Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0037
tc102/tc102.pdf0811
2025
102
Erzählen, zuhören, Stadt gestalten
0811
2025
Stephan Willinger
Katharina Hackenberg
Susanne Schön
Sebastian Strehlau
Der Artikel beleuchtet, wie narrative Ansätze Stadtentwicklung bereichern können. Er zeigt anhand konkreter Beispiele, dass Geschichten helfen, komplexe Vorhaben verständlich zu machen, Beteiligung zu fördern und neue Perspektiven zu integrieren. Ob durch Erzählformate wie Rollenspiele, Minecraft-Stadtmodelle oder gemeinsame Aktionen im öffentlichen Raum – das Erzählen wird zum Werkzeug für mehr Miteinander, Kreativität und Wirksamkeit in der Stadtgestaltung. Narrative schaffen emotionale Zugänge, stärken den sozialen Zusammenhalt und ermöglichen eine partizipative, lebendige Stadtentwicklung.
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Erzählen, zuhören, Stadt gestalten Mit Narrativen zur besseren Stadtentwicklung Narrative Stadtentwicklung, Co-Creation, Perspektivenvielfalt, Erzählräume, Dialog, Konfliktbewältigung Stephan Willinger, Katharina Hackenberg, Susanne Schön, Sebastian Strehlau Der Artikel beleuchtet, wie narrative Ansätze Stadtentwicklung bereichern können. Er zeigt anhand konkreter Beispiele, dass Geschichten helfen, komplexe Vorhaben verständlich zu machen, Beteiligung zu fördern und neue Perspektiven zu integrieren. Ob durch Erzählformate wie Rollenspiele, Minecraft-Stadtmodelle oder gemeinsame Aktionen im öffentlichen Raum - das Erzählen wird zum Werkzeug für mehr Miteinander, Kreativität und Wirksamkeit in der Stadtgestaltung. Narrative schaffen emotionale Zugänge, stärken den sozialen Zusammenhalt und ermöglichen eine partizipative, lebendige Stadtentwicklung. Städte entstehen nicht nur aus Plänen, Prognosen und Baunormen - sie entstehen auch aus Geschichten. Denn Menschen erzählen. In diesen Erzählungen steckt wertvolles Wissen darüber, was ihnen im Alltag wichtig ist, was ihnen fehlt, was sie als sinnvoll oder unsinnig empfinden. Gerade in der Stadtentwicklung, wo unterschiedlichste Interessen aufeinandertreffen und mancherorts zu polarisierenden Debatten über zukünftige Entwicklungsziele führen, können narrative Ansätze helfen, besser zuzuhören, Verständnis zu fördern und Konflikte zu entschärfen. Das BBSR-Forschungsprojekt „Stadt gestalten mit Narrativen“ hat acht Projekte untersucht, in denen das Erzählen - und das bewusste Zuhören - neue Wege in Stadtentwicklungsprozessen eröffnet hat. Statt kontroverser Debattenräume entstanden Verständigungsräume, in denen sich auch jene äußerten, die sonst oft außen vor bleiben. Die Ergebnisse werden jetzt in einer Broschüre des BBSRs vorgestellt. Neu ist dabei nicht unbedingt die Methode, sondern der Blickwinkel: Narrative Prozesse werden hier systematisch als bewusst einsetzbare Strategien begriffen - als Werkzeug für eine inklusivere, kooperative und kreative Stadtgestaltung. Die vorgestellten Beispiele zeigen, wie das funktionieren kann - und laden dazu ein, das Erzählen in der Stadtentwicklung künftig nicht dem Zufall zu überlassen. 10 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0037 persönlich. Und genau das ist die Stärke. Narrative Prozesse zielen darauf, möglichst viele solcher Perspektiven sichtbar zu machen. Wie das gelingen kann, zeigt ein außergewöhnliches Projek t in Bremen-Osterholz-Tenever: Die Deutsche Kammerphilharmonie zog in den Stadtteil - und entwickelte gemeinsam mit einer Schule und der Nachbarschaft eine Oper. Was zunächst wie ein kulturpolitisches Experiment wirkte, wurde zum Stadtteilereignis. Seit 2009 wurde neunmal aufgeführt, mit wachsendem Stolz - und internationalem Echo. Zuhören macht den Unterschied Doch Erzählen allein reicht nicht. Erst das bewusste Zuhören verleiht den Geschichten Wirkung. Wenn Menschen merken, dass ihre Erfahrungen ernst genommen werden, steigt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. In Traisen-Gölsental etwa wurden regionale Zukunftsvisionen auf Postkarten geschrieben, in Schulprojekten erträumt - und später in die Regionale Agenda 21 integriert. In Nürnberg wurden fiktive Tagebuchausschnitte aus dem Jahr 2035 zum Auslöser für Ideen- Jams. Die Bürgerinnen und Bürger reagierten nicht mit Abwehr, sondern mit Kreativität - und entwickelten eigene Klimaschutz- und Anpassungsprojekte. Stadtplanung, die verständlich wird Ein weiteres Potenzial narrativer Methoden liegt in der Übersetzung komplexer Planungsvorhaben. Viele Stadtentwicklungskonzepte sind zwar öffentlich, aber nicht für alle zugänglich - weil Sprache, Format oder Umfang abschrecken. In Wittenberge wurde ein Rahmenplan für ein leerstehendes Viertel in Geschichten übersetzt, mit Collagen direkt an den Gebäuden visualisiert. Und in Leipzig führ ten engagier te Anwohnerinnen und Anwohner Gespräche, luden zu gemeinsamen Aktionen ein und leisteten Üb er s et zung s arb eit , um aus einem sperrigen Stadtentwicklungskonzept einen ganz konkreten Vorschlag zu machen: den „SUPERBLOCK“. Die Idee wurde so überzeugend vorgelebt, dass die Stadt sie für einen Teilraum tatsächlich beschloss. Drei Strategien, wie narrative Prozesse Stadtentwicklung voranbringen können 1. Geschichten statt Pläne - „Grüße aus der Zukunft“ Wittenberge Stadtentwicklung lebt von Ideen - doch diese müssen nicht nur verstanden, sondern auch gefühlt, geteilt und mitgetragen werden. In Wittenberge, einer brandenburgischen Stadt an der Elbe, wurde genau das zum Ausgangspunkt eines besonderen Experiments. Für das sanierungsbedürftige Packhofviertel, das lange von Leerstand geprägt war, schlug das beauftrag te Planungsbüro subsolar* einen Perspektivwechsel vor: Statt abstrakt gezeichneter und technisch-planerisch formulierter Blockkonzepte sollten alltagsnahe Geschichten zeigen, wie eine andere Zukunft aussehen kann. Die klassische Planung war an ihre Grenzen gestoßen. Frühere Bürger werk stätten und soge nannte „Viertelrunden“ hatten deutlich gemacht, dass es Menschen gibt, die das Viertel schätzen und seine Weiterentwicklung aus dem Bestand heraus befürworten. Diese Stimmen blieben bisher meist leise - doch sie waren da. Genau hier setzte das neue Konzept an: Geschichten sollten diese Perspektiven sichtbar machen und damit neue Bilder im Kopf entstehen lassen. Warum Narrative? Was Erzählen leisten kann Narrative Prozesse sind weit mehr als nette Geschichten am Rande des Planungsgeschehens oder Marketingsprüche in Hochglanzbroschüren. Sie sind ein Werkzeug, um komplexe Entwicklungen greifbar zu machen, um Beteiligung niedrigschwelliger zu gestalten und um jene Stimmen einzubinden, die sich sonst im öffentlich-demokratischen Diskurs selten Gehör verschaffen bzw. finden. Dabei geht es nicht nur ums Reden - sondern darum, unterschiedliche Perspektiven gegenseitig verständlich zu machen. In Saarbrücken etwa erzählten Alteingesessene und Zugewanderte im Projekt PatchWorkCity einander, wie sie sich ihr Zusammenleben in Vielfalt vorstellen. Aus den Gesprächen wuchsen neue Netzwerke - die sich später, während der Pandemie, ganz selbstverständlich in der Nachbarschaftshilfe engagierten. Erzählen, so zeigt sich, schafft nicht nur Verständnis, sondern auch Verbindungen. Erzählen heißt nicht nur sprechen Narrative sind nicht auf Sprache beschränkt. Sie können sich in Bildern, Objekten, Musik oder digitalen Welten ausdrücken. In Cottbus etwa bauten Kinder und Jugendliche ihre Stadt der Zukunft - nicht auf Papier, sondern mit dem Computerspiel Minecraft. Ihre virtuellen Stadtentwürfe weckten Aufmerksamkeit weit über die Stadtgrenzen hinaus - und zeigten, wie kreativ junge Menschen sich in Stadtentwicklung einbringen können, wenn man sie lässt. Perspektivenvielfalt ist der Schlüssel Erzählen funktioniert nie neutral - es ist immer subjektiv, immer FORUM Kommunikation 11 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0037 Vom Verkehrsversuch zur Erzählung über Zusammenleben Besonders wirksam war, dass der Superblock nicht nur verkehrlich funktionierte, sondern auch emotional anschlussfähig war. Die Geschichten, die rund um die Aktionen entstanden - vom selbstgebauten Straßenmöbel bis zum gemeinsamen Mittagessen auf der Straße - machten deutlich: Stadtentwicklung beginnt im Alltag. Sie beginnt dort, wo Menschen sich austauschen, ihre Umgebung gestalten und erfahren: Wir können etwas verändern. Strategie: Narrative als Erfahrungsräume Das Projekt zeigt exemplarisch, wie aus Visionen gelebte Realität wird, wenn Menschen die Veränderung nicht nur erklärt bekommen, sondern sie selbst erleben und mitgestalten. Narrative fungieren dabei als Brücke zwischen der Äußerung von Bedürfnissen und der Entwicklung von Ideen zu deren Umsetzung. Sie machen Stadtent wicklung anschaulich, nahbar - und dadurch erst handlungsfähig. In Leipzig wurde so ein Erzählraum geschaffen, in dem Zukunft nicht geplant, sondern ausprobiert, erlebt und weiterentwickelt wurde. 3. Zukunft spielerisch erzählen - Deine Stadt der Zukunft Cottbus Wie lässt sich junge Stadtentwicklung spielerisch und ernsthaft verbinden? In Cottbus fand man eine kreative Antwort: Mit dem beliebten Computerspiel Minecraft als Beteiligungsplattform entwickelte die Stadt gemeinsam mit Jugendlichen konkrete Visionen für „Deine Stadt der Zukunft“. Vom Spiel zur Idee Ausgangspunkt war die Landesinitiative „Meine Stadt der Zukunft “. Statt klassischer Formate entschied sich die Stadtverwal- Ersatz, sondern als Erweiterung der Stadtplanung. Eine Einladung zum Mitdenken, Mitfühlen und Mitgestalten. 2. Erzählräume schaffen - SUPERBLOCKS Leipzig Im Leipziger Osten, in einem Viertel mit dichtem Verkehr, wenig Grün und wachsendem Druck durch Aufwertung, entwickelte eine engagierte Nachbarschaft ein Bild davon, wie die Straßen wieder zum sozialen Raum werden könnten. Inspiriert vom Modell der Superblocks aus Barcelona entstand ein lokales Narrativ, das weit über Verkehrsberuhigung hinausging: Es ging darum, das Quartier gemeinsam neu zu denken - lebenswerter, gerechter, grüner. Testen, was möglich ist Veränderung braucht Vorstellungskraft - und Räume, in denen sie ausprobiert werden kann. Statt auf langwierige Planung zu setzen, wurden in Leipzig konkrete Aktionen im öffentlichen Raum umgesetzt: Diagonalsperren bremsten den Verkehr, Straßenfeste, Straßenschulen und mobile Wunschbüros luden zum Mitmachen und Mitgestalten ein. Der Straßenraum wurde zum sozialen Experimentierfeld, auf dem sichtbar wurde, wie alternative Nutzungen das Miteinander stärken können. Zwischen Protest und Rückenwind Die schnelle Umsetzung - unterstützt vom Tiefbauamt - brachte auch Konflikte mit sich. Doch weil die Akteur: innen vor Ort präsent und ver trauens würdig waren, weil sie nicht für andere sprachen, sondern Teil des Viertels waren, wuchs eine starke Nachbarschaft hinter dem Projekt. Die Erzählung des Superblocks wurde zu einer kollektiven Geschichte, getragen von vielen - und im April 2024 vom Stadtrat offiziell beschlossen. Zukunftsgeschichten - konkret, lokal, ermutigend Entwickelt wurden sogenannte „Zukunftsgeschichten“, die sich an der Lebensrealität der Menschen im Quartier orientierten. Sie wurden an leerstehenden Häusern installiert und per QR-Code auch digital zugänglich gemacht. Jede Geschichte war mit realen Beispielen aus anderen Städten verknüpft, wo ähnliche Vorhaben bereits er folgreich umgeset z t wurden - um zu zeigen: Veränderung ist machbar. Statt planerischer Ent würfe entstanden so lebendige Bilder möglicher Zukünfte: Wie könnte es hier 2030 aussehen, wenn Ideen umgesetzt, Mut gefasst und Häuser kreativ belebt würden? Die Geschichten machten Lust auf Veränderung und gaben der abstrakten Idee von Revitalisierung ein Gesicht - und ein Gefühl: Hoffnung. Vom Erzählen zum Erleben Erstmals präsentiert wurden die Geschichten zum Brandenburg- Tag 2018 - nicht als Infotafeln, sondern in Form geführter Spaziergänge durch das Viertel. Beteiligte schlüpften in Rollen der fiktiven Bewohner: innen und ließen die Szenarien vor Ort lebendig werden. Auch im Rahmen des „Summer of Pioneers“ 2019 wurde das Konzept fortgeführt - Erzählen wurde zur gemeinsamen Praxis. Strategie: Narrative als Zukunftserlebnis Das Wittenberger Beispiel zeigt, was narrative Formate leisten können: Sie übersetzen planerische Vorhaben in eine Sprache, die Menschen erreicht - nicht nur intellektuell, sondern emotional. Die Geschichten machten das Unsichtbare sichtbar, das Mögliche greifbar und das Abstrakte konkret. So wurde das Erzählen zu einer echten Strategie - nicht als FORUM Kommunikation 12 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0037 Strategie: Narrative als Beteiligungsform Das Projekt zeigt, wie Beteiligung für junge Menschen sichtbar und wirksam werden kann. Durch die Verbindung von Spiel, Storytelling und realer Stadtplanung entstand ein Raum, in dem Jugendliche ihre Lebenswelt aktiv gestalten konnten. Die Geschichten, die in Minecraft entstanden, wurden weitergetragen - digital und analog. So wurde Beteiligung nicht nur erlebbar, sondern auch zukunftsfähig gemacht. Diese drei Strategien zeigen: Wenn Stadtentwicklung erzählt wird, entsteht mehr als nur Planung - es entsteht Beziehung. Zwischen Menschen, Orten und Ideen. Und oft ist es genau diese Beziehung, die Gestaltung möglich macht. Wenn der Alltag auf Stadtentwicklung trifft: Wozu ein narrativer Prozess? Narrative Prozesse entstehen nicht aus reiner Methode oder als kreative Spielerei - sie haben konkrete Anlässe und verfolgen ein klares kommunikatives Anliegen. Besonders relevant werden sie dort, wo Stadtentwicklung spürbar und sichtbar in das alltägliche Leben der Menschen eingreift: wenn etwa ein Quartierskonzept entwickelt wird, ein Straßenraum umgestaltet oder über die Zukunft eines leerstehenden Gebäudes diskutiert wird. Solche Prozesse betreffen nicht nur den Stadtraum, sondern immer auch persönliche Gewohnheiten, Routinen, Erinnerungen - kurz: das Lebensumfeld der Menschen. Sie sind häufig emotional aufgeladen, kontrovers, voller unausgesprochener Interessen und divergierender Perspektiven. Gerade in solchen Momenten lohnt sich ein narrativer Ansatz. Denn das Anliegen ist nicht nur, Informationen zu vermitteln oder Planungsschritte zu kommunizieren - es geht um Verständigung. Um die Frage: Wie kommen wir ins Gespräch - und wie verstehen wir einander wirklich? Stadtentwicklungsprozesse werden zwar oft öffentlich formal verhandelt, aber ihre Fachsprache und abstrakte Darstellung erschweren vielen Bürger: innen den Zugang. Gleichzeitig fällt es ihnen schwer, ihre eigenen Anliegen in planerischsystematischer Sprache zu formulieren. Die Folge: Man spricht aneinander vorbei. Ein narrativer Prozess schafft hier Brücken - er „übersetzt “ abstrakte Vorhaben in alltagsnahe Bilder und macht individuelle Erfahrungen und Perspektiven sichtbar und hörbar. Klar ist aber auch: Nicht jeder Anlass erfordert einen narrativen Prozess - aber überall dort, wo es um Verständigung, Perspektivwechsel, gemeinsames Lernen oder Handeln geht, ist er ein wirkungsvolles Werkzeug. Er bietet keine schnellen Lösungen, aber schafft tragfähige Grundlagen: für kluge Entscheidungen, für neue Netzwerke, für eine lebendige Stadtgesellschaft. Erzählen hat viele Gesichter: Formate als kreative Werkzeuge Narrative Prozesse leben nicht nur vom gesprochenen Wort - sie können sich ebenso in Bildern, Klängen, Aktionen oder Spielen ausdrücken. Ob Theaterstück , Ausstellung, Soundinstallation, Planspiel, Festival oder Stadtteilmagazin: Erzählformate sind so vielfältig wie die Menschen, die daran mitwirken. Entscheidend ist, dass sie anschaulich sind und Beteiligung ermöglichen. Die Wahl des Formats sollte sich dabei immer an der Erzählstrategie, dem Ziel des Prozesses und den vorhandenen Ressourcen orientieren - und auch an der Lust, Neues auszuprobieren. Was hat sich im eigenen Umfeld bewährt? Welche tung für einen neuen Zugang: Co- Creation im digitalen Raum. Über Discord trafen sich Jugendliche regelmäßig zu digitalen Meet-ups, markierten Orte in einer Online- Karte und tauschten Ideen aus. In zwei Zukunftswerkstätten entstanden in Minecraft Entwürfe für Mobilität, Freizeit oder Umwelt - vom Dorfgemeinschaftsplatz bis zum Rodelberg. Zwischen Realität und Virtualität Das digitale Spiel wurde durch analoge Elemente ergänzt: Stadtteilerkundungen, realis tis che Bauanträge und Grundstücksvergaben im Rahmen eines spielerischen Settings sorgten für einen Praxisbezug. Am Ende präsentierten die Jugendlichen ihre Entwürfe öffentlich vor Politik, Familie und Freundeskreis - samt Ideenwettbewerb und Online-Voting. Die Verbindung von digitalem Zugang und realer Wirkung erzeugte ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, Sichtbarkeit und Motivation. Jugendliche als Erzähler: innen Bedeutend war, dass Jugendliche nicht nur Teilnehmer: innen, sondern auch Mitgestalter: innen der Kommunikation wurden. Sie erstellten YouTube-Videos, betreuten Social-Media-Kanäle, dokumentierten Prozesse und bauten das digitale Stadtmodell mit großer Eigeninitiative. Unterstützt wurden sie von Partnern wie dem E-Sport-Verein, dem Medienprojekt M2B und dem bekannten Minecraft-YouTuber TheJoCraft - ein Netzwerk, das Zugänge schuf und Vertrauen stärkte. Das Projekt überraschte mit der Qualität seiner Ergebnisse: Viele Entwürfe waren nicht nur kreativ, sondern auch praktisch umsetzbar. Das Projekt wurde in einem Handbuch dokumentiert - und hat langfristig gezeigt, wie junge Perspektiven die Stadtentwicklung bereichern können. FORUM Kommunikation 13 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0037 er weiterung. Auch als interne Strategie zur Sensibilisierung und ressortübergreifenden Aktivierung in der Verwaltung bieten sie große Chancen. Für Kommunen ergeben sich daraus vielfältige Handlungsmöglichkeiten: Sie können selbst narrative Prozesse initiieren oder bestehende zivilgesellschaf tliche Initiativen unterstützen, aufgreifen und verstetigen. Ob als Partnerin, Multiplikatorin oder Ermöglicherin - je glaubwürdiger und kontinuierlicher die kommunale Begleitung ist, desto größer ist die Chance, dass narrative Projekte nicht nur eindrucksvolle Momente schaffen, sondern auch reale Veränderung bewirken. In der Summe zeigt sich: Narrative Prozesse sind keine Allzweckmittel - aber sie sind ein kraftvolles Werkzeug, um Stadtentwicklung lebendig, inklusiv und zukunftsgerichtet zu gestalten. Voraussetzung ist, dass die erzählten Geschichten auf offene Ohren treffen - und die Bereitschaft besteht, ihnen auch Taten folgen zu lassen. Eingangsabbildung: © iStock.com/ mrPliskin Organisierenden müssen sich als Vermittelnde und Übersetzende in alle Richtungen begreifen. Das schließt nicht eine eigene Haltung aus, lässt aber Offenheit zu. Die Erzählung, die Weitererzählung, manchmal auch Gegenerzählung, machen den Prozess aus. Aus der Erzählung entstehen die Wirkungen. Zweitens: Der Erfolg hängt stark von der Glaubwürdigkeit der Geschichten und der Authentizität der Beteiligten ab. Ein tiefer lokaler Bezug, partizipative Erzählräume und die Sichtbarkeit von Alltagser fahrungen bilden die Grundlage für Vertrauen und Resonanz. Diese Glaubwürdigkeit und lokale Anschlussfähigkeit hilft dann auch, mit Widerständen und Gegenerzählungen konstruktiv umzugehen. Drit tens: Bereit s bes tehende Netzwerke und vielfältige, niedrigschwellige Erzählanlässe sind wertvolle Ressourcen, um Beteiligung zu fördern und neue Perspektiven zu erschließen. Besonders gut gelingt das mit Kindern und Jugendlichen. Die Erfahrungen machen deutlich, dass narrative Projekte besonders dann wirksam sind, wenn sie frühzeitig geplant und mit bestehenden Stadtentwicklungsprozessen verzahnt sind - sei es zur Mobilisierung, zur Konfliktbearbeitung oder zur Perspektiven- Kompetenzen sind im Team vorhanden? Und ganz wichtig: Passt das Format zu den Menschen, dem Ort und dem Anliegen? Attraktive Beispiele aus anderen Städten können inspirieren - sollten aber immer kritisch auf die eigene Situation übertragen werden. Denn nur dann kann ein Format seine erzählerische Kraft wirklich entfalten. Narrative Prozesse in der Stadtentwicklung - Chancen, Herausforderungen und strategische Erkenntnisse Die in den Beispielprojekten gesammelten Erfahrungen zeigen eindrucksvoll das Potenzial narrativer Ansätze in der Stadtentwicklung - aber auch ihre Komplexität. Narrative Prozesse sind keine Standardverfahren, sondern offene, dialogische Formate, die Kreativität, Engagement und strategisches Denken erfordern. Sie leben von echten Geschichten, glaubwürdiger Kommunikation und einer Haltung der Offenheit, Neugier und Lernbereitschaft auf Seiten der Initiierenden und Beteiligten. Was lässt sich aus den Praxisbeispielen lernen? Erstens: Narrative Prozesse sind nicht einfach zu steuern - sie verlangen nach klarer Struktur, guter Vorbereitung und gleichzeitig nach der Bereitschaft, sich auf das Unvorhersehbare einzulassen. Die AUTOR: INNEN Stephan Willinger, Bundesinstitut für Bau-, Stadt-, und Raumforschung (BBSR) Referat Stadtentwicklung Katharina Hackenberg, Dr., Bundesinstitut für Bau-, Stadt-, und Raumforschung (BBSR) Referat Stadtentwicklung Susanne Schön, Dr., inter 3 Institut für Ressourcenmanagement. Sebastian Strehlau, Dr., inter 3 Institut Ressourcenmanagement. Erzählform Beispiele Erzählen mit Wörtern Stadtteilzeitung, Gesprächsrunde, Kinderbuch, Tagebuch, Utopie/ Dystopie, Leitbild, Agenda Aktionistisch Festival, Installation, Kochen/ Essen, Reallabor, Mitmachaktion, Walking Act, Souvenir Darstellend Theater, Rollenspiel, Biografie, Improvisation, Oper, Film, Walking Act Visuell Logo, Symbol, Ausstellung, Comic, Social Media, Virtual Reality, Kartierung, Fotomontage Spielerisch Planspiel, Brettspiel, Computerspiel, Gamification, Rollenspiel, Kinderspiel Übersicht möglicher Erzählformate FORUM Kommunikation 14 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0037
