eJournals Transforming cities 6/4

Transforming cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2021-0079
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2021
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Transformation des öffentlichen Raums

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2021
Elisabeth Schaumann
Hannah Bühr
Christina Simon-Philipp
Der öffentliche Raum hat als Treffpunkt und Identitätsstifter in Stadt(teil)zentren eine große Bedeutung. Planungen für eine bedarfsgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums gehen nicht mehr allein von Kommunen aus, auch weitere Akteur*innen setzen entsprechende Impulse und fordern Mitgestaltungsmöglichkeiten ein. Verschiedene partizipative und kreative Formate der Zentrenentwicklung werden mit dem Ziel untersucht, bestehende Planungsprozesse und -instrumente durch Mitwirkungsmöglichkeiten verschiedener Akteur*innen zu ergänzen und das bestehende Planungsinstrumentarium so zu bereichern.
tc640052
52 4 · 2021 TR ANSFORMING CITIES THEMA Lebensraum Stadt Das Forschungsvorhaben TransZ - Transformation urbaner Zentren 1 beschäftigt sich mit den vielfältigen funktionalen und räumlichen Transformationsprozessen urbaner Stadt(teil)zentren. Zentren und Stadtteilzentren verändern sich in einem zunehmend dynamischen Prozess; sie sind vom Strukturwandel betroffen und in ihrer Funktion als kommunikative Mitten bedroht [1]. 1 TransZ wird vom BMBF gefördert und ist ein Verbundprojekt der vier Hochschulen HCU Hamburg, HAW Hamburg, HAWK Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen und der HFT Stuttgart mit jeweils zugehörigen kommunalen Praxispartnern. Insbesondere der öffentliche Raum hat als Treffpunkt für die Stadtgesellschaft und als Identitätsstifter in Stadt(teil)zentren eine große Bedeutung. Durch eine passende Gestaltung können öffentliche Räume den sozialen Zusammenhalt sowie die Transformation der gesamten Stadt positiv unterstützen-[2]. Die Grundannahme des Forschungsprojekts ist, dass eine nachhaltige Transformation von Zentren nur gelingen kann, wenn lokale Akteur*innen vor Ort den Prozess tragen. Aus diesem Grund müssen Transformation des öffentlichen Raums Planungen, Prozesse und Mitwirkungsmöglichkeiten in Stadt(teil)zentren Öffentlicher Raum, Transformation, Kooperation, gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung Elisabeth Schaumann, Hannah Bühr, Christina Simon-Philipp Der öffentliche Raum hat als Treffpunkt und Identitätsstifter in Stadt(teil)zentren eine große Bedeutung. Planungen für eine bedarfsgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums gehen nicht mehr allein von Kommunen aus, auch weitere Akteur*innen setzen entsprechende Impulse und fordern Mitgestaltungsmöglichkeiten ein. Verschiedene partizipative und kreative Formate der Zentrenentwicklung werden mit dem Ziel untersucht, bestehende Planungsprozesse und -instrumente durch Mitwirkungsmöglichkeiten verschiedener Akteur*innen zu ergänzen und das bestehende Planungsinstrumentarium so zu bereichern. Bild 1: TransZ - Bauwerkstatt in Stuttgart Wangen. © Johannes Eitelbuß 53 4 · 2021 TR ANSFORMING CITIES THEMA Lebensraum Stadt sie ihre eigenen Potenziale und Ressourcen erkennen, mobilisieren und organisieren, um zukunftsweisende und tragfähige Entwicklungsperspektiven initiieren zu können. Im Rahmen des Projekts wurden verschiedene partizipative und kreative Formate der Zentrenentwicklung hinsichtlich der Mitwirkungsmöglichkeiten unterschiedlicher Akteur*innen näher untersucht. Ziel der Untersuchung war es, bestehende Planungsprozesse und -instrumente diesbezüglich zu ergänzen und damit eine Bereicherung der aktuellen Planungsinstrumente zu ermöglichen. Zudem sollten Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie der öffentliche Raum in Stadtteilzentren vor Ort kollaborativ gestaltet werden kann. Gestaltung des öffentlichen Raums Öffentliche Räume sollten so gestaltet sein, dass sie den diversen Ansprüchen der vielfältigen Nutzer*innen gerecht werden [2]. Dabei setzt nicht mehr allein die Kommune Impulse für neue Prozesse und Planung, immer häufiger fordern Bewohner*innen Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten ein. Umfangreiche Partizipationsverfahren, kreative Formate und auch soziokulturelle Projekte haben stark an Bedeutung gewonnen [3, 4]. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden mehr als 20 verschiedene (in)formelle Planungsprozesse, zivilgesellschaftlich initiierte Projekte und besondere Kooperationsformen untersucht, die eine (Neu-) Gestaltung des öffentlichen Raums zum Ziel haben. Kooperieren und Beteiligen Viele der untersuchten Projekte sind durch die Kooperation von Kommune, Bewohner*innen und weiteren Akteur*innen entstanden. Dabei setzt die Zusammenarbeit zum Teil bereits bei der Initiierung des jeweiligen Prozesses an, in anderen Fällen erst während der Planung oder der Durchführung der Prozesse. Im Rahmen von TransZ wurde in Stuttgart-Wangen gemeinsam von Hochschule, Bewohner*innen und Bezirksamt eine Bauwerkstatt initiiert. Anwohner*innen bauten hier eigenständig ein neues Stadtmöbel für den Bezirk. Eine solche gemeinschaftliche Initiierung von Projekten ist selten, was darauf zurückzuführen ist, dass potenzielle Kooperationspartner*innen meist erst nach der Initiierung auf das Projekt aufmerksam werden und zueinander finden. Häufiger findet daher eine Kooperation während der Planung des entsprechenden Gestaltungsprozesses statt, beispielsweise im Fall der Passage 56 in Paris. Dort wurde 2006 ein ehemaliger Durchgang zwischen zwei Gebäuden mit kreislaufgerecht bewirtschafteten Urban-Gardening- und Aufenthaltsflächen neugestaltet [5]. Der Planungsimpuls kam von der Delegation für Stadtpolitik und Integration in Paris; diese hat dem Kollektiv Atelier d’architecture anboten, das Potenzial des Gebiets zu untersuchen. Nach ausführlichen Analysen der überlassenen Brachfläche und deren Umgebung startete die Entwicklung eines gemeinsamen Prozesses mit Anrainer*innen und lokalen Organisationen [6]. Durch diese frühzeitige Teilhabe am Prozess und die dadurch erfahrene Selbstwirksamkeit der lokalen Bevölkerung konnte eine starke Identifikation mit dem Projekt ermöglicht werden. 2009 wurde die Fläche schrittweise an eine Gruppe Anwohner*innen des dichten und diversen Viertels im Osten von Paris übergeben. Seither wird die Fläche kollektiv verwaltet und kontinuierlich weiterentwickelt. So entstand ein neues kulturelles Quartierszentrum, an dem das ökologische Bewusstsein der Bevölkerung ganz nebenbei gestärkt werden kann [7]. Das Beispiel Haus der Statistik (Berlin) zeigt, wie die gemeinsame Planung und Durchführung eines Prozesses geschehen kann. Das Gebäude sollte 2015 nach zehn Jahren Leerstand an Investor*innen verkauft und abgerissen werden. Die Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser brachte ein offiziell wirkendes Bauschild mit dem Schriftzug „Hier entsteht für Berlin: Räume für Kultur, Bildung und Soziales“ am Gebäude an und eröffnete somit die öffentliche Diskussion um die Zukunft des Gebäudes. Seither sind verschiedene soziale und kulturelle Einrichtungen und Verbände, Künstler*innen, Architekt*innen, Stiftungen und Vereine aktiv, um die gemeinwohlorientierte Entwicklung des Gebäudes zu ermöglichen. Bild 2: Passage 56. © Sichting Tussentuin 54 4 · 2021 TR ANSFORMING CITIES THEMA Lebensraum Stadt Die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin- Mitte unterstützte das Projekt von Beginn an. 2016 wurde im Koalitionsvertrag der rot-rot-grünen Regierung eine Rekommunalisierung des gesamten Areals festgehalten, 2017 erwarb das Land Berlin das Gebäude von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die Initiative arbeitet seit 2018 unter dem Namen Koop5 mit Senatsverwaltung, Bezirksamt Berlin-Mitte und den landeseigenen Gesellschaften WBM und BIM an einer gemeinwohlorientierten Entwicklung des Hauses der Statistik [8, 9]. Solch eine vorbildliche Kooperation der Akteur*innen bedarf viel Arbeit, Energie und Geduld. Das Beispiel zeigt zudem die potenziell große Wirkung von künstlerischem Protest sowie den immensen Einfluss der Politik. Eine intensive Zusammenarbeit macht allerdings nicht automatisch einen guten und gemeinwohlorientierten Prozess aus. Nicht jede/ r kann sich in einem groß angelegten kooperativen Konstrukt wie zum Beispiel Koop5 zurechtfinden oder hat die zeitlichen Ressourcen. Daher sind begleitende zielgruppenorientierte Beteiligungen wichtig, um möglichst viele Menschen teilhaben zu lassen. Frühzeitige Beteiligung In Bezug auf die untersuchten Prozesse ist festzuhalten, dass eine frühzeitige Beteiligung von großer Bedeutung ist. Die Mitwirkungsmöglichkeiten an einer Planung können noch so umfangreich sein, wenn sie zu einem Zeitpunkt einsetzen, an dem die grundlegenden Entscheidungen schon getroffen sind, können die eingebrachten Ideen das Ergebnis nur noch wenig beeinflussen. Im Sanierungsgebiet Karlsruhe-Mühlburg (Förderprogramm Soziale Stadt) stand die Aufwertung des Zentrums im Fokus, die Bevölkerung wurde bereits in die Erstellung der vorbereitenden Untersuchungen einbezogen und während des Städtebauförderprozesses stetig und intensiv eingebunden. Jugendliche wurden gezielt über Film und digitale Angebote dazu motiviert, sich mit der Entwicklung des Gebiets auseinanderzusetzen. Diese Bemühungen haben eine Identifikation der Bevölkerung mit den angestoßenen Maßnahmen begünstigt und dazu geführt, dass die Bereitschaft zur Gründung von zwei Vereinen bestand und Prozesse so verstetigt werden konnten [10]. Mut zum Experimentieren Neben den klassischen Planungsprozessen kommen auch temporären Entwicklungen und experimentellen, ergebnisoffenen Prozessen große Bedeutung zu. Der Straßenraum der Osterstraße in HH-Eimsbüttel wurde 2017 erneuert, die Aufwertung des öffentlichen Raums und die Förderung von Fuß- und Radverkehr waren beonders wichtig. Bei der Entwicklung der Erneuerungsmaßnahme konnte auf bereits bestehende Beteiligungsergebnisse zurückgegriffen werden, zudem wurden Passant*innen vor Ort nach ihren Ideen und Meinungen gefragt. Bei einer im Anschluss an die Maßnahmen durchgeführten Evaluation zeigte sich jedoch, dass die Zufriedenheit eher gering war - knapp ein Drittel der Teilnehmenden gab an, dass die Situation nach der Sanierung gleich geblieben ist oder sich sogar etwas verschlechtert hat [11, 12]. Das Beispiel zeigt, dass die theoretisch erhobenen Meinungen oft nur auf dem Papier funktionieren. Die Ergebnisse aus der Beteiligung geben wichtige Informationen wieder - in einem zweiten Schritt hätten diese grundlegenden Ergebnisse vor Ort ausprobiert werden können, zum Beispiel durch Verkehrsexperimente oder temporäre Nutzungsänderungen. Probleme hätten so erkannt und in der weiteren Planung und tatsächlichen Umsetzung berücksichtigt werden können. Ein solch experimentelles Vorgehen fand beispielsweise in Riga statt. Ein Team von Aktivist*innen hat durch eine temporäre flächige farbliche Markierung auf dem Boden die Fahrbahnbreite zugunsten des Fuß- und Radverkehrs verändert, um die Auswirkungen auf die lokale Situation zu untersuchen. Bereits nach kurzer Zeit war eine intuitive Aneignung des Straßenraums durch die veränderte Mobilitätsstruktur erkennbar. Die Planer*innen standen während der Aktion für Gespräche mit der Bevölkerung vor Ort zur Verfügung. Trotz der auf Dauer unveränderten Situation vor Ort gingen die Bilder und das produzierte Video um die Welt, bekamen enorm viel internationalen Zuspruch und können so als Inspirationsquelle für neue Projekte dienen [13]. Bild 3: Intervention in Riga. © Fine Young Urbanists 55 4 · 2021 TR ANSFORMING CITIES THEMA Lebensraum Stadt Handlungsempfehlungen Die dargestellten Projekte verdeutlichen exemplarisch den großen Zugewinn, den die verschiedenen Impulse, Prozesse und Planungen für den öffentlichen Raum in Stadt(teil)zentren bedeuten. Bottom-Up-Prozesse gilt es daher weiterhin stärker zu fördern und diese auch vermehrt in bestehende Top-Down-Prozesse zu integrieren. Wenn die strukturellen Vorgaben formeller Planungsprozesse die Mitwirkungsmöglichkeiten lokaler Akteur*innen insbesondere im Vergleich zu zivilgesellschaftlich initiierten Prozessen zunächst einzuschränken scheinen, konnten die untersuchten Fallbeispiele aufzeigen, dass das bestehende Planungsinstrumentarium den Kommunen durchaus ermöglicht, den lokalen Akteur*innen umfangreiche Mitsprache bei Konzeption und Planung einzuräumen. Das Problem liegt eher darin, dass diese Möglichkeiten oftmals nicht, beziehungsweise nur zu einem Minimum ausgeschöpft werden. Die Gründe hierfür sind vielfältig und sicherlich nicht einfach zu lösen. Was jedoch nicht passieren darf, ist ein Verzicht auf lokales Wissen aufgrund von vermeintlich ausreichendem verwaltungsinternem Detailwissen. Durch die Kombination von lokalem Wissen aus der Bevölkerung und dem Fachwissen kann die Entwicklung eines langfristig funktionierenden öffentlichen Raums ermöglicht werden. Eine Ausweitung des bestehenden Instrumentariums erscheint in Bezug auf die grundsätzlichen Mitwirkungsmöglichkeiten nicht nötig. Vielmehr bedarf es Geboten und dem Willen zur stärkeren, gezielteren und frühzeitigen Einbeziehung des lokalen Wissens sowie dem Mut zu Experimenten und Unfertigem. Die Erweiterung von Planungsprozessen um eine Phase 0 wäre eine erste Möglichkeit, zu einem frühen Zeitpunkt mit Interessierten ins Gespräch zu kommen und deren Sichtweisen und Ideen mit in die Planungen einfließen zu lassen. Auch sollten mehr Experimentierräume ermöglicht werden. Im Rahmen der Städtebauförderung sind diese zwar bereits erwähnt, finden sich in der Umsetzung jedoch zu selten wieder. Ein Ausprobieren und Testen der geplanten Veränderungen sollte, wann immer möglich, Teil von Planungsprozessen werden. So könnten bedarfsgerechtere Räume gestaltet und zudem Kosten für potenzielle nachträgliche Umbauten gespart werden. In Bezug auf all diese Punkte scheint es empfehlenswert zu sein, entsprechende Handreichungen, Weiterbildungen, Konferenzen oder andere Formate zum Wissensaustausch für die verantwortlichen und ausführenden Stellen zur Verfügung zu stellen. LITERATUR [1] Schaumann, E., Simon-Philipp, C.: Urbane Interventionen im öffentlichen Raum. Transformationspotenziale in Stadtteilzentren. In: Forum Stadt 3 (2018), S. 247 - 258. [2] Lüscher, R.: Transforming Cities. In: Feireiss, K. Hamm, O.G. in co-operation with the Senate Department for Urban Development and the Environment (Hrsg.): Transforming Cities. Urban Interventions in Public Space. Berlin, jovis, (2015) S. 22 - 31. [3] Humann, M., Polinna, C.: Planungsprozesse, in: BBSR (Hrsg.), Glossar zur Gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung, Bonn (2020), S. 109. [4] Schröteler-von Brandt, H., Schmitt, G.: Stadterneuerung. Eine Einführung. Wiesbaden, 2016, S. 93, S. 108. [5] ht tp s : / / w w w.publi c sp a ce.or g / wor k s / -/ proje c t / f 250 -passage -56 cultural-andecological-space, 01.04.2021. [6] https: / / www.urbantactics.org/ projets/ passage56/ , 29.09.2021. [7] https: / / designinfrastructuresinclusion.wordpress. com/ tlp-database/ passage-56-paris/ , 01.04.2021. [8] https: / / hausderstatistik.org/ initiative/ , 03.03.2021. [9] ZUsammenKUNFT Berlin eG 2019: Modellprojekt Haus der Statistik, Band 1, Das Modellprojekt: Initiative und Vision, 2019, Berlin. [10] Ministerium für Finanzen und Wirtschaft Baden- Württemberg 2015: Stadt Bürger Dialog, Städtebauförderung 2004 - 2014, Broschüre, Stuttgart. [11] Stadt Hamburg: Ergebnisse der Vorher - Nachher- Untersuchung, Evaluation Osterstraße, Stadtraumerneuerung Osterstrasse, Präsentation am 04.12.2019, Hamburg. [12] https: / / www.hamburg.de/ eimsbuettel/ osterstrasse/ 4510182/ mediathek/ , 08.03.2021. [13] https: / / www.publicspace.org/ works/ -/ project/ j235mierigi, 28.09.2021. Elisabeth Schaumann Wissenschaftliche Mitarbeiterin Hochschule für Technik Stuttgart Kontakt: elisabeth.schaumann@hft-stuttgart.de Hannah Bühr Wissenschaftliche Hilfskraft Hochschule für Technik Stuttgart Kontakt: 01buha1msp@hft-stuttgart.de Prof. Christina Simon-Philipp Hochschule für Technik Stuttgart Kontakt: christina.simon@hft-stuttgart.de AUTORINNEN