Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0030
0616
2025
10Sonderausgabe
Soundspaces – vom Lärm zur Ressource im urbanen Raum
0616
2025
Martina Marxthttps://orcid.org/0009-0007-5419-8808
Berndt Zeitlerhttps://orcid.org/0000-0002-2818-7650
Geräusche prägen unsere Wahrnehmung im urbanen Raum. Obwohl seit über 20 Jahren das Thema „Soundscapes“ (wahrnehmungsbezogene Geräuschumgebungen) in den Fokus der Forschung rückt, gelten Stadtgeräusche bis heute überwiegend als Abfallprodukt „Lärm“. Ein tieferes Verständnis für die Wahrnehmung von Soundscapes ermöglicht, Geräusche als Ressourcen zu nutzen. Mit teilstandardisierten Verfahren werden dazu bereits weltweit Befragungen durchgeführt. Parallel wird an der HFT Stuttgart zu „idealen“ Soundscapes öffentlicher Plätze geforscht. In diesem Beitrag werden zentrale Entwicklungen, Methoden und Perspektiven der Soundscape-Forschung vorgestellt.
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Soundspaces - vom Lärm zur Ressource im urbanen Raum Entwicklung und aktueller Forschungsstand zur akustischen Wahrnehmung in Städten Urbane Akustik, Soundspaces, Lärm, Psychoakustik, Hörversuche, Index Michaela Marxt, Berndt Zeitler Geräusche prägen unsere Wahrnehmung im urbanen Raum. Obwohl seit über 20 Jahren das Thema „Soundscapes“ (wahrnehmungsbezogene Geräuschumgebungen) in den Fokus der Forschung rückt, gelten Stadtgeräusche bis heute überwiegend als Abfallprodukt „Lärm“. Ein tieferes Verständnis für die Wahrnehmung von Soundscapes ermöglicht, Geräusche als Ressourcen zu nutzen. Mit teilstandardisierten Verfahren werden dazu bereits weltweit Befragungen durchgeführt. Parallel wird an der HFT Stuttgart zu „idealen“ Soundscapes öffentlicher Plätze geforscht. In diesem Beitrag werden zentrale Entwicklungen, Methoden und Perspektiven der Soundscape-Forschung vorgestellt. 1. Grundlagen des Soundspace-Ansatzes Der Begriff „Soundscape“ taucht seit den 1960er- Jahren in verschiedenen Forschungsbereichen wie Musik, Akustik und Stadtplanung auf. Mit der internationalen Norm ISO 12913-1: 2014 hat sich die Definition etabliert, wonach Soundscapes die „akustische Umgebung, die durch eine Person oder durch eine Gruppe von Menschen im Kontext wahrgenommen, erfahren und/ oder begriffen wird“ (DIN ISO 12913-1: 2018, S. 7), beschreiben. Damit wird gegenüber Schalldruckpegel-basierten Größen wie LAeq (A-bewerteter äquivalenter Dauerschallpegel) und Lden (Tag-Abend-Nacht-Lärmindex) ein Wahrnehmungskonstrukt adressiert. Die verschiedenen Komponenten von Soundscapes urbaner öffentlicher Plätze sind in Abbildung 1 dargestellt. 75 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0030 Anwendungsfällen, dass erzielte Schalldruckpegel- Reduktionen keine Verbesserungen hinsichtlich der akustischen Wahrnehmung erzielen können (Kang et al., 2016). Da sich nicht an jedem Ort Lärmminderungsmaßnahmen umsetzen lassen, müssen ausreichende Erholungsbereiche mit Ruhezonen in Städten ausgewiesen werden. Entsprechend schreibt die Richtlinie 2002/ 49/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates der Europäischen Union eine obligatorische Lärmaktionsplanung vor, bei der neben konkreten S chut zmaßnahmen auch ruhige Gebiete identifiziert und geschützt werden. Notwendigkeit neuer Beurteilungsgrößen Damit rückt zunehmend in den Fokus, auch positive gesundheitliche Effekte in urbanen Räumen zu untersuchen. Bereits das Bewusstsein über vorhandene Erholungsflächen kann psychologische und physiologische Vorteile mit sich bringen (Kang et al., 2016). Rein akustische Einzahlwerte eignen sich jedoch nicht, um solche Effekte abzubilden. Im Soundscape-Ansatz erfolgt die Bewertung über die Dimensionen „Angenehmheit “ (Wohlbefinden) und „Ereignisreichtum“ (Vielfalt und Dynamik) (Axelsson et al., 2010). Da die Bewertung von Soundscapes von dem jeweiligen Kontext abhängt, kann bisher anhand dieser Dimensionen keine qualitative Einordnung erfolgen. Um dazu geeignete Indizes entwickeln zu können, ist eine umfassende Erhebung subjektiver Daten über standardisierte Verfahren notwendig. Standardisierung von Soundscapes Mit dem Erscheinen der ISO/ TS 12913-2: 2018 wird die empfohlene Vorgehensweise zur Messung von Mehrere Aspekte haben dazu beigetragen, dass Soundscapes in den letzten Jahrzehnten sowohl in der Forschung als auch in praktischen Anwendungen stetig an Bedeutung gewinnen. Wesentliche Faktoren sind die zunehmende Urbanisierung, das wachsende Bewusstsein für Lärmrisiken und die steigenden Anforderungen an die urbane Akustik. Urbanisierung und Lärmbelastung Aus vielfältigen Gründen wie beruflichen Perspektiven, Bildungsangeboten oder Infrastruktur entscheidet sich ein Großteil der Menschen in der EU für ein Leben in Städten. Aktuell leben über 75 % der EU-Bevölkerung in urbanen Gebieten (World Bank, 2024). Damit sind immer mehr Menschen permanent hohen Schalldruckpegeln ausgesetzt. Bewusstsein für Risiken durch Lärm Parallel zu den steigenden Herausforderungen der Urbanisierung nimmt auch die Forschung zu den gesundheitlichen Risiken von Lärmbelastung zu. In diesem Kontext ist der Begriff „Noise Annoyance“ (Lästigkeit von Lärm) weit verbreitet. Die einheitliche Abfrage der Lästigkeit gemäß ISO/ TS 15666: 2021 erleichtert Vergleiche zwischen Forschungsergebnissen und die Verallgemeinerbarkeit von Zusammenhängen. Darüber hinaus werden in großem Umfang physiologische und psychische Folgen von Lärmexposition untersucht. Steigende Anforderungen an die urbane Akustik Ein Großteil der Forschungsergebnisse zu Lärmwirkungen ist in den „Environmental Noise Guidelines“ der World Health Organization 2018 zusammengefasst, die Grenzwerte zur Minimierung gesundheitlicher Risiken empfehlen. Jedoch zeigt sich in einigen Bild 1: Hauptkomponenten von Soundspaces offener, urbaner Plätze. Die Wahrnehmung von Soundscapes hängt im Wesentlichen von den Schallquellen, der Schall- Ausbreitungscharakteristik, dem Hintergrund und Kontext der Nutzer und den Umgebungsbedingungen ab. In Anlehnung an Kang, 2007. 76 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0030 WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Soundspaces 3. Soundspace-Qualität auf öffentlichen Plätzen Um Erholungsbereiche in Städten gezielt planen und gestalten zu können, ist ein verlässliches Verständnis ihrer Soundscapes unerlässlich. In der aktuellen Dissertation von Marxt an der Hochschule für Technik Stuttgart wird daher der Fokus auf die Messbarkeit und Prognostizierbarkeit eines Index für die Soundscape-Qualität auf öffentlichen Plätzen gelegt. Eine wissenschaftlich fundierte Grundlage aus Befragungen, Pilotstudien und Expertengesprächen gewährleistet die Validität des Index. Die Datenerhebung knüpft an die acht genormten Attribute an und setzt sich aus Befragungen in Feldstudien (siehe Abbildung 2) und Hörversuchen zusammen. Daraus werden „ideale“ Soundscapes abgeleitet. Auf Basis objektiver Soundscape- Eigenschaften wie Platzgröße, Aktivitäten vor Ort, Lautheit, Schärfe und gemitteltem Schalldruckpegel werden statistische Modelle entwickelt. Ein besseres Verständnis dieser Zusammenhänge ermöglicht es, Geräusche gezielt als Ressource einzusetzen und so das Erleben von Soundscapes auf öffentlichen Plätzen positiv zu transformieren. Acknowledgement. Das diesem Bericht zugrunde liegende Vorhaben wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 03FHP206 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei der Autorin/ beim Autor. Soundscapes überwiegend angewandt (Aletta & Torresin, 2023). Im Zentrum stehen die acht Attribute „angenehm“, „chaotisch“, „lebendig “, „ereignisarm“, „ruhig “, „störend“, „ereignisreich“ und „eintönig “, die auf einer fünfstufigen Skala, zur Messung der persönlichen Einstellung (Likert-Skala), bewertet werden (DIN ISO/ TS 12913-2: 2020). Diese werden in Feldstudien durch einen Fragebogen erfasst. Vor Ort mit einem Handschallpegelmessgerät aufgenommene Geräuschumgebungen werden in 30-sekündige Sequenzen geschnitten. Die daraus erstellten Hör versuche ermöglichen neben den Feldstudien eine umfangreiche Charakterisierung verschiedener Plätze. Im Rahmen des „Soundscape Indices-SSID“-Projekts (Mitchell et al., 2020) wird eine offene Datenbank zur Verfügung gestellt, in der normgerecht erfasste Soundscapes gesammelt werden. 2. Aktuelle Entwicklungstrends der Forschung In den vergangenen Jahren verzeichnete die Soundscape-Forschung deutliche Fortschritte. So werden im internationalen „Soundscape Attributes Translation Project (SATP)“ (Aletta et al., 2024) die acht zuvor gennannten Attribute in Zusammenarbeit mit weltweiten Forschungsteams in 18 Sprachen übersetzt und validiert. Für internationale Vergleichbarkeit werden dabei Differenzen zwischen Ergebnissen aus Hörversuchen mit den englischsprachigen und den übersetzten Attributen untersucht. Parallel dazu entstehen neue Indizes, um Eigenschaften von Soundscapes in unterschiedlichen Kontexten zu bewerten. Einen vielversprechenden Ansatz lieferten Mitchell et al. 2024 mit den „Soundscape Perception Indices (SPIs)“, die dem bewährten Prinzip von Einzahlwerten für Außenlärm wie LAeq oder Lden folgen. Der jeweilige SPI kann je nach Kontext variieren und damit situationsspezifische Anforderungen abbilden. Hierbei werden Differenzen zwischen „idealen“ Soundscapes und den zu untersuchenden Umgebungen quantifiziert. Diese sind jeweils anhand der acht Attribute charakterisiert. Begleitend gewinnen Prognosemodelle für Indikatoren der Soundscape-Qualität, wie die akustische Behaglichkeit an Bedeutung (Lionello et al., 2020), um zukünftig die Partizipation der Bevölkerung zu reduzieren. Über solche Modelle wird eine Verbindung zwischen wahrnehmungsbezogenen Größen und messbaren kontextbezogenen und (psycho-)akustischen Kennzahlen hergestellt. Signifikante Fortschritte in der Simulation von Geräuschumgebungen (Auralisation) im Außenraum (Goecke et al., 2023) erweitern den Anwendungsrahmen von Prognosemodellen für die Stadtplanung. Bild 2: Soundspace- Feldstudie am Schlossplatz, Stuttgart. Messung der akustischen Umgebung während Probanden den Fragebogen der Feldstudie beantworten. WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Soundspaces 77 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0030 LITERATUR Aletta, F. et al. (2024). Soundscape descriptors in eighteen languages: Translation and validation through listening experiments. 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Acoustics—Assessment of noise annoyance by means of social and socio-acoustic surveys. (ISO/ TS No. 15666; Version 2) Kang, J. (2007). Urban sound environment. Taylor & Francis. ISBN: 978-0-203-00478-4 Kang, J. et al. (2016). Ten questions on the soundscapes of the built environment. Building and Environment, 108, 284-294. https: / / doi.org/ 10.1016/ j.buildenv.2016.08.011 Lionello, M., Aletta, F., & Kang, J. (2020). A systematic review of prediction models for the experience of urban soundscapes. Applied Acoustics, 170, 107479. https: / / doi.org/ 10.1016/ j. apacoust.2020.107479 Mitchell, A. et al. (2024). Soundscape perception indices (SPIs): Developing context-dependent single value scores of multidimensional soundscape perceptual quality. The Journal of the Acoustical Society of America, 156(6), 3694-3706. https: / / doi.org/ 10.1121/ 10.0034417 AUTOR: INNEN Martina Marxt, M. Eng. Doktorandin in der Akustikgruppe im Fachbereich Bauphysik Hochschule für Technik Stuttgart Schellingstr. 24, 70174 Stuttgart michaela.marxt@hft-stuttgart.de https: / / orcid.org/ 0009-0007-5419-8808 Prof. Dr.-Ing. Berndt Zeitler Sprecher des Kompetenzzentrums „Zentrum für Akustische und Thermische Bauphysik“ (ZFB) Stellvertretender Direktor des Instituts für angewandte Forschung (IAF) Hochschule für Technik Stuttgart Schellingstr. 24, 70174 Stuttgart berndt.zeitler@hft-stuttgart.de https: / / orcid.org/ 0000-0002-2818-7650 Mitchell, A. et al. (2020). The Soundscape Indices (SSID) Protocol: A Method for Urban Soundscape Surveys—Questionnaires with Acoustical and Contextual Information. Applied Sciences, 10(7), 2397. https: / / doi.org/ 10.3390/ app10072397 RICHTLINIE 2002/ 49/ EG DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 25. Juni 2002 über die Bewertung und Bekämpfung von Umgebungslärm, 2002/ 49/ EG § L. 189 (2002). https: / / eur-lex.europa.eu/ legal-content/ DE/ TXT/ PDF/ ? uri=CELEX: 32002L0049 WHO. (2018). Environmental noise guidelines for European Region. WHO Regional Office for Europe. ISBN: 978-92-890- 5356-3 World Bank. (2024). Europäische Union & Eurozone: Urbanisierungsgrad von 2013 bis 2023 [Graph]. In Statista. Zugriff am 20. Januar 2025, von https: / / de.statista.com/ statistik/ daten/ studie/ 249028/ umfrage/ urbanisierung-in-der-europaeischen-union-eu/ Eingangsabbildung: © Quelle, LeChat-Mistral-AI, M. Marxt, B. Zeitler 78 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0030 WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Soundspaces
