Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0029
0616
2025
10Sonderausgabe
Transdisziplinäre Forschung als Beitrag zur urbanen Resilienz in Stuttgart
0616
2025
Amando Reberhttps://orcid.org/0000-0001-5337-0652
Christina Simon-Philipphttps://orcid.org/0000-0001-7174-9295
Es gibt kaum partizipative Studien zum Zusammenspiel von Stadtraum und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen (KiJu). Hier setzt das transdisziplinäre Projekt SURe21 an. Das Nordbahnhofviertel steht durch Stuttgart 21 vor städtebaulichen und gesellschaftlichen Herausforderungen: Wie können Bestands- und Neubaugebiet gemeinsam nachhaltig mit Fokus auf menschlichem Wohlbefinden entwickelt werden? Eine Quartiersanalyse im Mixed-Methods-Ansatz (Online-Umfrage, Magnettafelspiel, Interview, Fokusgruppen) erfasste die Wünsche junger Menschen für eine klimagerechte Stadtentwicklung.
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zur Bewältigung von Krisensituationen und Veränderungen als auch die urbane Resilienz unserer Städte zur Schaffung nachhaltiger Rahmenbedingungen (Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, 2021; Bundesministerium für Bau-, Stadt- und Raumforschung, 2021). Urbane Resilienz erfordert innovative Ansätze, die ökologische Stadtplanung mit den Bedürfnissen der Bewohner*innen verknüpfen (Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, 2021). Transdisziplinäre Forschung als Beitrag zur urbanen Resilienz in Stuttgart Subjektives Wohlbefinden und mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im öffentlichen Raum Nachhaltige Stadtentwicklung, subjektives Wohlbefinden, psychische Gesundheit in der Stadt, Reallabor, Partizipation, Kinder und Jugendliche, urbane Lebensqualität Amando Reber, Christina Simon-Philipp Es gibt kaum partizipative Studien zum Zusammenspiel von Stadtraum und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen (KiJu). Hier setzt das transdisziplinäre Projekt SURe21 an. Das Nordbahnhofviertel steht durch Stuttgart 21 vor städtebaulichen und gesellschaftlichen Herausforderungen: Wie können Bestands- und Neubaugebiet gemeinsam nachhaltig mit Fokus auf menschlichem Wohlbefinden entwickelt werden? Eine Quartiersanalyse im Mixed-Methods-Ansatz (Online-Umfrage, Magnettafelspiel, Interview, Fokusgruppen) erfasste die Wünsche junger Menschen für eine klimagerechte Stadtentwicklung. 1. Relevanz und Fragestellung Im Kontext der Frage, wie wir in Zukunft leben wollen, rücken Nachhaltigkeit, Ökologie und Soziales zunehmend in den Fokus der Stadtentwicklung. Wachsende soziale Ungleichheiten, Klima- und Strukturwandel machen urbane Transformationsprozesse notwendig (Schneidewind, 2019). Die SARS-CoV-2-Pandemie hat zudem gezeigt, wie verwundbar unser Gesellschaftssystem und unsere Städte gegenüber Extremereignissen sind. Daher ist es wichtig, Resilienz zu kultivieren - sowohl die psychologische Resilienz 71 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0029 Kinder und Jugendliche (KiJu) sind eine zentrale Zielgruppe, um Resilienz, Wohlbefinden und gesellschaftliche Teilhabe frühzeitig zu fördern, da sie besonders anfällig für Umwelt- und Klimabelastungen sind (Chen et al., 2014; Su et al., 2011). Studien belegen, dass handlungsorientierte Projekte mit Naturerfahrungen Bildungsprozesse bei KiJu fördern und ihre Bereitschaft erhöhen, zur urbanen Resilienz beizutragen (Gebhard et al., 2022). Dennoch sind sie laut Bundesamt für Naturschutz bisher kaum in Umwelt- und Resilienzstrategien eingebunden (Lampert et al., 2022). Partizipative Projekte bieten hierfür das Potenzial, wichtige Kompetenzen zu vermitteln und eine stärkere Verbindung zur Natur zu schaffen, was langfristig zur nachhaltigen Stadtentwicklung beiträgt (Gansser & Reich, 2023; Ojala et al., 2021). Das transdisziplinäre Forschungsprojekt SURe21 knüpfte hier an, um die Gesundheit, soziale Integration und das Umweltbewusstsein von KiJu zu fördern. Es untersuchte die Verknüpfung von Stadtraum und subjektivem Wohlbefinden. Es wurden jugendgerechte, partizipative Methoden entwickelt, die nicht nur Umweltbewusstsein, Zugehörigkeitsgefühl und Bildungsgerechtigkeit fördern, sondern auch Kommunen bei zukünftigen Projekten unterstützen und gleichzeitig zur Umsetzung der Ziele der Agenda 2030 beitragen können. Als wirksame Strategie wurden zielgruppengerechte, partizipative Formate identifiziert, um herauszufinden, welche Maßnahmen zu blau-grüner Infrastruktur die psychische Resilienz und das subjektive Wohlbefinden von KiJu verbessern können. Dazu wurden qualitative und quantitative Methoden kombiniert und Erkenntnisse aus Stadtplanung, Public Health und Psychologie integriert. Dieser transdisziplinäre Ansatz wurde am Beispiel des Stuttgarter Nordbahnhofviertels untersucht, das durch soziale Herausforderungen und den Gentrifizierungsdruck im Kontext von Stuttgart 21 geprägt ist. Die Daten wurden mit einem ähnlichen Sozialraum „Stöckach/ Stuttgart-Ost “ als Kontrollgebiet verglichen. 2. Studiendesign und Forschungsmethoden SURe21 zielte darauf ab, KiJu für ihre aktive Mitgestaltung im gesellschaftlichen Transformationsprozess hin zu klimagerechten Städten zu sensibilisieren. Ziel war es, partizipative, übertragbare Ansätze zu entwickeln, die KiJu niederschwellig in Stadtplanungsprozesse einbinden. Ortsansässige Institutionen, die an der Sozialraumentwicklung und der Lebenswelt der KiJu beteiligt sind, wurden als Expert*innen einbezogen. SURe21 adressierte folgende Projektziele: 1) Statistische Auswertung; 2) Rekrutierung neuer Kooperationspartnerschaften; 3) Durchführung einer Quartiersanalyse im Mixed-Methods-Ansatz mit folgenden Untersuchungsmethoden: a) Quantitative Online-Kurzbefragung mit 14 Items zur Erfassung von Wünschen und Bedürfnissen junger Menschen für eine klimagerechte, sozial nachhaltige Stadtentwicklung; b) Magnettafelspiel als niederschwellige, spielerische Teilhabemöglichkeit für KiJu, um ihre „Wunsch-Straße“ als Vision für eine Stadt der Zukunft zu gestalten; c) Teilstrukturiertes Interview mit einer Müttergruppe, um deren Eindrücke und Wünsche als Expertinnen für die Belange ihrer Kinder zu erheben; d) Zwei Fokusgruppenbefragungen mit KiJu, um spezifische Informationen zu Lebensumfeld Bild 1: Kurzbefragung und Magnettafelspiel mit KiJu, Foto: Reber 72 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0029 WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Wohlbefinden SURe21 wurde in verschiedenen Kontexten vorgestellt. Auffallend war hierbei zunächst eine spürbare Skepsis der angefragten Institutionen, zurückzuführen auf die Vielzahl von Beteiligungsprojekten. Diese waren als wenig niederschwellig und ergebnislos wahrgenommen worden, was zu einer allgemeinen Resignation geführt hatte. 3) Durchführung einer Quartiersanalyse im Mixed-Methods-Ansatz KiJu verbringen viel Zeit im öffentlichen Raum, der jedoch kaum altersgerechte Freizeitangebote bietet; sie wünschen sich wetterfeste Aufenthaltsmöglichkeiten und robuste Outdoor-Sportmöglichkeiten. Trotz enger Bindung an ihr Viertel erleben sie eine belastende Lebensumgebung, was ihre mentale Gesundheit beeinträchtigt, während Skepsis gegenüber Bürgerbeteiligungsprozessen und ein geringes Naturbewusstsein ihre Handlungsmöglichkeiten einschränken. In einer quantitativen Online-Kurzbefragung (n = 173, Alter 10-22 Jahre; 55 % männlich, 42 % weiblich, 3 % divers) äußerten sich KiJu aus dem Nordbahnhofviertel (n = 41) und Stuttgart (n = 132) zu Freizeitverhalten und Wünschen: Häufigste Aktivitäten waren Sport, Zocken, Rausgehen, Chillen, Jugendhaus und Treffen mit Freund*innen. 70 % wünschten mehr jugendgerechte Orte wie Sportplätze, Grünflächen und Sitzgelegenheiten (54 % Sportplätze/ Sitze, 31 % Grün-/ Wasserflächen). 78 % der KiJu schätzten Naturaufenthalte, 51 % waren sich Umweltproblemen bewusst, und 44 % engagierten sich für Umweltschutz. Das Magnettafelspiel hat aufgezeigt, dass Sitzmöglichkeiten sowie Wasser- und Grünflächen zu und Zugehörigkeitsgefühl, Naturverbundenheit und Umweltschutz sowie der Erfahrung mit Beteiligungsformaten zu erfassen. 3. Erkenntnisse 1) Statistische Auswertung Die Zielgebiete (Nordbahnhofviertel, Stöckach) weisen eine hohe Bevölkerungsdichte, eine junge, migrantisch geprägte Bevölkerung sowie erhöhte soziale und gesundheitliche Herausforderungen auf. Anhand statistischer Daten der Stadt Stuttgart wurde die soziodemographische Struktur im Untersuchungsgebiet (Nordbahnhof viertel) und im Kontrollgebiet (Stöckach/ Stuttgart- Ost) erfasst. Die Auswahl der Sozialräume konnte validiert werden. Im gesamtstädtischen Vergleich zeichnen sie sich durch eine erhöhte Bevölkerungsdichte und urbane städtebauliche Strukturen aus. Die Einwohner*innen sind jünger als der Stuttgarter Durchschnitt und migrantisch geprägt, der Anteil an ausländischer Bevölkerung ist hoch. Die Einschulungsuntersuchung deutet auf gesundheitliche Defizite bei Kindern hin. Die erhöhte Arbeitslosenquote weist auf gesteigerte Armut in den Betrachtungsgebieten hin. 2) Rekrutierung neuer Kooperationspartnerschaften Über 20 lokale Partner konnten eingebunden werden, darunter Institutionen wie die Abteilung „Stuttgarter Bildungspartnerschaft BNE“. Diese Partner sollten ihre Expertise zur Lebenswelt der KiJu einbringen und Kontakt zu Zielgruppen herstellen. Bild 2: O-Töne aus den Fokusgruppenbefragungen, © Amando Reber WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Wohlbefinden 73 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0029 den häufigsten Wünschen gehören. Autos hingegen wurden nur von 6 % der Befragten in den individuellen „Wunsch-Straßen“ platziert (siehe Bild 1). In einem teilstrukturierten Interview äußerten Mütter aus dem Nordbahnhofviertel Besorgnis über wahrgenommene hohe Kriminalität (Drogen, Gewalt), fehlende Bildungs- und Freizeitangebote sowie deren negative Auswirkungen auf die beruflichen Perspektiven der KiJu. Zudem wurde die unzureichende medizinische Infrastruktur kritisiert. Als Ausgleich zu engen Wohnverhältnissen, seltenen Urlauben und hoher Abgasbelastung in Stuttgart wünschten sie sich mehr Naturerlebnisse, z.- B. Schrebergärten, öffentliche Obstbäume und bepflanzte Innenhöfe. Die Fokusgruppenbefragungen mit KiJu zeigten, dass sie aufgrund beengter Wohnverhältnisse viel Zeit im öffentlichen Raum verbringen, der jedoch kaum altersgerechte Freizeitangebote bietet. Es wurde ein starker Wunsch nach wetterfesten, überdachten Aufenthaltsmöglichkeiten geäußert. Vor allem männliche Teilnehmende wünschten sich robuste, diebstahlsichere Outdoor-Sportmöglichkeiten. Die KiJu fühlten sich ihrem Viertel stark zugehörig, sahen jedoch Kriminalität als Teil ihrer Lebensrealität. Zudem stellten sie einen Zusammenhang zwischen Lebensumfeld und mentaler Gesundheit her. Negative Erfahrungen mit Bürgerbeteiligungen wurden ebenfalls erwähnt. Insgesamt zeigte sich bei den KiJu eine geringe Naturverbundenheit und ein niedriges Vertrauen in ihre Selbstwirksamkeit in Bezug auf Umweltschutz (siehe Bild 2). 4. Fazit und Ausblick Die Daten aller vier Erhebungsmethoden wurden ausgewertet und lassen erste Interpretationen zu. Zu den meistgenannten Wünschen der KiJu gehören mehr überdachte Aufenthalts-/ Sitzmöglichkeiten (24 Nennungen in der Online-Kurzbefragung) und Outdoor-Sportmöglichkeiten (26 Nennungen in der Online - Kurzbefragung ). Beide Wünsche wurden durch die qualitativen Aussagen der Fokusgruppenteilnehmenden untermauert. Eine weitere Idee für eine Inter vention war der Wunsch nach einer Handy- L adestation (3 Nennungen). Hier könnte ein Fahrrad durch Upc ycling zu einem Stromgenerator mit Handyladestation umgerüstet werden. SURe21 kombinierte transdisziplinäre Ansätze und partizipative Prozesse, um ökologische Stadtentwicklung und das Wohlbefinden von KiJu zu fördern. Das Projekt legte den Grundstein für eine nachhaltige Einbindung junger Menschen in urbane Transformationsprozesse, unterstützt durch datenbasierte und übertragbare Methoden. Die in diesem Beitrag vorgestellten Arbeiten wurden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert (Förderkennzeichen: 01EL2311A). Dieses Projekt wurde im Rahmen der „Förderung von Interventionsstudien für gesunde und nachhaltige Lebensbedingungen und Lebensweisen“ finanziert. LITERATUR Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. (2021). Memorandum „Urbane Resilienz“. Wege zur robusten, adaptiven und zukunftsfähigen Stadt. Bundesministerium für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.). (2021). Informationen zur Raumentwicklung, 4/ 2020. 4/ 2020. Chen, M., Zhang, H., Liu, W., & Zhang, W. (2014). The Global Pattern of Urbanization and Economic Growth: Evidence from the Last Three Decades. PLoS ONE, 9(8), e103799. https: / / doi.org/ 10.1371/ journal.pone.0103799 Gansser, O. A., & Reich, C. S. (2023). Influence of the New Ecological Paradigm (NEP) and environmental concerns on proenvironmental behavioral intention based on the Theory of Planned Behavior (TPB). Journal of Cleaner Production, 382, 134629. https: / / doi.org/ 10.1016/ j.jclepro.2022.134629 Gebhard, U., Lude, A., Möller, A., & Moormann, A. (Hrsg.). (2022). Naturerfahrung und Bildung. Springer VS, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH. Lampert, P., Gabriel, A., & Menrad, K. (2022). Naturbewusstsein 2019/ 2020. Bundesamt für Naturschutz. https: / / doi. org/ 10.19217/ brs221 Ojala, M., Cunsolo, A., Ogunbode, C. A., & Middleton, J. (2021). Anxiety, Worry, and Grief in a Time of Environmental and Climate Crisis: A Narrative Review. Annual Review of Environment and Resources, 46(1), 35-58. https: / / doi.org/ 10.1146/ annurev-environ-012220-022716 Schneidewind, U. (with Fischedick, M., Lechtenböhmer, S., Liedtke, C., Thomas, S., Wilts, H., Baedeker, C., Beuermann, C., Schüle, R., & Viebahn, P.). (2019). Die große Transformation: Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels (4. Auflage). Fischer Taschenbuch. Su, J. G., Jerrett, M., De Nazelle, A., & Wolch, J. (2011). Does exposure to air pollution in urban parks have socioeconomic, racial or ethnic gradients? Environmental Research, 111(3), 319-328. https: / / doi.org/ 10.1016/ j.envres.2011.01.002 Eingangsabbildung: © Amando Reber Amando Reber, M.Eng Wissenschaftlicher Mitarbeiter / Zentrum für Nachhaltige Stadtentwicklung (ZNS), amando.reber@hft-stutttgart.de, ORCID: 0000-0001-5337-0652; Hochschule für Technik Stuttgart; Schellingstraße 24, 70174 Stuttgart Christina Simon-Philipp, Prof. Dr.-Ing., Leitung Zentrum für Nachhaltige Stadtentwicklung (ZNS), christina.simon@hft-stuttgart.de, ORCID: 0000-0001-7174-9295; Schellingstraße 24, 70174 Stuttgart AUTOR: INNEN 74 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0029 WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Wohlbefinden
