Transforming Cities
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2366-7281
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expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0012
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2025
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Den Schatz in der Tiefe heben
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Harits Alkatiri
In der Theorie könnte insbesondere die Tiefengeothermie ganze Stadtviertel unentwegt mit Wärme versorgen – unerschöpflich, jederzeit verfügbar und vor allem klimafreundlich. Doch in der Praxis kommt in Deutschland die grüne Technologie aufgrund zahlreicher Hürden viel zu wenig zum Einsatz. Vorreiter wie das bayerische Energieversorgungsunternehmen Erdwärme Grünwald GmbH oder die Stadtwerke München treiben die Nutzung der tiefen Geothermie dennoch seit langem voran. Beim Ausbau der Fernwärmeleitungen und dem Bau eines neuen Heizkraftwerks unterstützt das auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisierte Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE.
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Den Schatz in der Tiefe heben Tiefengeothermie, Stadtviertel, Wärme, Fernwärme, Heizwerk, Geophysik Harits Alkatiri In der Theorie könnte insbesondere die Tiefengeothermie ganze Stadtviertel unentwegt mit Wärme versorgen - unerschöpflich, jederzeit verfügbar und vor allem klimafreundlich. Doch in der Praxis kommt in Deutschland die grüne Technologie aufgrund zahlreicher Hürden viel zu wenig zum Einsatz. Vorreiter wie das bayerische Energieversorgungsunternehmen Erdwärme Grünwald GmbH oder die Stadtwerke München treiben die Nutzung der tiefen Geothermie dennoch seit langem voran. Beim Ausbau der Fernwärmeleitungen und dem Bau eines neuen Heizkraftwerks unterstützt das auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisierte Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE. Das Potenzial ist enorm: Laut Studie des Leibniz-Instituts für Angewandte Geophysik könnten tiefe und oberflächennahe Geothermie bis 2045 etwa 40 Prozent des Wärmebedarfs in Deutschland liefern. i Allerdings deckt die sogenannte hydrothermale Tiefengeothermie bislang weniger als ein halbes Prozent des hiesigen Wärmebedarfs. ii Dem „Masterplan Geothermie Bayern“ der Technischen Universität München zufolge wären aber sogar allein 40 Prozent des bayerischen Wärmebedarfs nur aus der Tiefengeothermie bedienbar. iii Bei der Tiefengeothermie geht es stark vereinfacht darum, heißes Wasser aus Erdschichten mit einer Tiefe von mehr als 1500 Metern für die Wärme- und in Teilen auch Stromgewinnung zu nutzen. Optimale Bedingungen dafür herrschen hierzulande im Norddeutschen Becken, im Oberrheingraben und in Südbayern vor. Insbesondere im süddeutschen Molassebecken, das sich von der Donau bis zum Alpenvorland erstreckt, gibt es das größte Heißwasservorkommen in Mitteleuropa. Noch sind Geothermie-Heiznetze als Wärmewunder allerdings selten, doch es gibt sie: zum Beispiel in der bayerischen Gemeinde Grünwald nahe München. Dort wird mit der Geothermiequelle Laufzorn bis zu 128 Grad heißes Wasser aus einer Tiefe von mehr als 4.000 Metern gefördert. Bereits im Jahr 2011 waren 48 1 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0012 aufwendige Öffentlichkeitsarbeit zur Akzeptanzgewinnung große Herausforderungen. Damit ist Geothermie kostenintensiv, sie ist Langstrecke. Aber andererseits importieren wir jedes Jahr 110 Milliarden Euro an fossilen Energien aus dem Ausland. Eine Grundvoraussetzung für den Erfolg der tiefen Geothermie ist die intelligente Vernetzung von Fernwärmenetzen. Ausbau schreitet voran So ist der Bedarf an neuen Transportleitungen für das Fernwärmenetz in Grünwald aufgrund der wachsenden Nachfrage nach neuen Anschlüssen entsprechend groß. Geplant ist künftig die Wärmeversorgung aller Grünwalder Gebäude mit geothermischer Wärme. Und so gelingt es dem Grünwalder Energieversorgungsunternehmen, aller bisherigen Hürden zum Trotz, den Ausbau der Tiefengeothermie weiter voranzutreiben. Im Zeitplan wurde die Baustelle der Netzanbindung Nord in der Bavaria Filmstraße fertiggestellt. Es handelt sich um eine etwa 4,7 km lange Fernwärmetransportleitung zwischen den Standorten Laufzorn, Unterhaching und dem Norden Grünwalds , die künftig den Norden des Grünwalder Fernwärmenetzes mit versorgt. Im Bereich der Bavaria Filmstudios verbindet sich die neue Leitung mit dem vorhandenen Fernwärmenetz, was zudem zu mehr Versorgungssicherheit beiträgt. Ein Team des Unternehmens Drees & Sommer SE koordinierte die Planung und den Bau der sogenannten Nordanbindung. Die Trassenführung führt von Oberhaching entlang der Forstwege durch den Perlacher und Grünwalder Forst bis in den Norden von Grünwald. Beim Projekt war eine besonders achtsame und genaue Ausführung oberstes Gebot. Im Landschaftsschutzgebiet Perlacher und Grünwalder Forst einschließlich des Gleißentales herrschen besonders strenge Vorgaben für einen Eingriff mit Maschinen, um die ökologische Funktionalität zu sichern und Flora und Fauna so wenig wie nur möglich zu beeinträchtigen. Die Baumaßnahmen wurden deshalb in fünf Abschnitten als Art Wanderbaustelle durchgeführt: Sobald ein Baufeld fertig bearbeitet war und die Rohrleitungen verlegt, wurde der Abschnitt wieder verfüllt und das nächste Baufeld bearbeitet. in Grünwald erste Haushalte, Unternehmen und kommunale Einrichtungen ans Fernwärmenetz angeschlossen. Stand 2023 betrug dessen Länge schon rund 110 Kilometer. Es versorgt heute mehr als 3.500 Haushalte, Gewerbe und öffentliche Gebäude mit Wärme. Schlafender Riese unter unseren Füßen: 62,3 Millionen des Bundes für Grünwalds Wärmewende-Erfolgsmodell Damit erfüllt in der Gemeinde Grünwald jeder dritte private Haushalt, was andernorts in puncto Wärmewende und Klimaneutralitätszielen in weiter Ferne scheint. Rund 22.000 Tonnen CO 2 sparte die Gemeinde Grünwald im Jahr 2023 durch die Nutzung der Fernwärme aus der Tiefengeothermie. Fakten, die auch den Bund überzeugen: So bewilligte das Bundes wir tschaf tsministerium im Juni 2024 eine Förderung in Höhe von 62,3 Millionen Euro für das geplante z weite Geothermie - Projekt der Erdwärme Grünwald GmbH. Mehr als die Hälfte des klimaschädlichen CO 2 verursachen wir mit unserer fossilen Wärmeversorgung. Dabei haben wir einen schlafenden Riesen mit einem Bodenschatz in allen Etagen unter unseren Füßen. Damit könnten wir eine zuverlässige, preisstabile und sichere Energieversorgung gewährleisten. Geothermie ist immer verfügbar, wetterunabhängig und landschaftsschonend. Die Anlagen sind grundlastfähig und ihr Betrieb verursacht keine Umweltbelastungen. Doch der Weg zur klimafreundlichen Wärme ist kein leichter: Möglicherweise wird in der Bohrung nichts gefunden. Neben diesen Fündigkeitsrisiken waren und sind langwierige Genehmigungsverfahren, mangelnde Abstimmungungen zwischen den Behörden, lange Projektphasen oder die Bild 1: Geothermische Anlage von außen. © Drees & Sommer SE 49 1 · 2025 TR ANSFORMING CITIES PRODUKTE + LÖSUNGEN Geothermie DOI: 10.24053/ TC-2025-0012 Neuer Standort Laufzorn II: Wärme für viel mehr Haushalte Nicht nur am Ausbau der Leitungen, sondern auch am Erschließen neuer Heißwasserquellen arbeitet die Erdwärme Grünwald GmbH mit Hochdruck, um damit Haushalte in Grünwald und Unterhaching versorgen zu können: Südlich des bestehenden Standorts in Laufzorn realisiert das Unternehmen derzeit mit Unterstützung von Drees & Sommer das Großprojekt „Laufzorn II“. Es handelt sich um einen weiteren Standort zur Wärmeversorgung mit einem Heizwerk und vier Tiefenbohrungen, die rund 4.000 Meter erreichen. Möglich ist eine nachträgliche Erweiterung auf sechs Bohrungen. Nach Fertigstellung der letzten Bohrung und dem Rückbau der Bohranlage beginnen die Arbeiten an der Obertageanlage und den Fernwärmetrassen. Geplant ist ein kleineres Heizwerk, da nur eine Wärmeauskopplung benötigt wird. Zudem entfallen viele Hilfs- und Nebenanlagen, weil sich die Infrastruktur des Bestandswerks Laufzorn mitnutzen lässt. Da die Anlage außerdem auf einer geringen Grundstücksfläche gebaut wird, ermöglicht das, einen großen Teil der in der Bauphase beanspruchten Fläche zu renaturieren. Nach den Bohrungen soll in den kommenden Jahren das Heizwerk errichtet werden. Im Anschluss ist ein Testbetrieb für Laufzorn II vorgesehen, um sicherzustellen, dass die Wärme zuverlässig an die Haushalte abgegeben werden kann. Wärme läuft wie am Schnürchen: Das Großvorhaben Perlenschnur Verbundleitungen schöpfen das Fernwärmepotenzial optimal aus, da sich die Fernwärme über längere Strecken mit geringen Temperaturverlusten transportieren lässt und so weniger Anlagen notwendig sind. Zusätzlich erhöhen die Leitungen die Auslastung und die Ausfallsicherheit der einzelnen Anlagen. Dadurch lassen sich sowohl Effizienz als auch Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems und jeder Einzelanlage steigern. Gute Gründe, aufgrund derer das Unternehmen in Kooperation mit den Stadtwerken München beabsichtigt, einen interkommunalen geothermischen Wärmeverbund namens Perlenschnur aufzubauen. Denn wie Perlen an einer Schnur reihen sich die bislang acht Geothermieprojekte im Süden von München auf, darunter auch die Standorte Laufzorn und Laufzorn II. Ziel des gemeinsamen Vorhabens beider Energieversorger ist es, künftig alle Anlagen in einem großen Fernwärmeverbund zu bündeln, um die bayerische Landeshauptstadt mit Wärme zu versorgen. Zudem wollen die Unternehmen weitere Geothermie-Anlagen erschließen und ihre Fernwärmenetze deutlich ausbauen. Wie kann ein schnellerer Durchbruch der Tiefengeothermie gelingen? Was den Durchbruch der Tiefengeothermie in der Breite angeht, gibt es allerdings noch einiges zu tun: Vor allem ist die Gleichstellung der Tiefengeothermie mit anderen erneuerbaren Energien wie Wind und Photovoltaik elementar. Dies würde ihr eine privilegierte Behandlung in Genehmigungsverfahren sichern und den Ausbau beschleunigen. iv Bekanntheit erhöhen und Vertrauen schaffen Während Wind- und Solarenergie sowie oberflächennahe Geothermie bekannt sind, begegnen viele Bürger der Tiefengeothermie mit Skepsis. Eine umfassende Informationskampagne könnte die Bekanntheit und das Vertrauen in diese Technologie steigern und Bedenken abbauen. Solche Kampagnen sollten von der öffentlichen Hand gefördert werden, um die Vorteile und Sicherheitsstandards der Tiefengeothermie zu verdeutlichen. v Genehmigungsverfahren beschleunigen Die Beschleunigung der Genehmigungsverfahren ist entscheidend. Dazu gehören standardisierte und vereinfachte Vorgaben für Genehmigungen. Das Geothermiebeschleunigungsgesetz (GeoWG) sieht beispielsweise vor, dass Genehmigungen innerhalb eines Jahres erfolgen müssen und Einsprüche keine aufschiebende Wirkung mehr haben. Zudem soll die Betriebsplanpflicht bei kleineren Projekten entfallen, was die Umsetzung von Geothermieprojekten erleichtert. vi Förderungen und Infrastruktur ausbauen Die öffentliche Hand sollte weiterhin und unabhängig vom Wahlausgang zuverlässige und langfristige Förderungen sowie Kredite für Tiefengeothermie-Projekte und den Ausbau der Netzinfrastrukturen bereitstellen. Die Versicherung des Fündigkeitsrisikos ist ebenfalls entscheidend, da dieses Risiko oft ein Hemmnis für Investoren darstellt. In Niedersachsen wurden bereits Erlaubnisfelder zur Aufsuchung von Erdwärme vergeben, um die Tiefengeothermie zu fördern. vii Umsetzung und Zukunft sichern Die neue Bundesregierung sollte das Geothermiebeschleunigungsgesetz schnellstmöglich und in verbesserter Form auf den Weg bringen, um die Wärmewende zu beschleunigen. Dies könnte durch die Einführung von „Go-to-Gebieten“ für Geothermie erreicht wer- 50 1 · 2025 TR ANSFORMING CITIES PRODUKTE + LÖSUNGEN Geothermie DOI: 10.24053/ TC-2025-0012 nisterium für Umwelt, Energie und Klimaschutz https: / / www.umwelt. niedersachsen.de/ startseite/ aktuelles/ pressemitteilungen/ tiefengeothermie-ist-wichtiger-bausteinbeim-klimaschutz-220428.html Eingangsabbildung: © Erdwärme Grünwald GmbH ii Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik: GeothermischeDirektwärmenutzung (geotis.de) https: / / www. geotis.de/ homepage/ GeotIS- Startpage? url=geotisapp/ templates/ heatsumstatistic.php? bula=D iii Geothermie: Rechnerisch 40 Prozent des bayerischen Wärmebedarfs bedienbar - TUM https: / / www.tum.de/ aktuelles/ alle-meldungen/ pressemitteilungen/ details/ geothermierechnerisch-40-prozent-des-bayrischen-waermebedarfs-bedienbar iv Bundesregierung erleichtert den Ausbau von Geothermie | Informationsportal Tiefe Geothermie https: / / www.tiefegeothermie.de/ news/ bundesregierung-erleichtert-denausbau-von-geothermie v Geothermie - BMBF https: / / www. bmbf.de/ DE/ Forschung/ EnergieKlimaUndNachhaltigkeit/ Energie/ Geothermie/ geothermie_node.html vi Wie das Geothermiegesetz die Wärmewende voranbringen soll https: / / www.vdi-nachrichten.com/ technik/ energie/ wie-das-geothermiebeschleunigungsgesetz-die-waermewende-voranbringen-soll/ vii Tiefen-Geothermie ist wichtiger Baustein beim Klimaschutz | Nds. Miden, die die Projektentwicklung zu Beginn erheblich begünstigen. Zudem könnten eine stärkere Digitalisierung in den Behörden sowie eine verbesserte Kommunikation zwischen den zuständigen Stellen Geothermie-Vorhaben effizienter gestalten. Außerdem sollte die Tiefengeothermie in das 100-Tage- Programm der neuen Legislaturperiode aufgenommen werden, um ihre kontinuierliche und langfristige Förderung sicherzustellen. ENDNOTEN i LIAG: Unabhängigkeit von Erdgasimporten: Studie empfiehlt sofortigen Ausbau der Ökowärme mit Geothermie (leibniz-liag.de) https: / / www.leibniz-liag.de/ home/ pressemitteilung-home.html? tx_news_ pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_ pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_ news_pi1%5Bnews%5D=513&c Hash=29914f7c6c0a65877b1e79 6a94932819 AUTOR: INNEN Harits Alkatiri, Experte für Tiefengeothermie und Projektmanager Drees & Sommer SE PRODUKTE + LÖSUNGEN Geothermie 51 1 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0012
