Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0064
tc103/tc103.pdf1013
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Temporäre Maßnahmen gegen Hitze im urbanen Raum
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Clara Müller
Markus Groth
Markus Quante
Der Klimawandel erhöht den Handlungsdruck auf Städte, Maßnahmen zum Schutz der menschlichen Gesundheit vor erhöhter Hitzebelastung zu ergreifen. Dieser Artikel diskutiert vor diesem Hintergrund temporäre Ansätze als relativ leicht zu realisierende Anpassungsmaßnahmen im öffentlichen Raum. Neben den Ergebnissen einer umfassenden Literaturrecherche, werden Erfahrungen aus bereits umgesetzten Maßnahmen einbezogen. Darauf aufbauend werden Erkenntnisse über mögliche Grenzen und Beiträge dieser Hitzeanpassungsmaßnahmen sowie Gestaltungsansätze für ihre praktische Planung und Umsetzung abgeleitet.
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Temporäre Maßnahmen gegen Hitze im urbanen Raum Eine praxisbezogene Untersuchung möglicher Beiträge, Grenzen und Gestaltungsansätze Hitze, Klimaanpassung, Klimawandel, menschliche Gesundheit, Stadt, öffentlicher Raum Clara Müller, Markus Groth, Markus Quante Der Klimawandel erhöht den Handlungsdruck auf Städte, Maßnahmen zum Schutz der menschlichen Gesundheit vor erhöhter Hitzebelastung zu ergreifen. Dieser Artikel diskutiert vor diesem Hintergrund temporäre Ansätze als relativ leicht zu realisierende Anpassungsmaßnahmen im öffentlichen Raum. Neben den Ergebnissen einer umfassenden Literaturrecherche, werden Erfahrungen aus bereits umgesetzten Maßnahmen einbezogen. Darauf aufbauend werden Erkenntnisse über mögliche Grenzen und Beiträge dieser Hitzeanpassungsmaßnahmen sowie Gestaltungsansätze für ihre praktische Planung und Umsetzung abgeleitet. Die globale Erwärmung und ihre weitreichenden negativen Auswirkungen sind bereits heute spürbar und werden auch in Zukunft weiter zunehmen (IPCC, 2022; Janson et al., 2023). Die Hitzebelastung ist jedoch nicht überall gleich hoch, insbesondere Städte sind von einer starken und zunehmenden Hitzebelastung betroffen (Wolf et al., 2021). Aufgrund der besonderen Beschaffenheit von Städten - ihrem hohen Versiegelungsgrad, der zusätzlichen Wärmefreisetzung und einer vergleichsweise geringeren Begrünung - verstärkt der sogenannte städtische Wärmeinseleffekt die erhöhte Hitzebelastung im urbanen Raum (Deutscher Städtetag, 2023; Umweltbundesamt, 2023). Städte sind nicht nur verhält- 68 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 lyse nach Kuckartz und Rädiker (2024) codiert und anschließend analysiert. Ergänzend dazu wurde weiteres Praxiswissen unter Nutzung eines standardisierten Fragebogens herangezogen. Zusätzlich zu den bereits interviewten Stadtverwaltungsmitarbeitenden aus den Städten Köln, Minden und Ludwigsburg nahmen Mitarbeitende aus elf weiteren deutschen Städten an der Befragung teil, die an der Planung und Umsetzung temporärer Hitzeanpassungsmaßnahmen im öffentlichen urbanen Raum beteiligt waren (n=14). Der Fragebogen basiert überwiegend auf den Erkenntnissen aus den Interviews. Ergänzend wurden bereits durchgeführte Studien zu allgemeinen Hitzeanpassungsmaßnahmen herangezogen (vgl. Kaiser, Kind, Dudda und Sander, 2021; Baldin und Sinning, 2020; Duschinger, p.K., 25. & 26.11.2024; Studie des Projektes Hitzeservice.interaktiv, in Vorbereitung). Temporäre Maßnahmen gegen Hitze Temporäre Hitzeanpassungsmaßnahmen unterscheiden sich hauptsächlich hinsichtlich ihrer von vornherein festgelegten zeitlichen Begrenzung von anderen Hitzeanpassungsmaßnahmen. Als temporäre Maßnahmen werden jene bezeichnet, die für einen begrenzten Zeitraum im öffentlichen Raum aufgebaut oder aufzufinden sind, wie zum Beispiel mobile Sprühnebelduschen, die in den Sommermonaten aufgestellt werden. Maßnahmen, die das gesamte Jahr aufgebaut sind, aber nur für einen begrenzten Zeitraum in Benutzung sind, wie zum Beispiel fest verbaute Sprühnebelduschen, die nur in den Sommermonaten eingeschaltet werden, zählen nicht als temporäre Maßnahmen. Basierend auf den erhobenen Daten lassen sich verschiedene Ansätze erkennen, mithilfe derer temporäre Maßnahmen Abkühlung erzeugen können. Es gibt jene Maßnahmen, die durch feinen Wassernebel Verdunstungskälte erzeugen. Andere Maßnahmen erzeugen Schatten durch technische Elemente, wie Sonnensegel oder -schirme. Des Weiteren gibt es Maßnahmen, die Pflanzen verwenden, um Schatten zu erzeugen bzw. durch Verdunstungskälte für Abkühlung zu sorgen. Eingesetzt werden auch Maßnahmen, die zwei oder sogar alle drei Ansätze kombinieren. In der Stadt Köln wurde zum Beispiel 2022 mithilfe eines perforierten Schlauchs feiner Wassernebel erzeugt, um einen stark versiegelten Platz abzukühlen (Stadtverwaltung Köln, p.K., 16.10.2024). Auch in der Stadt Ludwigsburg stand ein stark versiegelter Platz im Fokus. Im Rahmen eines Förderprojektes in den Jahren 2022 und 2023 sowie auch nach Ablauf der Projektförderung im Jahr 2024 wurde ein Teilbereich nismäßig stark von der erhöhten Hitzebelastung betroffen, sie sind zudem vornehmlich verantwortlich für die Umsetzung entsprechender Maßnahmen, um mit diesen Belastungen umzugehen (Kaiser, Kind, Dudda & Sander, 2021). Dadurch steigt der Handlungsdruck für Städte, um zeitnah entsprechende Hitzeanpassungsmaßnahmen zu ergreifen (Baldin & Sinning, 2022). Verschiedene Ansätze können verfolgt werden, die darauf abzielen, die negativen gesundheitlichen Folgen bei Hitzewellen zu reduzieren und die Aufenthaltsqualität in der Stadt zu verbessern. Forschungsgegenstand Ein möglicher räumlicher Ansatzpunkt für Hitzeanpassungsmaßnahmen ist der öffentlich zugängliche Freiraum in der Stadt. Temporäre Maßnahmen können dort während erhöhter Hitzebelastung eingesetzt werden, um den öffentlichen Raum an die sich verstärkenden Betroffenheiten in Städten anzupassen. Bei temporären Hitzeanpassungsmaßnahmen im öffentlichen Raum handelt es sich um einen in der Praxis bislang nur selten verwendeten und wissenschaftlich kaum betrachteten Ansatz. Die Umsetzung derartiger Maßnahmen durch Stadtverwaltungen stellt den hier betrachteten Forschungsgegenstand dar, womit der Fokus auf den Handlungsmöglichkeiten der Städte liegt. Forschungsziel war die Auseinandersetzung mit möglichen Beiträgen und Grenzen derartiger Maßnahmen sowie Gestaltungsansätzen für ihre Planung und Umsetzung. Methodik: Praxiswissen aus Stadtverwaltungen Aufgrund der vergleichsweise geringen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit temporären Hitzeanpassungsmaßnahmen werden ergänzend Erfahrungen aus bereits umgesetzten Maßnahmen einbezogen. Dafür wurden zunächst die in den vier Städten Köln, Minden, Ludwigsburg und Wien umgesetzten temporären Maßnahmen näher betrachtet. Das umfassende Verständnis über die Maßnahmen wurde durch jeweils ein semi-strukturiertes qualitatives Expert*innen-Interview mit einer an der Planung und Umsetzung der Maßnahme beteiligten Person aus der Stadtverwaltung erzielt und mithilfe von grauer Literatur vervollständigt. Um eine Vergleichbarkeit zwischen den Maßnahmen zu gewährleisten, lag allen Interviews ein Leitfaden zugrunde, der Fragen zum Grundverständnis der Maßnahme, zum Beitrag und den Reaktionen der Bürger*innen, zu Erfolgsfaktoren und Hemmnissen sowie zu Grenzen abdeckt. Die Interviews wurden basierend auf der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsana- THEMA Umwelt 69 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 und das Aufzeigen von Alternativen zu einem hitzebelasteten öffentlichen Raum könnten die Sensibilisierung in der Bevölkerung für Hitze sowie für die damit verbundenen Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten erhöhen. Als Konsequenz sind individuelle Verhaltensänderungen denkbar, die auch dafür sorgen könnten, dass die gesundheitlichen Folgen reduziert werden. Bewusstseinsbildung in der Politik und Verwaltung Neben großen Auswirkungen auf die Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung wurden auch Auswirkungen auf die Bewusstseinsbildung in der Kommunalpolitik und der Stadtverwaltung identifiziert. Als Konsequenz für eine erhöhte Bewusstseinsbildung in der Politik und der Verwaltung ist ein höherer Stellenwert von Hitzeanpassung in der Diskussion, die Aufnahme derartiger oder vergleichbarer Maßnahmen in städtische Konzepte sowie die Umsetzung weiterer Maßnahmen denkbar. Im Vergleich zeigte sich dies bei den untersuchten Maßnahmen jedoch weniger ausgeprägt. Ein Grund dafür könnte sein, dass es sich dabei eher um längere Prozesse handelt. Empfehlung: Integration in Planungsvorgaben Insgesamt konnten eindeutige Beiträge von temporären Hitzeanpassungsmaßnahmen im öffentlichen Raum für die Hitzeanpassung in Städten identifiziert werden. Die identifizierten Beiträge stehen jedoch im starken Kontrast zu ihrer sowohl wissenschaftlich als auch in der Planungspraxis noch geringen Berücksichtigung. Durch eine Verbesserung des Wissens hierzu könnte die Bekanntheit dieser und somit auch die Umsetzung durch Stadtverwaltungen in den Städten erhöht werden. Eine Aufnahme derartiger Maßnahmen als Option in Planungsvorgaben würde eine Erweiterung des Möglichkeitsraums von Stadtverwaltungen darstellen, der weitere Wege der Klimaanpassung eröffnet. Die Grenzen von temporären Maßnahmen Die praktischen Erfahrungen lassen aber auch Grenzen von temporären Hitzeanpassungsmaßnahmen erkennen, da inhärente designbedingte Beschränkungen der Maßnahmen die Wirkung dieser reduzieren können. Das Wissen darüber kann bei der Einordnung derartiger Maßnahmen sowie im praktischen Umgang mit ihnen helfen. Grenzen hinsichtlich der Abkühlungswirkung In erster Linie lassen sich Grenzen hinsichtlich der Abkühlungswirkungen erkennen, da diese insbesondere sehr kleinräumig sind und oft nur kurzfrisdes Rathaushofs mithilfe von Bäumen in Kübeln, Sitzbänken und Verschattungselementen temporär zu einem schattigen Ort mit einer hohen Aufenthaltsqualität umgestaltet (Stadtverwaltung Ludwigsburg, p.K., 17.10.2024). Im Sommer 2023 sorgten in der Stadt Minden zwei mobile vertikale Gärten für Abkühlung an einem stark versiegelten Standort (Stadtverwaltung Minden, p.K., 15.10.2024). Aufgestellt wurden dort Bänke mit bepflanzten Wänden und einem Sonnensegel (Stadtverwaltung Minden, p.K., 15.10.2024). In der Stadt Wien werden jährlich eigens dafür entwickelte Anlagen an Hydranten angeschlossen, die auf Knopfdruck Wassernebel erzeugen und dadurch an mehr als hundert Hotspots für Abkühlung sorgen (Magistrat Wien, MA 49, p.K., 09.10.2024). Der Beitrag von temporären Maßnahmen Basierend auf dem erhobenen Praxiswissen lassen sich verschiedene Ansätze erkennen, wie die untersuchten Maßnahmen einen Beitrag zur Hitzeanpassung in Städten leisten können. Dabei bezieht sich der Beitrag auf die von den Maßnahmen ausgehenden direkten oder indirekten Auswirkungen, die dafür sorgen können, dass der Aufenthalt im öffentlichen Raum während und trotz erhöhter Hitzebelastungen angenehmer wird bzw. die gesundheitlichen Folgen für die Menschen reduziert werden. Senkung der Temperatur Die Senkung der Temperatur konnte als eine große Auswirkung der untersuchten Maßnahmen herausgearbeitet werden. Auch wenn nur vier der untersuchten Maßnahmen Temperaturmessungen durchgeführt haben, so zeigen diese eindeutig eine Senkung der Temperatur im Umfeld der Maßnahme. Eine quantitative, mikrometeorologisch abgesicherte Erfassung der Temperatursenkung durch Maßnahmen wäre mit einem hohen messtechnischen Aufwand verbunden und wurde daher nur in den wenigsten Fällen durchgeführt. Neben der messbaren Senkung der Temperatur wurden außerdem positive Auswirkungen auf das subjektive Temperaturempfinden erarbeitet. Durch die tatsächliche oder gefühlte Reduzierung der erhöhten Hitzebelastung könnten derartige Maßnahmen für einen angenehmeren Aufenthalt in der Stadt sorgen sowie die gesundheitlichen Folgen reduzieren. Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung Als eine weitere Auswirkung der untersuchten Maßnahmen zeigt sich die Erhöhung der Aufenthaltsqualität, die für einen angenehmeren Aufenthalt in der Stadt während erhöhter Hitzebelastung sorgen könnte. Die Präsenz der Maßnahmen in der Stadt THEMA Umwelt 70 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 Gestaltungsansätze für Stadtverwaltungen Im Rahmen der Untersuchung konnten zudem einige Faktoren erarbeitet werden, die den Prozess, die zeitliche Komponente sowie den Umfang der Maßnahme beeinflussen können und somit Einfluss darauf haben, ob und in welchem Umfang die temporären Maßnahmen zur Hitzeanpassung in Städten beitragen können. Diese Gestaltungsansätze liefern Anregungen, wie Stadtverwaltungen die Planung und Umsetzung derartiger Maßnahmen gestalten können, damit diese ohne Abstriche zur Hitzeanpassung beitragen können. Die Gestaltungsansätze basieren auf Erfolgsfaktoren, die die Planung und Umsetzung erleichtern oder fördern und somit hilfreich sein können, sowie auf Hemmnissen. Das Wissen über die Hemmnisse kann dabei helfen, rechtzeitig Lösungsmöglichkeiten einzuplanen. Wahl eines geeigneten Standortes Standortbezogene Faktoren sind bei den untersuchten Maßnahmen sehr häufig aufgetaucht und als einflussreich identifiziert worden. Am häufigsten wurde das Problem, einen geeigneten Standort zu finden, als Hemmnis identifiziert. Zwei der Befragten gaben sogar an, dass dieser Aspekt einer der Hauptgründe dafür sei, dass ihre Maßnahme bisher nicht erneut umgesetzt wurde. Standortbezogene Faktoren sollten daher unbedingt bei der Gestaltung beachtet werden. Aufgrund der kleinräumigen Wirkung spielt der Standort eine besonders wichtige Rolle für den Beitrag zur Hitzeanpassung, so dass dies frühzeitig in den Planungsprozess einbezogen werden sollte. Die Eignung eines Standortes ist dabei stark von den jeweiligen Maßnahmen sowie von den individuellen Gegebenheiten abhängig. Es empfiehlt sich generell ein Standort mit einer großen Hitzebelastung, bei dem der Kühlungsbedarf bereits bekannt ist, da dies die Akzeptanz steigern könnte. Außerdem empfiehlt sich ein Standort, der bereits stark von der Öffentlichkeit genutzt wird oder das Potential hat, stärker genutzt zu werden, da dadurch besonders zur Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung beigetragen werden könnte. Strukturen und Arbeitsweisen innerhalb Verwaltung Neben dem Ort, an dem die Maßnahmen umgesetzt werden sollen, spielt auch die Ebene, in der die Maßnahmen geplant und die Umsetzung koordiniert werden, eine große Rolle: die Stadtverwaltung. Einige Faktoren, wie zum Beispiel die individuelle Motivation und die Rahmenbedingungen, sind nur begrenzt von den Verwaltungsmitarbeitenden beeinflussbar. Etwas mehr als die Hälfte der befragten Personen identifizierte Motivation und Wille innerhalb der Vertig sowie zum Teil vergleichsweise gering wirken. Auch wenn bei den untersuchten Maßnahmen kein Einfluss auf die stadtweite Temperatur und teilweise nur ein geringer Abkühlungseffekt identifiziert werden konnte, wurde in der Auseinandersetzung mit den Beiträgen herausgearbeitet, dass sie durchaus die Temperatur im nahen Umfeld der Maßnahme subjektiv und objektiv senken können. Da es sich um temporäre Maßnahmen handelt, können diese zwangsläufig nur für eine begrenzte Zeit für Abkühlung sorgen. Grenzen im Gesamtkontext der Hitzeanpassung Neben den Grenzen bezüglich der Abkühlungswirkung lassen sich auch Restriktionen im Gesamtkontext der Hitzeanpassung identifizieren. So handelt es sich bei temporären Hitzeanpassungsmaßnahmen um keine Universallösungen, die für jeden Standort geeignet sind. Dies wird auch dadurch bestätigt, dass standortbezogene Hemmnisse bei den untersuchten Maßnahmen sehr häufig auftauchten und als einflussreich identifiziert wurden. Außerdem stellen sie keine alleinige Lösung dar, sie sollten demzufolge nicht als einzige Hitzeanpassungsmaßnahme eingesetzt werden. Begründen lässt sich dies unter anderem damit, dass temporäre Maßnahmen nur einen kleinen Beitrag zur Hitzeanpassung leisten können. In einigen Fällen wird der Beitrag sogar als zu klein und die Maßnahme nur als Übergangslösung betrachtet. Andererseits werden temporäre Maßnahmen jedoch gerade aufgrund ihrer guten Eignung als Übergangslösung gezielt als solche eingesetzt. Empfehlung: Wissen über Grenzen als Chance Auch wenn einige Grenzen identifiziert wurden, können temporäre Hitzeanpassungsmaßnahmen dennoch einen Beitrag zur Hitzeanpassung in Städten leisten. Das Wissen über die Grenzen sollte als Chance gesehen werden, um proaktiv einen zielführenden Einsatz zu ermöglichen. Um Missverständnisse seitens der Politik, der Bevölkerung oder anderer Abteilungen der Verwaltung durch eine zu hohe oder unrealistische Erwartungshaltung insbesondere in Bezug auf die Abkühlungswirkung zu vermeiden, sollten die Grenzen frühzeitig und aktiv kommuniziert werden. Außerdem sollten die Maßnahmen in Kombination mit weiteren Maßnahmen umgesetzt und in ein Gesamtkonzept eingebunden werden. Neben einer angemessenen Erwartungshaltung kann dies dazu führen, dass die Entscheidung für eine temporäre Maßnahme im Umgang mit dem Klimawandel nicht als unzureichende Lösung angesehen wird. THEMA Umwelt 71 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 zess hilfreich. Der Verweis auf städtische Konzepte und Strategien sowie deren Umgang mit dem Klimawandel bzw. Hitze könnte die Unterstützung durch die Kommunalpolitik fördern. Auch die Integration von Maßnahmen in Förderprogramme und das damit signalisierte Interesse des Bundes oder des Landes am Thema könnte die Unterstützung durch die Kommunalpolitik erhöhen. Unterhaltung, Instandhaltung und Überwinterung Auch die tatsächliche Umsetzung der Maßnahmen sollte möglichst frühzeitig bei der Planung beachtet werden, wie die Instandhaltung und Unterhaltung der Maßnahmen. Probleme dabei tauchten bei etwa einem Drittel der Befragten auf. Falls notwendig, sollte auch die Überwinterung der Maßnahmen bedacht werden. Die Überwinterung stellt insbesondere für Maßnahmen mit Pflanzen eine große Herausforderung dar. Diese Aspekte sollten in Abhängigkeit von der jeweiligen Maßnahme und den Gegebenheiten der Stadt unter Zuhilfenahme der vorhandenen Infrastruktur und möglicherweise in Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern oder den städtischen Eigenbetrieben geklärt werden. Gestaltungsansätze mit vergleichsweise geringer Relevanz Bei einigen wenigen der untersuchten Maßnahmen spielten rechtliche Aspekte bei der Planung und Umsetzung eine hindernde Rolle, keiner der Befragten gab rechtliche Erfolgsfaktoren an. Aufgrund der bislang oftmals kaum vorhandenen Rechtsgrundlage für die Umsetzung von temporären Maßnahmen sowie von Hitzeanpassungsmaßnahmen gilt es, hier die Voraussetzungen für eine rechtssichere Umsetzung zu schaffen. Auch die Beteiligung der Öffentlichkeit spielte bislang nur bei einigen wenigen der untersuchten Maßnahmen eine Rolle. Dabei könnte die Öffentlichkeit im Rahmen der Erarbeitung eines geeigneten Standorts, der Ausgestaltung der Maßnahme sowie ihrer Evaluierung hervorragend einbezogen werden. Fazit Auch wenn im Rahmen der Untersuchung einige Grenzen, insbesondere hinsichtlich der Abkühlungswirkung, identifiziert wurden, können temporäre Hitzeanpassungsmaßnahmen eindeutig zur Hitzeanpassung in Städten beitragen, indem sie die gesundheitlichen Folgen für die Menschen reduzieren und für einen angenehmen Aufenthalt in der Stadt sorgen. Zudem wurden Faktoren abgeleitet, die den Prozess, die zeitliche Komponente sowie den Umfang der Maßnahme beeinflussen können und somit Einwaltung als Erfolgsfaktor, damit stellt dieser Aspekt den zweithäufigsten Erfolgsfaktor dar. Auch wenn die individuelle Motivation nicht beeinflusst werden kann, kann das Wissen um den Einfluss jedoch bei der Wahl interner Projektpartner*innen berücksichtigt werden. Eine ebenfalls sehr wichtige Rolle spielen die Personalressourcen und das vorhandene theoretische sowie praktische Wissen. Das Bewusstsein über die Bedeutung dieser wesentlichen Einflussfaktoren kann dazu genutzt werden, gezielt Unterstützung einzuholen, aktiv relevantes Wissen aufzubauen oder im Vorfeld die Verfügbarkeit entsprechender personeller Ressourcen sicherzustellen. Auch die finanziellen Ressourcen spielen eine wichtige Rolle. Eine der befragten Personen sah die fehlenden finanziellen Ressourcen als einen der Hauptgründe dafür, dass die Maßnahme bisher nicht erneut umgesetzt wurde. Eine frühzeitige Kostenkalkulation, die Suche nach Förderbzw. Drittmitteln und die Unterstützung durch die Kommunalpolitik sind hilfreich, um die Maßnahmen generell und im angestrebten Umfang zu gewährleisten. Darüber hinaus gibt es noch einige Arbeitsweisen, die maßgeblich von den Mitarbeitenden beeinflusst werden können und somit wichtige Gestaltungsansätze darstellen. Durch eine gute und enge Abstimmung mit internen sowie externen Akteur*innen könnten zum Beispiel zeitliche Verzögerungen vermieden werden. Eine enge Zusammenarbeit mit allen beteiligten Akteur*innen sowie ein konkreter Ablaufplan sind grundsätzlich wichtig, insbesondere bei einer kurzen Umsetzungsdauer der Maßnahmen. Die Bereitschaft zu Kompromissen wiederum könnte es ermöglichen, Nutzungskonflikte beim Standort zu lösen. Außerdem könnten durch eine klare und direkte Kommunikation der Planung, insbesondere der Grenzen, mit der Öffentlichkeit, der Kommunalpolitik aber auch mit den Kolleg*innen, Widerstände und Bedenken reduziert und Erwartungen frühzeitig eingeordnet werden. Befürwortung durch die Kommunalpolitik Neben der Verwaltung kann aufgrund der Strukturen in der Stadt auch die Kommunalpolitik einen großen Einfluss auf die Planung und Umsetzung der Maßnahmen haben. Insbesondere der Stellenwert des Themas in der Politik und die Vorlage eines politischen Beschlusses zeigen die Befürwortung der Maßnahmen durch die Kommunalpolitik. Dieser Aspekt wurde von zwei Dritteln der Befragten und somit als häufigster Erfolgsfaktor genannt. Um die Interessen der Kommunalpolitik einzubeziehen und diese von der Planung zu überzeugen, ist ihre frühzeitige Beteiligung und Einbindung in den gesamten Pro- THEMA Umwelt 72 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2024). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz (6. Auflage). Juventa Verlag. Umweltbundesamt. (2023). Monitoringbericht 2023 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel: Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe Anpassungsstrategie der Bundesregierung. www.umweltbundesamt.de/ publikationen/ monitoringbericht-2023 Wolf, M., Ölmez, C., Schönthaler, K., Porst, L., Voß, M., Linsenmeier, M., Kahlenborn, W., Dorsch, L. & Dudda, L. (2021). Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 für Deutschland: Teilbericht 5: Risiken und Anpassung in den Clustern Wirtschaft und Gesundheit. Climate Change: Bd. 24. Umweltbundesamt. https: / / www.umweltbundesamt.de/ publikationen/ KWRA-Teil-5-Wirtschaft-Gesundheit PERSÖNLICHE KOMMUNIKATION Duschinger, p.K., 25. & 26.11.2024: E-Mail-Kommunikation mit S. Duschinger am 25. & 26.11.2024 zur Studie des Projektes Hitzeservice.interaktiv, in Vorbereitung. Magistrat Wien, MA 49, p.K., 09.10.2024: Interview mit einer Person aus dem Magistrat Wien, aus der Magistratsabteilung 49 Klima, Forst- und Landwirtschaftsbetrieb aus der Abteilung Bereichsleitung für Klimaangelegenheiten. Das Interview wurde am 09.10.2024 durch Clara Müller durchgeführt. Stadtverwaltung Köln, p.K., 16.10.2024: Interview mit einer Person aus der Stadtverwaltung Köln, aus der Abteilung Umweltplanung und -vorsorge. Das Interview wurde am 16.10.2024 durch Clara Müller durchgeführt. Stadtverwaltung Ludwigsburg, p.K., 17.10.2024: Interview mit einer Person aus der Stadtverwaltung Ludwigsburg, aus dem Referat für Stadtentwicklung, Klima und Internationales. Das Interview wurde am 17.10.2024 durch Clara Müller durchgeführt. Stadtverwaltung Minden, p.K., 15.10.2024: Interview mit einer Person aus der Stadtverwaltung Minden, aus dem Bereich Stadtplanung und Umwelt. Das Interview wurde am 15.10.2024 durch Clara Müller durchgeführt. Eingangsabbildung: © iStock.com/ Xurzon fluss darauf haben, ob und in welchem Umfang die temporären Maßnahmen zur Hitzeanpassung beitragen können. Diese Gestaltungsansätze können Stadtverwaltungen als Hilfestellung bei ihrer Planung und Umsetzung dienen. Auch wenn die Kurzfristigkeit und Kleinräumigkeit der Maßnahmen sowie die Abkühlungswirkung und somit auch der Beitrag für die Hitzeanpassung durchaus kritisch betrachtet werden kann, so bieten temporäre Hitzeanpassungsmaßnahmen eine schnelle Möglichkeit, für Abkühlung in der Stadt zu sorgen, wenn die Nutzung umfassender und dauerhafter Maßnahmen (noch) nicht möglich ist. Temporäre Hitzeanpassungsmaßnahmen stellen eine Antwort auf die klimawandelbedingte erhöhte Hitzebelastung und die damit verbundenen veränderten Bedürfnisse dar, zeigen alternative Gestaltungsmöglichkeiten des öffentlichen urbanen Raums auf und können für einen angepassten Umgang mit der erhöhten Hitzebelastung sorgen. LITERATUR Baldin, M.-L. & Sinning, H. (2020). Perspektiven kommunaler Akteure auf Klimaanpassung an Hitze: Ergebnisbericht der Akteurs- und Governanceanalyse sowie Handlungsempfehlungen für Kommunen. ISP-Schriftenreihe. Vorab-Onlinepublikation. https: / / doi.org/ 10.22032/ DBT.49154 Baldin, M.-L. & Sinning, H. (2022). Hitzeresiliente Städte: Warum gelingt die Umsetzung nicht? disP - The Planning Review, 58(1), 4-20. https: / / doi.org/ 10.1080/ 02513625.2022. 2091848 Deutscher Städtetag. (2023). Damit Hitze nicht krank macht: wie Städte cool bleiben: Diskussionspapier des Deutschen Städtetages. Beschlossen vom Hauptausschuss am 26. Januar 2023 in Chemnitz. Deutscher Städtetag. https: / / www. staedtetag.de/ files/ dst/ docs/ Publikationen/ Positionspapiere/ 2023/ P89332_Staedtetag_Diskussionspapier_Hitzevorsorge_in_den_Staedten_12052023.pdf IPCC (Hrsg.). (2022). Climate Change 2022: Impacts, Adaptation and Vulnerability: Contribution of Working Group II to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Pörtner, H.-O.; Roberts, D. C.; Tignor, M.M Poloczanska, E. S.; Mintenbeck, K.; Alegría, A.; Craig, M.; Langsdorf, S. Löschke, S.; Möller, V.; Okem, A.; Rama, B. (eds.)]. Cambridge University Press. https: / / doi. org/ 10.1017/ 9781009325844 Janson, D., Kaiser, T., Kind, C., Hannemann, L., Nickl, J. & Grewe, H. A. (2023). Analyse von Hitzeaktionsplänen und gesundheitlichen Anpassungsmaßnahmen an Hitzeextremen in Deutschland: Abschlussbericht. Umwelt und Gesundheit. Umweltbundesamt. https: / / www.umweltbundesamt.de/ sites/ default/ files/ medien/ 11850/ publikationen/ hap-de_ endbericht_bf_230321_lb.pdf Kaiser, T., Kind, C., Dudda, L. & Sander, K. (2021). Klimawandel, Hitze und Gesundheit: Stand der gesundheitlichen Hitzevorsorge in Deutschland und Unterstützungsbedarf der Bundesländer und Kommunen. Umwelt und Mensch - Informationsdienst (UMID), 2021(1), 27-37. https: / / www. umweltbundesamt.de/ sites/ default/ files/ medien/ 4031/ publikationen/ umid_01-2021-beitrag_3_hitze.pdf AUTOR: INNEN Clara Müller, M. Sc. Nachhaltigkeitswissenschaften, Leuphana Universität Lüneburg clarawmueller@gmail.com Markus Groth, Dr., Climate Service Center Germany (GERICS), Helmholtz-Zentrum Hereon markus.groth@hereon.de Markus Quante, Prof. Dr., Leuphana Universität Lüneburg, Fakultät Nachhaltigkeit markus.quante@leuphana.de THEMA Umwelt 73 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064
