Transforming Cities
tc
2366-7281
2366-3723
expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0069
tc104/tc104.pdf1215
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Steuerung und Umsetzung klimaneutraler Quartiere
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Johanna Kucknathttps://orcid.org/0009-0007-6865-2354
Sebastian Gölzhttps://orcid.org/0009-0006-9129-8632
Aus der formativen Evaluation des transdisziplinären Projektes Reallabor EnStadt:Pfaff, welches die Planung und Umsetzung des „Pfaff-Quartiers“ in Kaiserslautern begleitet, werden Handlungsempfehlungen
für die Steuerung und Umsetzung von klimaneutralen Quartieren für Praxisakteure abgeleitet.
Der Beitrag spricht Schlüsselthemen wie Zielkonflikte, Konsensfindung, Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis, fachliche Komplexität, Umsetzung von Innovationen und die Gestaltung von Planungsprozessen an. Es werden Lösungsmaßnahmen formuliert, die sich aus Projekterfahrungen und Literatur ergeben.
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Steuerung und Umsetzung klimaneutraler Quartiere Handlungsempfehlungen für Planende und Umsetzende von Quartiersprojekten der Energiewende Klimaneutral, Quartiersentwicklung, Governance, Evaluation, Handlungsempfehlungen, Reallabor Johanna Kucknat, Dr. Sebastian Gölz Aus der formativen Evaluation des transdisziplinären Projektes Reallabor EnStadt: Pfaff, welches die Planung und Umsetzung des „Pfaff-Quartiers“ in Kaiserslautern begleitet, werden Handlungsempfehlungen für die Steuerung und Umsetzung von klimaneutralen Quartieren für Praxisakteure abgeleitet. Der Beitrag spricht Schlüsselthemen wie Zielkonflikte, Konsensfindung, Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis, fachliche Komplexität, Umsetzung von Innovationen und die Gestaltung von Planungsprozessen an. Es werden Lösungsmaßnahmen formuliert, die sich aus Projekterfahrungen und Literatur ergeben. Einleitung Die Energiewende erfordert ambitionierte Maßnahmen, um die K limaziele in Deut schland zu erreichen. S ek torübergreifend e U m s e t z un g s proj e k te w i e EnStadt: Pfaff sind dabei essenziell, da sie praxisnahe Lösungen für klimaneutrale Quartiere entwickeln und wertvolle Erkenntnis se für die Skalierung und Umset zung von Transformationsprojekten liefern. Das Projekt zeichnet sich durch Innovationskraft, inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit und Integration von Wissenschaft und Praxis aus. Neben technologischen Innovationen sind jedoch auch integrierte Planungsprozesse, gezielte Steuerung und die Einbindung ver- 6 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0069 als Experimentierraum für innovative Technologien und integrierte Planungsprozesse, die in die Entwicklung des Pfaff-Quartiers eingebettet waren. Ziel war es, Konzepte für klimaneutrale Quartiere zu erarbeiten, umzusetzen und deren Machbarkeit zu demonstrieren. Dabei wurden Akteure aus Wissenschaft, Praxis, Verwaltung und Zivilgesellschaft eingebunden, um praxisnahe und übertragbare Lösungen zu entwickeln. Methodik D i e P r o j e k t e v a l u a t i o n v o n EnStadt: Pfaff wurde als formative Evaluation über den gesamten Projektverlauf des ersten Vorhabens durchgeführt, um die Steuerung zu bewerten und zu optimieren. In drei Interviewrunden mit insgesamt 44 Interviews wurden Ziele, Herausforderungen, Zusammenarbeit und Projekterfolge analysiert. Die ersten beiden Runden ( Treffeisen 2018, Gölz und Schelleis 2019) fokussierten sich auf Prozesse, Kommunikation und Zusammenarbeit, während die dritte Runde (Kucknat und Lastrico 2023) eine Gesamtbewertung vornahm. Dabei wurden Highlights wie die Leuchtturmwirkung und organisatorische Erfolge sowie Herausforderungen wie Zielkonflikte, Mehraufwand und Verzögerungen identifiziert. Die Ergebnisse flossen in Handlungsempfehlungen zur Optimierung zukünftiger Projekte ein. 16 Handlungsempfehlungen für den Umgang mit Herausforderungen der Projektsteuerung Ein erster Blick auf die Herausforderungen und Handlungsempfehlungen lässt erahnen: Einige der adressierten Themen haben eine hohe Überschneidung mit den Risiken und Instrumenten des klassischen Projektmanagements (insbesondere der Umgang mit Zielen und Zielkonflikten, Konsensfindung). Dies ist kein Zufall, da der Untersuchungsgegenstand „Projektsteuerung eines transdisziplinären Forschungsprojek tes “ schließlich ein Fall des Projektmanagements ist. Der Untersuchungsfall geht jedoch über das klassische Projektmanagement hinaus, da, Reallabore oder Piloten der Energiewende eine besonders hohe Heterogenität an Akteuren und Interessen, fachlicher Komplexität und Bedarf zur Zusammenarbeit mit sich bringen. 1. Herausforderung: Zieldefinition und Zielkonflikte Unterschiedliche Akteure verfolgen oft divergierende Ziele, was zu Zielkonflikten führt, insbesondere bei der Konkretisierung von Lösungen. 1.1 Handlungsempfehlung: Austausch fördern Ein intensiver Austausch zwischen den Akteuren ist notwendig, um Vertrauen aufzubauen und Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen. Im Projekt EnStadt: Pfaff wurde der Austausch als essenziell für Vertrauen und Zusammenarbeit erkannt. Eine erste Prozessevaluation empfahl verstärkten Austausch, was durch regelmäßige Konsortialtreffen, gemeinsame Gutachten, institutsübergreifende Arbeitspakete und die Entwicklung eines gemeinsamen Leitbilds umgesetzt wurde. So konnten Zielkonflikte, die aufgrund der Heterogenität der Akteure und Ziele zurückzuführen waren, adressiert werden. 1.2 Handlungsempfehlung: Gemeinsame Problemdefinition Die Problemstellung sollte nicht vorgegeben, sondern gemeinsam erarbeitet werden, um eine breite Akzeptanz zu gewährleisten. Im Projekt EnStadt: Pfaff war die gemeinsame Problemdefinischiedener Akteure entscheidend für den Erfolg. Ambitionierte Quartiersprojekte wie EnStadt: Pfaff schaffen Raum für den Austausch und die gemeinsame Problemlösung zwischen Schlüsselakteuren, die im Alltag oft getrennt agieren. Sie können die Energiewende beschleunigen, sind jedoch durch die hohe Komplexität und Heterogenität der Akteure und Themen herausfordernd. Dieser Beitrag analysiert diese Herausforde rungen und gibt konkrete Handlungsempfehlungen, um typische Probleme der Projektsteuerung in heterogenen Konsortien und bei der praktischen Umsetzung von klimaneutralen Quartieren zu bewältigen. Der Beitrag richtet sich an Akteure der Energiewende, darunter Forschende, Kommunen, Stadt- und Energieplanende sowie Ingenieurinnen und Ingenieure. Erfahrungen aus EnStadt: Pfaff werden genutzt, um Themen wie Zielkonflikte, Konsensfindung, Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis, fachliche Komplexität, Innovationsumsetzung und Planungsprozesse zu beleuchten. Ergänzend zu diesem Artikel liegt ein ausführlicherer Themenbericht vor (Kucknat und Gölz, in Veröffentlichung), der praktische Handlungsempfehlungen und reale Beispiele aus dem Projekt darstellt, damit den Wissenstransfer in die Praxis erleichtert und hilft, die Energiewende effektiv voranzutreiben. Leuchtturmprojekt EnStadt: Pfaff Das Projekt EnStadt: Pfaff ist eines von sechs Leuchtturmprojekten der Energiewende in Deutschland und wurde in einer ersten Förderphase von 2017 bis 2024 als transdisziplinäres Reallabor zur Entwicklung eines klimaneutralen Quartiers durchgeführt 1 . Es diente PRAXIS + PROJEKTE Energiewende 7 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0069 nimalkompromisse “ lösten bei den Projek tpartnern zunächst Frustration und Ermüdung aus. Im weiteren Verlauf wurde jedoch deutlich, dass viele Projekterfolge und Highlights gerade durch Kompromisse und Konsensorientierung ermöglicht wurden. Zu den Erfolgen zählen die Integration der Solargründachpflicht und der Stellplatzsatzung in den Bebauungsplan, die Umsetzung des Kf W-70 -Standards im denkmalgeschützten Gebäude des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) sowie eine klimafreundliche Energielösung für das Quartier. 2.2. Handlungsempfehlung: Transparente Entscheidungsprozesse Klare Entscheidungswege und transparente Kommunikation sind entscheidend, um Konflikte zu vermeiden. In EnStadt: Pfaff führten Änderungen im Verlauf zu Mehraufwänden und Frustration. Als Innovationsprojekt reagierte es agil auf sich ändernde Rahmenbedingungen. Die zentrale Entscheidungsfindung lag bei der Projektleitung, die eng mit einem Projektsteuerkreis zusammenarbeitete. Dies ermöglichte eine Abwägung von Alternativen. Gleichzeitig zeigte sich die Relevanz dezentraler Entscheidungsinstanzen, etwa bei der Gebäudesanierung. Ein Ingenieur betonte, dass praktische Entscheidungen vor Ort, wie Wirtschaftlichkeitsre chnungen oder te chnis che Details, durch klare Verantwortlichkeiten und Entscheidungsbereitschaft effizienter getroffen werden konnten. 3. Herausforderung: Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis Unterschiedliche Arbeits- und Kommunikationsweisen erschwearbeitungen von Lösungen, etwa eine Stellplatzsatzung mit Mobilitätsstationen. Die Maßnahmen verbesserten die Verständigung zwischen Wissenschaft und Praxis. Eine externe Person aus der Stadtverwaltung bewertete das Projekt als erfolgreich, da im Verlauf eine „Übersetzung“ zwischen den Akteuren geschaffen wurde. Formelle und informelle Kommunikationsmaßnahmen stärkten zudem die politische Akzeptanz und Unterstützung für das Projekt. 2. Herausforderung: Konsensfindung Die Zusammenarbeit erfordert eine diskursive Aushandlung von Lösungen, die von allen Akteuren getragen werden können. 2.1. Handlungsempfehlung: Tragfähige Lösungen entwickeln Lösungen sollten so gestaltet sein, dass sie von allen Akteuren getragen werden können, ohne die Projektziele zu gefährden. In EnStadt: Pfaff war es herausfordernd, zwischen gemeinsamen Lösungen und der Enttäuschung über viele Kompromisse zu balancieren. Wiederholte „Mition ressourcenintensiv. Teilnehmende kritisierten den hohen Abstimmungsaufwand und den geringen inhaltlichen Austausch. Da sich zeigte, dass die Akteure unterschiedliche Definitionen des Begriffs „klimaneutrales Quartier“ nutzten, wurde ein Leitbildprozess initiiert. Gemeinsam entwickelten und formulierten die Projektpartner ein Leitbild, das von allen unterzeichnet wurde. Dieses dient sowohl im Projekt als auch darüber hinaus als Orientierung. 1.3. Handlungsempfehlung: Externe Kommunikation stärken Die Kommunikation mit externen Stakeholdern sollte nicht vernachlässigt werden, um Akzeptanz und Unterstützung zu fördern. EnStadt: Pfaff setzte vielfältige Kommunikations- und Beteiligungsmaßnahmen um, um Bürgerinnen, Bürger und die lokale Politik einzubinden. Für die Bevölkerung wurden Formate wie eine Projektwebseite, ein YouTube-Kanal, Presseartikel, Bildungsangebote, ein Reallabor-InfoCenter und Veranstaltungsreihen organisiert. Für die Politik gab es Vorträge in Gemeinderatssitzungen, Fraktionsrunden und gemeinsame Er- Bild 1: Darstellung des denkmalgeschützten Gebäudes MVZ mit Kf W 70 Standard © Triolog/ EnStadt: Pfaff PRAXIS + PROJEKTE Energiewende 8 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0069 und die Akzeptanz von Fehlern sind notwendig. 4.1. Handlungsempfehlung: Experimentierräume zulassen Fehler und Misserfolge sollten als Teil des Lernprozesses akzeptiert werden. Im Projekt EnStadt: Pfaff wurden Konzepte nicht nur entwickelt, sondern auch vor Ort umgesetzt, was die Komplexität erhöhte. Das Quartier wurde einerseits als „Testwiese“ zum Experimentieren, andererseits als Prestigeprojekt unter Erfolgsdruck wahrgenommen. Nicht alle Maßnahmen konnten umgesetzt werden, wie die geplante Nutzung industrieller Abwärme, die aufgrund von Unsicherheiten bei Energieträgerpreisen verworfen wurde. Diese „Sackgasse“ wurde als gravierend empfunden, war jedoch Teil des Lernprozesses im Reallabor. Trotz Herausforderungen zeigten sich die Beteiligten am Ende zufrieden mit der entwickelten Energielösung. 4.2. Handlungsempfehlung: Ganzheitliche und detaillierte Betrachtung Eine Balance zwischen der Betrachtung des Gesamtsystems und der Bearbeitung von Details ist notwendig. Im Projekt wurden Maßnahmen umgesetzt, um Komplexität zu begrüßen und gleichzeitig zu reduzieren. Arbeitsgruppen erarbeiteten detaillierte Lösungen für spezifische Themen wie Energie, Gebäude, Digitalisierung und Mobilität. Konzepte wurden auf Gebäudeebene angepasst, etwa das Holzparkhaus zur Minimierung grauer Emissionen und die Energiezentrale für die Quartiersversorgung. Die regelmäßige Reflexion und der Abgleich mit dem Leitbild des Gesamtprojekts stellten sicher, dass die erarbeiteten Lösungen mit den übergeordneten Zielen übereinstimmten. 5. Herausforderung: Transfer von Innovationen in die Praxis Die Überführung von Innovationen in die Praxis erfordert ein effektives Schnittstellenmanagement, die Nutzung von Intermediären und das Ausnutzen gesetzlicher Spielräume. 5.1. Handlungsempfehlung: Intermediäre nutzen Intermediäre können als Brückenbauer zwischen Konzept und Praxis fungieren und die Umsetzung von Innovationen erleichtern. Im Projekt EnStadt: Pfaff führte die Übergangsphase von der Konzeptentwicklung zur Umsetzung im Pfaff-Quartier zu zahlreichen zusätzlichen Aufgaben, wie Wirtren die Kooperation. Eine gemeinsame Sprache und gegenseitiges Verständnis sind essenziell. 3.1. Handlungsempfehlung: Gemeinsame Sprache entwickeln Unterschiedliche Akteure müssen eine gemeinsame Sprache finden, um effektiv zusammenzuarbeiten. In der Abschlussevaluation wurde festgestellt, dass Wissenschaft und Praxis oft „verschiedene Sprachen“ sprachen, was zu Übersetzungsschwierigkeiten führte. Auf Wissenschaftler wirkten externe Akteure wenig interessiert, während Praktiker das Projekt als intransparent wahrnahmen. Die Barriere der unterschiedlichen Sprachen war besonders zu Beginn des Projektes stark ausgeprägt. Maßnahmen der zielgruppengerechten Kommunikation, Förderung des Perspektivwechsels, Einbindung weiterer Akteure, effiziente Koordination, sowie Geduld und Ausdauer verbesserten die Zusammenarbeit. 3.2. Handlungsempfehlung: Ressourcen für Koordination bereitstellen Der erhöhte Koordinationsaufwand in transdisziplinären Projekten erfordert zusätzliche personelle und finanzielle Ressourcen. EnStadt: Pfaff zeigte, dass Kollaboration, Kommunikation und Koordination Leuchtturmergebnisse ermöglichten, jedoch mit erhöhtem Bedarf an finanziellen, zeitlichen und personellen Ressourcen verbunden waren. Diese Mehrarbeit wurde von vielen Beteiligten als Herausforderung wahrgenommen. 4. Herausforderung: Umgang mit Komplexität Die Planung klimaneutraler Quartiere erfordert eine Balance zwischen einer ganzheitlichen Betrachtung und der Bearbeitung von Details. Experimentierräume Bild 2: Vogelperspektive auf das Reallabor EnStadt: Pfaff im Pfaff-Quartier © Triolog/ EnStadt: Pfaff PRAXIS + PROJEKTE Energiewende 9 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0069 wicklung modularer Lösungen, wie Handreichungen, Entscheidungshilfen oder Textbausteine, die in enger Zusammenarbeit mit Praxispartnern erstellt werden, um ihre Relevanz und Nutzbarkeit sicherzustellen. 6.3. Doppel-Projektleitung für Integrität Eine Doppelleitung in komplexen Projekten stärkt Austausch, Transferfähigkeit und Vertrauen durch die Kombination verschiedener Fachkompetenzen. Im Projekt wurde die Leitung formal von der Stadt übernommen, jedoch gemeinsam mit der wissenschaftlichen Leitung durch das Fraunhofer ISE ausgeführt. Diese Doppelstruktur stärkte die fachübergreifenden und praxisrelevanten Kompetenzen. 6.4. Neue Rahmenbedingungen für die integrierte Planung von Klimaneutralität Neue Rahmenbedingungen sind nötig, um Klimaneutralität in der Quartiersplanung trotz Zielkonflikten stärker zu gewichten und besser zu integrieren. Im Projekt wurde mangelnde Innovationsbereitschaft durch externe Beratung, langfristige Planung und verstärkten Austausch adressiert. Gleichzeitig wurde betont, dass die Rahmenbedingungen für die Integration von Klimaneutralität in die kommunale Planung angepasst werden müssen, etwa durch klare Leitprinzipien, kooperative Raumplanung, Klimaberichterstattung, Stakeholdermanagement und gezieltes Zielkonfliktmanagement. 6.5. Neue Rollen in der Verwaltung Schnittstellenarbeit und proaktives Vorantreiben von Veränderung erfordern Ressourcen. Die Einrichtung eines „Kümmerers“ wird empfohlen, um Klimaneutralität in der Quartiersent- 6. Herausforderung: Integration in Planungsprozesse Die Integration von Klimaneutralität in etablierte Planungsprozesse erfordert gezielte Eingriffe, da diese meist standardisiert ablaufen und nur wenige Schnittstellen für neue Aspekte bieten. 6.1. Handlungsempfehlung: Etablierte Instrumente nutzen Bestehende Planungsinstrumente wie Bebauungspläne sollten gezielt genutzt werden, um Klimaneutralitätsaspekte zu integrieren. Im Projekt förderte die Ko- Leitung durch das Umweltreferat den Austausch mit anderen Akteuren aus der Stadtverwaltung. Proaktive Interventionen wie Stellungnahmen zu Bebauungsplänen waren notwendig, um Klimaneutralitätsaspekte wie die Solargründachpflicht, das Leitbild und die Stellplatzsatzung in den Bebauungsplan zu integrieren. Diese Interventionen nutzten raumplanerische Instrumente, wurden jedoch von planenden Akteuren teils als Mehrarbeit und Risiko wahrgenommen. 6.2. Handlungsempfehlung: Fachliche Beratung anbieten Praxisorientierte Forschung und Beratung sollten Hand in Hand gehen, um innovative Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. In EnStadt: Pfaff wurden praxisnahe Lösungen durch angewandte Forschung entwickelt, darunter die Machbarkeitsstudie zur Niedertemperatur-Wärmeversorgung und die Aufnahme der Solarpflicht in den Bebauungsplan. Allerdings zeigte sich, dass die Übertragbarkeit solcher Lösungen, wie bei der Solarpflicht, oft an kontextspezifischen Grenzen scheitert und erneute Gutachten erfordert. Um den Transfer zu erleichtern, empfiehlt sich die Entschaf tlichkeits- und Machbarkeitsprüfungen, Moderation mit Schlüsselakteuren und Beschaffungsadministration. Diese Tätigkeiten gingen über die klassischen Rollen eines Forschungsprojekts hinaus und erforderten die aktive Beteiligung aller Stakeholder aus Wissenschaft und Praxis, auch außerhalb des Konsortiums. Besonders Ingenieure spielten eine zentrale Rolle als Bindeglied zwischen Konzeptentwicklung und praktischer Umsetzung, was in der Abschlussevaluation als entscheidend her vorgehoben wurde. 5.2. Handlungsempfehlung: Gesetzliche Spielräume ausnutzen Bestehende gesetzliche Freiräume sollten genutzt werden, um innovative Lösungen zu ermöglichen. In EnStadt: Pfaff wurden gesetzliche Spielräume durch enge Zusammenarbeit mit Praktikern und externe Gutachten genutzt. In Abstimmung mit der Stadtplanung und Denkmalschutzbehörde wurden Lösungen wie die Integration farbiger Photovoltaik in denk malge s chüt z te G ebäude entwickelt, die in das Gestaltungshandbuch und den Bebauungsplan einflossen. Ähnliche Ansätze wurden für das Mobilitäts- und Brandschutzkonzept des Holzparkhauses verfolgt. Externe Gutachten klärten spezifische Fragestellungen. Bild 3: Altes Verwaltungsgebäude und altes Kesselhaus, kurz vor Abschluss der Sanierungsmaßnahmen. Unter anderem sind farbige PV-Anlagen auf dem Dach und an der Fassade installiert © Triolog/ EnStadt: Pfaff PRAXIS + PROJEKTE Energiewende 10 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0069 luation 2023. unveröffentlichter Zwischenbericht, Fraunhofer ISE. Treffeisen, J. (2018). Verbundvorhaben EnStadt: Pfaff - Inwieweit sind Leuchtturmprojekte mit Multi-Stakeholder Prägung leistungsfähig in ihrem Umsetzungsprozess? Eine Projektevaluation. Masterarbeit. Fraunhofer ISE. ENDNOTEN 1 EnStadt: Pfaff wurde im Rahmen des Energieforschungsprogramms gemeinsam vom Bundeswirtschafts- und dem Bundesforschungsministerium gefördert. Das erste Vorhaben lief vom 1. Oktober 2017 bis zum 31. Dezember 2024. Ein Anschlussvorhaben zum Monitoring läuft aktuell von Januar 2025 bis Dezember 2027. Eingangsabbildung: © iStock.com/ Galeanu Mihai wicklung zu fördern, Schnittstellen zu managen und das Ziel aktiv zu vertreten. Schlussfolgerungen Anspruchsvolle Quartiersprojekte im Rahmen der Energiewende bieten großes Potenzial, klimaneutrale Innovationen im urbanen Raum zu verankern. Gleichzeitig stellen sie nicht nur fachlich, sondern auch in der praktischen Umsetzung erhebliche Herausforderungen dar. Um Ausführende solcher Projekte gezielt zu unterstützen, wurden 16 Handlungsempfehlungen entlang zentraler Problemfelder der Projektsteuerung entwickelt. Diese Empfehlungen basieren auf den Erfahrungen und Strategien aus dem Projekt EnStadt: Pfaff. Im Themenbericht des Projekts (Kucknat und Gölz, in Veröffentlichung) werden die Handlungsempfehlungen ausführlich erläutert und fachlich eingeordnet. Ergänzend bieten Literaturhinweise weiterführende Ratschläge, Methoden und Erklärungen. LITERATUR Gölz, S., Schelleis, N. (2019). Ergebnisse der2.ProzessevaluationEnStadt: Pfaff AP 0.3 Quartiersentwicklung- Prozessbegleitung für Professionals, unveröffentlichter Zwischenbericht, Fraunhofer ISE. Kucknat, J., Gölz, S. (in Veröffentlichung). Handlungsempfehlungen für die Steuerung und Umsetzung klimaneutraler Quartiere, Themenbericht zum Verbundvorhaben EnStadt: Pfaff. Fraunhofer ISE Kucknat, J., Lastrico, R. (2023). Projektevaluation EnStadt: Pfaff - Gesamteva- AUTOR: INNEN Johanna Kucknat, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Nutzerverhalten und Feldtests / Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE, Heidenhofstr. 2, 79110 Freiburg, Deutschland, johanna.kucknat@ise. fraunhofer.de ORCID 0009-0007- 6865-2354 Sebastian Gölz, Dr., Teamleiter Nutzerverhalten und Feldtests / Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE, Heidenhofstr. 2, 79110 Freiburg, Deutschland sebastian.goelz@ise. fraunhofer.de ORCID 0009-0006- 9129-8632 Anzeige www.iro-online.de - Alt und Neu - Strategien für Netze von morgen 38. Oldenburger Rohrleitungsforum 2026 Veranstaltungsort: Weser-Ems-Hallen Oldenburg Anerkannte Fortbildung gemäß § 6 FuWO > 100 Fachvorträge > 440 Aussteller Termin: 05. und 06. Februar 2026 DOI: 10.24053/ TC-2025-0069
