Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0039
tc102/tc102.pdf0811
2025
102
Wege zur Schule, Wege zur Zukunft
0811
2025
Dennis Dreher
Chantal Ehling
Marie Kochendörfer
Lynn Mosesku
Lutz Gaspers
Die Arbeit untersucht Einflussfaktoren auf die Verkehrsmittelwahl von Schüler:innen am Beispiel des GSG Stuttgart. Im Fokus stehen Aspekte der sozialen Teilhabe, Klimaneutralität und Verkehrssicherheit. Ziel ist die Entwicklung erster Grundlagen für ein Prognosetool, das Mobilitätsverhalten vorhersagen kann – mit dem Potenzial, Schulwege sicherer, nachhaltiger und effizienter zu gestalten.
Das übergeordnete Ziel des Projektes ist die Entzerrung von Pendelströmen zu Bildungseinrichtungen, um die Verkehrsqualität zu verbessern und einen effizienteren Ablauf des Verkehrssystems zu gewährleisten
tc1020022
Wege zur Schule, Wege zur Zukunft Verkehrsmittelwahl von Schüler: innen zwischen Sicherheit, Nachhaltigkeit und Familienalltag Pendelströme, Öffentlicher Personennahverkehr, Verkehrswende, Mobilitätsverhalten Dennis Dreher, Chantal Ehling, Marie Kochendörfer, Lynn Mosesku, Lutz Gaspers Die Arbeit untersucht Einflussfaktoren auf die Verkehrsmittelwahl von Schüler: innen am Beispiel des GSG Stuttgart. Im Fokus stehen Aspekte der sozialen Teilhabe, Klimaneutralität und Verkehrssicherheit. Ziel ist die Entwicklung erster Grundlagen für ein Prognosetool, das Mobilitätsverhalten vorhersagen kann - mit dem Potenzial, Schulwege sicherer, nachhaltiger und effizienter zu gestalten. Das übergeordnete Ziel des Projektes ist die Entzerrung von Pendelströmen zu Bildungseinrichtungen, um die Verkehrsqualität zu verbessern und einen effizienteren Ablauf des Verkehrssystems zu gewährleisten Deutschlandweit entfallen etwa 11 % aller zurückgelegten Wege auf den Ausbildungsverkehr (vgl. Nobis & Kuhnimhof 2018). Hierbei spielen insbesondere auch die Wege von und zu Schulen eine bedeutende Rolle. Die Aufgabe des Transports von Schüler: innen stellt dabei Verkehrsunternehmen, Schulträger: innen und Kommunen vor gleichermaßen große Herausforderungen: Eine Vielzahl von Wegen muss gleichzeitig zur morgendlichen Spitzenstunde der Berufspendler: innen bewältig t werden, was häufig das Vorhalten zusätzlicher Kapazitäten über den Regelverkehr hinaus erfordert. Dies wird in Zeiten von fehlendem Fahrpersonal und sinkender Einnahmen bei steigenden Kosten zunehmend problematisch. Gleichzeitig ist die Situation durch häufig überlastete Fahrzeuge und 22 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0039 Vormittag. Insbesondere am Morgen kollidiert die Spitzenstunde des Ausbildungsverkehrs zudem mit der Spitzenstunde der Berufspendelverkehre. Für die Verkehrsunternehmen bedeutet das, dass sie zur Bewältigung dieser Spitzenlasten häufig zusätzliche Fahrzeuge und Fahrpersonal einsetzen müssen. Dies wird zukünftig aus verschiedenen Gründen eine Herausforderung darstellen: Neben einem sich verschärfenden Mangel an Fahrpersonal sinken zudem die Fahrgeldeinnahmen. Gleichzeitig steigen die Kosten für den Betrieb weiter an und die Anforderungen aus Politik und Gesellschaft an einen zuverlässigen Nahverkehr im Kontext der Verkehrswende wachsen weiter. Als relevante Stellschraube für die Mobilitätsbedürfnisse von Schüler: innen kann die Stundenplangestaltung identifiziert werden, da diese die Anfangs- und Endzeiten bestimmt, zu denen Wege entstehen. Diese Vorgaben bestimmen auch die Nachfrage im Verkehrssystem, welche insbesondere im ÖPNV von Bedeutung ist. Gleichzeitig sehen sich Schulträger: innen und Bildungseinrichtungen mit stetig wachsenden Herausforderungen konfrontiert. Die Rückkehr vom achtzum neunjährigen Gymnasium erfordert eine Flexibilisierung der Stundenplangestaltung. Auch strukturelle Probleme infolge von Lehrkräftemangel und dem Sanierungsbedarf vieler Schulen haben einen bedeutenden Einfluss auf die Ausgestaltung der Lehrstunden. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf den Schulbetrieb, sondern auch auf die Planbarkeit und Koordination des täglichen Schulverkehrs. Der Druck nach einer Lösung dieser Herausforderungen eint somit die Verkehrsunternehmen, Aufgabenträger: innen, Bildungseinrichtungen und auch gleichzeitig das gesellschaftliche Verlangen nach einem funktionierenden Verkehrssystem. Zielsetzungen Das übergeordnete Ziel des Forschungsprojektes ist die Verbesserung der Qualität im Schulverkehrs und in der Folge im gesamten Verkehrssystem. Dies soll erreicht werden durch eine flexiblere Gestaltung von Stundenplänen, die unterschiedliche Anfangs- und Endzeiten vorsehen. Durch eine bessere Verteilung der Verkehrsströme werden damit Ressourcen aus entfallenden Verstärker- und Schulbusfahrten frei. Diese können auf verschiedene Arten genutzt werden: 1. Einsparung der Ressourcen 2. Stabilisierung des Verkehrsangebots 3. Erhöhung der Bedienungshäufigkeit der Linie 4. Ausbau des Verkehrsangebots im Netz Im Sinne der Verkehrswende sollte dabei die Attraktivierung des ÖPNV gegenüber einer reinen (monetären) Einsparung bevorzugt werden. Im Projekt wird auch die Auswirkung der veränder ten Anfangs- und Endzeiten auf das Lernverhalten der Schüler: innen berücksichtigt. Dies erhöht die Komplexität des Prozesses weiterhin, da sich bereits jetzt eine Vielzahl von Faktoren identifizieren lassen, die Auswirkungen auf die Stundenplangestaltung haben, jedoch außerhalb des Einflussbereichs der Bildungseinrichtungen liegen. Mittelfristig soll in weiteren Projekten zudem untersucht werden, wie sich eine potenziell verbesserte Wahrnehmung des öffentlichen Verkehrssystems im Kinder- und Jugendalter auf die spätere Wahl des Verkehrsmittels im Berufsleben auswirken kann. eine eingeschränkte Zuverlässigkeit auch für die Schüler: innen nicht zufriedenstellend. Es bedarf innovativer Lösungsansätze, um die Schulwege nachhaltig und in zufriedenstellender Bedienungsqualität abwickeln zu können. Das Projekt EMO4iCity adaptiert auf dieser Grundlage den in der ersten Projektphase erforschten Ansatz der Steuerung von Pendelströmen zu Gewerbegebieten durch flexible Arbeitszeiten und mobiles Arbeiten auf Bildungseinrichtungen. Gefördert wird das Vorhaben vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Als Drittmittelgeber und Projektpartner fungiert in dieser Projektphase die Landeshauptstadt Stuttgart sowie als assoziierte Partner die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) und das Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) in Stuttgart-Sillenbuch als Bildungspartner. Das Konsortium bietet für die Problemstellung eine ideale Besetzung und kombiniert die erforderliche Expertise aller betroffenen Bereiche und Zugang zu relevanten Daten. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die Problemstellung, Zielsetzung und die gewählte Methodik. Zudem ermöglicht er einen Ausblick auf erste Erkenntnisse aus dem Projekt. Problemstellung Der Schulverkehr im ÖPNV wird häufig mit negativen Erlebnissen, wie überfüllten Fahrzeugen, Verspätungen oder Ausfällen, assoziiert. Gleichzeitig ist die Ausgangssituation aus Sicht der Verkehrsplanung nicht optimal: Der Status Quo ist der Beginn aller Schüler: innen zur ersten Stunde, was mit einer hohen Spitzenbelastung für das Verkehrssystem einhergeht. Auch am nachmittäglichen Unterrichtsende gibt es ausgeprägte Spitzen, die sich jedoch bereits besser verteilen als am PRAXIS + PROJEKTE Schulwege 23 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0039 Inter views mit den beteiligten Schulleitungen durchgeführt, um am Ende praxisnahe Handlungsempfehlungen gewährleisten zu können. Hier zeigte sich eine hohe Abhängigkeit der Stundenplanung von externen Einflussfaktoren sowie erforderlicher Kooperationen mit weiteren Bildungseinrichtungen sowie Vereinen. Determinanten der Verkehrsmittelwahl von Schüler: innen Das Ziel dieser ersten Befragung war die Ermittlung von Determinanten, die die Verkehrsmittelwahl von Schüler: innen beeinflussen. Diese Kenngröße ist für die weitere Arbeit von hoher Relevanz, da insbesondere diese Stellschrauben dann auch Eingang in die weitere Forschungsarbeit finden müssen. Zudem ist davon auszugehen, dass diese Stellschrauben auch bei flexibler gestalteten Schulzeiten einen hohen Einfluss auf die tatsächliche Verkehrsmittelwahl haben werden. In der Erhebung wurden insbesondere Fragen zum Mobilitätsverhalten sowie den persönlichen Verfügbarkeiten und Zugänglichkeiten verschiedener Verkehrsmittel gestellt. Darüber hinaus wurden auch die Einstellung und Zufriedenheit bezüglich des Schulwegs erfasst. Der Fragebogen kombinierte ein Wegetagebuch für eine typische Schulwoche bei gutem sowie bei schlechtem Wetter, Filterfragen zu individuellen Verhaltensmerkmalen und Fragen zu den Rahmenbedingungen wie der Verkehrsmittelverfügbarkeit Auch die persönliche Einstellung gegenüber den unterschiedlichen Verkehrsmitteln wurde abgefragt sowie die Möglichkeit für Verbesserungsvorschläge eingeräumt. Zur Auswertung kamen insgesamt 689 plausibilisierte Datensätze, die allesamt georeferenziert betrachtet werden konnten. Bei Wirtemberg-Gymnasium in Stuttgart Untertürkheim durchgeführt. Diese Datensätze befinden sich noch in der Auswertung. Weitere Erhebungen an Schulen in der L andeshaupt s t adt Stuttgart sind geplant, um eine noch breitere und belastbarere Datengrundlage zu schaffen. In den Fokus werden dann insbesondere die Schulen rücken, für deren Gebietstyp noch keine Datensätze vorliegen oder die sich durch weitere Besonderheiten von den bisher befragten Schulen abheben. Das Ziel ist die Ermittlung der Determinanten der Verkehrsmittelwahl von Schüler: innen, die letztendlich entscheiden, wie sich das Mobilitätsverhalten prägt. Ergänzt werden diese Kenngrößen durch zusätzliche Sekundärdaten. Eine hohe Relevanz haben die vorliegenden Fahrgastzähldaten der Stuttgarter Straßenbahnen AG, über die mögliche Überlastungen von Fahrten identifiziert werden können. Zudem ermöglichen diese eine Optimierung von Linienverläufen oder Fahrzeiten. Ursprünglich sollten im Projekt auch Mobilfunkdaten verwendet werden, da diese in der ersten Projektphase für Gewerbeeinrichtungen eine hohe Aussagekraft hatten. Dieser Ansatz musste jedoch verworfen werden, da insbesondere die Einteilung der Verkehrsbezirke zu grobmaschig ist und keine Trennung von durch das Geschwister-Scholl- Gymnasium implizierten Wegen und denen Dritter vorgenommen werden konnte. Zudem konnte nicht abschließend bewertet werden, inwiefern die Mobilgeräte der Schüler: innen während der Schulzeit im Flugmodus verwendet oder ausgeschaltet werden und dann keinen zurückgelegten Weg liefern. Zur Ermittlung der komplexen Rahmenbedingungen der Stundenplanung werden Experten- Methodik Momentan befindet sich das Projekt in der Bestandsanalyse und Ermittlung der Rahmenbedingungen. Es bedarf zunächst belastbarerer Aussagen zur Ist-Situation, wie beispielsweise das Mobilitätsverhalten der Schüler: innen ist und welche Mobilitätsbedürfnisse bestehen. In diesem ersten Schritt wird das eigentliche Ziel der flexiblen Schulanfangs- und -endzeiten zunächst nur am Rande betrachtet. Die Integration dieser Thematik wird im nächsten Projektschritt vollzogen werden. Hierfür wird als Erhebungsmethode eine Mobilitätsbefragung gewählt, bei der im Vergleich zur klassischen Verkehrszählung auch Beweggründe, persönliche Meinungen und individuelle Verhaltensmuster erfasst werden können. Die erste Befragung fand am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Stuttgart-Sillenbuch statt, welches gleichzeitig als Partner- und Modellschule im Projekt beteiligt ist. Hier wurde durch die gute Zusammenarbeit eine Vollbefragung aller Schulangehörigen in allen Klassenstufen durchgeführt und es konnten nach Plausibilisierung und Datenkontrolle insgesamt 689 Datensätze in die Auswertung einfließen. Weitere Erhebungen zur Kalibrierung der Daten wurden am Wilhelms- Gymnasium in Stuttgart-Degerloch und am Bild 1: Versuchsaufbau der Mobilitätsbefragung am Geschwister-Scholl- Gymnasium. An zwei Tagen wurden alle Schüler: innen durch die Forschenden der HFT Stuttgart befragt. Bildquelle: HFT Stuttgart, Dreher. PRAXIS + PROJEKTE Schulwege 24 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0039 % gehen zu Fuß, 15 % fahren Bus und 9 % nutzen die Bahn. Der MIV- Anteil beträgt 4 %. Bei schlechtem Wetter sinkt der Fahrradanteil auf 33 %, während Bus (28 %), Fußverkehr (21 %) und MIV (7 %) zunehmen. Insgesamt bleiben aktive und umweltfreundliche Verkehrsmittel (> 92 %) dominant. Die vergleichsweise geringe, aber bei ungüns tigen Bedin gungen ans teigende Nut zung des MIV wurde in der Befragung überwiegend mit der Mitfahrt auf dem Arbeitsweg der Eltern (24 %), mit Bahnproblemen (24 %) sowie ebenfalls dem schlechten Wetter (27 %) begründet, was die auftretenden Differenzen im Modal Split unterstreicht. Diese wetterbeding ten Verschiebungen zeigen sich jedoch nicht in allen Stadtteilen gleichermaßen. Innerhalb des Stadtbezirks Sillenbuch etwa ist ein starker Modal-Shift erkennbar: Bei schlechtem Wetter steigen dort die ÖPNV-Anteile deutlich an, während in Außenbezirken mit längeren Distanzen ohnehin wetterunabhängiger MIV bz w. ÖPNV dominieren. Dabei zeigt sich jedoch in einigen Stadtteilen eine Diskrepanz zwischen Ticketbesitz für den ÖPNV und tatsächlicher Nutzung: So konnte in einem Stadtteil trotz 100 -prozentigen Aboticketbesitzes ein hoher Anteil an MIV-Nutzung festgestellt werden, was auf subjektive Faktoren wie Komfort oder mangelnde ÖPNV-Qualität hinweisen kann. Abb 4 Räumliche Verortung.png Bild 4: Räumlich eingeordnete Umfrageergebnisse zur Verkehrsmittelwahl. Dargestellt ist der nahe Einzug sbereich der Schule, in dem die Mehrzahl der Schüler: innen wohnen. HFT Stuttgart: Bödefeld, Jurisic Schlussfolgerungen aus den Determinanten Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zeigen deutlich, dass die Verkehrsmittelwahl von Schülerinnen und Schülern ein vielschichtiges Zusammenspiel aus individuellen Präferenzen, infrastrukturellen Gegebenheiten, sozialen Rahmenbedingungen sowie externen Faktoren wie Wetter oder Fahrkartenverfügbarkeit darstellt. Besonders auffällig ist die hohe Relevanz des Wetters etwa 930 Schüler: innen, die das Geschwister-Scholl-Gymnasium besuchen, entspricht dies einer Beteiligung von etwa 74 %. Auf Grundlage dessen kann die Umfrage als repräsentativ für diese Bildungseinrichtung bewer tet werden. Durch die Abfrage des gewählten Verkehrsmittels und die Zuordnung zum Wohnstandort konnte mittels eines Verkehrsmodells die zugehörige Luftliniendistanz ermittelt werden. Die Boxplot- Diagramme in Bild 2 zeigen die ermittelten Entfernungsgrenzen der Verkehrsmittelwahl für das Geschwister-Scholl-Gymnasium. Es zeig t sich eine deutliche Abhängigkeit des gewählten Verkehrsmittels abhängig von der Luftliniendistanz. Aktive Mobilitätsformen wie Gehen und Fahrradfahren werden vor allem dann gewählt, wenn die Luftliniendistanz gering ist. Der ÖPNV und der MIV werden dagegen vor allem dann bevorzugt, wenn längere Distanzen zurück zulegen sind. Dies unterstreicht, dass die Verkehrsmittelwahl zunächst stark von harten Faktoren wie Entfernungen und räumlichen Randbedingungen abhängig ist. Zudem konnte gezeigt werden, dass sich der Besitz eines Fahrrads oder einer ÖPNV-Abokarte jeweils positiv auf die Nutzung des entsprechenden Verkehrsmittels auswirkt. Besonders der Fahrradbesitz spielt bei kürzeren Distanzen innerhalb Sillenbuchs eine entscheidende Rolle, während Abotickets vor allem bei längeren Schulwegen zur erhöhten Nutzung des ÖPNV führen. Als weitere relevante Determinante der Verkehrsmittelwahl konnte der Einfluss des Wetters identifiziert werden, dessen Einfluss auf den Modal Split in Bild 3 dargestellt ist. Bei gutem Wetter nutzen 55 % der Schüler: innen das Fahrrad, 17 Bild 2: Entfernungsgrenzen der Verkehrsmittelwahl am GSG. Bildquelle: HFT Stuttgart. Bödefeld, Jurisic. Bild 3: Modal Split der Schüler: innen bei gutem und schlechtem Wetter. Bildquelle: HFT Stuttgart. Bödefeld, Jurisic PRAXIS + PROJEKTE Schulwege 25 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0039 tagspraktikabilität. Die Schulwege von heute sind ein entscheidender Wegweiser für die Verkehrswende von morgen. Ausblick Mit Blick auf die eingangs dargelegten Zielsetzungen flexibler Schulanfangs- und endzeiten spielen diese Erkenntnisse eine wichtige Rolle für die weitere Vorgehensweise im Projekt. Als relevante Eingangsgröße für das Verkehrsmittelwahlverhalten können diese Determinanten die Grundlage für die weitere Arbeit bilden. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zeigen, dass sich insbesondere in den Stoßzeiten zur ersten Schulstunde nicht nur das Verkehrsaufkommen im Umfeld des Geschwister-Scholl- Gymnasiums stark verdichtet, sondern auch die Unfallgefahr erhöht. Die schulorganisatorische Maßnahme einer gestaffelten oder flexibleren Anfangszeit könnte hier Abhilfe schaffen. Durch die zeitliche Ent zerrung des morgendlichen Mobilit ät sbedar f s könnte nicht nur das Verkehrsauf kommen gesenkt, sondern auch die Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel attraktiver gemacht werden, etwa weil die Zuverlässigkeit von Bus und Bahn steigt oder mehr Zeit für den Fahrrad- oder Fußweg zur Verfügung steht. Zudem bietet eine solche Flexibilisierung Spielräume für individualisierte Bildungsangebote - etwa durch Lernzeitmodelle oder offene Anfangsphasen - und kann gleichzeitig zur Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit von Jugendlichen beitragen, wie es auch aus schlafmedizinischen Studien bekannt ist. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse empfiehlt es sich, die Diskussion um Mobilitätsverhalten von Schülerinnen und Schüsozialverträgliche ÖPNV-Angebote ausgebaut und bestehende Tarifsysteme auf ihre Eignung für Schüler: innen überprüft werden. Darüber hinaus kann die systematische Einbindung von Eltern in die schulische Mobilitätsentwicklung - etwa durch Informationsveranstaltungen oder Mitwirkung bei Schulwegplänen - einen entscheidenden Beitrag zur Reduktion des „Elterntaxi“-Verkehrs leisten. Für die Forschung eröffnet die Studie Anschlussmöglichkeiten in mehreren Richtungen: Einerseits sollte die längerfristige Wirkung infrastruktureller Maßnahmen auf den Modal Split beobachtet und evaluiert werden. Andererseits wäre eine Ausweitung der Methodik auf andere Schulen und Stadtteile sinnvoll, um standortspezifische Muster zu identifizieren und stadtweite Handlungsempfehlungen zu formulieren. Eine Integration der hier gewonnenen Erkenntnisse in das Prognosemodell „EMO4iCity “ verspricht zudem eine datenbasierte Weiterentwicklung kommunaler Mobilitätsstrategien im Kontext von Nachhaltigkeit, Sicherheit und Allfür den Modal Split, insbesondere was die Nutzung des Fahrrads oder das Zufußgehen betrifft. Die im Vergleich zur stadtweiten Erhebung der Landeshauptstadt Stuttgart überdurchschnittlich hohe Fahrradnutzung am Geschwister-Scholl-Gymnasium lässt vermuten, dass gute infrastrukturelle und topografische Voraussetzungen sowie schulbezogene Maßnahmen (z. B. Fahrradständer, Bewusstseinsbildung) die Verkehrsmittelwahl positiv beeinflussen können. Gleichzeitig macht die hohe wetterbedingte Variabilität deutlich, dass nachhaltige Mobilitätsentscheidungen nicht isoliert, sondern im Kontext von Alltagsrealitäten der Familien zu verstehen sind. Für die kommunale Verkehrsplanung und schulische Mobilitätsbildung ergeben sich daraus konkrete Handlungsperspektiven: Eine weitere Förderung des Radverkehrs durch sichere, durchgängige Radwege sowie witterungsgeschützte Abstellmöglichkeiten könnte die bereits hohe Bereitschaft zur aktiven Mobilität stabilisieren. Parallel sollten flexible, Bild 4: Räumlich eingeordnete Umfrageergebnisse zur Verkehrsmittelwahl. Dargestellt ist der nahe Einzugsbereich der Schule, in dem die Mehrzahl der Schüler: innen wohnen. HFT Stuttgart: Bödefeld, Jurisic. PRAXIS + PROJEKTE Schulwege 26 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0039 lern nicht losgelöst von schulorganisatorischen Strukturen zu führen. Eine koordinierte Abstimmung zwischen Verkehrsplanung, Schulleitung und Bildungspolitik ist erforderlich, um die Potenziale flexibler Schulzeitmodelle sowohl für die individuelle Lebensqualität als auch für übergeordnete Nachhaltigkeitsziele systematisch zu erschließen. LITERATUR Bödefeld, F., Jurisic, S. (2025): Determinanten der Verkehrsmittelwahl von Schülerinnen und Schülern für den Ausbildungsweg. Masterthesis im Studiengang Verkehrsinfrastrukturmanagement an der Hochschule für Technik Stuttgart (unveröffentlicht). Nobis, C.; Kuhnimhof, T. (2018): Mobilität in Deutschland - MiD Ergebnisbericht. Studie von infas, DLR, IVT und infas 360 im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (FE-Nr. 70.904/ 15). Bonn, Berlin. Eingangsabbildung: © iStock.com/ Animaflora Das Projekt „i_city: Intelligente Stadt “ wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMF TR) unter dem Förderkennzeichen 13FH9I- 01lA gefördert und vom Projektträger VDI Technologiezentrum GmbH für das BMFTR betreut. Die Landeshauptstadt Stuttgart unterstützt das Projekt auch im Rahmen der Projektverlängerung weiterhin mit zusätzlichen Fördermitteln und ermöglicht so die Fortführung der Forschungsarbeiten. PROJEKT „i_city AUTOR: INNEN Dennis Dreher, M. Eng., Akademischer Mitarbeiter und Teamleitung MoVe dennis.dreher@hft-stuttgart.de Chantal Ehling, B. Eng., Mitarbeiterin MoVe, Hochschule für Technik Stuttgart Marie Kochendörfer, B. Eng., Mitarbeiterin MoVe, Hochschule für Technik Stuttgart Lynn Mosesku, M. Sc., Akademische Mitarbeiterin MoVe, Hochschule für Technik Stuttgart Prof. Dr.-Ing. Lutz Gaspers, Professor für Verkehrsplanung und Sprecher MoVe lutz.gaspers@hft-stuttgart.de PRAXIS + PROJEKTE Schulwege 27 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0039
