Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0060
tc103/tc103.pdf1013
2025
103
Hitzeaktionsplanung in Deutschland und Frankreich
1013
2025
Moritz Ochsmann
Rebecca Vogel
Teresa Ziegler
Im Rahmen des Projekts „Plan°C“ hat das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) gemeinsam mit den Städten Düsseldorf und Karlsruhe erarbeitet, wie die Handlungsempfehlungen von Bund und Ländern zur Erstellung von Hitzeaktionsplänen (HAPs) konkret in den Kommunen umgesetzt werden können. Dieser Beitrag fasst die Erfahrungen deutscher Großstädte bei der Konzeption und Umsetzung von HAPs zusammen und blickt nach Frankreich, das bereits seit 20 Jahren über eine etablierte nationale Hitzeaktionsplanung verfügt. Die Ergebnisse zeigen Strategien, Warnsysteme und Maßnahmen im Umgang mit Hitzewellen auf, welche zum Schutz der Bevölkerung beitragen können
tc1030046
Hitzeaktionsplanung in Deutschland und Frankreich Erfahrungen aus der kommunalen und nationalen Hitzevorsorge zum Schutz vulnerabler Gruppen Hitzeaktionsplanung, Hitzevorsorge, Klimaanpassung, Gesundheitsprävention, Verwaltungspraxis, Bevölkerungsschutz Moritz Ochsmann, Rebecca Vogel, Teresa Ziegler Im Rahmen des Projekts „Plan°C“ hat das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) gemeinsam mit den Städten Düsseldorf und Karlsruhe erarbeitet, wie die Handlungsempfehlungen von Bund und Ländern zur Erstellung von Hitzeaktionsplänen (HAPs) konkret in den Kommunen umgesetzt werden können. Dieser Beitrag fasst die Erfahrungen deutscher Großstädte bei der Konzeption und Umsetzung von HAPs zusammen und blickt nach Frankreich, das bereits seit 20 Jahren über eine etablierte nationale Hitzeaktionsplanung verfügt. Die Ergebnisse zeigen Strategien, Warnsysteme und Maßnahmen im Umgang mit Hitzewellen auf, welche zum Schutz der Bevölkerung beitragen können 1. Hitzeschutz in Städten: Das Projekt „Plan°C“ Die Folgen des Klimawandels stellen Städte vor wachsende Herausforderungen. Acht der zehn heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen traten in den letzten 30 Jahren auf. Besonders in dicht bebauten Innenstädten verstärken ein höherer Versiegelungsgrad, dichte Bebauung und anthropogene Wärmeerzeugung den urbanen Hitzeinseleffekt, sodass in Innenstädten insbesondere nachts bis zu zehn Grad höhere Temperaturen als im Umland auftreten können (Ahlhelm et al., 2016). 46 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 bieten. Das Akronym verweist nicht nur die Hitzethematik (°C), sondern auch auf den französischen „Plan Canicule“. Ein wesentlicher Aspekt des Projekts war neben dem Wissenstransfer zwischen deutschen Kommunen die Nutzung des wertvollen langjährigen Praxiswissens aus Frankreich, das die Diskussion in Deutschland um neue Ansatzpunkte ergänzt. In dem Projekt wurde untersucht, wie sich kommunale HAPs in Struktur, Inhalt und Umfang unterscheiden und vor welchen Chancen und Herausforderungen die Kommunen stehen. Durch die Bereitstellung übertragbarer Ergebnisse trägt das Projekt maßgeblich dazu bei, die Erstellung von Hitzeaktionsplänen auf kommunaler Ebene in Deutschland zu beschleunigen und in die Breite zu tragen und somit den Gesundheitsschutz der Bevölkerung effektiv zu verbessern. 2. Hitzeaktionsplanung in Deutschland und Europa Der Hitzesommer 2003 war eine Zäsur für Europa: Schätzungsweise 70.000 bis 80.000 hitzebedingte Todesfälle wurden europaweit verzeichnet, über 8.000 davon in Deutschland und mehr als 15.000 in Frankreich (Augustin et al., 2023; Kemen et al., 2020; Sáez Reale, 2023). Als Reaktion auf diese Katastrophe begannen erste europäische Städte und Länder, umfassende Strategien zur Hitzevorsorge zu entwickeln. Im Jahr 2008 veröffentlichte das Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erste Leitlinien für HAPs, die bis heute als Empfehlung zur nationalen bis kommunalen Hitzeaktionsplanung dienen (Martinez et al., 2022; Straff et al., 2017). Sie umfassen acht Kernelemente (HAP-KE), die kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen über vier Zeithorizonte strukturieren (Bild 1). Die zunehmende Hitzebelastung stellt ein steigendes Gesundheitsrisiko für unsere Bevölkerung dar. Zwischen 2018 und 2023 wurden in Deutschland über 20.000 Todesfälle auf die heißen Sommer zurückgeführt ( Winklmayr et al. 2023). Längere Hitzeperioden und Tropennächte führen bei der Bevölkerung zu gravierenden gesundheitlichen Problemen wie Dehydrierung, Hitzschlag und der Verschlimmerung chronischer Erkrankungen. Besonders gefährdet sind vulnerable Bevölkerungsgruppen, deren Anpassungsfähigkeit durch Alter, sozioökonomischen Status, geringe soziale Teilhabe oder Isolation und Vorerkrankungen eingeschränkt ist (Hertel et al. 2024, Matzarakis & Zielo 2017). Hitzeaktionspläne (HAPs) sind ein zentrales Instrument der kommunalen Hitzevorsorge. Sie bündeln kurz-, mittel- und langfristige Präventions- und Interventionsmaßnahmen, um die Bevölkerung vor Ort zu schützen. Während Länder wie Frankreich schon seit vielen Jahren auf verpflichtende Hitzeschutzstrategien wie Hitzeaktionsplanung setzen, ist die Erstellung und Umsetzung von HAPs in Deutschland bislang eine freiwillige Aufgabe und daher sehr heterogen und dynamisch. Hier setzt das Projekt „Plan°C“ an, das vom Deutschen Institut für Urbanistik im Verbund mit den Projektstädten Düsseldorf und Karlsruhe umgesetzt wurde. Kernziel des Projekts war es, die Handlungsempfehlungen der Bund/ Länder-Ad-hoc-Arbeitsgruppe für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen (Straff et al., 2017) in den beiden besonders hitzebelasteten Städten Düsseldorf und Karlsruhe umzusetzen. Über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren wurden Erfahrungen aus der kommunalen Praxis gebündelt, die konkrete Einblicke in die deutsche HAP-Landschaft Bild 1: Schema der von der WHO vorgesehenen Zeithorizonte für die Umsetzung der Kernelemente eines HAP, (eigene Darstellung nach Straff et al., 2017) THEMA Umwelt 47 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 ergänzt werden. Daher spielen Gesundheitsthemen und insbesondere Kommunikation und Aufklärung auch in Deutschland eine zunehmende Rolle. Im Juni 2023 kündigte der damalige Bundesgesundheitsminister Lauterbach erstmals einen „Hitzeschutzplan für Gesundheit “ für Deutschland an. Ein daraufhin veröffentlichter Entwurf (BMG, 2023) thematisiert schwerpunktmäßig Kommunikations- und Sensibilisierungsmaßnahmen, ist aber nicht rechtlich bindend und wenig konkret. Im Januar 2024 und März 2025 wurde dieser durch „Roadmaps“ zur weiteren Umsetzung, Verstetigung und Weiterentwicklung ergänzt. Die erste Roadmap (BMG, 2024) betonte bereits, dass im föderalen System Deutschlands kein durchgreifendes Organisationsrecht des Bundes existiert, Hitzeschutz aber dennoch auf Bundesebene verbindlich verankert werden soll. Geplant sind die Nutzung des DWD-Hitzewarnsystems, die Entwicklung eines Monitorings sowie bundesweite Kampagnen zur Sensibilisierung und Aufklärung. Offene Fragen zu Inhalt und rechtlichen Verankerung werden aktuell im Projekt „Möglichkeiten der Ausgestaltung und einer Umsetzung eines nationalen Hitzeaktionsplans für Deutschland (NatHAP)“ bearbeitet. Trotz dieser Initiativen und dem zunehmenden kommunalen Engagement stehen deutsche Kommunen weiterhin vor einigen Herausforderungen. An dieser Stelle lohnt sich ein Blick nach Frankreich, wo es bereits seit über 20 Jahren eine nationale Hitzeaktionsplanung gibt. 3. Lernen von Frankreich Der französische PNC (Ministère des Solidarités et de la Santé France, letzte Version 2017), die zugehörigen Gesundheitsempfehlungen des Nationalen Hitzeaktionsplans („Blauer Plan“) (Haut Conseils de la Santé Publique France, 2014) sowie die regionalen und kommunalen Planungen zur konkreten Umsetzung sind eng aufeinander abgestimmte Instrumente der französischen Hitzeaktionsplanung. Im Sinne eines Health-in-All-Policies-Ansatzes ist der PNC darüber hinaus ressortübergreifend auch mit weiteren thematisch verwandten Konzepten verzahnt, insbesondere im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz („Plan ORSEC“), so dass auch in extremen Wetterlagen ein abgestimmtes Vorgehen möglich ist. Seit seiner Etablierung im Jahr 2004 ist der PNC an das nationale Hitzewarnsystem von Météo France gekoppelt, das vier Warnstufen vorsieht. Jede Stufe löst verbindlich spezifische Maßnahmen auf allen Ebenen der Verwaltung aus - von national bis kommunal. Zur Koordination auf kommunaler Ebene wird mindestens ein*e Hitzebeauftragte*r (référent canicule) Frankreich übernimmt seit 2003 eine Vorreiterrolle in der europäischen Hitzeaktionsplanung: Bereits im Jahr 2004 führte die Regierung als Reaktion auf die nationale Gesundheitskatastrophe des Sommers 2003 und den daraus resultierenden hohen öffentlichen Druck einen landesweiten „Plan National Canicule“ (PNC) ein, mit einer gesetzlichen Verpflichtung zur kommunalen Hitzeaktionsplanung auf allen Verwaltungsebenen. Bis heute ist Frankreich das einzige Land in Europa, das eine derartige umfassende Pflicht zur Hitzeaktionsplanung festgeschrieben hat. Andere europäische Länder wie die Schweiz, Österreich, Spanien, Italien, Griechenland, die Niederlande und Großbritannien verfügen ebenfalls seit etwa 2004 über nationale HAPs, deren Umsetzung jedoch meist auf freiwilliger Basis erfolgt. Obwohl auf nationaler Ebene oft keine gesetzliche HAP-Verpflichtung besteht, haben einige subnationale Einheiten (z.B. Genf, Lombardei) verpflichtende Regelungen eingeführt, die sich aber oft auf spezifische Sektoren beschränken. In Deutschland startete der Deutsche Wetterdienst (DWD) 2005 mit einem Hitzewarnsystem (HWS). Im Jahr 2017 veröffentlichte die Bund/ Länder- Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Gesundheitliche Anpassung an die Folgen des Klimawandels (GAK)“ die „Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit “, basierend auf den WHO-Leitlinien von 2008. Die Hitzeschutzanpassung erfolgt in Deutschland nach dem Subsidiaritätsprinzip, doch eine gesetzliche Pflicht zur Hitzeaktionsplanung besteht bis heute nicht. Ebenso fehlen einheitliche Mindeststandards sowie eine gesicherte Finanzierung. Entsprechend heterogen und dynamisch - auch in Abhängigkeit von politischem Willen, Betroffenheit und Ressourcen - ist die HAP-Landschaft ausgeprägt. Erste kommunale HAPs erschienen 2021 und 2022, beispielsweise in Köln, Mannheim, Offenbach und Worms. Viele weitere Kommunen haben seitdem Pläne entwickelt oder sind dabei, diese zu erstellen. Ende 2024 gab es rund 30 veröffentlichte HAPs in deutschen Kommunen, und über ein Dutzend weitere kommunale Pläne waren in Bearbeitung; ein halbes Jahr später finden sich bereits über 40 kommunale HAPs. Zudem haben einige Bundesländer wie Brandenburg, Hessen, Rheinlandpfalz und das Saarland HAP-Konzepte, und auch Thüringen erarbeitet zurzeit einen HAP. Der Fokus beim Hitzeschutz lag in Deutschland lange primär auf planerischen Maßnahmen wie blaugrüne Infrastruktur. Ihre Wirksamkeit für den gesundheitsbezogenen Hitzeschutz ist jedoch begrenzt und muss durch verhaltensbezogene Maßnahmen THEMA Umwelt 48 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 sundheitsrisiko erheblich steigert. Ignoranz bezieht sich dabei auf das Missachten der Gefahr und/ oder unzureichende hitzebezogene Gesundheitskompetenz, während Isolation mangelndes Sozialkapital und geringe Teilhabe beschreibt. Folglich zielen die Maßnahmen in Frankreich vor allem auf die Stärkung der hitzespezifischen Gesundheitskompetenz und gesellschaftlichen Solidarität ab. Neben der Vernetzung und Koordination aller für den Gesundheitsschutz relevanten Akteure fokussieren sich viele HAP-Kernaufgaben auf Maßnahmen wie Informationskampagnen und Unterstützungsangebote wie Telefondienste sowie die Bereitstellung kühler Räume. Nationale Informationskampagnen vermitteln einfach verständliche Verhaltenshinweise über Plakatkampagnen, Radio- und TV-Beiträge. Darüber hinaus werden zielgruppenspezifische Materialien und direkte Anspracheformate entwickelt und die Akteure des Gesundheits- und Sozialsektors wie Ärzt*innen, Pflegepersonal und soziale Einrichtungen gezielt als Multiplikatoren einbezogen. Auch über Bildungsangebote soll die hitzebebenannt. Eine Vielzahl von städtischen Akteuren wie Sozial- und Gesundheitsbehörden, Bevölkerungs- und Katastrophenschutz, Bildungseinrichtungen sowie zahlreiche Partner wie Wohlfahrtsverbände oder gemeinnützige Vereine sind verbindlich in die Hitzeaktionsplanung eingebunden und setzen eigenständig Maßnahmen um. Auch die Finanzierung ist gesetzlich geregelt und die Hitzeaktionsplanung so fest im kommunalen Haushalt integriert. Diese Verbindlichkeit fördert nicht nur die ressortübergreifende Zusammenarbeit, sondern verankert Hitzeschutz auch fest im kommunalen Tagesgeschäft. Planerische Maßnahmen wie blau-grüne Infrastruktur werden in Frankreich anders als in Deutschland erst seit einigen Jahren stärker in die Hitzeaktionsplanung integriert - beispielsweise über Programme wie „Ma ville plus fraîche“. Der französische Ansatz ist stark sozial-präventiv ausgerichtet. So ist ein zentrales Merkmal das Verständnis von Hitze nicht allein als meteorologische, sondern als soziale Herausforderung. Dies bedeutet, dass nicht allein die Exposition relevant ist, sondern die Kombination mit den Faktoren „Ignoranz und Isolation“ das Ge- Maßnahmen zur Information und Sensibilisierung Kühle Räume und Hitzereduzierung in Innenräumen Maßnahmen in Settings (Arbeit, Verwaltung, Gesundheit) Ansprache und Kommunikation durch Schlüsselakteur: innen Unterstützungsangebote für Risikogruppen Koordination, Monitoring und Evaluation 1 Oktober November Dezember Januar Februar März April Mai Juni Juli Juli mber Außerhalb der Warnsaison (16.09 - 30.04) Bewerben von Informationsmaterial Aushang von Plakaten im öffentlichen Raum Information über digitale Kommunikationskanäle Veröffentlichung von Pressemitteilungen Durchführen von Infoveranstaltungen/ -aktionen Bewerben des Trinkwasserangebots Persönliche Beratung von Risikogruppen im Rahmen von ohnehin stattfindenden Konsultationen Erarbeiten von Informationsmaterial für die Allgemeinbevölkerung Erarbeiten von zielgruppenspezifischen Informationskampagnen Verteilen des Informationsmaterials an Multiplikator: innen Buchung von Plakatflächen, Werbespots und anderen Kommunikationskanälen Vorbereitung von Pressemitteilungen und Social Media Posts Vorbereitung von Infoveranstaltungen und -aktionen Schulung von Mitarbeitenden für das Hitzetelefon Septe Während der Warnsaison (01.05-15.09) Einrichten kühler Räume Sicherstellen der barrierefreien Zugänglichkeit, z.B. durch Fahrdienste Prüfen der Funktionsfähigkeit von baulich-technischen Vorrichtungen und Trinkwasserspendern Sensibilisierung zu hitzeangepasstem Nutzungsverhalten Hitzeangepasste Planung von (Groß-)Veranstaltungen Beschaffung von hitzeangepasster Dienstkleidung, Kühlwesten etc. Vorausschauende Planung von Personalkapazitäten in Sozial- und Gesundheitseinrichtungen Regelung der Flexibilisierung der Terminvergabe bei Hitze Durchführen von Erste-Hilfe-Schulungen zu hitzebedingten Erkrankungen Durchführen von Fortbildungen zur Sensibilisierung von Akteur: innen, die mit den Risikogruppen in Kontakt stehen wie Sozialarbeiter: innen, Pädagog: innen etc. Akquise von ehrenamtlichen Hitzepat: innen Beschaffung von Material zum Hitzeschutz wie Trinkflaschen oder Sonnenhüte Konzeption von Bildungsangeboten für (Klein-)Kinder und Jugendliche Einrichten und Bewerben eines Hitzeregisters mit daran angeschlossener Betreuung hochvulnerabler sozial isolierter Personen Nachbesprechung und Monitoring des vergangenen Sommers Vorbesprechung der kommenden Warnsaison mit allen Beteiligten Überarbeitung der Planungen Umsetzen von Hitzepatenschaften Umsetzen von organisatorischen Maßnahmen Durchführen von Bildungsangeboten für (Klein-)Kinder und Jugendliche Absage oder Verlegen von Veranstaltungen Anpassen der Arbeitszeiten Flexibilisierung von Terminvergaben Anpassen der Personalkapazitäten Bei Hitzewarnstufe 1 & 2 Umsetzen der Hitzewarnkaskade Umsetzen des Hitzetelefons Öffnen der kühlen Räume Angebot von Fahrdiensten Umsetzen organisatorischer Maßnahmen Proaktive Ansprache von Risikogruppen in sozialen Einrichtungen Umsetzen von Hitzepatenschaften Aufsuchende Sozialarbeit zur Ausgabe Trinkflaschen, Sonnenhüten etc. Umsetzen des Hitzeregisters Ressort & Umsetzung Ressort & Umsetzung Ressort & Umsetzung Bild 2: HAP-Kalender für Kommunen (Entwurf: T. Ziegler) THEMA Umwelt 49 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 lung und eine ressortübergreifende Verankerung auf allen Verwaltungsebenen sowie die Einbindung von nicht-verwaltungsgebundenen Akteuren und der Zivilgesellschaft. 4. Empfehlungen für deutsche Kommunen Auch wenn verbindliche Standards in Deutschland bislang fehlen, herrscht unter denjenigen Kommunen, die sich bereits intensiv mit Hitzeaktionsplanung auseinandergesetzt haben, weitestgehend ein gemeinsames Verständnis darüber, was einen Hitzeaktionsplan auszeichnet und welche Maßnahmen er enthalten sollte. Jedoch zeigt sich die Bandbreite und Vielfalt möglicher Maßnahmen - für einen Hitzeaktionsplan kann und soll es kein „One-size-fits-all“ - Lösung geben. Von Öffentlichkeit und Politik wird Hitzeschutz meist mit Maßnahmen aus dem Bereich der blaugrünen Infrastruktur gleichgesetzt. Aus Sicht der Hitzeaktionsplanung sind diese jedoch nicht prioritär. Auch werden diese langfristigen Maßnahmen in vielen Kommunen bereits als Teil von Klimaanpassungskonzepten behandelt- auch weil es Synergien mit anderen Bereichen der Klimaanpassung gibt, wie etwa der Starkregenvorsorge. Dagegen finden die kurz- und mittelfristigen Maßnahmen zum gesundheitlichen Hitzeschutz, wie Sensibilisierung und Unterstützung vulnerabler Gruppen, im öffentlichen Diskurs nur wenig statt. Ein Grund dafür ist, dass sich deren positive Auswirkungen nicht unmittelbar greifbar, zeitlich verzögert und nur schwer quantifizierbar zeigen. Kommunale Erfahrungen, insbesondere die Erkenntnisse aus Frankreich (siehe 3.), zeigen jedoch, dass viele dieser Maßnahmen aber einen positiven Effekt für den Gesundheitsschutz insbesondere vulnerabler Gruppen haben. Unter den sogenannten Frontrunner-Kommunen im Projekt „Plan°C“ herrscht Einigkeit darüber, dass der Fokus eines HAPs nicht nur auf Kommunikation und Sensibilisierung, sondern auch auf der Unterstützung vulnerabler Gruppen liegen sollte. Allerdings können einige Maßnahmen Folgekosten nach sich ziehen, die in Zeiten angespannter kommunaler Haushalte nicht mit finanziellen oder personellen Ressourcen hinterlegt werden (können). Aus diesem Grund setzen viele Kommunen auf kurzfristige und niederschwellige Kommunikationsmaßnahmen für die nicht zwingend große Budgets erforderlich sind. So kann gewährleistet werden, dass auch bei geringem finanziellen Handlungsspielraum Maßnahmen umgesetzt werden. Jedoch kann mit Informationsmaßnahmen allein kein umfassender Gesundheitsschutz im Sinne der Hitzeaktionsplanung gewährleistet werden. Es reicht nicht, nur Wissen über das zogene Gesundheitskompetenz gestärkt werden, zum Beispiel über die Schulung von Grundschulkindern als „Präventionsbotschafter“, die ihr Wissen in Familie und Nachbarschaft weitertragen. Kommunen stellen öffentlich zugängliche kühle Räume möglichst ohne Konsumzwang und stadtteilgenaue Karten kühler Orte bereit. Sie kooperieren dabei mit öffentlichen und privaten Einrichtungen wie Bibliotheken, Museen oder Cafés mit kühlen Räumen. Vor allem letztere nutzen positive Synergieeffekte: klimatisierte Seniorenrestaurants mit hitzeangepasstem Speiseplan bieten nicht nur einen Rückzugsort, sondern fördern als Treffpunkte in der Nachbarschaft zugleich die soziale Teilhabe. Der soziale Ansatz spiegelt sich auch in einem ganzjährig verfügbaren kommunalen Telefonangebot wieder. Hierüber werden vor allem Menschen mit geringem Sozialkapital und Einsamkeit identifiziert, regelmäßig kontaktiert und bei Bedarf an passende Hilfsangebote vermittelt, wie beispielsweise (ehrenamtliche) Besuchs- oder Einkaufsdienste. Der Telefonservice wird von Sozialarbeitenden und Psycholog*innen übernommen, um einen geschützten Raum zu bieten, Vertrauen aufzubauen und machen so auch versteckte soziale Problemlagen sichtbar, die den Hitzeschutz erschweren, etwa eine prekäre Wohnsituation. Entsprechend des Health-in-All-Policies-Ansatzes wird der Telefonservice mit dem französischen „Autonomieplan“ (Ministère des Solidarités et de la Santé France, 2015) verzahnt, der auf die Förderung der Selbstständigkeit im Alter abzielt. Monitoring und Evaluation sind ebenfalls verpflichtende Elemente der französischen Hitzeaktionsplanung: Hitzeschutzmaßnahmen aller Verwaltungsebenen werden dokumentiert und regelmäßig evaluiert. Daten zu hitzebedingten Todes- und Krankheitsfällen werden systematisch erfasst und an übergeordnete Stellen gemeldet. Auf nationaler Ebene werden die Ergebnisse ausgewertet und die Strategien und Maßnahmen an neue wissenschaftliche Erkenntnisse und klimatische Entwicklungen angepasst. Die französische Erfahrung zeigt, dass es vielfältige Maßnahmen braucht, damit gesundheitlicher Hitzevorsorge effektiv und nachhaltig gelingen kann. Dazu zählen ein starker Fokus auf die soziale und gesundheitliche Dimension mit leicht zugänglichen Informationen und konkreten Unterstützungsangeboten. Weitere Gelingensfaktoren sind verbindliche Zuständigkeiten und eine klare Rechtsgrundlage, gesicherte Ressourcen, kontinuierliche Weiterentwick- THEMA Umwelt 50 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 dem DWD-Hitzewarnsystem bietet der Kalender die Festlegung von zuständigen Ressorts in der Kommune, wodurch veranschaulicht wird, dass die notwendigen Kompetenzen für diese Querschnittsaufgabe in unterschiedlichsten Fachbereichen liegen. Für die Koordination all dieser Maßnahmen ist es unerlässlich, nicht nur ämterübergreifend zusammenzuarbeiten, sondern auch den Kontakt zu Multiplikatoren außerhalb der Stadtverwaltung zu suchen. Die oftmals kritisierte Versäulung der kommunalen Verwaltung zu überwinden, lässt sich in der Praxis nur mit viel Geduld und Kommunikation umsetzen. Der Blick auf diejenigen Kommunen, die bereits in die Umsetzung ihrer HAPs gegangen sind, zeigt, dass dafür eine umfassende Koordinationsstruktur erforderlich ist. Das untenstehende Bild 3, welches ebenfalls im Rahmen von „Plan°C“ entwickelt wurde, zeigt dafür schematisch die Umsetzungsstruktur eines HAP innerhalb der kommunalen Verwaltung. Insgesamt stellt die Koordination - vor allem angesichts der in den meisten Städten knappen Personalressourcen im Bereich der Hitzeaktionsplanung - eine der größten Herausforderungen für eine erfolgreiche Umsetzung des HAP dar. Um auch in Zeiten von personellen und finanziellen Engpässen den gesundheitlichen Hitzeschutz der Bevölkerung zu gewährleisten, gilt es da anzusetzen, wo bereits Strukturen vorhanden sind, und nur punktuell dort Aufgabengebiete zu erweitern, wo bislang keine Verantwortlichkeiten vorhanden sind. Denn in letzter Konsequenz geht es darum, die bestehenden Strukturen um das Handlungsfeld gesundheitlicher Hitzeschutz zu erweitern. Hitzeaktionsplanung sollte daher weniger als zusätzliche Aufgabe verstanden richtige Verhalten zu vermitteln. Für nachhaltigen und effektiven Hitzeschutz müssen Unterstützungsleistungen wie Nachbarschaftshilfe und aufsuchende Sozialarbeit gefördert sowie der niedrigschwellige Zugang zu kühlen Räumen ermöglicht oder gegebenenfalls erleichtert werden - auch, um gesellschaftliche Teilhabe zu fördern und so von den damit verbundenen Mitnahmeeffekten zu profitieren. Auch sagt die bloße Anzahl von veröffentlichten HAPs nichts über den tatsächlichen Stand der Umsetzung von Maßnahmen für den gesundheitlichen Hitzeschutz aus. Teilweise sind diese HAPs nur Absichtserklärungen und müssen in einem weiteren Schritt zunächst konkretisiert und dann mit entsprechenden Ressourcen hinterlegt werden. Insgesamt zeigt sich, dass auch die Kommunen, die in der Hitzeaktionsplanung bereits fortgeschritten sind, bei der Umsetzung von Maßnahmen noch relativ am Anfang stehen. Auch wird deutlich, welche Maßnahmen im Rahmen der deutschen Ver waltungsstrukturen überhaupt als umsetzbar angesehen werden. Dazu zählen unter anderem Karten kühler Orte, die mittlerweile fast flächendeckend verfügbar sind, sowie sogenannte Hitzetelefone als Beratungsangebote. Um die Vielschichtigkeit der Hitzeaktionsplanung zu veranschaulichen, wurde im Projekt „Plan°C“ ein Jahreskalender nach französischem Vorbild entworfen (Bild 2). Er zeigt - entgegen der häufigen Annahme, die Hitzeaktionsplanung sei primär eine Aufgabe für den Sommer - die grundlegenden Vorbereitungen, die im Herbst, Winter und Frühjahr getroffen werden müssen, und dient so der Jahresplanung für die kommunale Hitzevorsorge. Neben der zeitlichen Einordnung und der Kopplung von Maßnahmen mit Bild 3: HAP-Koordination in der Kommune (Entwurf: T. Ziegler) THEMA Umwelt 51 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 Hertel, D., Pößneck, J., Kabisch, S. & Schlink, U. (2024). Hitzestress in Stadtquartieren - Methodik und empirische Belege unter Nutzung des Planetary-Health-Ansatzes. In S. Kabisch, D. Rink & E. Banzhaf (Hrsg.), Die Resiliente Stadt: Konzepte, Konflikte, Lösungen (S. 247-266). Springer. Kemen, J., Schäffer-Gemein, S. & Kistemann, T. (2020). Klimaanpassung und Hitzeaktionspläne. In Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.), Informationen zur Raumentwicklung, (47)1, 58-69. Martinez, G. S., Kendrovsiki, V., Salazar, M. A., de‘Donato, F. & Boeckmann, M. (2022). Heat-health action planning in the WHO European Region: Status and policy implications. Environmental Research, 214(1), Artikel 113709. Matzarakis, A. & Zielo, B. (2017). Maßnahmen zur Reduzierung von Hitzebelastungen für Menschen - Bedeutung von Hitzeaktionsplänen. Gefahrstoffe - Reinhaltung der Luft, 77(7/ 8), 316-320. Ministère des Solidarités et de la Santé France (Letzte Version 2017): Plan National Canicule https: / / sante.gouv.fr/ IMG/ pdf/ pnc_actualise_2017.pdf (aufgerufen am 18.07.2025). Ministère des Solidarités et de la Santé France (2015): Plan national d‘Action de prévention de la perte d’autonomie. www.espace-ethique.org/ sites/ default/ files/ PNPPA.pdf (aufgerufen am 18.07.2025). Sáez Reale, A. (2023). Assessing the burdens of urban heat: a description of functional, economic and public health impacts of increasing heat in cities (STG Policy Papers 2023/ 02). EUI School of Transnational Governance. Straff, W., Mücke, H. G., Baeker, R., Baldermann, C., Braubach, A., Litvinovitch, J., Matzarakis, A, Petzold, G., Rexroth, U., Schroth, S. & Stutzinger-Schwarz, N. (2017). Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit. Abrufbar unter: https: / / www.bmuv.de/ fileadmin/ Daten_BMU/ Download_ PDF/ Klimaschutz/ hap_handlungsempfehlungen_bf.pdf Winklmayr, C., Matthies-Wiesler, F., Muthers, S., Buchien, S., Kuch, B., an der Heiden, M. & Mücke, H. G. (2023). Hitze in Deutschland: Gesundheitliche Risiken und Maßnahmen zur Prävention. Journal of Health Monitoring, 8(S4), 3-34. Eingangsabbildung: © iStock.com/ Nikada werden, sondern vielmehr im Tagesgeschäft der beteiligten Ämter aufgehen. Auch angesichts der angespannten Haushaltslage und knappen Personalressourcen in vielen Städten ist es umso wichtiger, dieses drängende Thema mehr als Chance denn als zusätzliche Belastung zu begreifen. 5. Fazit: Hitzevorsorge als Querschnittsaufgabe Die Zunahme von Hitzeereignissen stellt Städte vor große Herausforderungen. Die Erfahrungen aus Vorreiterkommunen in Deutschland und Frankreich zeigen, dass effektiver Hitzeschutz mit präventiven, verhaltensbezogenen und sozial eingebetteten Strategien weit über baulich-planerische Maßnahmen hinausgeht. Frankreich bietet ein praxisnahes Vorbild: Gesetzlich verankerte Strukturen, verpflichtende Maßnahmen und ressortübergreifende Kooperationen ermöglichen dort eine koordinierte, alltagsnahe Umsetzung, unterstützt durch gezielte Kommunikationsmaßnahmen und niederschwellige Hilfsangebote. In Deutschland steckt die Hitzeaktionsplanung trotz wachsender Dynamik vielerorts noch in den Anfängen. Zahlreiche Kommunen verfügen bereits über HAPs, doch fehlt es häufig an Ressourcen, Koordination und rechtlicher Verbindlichkeit. Eine wesentliche Erkenntnis des Projekts „Plan°C“ ist dabei: Hitzeschutz muss als Querschnittsthema im kommunalen Alltag und in den Lebenswelten der Bevölkerung verankert werden, damit gesundheitliche Vorsorge gelingen kann. LITERATUR Ahlhelm, I., Frerichs, S., Hinzen, A., Noky, B., Simon, A., Riegel, C., Trum, A., Altenburg, A., Janssen, G. & Rubel, C. (2016). Praxishilfe - Klimaanpassung in der räumlichen Planung: Raum- und fachplanerische Handlungsoptionen zur Anpassung der Siedlungs- und Infrastrukturen an den Klimawandel. Umweltbundesamt (UBA). Augustin, J., Burkart, K., Endlicher, W., Herrmann, A., Jochner- Oette, S., Koppe, C., Menzel, A., Mücke, H. G. & Sauerborn, R. (2023). Klimawandel und Gesundheit. In G. P. Brasseur, D. Jacob & S. Schuck-Zöller (Hrsg.), Klimawandel in Deutschland: Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven (S. 171-190). Springer. Bundesministerium für Gesundheit. (2023). Hitzeschutzplan für Gesundheit des BMG. https: / / www.bundesgesundheitsministerium.de/ fileadmin/ Dateien/ 3_Downloads/ H/ Hitzeschutzplan/ 230727_BMG_Hitzeschutzplan.pdf Bundesministerium für Gesundheit.(2024). Roadmap zur Weiteren Umsetzung, Verstetigung und Weiterentwicklung des Hitzeschutzplans für Gesundheit für den Sommer 2024. https: / / www.bundesgesundheitsministerium. de/ fileadmin/ Dateien/ 3_Downloads/ H/ Hitzeschutzplan/ BMG_Roadmap_Hitzeschutzplanung_Sommer_2024.pdf Haut Conseils de la Santé Publique France (2014): Recommendations sanitaire du Plan national canicule Recommandations sanitaires du Plan national canicule 2014 (hcsp.fr) (aufgerufen am 18.07.2025). AUTOR: INNEN Moritz Ochsmann, Dr., wissenschaftlicher Mitarbeiter/ Deutsches Institut für Urbanistik, Gereonstraße 18-32, 50670 Köln ochsmann@difu.de Rebecca Vogel, M.Sc., Landeshauptstadt Düsseldorf, Gesundheitsamt, 53/ 5 Gesundheitskoordination, Kölner Straße 180, 40227 Düsseldorf rebecca.vogel@duesseldorf.de Teresa Ziegler, M.Sc., Stadt Karlsruhe, Umwelt- und Arbeitsschutz, Fachbereich Klima | Hitzeaktionsplan, Markgrafenstr. 14, 76131 Karlsruhe teresa.ziegler@ua.karlsruhe.de THEMA Umwelt 52 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060
