eJournals Transforming Cities10/4

Transforming Cities
tc
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expert verlag Tübingen
10.24053/TC-2025-0075
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Rettungsanker in der Krise

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John Friesen
Joachim Schulze
Nadja Thiessen
Fallen Kommunikationsinfrastrukturen und Notruf aus, steht der Katastrophenschutz vor gewaltigen Herausforderungen. Wie können in einer solchen Lage Informationen die Bevölkerung erreichen und Menschen erfahren, wo sie Hilfe erhalten? Das Einrichten von Anlaufstellen an zentralen Orten, in öffentlichen Gebäuden, Feuerwehrhäusern oder Polizeiwachen soll dieser Funktion nachkommen und eine Notfallversorgung sicherstellen. Doch wie genau ist es um die Erreichbarkeit und Wahrnehmung dieser Orte bestellt? Welche Wegstrecken müssen bewältigt werden und inwieweit korrespondieren Anzahl und Verteilung der Anlaufstellen mit Bevölkerungs- und Quartiersstrukturen? Am Beispiel der Stadt Darmstadt und dem Szenario eines langanhaltenden, überregionalen Stromausfalls untersucht diese Studie die fußläufige Erreichbarkeit der dortigen Anlaufstellen, setzt diese in Beziehung zu Quartiersgrenzen und Soziodemographie, blickt auf vergangene Krisen und dort genutzte Anlaufstellen zurück und greift eine kürzlich durchgeführte Bürgerbefragung auf, um das Wissen und die Erwartungshaltung der Bevölkerung gegenüber Anlaufstellen mit den Standorten in Darmstadt in Verbindung zu bringen.
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Rettungsanker in der Krise? Wahrnehmung und Erreichbarkeit von Anlaufstellen des Katastrophenschutzes Fußläufige Erreichbarkeit, Wahrnehmung Bevölkerung, Stromausfall, Vulnerable Bevölkerungsgruppen John Friesen, Joachim Schulze, Nadja Thiessen Fallen Kommunikationsinfrastrukturen und Notruf aus, steht der Katastrophenschutz vor gewaltigen Herausforderungen. Wie können in einer solchen Lage Informationen die Bevölkerung erreichen und Menschen erfahren, wo sie Hilfe erhalten? Das Einrichten von Anlaufstellen an zentralen Orten, in öffentlichen Gebäuden, Feuerwehrhäusern oder Polizeiwachen soll dieser Funktion nachkommen und eine Notfallversorgung sicherstellen. Doch wie genau ist es um die Erreichbarkeit und Wahrnehmung dieser Orte bestellt? Welche Wegstrecken müssen bewältigt werden und inwieweit korrespondieren Anzahl und Verteilung der Anlaufstellen mit Bevölkerungs- und Quartiersstrukturen? Am Beispiel der Stadt Darmstadt und dem Szenario eines langanhaltenden, überregionalen Stromausfalls untersucht diese Studie die fußläufige Erreichbarkeit der dortigen Anlaufstellen, setzt diese in Beziehung zu Quartiersgrenzen und Soziodemographie, blickt auf vergangene Krisen und dort genutzte Anlaufstellen zurück und greift eine kürzlich durchgeführte Bürgerbefragung auf, um das Wissen und die Erwartungshaltung der Bevölkerung gegenüber Anlaufstellen mit den Standorten in Darmstadt in Verbindung zu bringen. Einleitung Die Kommunikation mit der Bevölkerung ist das Rückgrat jeder erfolgreichen Krisenbewältigung. Informationen seitens des Katastrophenschutzes dienen dazu, die Menschen vor drohenden Gefahren zu warnen, Handlungsanweisungen im Krisenfall zu geben oder akut hilfebedürftigen Personen mitzuteilen, wo diese Hilfe erhalten können. Heutzutage existiert ein breites 44 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0075 rungsgruppen, wie Kinder und ältere Menschen, zu gewinnen. Den Rahmen der Studie bilden ein kurzer Einblick in die Nutzung von Anlaufstellen während der Sturmflut 1962 in Hamburg, eine Einführung in Space Syntax als multidisziplinäre Methodik zur Erforschung von Raumkonfiguration und Nutzerverhalten sowie Auszüge aus einer kürzlich durchgeführten Bürger: innenbefragung, die Einwohner: innen Darmstadts nach ihrem Wissen und ihrer Erwartungshaltung gegenüber städtischen Anlaufstellen befragte. Rückblick: Vergangene Krisen und Anlaufstellen Das vorgestellte Konzept der Katastrophenschutz- Leuchttürme ist ein relativ junges Instrument des Bevölkerungsschutzes. Historisch betrachtet lässt sich jedoch zeigen, dass auch in vergangenen Krisen und Katastrophen öffentliche Orte ad-hoc als Anlaufstellen dienten. Sticher et al. haben anhand von fünf ausgewählten Ereignissen - darunter die Sturmflut von 1962 - untersucht, wie die Kommunikation zwischen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) und der betroffenen Bevölkerung funktionierte und wie diese in Prozesse eingebunden war (Sticher et al. 2014). Aus weiteren zeitgenössischen Quellen zur Hamburger Sturmflut von 1962 wird deutlich, dass sich Menschen in dieser akuten Notlage gezielt zu als sicher wahrgenommenen Orten begaben: In mehreren Stadtteilen fielen über mehrere Tage Telefonverbindungen, Strom-, Wasser- und Gasversorgung aus, einige Gebiete waren komplett überflutet, sodass die Häuser zerstört waren (oA 1962). Während der nächtlichen Sturmflut fungierten Feuerwehrstationen nicht nur als technische Basis des Einsatzgeschehens, sondern auch als Schutz- und Hilfeorte für Betroffene (Brunswig 1963). Ähnlich übernahmen Kirchen eine wichtige Rolle als Zufluchts- und Informationsorte (hn 1962). Die höher gelegene Kirche in Neuenfelde hatte bereits bei vergangenen Fluten als Anlaufstelle gedient (Reese 1962). In einem Leserbrief an das Hamburger Abendblatt heißt es dazu: „Es wird von Generation zu Generation in Neuenfelde weitererzählt, daß zu keiner Zeit eine Sturmflut jemals den Kirchenhügel überflutet habe.“ (Quast 1962) dieses Wissen lag vermutlich auch den Betroffenen in der Nacht des 16./ 17. Februar vor, sodass sie die Kirche intuitiv ansteuerten. Zugleich nutzte ein Pastor in Finkenwerder die vorhandene Kirchenglocke, um durch Sturmläuten auf die Gefahr aufmerksam zu machen - denn Sirenen und andere Warnmittel waren bereits ausgefallen (Neumann 1962). Diese Praxis wurde anschließend in den zukünftige Warnmittelmix in Hamburg aufgenommen (wl 1962). Zudem gehörten Schulen zu den Orten, an denen Basisversorgung ge- Portfolio sogenannter Warnmittel, wozu Mobiltelefone, Radio, digitale Stadtinformationstafeln und Sirenen zählen. Im Ernstfall soll mit diesem Warnmittelmix das Gros der Bevölkerung erreicht werden. Zuletzt haben die Verbreitung von Warn-Apps wie BIWAPP oder NINA und das im Jahr 2023 eingeführte Cell Broadcast neue Informationskanäle für den Katastrophenschutz eröffnet. Dennoch gibt es Szenarien, allen voran ein langanhaltender, überregionaler Stromausfall, bei denen ein Großteil dieser Warnmittel ausfallen kann. Wie schwierig die Krisenkommunikation in einem derartigen Szenario werden kann, hat der in Teilen über 12 Stunden andauernde Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel im Frühjahr 2025 gezeigt. Zahlreiche Medien berichten von Menschen, die sich um Fahrzeuge mit funktionsfähigen Autoradios versammelt haben, um Informationen zu erhalten (Donovitz 2025). Im Gegenzug zeigt dieses Beispiel eindringlich, wie wichtig der Bevölkerung Informationen im Krisenfall sind. Das im Rahmen eines Verbundprojektes aus Wissenschaft und Praxispartnern entstandene Konzept der notstromversorgten Katastrophenschutz-Leuchttürmen (Hofinger et al. 2025) nimmt sich dieser Herausforderung an und sieht die Einrichtung öffentlicher Anlaufstellen vor, die neben Informationen noch eine Reihe weiterer Basisdienstleistungen für die Bevölkerung bereitstellen. Mittlerweile ist das Projekt über die Pilotierung hinaus und wurde in einer Reihe von Städten im Rahmen des Katastrophenschutzes aufgegriffen. Dazu zählt auch die Stadt Darmstadt, welche ein zweistufiges System aus Katastrophenschutz- Leuchttürmen und Wärmeinseln vorsieht. Während die Katastrophenschutz-Leuchttürme in erster Linie Hilfeersuchen der Bevölkerung beim Ausfall des Notrufs entgegennehmen, bieten Wärmeinseln in Turnhallen, Schulen oder Veranstaltungszentren den Menschen die Möglichkeit sich in beheizten und notstromversorgten Räumlichkeiten aufzuhalten, sollten Strom-, Gas- oder Fernwärmeversorgung über einen längeren Zeitraum nicht zur Verfügung stehen. Aus dem Kontext des LOEWE-Zentrums emergenCITY und des Anwendungs- und Transferzentrums DiReX heraus und in Kooperation mit dem Earth Observation Research Cluster der Universität Würzburg haben wir uns die Frage gestellt, wie gut diese Anlaufstellen zu erreichen sind und wie es um die öffentliche Wahrnehmung dieser Orte steht? Als Auftakt zu einer Reihe geplanter Untersuchungen soll es in diesem Beitrag exemplarisch um die Katastrophenschutz-Leuchttürme in Darmstadt gehen. Zu diesem Zweck haben wir die Standorte im Stadtgebiet in Hinblick auf deren fußläufige Erreichbarkeit untersucht. Dabei wird nach Altersgruppen unterschieden, um ein differenziertes Bild auf vulnerable Bevölke- THEMA Digitalisierung und Sicherheit 45 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0075 Verfahren zur Analyse visueller Orientierung bietet. Wir wollen Space Syntax als vielversprechenden Ansatz vorstellen, der sich mit der Geodatenanalyse im nachfolgenden Abschnitt kombinieren ließe. Eine Grundlage der Analysen in Space Syntax ist ein Achsenmodell des Untersuchungsgebietes, das öffentlich zugängliche Räume - Wege, Straßen oder Plätze als axiale Linien begreift. Diese Achsen entsprechen den „längsten, geraden Sichtlinien“ (Van Nes und Yamu 2021, S. 37), nach denen sich Fußgänger im Stadtraum orientieren, womit das Achsenmodell fußläufige Bewegungsmuster abbildet. Verlauf und Verbindungen der Achsen geben Aufschluss über die Erreichbarkeit von Orten, welche sich mit verschiedenen Analyseverfahren quantifizieren lässt. Dazu zählt das sogenannte „step“ Verfahren, das aufsteigend von 1 step, 2 step bis n step die Anzahl Verbindungen eines Raumes zu seiner Umgebung zählt und die Konnektivität in Form farbig codierter Achsenmodelle darstellt (Abbildung 1). Step und verwandte Methoden aus Space Syntax, wozu auch Analyseverfahren zur lokalen und globalen Integration zählen, werden angewandt, um die Erreichbarkeit von Bus- und Bahnstationen oder Subzentren, wie lokale Einkaufsstraßen, zu untersuchen. Hierbei ergeben sich zahlreiche Anknüpfungspunkte zur vorliegenden Fragestellung der Konnektivität von Anlaufstellen. Ergänzend umfasst Space Syntax Methoden, die sich auf die kleinräumige Orientierung in der Stadt beziehen. Konkret handelt es sich dabei um Sichtfeld Analysen, „Isovists“ genannt (Abbildung 1), die Aufschluss darüber geben, welche Punkte im öffentlichen Raum ein niedriges oder hohes Maß an Sichtbarkeit erfahren. Mit Space Syntax können Anlaufstellen sowohl in Hinblick auf deren stadträumliche Einbindung als auch Sichtbarkeit bewertet werden. Im Gegensatz zu Space Syntax, das räumliche Konfigurationen, nicht Entfernungen prüft, stellen wir im nachfolgenden Abschnitt eine Datenanalyse vor, welche die Erreichbarkeit der Anlaufstellen im Hinblick auf die erforderliche Gehzeit einordnet und dabei eine differenzierte Betrachtung nach Altersgruppen vornimmt. Katastrophenschutz-Leuchttürme in Darmstadt Bei einem weitreichenden Ausfall der Kommunikationsinfrastrukturen sollen sogenannte Katastrophenschutz-Leuchttürme zentrale Anlaufstellen für die Bevölkerung sein - Orte, an denen Informationen weitergegeben, Notrufe abgesetzt oder Hilfe geleistet und organisiert werden kann. Aber wie gut sind diese Standorte in einer Stadt wie Darmstadt tatsächlich erreichbar? Wie gut sind einzelne Quartiere angebunden und gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen? leistet und auch Hilfsmaßnahmen koordiniert wurden. Allerdings mussten diese in der Lage organisiert werden, da es keine Planungen oder Vorbereitungen gab, diese Standorte zur Aufnahme und Versorgung von Betroffenen umzufunktionieren (Gatermann 1962). Im Anschluss an die Sturmflut stattete jedoch die evangelische Landeskirche ihre Einrichtungen mit „Decken, Verpflegung, Notbetten, Medikamenten, Brennstoff, Kerzen, Spirituskochern und Kachelöfen“, sowie vereinzelt mit „Notrstromaggregate[n] und Pumpen“ aus (lk 1962). Exemplarisch an den Ereignissen von 1962 zeigt sich hier eine Kontinuität zumindest für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Lokale, öffentlich zugängliche Einrichtungen dienten als zentrale Anlaufpunkte für die Bevölkerung - eine Funktion, die die heutigen Katastrophenschutz-Leuchttürme systematisch aufgreifen und weiterentwickeln. Multidisziplinäre Ansätze in der Raumforschung Wie gut Orte in Städten zu erreichen sind, betrifft Fragen der Konnektivität der räumlichen Anbindung ebenso wie der Orientierung. Während die Konnektivität in erster Linie nach quantitativen Indikatoren verlangt, spielen bei der Orientierung auch qualitative Faktoren eine Rolle, denn Orientierung ist naturgemäß auch individuell geprägt. Wenn einer Person eine Anlaufstelle aus dem Alltag bekannt ist, wird sie aller Voraussicht nach auf kurzem Weg dorthin finden. Ist sie demgegenüber weder mit dem Ort noch mit der Lage vertraut, kann es trotz guter Anbindung länger dauern, bis sie am Ziel ist. Hinzu kommen allgemeiner Orientierungssinn oder Defizite in der visuellen Wahrnehmung, etwa durch altersbedingtes Nachlassen der Sehkraft, welche die Orientierung erschweren können. Das sind nur Beispiele für die Gesamtheit an Faktoren individueller Erfahrung und Konstitution, welche bei der Orientierung eine Rolle spielen. Die zuletzt genannten Indikatoren greift diese Studie exemplarisch in Form der Bürger: innenbefragung auf, Hauptaugenmerk sind quantitative Methoden zur Bewertung der Anlaufstellen. Hierzu zählt Space Syntax (Van Nes und Yamu 2021), das einen Methodenkasten zur Quantifizierung räumlicher Konnektivität umfasst, aber auch Abbildung 1: Konnektivitäts- und Sichtfeldanalysen aus Space Syntax nach Van Nes, A. und Yamu, C. (2021): Introduction to Space Syntax in Urban Studies, Cham THEMA Digitalisierung und Sicherheit 46 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0075 Mit anderen Worten: Fast zwei Drittel der Stadtbevölkerung sind gut versorgt. Demgegenüber hätte jede: r achte Darmstädter: in im Krisenfall einen längeren Fußweg zu bewältigen. Letzteres liegt jedoch noch weit unter der Empfehlung von 3 bis 4 km, was einer Gehzeit von rund einer Stunde entspricht, die sich in einer von der Berliner Feuerwehr herausgegebenen Broschüre zu Katastrophenschutz-Leuchttürmen findet (Berliner Feuerwehr 2015). Vergleichende Betrachtung nach Altersgruppen In einem weiteren Schritt haben wir die Zahlen nach Altersgruppen ausgewertet. Dafür wurde das Relative Risiko (RR) berechnet. Das RR vergleicht, ob eine bestimmte Altersgruppe überdurchschnittlich häufig zu den Menschen gehört, die mit längeren Gehzeiten zum nächsten Katastrophenschutz-Leuchtturm rechnen müssen. Ein Wert von 1 bedeutet: Die Gruppe ist genauso häufig betroffen wie der Durchschnitt. Ein Wert über 1 zeigt ein erhöhtes Risiko, ein Wert unter 1 ein verringertes Risiko. In diesem Fall betrachten wir Gehzeigen von 15 Minuten oder mehr und Gehzeiten die mehr als 30 Minuten betragen. Die Ergebnisse sind in Abbildung 3 dargestellt. Daraus lässt sich ableiten:  Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben ein leicht erhöhtes Risiko, mehr als 30 Minuten entfernt zu wohnen (RR = 1,12). Um diese Fragen zu beantworten, haben wir eine Geodatenanalyse durchgeführt. Als Grundlage dient das Fußwegenetz von OpenStreetMap (OSM), aus dem ein digitales Straßennetz für Darmstadt erzeugt wurde. Von jedem Katastrophenschutz- Leuchtturm aus, von denen die Stadt insgesamt 19 vorsieht, wurde die Strecke berechnet, die ein Fußgänger in einer bestimmten Zeitspanne zurücklegt. Als Näherung haben wir eine einheitliche Gehgeschwindigkeit von 4,5 km/ h angenommen. Das ist ein mittlerer Wert, zudem können die Topographie oder das Wetter die Gehgeschwindigkeit beeinflussen. Unsere Ergebnisse sind daher als Grenzwerte zu verstehen: Sie zeigen, wie weit eine Person im Durchschnitt kommt, nicht wie weit die Person tatsächlich laufen könnte. Die Analyse teilt sich in drei Zeitbereiche:  unter 15 Minuten Gehzeit,  15 bis 30 Minuten Gehzeit,  mehr als 30 Minuten Gehzeit. Zusätzlich wurden demographische Daten aus dem Zensus 2022 integriert. Damit konnten wir nicht nur die Laufdistanzen bestimmen, sondern auch ermitteln, wie viele Menschen in jedem Bereich wohnen und welche Altersgruppen besonders betroffen sind. In Abbildung 2 ist die räumliche Verteilung der Katastrophenschutz-Leuchttürme zu sehen. Die blauen Flächen markieren Gebiete, in denen der nächstgelegene Leuchtturm innerhalb von 15 Minuten zu erreichen ist, gelb eingefärbt sind die Bereiche, in denen die Gehzeit 15 bis 30 Minuten beträgt. Die Kartierung der Katastrophenschutz-Leuchttürme zeigt, dass sich im Zentrum von Darmstadt mehr Anlaufstellen befinden als am nördlichen oder südlichen Stadtrand. Einer der Hintergründe für diese Verteilung ist sicherlich die höhere Bevölkerungsdichte in den zentralen und zentrumsnahen Quartieren. Auffällig ist eine Einkerbung im Bereich des Paulusviertels, einem gut situierten Wohnquartier, wo der überwiegende Teil der Bewohner: innen zwischen 15 und 30 Minuten Gehzeit zum nächsten Leuchtturm benötigt. Auch in Kranichstein, einer Stadterweiterung aus den 1960er Jahren, sind längere Laufwege von bis zu 30 Minuten zu erwarten. Die stadtweite Betrachtung der Katastrophenschutz-Leuchttürme kommt zu folgendem Ergebnis. Von den rund 161.000 Einwohner: innen von Darmstadt erreichen:  Rund 97.000 Personen (60 %) einen-Leuchtturm in weniger als-15 Minuten,  Rund 43.000 Personen (27 %)-benötigen zwischen 15 und 30-Minuten,  Rund 22.000 Personen (13 %) wohnen mehr als 30 Minuten entfernt. 5 km Abbildung 2: Verteilung der Katastrophenschutz- Leuchttürme in Darmstadt und ihre fußläufige Erreichbarkeit. Blau markiert sind die Gebiete, in denen Bewohner: innen innerhalb von 15 Minuten einen Leuchtturm erreichen können, gelb jene, in denen der Weg zwischen 15 und 30 Minuten beträgt (Kartengrundlage © OpenStreetMap- Beitragende). THEMA Digitalisierung und Sicherheit 47 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0075 Umfrage zur öffentlichen Wahrnehmung der Anlaufstellen Fußläufige Erreichbarkeit und gute Sichtbarkeit im Stadtraum sind, neben Funktionalität und Ausstattung, eine der Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz der Anlaufstellen im Krisenfall. Aus Sicht des Katastrophenschutzes ist es darüber hinaus von Interesse, inwieweit die Bevölkerung von der Existenz dieser Anlaufstellen weiß, ausgewiesene Orte somit direkt ansteuern kann. Das LOEWE-Zentrum emergenCIT Y hat in einer quantitativen Umfrage mehr als 100 Personen dazu befragt. Die Befragung war Bestandteil einer Evaluation im Kontext der Mission „Digitaler Heinerblock“, einem Reallabor im Darmstädter Lichtenbergblock, wo das Forschungszentrum mit dem städtischen Mobilitätsamt an einem Modellvorhaben zur resilienten, nachhaltigen Transformation von Stadtquartieren arbeitet. Die Befragung zielte in erster Linie darauf ab, die Resonanz der Bürger: innen einzuholen, umfasste aber auch eine Reihe von Fragen zur allgemeinen Krisenvorbereitung. Konkret ging es um zwei Aspekte. Die erste geschlossene Frage lautete “Wissen Sie, ob die Stadt Darmstadt im Krisenfall Anlaufstellen für die Bevölkerung einrichtet? ” und konnte mit ja, unsicher oder nein beantwortet werden. Die daran anschließende Frage war offen formuliert und bat die Teilnehmenden bis zu drei Orte zu nennen, die ihrer Einschätzung nach als Anlaufstellen fungieren könnten. Die Auswertung der Ergebnisse zeigt: 9 % beantworteten die erste Frage mit ja, 20 % mit unsicher und die Mehrheit von 71 % mit nein. Wenn es um die Nennung möglicher Anlaufstellen geht, ist die häufigste Antwort öffentliche Plätze (60), gefolgt von Feuerwache / Polizeiwache (44), Einkaufszentrum (40) und Rathaus / Stadtteilzentrum / Bürgeramt (37). Interessanterweise gibt es eine kleine Gruppe von acht Personen, welche sich zur nächstgelegenen Kirche begeben würden. Bemerkenswert sind hier die teilweisen Übereinstimmungen der genannten Orte mit den im historischen Beispiel von 1962 tatsächlich von der Bevölkerung intuitiv aufgesuchten Orten. Fazit und Ausblick Unsere Studie stellt das Konzept der Katastrophenschutz-Leuchttürme vor und zeigt am Beispiel der Stadt Darmstadt, wie die konkrete Umsetzung dieser Maßnahme aussehen kann. Die von uns angewandte Geodatenanalyse ist dazu geeignet, die Positionierung der Leuchttürme zu optimieren, gerade in Hinblick auf soziodemographische Gegebenheiten, die sich innerhalb der Stadt von Quartier zu Quartier stark unterscheiden können. Die Problematik hierbei sind Segregationserscheinungen, die häufig dazu führen, dass bestimmte Stadtviertel von einem überproportiona-  Ältere Menschen ab 65 sind überdurchschnittlich betroffen (RR = 1,16).  Auffällig ist die Gruppe der 50bis 64-Jährigen, die ein um fast 18 Prozent höheres Risiko hat (RR = 1,18). Ganz anders sieht es bei den 18bis 29-Jährigen aus: Sie wohnen deutlich häufiger in gut erreichbaren Gebieten und haben daher ein niedrigeres Risiko (RR = 0,65). Als Muster ist zu erkennen, dass Kinder, Ältere und Menschen mittleren Alters häufig mit längeren Gehzeiten konfrontiert sind, während junge Erwachsene im Schnitt näher an den Leuchttürmen wohnen. Zwischenfazit Unsere Analysen lassen folgende Schlüsse zu: Die Verteilung der Katastrophenschutz-Leuchttürme in Darmstadt hat zur Folge, dass sich die Gehzeiten zum nächsten Leuchtturm unterscheiden. In bestimmten Quartieren respektive für Teile der Bevölkerung sind die zu bewältigenden Strecken länger. Und das gilt nicht im gleichen Umfang für jede Bevölkerungsgruppe. Auffällig ist, dass ältere Menschen und Familien mit Kindern längere Wege zurücklegen müssen. Diese Ergebnisse gilt es jedoch in zweierlei Hinsicht einzuordnen. Zum einen basieren unsere Berechnungen auf einem vereinfachten Modell mit einheitlicher Geschwindigkeit. So gesehen wird es Menschen geben, die im Krisenfall schneller am Ziel sind und andere, die mehr als 30 Minuten benötigen, um den nächsten Katastrophenschutz-Leuchtturm zu erreichen. Gerade für ältere Menschen können längere Wegstrecken zu einer Herausforderung werden, weshalb es wichtig ist, auf den Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen zu achten und sozialräumliche Faktoren bei der Standortplanung zu berücksichtigen. Zum anderen betrachtet unsere Studie nicht die Standorte der Wärmeinseln. Inwieweit diese die Versorgungsradien im Zusammenspiel mit den Katastrophenschutz-Leuchttürmen verschieben, gilt es noch zu beantworten. Abbildung 3: Relatives Risiko (RR) des Zugangs zu Katastrophenschutz-Leuchttürmen nach Altersgruppen. Werte über 1 bedeuten, dass die jeweilige Gruppe überdurchschnittlich häufig in Gebieten mit längeren Gehzeiten wohnt, Werte unter 1 zeigen Gebiete mit kürzeren Gehzeiten. THEMA Digitalisierung und Sicherheit 48 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0075 Gatermann, F.: Eine Welle der Fürsorge in allen Massenquartieren. Privatleute holten Tausende Obdachlose/ Kein Mangel an Helfern. In: Hamburger Abendblatt, 19.02.1962 (42), S. 5. hn: Hamburg: Flutkatasptrophe Zehntausende obdachlos. Flucht auf Dächer und Hubschruber angeordnet. In: Hamburger Abendblatt, 17.02.1962 (41), S. 1. Hofinger, G. et al. (2025): Katastrophenschutz-Leuchttürme - Erfahrungen, «Good Practice» und Hindernisse in der Umsetzung des Basis-Konzeptes «Katastrophenschutz- Leuchttürme» unter Berücksichtigung ihrer Verortung im Warnsystem, Bonn. lk: Landeskirche kündigt „gezielte Einzelhilfe“ an. Zuschuß bei neuen Wohnungen. Seile für die Glocken. In: Hamburger Abendblatt, 16.03.1962 (64), S. 6. Neumann, F.: Pastor Sanmann läutete Sturm. Seitdem ist er vermißt / Warnung gehört? In: Hamburger Abendblatt, 20.02.1962 (43), S. 9. o.A.: Menschen kletterten von Panik getrieben auf die Dächer und schrien um Hilfe. Telefone fielen aus Neuenfelde abgeschnitten. In: Hamburger Abendblatt, 17.02.1962 (41), S. 3. Quast, J.: Die Fluchtkirche in Neuenfelde. In: Hamburger Abendblatt, 08.03.1962 (57), S. 2. Reese, C.: Neuenfelder retteten sich in die Kirche. In: Hamburger Abendblatt, 17.02.1962 (41), S. 3. Sticher, Birgitta (Hrsg.) (2014). Die Einbindung der Bevölkerung in das Krisen- und Katastrophenmanagement in Deutschland (der BRD) nach dem Zweiten Weltkrieg. Exemplarisch verdeutlicht an fünf Katastrophenereignissen, Berlin. Van Nes, A. und Yamu, C. (2021): Introduction to Space Syntax in Urban Studies, Cham. wl: Ab sofort: Flutalarm durch Sirenen, Glocken und Radio. Neues Warnsystem für Hamburg / Überflutungsgefahr weiter groß. In: Hamburger Abendblatt, 26.02.1962 (48), S. 3. Eingangsabbildung: © iStock.com/ Reinhard Krull len Anteil vulnerabler Bevölkerungsgruppen geprägt sind, denen im Krisenfall besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden sollte. Dieser Aspekt ist bei der Verteilung und Auslegung der Anlaufstellen zu berücksichtigen. Mit Space Syntax eröffnen sich neue Möglichkeiten Anzahl, Verteilung und Positionierung der Anlaufstellen zu analysieren, um die Notversorgung im Krisenfall zu verbessern. Ebenso wichtig ist die Aufklärung dazu. Unsere Umfrage hat ergeben, dass es mehr Informationen braucht, damit die Bevölkerung im Krisenfall besonnen reagieren kann und weiß, wo es Hilfe gibt. Hier sind alle städtischen Akteure gefragt, um mit entsprechenden Kampagnen auf das Konzept der Katastrophenschutz-Leuchttürme hinzuweisen. Dass viele Menschen intuitiv öffentliche Plätze ansteuern würden, ist ein Hinweis, der im Rahmen des Katastrophenschutzes und der Planung der Katastrophenschutz-Leuchttürme aufgegriffen werden könnte. Anmerkungen: Die vorliegende Publikation wurde in Teilen aus Mitteln des Projekts “EO4CAM” (www.eo4cam.de) aus Mitteln des bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, in Teilen aus Mitteln des Anwendungs- und Transferzentrum DiReX aus Mitteln des Hessischen Ministeriums für Digitalisierung und Innovation und des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und in Teilen aus Mitteln des LOEWE-Zentrum emergenCITY gefördert. Die Daten der Bürgerbefragung wurden vom Institut für Politikwissenschaft, Arbeitsbereich „Vergleichende Analyse politischer Systeme und Integrationsforschung“, der TU Darmstadt erhoben. LITERATUR Berliner Feuerwehr (Hrsg.) (2015): Katastrophenschutz-Leuchttürme als Anlaufstelle für die Bevölkerung in Krisensituationen - ein Forschungsprojekt, Berlin. Brunswig, H. (1963): Sturmflut über Hamburg. Einsätze und Erfahrungen der Hamburger Feuerwehr. In: Brandschutz. Zeitschrift für das gesamte Feuerwehr- und Rettungswesen (1), S. 2. Donovitz, F.: Wer dieses alte Gerät hatte, war während des Stromausfalls König des Viertels, in: Stern, 29.04.2025, https: / / www.stern.de/ wirtschaft/ blackout-in-spanien-und-portugal--als-ein-radio-gold-wert-war-35678028.html, Abgerufen am 29.08.2025 AUTOR: INNEN John Friesen, Dr., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Earth Observation Research Cluster (EORC), Department of Global Urbanization and Remote Sensing, Institut of Geography and Geology, Universität Würzburg Joachim Schulze, Dr., Leiter Reallabore Anwendungs- und Transferzentrum DiReX, Technische Universität Darmstadt Nadja Thiessen, Dr., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, FG Neuere & Neuste Geschichte, LOEWE-Zentrum emergenCIT Y, Technische Universität Darmstadt THEMA Digitalisierung und Sicherheit 49 4 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0075