Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0063
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Wassersensible Klimaanpassung in der Stadtentwicklung
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Felizia Kuhlke
Nora Scholpp
Der Beitrag stellt Praxisbeispiele der Zukunftsinitiative Klima.Werk vor, die wassersensible Stadtentwicklung interdisziplinär umsetzen. Anhand von technischen, gestalterischen und partizipativen Lösungen wird gezeigt, wie das Prinzip der Schwammstadt Klimaanpassung, die Förderung von Biodiversität und die Steigerung der urbanen Lebensqualität erfolgreich miteinander verknüpft.
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Wassersensible Klimaanpassung in der Stadtentwicklung Interdisziplinäre Wege unter besonderer Berücksichtigung von Biodiversität und Lebensqualität in unseren Städten Grüne Räume, wassersensible Stadtentwicklung, Verschattung, kühle Orte, Prinzip Schwammstadt, Biodiversität Felizia Kuhlke, Nora Scholpp Der Beitrag stellt Praxisbeispiele der Zukunftsinitiative Klima.Werk vor, die wassersensible Stadtentwicklung interdisziplinär umsetzen. Anhand von technischen, gestalterischen und partizipativen Lösungen wird gezeigt, wie das Prinzip der Schwammstadt Klimaanpassung, die Förderung von Biodiversität und die Steigerung der urbanen Lebensqualität erfolgreich miteinander verknüpft. Einleitung Die Umsetzung wassersensibler Stadtentwicklung erfordert die Verbindung der Themenbereiche „Anpassung an den Klimawandel“, „Ausgleich der Wasserführung“, „Stärkung der Biodiversität “ und „Entwicklung attraktiver Stadträume“. In diesem Sinne zahlen neben technischen Aspekten auch die Entwicklung von grünen Räumen, kühlen Orten, Aspekte der Verschattung und der Biodiversität auf die Verbesserung der Lebensqualität ein. Im Folgenden werden ausgesuchte Projekte aus dem Netzwerk Zukunftsinitiative Klima.Werk von der Emschergenossenschaft/ Lippeverband vorgestellt, die die genannten Themen interdisziplinär verbinden. 63 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0063 mespeicherung der versiegelten Flächen entgegen und sorgt für angenehmere Temperaturen (Beispiel 1 Baumrigolen). Zeitgleich mit den Folgen des Klimawandels werden wir mit Verlusten der biologischen Vielfalt konfrontiert. Erhalt und Förderung von biologischer Vielfalt ist kein Selbstzweck, sondern dient dem Erhalt menschlicher Lebensgrundlagen. Vereinfacht gesagt: Ohne Insekten keine Pflanzenbestäubung - und keine Nahrung für höher entwickelte Arten bis hin zum Menschen. Neben positiven Wirkungen auf Luftqualität, Klimaschutz und Biodiversität, bestehen Zusammenhänge zwischen städtischem Grün und Gesundheit und dem Wohlbefinden der menschlichen Stadtbewohner (Beispiel 2 Kiesbeet am Emscherhaus). Zudem sind städtische Grünflächen Lebensgrundlage und Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten: Aufgrund der vielfältigen Standortbedingungen auf den oft kleinen Flächen ist die Biodiversität im urbanen Raum häufig höher als in umliegenden landwirtschaftlich geprägten Regionen. Ein kleinräumiges Mosaik mit Struktur- und Lebensraumreichtum sorgt für Artenvielfalt in der Stadt im Kontrast zu teils monotonen und „ausgeräumten“ Landschaften im landwirtschaftlich genutzten Umland. (Beispiel 3 Kläranlage Alte Emscher) Aufgrund der begrenzten Flächenverfügbarkeit innerhalb der Stadt gilt es Synergien zu nutzen. Dies kann erreicht werden, indem Flächen und Gebäude im Bestand zeitgleich für Maßnahmen der wassersensiblen Stadtentwicklung und für die Förderung der biologischen Vielfalt genutzt werden. Eine nicht zu unterschätzende Rolle für den Erfolg spielt die Akzeptanz von Maßnahmen. Neben „klassischen“ Ökosystemdienstleistungen zählen somit auch kulturelle Ökosystemdienstleistungen wie die aktive Beteiligung der Zivilgesellschaft. (Beispiel 4 Gießkannenheld: innen und Beispiel 5 Mini.Wald) Beispiel 1: Baumrigolen an der Wasserstraße in Bochum Baumrigolen sind ein unterirdischer Speicherkörper für Regenwasser unter Straßenbäumen und ein relativ neues Element der Schwammstadt. Bei richtiger Planung und unter Berücksichtigung der technischen Eigenschaften in Verbindung mit der Berücksichtigung der Naturgesetze, können sie zahlreiche Vorteile aufweisen. Dazu zählen die Entlastung der Kanalisation, die bessere Versorgung der Stadtbäume in Dürrezeiten, die Förderung der Grundwasserneubildung und die Verbesserung des Stadtklimas durch Kühlung und Verdunstung. In Bochum wurde im Zuge der Kanalsanierung an der Wasserstraße ein System Kontext und Einordnung der Praxisbeispiele Die Folgen des Klimawandels werden zunehmend durch extreme Wetterereignisse für die Bevölkerung spürbar. Insbesondere im urbanen Raum werden Starkregen- und Dürreereignisse zunehmend als wiederkehrende Phänomene wahrgenommen. Unerwartet hohe Grundwasserspiegel wie in den Jahren 2023 und 2024, Wasser an unerwarteten Stellen und Plätzen, Starkregenereignisse wie 2021, unter Wassermangel und Hitze leidende Städte wie in den Jahren 2018 und 2022 zwingen die Politik, die Landesvertreter und die Kommunen zu handeln. Die Städte sind in diesem Zusammenhang besonders vulnerabel, weil sie einen hohen Versiegelungsgrad aufweisen. Kurze und heftige Abflussspitzen entstehen und führen zu spontanen, kleinräumigen Überflutungen, weil die Entwässerungssysteme nicht auf die großen Niederschlagsmengen ausgelegt sind. Aber auch die innerstädtische Hitzeentwicklung wird durch die Versiegelung und die Wärmespeicherung von Plätzen und Gebäuden verstärkt. Der Klimawandel ist unumkehrbar. Längst müssen wir uns nicht mehr nur mit Klimaschutz befassen, sondern auch mit Klimafolgenanpassung. Das Netzwerk der Zukunftsinitiative Klima.Werk, initiativ von den Emscherkommunen und der Emschergenossenschaft entwickelt, wurde gegründet, um Lösungen für die Folgen des Klimawandels gemeinsam, integral, agil und auf Augenhöhe zu erarbeiten. Erfolge und die Notwendigkeit sprechen für sich und lassen das Netzwerk durch die Beteiligung weiterer Lippekommunen und Aktiven aus anderen Regionen Deutschlands weiterwachsen. Die im folgenden Text hergeleiteten Praxisbeispiele sind Produkte unserer Netzwerkarbeit. Wasser nimmt bei allen Fragen und Themen der Klimafolgenanpassung eine zentrale Rolle ein: Ein Zuviel wirkt ebenso negativ, bedrohlich und zerstörend auf Natur und Wohlbefinden des Menschen wie ein Zuwenig. Da Wetterextreme uns auf Dauer begleiten werden, sind Anpassungsstrategien notwendig. Im urbanen Raum kommen hier die wassersensible Stadtentwicklung und das Prinzip Schwammstadt ins Spiel - Stadtstrukturen, die Wasser in nassen Zeiten speichern und zurückhalten, um es in trockenen Zeiten dosiert an die Umgebung abzugeben und es so für die Stadtnatur verfügbar zu machen. Der natürliche Wasserkreislauf, der in der Stadt anthropogen überformt ist und zu hohen und steilen Abflussspitzen nach Niederschlägen führt, wird gestärkt. Im Optimalfall kann alles Wasser vor Ort zurückgehalten werden und nach und nach über Vegetation, durch Evapotranspiration oder über offene Wasserflächen direkt verdunsten und an die Umgebung abgegeben werden. Die Verdunstungskühlung wirkt der Wär- THEMA Umwelt 64 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0063 Innenstadt. Insgesamt sind die Flächen im Bereich der Hauptverwaltung fast vollständig überbaut oder befestigt. Die 250 m² Freiflächen um die Gebäude waren aufgrund des Denkmalschutzes als Schottergarten gestaltet. 2023 wurden sie unter Berücksichtigung dieser Besonderheit am Beispiel einer Ruderalfläche (lat. rudus „Klumpen“, „Kies“, „Schotter“ ) neugestaltet und begrünt. Neben der ökologischen Aufwertung und Reduzierung des Niederschlagabflusses wird die Verdunstungsrate erhöht und ein Beitrag zur Reduzierung der dort vorhandenen Hitzebelastung geleistet. In die Schotterfläche wurde eine vielgestaltige, dynamische und dauerhafte Staudengemeinschaft gepflanzt. In Anlehnung an natürliche Pflanzengesellschaften ergänzen sich Arten mit unterschiedlichen ästhetischen Merkmalen, Lebensformen, Wuchshöhen, Blühzeiten und Ausbreitungsstrategien zu einem sich weitgehend selbst regulierenden System, mit einer hohen Wirkung auf die Biodiversität. Neben ihrer unmittelbaren Wirkung auf das Mikroklima dient die Fläche als Musterbeispiel für eine extensive Gestaltung von Freiflächen an öffentlichen und privaten Gebäuden, die heute aufgrund des vermeintlich geringen Pflegeaufwandes vernetzter Baumrigolen installiert. Ein wesentlicher Bestandteil für den erfolgreichen Einsatz der Baumrigolen sind die unterirdischen Speicherkörper mit einem Gemisch aus Grobschlag und Baumsubstrat, in die die Wurzeln des Straßenbaumes einwachsen können. Das gespeicherte Wasser hilft den Bäumen bei Hitzeperioden und wird über ein Drainagesystem gleichmäßig verteilt. Bei großen Mengen gelangt es über eine Filteranlage in die Kaskaden des Regenrückhalte- und Verdunstungsbeckens und von dort gedrosselt in den Marbach. Erfahrungswerte bei technischen Anlagen in Verbindung mit Stadtgrün zeigen, dass es neben einer guten Zusammenarbeit in der Planung und im Bau von Baumrigolen, vor allem auch auf die weitere Pflege ankommt, wie beispielsweise die Steuerung von Streusalzeinsätzen im Winter, damit die Maßnahme gut funktioniert. Beispiel 2: Kiesbeet am Emscherhaus in Essen Die Hauptverwaltung von Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV, Emscherhaus) befindet sich im stadtklimatisch hochbelasteten Südviertel der Stadt Essen südlich des Hauptbahnhofes und der Bild 1: Verortung des Systems vernetzter Baumrigolen an der Wasserstraße in Bochum und Baumrigole © Zukunftsinitiative Klima.Werk/ EGLV Bild 2: Blühaspekt des umgestalteten Beetes © Klaus Baumers/ EGLV THEMA Umwelt 65 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0063 tere Essener Bürger zum Gießen der Stadtbäume zu mobilisieren. Dieser ehrenamtliche Initiativkreis, die Ehrenamt Agentur Essen e.V. und die Zukunftsinitiative Klima.Werk riefen das Projekt schließlich im selben Jahr ins Leben. Stadtbäume leiden zunehmend unter Klimawandelfolgen wie Hitze, Dürre, Stürmen und Starkregen. Sie mit Hilfe von bürgerschaftlichem Engagement zu gießen ist oft die einzige Möglichkeit, ihre Vitalität zu stärken und sie zu erhalten. Die aktive Beteiligung führt zur Steigerung der Akzeptanz und Mitwirkungsbereitschaft der Bürger: innen für eine klimaresiliente Region. Bevölkerung und Politik werden für wassersensible und klimaresiliente Stadtentwicklung sensibilisiert. Vorteile entstehen durch die Entlastung der Kanalisation, die Stärkung des natürlichen Wasserkreislaufs mittels ortsnaher Versickerung und die Speicherung von Treibhausgasen durch den Erhalt der Bäume. Das Besondere am Projekt ist, dass alltägliche, praktische Handlungsansätze im Mittelpunkt stehen. Jede: r wird mit einfachen Mitteln handlungsfähig gegenüber den komplexen Herausforderungen des Klimawandels. Bislang wurden ca. 750 Wassertanks an Regenfallrohre angeschlossen und werden durch mehr als 2500 Ehrenamtliche oder des Gebäudeschutzes als „Schottergärten“ gestaltet werden. Eine Infotafel regt zum Nachmachen an und weist auf die positiven Effekte auf Kleinklima, Wasserhaushalt und Biodiversität hin. Beispiel 3: Kläranlage Alte Emscher wird zur Klimaoase Die Kläranlage Alte Emscher liegt im hoch verdichteten und klimatisch belasteten Industrieballungsraum von Duisburg Bruckhausen. Hier wurde 2021 eine 8700 m² große Fläche in eine klimaaktive Frischluftinsel entwickelt. Ausgehend von einem wenig ökologischen Landschaftsrasen wurde im Rahmen des Projekts der Boden aufbereitet, eine heimische Saatgutmischung ausgebracht sowie 25 hochstämmige heimische Bäume wie Vogelbeere, Vogelkirsche, Speierling, Walnuss und Sommerkirsche auf der Fläche und entlang des Hauptkanals Alsum gepflanzt. Es entstand ein wertvoller Lebensraum für Tiere und Pflanzen - ein Biodiversitätshotspot inmitten der Stadt. Das Projekt wurde mit Mitteln des NRW-Förderprogramms „Klimaresiliente Region mit internationaler Strahlkraft “ umgesetzt. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Begleitung konnte festgestellt werden, dass sich die Artenvielfalt im Gegensatz zur Ursprungsfläche signifikant erhöht hat. Die Fläche wird heute extensiv gepflegt, also seltener gemäht. Dies stärkt den natürlichen Wasserkreislauf, erhöht die Verdunstung und mildert Hitzeinseln. Die neue Grünfläche verbessert zudem das Mikroklima, schafft eine Frischluftschneise für angrenzende Stadtteile und setzt ein Zeichen gegen den dramatischen Rückgang von Insekten, der vor allem durch Lebensraumverlust verursacht wird. So wird das Emschergebiet klimaresilienter und ökologisch vielfältiger. Beispiel 4: Gießkannenheld: innen - Gemeinsam für unsere Stadtbäume 2021 schlossen sich engagierte Bürger mit der Ehrenamt A gentur Essen zusammen, um mit der Schenkung von 1000-Liter-Regenwassertanks wei- Bild 3: Blühwiese © Matthias Hower/ EGLV Bild 4: Jede: r wird handlungsfähig gegenüber dem Klimawandel, Gießen von öffentlichen Bäumen © Sven Lorenz (oben) Tank an einer KiTa © Rupert Oberhäuser (unten) THEMA Umwelt 66 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0063 zur Stadtbaumbewässerung genutzt. Das Projekt begeistert die Menschen so sehr, dass es auf umliegende Städte, wie Gelsenkirchen und Bochum, ausgeweitet wurde. Beispiel 5: Mini.Wald Einen weiteren Schritt zur Anpassung der Städte an den Klimawandel bietet ein Mini.Wald. In Anlehnung an das Konzept der „Kleinen Wälder“ bietet der Mini. Wald die Chance, klimaresiliente Stadtentwicklung auf bestehenden kleineren Frei- und Brachflächen für Mensch und Natur umzusetzen. Die Bürger spiegeln den Wunsch einen Mini.Wald in ihrer Umgebung zu etablieren teils direkt an die Stadtverwaltungen, teils durch eigens hierfür gegründete Initiativen und gemeinnützige Vereine. Bislang wurden bereits in Essen, Recklinghausen, Bochum und Herten Mini. Wälder realisiert. Neben dem Pflanzen von heimischen Baum- und Straucharten auf engsten Raum (3-5 Pflanzen/ m²) stand der enge Austausch mit der Bevölkerung und den Akteuren vor Ort, wie Quartiersmanagement, Schulen und Kitas, sowie die gemeinsamen Pflanzaktionen im Zentrum der Projekte. Weitere positive Effekte entstehen u. a. durch die Steigerung der Biodiversität, die Verbesserung des Wasserhaushaltes und des Wasserrückhaltes sowie in der Aufwertung der Aufenthaltsqualität. So entstehen neue grüne und kühle Orte durch Verschattung und Evapotranspiration in klimatisch hoch belasteten Stadtteilen. Die Einbindung der Menschen vor Ort ist entscheidend für die Identifikation mit dem Projekt sowie für die Akzeptanz und den Fortbestand des Mini.Waldes. Eingangsabbildung: © iStock.com/ Petmal Bild 5: Gemeinsame Pflanzaktion des Mini.Waldes in Recklinghausen mit Beteiligten der Stadt Recklinghausen, der Grundschule Recklinghausen Hochlarmark und der Zukunftsinitiative Klima.Werk © Daniel Maiß Bild 6: Mini.Wald in Essen ca. 1,5 Jahre nach der Pflanzung © Felizia Kuhlke / EGLV AUTOR: INNEN Felizia Kuhlke, ZI - Zukunftsinitiative Klima. Werk, EMSCHERGENOSSENSCHAFT / LIPPEVERBAND Kronprinzenstraße 24, 45128 Essen kuhlke.felizia@eglv.de Nora Scholpp, ZI - Zukunftsinitiative Klima. Werk, EMSCHERGENOSSENSCHAFT / LIPPEVERBAND Kronprinzenstraße 24, 45128 Essen scholpp.nora@eglv.de www.eglv.de, www.klima-werk.de THEMA Umwelt 67 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0063
