eJournals Transforming Cities10/4

Transforming Cities
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expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0070
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Die Toolbox "AGORA"

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Nicole Reiswich
Benjamin Dally
Jörg Rainer Noennig
Judith Bretschneider
Simeon Zeyse
Flächenbedarfe für mehr Wohnraum, Mobilitätsangebote oder eine klimaresiliente Stadtentwicklung – Metropolen haben vielfältige Raumansprüche in ihren Grenzen zu erfüllen. Um Entscheidungsprozesse für die urbane Flächenentwicklung datenbasiert zu unterstützen, wird in einem Kooperationsprojekt des Landesbetriebs Immobilienmanagement und Grundvermögen der Stadt Hamburg und der Professur Digital City Science an der HafenCity Universität Hamburg die Proptech-Toolbox AGORA entwickelt. Dieser Beitrag stellt die innovativen Raumanalysewerkzeuge und den kooperativen und kreativen Entwicklungsprozess vor.
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Die Toolbox „AGORA“ Datenbasierte Unterstützung von Entscheidungsprozessen für die urbane Flächenentwicklung Urbane Flächenentwicklung, Geodatenanalyse, Entscheidungsunterstützungssystem, Raumanalyse Nicole Reiswich, Benjamin Dally, Jörg Rainer Noennig, Judith Bretschneider,Simeon Zeyse Flächenbedarfe für mehr Wohnraum, Mobilitätsangebote oder eine klimaresiliente Stadtentwicklung - Metropolen haben vielfältige Raumansprüche in ihren Grenzen zu erfüllen. Um Entscheidungsprozesse für die urbane Flächenentwicklung datenbasiert zu unterstützen, wird in einem Kooperationsprojekt des Landesbetriebs Immobilienmanagement und Grundvermögen der Stadt Hamburg und der Professur Digital City Science an der HafenCity Universität Hamburg die Proptech-Toolbox AGORA entwickelt. Dieser Beitrag stellt die innovativen Raumanalysewerkzeuge und den kooperativen und kreativen Entwicklungsprozess vor. 1. Digitale Lösungen für knappen Raum in der Stadt? Eine wichtige Aufgabe der öffentlichen Hand ist die Liegenschaftsverwaltung zur Erfüllung staatlicher Aufgaben. Dies beschränkt sich nicht nur auf Verwaltung des zur Verfügung stehenden Grundeigentums, sondern auch auf den strategischen Flächeneinsatz für eine gemeinwohlorientier ten Stadtentwicklung. Aufgrund eines merklichen Bevölkerungswachstums und vieler weiterer Faktoren sehen sich Großstädte einem erheblichen Entwicklungsdruck ausgesetzt. Kommunen sind jedoch hinsichtlich der Entwicklungsbemühungen auf die Flächenpotenziale innerhalb ihrer Grenzen beschränkt; damit erweist sich die Knappheit verfügbarer Flächen als wachsende Herausforderung für die nachhaltige Stadtentwicklung. Der resultierende Druck auf die Flächennutzung führt zu steigenden Grundstücks- und Immobili- 12 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0070 Im Rahmen dieser Herausforderungen haben sich der LIG und die Professur Digital City Science (DCS) der HafenCity Universität Hamburg (HCU) 2019 zu einer Forschungs- und Innovationskooperation zusammengeschlossen, um gemeinsam praktikable digitale Lösungen zu entwickeln. Die zu Grunde liegende Arbeitshypothese ist dabei, dass der Einsatz digitaler Tools und die gezielte Analyse von Geodaten effektiv dazu beitragen kann, Handlungsfähigkeit und Nachhaltigkeit in der Stadtplanung zu stärken. Sie versprechen eine Vereinfachung der Ausweisung von Entwicklungspotenzialen - insbesondere durch eine algorithmische Vorbewertung und gezielte Aufbereitung von (Geo-)Daten für Stadtplanende und städtische Mitarbeitende. Dieser Ar tikel berichtet im Folgenden über die lang jährige wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, stellt die daraus hervorgegangene prototypische Lösung vor, und gibt einen Ausblick auf die Zielsetzungen der aktuellen Projektphase. 2. Kooperativer Entwicklungsprozess für digitale Tools Die Forschungskooperation, die sich bereits in ihrer dritten Fortsetzung befindet, zeichnet sich durch die enge Zusammenarbeit zwischen dem landeseigenen Praxispartner und einem interdisziplinären Forschungsteam aus. Ausgangspunkt der Zusammenarbeit war der Wunsch auf Seiten des LIG, Innovationsrahmen für die Entwicklung digitaler Lösungen in der aktiven Liegenschaftsverwaltung zu finden. Als Landesbetrieb ist der LIG der Finanzbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg unterstellt. Er richtet seinen Geschäftsbetrieb sowohl operativ als auch strategisch auf eine nachhaltige, wirtschaftliche und marktorientierte Arbeitsweise aus. Dabei orientiert er sich an den bodenpolitischen Leitlinien und Zielsetzungen von Parlament ( „Bürgerschaft “ ) und Landesregierung ( „ Senat “ ) der Stadt Hamburg (Hamburger Baulandmodell). Ein zentraler Schwerpunkt der Tätigkeit des LIG liegt in der bedarfsgerechten Bereitstellung von Wohnungsbau- und Gewerbeflächen auf dem Hamburger Immobilienmarkt. Auf diese Weise leistet der LIG - der circa 200.000 Flurstücke managt (Stand 2025) - einen wesentlichen Beitrag zur Wohnungs-, Wirtschafts- und nachhaltigen Stadtentwicklung in der Stadt Hamburg. Die HCU Hamburg fokussiert sich als Universität für Baukunst und Metropolenentwicklung auf die gebaute Umwelt. Ein übergeordneter Forschungsschwerpunkt der Hochschule ist die Digitalisierung, dem auch die die Professur Digital City Science zugeordnet ist. Das interdisziplinäre Team der DCS kombiniert die Erforschung urbaner und digitaltechnischer Systeme und entwickelt unter dem Motto „Exploring Urban Systems“ datenbasierte Tools und Methoden zur Analyse komplexer urbaner Systeme. Die Professur kann auf ein umfangreiches Portfolio an Innovationsprojekten zurückgreifen, welche im Besonderen auf die Entwicklung von Tool-Prototypen für die Entscheidungsunterstützung fokussierten (Barabas et al. 2023; Schulz et al. 2020). Die Zusammenarbeit zwischen dem LIG und der HCU zielt darauf ab Instrumente und Methoden zur Visualisierung und Analyse von urbanen Daten im Kontext der Stadtentwicklung kooperativ zu entwickeln. Dabei sollen Lösungen, die über etablierte Verfahren hinausgehen erforscht, prototypisiert und erprobt werden. Die Entwicklungsergebnisse werden dabei mit potenziellen Nutzenden getestet - deren Rückmeldung enpreisen, schränkt die Möglichkeiten der Stadtplanung ein und führt potenziell zu Einschränkungen der Lebensqualität. St adt s t aaten wie Hamburg unterliegen dabei besonders großem Handlungsdruck, dem steigenden Raumbedarf innerhalb ihrer Landesgrenzen gerecht zu werden. Laut Prognosen wird die Freie und Hansestadt Hamburg die Marke von zwei Millionen Einwohnenden bis 2030 erreichen (Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein 2024). Gleichzeitig ist bereits mehr als die Hälfte des Hamburger Bodens durch Siedlungs- oder Verkehrsflächen beansprucht (Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig- Holstein 2025). Darüber hinaus soll die erstmalige Inanspruchnahme bestehender Vegetationsflächen vor dem Hintergrund des 30-Hektar-Ziels (maximaler täglicher Flächenneuverbrauch von 30 Hektar) des Bundes verringert werden. Umso wichtiger wird vor diesem Hintergrund eine aktive Bodenpolitik, der sich die Stadt mit dem Hamburger Baulandmodell verschrieben hat. Ein Ziel des Baulandmodells ist die Aktivierung von Flächenpotenzialen, dessen Erfüllung Aufgabe des Landesbetriebs Immobilienmanagement und Grundvermögen der Stadt Hamburg (LIG) ist. Die Freie und Hansestadt Hamburg hat als Eigentümerin von 49,4 % der Landesfläche eine große Handlungsfähigkeit hinsichtlich ihrer eigenen Stadtentwicklungsprozesse, jedoch stellt die individuelle Analyse dieser Flächenmenge zur Ermittlung von Entwicklungspotenzialen eine große Herausforderung dar. Gleichzeitig sind langfristige Flächenbedarfe durch strategische Ankäufe abzusichern, weswegen auch stadtent wicklungsrelevante Flächen außerhalb des Eigentums der Stadt gesichtet und bewertet werden müssen. PRAXIS + PROJEKTE Geodatenanalyse 13 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0070 Baunutzungsrechtliche Aspekte, z.B. ƒ Festlegungen aus Bebauungsplänen: Baugebietstypen; GRZ; u.a. ƒ Verdichtungspotentiale (siehe unten); zusätzlich bebaubare Fläche auf dem Grundstück Geometrische Eigenschaften, z.B. ƒ Verwaltungsgrenzen ƒ Isochrone (Einzugsbereiche ab einem benannten Punkt mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln) ƒ Benutzer-generierte Geometrien (z.B. selbstgezeichnetes Plangebiet) Die nach der Anwendung der Filterkriterien selektierten Flurstücke werden auf einer Karte dargestellt; für sie können bei Klick auf die jeweilige Fläche weitere Informationen abgerufen werden. Eine Listenfunktion gibt einen tabellarischen Überblick über die gefundenen Flächen. Es stehen zudem Basisfunktionen eines Geoinformationssystems zur Verfügung: die Ergebnisse können in unterschiedlichen Farben visualisiert werden, in neue Layer gespeichert und exportiert werden, um sie weiterzuverbreiten oder in anderen Geoinformationssystemen weiterzubearbeiten. Lagegunst schnell abschätzen Eine über mehrere frühere Versionen der AGOR A Toolbox weiterentwickelte Funktion ist die schnelle Abschätzung der Lagegunst gefundener Flächen im Vergleich zu ihrem Entwicklungspotential. Dabei kann zum Beispiel verglichen werden, welches der gefundenen Grundstücke besser mit ÖPNV oder Supermärkten versorgt ist. Die Bewertung von Flächen bezüglich ihrer Lagegunst und ihrer Bedeutung für die kommunale Stadtentwicklungspolitik (z.B. Innentwicklung, siehe unten) Im Mittelpunkt stehen dabei zunächst die Flächenallokation und die Bewertung von Flächen. Aufgrund der zugrundeliegenden Flächenmanagement-Perspektive ist die grundsätzliche Betrachtungsdimension beim Einsatz des Tools das städtische Kataster/ Grundbuch, also die Gesamtmenge der Flurstücke in der Kommune, in der das Tool zur Anwendung kommt. Flächen finden für städtische Entwicklungsprojekte Die mächtig s te Funk tion von AGOR A ist die Suche nach Flurstücken. Dabei wird das gesamte Flurstückdatenset entsprechend der gewählten Kriterien gefiltert. Die Anwendungsfälle für dieser Filterfunktion sind vielfältig, sie reichen von der Allokation geeigneter Gewerbeflächen über die Suche nach temporären Freiflächen für öffentliche Veranstaltungen bis hin zu Potenzialflächen für die Ausweisung von Wohnbauland. Hierfür stehen im Prototyp der AGOR A Toolbox eine Vielzahl von Filterungsmöglichkeiten zur Verfügung (siehe unten). Viele weitere sind konzeptionell und technisch ohne weiteres umsetzbar. Filterungsmöglichkeiten für Flächen in der AGOR A Toolbox Filterung nach Eigenschaften, z.B. ƒ unterschiedliche Typen von kommunalem Bodenbesitz (in kommunaler Nutzung (gegliedert nach konkreter Nutzung); im Erbbaurecht vergeben; im Besitz eines städtischen Betriebs/ Unternehmen; Miteigentumsanteile, zum Beispiel im Erbfall; u.a.) ƒ tatsächliche Landnutzung (AL- KIS-Kategorien) Filterung nach Metriken, z.B. ƒ Distanzen zu Dienstleistungen (öffentlicher Nahverkehr; Supermarkt; u.a.) ƒ Flächengröße fließt wiederum in die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten ein. Die Rolle der HCU innerhalb der Kooperation besteht darin wissenschaftliche, methodische und technologische Erkenntnisse zu entwickeln. Der LIG ist als ko-kreativer Forschungspartner an der Problemanalyse, Konzeption und Erprobung der Projektergebnisse beteiligt, mit dem Ziel, diese entlang der aktuellen und zukünftigen Anforderungen der Branche zu etablieren. Die in den drei Vorgängerprojekten entwickelte Proptech- Toolbox AGOR A (Analy tics for Ground Property and Real Estate Assessment) unterstützt planerische Entscheidungsprozesse für die strategische Grundstücksverwaltung durch innovative räumliche Analysen. In der anlaufenden vierten Phase der Kooperation werden sich die Aktivitäten auf die Weiterentwicklung innovativer Entscheidungswerk zeuge und -methoden für die urbane Flächenentwicklung fokussieren. Es sollen für AGOR A weitere Use Cases erforscht und in die Toolbox integriert, sowie der Transfer solcher Tools in die Praxis untersucht werden. 3. Die digitale Toolbox für die urbane Flächenentwicklung AGOR A - Ein Webtool zur Flächensuche Die AGOR A Toolbox als digitales Werkzeug zur Unterstützung kommunaler F lächenmanage ment-Aktivitäten kann von Fachleuten der Branche über einen Webbrowser bedient werden und benötigt zunächst keine weitergehenden technischen Kompetenzen. Das niedrigschwellige Tool befähig t Fachleute, auch ohne Unterstützung durch technische Experten komplexe Informationen abzufragen und selbstständig Flächenstrategien zu entwickeln. PRAXIS + PROJEKTE Geodatenanalyse 14 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0070 ver Austausch mit Expert*innen in den Fachabteilungen des LIG statt. Dieser wird genutzt, um neue Ideen für neue Funktionen zu entwickeln und Feedback zu implementierten Funktionen zu erhalten. Für die Durchführung der Usertests ist die Toolbox auf HCU-Servern implementiert und als LIG-Finder gebrandet. Das dabei verwendete Datenset ist eine öffentliche Version der Flurstücke Hamburgs, die beispielsweise keine Eigentümerdaten enthält. Das verwendete Verzeichnis für Flächen im kommunalen bzw. Landesbesitz ist das Landesgrundbesitzverzeichnis (LGB). Während das Ziel der Universität ist, die Erkenntnis zu abstrahieren, zu reflektieren und der wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, ist die Zielsetzung des LIGs die aus der Entwicklung und Erprobung des Protot yps gewonnen Erkenntnis se und A ns ät ze in die eigene IT-Infrastrukturen zu übernehmen. Weitere AGOR A Funktionen: Verdichtungspotentiale Neben der Entwicklung des Webtools ist die Datenanalyse ein zweites wichtiges Standbein des Projektes. Die zunehmende Verfügbarkeit qualitativer Geodaten ermöglicht es, durch Verknüpfung bestehender Datenquellen, Geodatenverarbeitung oder Simulationen neue Einsichten zu entwickeln. Ein Beispiel ist die algorithmische Abschätzung urbaner Verdichtungspotentiale. Durch den Vergleich der aktuellen Grundstücksbebauung mit den durch Bebauungspläne gesetzten Grenzen können kurzfristig realisierbare Potentiale aufgezeigt werden. Weitere Potentiale lassen sich durch die Anpassung von Bebauwird ein bedeutendes Thema der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten des Projektes bleiben. Entwicklung und Implementierung der AGOR A Toolbox durch HCU und LIG Die technische Entwicklung des Prototyps der AGORA Toolbox erfolgte an der HCU durch ein wissenschaftlich-technisches Projektteam. Die technische Infrastruktur besteht aus einem selbstentwickelten kartenbasiertem Frontend und einer Geoserver-Infrastruktur für das Datenmanagement im Backend. Ein wichtiger Erfolgsfaktor bei der Implementierung der Toolbox ist die intensive Einbindung des LIG als ko-kreativem Forschungs- und Ent wicklungspar tner. Die Einbindung erfolgt hier auf technischer Ebene kontinuierlich über das Projektmanagement, zudem findet ein regelmäßiger intensi- Bild 1: Beispielhafte Darstellung des Geoparsing Tools Abbildungsurheber: HCU/ Muhamad El-Fouly PRAXIS + PROJEKTE Geodatenanalyse 15 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0070 ƒ Die Parlamentsdatenbank der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg ƒ Eine Hamburg-spezifische Kolumne einer überregionalen Zeitung ƒ Ausgewählte Artikel eines lokalen Werbeblatts Die im jeweiligen Dokument gefundenen Standorte können in der AGORA-App als Punkte auf der Karte dargestellt werden und damit die sonstigen Funktionen unterstützten. Diese Funktion wird zurzeit innerhalb der Projektkooperation getestet. Join Parcels: Die Nachbarschaftsfunktion Die Join-Parcels-Funktion (siehe Bild 2) erzeugt keine neuen Daten, sondern es ermöglicht, den Filterprozess selbst so anzupassen, dass nicht nur einzelne Flurstücke gefunden werden können, sondern auch geeignete Standorte aus mehreren benachbarten Flurstücken. Hintergrund dieser Funktion ist die Tatsache, dass viele, insbesondere großräumige Flächenentwicklungen und -nutzungen, nicht auf einem Flurstück allein abgebildet werden können. Dies gilt insbesondere für Bestandslagen in historischen, kleinteilig parzellierten Lagen (Innenentwicklung) - während größere Flurstücke besonders in Randlagen gefunden werden können, deren Inanspruchnahme jedoch vermieden werden soll. Eine große Fläche kann mit der AGOR A Toolbox somit entweder auf einem einzelnen Flurstück gefunden werden - oder mit der Join-Parcels-Funktion auch auf geeigneten benachbarten Flurstücken, die zusammen den Flächenbedarf erfüllen. Die Funktion ist dabei so in die Filterfunktion von AGOR A integriert, dass Varianten mit unterschiedlichen Annahmen und Randbedingungen Geoparsing: Texte auf der Karte findbar machen Geoparsing (siehe Bild 1) ist eine Methode, um Standortinformationen (z.B. Rathausmarkt 2, Hagenbecks Tierpark, Elbphilharmonie) in Texten zu finden (Location Extraction) und anschließend an einem passenden Ort auf einer Karte zu markieren (Geocoding). Der Mehr wert dieser Methode liegt darin, umfangreiche Textdatenbanken räumlich erschließbar zu machen - indem entsprechende Artikel auf einer Karte mit ihrem räumlichen Bezug auffindbar werden. Der Wert dieser Methode besteht darin, dass relevante Informationen für Entwicklungsprojekte im Bereich der Stadt- und Flächenentwicklung unkompliziert aus mehreren Quellen zusammengeführt und zur Verfügung gestellt werden. Wo es vorher z.B. für ein Entwicklungsprojekt nötig war, in mehreren Datenbanken parallel die Straßennamen im Umfeld des Projektstandorts zu suchen, ist künftig nur noch ein Blick auf eine Kartenoberfläche nötig, um an diese Informationen zu gelangen. Auf diese Weise können die jeweiligen Potentiale, Risiken, bestehende Konflikte, öffentliche Diskussionen oder bestehende Einrichtungen der jeweiligen Nachbarschaft frühzeitig wahrgenommen, Entwicklungs- und Beteiligungsprozesse angepasst und optimale Nutzungen für das jeweilige Objekt identifiziert werden. Geoparsing lässt sich sowohl mit Mitteln des Natural Language Processing durchführen als auch in zunehmendem Maße mit Generativer KI/ Large Language Models. Im Projekt wurden diese Methoden protot ypisch für ca. 6000 Dokumente aus drei Datenquellen erprobt, die drei unterschiedliche Textsorten repräsentieren: ungsplänen erschließen - in weiteren Iterationen des Projektes sollen zukünftig auch diese automatisiert aufgezeigt werden. Übergeordnete Ziele dieser Vorhaben sind unter anderem die Reduktion der Flächeninanspruchnahme. Die Nutzung von Flächenpotenzialen zur Nachverdichtung innerhalb bestehender Siedlungsstrukturen ermöglicht es, dem Druck auf dem Wohnungsmarkt entgegenzuwirken und infrastrukturelle Bedarfe zu bedienen. Nach der Entwicklung der Berechnungspipeline sind die prozessierten Daten in die AGOR A Toolbox integriert worden. Die Verdichtungspotentiale sind für die Nutzenden sowohl visuell (als stadtweiter Geodatenlayer, bei dem die verschiedenen Potentiale farblich visualisiert werden) ablesbar, als auch in die Flächensuche integriert (es kann gezielt nach Flächen mit Potentialen gesucht werden). Bild 2: Darstellung der Join- Parcel-Funktion Abbildungsurheber: HCU/ Juan Hernandez PRAXIS + PROJEKTE Geodatenanalyse 16 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0070 Forschungs- und Entwicklungsergebnisse können zukünftig iterativ in die IT-Infrastruktur des Praxispartners überführt werden. Zudem soll die Forschungskooperation auch weiterhin an Herausforderungen des kommunalen Flächenmanagements ansetzen und mit digitalen Tools zur Lösung der Herausforderung in dieser Branche beitragen. QUELLEN Barabas, A.; Borgmann, K.; Noennig, J. (2023) „The SURE Knowledge Synthesizer: A Conceptual Tool for Urban Sustainability Research“, in: Proceedings of International Forum for Knowledge Asset Dynamics IFKAD2023, Matera. Cugurullo, F.; Caprotti, F.; Cook, M.; Karvonen, A.; M C Guirk, P.; Marvin, S. (2024) „The rise of AI urbanism in post-smart cities: A critical commentary on urban artificial intelligence“, Urban Studies, 61(6), S. 1168-1182. Schulz, D.; Degkwitz, T.; Luft, J.; Zhang, Y.; Stradtmann, N.; Noennig, J. (2020) „Cockpit Social Infrastructure - Developing a planning support system in Hamburg“, in: eCAADe 2020: Anthropologic : Architecture and Fabrication in the cognitive age, Berlin, S. 341-350. Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein (2025) „Bodenflächen in Hamburg am 31.12.2025 nach Art der tatsächlichen Nutzung.“, Statistische Berichte, Kennziffer: A V 1-| 24 HH, Hamburg. Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein (2024) „Bevölkerungsentwicklung in den Stadtteilen Hamburgs bis 2040.“, Statistische Berichte, Kennziffer: A I 8-j 24 HH Stadtteile, Hamburg. Eingangsabbildung: Hafencity mit Baukränen © Mediaserver Hamburg / Timo Sommer abgefragt und verglichen werden können. 4. Ausblick: Anwendungs- und Transferpotenzial der Projektkooperation Neben der Weiterentwicklung der Ergebnisse der vergangenen Projektrunden, steht in der aktuellen Projektphase vor allem die Identifikation von Use Cases im Vordergrund. Dabei sollen Anwendungsfälle der bereits vorhandenen Tools in neue Kontexte gesetzt werden, aber auch der Bedarf und die Entwicklung weiterer digitaler Innovationen explorativ erforscht werden. Neben einer inhaltlichen Perspektive nehmen die Forschungspartner dabei auch eine methodische Perspek tive ein. Neue Technologien wie urbane KI (Cugurullo et al. 2024) machen es möglich, neue Erkenntnisse zu gewinnen und Entwicklungsroutinen aufzusetzen. Es ist absehbar, dass diese neuen Technologien zunehmend in Planungsprozesse eingebunden werden und kommunale Akteure ein höheres Maß an Handlungsfähigkeit gewinnen. Neben den Chancen sollen dabei aber auch die Risiken dieser Verfahren reflektiert werden und ihnen begegnet werden. Die Gewinnung neuer Erkenntnisse ist dabei aber ebenso bedeutsam wie die Nutzung der bisherigen Forschungsergebnisse in der kommunalen Praxis. Die AUTOR: INNEN Nicole Reiswich, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur Digital City Science an der HafenCity Universität Hamburg. nicole.reiswich@hcu-hamburg.de Benjamin Dally, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Digital City Science an der HafenCity Universität Hamburg benjamin.dally@hcu-hamburg.de Jörg Rainer Noennig, Inhaber der Professur Digital City Science an der HafenCity Universität Hamburg und Leiter des WISSENSARCHITEKTUR Laboratory of Knowledge Architecture an der Technischen Universität Dresden. joerg.noennig@hcu-hamburg.de Judith Bretschneider, IT-Projektmanagerin bei der Stadt Hamburg im Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen Judith.bretschneider@lig.hamburg.de Simeon Zeyse, IT-Analyst bei der Stadt Hamburg im Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen simeon.zeyse@lig.hamburg.de PRAXIS + PROJEKTE Geodatenanalyse 17 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0070