eJournals Vox Romanica 82/1

Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VOX-2023-011
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/121
2023
821 Kristol De Stefani

Felix Tacke, Sprachliche Aufmerksamkeitslenkung. Historische Syntax und Pragmatik romanischer Zeigeaktkonstruktionen, Frankfurt am Main (Vittorio Klostermann) 2022, xiii + 616 p. (Analecta Romanica 92)

121
2023
Irene Kunerthttps://orcid.org/0009-0008-3531-5973
vox8210321
321 DOI 10.24053/ VOX-2023-011 Vox Romanica 82 (2023): 321-329 Besprechungen - Comptes rendus Besprechungen - Comptes rendus Philologie et linguistique romane générales - Allgemeine Philologie und Romanische Sprachwissenschaft F elix T acke , Sprachliche Aufmerksamkeitslenkung. Historische Syntax und Pragmatik romanischer Zeigeaktkonstruktionen , Frankfurt am Main (Vittorio Klostermann) 2022, xiii + 616 p. ( Analecta Romanica 92). «Ecco il maestro! » Neben der besonderen Atmosphäre und der hervorragenden Sangesleistungen der Solisten ist der Rezensentin auch diese begeisterte Vorstellung des Dirigenten in der Arena di Verona zur Aufführung von Turandot in Erinnerung geblieben. Diese über Lautsprecher bekannt gegebene Äußerung wurde vom Publikum offenbar als Aufforderung verstanden, besagten maestro mit lautem Klatschen und Freudenrufen in Empfang zu nehmen. In Felix Tackes Habilitationsschrift lässt sich nun lernen, dass dieses Beispiel in mehrfacher Hinsicht eine typische Realisierung einer Zeigeaktkonstruktion darstellt: Der Kontext ist räumlich-situativ und realisiert damit die prototypische Form, von der sich andere Verwendungsweisen - z. B. Diskursverweise - metaphorisch oder pragmatisch ableiten lassen. Im Vergleich zu anderen, nicht-deiktischen Präsentativkonstruktionen zeichnen sich Zeigeaktkonstruktionen durch ihre besondere Expressivität aus und sie dienen mehr als Appell denn als reine Informationsweitergabe - in dieser Hinsicht hat der zitierte Sprechakt in Verona sein Ziel sicherlich erreicht. Schließlich spielt in Hinblick auf die diskurstraditionelle Einordnung gerade die Verwendung in Bühnenkontexten eine wichtige Rolle (bei Tacke aber «klassisch» auf handelnde Figuren innerhalb der Narration bezogen, entsprechend lautet ein von ihm häufig zur Erklärung von Subkonstruktionen etc. genutztes Beispiel in der Grundform «voici le roi»). Darüber hinaus könnte sich Deutschmuttersprachlern die Frage stellen: Gibt es eine griffige deutsche Übersetzung, die wirkungsäquivalent ist? Hier sind doch Zweifel angebracht. Nicht nur, dass es im Deutschen kein erbwörtliches Wörterbuchäquivalent zu ecco gibt, also keine «Sparform», wie Genaust (1975: 88, zitiert nach Tacke p. 3) 1 sie nennt bzw. kein Zeigeaktelement in der Terminologie des Verfassers. Auch eine direkte Aufforderung wie «seht», die sich beispielsweise als Figurenrede in Dramen oder in biblischen Texten/ liturgischen Stücken finden lässt, würde im genannten Kontext wohl unangemessen pathetisch wirken. Zuletzt könnten sich alle, die einmal sprachwissenschaftliche Lehrveranstaltungen besucht haben, bei «ecco il maestro» daran erinnern, dass eben jenes ecco schwer in 1 G enausT , H. 1975: «Voici und voilà. Eine textsyntaktische Analyse», in: M. s checker / P. W underli (ed.), Textgrammatik. Beiträge zum Problem der Textualität, Tübingen, Niemeyer: 76-106. 322 DOI 10.24053/ VOX-2023-011 Vox Romanica 82 (2023): 321-329 Besprechungen - Comptes rendus das System der Wortarten zu integrieren ist. Letztlich bleibt hier auch nach Ansicht des Verfassers nur eine Kategorie eigener Art anzusetzen (p. 272), die sich vielleicht - auch durch Beiträge wie die vorliegende umfangreiche Studie - in Zukunft stärker etablieren wird, als dies bis jetzt der Fall ist. Auf fast 550 Textseiten widmet sich der Verfasser in seiner Habilitationsschrift zur sprachlichen Aufmerksamkeitslenkung den Zeigeaktelementen und -konstruktionen. Letztgenannter Terminus, der schon im Buchtitel auftaucht, benennt bereits einen der vom Verfasser gewählten Zugänge zum Thema. Tacke arbeitet dezidiert konstruktionsgrammatisch und verweist immer wieder auf das in diesem Rahmen vertretene «Principle of No Synonymy of Grammatical Forms» (z. B. p. 10). Eines seiner Ziele liegt dementsprechend darin, die Feinunterschiede in Semantik, Pragmatik und diskurstraditioneller Bindung der Zeigeaktkonstruktionen herauszuarbeiten. Zudem zieht sich das Spannungsfeld zwischen der universell gegebenen kommunikativen Funktion der Aufmerksamkeitslenkung und deren historisch gewachsener, einzelsprachlich spezifischen Ausgestaltung durch alle Kapitel. Der Verfasser gliedert die Arbeit wie folgt: Nach der Einleitung in Kapitel 1 folgen zwei Kapitel, die den Forschungsgegenstand genauer einführen und ihn beschreiben, hier überwiegt die synchrone Perspektive. Der diachronen Perspektive verpflichtet sind die Kapitel 4 und 5, die zusammen etwas mehr als die Hälfte des Buches ausmachen. Das 6. Kapitel stellt den Schluss dar. Neben Literatur- und Abbildungsverzeichnis finden sich am Ende des Buches sowohl ein Personenals auch ein Sachregister. Da Bücher dieser Art primär im Rahmen einer Konsultation bestimmter Stellen und weniger als Gesamtlektüre rezipiert werden, sind diese Register eine große Hilfe. Im Folgenden sollen einige zentrale Punkte aus den einzelnen Kapiteln herausgegriffen werden. Zur Eröffnung seiner umfangreichen Studie (p. 1-2) wählt Tacke die Begegnung von Napoleon und Goethe, von der Goethe berichtet, der französische Kaiser habe zu ihm nach aufmerksamer Betrachtung bemerkt: «Vous êtes un homme». Neben der von Goethe überlieferten Variante ist zudem auch «voilà un homme» vielfach belegt. Anschließend erwähnt der Verfasser selbstverständlich auch die für die europäische Kulturgeschichte sicherlich wirkmächtigste Zeigeaktkonstruktion: « ecce homo ». Während das Napoleon-Zitat im Buch für sich steht, wird der Verfasser das « ecce homo » mehrfach wieder aufgreifen. Als drittes Beispiel dient Luthers «Hier stehe ich» (im Französischen scheint die typische Übersetzung tatsächlich «me voici donc» zu sein). Die Einleitung dient zudem der Klärung wichtiger Grundlagen der Arbeit (p. 3-4). In der interlinguistischen Betrachtung wird dabei deutlich: Manche Sprachen versprachlichen Zeigeaktkonstruktionen durch eine Kombination von Lokaladverb und Prädikat, hierzu gehören das Deutsche, das Englische und, in synchroner Perspektive, auch die iberoromanischen Sprachen Spanisch und Portugiesisch. Andere Sprachen verfügen über einen Ausdruck - und nutzen diesen auch -, der sich mit den klassischen Wortartenkategorien nicht fassen lässt: Obwohl Ähnlichkeiten zu Imperativformen bestehen, handelt es sich nicht um ein Verb, und auch als Demonstrativum lassen sich die entsprechenden Elemente nicht erfassen. Tacke entscheidet sich für den Terminus Zeigeaktelement (Z), um auf diese spezifischen Ausdrücke à la ecce , ecco oder voilà zu referieren. Des Weiteren thematisiert Tacke in der Einleitung Ziel 323 DOI 10.24053/ VOX-2023-011 Vox Romanica 82 (2023): 321-329 Besprechungen - Comptes rendus und Aufbau der Untersuchung, die Korpora (hier zeigt sich die starke Berücksichtigung des diachronen Aspekts) sowie den Stand der Forschung. Kapitel 2 ist der grundlegenden Beschreibung der Dimensionen von Zeigeaktkonstruktionen gewidmet. Dies geschieht unter dem Gesichtspunkt der Herstellung geteilter Aufmerksamkeit (Definition auf p. 24-25) und unter der genaueren Betrachtung der Kategorie des Zeigens. Zum gestischen Zeigeakt verhält sich der sprachliche einerseits ergänzend, indem er die Gestik verstärkt, die den primären Modus des Zeigens darstellt; andererseits verhält sich der sprachliche Akt komplementär zur Gestik, indem dieser durch Benennung des Referenten eine Funktion übernimmt, die jener nicht innewohnen kann (p. 29-32). Von besonderer Bedeutung für das Verständnis der folgenden Kapitel sind die Anmerkungen zu den Formen der Zeigeaktkonstruktionen unter 2.3.2. Tacke geht hier von drei Grundformen aus. Typ 1 <Z NP> steht für die Kombination aus Zeigeaktelement und Nominalphrase, eine Konstruktion, die der Verfasser später als den «romanischen Urtyp» bezeichnen wird (p. 59). Typ 2 und 3 beruhen auf der Kombination von Lokaladverb, Verb und Nominalphrase: <Adv lok V sTare / venire NP> (Typ 2) und <Adv lok V habere NP> (Typ 3); sie unterscheiden sich hinsichtlich der syntaktischen Rolle der Nominalphrase, die einmal Subjekt ist und einmal als Objekt eines besitzanzeigenden Verbs fungiert. An dieser Stelle soll die vom Verfasser gewählte Terminologie reflektiert werden. Tacke arbeitet mit den Termini Zeigeaktkonstruktionen, Zeigeaktausdruck und Zeigeaktelement und illustriert deren Zusammenspiel beispielsweise in den Abbildungen 10, 11 und 12 (p. 52-53). Bei Typ 1 setzt sich die Zeigeaktkonstruktion als Gesamtheit aus Zeigeaktausdruck (ZA) und Gezeigtem (= NP) zusammen. Beim Zeigeaktausdruck handelt es sich wiederum um die Kombination von Zeigeaktelement (Z) und möglicher Lokalisierung, z. B. it. ecco qui oder kat. vet aquí ; die Lokalisierung kann sogar obligatorisch sein, entweder in der Phraseologie (sp. he tritt, wenn überhaupt, sprachsynchron nur noch in Kombination mit aquí, ahí oder allí auf) oder durch morphologische Integration in das Zeigeaktelement (frz. voici, voilà - ci und là werden in Abbildung 10 sowohl als Teil von Z als auch als Lokalisierung geführt). Als Formel für Typ 1 entscheidet sich der Verfasser für <Z NP>, also für Zeigeaktelement + Nominalphrase ; ebenfalls denkbar und terminologisch konsistent wäre, den Abbildungen und Erläuterungen folgend, die Benennung Zeigeaktausdruck + Nominalphrase gewesen. Vermutlich sprachen diachrone Überlegungen für die gewählte Benennung, denn der bereits erwähnte, aus dem Lateinischen stammende Urtyp ließe sich tatsächlich auf Z + NP reduzieren; diese Realisierung, bei dem Zeigeaktelement und Zeigeaktausdruck identisch sein können und eine Lokalisierung fakultativen Charakter hat, findet sich entsprechend heute noch im Italienischen. Für die gewählte Terminologie spricht außerdem die Tatsache, dass der Verfasser an verschiedenen Stellen im Buch konstruktionsunabhängig bzw. unter expliziter Bezugnahme auf Typ 2 und Typ 3 von einem Zeigeaktausdruck spricht, wie z. B. bei der folgenden Modellierung (p. 59): Typ 2 < za [Adv lok ] V → NP >. Dies geht aus der alleinigen Betrachtung der Abbildungen 11 und 12, in denen bei Typ 2 und Typ 3 nur von Setting und Lokalisierung die Rede ist, allerdings nicht hervor. In Kapitel 2 werden weitere zentrale Eigenschaften von Zeigeaktkonstruktionen benannt (vor allem p. 58-63), an dieser Stelle soll ein Ausschnitt dieser Charakteristika skizziert wer- 324 DOI 10.24053/ VOX-2023-011 Vox Romanica 82 (2023): 321-329 Besprechungen - Comptes rendus den. So geht der Akt des Zeigens als Versprachlichung des Fingerzeigs in Typ 1 dem Akt der Nennung des Referenten stets voraus; in Konstruktionen des Typs 2 und 3 findet sich ein solcher Fingerzeig nicht explizit, hier muss aber das Lokaladverb an erster Stelle stehen. Spezifisch für Typ 1 ist die deiktische Funktion des Zeigeaktelements; dies bedeutet gleichzeitig, dass der Akt des Lokalisierens von diesem nur implizit übernommen wird. Das Lokaladverb, das in Typ 2 und 3 expliziter und obligatorischer Teil der Konstruktion ist, ist bei Typ 1 fakultativ und kann entweder der Präzisierung oder der Kontrastierung dienen. Diese Aussage wird aber ergänzt um die Feststellung, dass das Lokaladverb im Französischen Teil der Morphologie von voici und voilà ist, im Spanischen und Katalanischen Teil der Phraseologie (cf. supra) - eine explizite Lokalisierung ist somit unter synchroner Perspektive bei den romanischen Typ 1-Konstruktionen häufiger, als es zunächst den Anschein hat. Das Prädikat einer Zeigeaktkonstruktion wird nur in Typ 2 und 3 verbal ausgedrückt, bei Typ 1 ist es im Zeigeaktelement enthalten. Der Verfasser beschreibt die entsprechende Proposition als «X ist hier». Dies hat zur Folge, dass die Idee einer Bewegung nicht explizit ausgedrückt werden kann, sondern durch den Kontext inferiert werden muss - «ecco il maestro» ist in dieser Hinsicht weniger explizit als beispielsweise dt. «Hier kommt der Dirigent.» Schließlich macht Tacke auf eine wichtige syntaktische Eigenschaft der Nominalphrase in Typ 1 aufmerksam, die sich interessanterweise mit den besitzanzeigenden Konstruktionen von Typ 3 deckt: Die Nominalphrase fungiert als direktes Objekt zum Zeigeaktausdruck, was sich im Spanischen durch Konstruktionen mit dem acusativo preposicional belegen lässt, am besten aber an der Pronominalisierung zu erkennen ist, z. B. «ecco il maestro» - «eccolo». Eine durch Pronomen ausgedrückte Nominalphrase dient dem Verfasser auch zur Verdeutlichung einer weiteren Eigenschaft, die er als zentral für das Verständnis von romanischen Zeigeaktkonstruktionen ansieht: Die Stellung der Pronomina nach dem Verb (mit Ausnahme des Neufranzösischen) dient ihm als Beleg für die Nähe von Zeigeaktkonstruktionen und Imperativen. Kapitel 3 ist der Sachverhaltsdarstellung durch Zeigeaktkonstruktionen gewidmet, metaphorisch spricht der Verfasser auch von der Inszenierung, vom In-Szene-Setzen von Sachverhalten. Dabei überzeugt die Vielzahl der Zugänge zum Thema, Tacke spricht über Theorie und Syntax der Aufmerksamkeitslenkung, über Informationsstrukturen, über Diskursstrukturen und Temporalität/ Aspektualität, schließlich auch über Mirativität, also über die Fähigkeit von Zeigeaktkonstruktionen, Sachverhalte als unerwartet, überraschend etc. zu kennzeichnen. Die zentralen Kategorien von Kapitel 3 werden zwar getrennt behandelt, doch der Verfasser schafft es, Zusammenhänge zu verdeutlichen, z. B. zwischen der Zeigeakten inhärenten Imperfektivität (und der entsprechenden Tempusverwendung) und mirativen Lesearten (p. 203). Als zentrale Faktoren für das kategorienübergreifende Verstehen der Zeigeaktkonstruktionen benennt der Verfasser die expressive Sachverhaltsdarstellung und die Vordergrundmarkierung (p. 108). Im Rahmen der vorliegenden Besprechung soll der Fokus auf dem ersten Faktor liegen. Tacke erkennt, dass eine adäquate Beschreibung von Zeigeaktkonstruktionen unter diesem Gesichtspunkt nur dann möglich ist, wenn - in seiner Terminologie - interne und externe Pragmatik Berücksichtigung finden (Abbildung 14, p. 109). Konkret bedeutet dies, dass der Verfasser nicht nur die verschiedenen Subtypen der thematisierten Konstruk- 325 DOI 10.24053/ VOX-2023-011 Vox Romanica 82 (2023): 321-329 Besprechungen - Comptes rendus tion analysiert, sondern auch Konstruktionen mit ähnlicher Funktion in die Betrachtung einbezieht, die aber keine Zeigeaktkonstruktionen sind. Einen wichtigen Überblick über Subkonstruktionen und Kategorien mit vergleichbarer Funktion (z. B. Existenzkonstruktionen wie il y a ) liefert Beispiel 4 auf p. 111, durchgespielt am bereits erwähnten Modell von «voici le roi». In 3.7. arbeitet der Verfasser schließlich folgende Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Zeigeaktkonstruktionen und anderen Präsentativkonstruktionen heraus: Beide dienen der Einführung von Referenten in den Diskurs, mit der Möglichkeit, dass anschließend eine Topikalisierung erfolgen kann. Aus diesem Grund steht die Nominalphase in diesen Konstruktionen nie satzinitial, sondern postverbal oder nach der Zeigeaktkonstruktion. Dies erinnert an Verb-Subjektkonstruktionen, die nur über die Wortstellung kennzeichnen, dass keine topic-comment- Struktur vorliegt, sondern der Fokus auf der Äußerung als Ganzes liegt; auch Konstruktionen dieser Art thematisiert Tacke im Rahmen der externen Pragmatik. Ein Unterschied zwischen Zeigeaktkonstruktionen und Existenzkonstruktionen liegt darin, dass letztere trotz der Integration eine Lokaladverbs nicht deiktisch sind, da sie keine Positionierung in Bezug zur Sprecherorigio vornehmen. Zudem erlauben Existenzkonstruktionen die Negation, Zeigeaktkonstruktionen nicht. In Bezug auf ihre Illokution sind zwei Unterschiede entscheidend: Existenzkonstruktionen sind assertiv, Zeigeaktkonstruktionen appellativ. Somit erschließt sich Tackes Wertung, Zeigeaktkonstruktionen im Vergleich zu anderen Präsentativkonstruktionen als die expressivere Variante zu beschreiben. In Kapitel 4 setzt sich der Verfasser das Ziel, eine Ursprungstheorie der lateinischen und romanischen Zeigeaktelemente zu formulieren (p. 245), wobei sich zu sprachvergleichenden Zwecken und aufgrund des arabischen Ursprungs des spanischen Zeigeaktelements he in he (aquí) auch Informationen zu arabisch hā und ‘inna sowie zu hebräisch hinnē finden. Im Rahmen der vorliegenden Besprechung soll der Schwerpunkt auf der Genese von ecce und seiner Fortführung in den romanischen Sprachen liegen, die, so die Überzeugung des Verfassers, zahlreicher sind, als gemeinhin angenommen. Als allgemeiner Ansatzpunkt dient dem Verfasser die Einordnung in den Bereich der Deixis. Als deiktische Einheiten weisen Zeigeaktelemente eine wichtige Gemeinsamkeit mit den Demonstrativa auf, daher kann ihre Entwicklung in deren besser erforschte Genese eingeordnet oder zumindest als parallel verlaufend begriffen werden. Der Ursprung von Zeigeaktelementen und Demonstrativa reicht zurück in «vorgrammatische Zeiten», also Zeiten, in denen Äußerungen noch ohne systematische Flexion auftraten. Tacke bezeichnet sie auch als «Urschöpfungen», basierend auf Ikonizität (p. 251-52.). Er arbeitet heraus, wie sich die lateinischen Pronomina is , ea , id sowie die Demonstrativpronomina isTe , isTa , isTud / ille , illa , illud aus Zeigepartikeln entwickelt haben könnten, dass also am Beginn ihrer Entwicklung ein Element mit einer Bedeutung stand, die Tacke als «SIEHE ENTITÄT HIER» (p. 255) umschreibt. Wichtig für die Argumentation des Verfassers ist Bühlers Vergleich von einem reinen Zeigeaktelement mit einem «Wegpfeil ohne aufgeschriebenen Namen» (Bühler 1934: 144, zitiert nach Tacke p. 255-56), in dem der Pfeil dennoch eine Funktion hat und diese auch in nachfolgenden Entwicklungen nicht verliert. Eine Verbindung auf der signifiant- Ebene zu lat. ecce weisen die Demonstrativa hic , haec , hoc auf, die Sprachhistoriker auf die Kombination von zwei deiktischen Partikeln zurückführen, wobei das zweite Element -ce (protoitalisch: 326 DOI 10.24053/ VOX-2023-011 Vox Romanica 82 (2023): 321-329 Besprechungen - Comptes rendus *ḱe ‘hier’) auch in ecce vorkommt (p. 257). Tatsächlich setzt sich auch ecce aus zwei Elementen zusammen: ec ce , wobei zur Etymologie des ersten Elements verschiedene Theorien existieren. Der Verfasser arbeitet jedoch klar heraus, dass entscheidend sei, dass ecce ähnlich wie die vorher erwähnten Pronomina aus der Kombination deiktischer Partikeln entstanden sei (p. 263). ecce als Zeigeaktelement bestand in Zeigeaktkonstruktionen <Z NP> parallel zu seiner grammatischen Integration als Demonstrativpronomen ( eccum , eccos ) fort. Zentral für das Verständnis von 4.2. sind Abbildung 36 (p. 278) sowie die vorangehenden Erläuterungen, in denen der Verfasser sein Emergenzmodell präsentiert. Demonstrative Ausdrücke, zu denen Demonstrativa, deiktische Interjektionen und schließlich auch Zeigeaktelemente zählen, gehen alle auf Partikel der vorgrammatischen Phase zurück. Diese Entwicklung wertet der Verfasser nicht als Grammatikalisierung, da der Ausgangspunkt nicht durch Autosemantika gebildet wird, sondern als Konstruktionalisierung. Zeigeaktelemente bilden dabei eine isolierte Kategorie, mit deren Zuordnung sich die Grammatikographie von jeher schwertat (cf. supra). Die romanischen Sprachen haben alle den Konstruktionstyp <Z NP> aus dem Lateinischen übernommen, das lateinische Zeigeaktelement ecce wurde dabei in manchen Sprachen weitergeführt, in anderen mit weiteren Ausdrücken kombiniert oder durch andere (entlehnte) Elemente ersetzt. Wie auch an anderen Stellen des Buches sind die Abbildungen ein wichtiger Punkt, um das Gelesene einzuordnen bzw. im Gesamtzusammenhang zu sehen, hier sei auf Abbildung 38 (p. 284) verwiesen, die die Fortsetzungen von lat. ecce und der deklinierten Variante eccum zeigt. Altfranzösisch ez ist als einziges Zeigeaktelement auf ecce zurückzuführen, auf eccum gehen aque im Altportugiesischen, ec im Altkatalanischen und Altprovenzalischen sowie ecco im Italienischen als einzige bis heute fortgeführte Variante zurück. Den Fortsetzungen des Sehverbs v ĭ de ̄ re widmet sich der Verfasser ausgehend von den französischen Formen voici/ voilà, verwirft dabei aber deren scheinbar klare Herleitung aus einer reinen Verbform und nimmt den altfranzösischen Vorläufer vez/ veez in den Blick, der bereits formal einen Zusammenhang zum bereits erwähnten altfranzösischen Zeigeaktelement ez nahelegt. Tacke verweist auf mögliche parallele Entwicklungen in anderen romanischen Sprachen. Diese These fasst er übersichtlich in Abbildung 39 (p. 292) zusammen, die die parallele Entwicklung der mittelalterlichen Formen in verschiedenen romanischen Sprachen illustriert, die der Verfasser auf die Kombination vĭde ecce / vĭde eccum zurückführt. In diesem Zusammenhang empfiehlt sich auch die Konsultation von Abbildung 46 in Kapitel 5 (p. 373), die die Genese der mittelalterlichen romanischen Zeigeaktelemente in ihrer Gesamtheit darstellt. Kapitel 5 ist mit «Kontinuität und Wandel» überschrieben und beschreibt Entwicklungslinien sowie die sprachspezifische Ausgestaltung der Zeigeaktkonstruktionen in den romanischen Sprachen. Es stellt mit über 200 Seiten das umfangreichste Kapitel dar, weshalb im Rahmen der vorliegenden Besprechung, stärker noch als in den anderen Kapiteln, eine Auswahl erfolgen muss. Eine wichtige Perspektive in Kapitel 5 ist die der diskurstraditionellen Einordnung. Eine der Kontinuitäten, die Tacke herausarbeitet, liegt in der überraschend homogenen Verwendung der Zeigeaktkonstruktionen in den verschiedenen romanischsprachigen Literaturen des 327 DOI 10.24053/ VOX-2023-011 Vox Romanica 82 (2023): 321-329 Besprechungen - Comptes rendus Mittelalters; diese erklärt sich einerseits durch den Rückgriff auf gemeinsame antike Vorbilder, andererseits durch den steten Austausch untereinander (p. 306). Unter dem Blickwinkel der Verwendung in epischer Sprache liefert Abbildung 40 (p. 329) eine gut zugängliche Synthese der Überlegungen des Verfassers. Ihr volles Potenzial entfalten Zeigeaktkonstruktionen bei Inszenierungen, die auch eine visuelle Komponente haben, eine Art der Rezeption, die im Mittelalter von sehr viel zentralerer Bedeutung war als heute, z. B. in Bezug auf die chansons de geste . Auch mit veränderten Rezeptionsgewohnheiten ging diese ursprünglich durch den mündlichen Vortrag entstandene Art der Präsentation von Sachverhalten und der Aufmerksamkeitslenkung nicht verloren, sie konnte sich auch in für die (Einzel-)Lektüre bestimmten Romanen erhalten. Der Verfasser liefert an dieser Stelle ein einprägsames Beispiel für den «Konservatismus» von Diskurstraditionen nach Koch, d. h. für das Erhaltenbleiben bestimmter Techniken, auch wenn sie in Bezug auf ihren ursprünglichen Zweck obsolet geworden sind. Wie in den Kapiteln zuvor kehrt der Verfasser im 5. Kapitel immer wieder auf hebräische und lateinische, an anderen Stellen auch griechische, Vorbilder zu romanischen Zeigeaktkonstruktionen zurück, die im Zusammenhang mit Übersetzung bzw. Rezeption der biblischen Texte stehen und zitiert auch aus den biblischen Urtexten. Ergänzend zu den zitierten Versen sei an dieser Stelle noch auf Joh 1, 29 verwiesen, in der Fassung der Vulgata: «ecce agnus Dei qui tollit peccatum mundi». Die Bekanntheit der Textstelle mag kulturgeschichtlich nicht an das « ecce homo » heranreichen, als obligatorischer Bestandteil der katholischen Messliturgie scheint sie aber rezeptionsgeschichtlich erwähnenswert (in Beispiel 172 wird entsprechend auch ein italienischer Text zitiert, der eine intertextuelle Referenz zum erwähnten Vers darstellt). Auf das Verhältnis von Zeigeaktelement und Zeigeaktausdruck geht der Verfasser in 5.3. unter folgenden Gesichtspunkten ein: Kombination mit ethischem Dativ, Herausbildung von Pluralformen und das Zusammenspiel bis hin zur Verfestigung mit Lokaladverbien. Manche bereits in Kapitel 2 angesprochenen Eigenschaften der Zeigeaktkonstruktionen werden hier noch einmal in ihrem historischen Gewordensein skizziert und um weitere Informationen ergänzt, z. B. um die Unmarkiertheit von voilà in Bezug auf Nähe und Distanz, wohingegen voici spezifisch als markiertes Element der Nähe aufzufassen ist (p. 357-58). Das Unterkapitel 5.4. ist diachronen Überlegungen zu den verschiedenen syntaktischen Subkategorien der Typ 1-Konstruktion gewidmet. Eine genauere Betrachtung würde den Rahmen einer Zusammenfassung sprengen; um sich einen Überblick über diese bis jetzt wenig beachtete Vielfalt zu verschaffen, ist ein Blick ins Inhaltsverzeichnis angebracht, das aufzeigt, dass allein die Variante <Z [NP]> als eine von fünf Obervarianten drei Unterkategorien aufweist. Eine wichtige Beobachtung, die unter anderem aus 5.4. hervorgeht, macht Tacke im Schlusskapitel (p. 545) explizit: Über das vielfältigste Repertoire an Subkonstruktionen verfügen das Französische und das Italienische. Unterkapitel 5.5. führt schließlich Überlegungen zu einem vorab immer wieder thematisierten Bruch zwischen den romanischen Sprachen aus: Die iberoromanischen Sprachen haben den «urromanischen» Typ der Zeigeaktkonstruktionen zwar weitergeführt, doch Typ 2- und Typ 3-Konstruktionen haben diesen älteren Typ zu großen Teilen ersetzt, im Gegen- 328 DOI 10.24053/ VOX-2023-011 Vox Romanica 82 (2023): 321-329 Besprechungen - Comptes rendus satz zur übrigen Romania, deren Fortsetzungen bis in die Gegenwartssprache reichen. Tacke schlägt nun eine systematische Beschreibung dieser üblicherweise bei der Betrachtung romanischer Zeigeaktkonstruktionen vernachlässigten iberoromanischen Konstruktionen vor. Als Ursprung macht er präsentative Verb-Subjektkonstruktionen aus, denen häufig ein Adverbial vorangeht (AVS). Diese Konstruktion erfährt einen Bedeutungswandel, von einer Präsentativkonstruktion, die einen Sachverhalt assertiert, hin zu einer Zeigeaktkonstruktion, in deren konventionalisierte Bedeutung eine appellative Illokution eingeschrieben ist (p. 475). Der Verfasser argumentiert, dass Typ 2 in mündlicher Interaktion entstanden sein muss und sich davon ausgehend ausbreitete. In narrativen Texten sei der urromanische Typ 1 daher noch länger zu finden. Ab dem 15. Jahrhundert können Typ 2-Konstruktionen dann als konventionalisiert aufgefasst werden (p. 476). Mit dem Wandel zu einer Zeigeaktkonstruktion geht im Vergleich zur nicht-deiktischen Präsentativkonstruktion eine Restriktion in Bezug auf die Realisierung des verbalen Elements einher, die Verbstelle wird entweder durch estar oder durch bestimmte Bewegungsverben besetzt (p. 486). Ab dem 16. Jahrhundert treten auch Konstruktionen des Typs 3 im Portugiesischen und Spanischen hinzu (p. 505). Die Verdrängung von Typ 1 durch die neueren Konstruktionen führt schließlich dazu, dass die Bandbreite an Subkonstruktionen der älteren Form, die sich in anderen romanischen Sprachen bis heute findet, synchron betrachtet in der Iberoromania ohne Pendant ist; dementsprechend ist es auch nicht überraschend, dass Zeigeaktkonstruktionen bei der Sachverhaltsdarstellung insgesamt im Spanischen und Portugiesischen eine weniger wichtige Rolle spielen als beispielsweise im Französischen und Italienischen (p. 535). Im 6. Kapitel der Arbeit, in dem als Schlusskapitel zentrale Ergebnisse der Analysen aufgeführt und eingeordnet werden, macht der Verfasser eine weitere wichtige Folge klar, die sich aus dem Sprachwandelprozess in der Iberoromania ergibt: Während die anderen romanischen Sprachen ein isoliertes syntaktisches Element beibehalten haben, das keiner anderen Wortart zugeordnet werden kann, kam im Spanischen und Portugiesischen von einer «syntaktischen Regularisierung» gesprochen werden, denn Typ 2- und Typ 3-Konstruktionen stellen eine Realisierung eines weit verbreiteten syntaktischen Musters dar (p. 544). In der Gesamtheit betrachtet hat Tacke eine umfassende Studie vorgelegt, die die Zeigeaktkonstruktionen unter verschiedenen Gesichtspunkten behandelt und dementsprechend viele Anknüpfungspunkte auch zu anderen Forschungsgebieten und Fragestellungen bereithält. Der panromanische Blickwinkel, der im Titel des Buches angekündigt wird, zieht sich durch alle Kapitel; neben fünf schwerpunktmäßig ausgewählten Sprachen finden sich immer wieder auch Anmerkungen zu Varietäten und zu Sprachen der Romania minor, synchron und diachron, z. B. zum altbearnesischen Zeigeaktelement bet (p. 291); möglicherweise hätte die Erwähnung der sardischen und korsischen Zeigeaktelemente noch von Interesse sein können. Dank des schlüssigen Aufbaus, der gut gewählten Abbildungen und des Namens- und Sachregisters lässt sich das Buch sowohl gut lesen als auch unter einer ganz bestimmten Fragestellung konsultieren. Bei den ausgewählten Korpusbelegen überwiegen literarische Beispiele und in Bezug auf die Deixis die Deixis ad oculos und die Deixis am Phantasma. Dies lässt sich auf die diachrone Ausrichtung der Kapitel 4 und 5, die Zusammenstellung des Kor- 329 DOI 10.24053/ VOX-2023-011 Vox Romanica 82 (2023): 321-329 Besprechungen - Comptes rendus pus und die herausgearbeitete diskurstraditionelle Einbettung von Zeigeaktkonstruktionen zurückführen, die aufgrund ihrer Expressivität und der Deixis eine Affinität zu bestimmten literarischen Gattungen aufweisen; die Schwerpunktsetzung der Arbeit sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die insgesamt seltener behandelten erwähnten Aspekte ausreichend Berücksichtigung finden. Schließlich beschließt der Verfasser seine Ausführungen mit aus seiner Sicht weiteren wünschenswerten Aspekten bzw. möglichen Vertiefungen seiner Ausarbeitung zu Zeigeaktkonstruktionen und nennt an dieser Stelle die Sachverhaltsdarstellung im Prisma verschiedener Diskurstraditionen (p. 546). Dem kann sich die Rezensentin nur anschließen; gerade in Hinblick auf Diskursdeixis wird die Untersuchung der diskurstraditionellen Einbettung sicherlich weiterhin sehr ergiebig sein. Es stellt sich die Frage, inwieweit beispielsweise (politische) Reden ein Bereich sein könnten, der eine nähere Betrachtung verdient. Mündlich vorgetragen erfüllen diese Reden konzeptionell oft Merkmale der Distanzsprache - z. B. in Bezug auf die Planung - und zeichnen sich durch explizite Gliederungssignalisierungen aus. Belege für den Gebrauch von Zeigeaktkonstruktionen zur Bezugnahme auf Diskurseinheiten finden sich zahlreich, z. B. im Europarlkorpus 2 («Voici donc la position et la volonté que je défends ce soir»/ «Voilà, Monsieur le Député, la réponse que je peux vous faire.»). Wie Tacke herausarbeitet, machen Konstruktionen dieser Art Teile des vorangegangenen oder folgenden Diskurses explizit zugänglich für die Adressaten und der Sender kann durch die Art der Charakterisierung und Bewertung seine favorisierte Interpretation von Diskurseinheiten mitliefern (p. 88). Dass Zeigeaktkonstruktionen eine vielfältige und dynamische Kategorie darstellen, deren nähere Betrachtung viele fruchtbare Erkenntnisse bringt, erschließt sich beim Lesen von Tackes Arbeit auf vielfältige Art und Weise. Das nächste «ecco il maestro» wird für die Rezensentin sicherlich mit Überlegungen zu Typ 1, mirativen Lesearten, Emergenzprozessen, Subkategorien etc. einhergehen. Und allen, die das Buch in Bezug auf eine bestimmte Fragestellung selektiv konsultieren werden, sei auf jeden Fall die zusätzliche Lektüre des Schlusskapitels empfohlen, allein schon, da ein letztes Wort kaum aussagekräftiger und passender sein kann: Tacke beschließt seine 6 Kapitel und vielfältigen Analysen mit einem einfachen voilà. Irene Kunert (Universität Paderborn, Institut für Romanistik) https: / / orcid.org/ 0009-0008-3531-5973 ★ 2 Koehn, P. 2005: «Europarl: A Parallel Corpus for Statistical Machine Translation», in: Proceedings of Machine Translation Summit X: Papers , Phuket, Thailand: 79-86. URL: https: / / aclanthology. org/ 2005.mtsummit-papers.11 [14.08.2023]