlage eines speziell entwickelten Mobilisierungskonzeptes. Kernelemente dieses Konzeptes sind die Einbindung von Leitfiguren, die sich des Themas annehmen und die Ansprache von Multiplikatoren erleichtern, eine explizite Würdigung des Ehrenamts, die gleichberechtigte Zusammenarbeit aller Beteiligten, das ehrlich kommunizierte Umsetzungsinteresse der Stadt, die Verzahnung von Stadtgesellschaft und Stadtverwaltung sowie die Verknüpfung von Eigeninteresse und Ehrenamt. Für die Mobilisierung der Zielgruppe Migrant*innen ist zudem die Ansprache als Innovator*innen und/ oder Interessenvertreter*innen wichtig. Ebenso sollte die Verknüpfung der speziell migrantischen Perspektiven UND professioneller Kenntnisse und Kompetenzen herausgestellt werden. Auch wenn der Mobilisierungsaufwand hoch erscheint, hat sich dieser aus Mannheimer Sicht gelohnt, denn neben konkreten Lösungen hat sich die Stadt Zugang zu einem engagierten Pool an hochqualifizierten Migrant*innen für künftige Ko-Produktionsaufgaben erschlossen. Mannheimer Governance-Ansätze für eine ko-kreative Stadtentwicklung Die Stadt Mannheim hat seit mehr als zehn Jahren gute Grundlagen für die Governance ko-kreativer Stadtentwicklungsprozesse geschaffen. Auf dieser soliden Grundlage, die nicht in allen Städten vorausgesetzt werden kann, konnte der UDT-Prozess aufbauen. Nach mehr als drei Jahren lässt sich aus Sicht der Stadt sagen, dass die erarbeiteten Lösungen von hoher Wertigkeit sind und Innovationscharakter haben. Gleichzeitig sind sie Impulsgeber für bestehende Projekte. Mit den hochqualifizierten Migrant*innen ist zudem eine Zielgruppe erreicht worden, die bisher gar nicht oder nur schwer für Beteiligungsprozesse gewonnen werden konnte. Die Sichtbarmachung dieser Zielgruppe in der Stadt- Bild 3: Premierenfahrt der KulturTram beim Mannheimer Nachtwandel am 26. und 27. Oktober 2018. © Christian Fröhlich 59 2 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Urbane Transformation gesellschaft war ein willkommener „Nebeneffekt“. UDT hat sich dabei als innovative Methode bewährt. Sie unterscheidet sich deutlich von bisherigen Beteiligungsformaten durch die intensive Einbindung der verschiedenen Akteursgruppen und führt zu detaillierten, bis zur Umsetzungsreife durchdachten Lösungen. In kompakter Form sollen Elemente des UDT daher zukünftig auch in andere städtische Beteiligungsprozesse eingebunden werden. Für die Verzahnung des UDT-Prozesses mit laufenden städtischen Aktivitäten und die Umsetzung der dabei erarbeiteten Lösungen bedarf es eines auf ko-kreative Stadtentwicklungsprozesse zugeschnittenen Governance-Konzepts. Damit begegnet die Stadt zwei Gefahren, die zu Frustration und Demotivation bei allen Beteiligten führen können: Parallele Aktivitäten, von denen die Beteiligten keine Kenntnis haben und folgenlose Aktivitäten, die von der Stadt nicht aufgegriffen oder deren Umsetzung nicht unterstützt wird. In Kombination mit dem formulierten Willen der politischen Akteure sind dies die besten Voraussetzungen, um ko-kreative Prozesse in das städtische Handeln zu integrieren und belastbare Ergebnisse zu erzielen. Phase 2 gestartet: Umsetzung, Verstetigung, Transfer Klar ist: Die in Mannheim erarbeiteten Nachhaltigkeitsinnovationen sind stadtindividuell und nicht 1 : 1 von anderen Städten aufzugreifen. Um einen Transferprozess anzustoßen, wurden die potenziell übertragbaren Ergebnisse in drei Komponenten zusammengefasst: dem Mobilisierungsmodul, dem UDT-Modul und dem Governance- und Umsetzungsmodul. In der nun angelaufenen zweiten Projektphase wird untersucht, ob mit diesen Komponenten der Transfer der Mannheimer Prozesse und Ergebnisse auf ausgewählte Lernpartnerstädte gelingen und mit Hilfe individueller Konzeptions-, Adaptions- und Unterstützungsleistungen attraktiv(er) gemacht werden kann. Für interessierte Nachahmer-Städte bietet die soeben erschienene Publikation einen praxisbezogenen Blick auf Hürden und mögliche Lösungsansätze bei der Einbettung von UDT in städtische Verwaltungs- und Entscheidungsstrukturen. Und vor allem: inspirierende Einblicke in die Zusammenarbeit in den UrbanLabs und die Qualität der konkreten Nachhaltigkeitsinnovationen, die dort entstanden sind. LITERATUR [1] Hübel, C., Pahl-Weber, E., Schön, S. (Hrsg.): Willkommene Perspektiven - Nachhaltige Stadtentwicklung durch Urban Design Thinking. Berlin, Universitätsverlag der TU Berlin, 2020. [2] European Commission: Analysing the potential for wide scale role out of integrated Smart Cities and Communities solutions: The role of citizens, local businesses and the mobilization and activation of communities in creating sustainable integrated SCC solutions, 2016. Im Internet unter: https: / / eu-smartcities.eu/ sites/ default / f iles/ 2017- 09/ D7_The%20 R o l e % 2 0 of % 2 0 C i t i z e n s % 2 0 in % 2 0 S CC % 2 0 s o lu tions_0.pdf [3] Menny, M., Palgan, Y. V., McCormick, K.: Urban Living Labs and the Role of Users in Co-Creation. GAIA - Ecological Perspectives on Science and Society, (27), (2018) S. 68 - 77. [4] van Waart, P., Mulder, I., de Bont, C.: A Participatory Approach for Envisioning a Smart City. Social Science Computer Review, Vol. 34(6), (2016) S. 708 - 723. Im Internet unter: https: / / journals.sagepub.com/ doi/ pdf/ 10.1177/ 0894439315611099 [5] Pahl-Weber, E.: Urban Design Thinking: Ein ko-kreativer Weg zu bedarfszentrierter Stadtplanung? In: Hübel, C., Pahl-Weber, E., Schön, S.(Hrsg.): Willkommene Perspektiven - Nachhaltige Stadtentwicklung durch Urban Design Thinking. Berlin, Universitätsverlag der TU Berlin, (2020) S. 42 - 58. [6] Brown, T.: Change by design: how design thinking transforms organizations and inspires innovation. Erste Ausgabe, HarperCollins Publishers, New York, 2009. Marcus Jeutner, M. Sc. Stadtplaner Technische Universität Berlin Institut für Stadt- und Regionalplanung Kontakt: m.jeutner@isr.tu-berlin.de Dr. Susanne Schön Geschäftsführerin inter 3 Institut für Ressourcenmanagement Kontakt: schoen@inter3.de Dipl. Geogr. Susanne Thomaier Technische Universität Berlin Institut für Stadt- und Regionalplanung Kontakt: s.thomaier@isr.tu-berlin.de Dipl.-Kommunikationswissenschaftlerin Helke Wendt-Schwarzburg inter 3 Institut für Ressourcenmanagement Kontakt: wendt-schwarzburg@inter3.de AUTOR*INNEN
