Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0032
0616
2025
10Sonderausgabe
Virtual Reality und Augmented Reality als digitale Partizipationsinstrumente
0616
2025
Thomas Bäumer
Stephanie Huber
Christina Simon-Philipp
Volker Coors
Muhammad Alfakhori
Die Akzeptanz von Bürger:innen gegenüber Maßnahmen zur Reduzierung des Autoverkehrs ist wichtig, da andernfalls Widerstände auftreten können. Grundsätzlich stehen Bürger:innen solchen Maßnahmen aufgeschlossener gegenüber, wenn diese die Lebensqualität verbessern. Positive Effekte sind jedoch oft schwer vorstellbar, wenn lediglich die Reduzierung des Autoverkehrs thematisiert wird. Das Ziel des Forschungsvorhaben war es, durch (digitale) Interventionen die Vorstellbarkeit der positiven Folgen verkehrsreduzierender Maßnahmen zu fördern und so die Akzeptanz zu steigern.
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Virtual Reality und Augmented Reality als digitale Partizipationsinstrumente Erkenntnisse aus dem Projekt StreetMoves4iCity zur Reduktion des innerstädtischen Autoverkehrs Nachhaltige Stadtentwicklung, Intelligente Stadt, Mobilitätswende, Partizipation, Akzeptanz, Augmented Reality, Virtual Reality Thomas Bäumer, Stephanie Huber, Christina Simon-Philipp, Volker Coors, Muhammad Alfakhori Die Akzeptanz von Bürger: innen gegenüber Maßnahmen zur Reduzierung des Autoverkehrs ist wichtig, da andernfalls Widerstände auftreten können. Grundsätzlich stehen Bürger: innen solchen Maßnahmen aufgeschlossener gegenüber, wenn diese die Lebensqualität verbessern. Positive Effekte sind jedoch oft schwer vorstellbar, wenn lediglich die Reduzierung des Autoverkehrs thematisiert wird. Das Ziel des Forschungsvorhaben war es, durch (digitale) Interventionen die Vorstellbarkeit der positiven Folgen verkehrsreduzierender Maßnahmen zu fördern und so die Akzeptanz zu steigern. Hintergrund: Mobilität versus Lebensqualität Das zunehmende Verkehrsaufkommen in urbanen Zentren wie Stuttgart belastet nicht nur die Luftqualität und das städtische Klima, sondern beeinträchtigt auch die Aufenthalts- und Lebensqualität der Stadtbewohner: innen. Die derzeitige Verkehrslage wird als wenig zukunftsfähig wahrgenommen, da der Raum für Fußgänger, Radfahrer und öffentliche Plätze oft zu begrenzt ist. In der Leonhardsvorstadt, einem historischen Viertel Stuttgarts, zeigen sich die Herausforderungen, die sich aus einem hohen Anteil des motorisierten Individualverkehrs (MIV ) ergeben, besonders deutlich. Straßen und Plätze, die als Begegnungs- und Aufenthaltsorte genutzt werden könnten, sind oft von Autos blockiert oder dem Durchgangsverkehr vorbehalten. Hier setzte das Forschungsprojekt StreetMoves4iCity an, das von der Hochschule für Technik (HFT) Stuttgart initiiert wurde, um alternative Nutzungskonzepte für den öffentlichen Raum zu entwickeln und deren Akzeptanz durch die Anwendung von Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) zu fördern. Ein interdisziplinäres Forschungsteam der HF T Stuttgart, bestehend aus Expert: innen der Stadtplanung, Geoinformatik, Bauakustik und Wirtschaftspsychologie, untersuchte in mehreren Studien, wie sich alternative Szenarien mit verringertem MIV auf die Lebensqualität und Ak zeptanz der Anwohner: innen auswirken könnten. Ein zentraler Aspekt war, dass verkehrsberuhigende Maßnahmen auf Widerstand stoßen können, wenn ihre Vorteile für die Betroffenen nicht konkret erfahrbar sind (Huber et al., 2020). Die bloße Diskussion über Einschränkungen des Autoverkehrs wird häufig negativ wahrgenommen und löst Bedenken hinsichtlich der eigenen Mobilität und Flexibilität aus. Ein entscheidender Punkt, um diese Bedenken zu überwinden, besteht darin, die positiven Auswirkungen einer Verkehrsreduzierung im Stadtbild sichtbar und erlebbar zu machen (vgl. Wicki & Kaufmann, 2022). Ziel des Projekts war es daher, durch immersive (digitale) Simulationen ein möglichst realistisches Bild der umgestalteten Stadträume zu vermitteln, bevor diese realisiert wurden. Methode: Partizipation durch Mixed Reality StreetMoves4iCity verfolgte einen Ansatz, der digitale und physische Partizipationsmethoden kombinierte. Mit Hilfe von VR- und AR-Technologien konnten Anwohner: innen und Stadtbesucher: innen alterna- WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Virtual Reality und Augmented Reality 83 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0032 tive Zukunftsszenarien für die Leonhardsvorstadt erleben und sich direkt in ein umgestaltetes Stadtbild hineinversetzen. Die erlebbaren Szenarien sollten zeigen, wie eine Reduzierung des Verkehrs die Aufenthaltsqualität verbessern könnte. Vor dem Projekt wurde eine räumliche Analyse durchgeführt, die spezifische Bereiche im Quartier identifizierte, die besonders von einer verkehrsberuhigten Umgestaltung profitieren könnten. Der Leonhardsplatz wurde als zentraler Experimentort ausgewählt, da er aufgrund seiner Nähe zu den Hauptverkehrsadern stark von einer verkehrsberuhigten Umgestaltung profitieren würde und gleichzeitig großes Potenzial als urbaner Aufenthaltsort aufweist. Besonders bemerkenswert war, dass dieser Raum trotz seiner geringen Aufenthaltsqualität von Bürger: innen genutzt wurde, etwa durch improvisierte Sitzmöglichkeiten oder Ablageflächen auf Betonelementen. Die entwickelten Szenarien sahen eine Umgestaltung des Platzes vor, um die Aufenthaltsqualität zu Bild 1: Leonhardsplatz in der Leonhardsvorstadt (Foto: privat) erhöhen - durch die Reduzierung von Verkehrsflächen und die Schaffung neuer Aufenthaltsbereiche mit Grünflächen, Bäumen und Sitzgelegenheiten. Umsetzung und Ergebnisse Um die erarbeiteten Szenarien für die Bürger: innen erfahrbar zu machen, wurden VR- und AR-Simulationen entwickelt und in mehreren experimentellen Studien getestet. 1. Studie: Vergleich 2D-Fotos mit VR-360-Grad-Aufnahmen Die erste Studie nutzte das Potenzial eines zeitgleich in Mannheim durchgeführten physischen Verkehrsversuchs. Bestimmte Straßenabschnitte wurden dort umgestaltet - unter anderem mit Parklets und Fahrradabstellflächen. Diese Veränderungen dienten als Grundlage für die Erstellung von 2D-Fotos und 360 - Grad-Aufnahmen. Den Teilnehmenden wurden diese Fotos und Aufnahmen präsentiert, um ihre Akzeptanz der Änderungen zu evaluieren. In der VR-Bedingung erlebten die Teilnehmenden die 360-Grad-Aufnahmen des modifizierten Stadtraums in Mannheim mithilfe einer VR-Brille, die es ihnen ermöglichte, sich „live“ in das alternative Szenario zu versetzen. Die Auswertung zeigte, dass die VR-Darstellung mit 360-Grad-Ansicht eine signifikant höhere Akzeptanz für die Verkehrseinschränkungen erzeugte als die 2D-Darstellung in Form von Fotoaufnahmen. Durch die immersive Erfahrung in VR konnten die Teilnehmenden eine realistischere Vorstellung der möglichen Vorteile entwickeln. 2. Studie: Interaktive VR-Umgebung In einer zweiten Studie nutzte das Forschungsteam ein speziell entwickeltes VR-Szenario für den Leonhardsplatz. Diese virtuelle Nachbildung des Platzes zeigte eine Umgestaltung, bei der Verkehrsflächen zugunsten von Grünbereichen und Sitzmöglichkeiten zurückgebaut wurden. Die Teilnehmenden konnten diese neue Gestaltung in einer interaktiven VR-Umgebung erleben. Diese Interaktivität führte zu einer höheren Immersion und verstärkte den Eindruck, tatsächlich in der zukünftigen Umgebung zu stehen. Die Ergebnisse der Studie zeigten eine positive Veränderung der Einstellung gegenüber der Verkehrsberuhigung, insbesondere hinsichtlich der Reduzierung des ruhenden Autoverkehrs. Dies verdeutlicht, dass interaktive VR-Umgebungen eine effektive Möglichkeit bieten, den Bürger: innen die Vorteile verkehrsberuhigender Maßnahmen näherzubringen. Bild 2: Verkehrsversuch Mannheim (Foto: privat) 84 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0032 WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Virtual Reality und Augmented Reality machen. Im Rahmen des Projekts wurde ein Parklet am Leonhardsplatz eingerichtet, das temporär Parkplätze in öffentliche Aufenthaltsflächen umwandelte. Während urbaner Veranstaltungen nutzten Bürger: innen das Parklet als Treffpunkt. Taxifahrende und einige Gewerbetreibende sahen das temporäre Entfernen von Stellflächen jedoch kritisch. Die Akzeptanz der Anwohner: innen gegenüber einer Reduzierung des ruhenden Autoverkehrs stieg durch diese Intervention signifikant. Dies zeigt, dass auch physische Maßnahmen durch ihre unmittelbare Präsenz einen positiven Effekt auf die Akzeptanz von verkehrsberuhigenden Maßnahmen haben können. Zusammenfassende Evaluation Die Ergebnisse der realen und digitalen Interventionen wurden in einer summativen Analyse zusammengeführt. Diese abschließende Bewertung verdeutlicht den Mehrwert von Mixed-Reality-Ansätzen als digitale Partizipationswerkzeuge im Vergleich zu rein physischen Interventionen: VR-Simulationen als immersive Alternative: Die Verwendung von VR, insbesondere unter Einsatz realer 360-Grad-Aufnahmen, erwies sich als sehr 3. Studie: Vergleich AR mit VR Die dritte Studie untersuchte die Wirkung einer ARgestützten Darstellung, die mit dem optimierten System HoloTint bei Tageslicht eine verbesserte Sichtbarkeit ermöglichte. Im Vergleich zur VR-Simulation, die insbesondere in geschlossenen Räumen oder bei niedrigem Umgebungslicht deutliche Vorteile bietet, erlaubt AR eine unmittelbare Überlagerung des realen Stadtraums. Bürger: innen konnten die geplanten Interventionen direkt am Leonhardsplatz erleben. Beide Methoden führten zu einer erhöhten Akzeptanz einer Reduzierung des ruhenden Autoverkehrs. Allerdings zeigte sich, dass VR bei der Darstellung der Reduzierung des fließenden Verkehrs effektiver war. AR-Technologien stellen somit eine vielversprechende Ergänzung zu VR-Simulationen dar, da sie die direkte Erfahrbarkeit im städtischen Raum ermöglichen und dabei spezifische, ortsgebunden Vorteile bieten. 4. Studie: Physische Interventionen Neben den digitalen Szenarien wurden auch physische Interventionen getestet, um die Wirkung verkehrsreduzierender Maßnahmen direkt erfahrbar zu Bild 3: VR-Szenario vom Leonhardsplatz vor und nach Reduzierung des Autoverkehrs (Foto: privat) Bild 4: Einsatz AR- Szenario am Leonhardsplatz (Foto: privat) WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Virtual Reality und Augmented Reality 85 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0032 effektiv, um eine hohe Akzeptanz für Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung zu fördern. Die 360-Grad- Videos ermöglichten eine intensive sowie immersive Erfahrung und ließen sich mit relativ geringem technischem Aufwand umsetzen. Diese Technik ist besonders wertvoll für die kommunale Praxis, da bestehende Verkehrsversuche einfach aufgenommen und flexibel wiedergegeben werden können. Interaktive VR ebenfalls überzeugend: Die interaktive VR-Simulation ermöglichte es den Teilnehmenden, den neu gestalteten Leonhardsplatz frei zu erkunden. Diese Methode hatte ebenfalls einen positiven Einfluss auf die Zustimmung zur Reduzierung des Autoverkehrs. Sie ist jedoch mit einem höheren Programmieraufwand verbunden und konnte in den durchgeführten Experimenten noch nicht ihr volles Potenzial entfalten, da die graphische Darstellung qualitativ noch nicht optimal war. AR für ortsgebundene Simulationen: AR-Anwendungen sind weniger flexibel als VR, da sie ortsgebunden sind, bieten jedoch eine direkte und realitätsnahe Überlagerung der städtischen Umgebung. Sie ermöglichen eine einzigartige Veranschaulichung der Szenarien vor Ort. AR eignet sich besonders für Bild 5: Wenig lebendiger Stadtraum (Foto: privat) Bild 6: Parklet als Ort der Kommunikation (Foto: privat) spezifische Standorte, an denen direkte Interventionen im städtischen Raum sinnvoll sind. Die abschließende Evaluation ergab, dass VR-Simulationen einen entscheidenden Vorteil hinsichtlich Flexibilität und Wetterunabhängigkeit bieten, wodurch sie eine zentrale Rolle in zukünftigen Planungsprozessen einnehmen könnten. Besonders die Variante mit den 360-Grad-Aufnahmen zeichnet sich durch ihre Einfachheit und Effektivität aus. Digitale Partizipationswerkzeuge wie Simulationen stellen daher eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung zu physischen Interventionen wie Parklets dar, um den Bürger: innen stadtplanerische Veränderungen näherzubringen. Potenziale und Empfehlungen Die Ergebnisse des Projekts StreetMoves4iCity zeigen, dass digitale Partizipationswerkzeuge das Potenzial haben, die Akzeptanz für verkehrsberuhigende Maßnahmen zu steigern. Dies ist besonders relevant für Städte und Kommunen, die bei der Umsetzung von Mobilitätswende-Projekten häufig auf Widerstand stoßen. VR- und AR-Technologien ermöglichen es, Bürger: innen frühzeitig in Planungsprozesse einzubinden und ihre Vorstellungen sowie Wünsche in die Gestaltung des Stadtraums zu integrieren. Insbesondere VR-Tools sind für die Praxis wertvoll, da sie flexibel einsetzbar und gut anpassbar sind. Die Möglichkeit, virtuelle Umgebungen mit Gamification- Elementen zu gestalten, kann zudem die Attraktivität und Motivation zur Teilnahme erhöhen. AR bietet die Chance, Interventionen direkt vor Ort erlebbar zu machen. In Kombination mit temporären physischen Interventionen entsteht so eine ganzheitliche Erfahrungswelt. Eine Empfehlung für Praktiker: innen in Städten und Kommunen lautet daher, digitale Partizipationsmethoden als festen Bestandteil in die Stadtplanung zu integrieren. Der Vorteil, dass Bürger: innen durch immersive Erlebnisse eine realistische Vorstellung der Veränderungen erhalten, kann Widerstände abbauen und die Unterstützung für stadtplanerische Maßnahmen erhöhen. Zudem erlaubt die Flexibilität der eingesetzten Technologien eine unkomplizierte Anpassung an verschiedene stadträumliche Kontexte und Bedürfnisse. Hinweis Das Projekt StreetMoves4iCity wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in der Fördermaßnahme „FH-Impuls: Starke Fachhochschulen - Impuls für die Region unter dem Förderkennzeichen FH9I07IA“ gefördert und vom Projektträger VDI Technologiezentrum GmbH für das BMBF betreut. 86 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0032 WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Virtual Reality und Augmented Reality Prof. Dr. Thomas Bäumer Professor für Wirtschaftspsychologie an der HFT Stuttgart thomas.baeumer@hft-stuttgart.de Prof. Dr. Stephanie Huber Professorin für Wirtschaftspsychologie an der HFT Stuttgart stephanie.huber@hft-stuttgart.de Prof. Dr. Christina Simon-Philipp Professorin für Städtebau und Stadtplanung an der HFT Stuttgart christina.simon@hft-stuttgart.de Prof. Dr. Volker Coors Professor für Geoinformatik an der HFT Stuttgart volker.coors@hft-stuttgart.de M.Sc. Muhammad Alfakhori Akademischer Mitarbeiter an der HFT Stuttgart muhammad.alfakhori@hft-stuttgart.de AUTOR: INNEN Danksagung Wir möchten uns bei den folgenden Personen bedanken, die maßgeblich an der Realisierung der beschriebenen Studien beteiligt waren: Joshua Klein, Jan-Timo Ort, Tobias Reulein, Jasmina Rückle und Jan Silberer. ENDNOTE 1 Ein ausführlicher Projektbericht inklusive detaillierter Ergebnisse der hier berichteten Studien aus dem Projekt liegt ebenfalls vor (Simon-Philipp et al., 2024). LITERATUR Huber, R. A., Wicki, M. L. & Bernauer, T. (2020). Public support for environmental policy depends on beliefs concerning effectiveness, intrusiveness, and fairness. Environmental Politics, 29(4), 649-673. https: / / doi.org/ 10.1080/ 09644016 .2019.1629171 Wicki, M. & Kaufmann, D. (2022). Accepting and resisting densification: The importance of project-related factors and the contextualizing role of neighbourhoods. Landscape and Urban Planning, 220, 104350. https: / / doi.org/ 10.1016/ j.landurbplan.2021.104350 WOHLBEFINDEN IM URBANEN RAUM Virtual Reality und Augmented Reality 87 Sonderausgabe · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0032
