eJournals Transforming cities 9/2

Transforming cities
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2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2024-0022
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2024
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Auf dem Weg zu offenen und sicheren Städten für alle

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2024
Kim Loschiavone
Rebecca Nell
In der Stadt von morgen spielt der Aspekt einer „gesunden Stadt“ eine große Rolle. Dabei sollen Gesundheitsförderung und Versorgung als Querschnittsaufgabe einer Stadt verstanden werden. Eine gesundheitsförderliche Stadtgestaltung zielt u. a. auf möglichst umfangreiche Begrünungen, vielfältige Erholungsorte im Freien, Sportmöglichkeiten drinnen und draußen sowie Platz zum Spielen und Verweilen ab. Auch die Gestaltung öffentlicher Räume für Begegnungen, Feste und Kommunikation tragen zur gesundheitsförderlichen Stadt bei. Sowohl die physiologischen als auch die mentalen Auswirkungen der Stadtgestaltung sind Bestandteil der angewandten Forschung. Ein Aspekt hierbei kann die Sicherheit von Frauen in öffentlichen Räumen darstellen. In diesem Beitrag werden Verbindungen zwischen feministischer Stadtplanung, sicheren Städten und der öffentlichen Gesundheit aufgezeigt, um ein umfassendes Verständnis für die Gestaltung gesunder, inklusiver und lebenswerter Städte zu fördern.
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71 2 · 2024 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2024-0022 Auf dem Weg zu offenen und sicheren Städten für alle: Die Rolle feministischer Stadtplanung für die öffentliche Gesundheit Gesundheit, Geschlechtergerechtigkeit, Stadtplanung, Nachhaltigkeit Kim Loschiavone, Rebecca Nell In der Stadt von morgen spielt der Aspekt einer „gesunden Stadt“ eine große Rolle. Dabei sollen Gesundheitsförderung und Versorgung als Querschnittsaufgabe einer Stadt verstanden werden. Eine gesundheitsförderliche Stadtgestaltung zielt u. a. auf möglichst umfangreiche Begrünungen, vielfältige Erholungsorte im Freien, Sportmöglichkeiten drinnen und draußen sowie Platz zum Spielen und Verweilen ab. Auch die Gestaltung öffentlicher Räume für Begegnungen, Feste und Kommunikation tragen zur gesundheitsförderlichen Stadt bei. Sowohl die physiologischen als auch die mentalen Auswirkungen der Stadtgestaltung sind Bestandteil der angewandten Forschung. Ein Aspekt hierbei kann die Sicherheit von Frauen in öffentlichen Räumen darstellen. In diesem Beitrag werden Verbindungen zwischen feministischer Stadtplanung, sicheren Städten und der öffentlichen Gesundheit aufgezeigt, um ein umfassendes Verständnis für die Gestaltung gesunder, inklusiver und lebenswerter Städte zu fördern. 72 2 · 2024 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2024-0022 THEMA Offene und sichere Städte einer Variation in der Erfahrung und Nutzung des urbanen Raums je nach Geschlechtsgruppe der Bewohnenden (vgl. Bauriedl/ Strüver 2020; Löw 2006; Simone 2021). Frauen erleben den öffentlichen Raum öfter als feindlich und fühlen sich dort unsicher, insbesondere bei Dunkelheit und in wenig frequentierten Bereichen. Diese subjektive Wahrnehmung beeinflusst die Nutzung und die Bewegungsmuster von Frauen im städtischen Raum, was Auswirkungen auf ihre Mobilität und eine vollständige Vermeidung bestimmter Bereiche mit sich bringen kann. Diese geschlechtsspezifischen Erfahrungen des urbanen Raumes stehen in engem Zusammenhang mit der sozialen Konstruktion von Geschlecht und tragen zu einer Reproduktion und Verstärkung von Geschlechternormen und Ungleichheiten im öffentlichen Raum bei (vgl. Bauriedl/ Strüver, 2020; Löw, 2006). Feministische Stadtplanung Ein Konzept, das als Antwort auf derlei geschlechtsspezifische Ungleichheit im städtischen Raum entstand, ist die feministische Stadtplanung. Traditionell ist die Disziplin der Stadtplanung durch einen androzentrischen-Fokus [1] geprägt, der die Bedürfnisse von Frauen vernachlässigte und zu geschlechtsspezifischen, fragmentierten Stadtstrukturen führte (vgl. Kern 2022). Als Reaktion auf die Marginalisierung von Frauen in städtebaulichen Abläufen und planerischen Berufen entstand die feministische Stadtplanung ab den 1970er-Jahren. Später entwickelten sich verschiedene Ansätze wie „Gender Planning“ und „Gender Mainstreaming“, um Geschlechterungleichheiten in der Planung zu begegnen. Ziel der feministischen Stadtplanung ist es, Normen der binären Geschlechtlichkeit und Heteronormativität sichtbar zu machen und traditionell männliche Strukturen in der Stadtplanung zu überwinden, um eine nachhaltige Gesellschaft für alle zu schaffen. Ansätze wie „Gender Planning“ oder „Diversity-Ansätze“ fokussieren sich im Vergleich weniger systematisch auf geschlechtsspezifische Ungleichheiten und transformative Maßnahmen, die diesen Ungleichheiten langfristig begegnen. Die Herausforderung in der Umsetzung feministischer Prinzipien in der Stadtplanung liegt in einem erforderlichen Umdenken und einem besseren Verständnis für Geschlechterperspektiven sowie in der Vereinbarkeit mit politischen Prioritäten und kulturellen Anforderungen (vgl. Huning 2018; Simone 2021). In der Literatur besteht derzeit noch keine einheitliche Konzeptionierung der feministischen Stadtplanung. Dennoch lassen sich einige zentrale Bausteine identifizieren. Dazu gehören: Hintergrund Städte sind nicht nur physische Umgebungen, sondern auch Orte, die gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben und abbilden. Offene und sichere Städte sollten demnach inklusive und lebenswerte Räume für alle ihre Bewohner: innen darstellen. In diesem Kontext gewinnt die feministische Stadtplanung an Bedeutung im globalen Diskurs. Feministische Stadtplanungsansätze streben nach der Überwindung traditioneller Muster in der Gestaltung des urbanen Raumes und der Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Bevölkerungsgruppen (vgl. Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen 2024). Dabei steht die Sicherheit von Frauen in der Stadt und die Nutzbarkeit von öffentlichen Räumen für weiblich gelesene Personen im Mittelpunkt. Die alltägliche Begegnung mit Belästigung, Angst und Unsicherheiten im öffentlichen Raum wirkt sich einschränkend auf die Bewegungsfreiheit und Teilhabe im städtischen Leben aus. Ein bedeutsamer Aspekt dieser Diskussion sind die Auswirkungen der Einschränkungen und der räumlichen Diskriminierung auf die Gesundheit, insbesondere in Bezug auf geschlechtsspezifische Ungleichheiten. Diesen Herausforderungen begegnen feministische Planungsperspektiven. Die Schnittstellen zwischen feministischer Stadtplanung, sicheren Städten und der öffentlichen Gesundheit werden nachfolgend beleuchtet, um ein tieferes Verständnis für die Gestaltung von sicheren, bewohn- und nutzbaren sowie gesunden Städten für alle zu schaffen. Geschlecht und (Stadt-)Raum Um die Beziehung zwischen Geschlecht und Raum in städtischen Umgebungen zu verstehen, werden zunächst die grundlegenden Elemente dieser Beziehung beleuchtet. Raum wird als ein relationales Konzept verstanden, in dem Objekte und Ereignisse in Beziehung zueinander stehen. Dies wird in urbanen Räumen durch ihre soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Bedeutung ersichtlich. Die Bedeutsamkeit dieser urbanen Lebensräume wird wiederum an der weiter voranschreitenden Urbanisierung deutlich (vgl. Akademie für Raumforschung und Landesplanung 2018; Jakobi et al. 2021; Löw 2006; Simone 2021). Auch die Komponenten Raum und Geschlecht sind untrennbar miteinander verbunden und prägen sich gegenseitig. Da der Raum durch seine historische Entwicklung eine Geschlechtsspezifität aufweist, beeinflusst er auch die Konstruktion von Geschlecht und das Leben der Menschen unterschiedlicher Geschlechter in städtischen Gebieten. Dies führt zu 73 2 · 2024 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2024-0022 THEMA Offene und sichere Städte psychische Symptome mit sich bringen kann. Angst im öffentlichen Raum ist ein komplexes soziales Phänomen, das die Nutzung des öffentlichen Raums und das Wohlbefinden von Frauen beeinflusst. Um dem entgegenzuwirken, ist es wichtig, Geschlechterperspektiven in die Stadtplanung einzubeziehen und Angsträumen zu begegnen (vgl. Almanza Avendano et al. 2022; Carpio−Pinedo et al., 2019; Rodo-de-Zarate et al. 2019; Sheppard et al. 2012). Urbane Umgebungen bergen das Potenzial, bestehende gesundheitliche Ungleichheiten zu verstärken, insbesondere für Frauen, Mädchen und geschlechtliche Minderheiten. Dabei erhöhen sozioökonomische Ungleichheiten ihre Vulnerabilität für (Klima-) Krisen und verstärken die Marginalisierung räumlicher Beziehungen. Trotz des großen Einflusses des sozioökonomischen und kulturellen Umfelds auf die Gesundheit liegt der politische Fokus nach wie vor oft auf dem Verhalten und biomedizinischen Faktoren der Einzelnen, was die Verantwortung individualisiert (vgl. Baum et al. 2018; Santus/ Scaioli 2022; World- Bank, 2020). Ein Aspekt, der die gesundheitlichen Ungleichheiten im Stadtraum verbildlicht, ist der Zugang zu Grünflächen, da einkommensschwache und LGBTQIA+ Personen oft nur eingeschränkten Zugang zu diesen haben. Allerdings bergen Grünanlagen gesundheitliche Vorteile wie die Förderung körperlicher Aktivität, Erholung und sozialer Interaktion und stellen daher einen Aspekt im Diskurs zur Umweltgerechtigkeit dar. Durch die inklusive Gestaltung von Grünflächen kann zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit und sozialen Gerechtigkeit beigetragen werden. Ebenso ist der Zugang zu öffentlichen Einrichtungen, insbesondere Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur, ein zentraler Baustein. Dieser kann eine Erweiterung der Gestaltungsmöglichkeiten der privaten Sphäre bieten und sich dadurch gesundheitsförderlich auswirken. Gebühren und Verwaltungsstrukturen können ƒ Geschlechtsspezifische Analysen ƒ Partizipative Planung ƒ Bedürfnisorientierung ƒ Zugänglichkeit des öffentlichen Raums ƒ gemischte Landnutzungsplanung ƒ alternative Wohnformen ƒ ÖPNV-Zentrierung ƒ Sicherheit und natürliche Überwachung ƒ Dekonstruktion von Normen ƒ Empowerment (vgl. Davis/ Edge 2022; Huning 2020; Simone 2021). Aus diesen Bausteinen lässt sich eine erste feministische Vision der Stadtplanung zeichnen, die nach einer zugänglichen und sicheren Stadt für alle strebt, die vielfältige Bedürfnisse und Lebensrealitäten berücksichtigt sowie soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung fördert (vgl. Ha 2016; Simone 2021). Die praktische Umsetzung feministischer Prinzipien in der Planungspraxis wird global beispielsweise durch die Sustainable Development Goals (SDGs) und die New Urban Agenda gefördert. Sowohl national (Neue Leipzig Charta) als auch international wird daher vielseitig an der Umsetzung gearbeitet. Wien gilt hierbei als Best-Practice-Beispiel und hat innovative Ansätze zur Förderung der Geschlechtergleichstellung implementiert, die eine partizipative Umgestaltung des öffentlichen Raums umfassen (vgl. Huning 2020; World Bank 2020). Schnittstellen zu Public Health Auch das Umfeld hat einen Einfluss auf die Gesundheit, weshalb sich urbane Umgebungen vor allem durch verschiedene Komponenten wie das physische und soziale Umfeld sowie den Zugang zur Gesundheitsversorgung auf die Gesundheit auswirken. Positive Einflüsse können Ordnung und empfundene Sicherheit in der gebauten Umwelt, öffentliche soziale und Bildungseinrichtungen sowie soziale Interaktionen sein, während gesellschaftliche Probleme und unzureichender Zugang zu Einrichtungen Herausforderungen darstellen. Die Public-Health-Disziplin fordert daher eine erweiterte Definition der Stadtplanung, um politische Prozesse einzubeziehen und auf gesundheitliche Ungleichheiten einzugehen (vgl. Corburn 2004; Galea et al. 2005; Mueller et al. 2024). Auch die mentale Gesundheit wird durch den Stadtraum geprägt, wobei ästhetische Aspekte, das soziale Umfeld und die Zugänglichkeit von Einrichtungen eine Rolle spielen. Frauen leiden aufgrund struktureller Ungleichheiten und Belästigungserfahrungen häufig unter andauerndem Stress, was langfristige Gesundheitsbeeinträchtigungen wie Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System oder Ein zentraler Ansatz, der dies berücksichtigt, ist der Health-in-All-Policies-Ansatz (HiAP). Dieser betont die Bedeutung einer sektorübergreifenden Gesundheitspolitik und die Integration gesundheitsfördernder Maßnahmen in alle politischen Bereiche. HiAP ermöglicht politischen Entscheidungstragenden, positiv auf die Gesundheit einzuwirken und die gesundheitliche Chancengleichheit zu verbessern, insbesondere indem der Ansatz sozioräumliche Faktoren in Planungs- und Entscheidungsprozessen berücksichtigt (vgl. Baum et al. 2018; Bolte et al. 2018; WHO 2014). Health-in-All-Policies 74 2 · 2024 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2024-0022 THEMA Offene und sichere Städte spürbar werden und partizipative Methoden besonders von Bedeutung sind. Die Integration feministischer Perspektiven in der Stadtplanung verdeutlicht, dass die Gleichstellung und Gesundheitsförderung eine wichtige Rolle in der Planung spielen sollten. Dennoch fehlen bislang noch Instrumente für die Abbildung der Perspektiven von marginalisierten Gruppen als auch für deren Einbezug in Planungsprozesse. Die Notwendigkeit, das bisherige Vorgehen zu überdenken und bestehende städtische Strukturen zu überarbeiten, erschwert die Umsetzung weiter. LITERATUR [1] Akademie für Raumforschung und Landesplanung (2018): Handwörterbuch der Stadt- und Raumentwicklung. (Ausgabe 2018). Hannover: Akademie für Raumforschung und Landesplanung. [2] Al-Bishawi, M.; Timraz, F. 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GBV ist tief in sozialen Strukturen verankert und betrifft eine Vielzahl an Geschlechtsgruppen, darunter vor allem Frauen, Mädchen, LGBTQIA+ Personen und nichtgeschlechtskonforme Menschen. GBV hat schwerwiegende Auswirkungen auf das Wohlbefinden und beeinflusst durch die Angst davor auch die Wahrnehmung des öffentlichen Raums. Um GBV präventiv entgegenzuwirken, sind politische Maßnahmen erforderlich, die über reine Schutzmaßnahmen, die Schwäche suggerieren, hinausgehen und empowernd auf die betroffenen Gruppen wirken (vgl. Alderton et al. 2020; Rodo-de-Zarate et al. 2019). Großstädte bieten allerdings auch vielseitige Chancen. Sie stellen wichtige Orte für die Betrachtung des gesellschaftlichen Fortschritts dar und bergen durch ihre Struktur viele Potenziale in Bezug auf die Umsetzung der erwähnten feministischen Planungsprinzipien und ihrer salutogenen Wirkung. Sie haben im Vergleich zu ländlichen Gebieten mehr Mittel zur Verfügung, bieten einen besseren Zugang zu Beschäftigung, wichtigen Gütern, Dienstleistungen und sozialen Interaktionen und können dadurch den Alltag erleichtern und das Wohlbefinden verbessern Darüber hinaus bieten sie durch ihre Struktur „unsichtbare“ Vorteile wie Anonymität und Spontaneität. Außerdem stehen Großstädte im Gegensatz zu nationalen Regierungen nur in einer lokalen Rechenschaftspflicht. Daher kann die kommunale Ebene politische Prozesse flexibler, kollaborativer und transparenter gestalten, weshalb sie sich gut für partizipative Gestaltungsinstrumente eignet. Das alles führt dazu, dass Städte das große Potenzial bergen, die Gleichstellung der Geschlechter voranzutreiben (vgl. Al-Bishawi/ Timraz 2020; Evers/ Hofmeister 2010; Jakobi et al. 2021; Jubany et al. 2022; Kern 2022; Mueller 2017; Rice/ Hancock 2016; Simone 2021). Fazit Die vorangegangenen Abschnitte machen deutlich, dass Städte nicht nur physische Räume sind, sondern darüber hinaus gehen. Sie sind sozial konstruierte Orte des gesellschaftlichen Fortschritts, die das Wohlbefinden der Stadtbevölkerung maßgeblich beeinflussen. Idealerweise bieten Städte durch ihre Vielfalt an sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Möglichkeiten physische und psychische Vorteile für ihre Bevölkerung. Die Kommunalpolitik ist eine Ebene, in der (raum-)politische Entscheidungen direkt 75 2 · 2024 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2024-0022 THEMA Offene und sichere Städte Kim Loschiavone, Fraunhofer IAO, Nobelstraße 12, 70569 Stuttgart kim.loschiavone@iao.fraunhofer.de Rebecca Nell, Teamleiterin Urban Governance Innovation, Fraunhofer IAO, Nobelstraße 12, 70569 Stuttgart rebecca.nell@iao.fraunhofer.de AUTOR*INNEN of disease assessment. Environment International 107: 243-257. https: / / doi.org/ 10.1016/ j.envint.2017.07.020 [24] Rice, M. & Hancock, T. 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