Transforming Cities
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2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0058
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Trinkbrunnen – Wasser ist (k)ein Luxusgut.
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Die zunehmenden Hitzewellen treffen vor allem den urbanen Raum erheblich und fordern jährlich tausende Hitzetote. Trinkbrunnen sind ein wichtiger Baustein in den Klimaanpassungskonzepten von Städten. Sie erfüllen nicht nur eine technische Funktion zur Prävention und Linderung hitzebedingter Krankheiten, sondern können auch einen Beitrag zur Umweltgerechtigkeit und Reduktion von Plastikmüll leisten. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Status quo der Umsetzung in deutschen Großstädten und gibt Handlungsempfehlungen an Kommunen.
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Trinkbrunnen - Wasser ist (k)ein Luxusgut. Analysen und Empfehlungen zu Trinkbrunnen im urbanen öffentlichen Raum Trinkbrunnen, Klimawandelanpassung, Hitzemanagement, Vulnerable Gruppen, Wasser, Öffentlicher Raum Lotta Steger Die zunehmenden Hitzewellen treffen vor allem den urbanen Raum erheblich und fordern jährlich tausende Hitzetote. Trinkbrunnen sind ein wichtiger Baustein in den Klimaanpassungskonzepten von Städten. Sie erfüllen nicht nur eine technische Funktion zur Prävention und Linderung hitzebedingter Krankheiten, sondern können auch einen Beitrag zur Umweltgerechtigkeit und Reduktion von Plastikmüll leisten. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Status quo der Umsetzung in deutschen Großstädten und gibt Handlungsempfehlungen an Kommunen. Zunehmende Hitze im Sommer Sommerliche Höchsttemperaturen sind keine spärlich auftretende Wettererscheinung mehr. Mit den sich ändernden klimatischen Rahmenbedingungen muss zwangsläufig ein Umgang gefunden werden. Zudem trifft die Hitze nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen - Personen mit Vorerkrankungen, sozioökonomisch Benachteiligte oder wohnungslose Menschen leiden besonders darunter (vgl. BMG 2023b). 33 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0058 Bild 1: Gebaute & geplante Trinkbrunnen / Siedlungsfläche den sich außerhalb geschlossener Räume oder Gebäude.“ (DVGW 2021: 8) Hitze und Gesundheit Die klimawandelbedingt zunehmenden Hitzewellen stellen eine starke Belastung für das Gesundheitswesen dar (vgl. Straff et al 2007: 7) und fordern bereits jetzt jährlich tausende Hitzetote (vgl. BMG o.J.). Eine gute Hydrierung gilt als wichtiger Faktor in der Prävention und Linderung hitzebedingter Krankheiten (vgl. Becker & Stewart 2011: 1325). Trinkbrunnen schaffen durch uneingeschränkte Verfügbarkeit einen niederschwelligen Zugang zu Wasser. Sie zielen auf den Aufenthalt im Freien ab und sind daher komplementär zur Wasserversorgung der Privathaushalte zu verstehen. Beitrag zur Umweltgerechtigkeit Das Konzept der Umweltgerechtigkeit widmet sich dem Umstand, dass Umweltbelastungen (z. B. Hitze) sowie die Kapazitäten, mit diesen umzugehen, ungleich verteilt sind und sozial Schlechtergestellte besonders hart treffen (vgl. UBA 2023). Ein Trinkbrunnen im öffentlichen Raum ist grundsätzlich für alle Bevölkerungsgruppen zugängig, allerdings profitieren sozial benachteiligte Gruppen überdurchschnittlich stark. Reduktion von Plastikmüll Aktuell werden jährlich mehrere hundert Millionen Euro für die Entsorgung von Einwegplastik im öffentlichen Raum ausgegeben (vgl. Huber 2023). Durch den Zugang zu Trinkwasser im öffentlichen Raum entsteht gleichzeitig eine kostengünstige und verpackungsfreie Alternative zum Wasser aus der Flasche. Aktuelle Lage in deutschen Großstädten Für die Erhebung des Status quo wurden alle 80 deutschen Großstädte (>100.000 EW ) angefragt. Insgesamt haben 52 Städte an der Umfrage von Januar - März 2023 teilgenommen. Trinkbrunnenbestand Die 52 Großstädte zählen zusammengenommen rund 600 Trinkbrunnen. Die Versorgung divergiert von Stadt zu Stadt teils stark (s. Bild 1). Einige wenige Städte haben die Maßnahme Trinkbrunnen im öffentlichen Raum bereits zum jetzigen Zeitpunkt großflächiger ausgerollt - darunter Stuttgart, Karlsruhe, Augsburg und Berlin. Zwölf Städte haben hingegen zum Zeitpunkt der Umfrage noch keinen einzigen Trinkbrunnen. Die Analyse des Status quo zeichnet ein Bild, welches von einer isoliert kommunalen Betrachtungsweise geprägt ist: Korrelationen Mitigationmaßnahmen, wie die langfristige Senkung von CO 2 -Emissionen, sind essenziell, reichen angesichts der bereits jetzt hohen thermischen Belastung aber nicht aus. Es bedarf daher auch kurzbis mittelfristiger Adaptionsmaßnahmen, um die Funktion des urbanen öffentlichen Raums als Aufenthaltsort im Sommer zu sichern und einen Beitrag zur Umweltgerechtigkeit zu leisten (vgl. UBA 2023). Ein Ansatz, welcher nicht zuletzt aufgrund der Verankerung in der EU-Trinkwasserrichtlinie an Aufmerksamkeit gewinnt, ist die kostenlose Bereitstellung von Trinkwasser im öffentlichen Raum. Trinkbrunnen als Maßnahme und ihre Wirkungsbereiche Trinkbrunnen sind „Trinkwasserentnahmestellen, die im öffentlichen Raum Trinkwasser für die Öffentlichkeit bereitstellen, ohne dass das Trinkwasser behandelt wird bzw. ihm Stoffe zugesetzt werden; sie sind an das Versorgungsnetz oder an eine Trinkwasser-Installation angeschlossen und befin- THEMA Umwelt 34 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0058 hinsichtlich geographischer Lage, thermischer Belastung oder Bundeslandzugehörigkeit lassen sich weder bei den gebauten noch den geplanten Trinkbrunnen nachweisen. Standortkriterien und Zielgruppen Im Widerspruch zu den zahlreichen Standortkriterien, die bestimmte Nutzungsgruppen bevorzugen (z. B. Einkaufsstraßen), bleiben die Zielgruppen oft undifferenziert. Es zeigt sich eine Diskrepanz zwischen Standortwahl und dem Anspruch, spezifische (oder alle) Personen zu erreichen. Dies legt den Schluss nahe, dass diese zwei Aspekte bisher noch nicht ausreichend zusammengedacht werden. Geplanter Ausbau Über 96 % der befragten Städte gaben an, ihre Trinkbrunnen zwischen 2023-2025 auszubauen. Im Schnitt planten sie, ihren Bestand in dieser Zeit um über 55 % aufzustocken. Auch hier gibt es große Unterschiede zwischen den Städten. Der geplante Ausbau in fast allen Städten zeigt, dass die Maßnahme in der Planungsrealität der Kommunen angekommen ist. Empfehlungen für die Umsetzung Der städteübergreifend fortgeschrittenen Sensibilisierung für Trinkbrunnen als relevante Maßnahme zur Klimawandelanpassung und dem geplanten Ausbau stehen oft eine geringe Praxiserfahrung und damit einhergehende Unsicherheiten gegenüber. Folgende Handlungsempfehlungen sollen Kommunen dabei helfen, die Umsetzung von Trinkbrunnen zielgerichtet und ressourcenoptimiert anzugehen: Phasenplan & klare Zielgrößen Grundlage für die Implementierung einer Maßnahme ist die Definition einer messbaren Zielgröße. Jedoch herrscht in vielen Städten noch Unklarheit darüber, wie viele Trinkbrunnen einen zufriedenstellenden Zustand herstellen. Der folgende Vorschlag eines an die 15-Minuten-Stadt angelehnten Phasenplans (s. Bild 2) bietet einen konkreten Aufschlag und soll damit eine Anregung zum Diskurs geben. Mit einem zeitlich gestaffelten Ansatz wird der Planungsrealität der Stadtverwaltungen Rechnung getragen. 1. Pilotphase Sie richtet sich an Städte ohne oder mit geringer Erfahrung mit Trinkbrunnen. Ziel der Pilotphase ist, frühzeitig effiziente und effektive Strukturen zu etablieren. Dafür sollten alle relevanten lokalen Akteur: innen zusammenarbeiten - allen voran der Bild 2: Phasen der Umsetzung THEMA Umwelt 35 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0058 Wasserversorger, das zuständige Gesundheitsamt sowie die tangierten Abteilungen der Verwaltung und der Öffentlichkeitsarbeit. Im Zentrum stehen dabei neben der technischen Evaluierung (Art der möglichen Trinkbrunnen, Infrastruktur) insbesondere der Aufbau einer Kompetenzstelle mit eindeutigen Zuständigkeiten, die Erarbeitung eines Betriebs- und Kostenmodells sowie einer Strategie für die langfristige, integrative Umsetzung. Der Bau einzelner Trinkbrunnen an Standorten mit hoher Frequentierung wie Rathausplätzen oder Hauptbahnhöfen dient dazu, erste Erfahrungswerte zu generieren, eine Sensibilisierung der Bevölkerung anzustoßen (nach Möglichkeit in Kombination mit Öffentlichkeitsarbeit und Partizipation) und kann gleichzeitig als erstes politisches Statement genutzt werden. 2. Ausbau an wichtigen Standorten Anschließend an die ersten Umsetzungen und gemäß sich gegebenenfalls daraus erschließenden nötige Adaptionen ist eine räumlich differenzierte Ausweitung der Maßnahme angedacht. Die Priorisierung der Standorte sollte dabei entlang eines Abwägungsprozesses von allgemeiner Frequentierung, vulnerabler Gruppen und Hitzeexposition erfolgen. Zudem ist eine Einbettung in ein Maßnahmenpaket zur Klimawandelanpassung sinnvoll. Auch bereits geplante Umbaumaßnahmen wie bei Stadtteilentwicklungen sollen in den Entscheidungsprozess einfließen. Als Standorte denkbar wären ÖPNV- Knotenpunkte, große Quartiersplätze oder Parks. 3. Flächendeckendes Versorgungsnetz Die Versorgung aller Bürger: innen mit Trinkwasser setzt eine flächendeckende Versorgung voraus - unabhängig von einer zentralen Lage. Hier kommt das Konzept der 15-Minuten-Stadt zum Tragen: Als realistische Zielgröße kann ein Trinkbrunnen alle 15 Gehminuten eine erste Orientierung bieten, wobei der Vorschlag nicht als striktes Raster zu verstehen ist, sondern als städteübergreifende gemeinsame Basis eines Zielzustandes. Bei 1,2 m/ s Gehgeschwindigkeit würde dies einen Radius von 1,08 km und ein grobes Versorgungsgebiet von 3,6 km 2 je Trinkbrunnen ergeben. Ein weiterer Grund spricht für eine flächendeckende Versorgung: Eine potenzielle Einpreisung von Trinkbrunnen in den Wasserpreis wäre eher gerechtfertigt, wenn auch die Anschlussnehmer: innen in den Randgebieten versorgt würden. 4. Räumliche Ausdifferenzierung Nachdem mit einem groben Netz eine flächendeckende Versorgung gebildet wurde, empfiehlt sich eine weitere, differenzierte Verdichtung der Versorgung nach Frequentierung, nutzungsabhängigem Bedarf, Präsenz vulnerabler Gruppen und thermischer Belastung. Eine Zwischenevaluation der bisherigen Umsetzung bildet dafür eine geeignete Entscheidungsgrundlage. Städte wie Wien zeigen, dass sogar engmaschige Versorgungsnetze von fünf Minuten keineswegs eine Utopie darstellen, sondern als langfristiges Ziel realistisch diskutiert werden können. Monitoring Ein fortlaufendes Monitoring bildet das Rückgrat einer Evaluierung. Zentral ist dabei die Wahl konkret messbarer Indikatoren. Diese sollten abhängig von der Zielsetzung gewählt werden. Beispiel: Flächendeckende Versorgung: Prozent der innerhalb von 15 Gehminuten mit Trinkbrunnen versorgten Siedlungsfläche [%]. Einbettung in Maßnahmenpakete Trinkbrunnen gehören primär zu den mittelfristigen Adaptations-Maßnahmen. Um den Hitzestress lang fristig zu verringern, müssen auch Mitigationmaßnahmen implementier t werden. Hierzu zählen beispielweise die aktuell viel diskutierten Entsiegelungen und Begrünungen, Kaltluftschneisen sowie Bestrebungen zur Senkung des CO 2 -Ausstoßes. Unterschiedliche Maßnahmen sollten aufeinander abgestimmt sein, um Synergien zu nutzen. Finanzierung Es gibt bereits in einigen Bundesländern Fördermöglichkeiten, die vielen Städten bislang unbekannt waren. Eine Ausweitung der Förderungen - idealerweise nach einheitlichen Kriterien auf Bundesebene - wäre sinnvoll. Kommunikation & Sensibilisierung Eine Maßnahme ist nutzlos, wenn sie nicht gesehen und angenommen wird. Daher ist es essenziell, die Bevölkerung zu sensibilisieren und die Maßnahme möglichst niederschwellig zugänglich zu machen - beispielsweise durch Partizipationsprozesse zur Ausstattung und Standortwahl oder Online-Karten mit Trinkbrunnenstandorten. Anmerkung Der vorliegende Artikel wurde auf Basis der Diplomarbeit „Wasser ist (k)ein Luxusgut. Analysen und Empfehlungen zu Trinkbrunnen im urbanen öffentlichen Raum“ verfasst. THEMA Umwelt 36 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0058 fehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Bonn. S. 7, 20-23. ttps: / / www.bmuv.de/ fileadmin/ Daten_BMU/ Download_PDF/ Klimaschutz/ hap_handlungsempfehlungen_bf.pdf [abgerufen am 17.1.2023] UBA (2023). Umweltgerechtigkeit - Umwelt, Gesundheit und soziale Lage. Umweltbundesamt. https: / / www.umweltbundesamt.de/ themen/ gesundheit/ umwelteinfluesse-aufdenmenschen/ umweltgerechtigkeit-umweltgesundheit-soziale-lage#umweltgerechtigkeitumwelt-gesundheit-und-soziale-lage [abgerufen am 6.7.2023] Eingangsabbildung: © iStock.com/ simplytheyu LITERATUR Becker, J. A. & Stewart, L. K. (2011). Heat- Related Illness. American Family Physician, 83(11), S. 1325-1330. https: / / www. aafp.org/ dam/ brand/ aafp/ pubs/ afp/ issues/ 2011/ 0601/ p1325.pdf [abgerufen am 16.1.2023] BMG (2023b). Hitze Service. Fakten und Grundlagen. Bundesministerium für Gesundheit. https: / / hitzeservice.de/ faktenund-grundlagen/ [abgerufen am 5.7.2023] BMG (o.J.). E86: Volumenmangel. Bundesministerium für Gesundheit. https: / / gesund.bund.de/ icd-code-suche/ e86 [abgerufen am 9.7.2023] DVGW. (2021). Technischer Hinweis - Merkblatt DVGW W 274 (M). Deutscher Verein des Gas - und Wasserfaches e.V., Bonn. S. 1-23 Huber, E. (2023). Bundestagsbeschluss-Hersteller sollen für Plastik-Entsorgung zahlen tagesschau.de. https: / / www.tagesschau.de/ inland/ einwegplastik-abgabe-bundestag-101. html [abgerufen am 1.8.2023] Straff, W., Mücke, H., Baeker, R., Baldermann, C., Braubach, A., Litvinovitch, J., Matzarakis, A., Petzold, G., Rexroth, U., Schroth, S. & Stutzinger-Schwarz, N. (2017). Handlungsemp- AUTOR: INNEN Lotta Steger, Dipl.-Ing., TU Wien, Karlsplatz 13, 1040 Wien lotta.steger@tuwien.ac.at Anzeige Buchtipp UVK Verlag - Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Im Buch wird die Frage erörtert, wie sich die moderne, globale Gegenwartsgesellschaft und damit auch das Alltagsleben von Individuen sowie institutionalisierter Politik, Wirtschaft und Bildung bei zunehmender Entkopplung von Intelligenz und individuellem Bewusstsein verändert und weiter verändern wird. Dabei wird die sich beschleunigende technologische Entwicklung nicht einfach nur als Ursache gesehen, sondern es wird der Druck der multiplen Gegenwartskrisen auf soziale Systeme und ihre weitere Entwicklung berücksichtigt. Frank H. Witt Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft 1. Au age 2025, 222 Seiten €[D] 24,90 ISBN 978-3-381-13071-9 (print) ISBN 978-3-381-13072-6 (eBook) DOI 10.24053/ 9783381130726 THEMA Umwelt
