Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0051
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Wie Städte dem Sommerfieber trotzen können
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Gregor Grassl
Der Sommer in Deutschland ist vorbei. Schon früh hatten Meteorologinnen und Meteorologen im Voraus vor Hitzewellen gewarnt. Zu Recht, wie sich zeigte. Besonders spürbar waren die hohen Temperaturen in den eng bebauten Innenstädten. Versiegelte Flächen und fehlender Schatten verstärkten die Hitze zusätzlich. Zahlreiche Städte und Kommunen arbeiten bereits an Lösungen, um sich besser gegen die zunehmenden heißen Tage zu wappnen. Orte wie Düren, Dormagen, Rastatt und der Landkreis Cochem-Zell zeigen beispielhaft, wie sich entsprechende Maßnahmen erfolgreich umsetzen lassen.
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Wie Städte dem Sommerfieber trotzen können Hitze, Klimaanpassung, Begrünung, Stadtentwicklung, Praxisbeispiele Gregor Grassl Der Sommer in Deutschland ist vorbei. Schon früh hatten Meteorologinnen und Meteorologen im Voraus vor Hitzewellen gewarnt. Zu Recht, wie sich zeigte. Besonders spürbar waren die hohen Temperaturen in den eng bebauten Innenstädten. Versiegelte Flächen und fehlender Schatten verstärkten die Hitze zusätzlich. Zahlreiche Städte und Kommunen arbeiten bereits an Lösungen, um sich besser gegen die zunehmenden heißen Tage zu wappnen. Orte wie Düren, Dormagen, Rastatt und der Landkreis Cochem- Zell zeigen beispielhaft, wie sich entsprechende Maßnahmen erfolgreich umsetzen lassen. Beton brechen und Schatten säen Die sommerliche Hitze in deutschen Städten hat sich längst zu einer ernstzunehmenden Belastung entwickelt. Asphaltflächen speichern Wärme, die Luf t zirkulation ist eingeschränkt, und die Temperaturen steigen auf gesundheitlich bedenkliche Werte. Der Klimawandel verschärft die negati ven Ent wicklungen: Immer häufiger treten extreme Hitzewellen auf, die nicht nur die Lebensqualität der Menschen beeinträchtigen, sondern auch die städtische Infrastruktur an ihre Grenzen bringen. Die gute Nachricht: Städte und Kommunen können handeln. Das erfolgt beispielsweise dadurch, Dächer und Fassaden gezielt zu begrünen, Flächen zu entsiegeln und schattige Aufenthaltsorte zu schaffen. Mit durchdachten Konzepten und Strategien haben Städte die Chance, die Hitze zu mildern, das Mikroklima zu verbessern und den öffentlichen Raum wieder lebenswerter zu machen. Von der Theorie zur Umsetzung: Düren, Dormagen, Rastatt Wie das in der Praxis gelingen kann, zeigen bereits verschiedene Beispiele aus den Städten Düren, Dormagen und Rastatt. Drees & Sommer, ein auf Bau, Immobilien 4 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0051 Jeder kann etwas bewegen Die Erfahrungen aus den Städten und Gemeinden zeigen: Es bewegt sich bereits einiges in Sachen Klimaanpassung. Damit auch andere Kommunen wirksam auf die zunehmende Hitzebelastung in den Sommermonaten reagieren können, gibt es wichtige Empfehlungen, die die Expertinnen und Experten von Drees & Sommer auf Basis ihrer Arbeit aus diesen und weiteren Klimaanpassungsprojekten formuliert haben: 1. Schattenspender bereitstellen Eine der wirkungsvollsten und zugleich kostengünstigsten Maßnahmen, um die Hitze in Städten zu mindern, ist das Schaffen von Schatten durch Bäume oder bauliche Verschattungselemente. Selbst einfache Lösungen wie überdachte Haltes tellen oder schattige Sitzgelegenheiten tragen dazu bei, die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum deutlich zu verbessern und die Menschen bei hohen Temperaturen zu entlasten. Bäume übernehmen dabei eine zentrale Funktion: Sie spenden nicht nur Schatten, sondern kühlen durch die Verdunstung von Wasser aktiv die Umgebungsluft. Gleichzeitig binden sie Kohlendioxid und Schadstoffe, produzieren Sauerstoff und verbessern so nachhaltig die Luftqualität. In der Stadt Rastatt beispielsweise tragen rund 1.000 neu gepflanzte Bäume dazu bei, die Stadt im Sommer spürbar abzukühlen. 2. Fassaden begrünen, Böden entsiegeln Es macht sich nicht nur bewährt, Bäume im Kampf gegen die Hitze zu pflanzen, sondern auch bestehende versiegelte Böden aufzubrechen. Das verbessert das Mikroklima spürbar. Der Grund liegt darin, dass der Asphalt sich stark aufheizt und kein Regenwasser versickern lässt. Eine gute Alternative für die geteerten Böden stellen beispielsweise Kiesflächen oder Rasengittersteine dar, wie man sie etwa in Biergärten oder auf Parkplätzen findet. Die Materialien speichern weniger Wärme, lassen Wasser durch und kosten oft weniger als herkömmlicher Asphalt. Gezielte Begrünung - und damit ist nicht nur das Pflanzen neuer Bäume gedacht - wirkt direkt gegen die Hitze. Grünstreifen und bepflanzte Fassaden senken beispielsweise die Umgebungstemperatur, filtern Schadstoffe aus der Luft und schaffen angenehme Aufenthaltsorte. Weil solche Maßnahmen oft zeitintensiv sind, setzen vereinzelte Städte zusätzlich auf kurzfristige Lösungen. In und Infrastruktur spezialisiertes Beratungsunternehmen, hat für sie bereits jeweils ein eigenes Klimaanpassungskonzept entwickelt. In Dormagen lag der Fokus darauf, dichte Betonflächen aufzubrechen und die Größe sowie die Menge an Versickerungsflächen auszubauen, insbesondere auf Schulhöfen und öffentlichen Plätzen. Der Kreis Düren setzte zusätzlich darauf, ehemalige Tagebauflächen großzügig zu renaturieren. Dazu pflanzte die Stadt rund 30 0.0 0 0 klimaresistente Bäume. i Infolge eines Temperaturanstiegs von rund drei Grad seit 1960 und häufigerer Hitzeperioden hat Rastatt wiederum zehn prioritäre Maßnahmen zur Klimaanpassung definiert, die sie innerhalb von fünf Jahren umsetzen will. Aufbauend auf ihrer langjährigen Klimaschutzstrategie - Rastatt war 1994 eine der ersten Städte mit einem Klimaschutzkonzept - verfolgt die Stadt weiterhin das Ziel, im Jahr 2035 klimaneutral zu sein. Klimaanpassung in Cochem-Zell Aktuell arbeitet das Team von Drees & Sommer im Landkreis Cochem-Zell, knapp eine Stunde vom Ahrtal entfernt, an einem K limaanpassungskonzept. Die Region liegt direkt an der Mosel und spürt die Folgen des Klimawandels schon seit Jahren. In der vom Expertenteam durchgeführten Betroffenheitsanalyse der Region zeigte sich schon früh: In Cochem-Zell nimmt die Häufigkeit von Extremwetterereignissen wie Hitze, Trockenheit und daraus resultierend Waldbränden künftig deutlich zu. Die Durchschnittstemperatur in der Region ist um bis zu 1,8 Grad gestiegen, frostige Nächte werden zur Ausnahme, und 2024 verzeichnete das Weinanbaugebiet Mosel die geringste Ernte seit Jahrzehnten. ii Bild 1: Fassadenbegrünung am Gebäude OWP12 bei Drees & Sommer in Stuttgart © Jürgen Pollak PRAXIS + PROJEKTE Lösungen 5 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0051 Eine gute Alternative stellen auch bestehende Systeme dar: Fußbodenheizungen können im Sommer leicht als Kühlflächen dienen. Dabei kühlt ein Wasserkreislauf nachts ab und transportiert die Wärme aus dem Innenraum nach außen. Deckenflächen lassen sich ebenfalls zur Kühlung einsetzen. Auf Quartiersebene bieten Low- Energy-Netze eine besonders effiziente Lösung. Sie ermöglichen sowohl das Heizen als auch das Kühlen mit demselben System. Im Sommer kühlt das Wasser die Gebäude und speichert dabei Wärme. Im Winter nutzt das System die gespeicherte Wärme zum Heizen. So kann sich die Energiebilanz im Sommer im besten Fall sogar verbessern. 5. Hoch hinaus statt breit gefächert bauen Um Städte widerstandsfähiger gegen Hitze zu machen, lohnt sich oft der Blick nach oben: Vertikale Bauweisen bieten große Vorteile für das Stadtklima. Hochhäuser werfen Schatten aufeinander und verhindern so, dass sich Wohnungen übermäßig aufheizen. Damit der Effekt greift, dürfen die Fensterflächen höchstens 40 Prozent der Fassade einnehmen. Gebäude mit großflächiger Verglasung hingegen treiben den Energieverbrauch in die Höhe, sowohl im Sommer als auch im Winter. Das liegt daran, dass Glas schlecht dämmt und Hitze sowie Kälte ungehindert passieren lässt. Ein weiterer Pluspunkt von Hochhäusern: Die Bauten wirbeln die Luft auf und erzeugen Aufwinde. Diese Strömungen verbessern die Belüftung ganzer Stadtviertel. Richtig platziert, kühlen sie die Umgebung spürbar ab. Das lässt sich mit einem Fluss vergleichen, der nicht nur durch sein Wasser, sondern auch durch seine Bewegung frische Luft in die Stadt bringt. 4. Intelligent kühlen Um es im Sommer möglichst kühl in den eigenen vier Wänden zu haben, setzen viele Menschen auf Klimaanlagen. Was dabei kaum einer weiß: Klimaanlagen wie Splitgeräte etwa arbeiten genau dann, wenn die Hitze am stärksten ist. Während sie Innenräume kühlen, blasen sie gleichzeitig warme Luft nach draußen. Damit heizen sie die Umgebung zusätzlich auf. Es entsteht ein Teufelskreis: Je mehr gekühlt wird, desto mehr Abwärme entsteht und desto stärker steigen die Temperaturen im Aufenthaltsgebiet. Ef fek tiver und nachhaltiger kühlen hingegen Gebäude mit Low-Tech-Systemen. Sie nutzen die Speichermasse im Baukörper, um nachts mit kühler Außenluft Wärme abzuführen. Tagsüber bleiben Fenster und Türen geschlossen, damit die Hitze draußen bleibt. Funktioniert dieses Prinzip wegen zu hoher Nachttemperaturen nicht mehr, müssen Planer Gebäude energetisch sanieren und an den Klimawandel anpassen. Auch Geothermie, also die Wärmegewinnung durch Bohrungen im Boden, lässt sich im Übrigen nicht nur zum Heizen, sondern ebenso zum Kühlen einsetzen. Dormagen installierte die Stadt zum Beispiel Trinkwasserbrunnen an belebten Orten. Sie helfen den Menschen, sich bei Hitze zu erfrischen, und beugen gesundheitlichen Problemen vor. 3. Helle Materialien und mehr Grünflächen kühlen Städte effektiv Neben zusätzlichen Grünflächen helfen helle, reflektierende Materialien dabei, Städte an heißen Tagen spürbar abzukühlen. Sie reflektieren die kurzwellige Sonneneinstrahlung, anstatt sie aufzunehmen, und verhindern so, dass sich Oberflächen stark aufheizen. Fachleute bezeichnen das als Albedo-Effekt. Besonders in dicht bebauten Stadtgebieten mit großen Dachflächen zeigt dieser seine volle Wirkung. Helle Betonflächen, Pflasterbeläge aus Naturstein oder Beton sowie schottergebundene Decken eignen sich besonders gut. Wer raue, poröse Materialien mit hellen Farben kombiniert, senkt die Oberflächentemperatur zusätzlich und erhöht gleichzeitig die thermische Speicherkapazität. Auch im Nachhinein lässt sich der Effekt nutzen, indem eine helle Beschichtung bestehende Oberflächen aufhellt und so zur Hitzeminderung beitragen kann. Bild 2: Begrünung in Städten. Federico Rostagno © gettyimages.com PRAXIS + PROJEKTE Lösungen 6 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0051 tere Schritte vor und planen deren Umsetzung. iii Am 15. Mai 2025 startete ein neues Förderfenster im Rahmen des KAnG. Es unterstützte gezielt die Entwicklung und Umsetzung kommunaler Klimaanpassungskonzepte. Städte und Gemeinden konnten bis zum 15. August 2025 Förderanträge einreichen und damit ihre lokalen Strategien stärken. ENDNOTEN i https: / / www.dreso.com/ de/ unternehmen-2/ presse/ presseinformationen/ details/ hot-spot-stadtentwicklungdrees-sommer-begleitet-klimaanpassungskonzepte-in-dueren-unddormagen-1 ii https: / / www.dreso.com/ de/ unternehmen-2/ presse/ presseinformationen/ details/ klimafit-in-die-zukunft-dreessommer-unterstuetzt-den-landkreis-cochem-zell-bei-der-anpassung-an-extremwetter iii https: / / www.umweltbundesamt. de/ presse/ pressemitteilungen/ mehrheit-der-deutschen-staedtegemeinden-stellt Eingangsabbildung: Hitze in Städten © AI generated Klimawandel auf politischer Ebene Angesichts der zunehmenden Klimarisiken siedelt sich das Thema Klimawandel und -schutz auch immer stärker auf Bundesebene an. Seit Juli 2024 schafft das Klimaanpassungsgesetz (K AnG) klare Vorgaben: Es verpflichtet die Bundesländer, eigene Strategien zur Anpassung an den Klimawandel zu entwickeln. Gleichzeitig fordert es die Kommunen auf, entsprechende Konzepte zu erarbeiten und aktiv umzusetzen. V iele Kommunen reagieren bereits: Laut einer Umfrage im Auftrag des Umweltbundesamts (UBA) haben über 40 Prozent konkrete Maßnahmen zur Klimaanpassung bereits realisiert. Fast ebenso viele bereiten derzeit wei- AUTOR: INNEN Gregor Grassl, Associate Partner und Leiter für grüne Stadtentwicklung beim auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisierten Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE mit Hauptsitz in Stuttgart. Anzeige So gut kann Regenwassermanagement aussehen! Als wirkungsvolle Maßnahme gegen die Folgen von Starkregenereignissen haben Sie das Wasser mit diesem funktionalen Systemaufbau als kontrolliertem Zwischenspeicher komfortabel im Griff - und das versteckt unter einem tollen Gründach. Regenwasserbremse für die Kanalisationsnetze in unseren Städten! Wasserrückhalt dank Retentions-Gründach! Tel: 07022 9060-600 www.zinco.de/ systeme/ retentions-gruendach PRAXIS + PROJEKTE Lösungen DOI: 10.24053/ TC-2025-0051
