Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0040
tc102/tc102.pdf0811
2025
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Räumlicher Entwicklungsplan des energetischen Wandels
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Dagmar Everding
Michael Momberg
Der Klima-Gestaltungsplan Stadt und Landkreis Nordhausen zeigt als Räumlicher Entwicklungsplan wie erneuerbare Energieanlagen, die einen wachsenden Einfluss auf die Landschaft ausüben, mit Hilfe eines Gestaltungskonzeptes in diese integriert werden können. Dabei werden auch die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landschaft und das Leben in den Orten einbezogen. Die ermittelten Dimensionen der Flächenbedarfe für erneuerbare Energien verdeutlichen den Bedarf an gestaltender Integration in den städtischen Raum und die Landschaft und eine qualifizierte Stadt- und Landschaftsplanung, um die Belange von Naturschutz und Landschaftspflege zu berücksichtigen. Der Klimagestaltungsplan ermittelt die möglichen Beiträge der einzelnen Energiearten. Für ausgesuchte Ortschaften werden anhand von Beispielen die Einbindung von Windparks, die Gestaltung von Ortsrändern mittels Biomasse-Plantagen, die Erosionsvermeidung, ein grünsolarer Stadtumbau und die Nutzung von stehenden Gewässern für schwimmende PV-Anlagen gezeigt
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Räumlicher Entwicklungsplan des energetischen Wandels Klimawandel, erneuerbare Energie, Verschattung, Windkraft, Biomasse, Photovoltaik Dagmar Everding, Michael Momberg Der Klima-Gestaltungsplan Stadt und Landkreis Nordhausen zeigt als Räumlicher Entwicklungsplan wie erneuerbare Energieanlagen, die einen wachsenden Einfluss auf die Landschaft ausüben, mit Hilfe eines Gestaltungskonzeptes in diese integriert werden können. Dabei werden auch die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landschaft und das Leben in den Orten einbezogen. Die ermittelten Dimensionen der Flächenbedarfe für erneuerbare Energien verdeutlichen den Bedarf an gestaltender Integration in den städtischen Raum und die Landschaft und eine qualifizierte Stadt- und Landschaftsplanung, um die Belange von Naturschutz und Landschaftspflege zu berücksichtigen. Der Klimagestaltungsplan ermittelt die möglichen Beiträge der einzelnen Energiearten. Für ausgesuchte Ortschaften werden anhand von Beispielen die Einbindung von Windparks, die Gestaltung von Ortsrändern mittels Biomasse-Plantagen, die Erosionsvermeidung, ein grünsolarer Stadtumbau und die Nutzung von stehenden Gewässern für schwimmende PV-Anlagen gezeigt Im Forschungsprojekt „Klima-Gestaltungsplan“ erarbeiteten die Hochschule Nordhausen, ThINK ( Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz) und die Hochschule Eberswalde für den Landkreis Nordhausen im Südharz u. a. einen Räumlichen Entwicklungsplan, der die für die Klimaneutralität des Landkreises im Jahr 2050 berechneten erneuerbaren Energieanlagen (EE) in ein räumlich konkretisiertes Gestaltungskonzept integriert. Bei den EE haben insbesondere die Windenergieanlagen (WEA) und die zunehmende Nutzung von Biomasse einen wachsenden Einfluss auf 28 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0040 der Kaltluftentstehungsgebiete und Kaltluftleitbahnen der erosionsgefährdeten Flächen sowie des Handlungsbedar fs zum Waldumbau Planungsziele für erneuerbare Energieanlagen Den Planungszielen des Klima- Gestaltungsplans liegen die Ergebnisse zweier raumbedeutsamer Szenarien, der Energieeinsparung und des Ausbaus erneuerbarer Energien bis zum Jahr 2050 zugrunde. Es wurden die folgenden Flächenbedarfe für die Erzeugung von erneuerbaren Energien, die zu einer klimaneutralen Versorgung des Landkreises führen, ermittelt: 556 Hektar Vorranggebiete für Windkraftanlagen (gegenüber vorhandene 287 ha in 2020) 210 Hektar Photovoltaikflächen auf Dächern (gegenüber vorhandene 16 ha in 2020) 430 Hektar Freiflächen bzw. Wasserflächen für Photovoltaik (gegenüber vorhandene 75 ha in 2020) 7.700 Hektar Anbauflächen für Energiepflanzen ( gegenüber vorhandene 6.600 ha in 2020) Die genannten Dimensionen (12,5 Prozent der Landkreisfläche für die EE-Gewinnung) verdeutlichen, wie wichtig ergänzende Maßnahmen zur räumlichen Gestaltung und zur Integration der Anlagen in das Stadt- und Landschaftsbild sind. Deshalb enthält der Klima-Gestaltungsplan entsprechende Gestaltungsleitlinien sowie eine Solardach-Gestaltungsfibel. Durch eine neue gesetzliche Vorgabe für die Raumordnung, das Wind-an-Land- Gesetz von 2022, dürften sich die Flächenbedarfe der Erneuerbare-Energie- Anlagen verschieben. Die Vorranggebiete für die Windkraft würden sich mehr als verdoppeln, so dass für das Ziel der Klimaneutralität beim Strom bedeutend weniger Freibzw. Wasserflächen für die Photovoltaik benötigt würden. 500 ha zusätzliche Windkraft-Vorranggebiete bringen zusätzlich 479 Gigawattstunden Strom p. a. und könnten 526 ha Photovoltaik auf-Freibzw. Wasserflächen ersetzen. Bedeutung der Landschaftspläne für die naturschutzrechtliche Kompensation bei der Genehmigung von Windkraftanlagen Die räumliche Planung erneuerbarer Energieanlagen soll sich an den Bedürfnissen der Bevölkerung vor Ort und an den allgemeingültigen Regeln der Gestaltung orientieren, also auch landschaftstypische Strukturen und Elemente berücksichtigen. Deshalb sieht der Klima-Gestaltungsplan vor, dass naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahmen genutzt werden, um Landschaftsqualitäten neu zu schaffen. Die Finanzierung der landschaftsgestalterischen Maßnahmen durch Landschaftsgrün könnte kombiniert über die naturschutzrechtliche Eingriffsregelung (auch als Produktionsintegrierte Kompensationsmaßnahmen (PIK)) und über das Greening in der EU-Agrarförderung gewährleistet werden. Voraussetzung für diese Strategie ist eine qualifizierte Landschaftsplanung, die gewährleistet, dass die Belange von Naturschutz und L andschaf tspflege in der räumlichen Gesamtplanung und in den Fachplanungen adäquat berücksichtigt werden. Die Restrukturierung und Neugestaltung der Agrarlandschaft mit Landschaftsgehölzen unter Beteiligung der Kommunen, der Flächeneigentümer und der Landwirtschaftsverbände dient der Erhöhung der Biodiversität und der Erholungsfunktion der Landschaft. Sie verdie Landschaftsentwicklung und die Ortsbilder. Sie müssen deshalb als landschaftsgestaltende und ortsbildgestaltende Faktoren verstanden und beachtet werden. Eingebunden in das Projekt war ein interdisziplinär besetzter Gestaltungsbeirat. Grundlage der Planungen bilden die notwendigen Anpassungen an den K limawandel. Die Maßnahmen der Klimaanpassung im Räumlichen Entwicklungsplan beruhen auf Analysen der bereits nachgewiesenen klimatischen Veränderungen sowie von Klimaprojektionen in der Zukunft (Klimasignale). Die naturräumliche Gliederung des Landkreises mit seinen Hügelländern, den Flussauen und dem Übergang ins Mittelgebirge (Harz) erfordern eine differenzierte Betrachtung. Aus der Überlagerung der Klimasignale mit der Sensitivität der Betrachtungsräume werden Klimawirkungen (Betroffenheiten) bestimmt. Diese Klimawirkungen bilden den Ausgangspunkt für die Ableitung von Maßnahmen für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels, mit den S chwerpunk t themen Wärme belastung für die Bevölkerung, Trockenstress für das Stadtgrün, Trockenheit auf Waldflächen, Erosion durch Starkregen und Wasserknappheit auf Ackerflächen, Hochwassergefahren an Gewässern sowie Verschiebungen beim künftigen Heiz- und Kühlenergiebedarf. Der Räumliche Entwicklungsplan für die Stadt und den Landkreis Nordhausen als Bestandteil des Klima-Gestaltungsplans zeigt für den gesamten Landkreis die für das Jahr 2050 angestrebte räumliche Verortung der Fernwärmeversorgung der erneuerbaren Energiegewinnung des gestalterisch wirksamen Energiepflanzenanbaus PRAXIS + PROJEKTE Räumlicher Entwicklungsplan 29 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0040 Ortsrändern zur ( Teil-)Sichtverschattung. Energetische Beiträge der Biomassenutzung Innerhalb der Biomasse bilden, nach dem Energiebeitrag aufgereiht, Energiepflanzen auf landwir t schaf tlichen Nut z f lächen, Stroh, Wald- und Restholz sowie biogener Abfall die Schwergewichte der Potenziale. Der K lima - G es t altung splan geht davon aus, dass 20 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Landkreises Nordhausen für eine Energiegewinnung zur Verfügung gestellt werden können, ohne dass die Bedarfsdeckung für Futter- und Lebensmittel eingeschränkt wird. Im Landkreis wird auf etwa 50 % des Ackerlandes Getreide angebaut. Getreidestroh stellt eine weitere Energiequelle dar. Für die erneuerbare Wärmebedarfsdeckung im Landkreis bildet Energie aus Wald- und Restholz den aktuell dominierenden Beitrag. Biogener Abfall sind Grünabfälle incl. Baum- und Strauchschnitt aus Parks und Gärten, Straßenbegleitgrün, Hekken an Gewässern, Wegen und Feldrainen oder Waldrändern. Zu Speise- und Lebensmittelresten sowie Klärschlamm gibt es belastbare Statistiken der Abfallwirtschaftsbranche. Biomasse und biogener Abfall zusammen haben ein Potenzial von jährlich 660 Gigawattstunden für den Wärmesektor. Das Potenzial liegt um den Faktor 13 höher als der aktuelle Beitrag aus dieser Quelle. Der Energiepflanzenanbau auf Agrarflächen erfolgt effizient in Kurzumtriebsplantagen (KUPs) mit Pappel- und Weiden-Hybriden sowie Robinien und Schwarzerlen. KUPs werten durch Strukturierung der Landschaft das Landschaftsbild auf. Sie lassen sich auch für die Verwendung als Ortsrandgestaltung sowie die Sichtverschat- Beim weiteren Ausbau und beim Repowering der Windenergie wird die Aufstellung von Bebauungsplänen als not wendig erachtet. Nur so können landschaftsgestalterische Maßnahmen rechtsverbindlich festgesetzt werden, z. B. eine standortgerechte Bepflanzung von Wegen oder bessert gleichzeitig die Klimaresilienz der Landwirtschaft. Bei der Anlage von Flurgehölzen sollten integrativ auch die Ziele der Minderung von Wind- und Wassererosion sowie der Berücksichtigung von Frischluftbahnen für angrenzende Siedlungsbereiche verfolgt werden. Bild: Teilräumliche Vertiefung „Windpark Wipperdorf “ mit grafischer Erläuterung der möglichen Sichtverschattung (Grafik: Schmidt 2019) PRAXIS + PROJEKTE Räumlicher Entwicklungsplan 30 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0040 ikanlagen auf Dachflächen von Gewerbehallen und bei der Überdachung von größeren Parkplätzen. Erosionsvermeidung und PV-Freiflächenanlagen am Beispiel Werther Östlich der Ortslage Werther und der Bahntrasse nach Erfurt sowie südlich der Bundesautobahn 38 befinden sich großflächige, ackerbaulich genut z te Of fenlandflächen auf stark erosionsgefährdeten und kaum strukturierten Flächen. Erfahrungen mit flächigem Bodenabtrag und Beeinträchtigung der Infrastruktur (Autobahn) durch Sedimentablagerungen machen die Dringlichkeit von Maßnahmen deutlich. Die Ortsränder sind zum Großteil nicht oder nur unzureichend eingegrünt. Große Dachflächen gewerblich und landwirtschaftlich genutzter Gebäude stehen für die Installation von Photovoltaikanlagen zur Verfügung. Der Räumliche Entwicklungsplan leg t entlang der Eisen bahn- und Autobahntrassen die Standorte von Photovoltaik-Freiflächenanlagen fest. Ergänzend geplante Kurzumtriebsplantagen sorgen für deren gestalterische Einbindung und sollen für die Biomassegewinnung genutzt werden. Am Bahnhof im Ortsteil Werther soll eine Mobilitätsstation das Umsteigen von einem Verkehrsmittel auf ein anderes komfortabel gestalten und den Individualverkehr reduzieren. Grünsolarer Stadtumbau am Beispiel Nordhausen-Nord Die Plattenbausiedlung am nördlichen Rand der Stadt Nordhausen ist gemeinsam mit dem Südharzklinikum über die Straßenbahn an das ÖPNV-Netz sehr gut angebunden. Es existiert ein eigenes Fernwärmenetz. Um das Wohngebiet mit einem derzeit hohen Anteil älterer Bewohner auch für jüngere Bewohnergruppen attraktiv zu machen sowie Gebäudebestände und Freiflächen an moderne Anforderungen anzupassen, hat die Stadt Nordhausen gemeinsam mit der IBA Thüringen, der Städtischen Wohnungsgesellschaft (SWG) und der WBG Südharz einen Rahmenplan für den Umbau des Quartiers erstellen lassen. Dieser enthält folgende Vorhaben: Entsiegelung von Flächen und Sicherung des Kaltluftstroms in Richtung Nordhausen Pflege und Er weiterung des Großbaumbestandes, Ersatz entfallender Großbäume tung von industriellen Anlagen und Windenergieanlagen einsetzen. Lösungsbeispiele des Räumlichen Entwicklungsplans In thematischen Ver tiefungen stellt der Räumliche Entwicklungsplan auch kleinräumig dar, wie sich die in den gestalterischen Leitlinien formulierten Ziele zu einem integrativen Gestaltungskonzept verbinden lassen. Einige Lösungsbeispiele stellen wir kurz vor. Wipperdorf mit Windpark und schützenden Gehölzpflanzungen Der Windpark Wipperdorf/ Werther besteht heute aus neun Windkraftanlagen. Entsprechend des Ent wur f s des Regionalplanes Nordthüringen ist eine generelle Erweiterung der Vorranggebiete Windkraft vorgesehen. Die bestehenden Anlagen sind kaum durch Gehölzstruk turen verschattet. Dabei würden Gehölzpflanzungen an den betroffenen Ortsrändern zu einer besseren optischen Verträglichkeit und Integration der Windpropeller führen (Sicht- Verschattung). Die Landschaft um Wipperdor f ist of fen und wenig strukturiert. Insbesondere neu anzulegende Hecken und Baumreihen sollen die Landschaft gliedern, die Winderosion vermindern und, höhenlinienparallel angelegt, die Wassererosion auf den Flächen reduzieren. Die folgenden Abbildungen zeigen beispielhaft die Wirkung einer Sichtverschattung aus der jeweiligen Ortsrandsicht Für Wipperdorf und seinen Windpark-Vorrang gebiet stellt der Räumliche Entwicklungsplan die Bepflanzungen mit Kurzumtriebsplant agen dar, die der Sichtverschattung, der Ortsrand- Eingrünung und der Landschaftsstrukturierung dienen. Weitere regenerative Energiepotenziale bietet Wipperdorf für Photovolta- Bild: Auszug aus dem Räumlichen Entwicklungsplan, u. a. mit Darstellung für die Stadt Nordhausen relevanten Kaltluftströme PRAXIS + PROJEKTE Räumlicher Entwicklungsplan 31 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0040 meversorgungsgebiet soll um das Gebiet der historischen Altstadt erweitert werden. Darüber hinaus sind geplant: Pflicht zu Solardächern und/ oder gebäudeintegrierter Solarenergie im Neubau Überdachung öffentlicher Parkraumflächen mit PV-Modulen Ergänzung der vorhandenen PV-Dachanlagen um weitere Anlagen auf großen Dachflächen unter Beachtung der Solardach-Gestaltungsfibel Einrichtung von Mobilitätsstationen am Bahnhof und im Stadtzentrum Schaffen einer Radwegeverbindung nach Nordhausen Schwimmende Photovoltaik auf Kiesseen in der Goldenen Aue Auf dem Weg zu einem klimaneutralen Landkreis Nordhausen kann die Nutzung der großflächigen Kiesseen in der Goldenen Aue als Standorte für PV-Floatinganlagen einen Beitrag zur Erzeugung regenerativer Energie leisten. Voraussetzung hierfür ist, dass ein Kompromiss zwischen dem Naturschutz, der Wasserwirtschaft sowie dem Tourismus auf der einen und der Installation schwimmender technischer Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien auf der anderen Seite gefunden wird. Der Räumliche Entwicklungsplan sieht eine Nutzung von 50 Prozent der Potenzialflächen auf den Seen für Photovoltaik-Nutzung vor. In der Goldenen Aue werden weitere Auskiesungen erfolgen, die unter Einbeziehung des Bestands Potenzialflächen für Floating-PV von rund 800 ha mit sich bringen. Die Beschränkung der Floating- PV auf 50 Prozent der Potenzialflächen beruht auf der Abwägung mit Belangen des Naturschutzes, der Naherholung und des Tourismus. Der das Forschungsprojekt begleitende Gestaltungsbeirat empfiehlt, in einem Pilotprojekt bergbau hat Halden, Brachflächen und Rückstandsseen hinterlassen. Die Ackerflächen des Nordthüringer Hügellandes sind teilweise erosionsgefährdet. Der Bahnhof Bleicherode-Ost für den Regionalverkehr befindet sich in einer Randlage der Stadt. Der Räumliche Entwicklungsplan sieht für die Ackerflächen am Ortsrand die Anlage von Kurzumtriebsplantagen vor, die energetisch bewirtschaftet werden, die Erosionsgefahr vermindern und zur Gestaltung der Ortsränder beitragen. Entlang landwirtschaftlicher Wege und Straßen sollen Obstbaumalleen gepflanzt werden. Ackerflächen sollen durch Hecken gegliedert bzw. vor Winderosion geschützt werden. Leerstehende Fachwerkhäuser sollen zu größeren Einheiten zusammengefasst und überwiegend einer Wohnnutzung zugeführt werden. Im Gebiet der historischen Altstadt sollen Solaranlagen nur unter sorgfältiger Berücksichtigung des Stadtbildes zum Einsatz kommen. Bei anstehenden Gebäudesanierungen soll der Wärmebedarf auf 60 kWh/ (m² * a), im Bereich der historischen Altstadt auf 100 kWh/ (m² * a) gesenkt werden. Das bestehende Fernwär- Senkung des Wärmebedarfs von Gebäuden bei Sanierung auf 60 kW/ (m 2 * a) Ergänzung der vorhandenen PV-Dachanlagen um weitere Anlagen auf großen Dachflächen, tlw. kombiniert mit Dachbegrünungen Pflicht zu Solardächern und/ oder gebäudeintegrierter Solarenergie im Neubau Erweiterung des Fernwärmenetzes in das im Norden geplante Neubaugebiet Überdachung von Großparkplätzen mit Photovoltaikmodulen oder Solarkollektoren Ausbau der bestehenden E- Ladeinfrastruktur, ergänzt um Car-Sharing-Stellplätze Eingrünung der Ortsränder z. B. durch Streuobstwiesen Energetische Sanierung und Erosionsvermeidung am Beispiel der Stadt Bleicherode Die fast 900 Jahre alte Stadt Bleicherode (heute ca. 10.300 Einwohner) liegt an den Bleicheröder Bergen zwischen Harz, Hainleite und Goldener Aue. Die historische Altstadt mit ihren vielen Fachwerkhäusern steht unter Denkmalensemble-Schutz. Sie leidet unter Leerständen. Der Kali- Bild: Teilräumliche Vertiefung „Kiesseen in der Goldenen Aue“ mit Floating- PV-Flächen PRAXIS + PROJEKTE Räumlicher Entwicklungsplan 32 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0040 sation erfolgt nicht unbedingt am Ort des Eingriffs, sondern dient der Umsetzung des im Landschaftsplan enthaltenen Gestaltungskonzepts. Im Landkreis Nordhausen müssen erst noch Landschaftspläne aufgestellt werden, die sich der neuen Aufgabe der landschaftlichen Integration erneuerbarer Energien annehmen sollten. Die Aufnahme von Planungszielen des Klima-Gestaltungsplans in formelle Planverfahren von Flächennutzungs- und Landschaftsplänen bedeutet auch, dass im Rahmen der Bürgerbeteiligung und der Beteiligung der Träger öffentlicher Belange eine erneute Abwägung mit weiteren Bedürfnissen der Raum- und Flächenentwicklung erfolgen muss. Es ist unsere Hoffnung, dass nach Abschluss dieser Verfahren sich ein energetischer Wandel zu einem klimaneutralen Landkreis auf einer nachhaltigen Konsensbasis realisieren lässt. Eingangsabbildung: © Michael Momberg Entwicklungsplan, dessen Inhalte in die Abwägung formeller Planaufstellungen einfließen. Für die vorsorgliche Sicherung der Flächen für die Planungsziele zur Anpassung an den Klimawandel und zum Ausbau erneuerbarer Energien ist der Flächennutzungsplan von besonderer Bedeutung. Im Landkreis Nordhausen verfügen manche Kommunen noch nicht über einen solchen Plan, der ihre Flächennutzung steuert. Hier besteht dringender Nachholbedarf. Um einer ungeordneten Raumentwicklung beim Ausbau der erneuerbaren Energien entgegenzuwirken, ist es notwendig, in den Flächennutzungsplänen bedeutsame Flächen bzw. Standorte erneuerbarer Energieanlagen konkret festzulegen. Dies gilt auch für die Gebiete der geplanten Waldmehrung. Die für die Durchlüftung der Siedlungsräume wichtigen überörtlichen Luftleitbahnen, die hochwassergefährdeten Gebiete und Überschwemmungsgebiete sowie die erosionsgefährdeten Agrarbereiche sollten dargestellt und mit Planungshinweisen versehen werden. Für die schrittweise Realisierung der anzustrebenden Gehölzpflanzungen, seien es Kurzumtriebsplantagen, Hecken, Baumalleen oder Streuobstwiesen eignen sich die Landschaftspläne. Bei der Genehmigung von Erneuerbare-Energien-Anlagen im Landschaftsraum werden ökologische Kompensationen festgelegt, die sich für die Entwicklung der Gehölzstrukturen nutzen lassen, d. h. die Kompensowohl eine naturnahe Einbindung der Anlagen, z. B. in Schilfinseln, als auch künstlerische Inszenierungen mit touristischem Mehrwert zu erproben. Er schlägt hierfür die Durchführung eines Wettbewerbs vor. Schlussfolgerungen für das Instrument „Klima-Gestaltungsplan“ Um eine Kulturlandschaft mit Integration erneuerbarer Energien für einen klimaneutralen Landkreis zu planen, ist es notwendig, das Mengengerüst der EE-Anlagen zu ermitteln, und zwar differenziert nach Siedlungsraum und Landschaftsraum. Vor der Aufteilung zwischen Wind-, Solar- und Bioenergie müssen die Auswirkungen des Klimawandels und die hieraus folgenden räumlichen Flächenansprüche im Planungsgebiet herausgearbeitet werden. Im Fall des Landkreises Nordhausen ruft die wenig strukturierte erosionsgefährdete Agrarlandschaft nach einem Energiepflanzenanbau, der neben der Energiegewinnung zur Erosionsminderung und zur Raumgestaltung eingesetzt wird. Im Ergebnis soll eine mit linearen Gehölzstrukturen gestaltete Landschaftsstruktur entstehen, die in der Lage ist, neue technische Elemente der erneuerbaren Energien aufzunehmen, ohne dass diese die Kulturlandschaft in unangemessener Weise dominieren. Die im Klima-Gestaltungsplan erarbeiteten Grundlagen, Planungsziele und räumlichen Darstellungen dienen als informeller AUTOR: INNEN Dagmar Everding, Prof. Dr., Architektin und Planerin www.stadtluft.com everding@sweps.de Michael Momberg, Dipl. Volksw. mimomberg@gmx.de PRAXIS + PROJEKTE Räumlicher Entwicklungsplan 33 2 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0040
