Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VOX-2025-006
vox841/vox841.pdf0216
2026
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Kristol De StefaniFallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie: Beispiele aus der Handschrift hébr. 1243 der Bibliothèque nationale de France
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Bettina Burghardthttps://orcid.org/0009-0007-5157-9234
Cet article analyse trois entrées extraites du glossaire hébreu-ancien français MS hébreu 1243 (Bibliothèque nationale de France), qui est en cours d’édition dans son intégralité pour la première fois, par les forces combinées d’un judaïste et d’un romaniste. L’analyse des trois entrées apporte non seulement des éclairages sur l’exégèse juive médiévale, mais aussi des données nouvelles sur les champs sémantiques des mots d’ancien français répertoriés, et éclaire la classification possible de ces mots dans un sociolecte «judéo-français». Outre la présentation des résultats de cette analyse, l’article entend également mettre en évidence les avantages mutuels d’une expertise complémentaire entre disciplines et encourager les chercheurs sur l’usage juif de l’ancien français à entreprendre leurs investigations d’une manière collaborative similaire.
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DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie: Beispiele aus der Handschrift hébr. 1243 der Bibliothèque nationale de France* Bettina Burghardt (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg/ Universität Heidelberg) https: / / orcid.org/ 0009-0007-5157-9234 Résumé: Cet article analyse trois entrées extraites du glossaire hébreu-ancien français MS hébreu 1243 (Bibliothèque nationale de France), qui est en cours d’édition dans son intégralité pour la première fois, par les forces combinées d’un judaïste et d’un romaniste. L’analyse des trois entrées apporte non seulement des éclairages sur l’exégèse juive médiévale, mais aussi des données nouvelles sur les champs sémantiques des mots d’ancien français répertoriés, et éclaire la classification possible de ces mots dans un sociolecte «judéo-français». Outre la présentation des résultats de cette analyse, l’article entend également mettre en évidence les avantages mutuels d’une expertise complémentaire entre disciplines et encourager les chercheurs sur l’usage juif de l’ancien français à entreprendre leurs investigations d’une manière collaborative similaire. Schlüsselwörter: Altfranzösisch, Hebräische Glossare, MS hébreu 1243 (Bibliothèque nationale de France), Mittelalterliche jüdische Bibelauslegung, «Judäo-Französisch», Interdisziplinärer Ansatz 1. Einleitung und Fragestellungen «Verschaffe dir einen Lehrer und erwirb dir einen Kollegen» (mAvot 1,6) 1 , rät die Mischna, das grundlegende jüdische Sammelwerk religionsgesetzlicher Überlieferungen. Sie wurde schon im III. Jh. unserer Zeitrechnung verfasst 2 , ist aber immer noch aktuell: Im Alleingang lässt sich Wissensgewinn nicht immer gut erreichen; das gilt in besonderem Maße in Forschungsbereichen, in denen sich mehrere Fach- * Dieser Aufsatz ist Teil der Dissertationsarbeit der Autorin, die eine erste vollständige Edition dieses Manuskriptes zur Aufgabe hat. Für diese Edition ist das DEAF -Sigel GlBNhébr1243B 0 angelegt worden. Die altfranzösische Expertise für diese Arbeit wird von Stephen Dörr beigetragen. 1 Zitiert aus dem Mischna Traktat Avot. Die Mischna ist ein Werk der jüdischen Traditionsliteratur und bildet den Kern, um den herum sich der babylonische und der Jerusalem-Talmud ausgebildet haben. Übersetzungen sind, falls nicht anders vermerkt, eigene Übersetzungen der Autorin. 2 Günter Stemberger spricht von der «‹Kanonisierung› von M[ischna] ab der Mitte des 3. Jhs.» (Stemberger 2011: 157). 116 Bettina Burghardt DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 gebiete überschneiden, wie bei der Bearbeitung von hebräisch-altfranzösischen Glossaren und Wörterbüchern. Im Rahmen des Akademieprojektes Bibelglossare als verborgene Kulturträger. Judäo-französischer Kulturaustausch im Hochmittelalter werden seit Januar 2023 unter der Leitung der Judaistin Hanna Liss (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg; Universität Heidelberg, koopt.) und des Romanisten Stephen Dörr (Heidelberger Akademie der Wissenschaften) mittelalterliche nordfranzösische Glossare zur Bibel ediert, in denen neben hebräischen Erklärungen auch altfranzösische Wörter als Glossen zu finden sind 3 . Die Fragestellungen, die (u. a.) auch im Akademieprojekt bearbeitet werden, und denen sich dieser Artikel widmen will, sind von grundlegender Art: Mit welchen Problemen muss ein interessierter Forscher rechnen, der altfranzösische Glossen in hebräischer Graphie analysieren will? Kann ein professioneller Judaist mit gewissen Kenntnissen im Altfranzösischen den Anforderungen gerecht werden? Kann ein professioneller Romanist mit gewissen Kenntnissen des Hebräischen die Fallstricke vermeiden? Anhand der Analyse von drei Einträgen in dem hebräisch-altfranzösischen Glossar hébreu 1243 der Bibliothèque nationale de France ( GlBNhébr1243 ) 4 soll hier konkret gezeigt werden, wie wichtig die intensive Zusammenarbeit von Romanisten und Judaisten in diesem Fachbereich ist. 2. Forschungsstand zum «Judäo-Französischen» Die Bezeichnung «Judäo-Französisch» wird gerne für die schriftlich belegte altfranzösische Sprache der mittelalterlichen Juden im Bereich der langue d’oïl verwendet. Es gibt allerdings unterschiedliche Ansichten dazu, was man darunter verstehen sollte: War es lediglich Altfranzösisch, in das die Sprecher vielleicht ab und zu ein hebräisches Wort einwebten, oder handelte es sich um eine eigene Varietät (hier: Soziolekt) des Altfranzösischen mit besonderen sprachlichen Merkmalen 5 ? Menahem Banitt hat schon 1963 diese Problematik diskutiert und erklärte «[...] que cette fausse dénomination a entraîné la création de toutes pièces d’une entité linguistique qui n’a jamais existé dans la réalité: le judéo-français› [sic], langue fantôme» (Banitt 1963: 246). Zu dem gleichen Ergebnis kommen auch Marc Kiwitt und Stephen Dörr in neuerer Zeit: This term does not imply the existence of a set of linguistic features common to these sources that would allow identifying a ‹Judeo-French› language or dialect distinct from the varieties of Old French encountered in Christian sources. The only feature setting apart the near total- 3 Zum Forschungsstand zu Beginn des Projektes und zu den aktuellen Fragestellungen, die gemeinsam von Judaisten und Romanisten bearbeitet werden sollten, cf. Liss/ Dörr (2022). 4 Alle hier verwendeten Sigel sind die des DEAF , cf. https: / / alma.hadw-bw.de/ deafbibl/ [12.6.2025]. 5 Für eine ausführlichere Zusammenfassung der Debatte cf. Zwink (2023). 117 DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie ity of Judeo-French texts from Old French sources written by Christians is the consistent use of the Hebrew script (Kiwitt/ Dörr 2016: 139). Cyril Aslanov hingegen erklärt: Although there is much doubt as to the existence of Judeo-French in the Middle Ages, I argue that, toward the end of its history, medieval French Jewry managed to develop an Old-Frenchbased Jewish language. This is all the more probable because, in the beginning of the thirteenth century, the French Jews lived in a state of growing isolation from their Christian neighbors (Aslanov 2015: 218). Welche der beiden Einschätzungen zutreffend ist, kann noch nicht endgültig entschieden werden; Guido Mensching und Frank Savelsberg bewerten die Stimmung unter den Forschern allerdings folgendermaßen: «It seems that most scholars nowadays […] would more or less agree […] that the putative ‹Judaeo-Romance languages› […] are Romance languages spoken or written with a certain ‹color› by the Jews, without constituting well-defined linguistic varieties» (Mensching/ Savelsberg 2023: 7). Julia Zwink weist in ihrer Darstellung der Problematik außerdem auf Folgendes hin: «The linguistic area in which Judaeo-French texts diverge most from Old French texts written in Latin letters is the lexicon» (Zwink 2023: 155). Da gerade die Analyse der altfranzösischen Wörter in den Glossaren in Hinsicht darauf, ob sie eine spezielle judäo-französische Bedeutung hatten, ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist, erwarten wir, zu dieser Debatte in der Zukunft mehr beitragen zu können. Bei der Analyse der drei Einträge, die wir in diesem Artikel besprechen, wird auf diese Frage im Detail eingegangen. Da sich hier die Geister scheiden, erscheint es besonders wichtig, nicht vorschnell ein Wort als judäo-französisch im Sinne eines von Juden geprägten Lexems einzustufen; erst nach genauer Analyse und nur dann, wenn ein Wort ausschließlich in (mehreren) jüdischen Quellen nachgewiesen werden kann, sollte auf diese Klassifizierung zurückgegriffen werden. 3. Methode und Corpus 3.1 Methode Die Einträge, die wir in GlBNhébr1243 finden, können eine Reihe von unterschiedlichen Informationen beinhalten. Eine altfranzösische Übersetzung des Wortes, das besprochen wird, ist in der überwiegenden Anzahl der Einträge zu finden, gelegentlich auch eine weitere, häufig alternative. Der Autor gibt immer mindestens einen Bibelvers an, in dem das Wort verwendet wird; zusätzliche hebräische Erläuterungen sind optional, aber sehr häufig vorhanden. Falls keine hebräische Erklärung abgegeben wurde, liefert die altfranzösische Übersetzung oft den einzigen Hinweis darauf, wie der Autor das fragliche Wort verstanden hat. Die jeweilige Kombination der 118 Bettina Burghardt DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Angaben kann zu besonderen Anforderungen bei der Analyse führen; drei solche Probleme sollen die drei Beispiele illustrieren, die in diesem Artikel im Folgenden besprochen werden. 1. Es kann vorkommen, dass die altfranzösische Glosse einen semantischen Inhalt bietet, der nicht mit dem gängigen modernen Verständnis eines biblisch-hebräischen Wortes übereinstimmt. In diesem Fall können häufig aus den hebräischen Erläuterungen, die der Autor seiner Übersetzung hinzufügt, weitere Informationen gewonnen werden, die diese Abweichung verständlich machen. Falls diese Frage nicht geklärt wird, könnte ein verzerrtes Verständnis davon entstehen, was der Autor unter dem altfranzösischen Wort verstanden hat. 2. Relativ häufig gibt es Probleme im hebräischen Text der Bibel selbst, die schon im Mittelalter bekannt waren und von den Gelehrten auf besondere Art und Weise behandelt wurden, da die Bibel als «heilige Schrift» nicht einfach korrigiert werden durfte. In solchen Fällen kann es schwierig sein, das Bedeutungsfeld des hebräischen Wortes - und in der Folge davon auch des altfranzösischen Wortes - abzustecken. 3. Wenn ein Wort ausschließlich in einem einzigen hebräischen Manuskript verwendet wird, ist es gelegentlich nicht leicht, seine genaue Bedeutung herauszufinden. Es muss untersucht werden, ob es sich um ein Wort aus irgendeiner der romanischen Sprachen handelt; es reicht nicht, nur das Altfranzösische in Erwägung zu ziehen. 3.2 Corpus Das Manuskript GlBNhébr1243 , dem unsere Beispiele entnommen wurden, ist ein auf Papier geschriebener Kodex, der ein alphabetisch organisiertes Glossar 6 darstellt. Das Werk behandelt Lexeme des biblischen Hebräisch und listet die verschiedenen Wörter entsprechend ihren Wurzeln 7 . Dadurch unterscheidet es sich von Glossaren wie z. B. dem MS Vollers 1099 der Universitätsbibliothek Leipzig ( GlLeipzig ) oder dem MS hébreu 302 der Bibliothèque nationale de France in Paris ( GlBNhébr302 ), die beide schon früher ediert worden sind, nämlich GlLeipzig von Menahem Banitt ( GlLeipzigBa ) und GlBNhébr302 von Mayer Lambert und Louis Brandin ( GlBNhébr302L ), und deren Einträge der Reihenfolge der biblischen Texte 6 Wir definieren ein Glossar als eine eigenständige Sammlung von Glossen, die entweder systematisch oder auch alphabetisch organisiert sein kann. Cf. Teeuwen (2003: 279), Lindemann (1994: 93-94). 7 Der charakteristische Bestandteil eines hebräischen Verbes ist seine sog. Wurzel, eine Gruppe von (in der Regel) drei Konsonanten, die die Bedeutung des Verbes bestimmen. Auch Nomen können häufig auf Wurzeln reduziert werden, so dass schon im Mittelalter Auflistungen nach Wurzeln vorgenommen wurden. Vgl. z. B. Machberet Menachem , entstanden im X. Jh. (Menachem ben Saruq 1854), oder Sefer haSchoraschim , entstanden im XII./ XIII. Jh. (Kimchi 1546). 119 DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie folgen. GlBNhébr1243 , das vermutlich kurz vor bzw. um 1410 geschrieben wurde 8 , ist bisher nur teilweise untersucht worden 9 . Da allerdings schon aus solchen Veröffentlichungen ersichtlich ist, dass das Manuskript sowohl für die Judaistik als auch für die Romanistik hohe Relevanz hat, wird nun zum ersten Mal eine Volledition, sowohl als digitale Version als auch als gedruckte Ressource, vorbereitet. Ebenso wie die Editionen der Glossare, die im Rahmen des Akademieprojektes bearbeitet werden, wird auch die von GlBNhébr1243 auf der Datenplattform BIMA 2 durchgeführt, die von Clemens Liedtke ursprünglich für das DFG Projekt Corpus Masoreticum 10 entwickelt wurde und den speziellen Bedürfnissen des Bibelglossare-Projektes fortlaufend angepasst wird 11 . Am Anfang des Manuskriptes GlBNhébr1243 fehlen einige Folia, so dass die Einträge erst mit dem Buchstaben Gimel und den Einträgen zur Wurzel √לבג beginnen. Auch zwischen den Wurzeln √קעצ und √רצק fehlt einiges; das letzte nummerierte Folio trägt die Nummer 99. Auf den noch existierenden Seiten ist kein Kolophon erhalten, so dass dem Autor von GlBNhébr1243 kein Name sicher zugeordnet werden konnte. Es gibt allerdings ein hebräisches/ judäo-italienisches/ judäo-arabisches alphabetisches Glossar, das im Jahre 1488 in Neapel gedruckt wurde und den Namen Maqre Dardeqe trägt 12 , über dessen Verfasser schon viel spekuliert wurde. Da dieses Buch sehr große Ähnlichkeiten mit GlBNhébr1243 aufweist, ist auch unser Autor in diese Spekulationen einbezogen worden 13 . Diese Frage ist jedoch für diesen Artikel unerheblich und kann hier vernachlässigt werden 14 . 8 Judith Kogel urteilt, ausgehend von der Analyse der Wasserzeichen des verwendeten Papiers: «La copie du manuscrit a probablement été réalisée au début du XV e siècle, vers 1410, une datation corroborée par l’analyse paléographique.» Cf. Kogel (2023: 351-52). Ein etwas früheres Entstehungsdatum wäre denkbar, da die Juden 1394 aus Frankreich vertrieben wurden und es fraglich erscheint, ob danach das Schreiben von hebräisch-altfranzösischen Glossaren noch sinnvoll erschienen wäre. 9 Raphael Levy hat z. B. schon viele Einträge aus GlBNhébr1243 , das bei ihm unter der Abkürzung «G» firmiert, bearbeitet. Cf. LevyRech . Auch David Blondheim hat Einträge aus unserem Manuskript, bei ihm ebenfalls als «G» bezeichnet, besprochen. Cf. Blondh . 10 Das von der DFG geförderte Projekt Corpus Masoreticum , das im Jahre 2018 begonnen wurde, ist ebenfalls an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg beheimatet, und wird von Hanna Liss geleitet. 11 Der Editionsarbeitsbereich BIMA 2.1 ist zugängig über: https: / / bima2.corpusmasoreticum.de/ [13.6.2025]. Ein Eindruck von der digitalen Edition von Glossaren kann gewonnen werden über eine schon veröffentlichte Seite: http: / / bima2.corpusmasoreticum.de/ manuscript/ Leipzig.UBL.1099/ Fol. 015r [13.6.2025]. 12 Cf. GlPerezS . יקדרד ירקמ ( maqre dardeqe ), wörtlich: ‛Lehrer für Grundschulkinder’, sollte man eher frei übersetzen als ‛Grundlagenlehrbuch’. 13 Cf. z. B. Kogel (2023: 347-49). 14 Aus ähnlichen Gründen wird an dieser Stelle auch auf eine kodikologische und paläografische Beschreibung des Manuskriptes verzichtet. 120 Bettina Burghardt DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 4. Analyse 4.1 Erstes Beispiel: Das Nomen In GlBNhébr1243 finden wir auf Fol. 2r einen Eintrag zur Wurzel √ריג. Abbildung 1. Der Eintrag zu √ריג in GlBNhébr1243 : Fol. 2r. Der farbig unterlegte Text auf dem zweiten Bild zeigt Elemente der digitalen Edition: Der blaue Pfad markiert die Wurzel, der grüne das altfranzösische Wort, die roten Pfade markieren Erklärungen des Autors, und das Zitat aus der Bibel ist lila unterlegt. (Das Foto des Manuskriptes ist in der Public Domain, die Edition wird im Rahmen der Dissertationsarbeit lizensiert als Creative Commons CC-BY-SA 4.0.). Ein Eintrag in GlBNhébr1243 beginnt normalerweise hinter der Nennung der Wurzel - oder der Bemerkung רחא ןושל, ‘eine andere Bedeutung ist’ - mit einer altfranzösischen Übersetzung, die durch eine leicht geschwungene Linie über dem Wort gekennzeichnet ist; unser Autor verwendet den Hinweis זעלב ‛in der Vernakularsprache’ sehr viel weniger als es Autoren anderer Glossare tun. Er lässt diese Linie allerdings weg, wenn die Umschrift des altfranzösischen Wortes in hebräischer Graphie diakritische Zeichen darüber erforderlich macht 15 . In dem Eintrag, den wir hier besprechen, fehlt nun aber jegliche Kennzeichnung (cf. Abb. 1); dennoch sind wir in diesem Fall aus inhaltlichen Gründen zuversichtlich, dass das erste Wort ein altfranzösisches ist. Eine Eigenheit unseres Autors ist es, dass er altfranzösische Wörter in der Regel nicht vokalisiert - auch in dieser Hinsicht unterscheidet sich unser Glossar von anderen. Dadurch ist uns eine eindeutige Schreibweise des altfranzösischen Wortes in lateinischer Graphie im Allgemeinen nicht vorgegeben, und wir müssen bei der Übertragung hinsichtlich der Vokale in gewissem Rahmen Entscheidungen treffen. Die im Hebräischen relevanten matres lectionis Jud , Waw und Alef 16 helfen dabei, liefern aber kein eindeutiges Resultat. An dieser Stelle ist fundierte romanistische Fachkenntnis und viel romanistisches «Fingerspitzengefühl» unabdingbar, um ein altfranzösisches Wort präzise bestimmen zu können. 15 Beispiele dafür sind in Abb. 4 zu sehen, wo ein Eintrag zwei altfranzösische Wörter enthält, wobei das erste Wort mit diakritischen Zeichen versehen ist, während das zweite mit der kurzen, leicht geschwungenen Linie markiert ist. 16 Eine mater lectionis ist im Hebräischen ein Konsonant, der in einem Wort seine konsonantische Bedeutung ablegt und stattdessen einen Vokal anzeigt. So kann Waw «o» oder «u» anzeigen, Jud häufig «i» oder «e», und Alef häufig «a» oder «e». He steht am Wortende häufig für ein «e» oder «a» ein. 121 DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie In dem Eintrag zu √ריג gibt der Autor color (in hebräischer Graphie: רולוק, Transkription: cwlwr 17 ; grün markiert in Abb. 1) als altfranzösische Übersetzung für das hebräische Lexem רּ ִ ג an, was wir mit dem Eintrag color , «couleur, teint, complexion», in DEAFpré in Verbindung bringen 18 . Als Beleg für die Verwendung des Wortes verweist der Autor auf תוצפונמ רג־ינבאכ aus Jes 27: 9 (lila markiert in Abb. 1). Das überrascht uns, denn ‛Farbe’ ist nicht die Übersetzung, die wir in diesem Bibelvers für רּ ִג 19 erwartet hätten; die gängige moderne Übersetzung ist ‛Kalk’ 20 . Der Vers beschreibt nämlich, wie das Volk Israel die Steine von Götzenaltären in der Endzeit zerstören wird: Das Volk werde die Altäre pulverisieren, als ob sie aus einem sehr weichen Steinmaterial wären - wie es eben bei Kalk der Fall ist. Erfreulicherweise belässt es unser Autor aber nicht bei dieser ungewöhnlichen Übersetzung, sondern gibt noch weitere Informationen in einer hebräischen Erklärung an. Zunächst verweist er auf den berühmtesten Ausleger, Rabbi Schlomo Jizchaki (Akronym: Raschi, ca. 1040-1105; lebte überwiegend in Troyes; cf. Rothkoff 2007: 101), und zitiert dessen Exegese: עבצ ןימ 'ישרפו ‛Und Raschi hat erklärt: eine Art Farbe 21 .’ Somit erfahren wir, dass die altfranzösische Übersetzung ‛Farbe’ unseres Autors keine idiosynkratische Auffassung ist, sondern von dem wichtigsten Ausleger des Mittelalters geteilt wurde, der tatsächlich genau das in seinem Kommentar zu Jes 27: 9 aussagt: .(Rosenberg 2007a: 215) אוה עבצ ןימ ריג ‛ריג: Das ist eine Art Farbe.’ 17 Transkriptionen folgen in diesem Aufsatz im Wesentlichen den Regeln von Mensching/ Savelsberg (2023: 11), mit dem Unterschied, dass ק als «c» und ק̆ als «ch» wiedergegeben wird. Von den für cwlwr möglichen phonetischen Varianten ( color , colour , coulour , etc.) wurde color ausgewählt, was dem Lemma im DEAF und im TL entspricht. Für alle anderen altfranzösischen Wörter in hebräischer Graphie wird hier entsprechend verfahren. 18 Cf. DEAFpré , https: / / deaf2ub.adw.uni-heidelberg.de/ lemme/ color [13.6.2025]. 19 Im Gegensatz zu der plene Schreibweise von ריג (mit Jud als mater lectionis ), die in diesem Bibelzitat in GlBNhébr1243 verwendet wird, erscheint das Wort im biblischen Text von Jes 27: 9 ohne Jud geschrieben, als רּ ִ ג. 20 Naftali Herz Tur-Sinai übersetzt die Passage als: «wie zerschlagnes Kalkgestein» (Tur-Sinai 1993: 700). In der Gute Nachricht Bibel lesen wir: «zu Pulver zermahlen wie Kalksteine» (Deutsche Bibelgesellschaft 2000: 659). The Jewish Study Bibel hat den Text: «like shattered blocks of chalk» (Berlin/ Brettler 2014: 818). 21 «Farbe» ist hier zu verstehen als «färbende Substanz», nicht als eine mit den Augen wahrnehmbare Erscheinungsweise von Dingen in Abhängigkeit von der Wellenlänge des empfangenen Lichtes. 122 Bettina Burghardt DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Aber auch dabei belässt es unser Autor noch nicht; er gibt ein weiteres Informationsstück an uns weiter: דיס 'איו ‛Aber einige sagen: Kalk.’ Unserem Autor war also auch die Interpretation, die in unserer Zeit als die «richtige» angesehen wird, nicht unbekannt; sie war lediglich nicht die erste, an die er dachte. Ein wenig judaistische Recherche hilft uns herauszufinden, auf wen sich unser Autor mit seiner unspezifischen Angabe «einige sagen» direkt oder indirekt bezogen haben könnte: Ein jüngerer Zeitgenosse Raschis, Rabbi Abraham ibn Esra (1089-1164; er stammte aus Tudela; cf. z. B. Simon/ Jospe 2007: 665), dessen Augenmerk vor allem auf grammatische und wissenschaftliche Aspekte gerichtet war, erklärt nämlich in seinem Kommentar zu Jes 27: 9: .(Rosenberg 2007a: 215) דיס ומכ .ריג ‛ריג: wie Kalk.’ Wir können somit feststellen, dass die Ansichten darüber, was das Lexem רּ ִג bedeutet, im Mittelalter etwas auseinander gingen; allzu weit laufen die beiden Bedeutungen allerdings nicht auseinander, denn «Kalk» kann als der Spezialfall einer Farbe verstanden werden, nämlich weiße Farbe, was im Deutschen auch an der Bezeichnung «kälken» für «weiß anstreichen» zu sehen ist. Noch besser sehen wir dies, wenn wir uns mit historischen Methoden der Farbherstellung vertraut machen: Um nämlich eine Farbe herzustellen, konnte Gestein zermahlen und mit Wasser aufgeschlämmt werden 22 . Dies passt auch sehr gut zu dem Bild des «Pulverisierens», das Jes 27: 9 verwendet. Unser Autor scheint die Bedeutung «Farbe» zu präferieren, die er zuerst nennt und für die er auch eine altfranzösische Übersetzung anbietet. Er wollte seinen Lesern aber anscheinend auch die abweichende Meinung «Kalk» nicht vorenthalten. Dadurch ist eine Komposit-Erklärung entstanden, in der die kontroversen Ansichten von Raschi und von ibn Esra in sehr verdichteter Weise wiedergegeben werden: Eine einzige Zeile in GlBNhébr1243 genügte unserem Autor, um all dies darzustellen. An diesem (verhältnismäßig einfachen) Beispiel für einen Eintrag sehen wir aber schon, warum eine Zusammenarbeit von Judaisten und Romanisten so wichtig ist: Zunächst müssen alle altfranzösischen Wörter im Text gefunden werden. Das ist nicht immer trivial, da unter Umständen altfranzösische Wörter für aramäische gehalten werden könnten (daher kann im Einzelfall ein Judaist hierzu besser qualifiziert sein). Dann muss das Bedeutungsfeld abgesteckt werden (eine Aufgabe für die Romanisten). Weitere hebräische Erklärungen müssen verstanden und recherchiert werden (dazu kann im Einzelfall wieder judaistisches «know how» nötig sein). 22 Cf. z. B. ein Fachbuch aus dem Jahre 1437: Cennini (1871: vi, 28). 123 DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie Es könnte passieren, dass beim Lesen dieses Eintrags die alternative, hebräisch geschriebene Bedeutung «Kalk» übersehen wird, dann aber bei dem Versuch, die gängige Bedeutung von רּ ִ ג mit dem altfranzösischen color in Einklang zu bringen, der Eindruck entsteht, dass im jüdischen Bevölkerungsbereich des mittelalterlichen Nordfrankreichs color eine andere Bedeutung gehabt hätte als im christlichen Umfeld, nämlich «Kalk» statt «Farbe» - und schon hätten wir eine «judäo-französische» Bedeutung, die es wohl gar nicht gegeben hat 23 . 4.2 Zweites Beispiel: Die Nomen םִירֹ חְט und םיִלָפֳע 24 In den meisten Fällen kann ein altfranzösisches Wort, das wir in einem Glossareintrag finden, unabhängig von allen anderen Einträgen in diesem Glossar behandelt werden. Allerdings kann es auch vorkommen, dass dieses Verfahren unzureichend ist, vor allem dann, wenn es Probleme im hebräischen Text der Bibel selbst gibt. 4.2.1 Ketiv - qere Anweisungen und die Paarung von םִירֹחְט und םיִלָפֳע Dass es viele Probleme innerhalb des hebräischen Textes der Bibel gibt, war schon den mittelalterlichen jüdischen Gelehrten aufgefallen, die ab dem V. Jh. sukzessive ein System von Vokalisation, Akzentuierung und Anmerkungen entwickelten, um den als «heilig» empfundenen hebräischen Konsonantentext der Bibel zu stabilisieren und gegen Abschreibfehler zu sichern (cf. Liss 2012: 7-8). Dieses System gelangte ab dem VIII. Jh. zur vollen Entfaltung. Im Rahmen dieses masoretischen Systems gibt es viele hunderte 25 von Anmerkungen, die ketiv - qere (‛was geschrieben ist - was gelesen wird’) genannt werden. Sie schreiben vor, dass an einer bestimmten Textstelle ein geschriebenes Wort ignoriert und ein anderes Wort gelesen werden soll 26 . In solchen Fällen kann eine so starke Verbindung zwischen zwei zum Teil sehr unterschiedlichen Lexemen entstanden sein, dass eine isolierte Behandlung eines einzelnen der Lexeme ein verzerrtes Verständnis davon vermitteln kann, was der jüdische Autor unter dem altfranzösischen Wort verstanden hat, das er als Übersetzung gewählt hat. Eine solche Paarung ist die von םִירֹחְט ( techorim ) und םיִלָפֳע ( ofalim ). Das Nomen םִ ירֹ ח ְ ט ( techorim ) erscheint nur zwei Mal im Wortlaut des biblischen Textes, nämlich in 1 Sam 6: 11 und 1 Sam 6: 17. Nach Ansicht der modernen Bibelwissenschaft sollte die Übersetzung von םִ ירֹ ח ְ ט ‛Hämorrhoiden’ (oder ‘Hämorrhoidalknoten’) lauten (Cf. Gesenius/ Meyer/ Donner 2013, 423 [s. םִ ירֹ ח ְ ט*]). Das Nomen ל ֶ פֹ ע 23 So ist es auch schon geschehen (Hajek 2022-2023: 209). 24 םִ ירֹ ח ְ ט und ל ֶ פֹ ע gelten bei Gesenius als die jeweiligen Grundformen (Gesenius/ Meyer/ Donner 2013: 423 [s. םִ ירֹ ח ְ ט*]; 995 [s. ל ֶ פ ֹ ֫ ע 2 ]), bei Klein sind es םי ִ רֹ וח ְ ט und םי ִ ל ָ פ ֳ ע (Klein 1987: 242 [s. םי ִ רֹ וח ְ ט]; 479 [s. םי ִ לֹ פ ֲ ע]) Aus Gründen der Symmetrie folgen wir hier Klein. 25 «In a large number of instances - ranging from 848 to 1566 in the different sources - the Masorah parva notes that one should disregard the written form of the text […] and read instead a different word or words» (Tov 2019: 293-94). 26 Oder auch mehrere Wörter. 124 Bettina Burghardt DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 ( ofel ), für das Gesenius die Grundbedeutung «Gewebeverdickung, Geschwulst, Beule» angibt (Gesenius/ Meyer/ Donner 2013: 995 [s. ל ֶ פ ֹ ֫ ע 2 ]), kommt sechs Mal in den biblischen Texten vor, nämlich in Dtn 28: 27, 1 Sam 5: 6, 1 Sam 5: 9, 1 Sam 5: 12, 1 Sam 6: 4 und 1 Sam 6: 5. In allen diesen Fällen schreibt die Masora vor, die jeweilige Form von ofalim durch die entsprechende Form von techorim zu ersetzen. Der Grund für diese spezielle ketiv - qere Anweisung wird schon im babylonischen Talmud explizit erklärt. Im Traktat Megilla lesen wir: «Die Rabbanan lehrten: Alle anstößigen Verse in der Tora werden verfeinert gelesen; zum Beispiel: beschlafen [wird gelesen als] beiwohnen , baafolim [als] batechorim , […]» (bMeg 25b: 15) 27 . Hier nennt der Talmud als zweites Beispiel für seine Darlegung genau den Fall, mit dem wir uns hier beschäftigen: die Substitution von ofalim durch techorim . Wir sehen also, dass ofalim nach Ansicht der Autoren dieser Talmudpassage ein «anstößiges» Wort gewesen sein muss, und dass techorim eine «verfeinerte» Bezeichnung ist. Eine Instanz, der wir bezüglich medizinischer Nomenklatur besonderes Vertrauen entgegenbringen, ist der berühmteste jüdische Arzt des Mittelalters, Moses ben Maimon, (1135-1204, auch als Maimonides bekannt; er stammte aus Cordoba), der sich in intellektuellen Kreisen vor allem als Philosoph und Rechtsgelehrter einen Namen machte (cf. Rabinowitz 2007: 381-84). Auf Hämorrhoiden ging er in seinem Kommentar zu den Aphorismen des Hippocrates und in dem Werk ريساوبلا يف ( fī-lbawāsīr ), ‛über Hämorrhoiden’, ein (cf. Muntner 2007: 393-95). Da er seine medizinischen Werke auf Arabisch verfasste, wissen wir nicht aus erster Hand, welches hebräische Wort er für dieses Krankheitsbild verwendet hat 28 ; wir sehen aber, dass Moses ibn Tibbon, der zwischen 1244 und 1283 zahlreiche wichtige Schriften aus dem Arabischen ins Hebräische übersetzte (cf. Robinson/ Melammed 2007: 712), techorim für die angemessene Übersetzung hielt, da er das arabische Wort, das Maimonides verwendet, so wiedergegeben hat (cf. Bos 2020: 15). Ebenso taten es Serachia Chen (aktiv im letzten Viertel des XIII. Jhs.; cf. Ravitzky 2007: 514) und ein weiterer (anonymer) mittelalterlicher Übersetzer von Maimonides‘ Kommentar zu den Aphorismen des Hippocrates (cf. Bos 2020: 15). Wir können daher ziemlich sicher sein, dass Maimonides und andere jüdische Mediziner des XII. und XIII. Jhs. unter techorim Hämorrhoiden verstanden haben. Wir fassen zusammen: Der Talmud hält ofalim für ein anstößiges Wort, das man bei der Bibellektüre nicht gebrauchen, sondern durch die gehobenere Bezeichnung techorim ersetzen sollte. Gerade umgekehrt sieht es aber aus, wenn man Maimonides und Gesenius folgt: Techorim als ‛Hämorrhoiden’ erscheinen uns weniger «salonfähig» als ofalim mit der Bedeutung ‛Geschwülste’. Wir können sicher sein, dass 27 Zitiert aus dem babylonischen Talmud, Traktat Megilla. 28 In seinem Werk Führer der Unschlüssigen , das er auf Judäo-Arabisch verfasste, kommt Maimonides zwar im Zusammenhang mit der Bedeutung der Bezeichnung םלצ, ‛Abbild’, in 1 Sam 6: 5 auf techorim zu sprechen, verwendet aber das hebräische Wort als Fremdwort im arabischen Text, so dass wir hier ebenfalls nicht direkt erfahren, was er unter techorim verstanden hat. Cf. Moses ben Maimon (1856: 12v). 125 DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie eines der Wörter eine Erkrankung des rektalen Bereiches benennt, eine klare Zuordnung scheint aber schwierig zu sein. In dieser Situation, in der die Bedeutungen zweier Wörter nicht klar gegeneinander abgegrenzt werden können, wäre eine isolierte Behandlung der altfranzösischen Übersetzung eines der Lexeme nicht ratsam, da ein solches Problem im Hebräischen allzu leicht Ungenauigkeiten in der Analyse des Altfranzösischen nach sich ziehen könnte. Andersherum betrachtet kann aber eine angemessene Analyse des Altfranzösischen entscheidende Informationen zum Verständnis der hebräischen Wörter beitragen. 4.2.2 Der Eintrag in GlBNhébr1243 zu םִירֹחְט In GlBNhébr1243 finden wir einen Eintrag zu der Wurzel √רחט auf Fol. 17v, in dem techorim besprochen werden. Zuerst gibt unser Autor die altfranzösische Übersetzung fis (in hebräischer Graphie: שי ֿ פ, Transkription: fys ; grüner Pfad in Abb. 2) an. Wir identifizieren fis als den Plural des Lexems fi , zu dem es einen Eintrag im DEAF F gibt mit der Definition: «t. de médecine ‹petite excroissance de la peau cornée et rugueuse, indolore ou non, située le plus souvent dans les régions anale et/ ou génitale (p.-ê. la verrue génitale)›» (Dörr 2018: Sp. 354-57 [s. Fi 3 ]; cf. Sp. 356). Unser Autor bringt somit techorim mit möglicherweise schmerzhaften, rauen und verhornten Hautwucherungen im Anal- oder Genitalbereich in Verbindung. Abbildung 2. Der Eintrag zu √רחט in GlBNhébr1243 : Fol. 17v. Der farbig unterlegte Text auf dem zweiten Bild zeigt Elemente der digitalen Edition: Der blaue Pfad markiert die Wurzel, der grüne das altfranzösische Wort, die roten Pfade markieren Erklärungen des Autors, und Zitate aus der Bibel sind lila unterlegt. (Das Foto des Manuskriptes ist in der Public Domain, die Edition wird im Rahmen der Dissertationsarbeit lizensiert als Creative Commons CC-BY-SA 4.0.). Zusätzlich zu seiner Übersetzung nennt unser Autor zwei Verse als Belege für die Verwendung des Wortes in der Bibel (Dtn 28: 27 und 1 Sam 5: 6; lila Pfade in Abb. 2), und fügt eine hebräische Erläuterung hinzu (roter Pfad in Abb. 2): .בקנב אתשכרכה ילח אוה 'ישרפ ‛Raschi erklärte: Dies ist eine Erkrankung des Dickdarms, am After.’ Ein Vergleich mit Raschis Kommentar zu 1 Sam 5: 6 zeigt, dass unser Autor Raschi auch in diesem Fall korrekt - wenn auch verkürzt - zitiert hat: 126 Bettina Burghardt DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 םהיעמ ינב תא םיטמושו םהיבקנב םיסנכנ םירבכע . בקנה תכמ . אשכרכ תלחלח : םירוחטב . 29 םיאצויו ‛Mit techorim - eine schmerzhafte Erkrankung des Enddarms, ein Leiden am After. Mäuse dringen durch ihre After ein, ziehen Gedärme hervor und gehen heraus 30 .’ Unser Autor versteht somit - wie Raschi - unter techorim eine krankhafte Veränderung im Analbereich. Die Art der Erkrankung lässt sich aber vielleicht noch etwas genauer bestimmen: Das Auftreten von Mäusen in Raschis Erklärung sowie deren bizarres Verhalten sind zunächst einmal verwirrend 31 ; wenn man die Aktivität der Mäuse aber einmal beiseitelässt, dann bleibt in Raschis zweitem Satz das zu beobachtende Symptom übrig, dass nämlich etwas, das aussieht wie ein Stück Darm, aus dem After des Erkrankten heraushängt. Und das ist in der Tat bei fortgeschrittenen Hämorrhoiden der Fall. Pschyrembel Klinisches Wörterbuch beschreibt die Symptome folgendermaßen: «Grad 2: beim Pressen prolabierende H. mit spontaner Reposition; Grad 3: Bestehenbleiben des Prolapses, der jedoch digital reponiert werden kann; Grad 4: Digital nicht reponible (permanente) großer [sic] Hämorrhoidalknoten» (Pschyrembel/ Witzel/ Dornblüth 2007: 748 [s. Hämorrhoiden]). Wir argumentieren daher, dass sich Raschi in seinem Kommentar zu techorim auf Hämorrhoiden bezieht 32 , und dass der Autor von GlBNhébr1243 , der Raschi ja zitiert, dies ebenfalls im Sinn hatte. Um herauszufinden, ob andere altfranzösisch sprechende Juden ähnlicher Meinung waren, werfen wir einen Blick auf Einträge in zwei weiteren altfranzösischhebräischen Glossaren, GlBNhébr302 , das im Jahre 1240 fertiggestellt wurde ( GlB- Nhébr302L : ii), und GlLeipzig , das aus dem XIII. Jh. stammt (cf. David 2006: 316). In GlBNhébr302 wird auf Fol. 46r das Lemma םירוחטב, betechorim , aus 1 Sam 5: 6 besprochen. Als altfranzösische Übersetzung gibt der Autor anfis an (in hebräischer Graphie: ׂ שי ִ ֿ פְ נ ַ א, Transkription: ʾanfis ), was wir als an fis , ‘in Geschwüren’ auflösen. Dazu erklärt der Autor: «Dies ist ein Befall des Afters, [verursacht] von Mäusen, 29 Es gibt noch keine kritische Textausgabe des Raschi-Kommentars zur Bibel. Hier wird zitiert aus MS Bodleian Library Oppenheim 34, Fol. 126v, https: / / digital.bodleian.ox.ac.uk/ objects/ 4a83e8ab- 6ca2-45c2-b24d-7a53736a5d13/ [13.6.2025]. Andere Quellen nennen subtil abweichende Versionen des Textes. 30 Die Übersetzung dieses Satzes ist nicht trivial. Wir verstehen hier תלחלח als eine constructus -Form des Lexems ה ָ ל ָ ח ְ ל ַ ח, mit der Bedeutung ‛Leiden’ bzw. ‛Schmerzen’, cf. Klein (1987: 218 [s. ה ָ ל ָ ח ְ ל ַ ח]). Eine Identifizierung des Wortes als ת ֶ לֹ ח ְ ל ַ ח mit der Bedeutung ‛Rektum’ haben wir aus inhaltlichen Gründen verworfen, cf. Klein (1987: 218 [s. ת ֶ ל ֽ ֹ ח ְ ל ַ ח]). Für eine ausführliche Diskussion der Herleitung verweisen wir auf die Dissertationsarbeit der Autorin. 31 Die Einbeziehung von Mäusen in Raschis Erklärung wirkt etwas weniger willkürlich, wenn man bedenkt, dass sie im Kontext von 1 Sam 5: 6 (die Philister werden mit einer göttlichen Plage geschlagen) tatsächlich beiläufig erwähnt werden. Cf. die ganze Perikope zur Erbeutung und Rückgabe der Bundeslade in 1 Sam 5: 1 bis 1 Sam 7: 1 und speziell die Erwähnung von Mäusen in 1 Sam 6: 5. Raschi war offensichtlich mehr daran gelegen, den Bibeltext verständlich zu machen, als sich zu medizinischen Fragen zu äußern. 32 Zu Raschis Verständnis von techorim cf. auch Petzold (2019: 170). 127 DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie die durch ihre After eindringen, Gedärme hervorziehen und herausgehen» 33 . Auch hier wird also Raschi zitiert, allerdings ohne Attribution der Quelle. Dieser Eintrag wurde schon von Mayer Lambert und Louis Brandin gelesen und anfis als «abcès» übersetzt ( GlBNhébr302L , 69, 253). In GlLeipzig wird das Lemma םירוחטב, betechorim , aus 1 Sam 5: 6 auf Fol. 51r besprochen. Als altfranzösische Übersetzung gibt der Autor es pes an (in hebräischer Graphie: שי ֵ פ שי ֵ א, Transkription: ʾes pes ), was Menahem Banitt als ès fès , «d’hémorroïdes» liest ( GlLeipzigBa : vol. 1, 428-29). Normalerweise wird in GlLeipzig allerdings durch ein Rafe über dem Pe angezeigt, wenn der Buchstabe als Fe gelesen werden soll, so dass eine Identifizierung von pes als fes nur unter der Annahme einer Nachlässigkeit vollzogen werden kann. Der Autor fügt seiner Übersetzung hinzu: «Dies ist ein Befall des Afters, [verursacht] von Mäusen, die durch ihre After eindringen, Gedärme hervorziehen und herausgehen» 34 , was der Erklärung des Autors von GlBNhébr302 entspricht; es gibt lediglich einige Abweichungen in der Rechtschreibung. Auch in diesem Manuskript gibt es keine Attribution der Exegese zu Raschi. Wir können damit festhalten, dass alle Autoren, deren Glossar-Einträge zu techorim wir hier untersucht haben, der gleichen Meinung wie Raschi waren. Wir verstehen sie dahingehend, dass dieses Wort Hämorrhoiden bezeichnen soll, und wir gehen davon aus, dass sie dies auch in ihrer altfranzösischen Übersetzung ausdrücken wollten. 4.2.3 Der Eintrag in GlBNhébr1243 zu םיִלָפֳע Auf Fol. 53r finden wir einen Eintrag zu ofalim an zweiter Stelle unter den vier Einträgen zu der Wurzel √לפע. Abbildung 3. Der zweite Eintrag zu √לפע in GlBNhébr1243 : Fol. 53r. Der farbig unterlegte Text auf dem zweiten Bild zeigt Elemente der digitalen Edition: Der blaue Pfad markiert die Wurzel, der grüne das altfranzösische Wort, die roten Pfade markieren Erklärungen des Autors, und Zitate aus der Bibel sind lila unterlegt. (Das Foto des Manuskriptes ist in der Public Domain, die Edition wird im Rahmen der Dissertationsarbeit lizensiert als Creative Commons CC-BY-SA 4.0.). 33 .ןיאצויו םהיעימ ינב ןיטמושו םהיבקנב ןיסנכנה םירבכע ןמ בקנה תכמ איה Cf. GlBNhébr302 : Fol. 46r. 34 .םיאצויו םהיעמ ינב ןיטמושו םהיבקנב ןיסנכנה םירבכע ןימ בקנה תכמ איה Cf. GlLeipzig : Fol. 51r. 128 Bettina Burghardt DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Unser Autor gibt in GlBNhébr1243 auf Fol. 53r zu ofalim zwei verschiedene altfranzösische Übersetzungen an. Zum einen nennt er wieder fis (in hebräischer Graphie: שי ֿ פ, Transkription: fys ; erster grüner Pfad in Abb. 3), zum anderen aber auch morines (in hebräischer Graphie: שייניירומ, Transkription: mwryynyys ; zweiter grüner Pfad in Abb. 3), und ergänzt: .'וינותחת ילח אוה ‛Dies ist eine Erkrankung der unteren Regionen [einer Person].’ Das altfranzösische Wort morines ist der Plural des Lexems morine , zu dem es einen Eintrag im DEAFpré gibt mit der Definition: «épidémie, maladie mortelle, mort» 35 . Es ist auffällig, dass unser Autor für ofalim nicht nur eine alternative altfranzösische Übersetzung anbietet, nämlich nun auch «tödliche, ansteckende Erkrankung» bzw. «Epidemie» neben «Wucherungen im Analbereich» bzw. «Hämorrhoiden». Auch die Erklärung, die er angibt, weicht von der für techorim ab. Dort hatte er als Ort der Erkrankung «Dickdarm» und «After» angegeben, hier spricht er von «unteren Regionen». Daher ließe sich argumentieren, dass ofalim nach Ansicht unseres Autors wohl auch sexuell übermittelte Krankheiten oder andere Infektionserkrankungen mit Symptomen im Lendenbereich bezeichnen könnten - hier wäre z. B. auch die Pest, die häufig mit Beulen in der Leistengegend einhergeht 36 , nicht auszuschließen. Dieses Beispiel zeigt deutlich, warum eine parallele Analyse zweier hebräischen Lexeme, die durch eine ketiv - qere Anweisung miteinander verbunden sind, wichtig sein kann: Wenn wir nicht aus der Diskussion von techorim gelernt hätten, dass unser Autor diese mit dem altfranzösischen Wort fis identifiziert, wäre uns diese Nuance in der Diskussion von ofalim wahrscheinlich entgangen, denn hier wird keine Exegese von Raschi zitiert, die uns darauf aufmerksam gemacht hätte. 4.3 Drittes Beispiel: Ist ancron ein «judäo-französisches» Lexem? 4.3.1 Altfranzösische Wörter mit der Bedeutung «Anker» Das altfranzösische Lexem ancre für ‛Anker’ ist gut belegt 37 . Raphael Levy vermerkt in LevyTrés aber auch ein weiteres Wort mit dieser Bedeutung, ancron ( LevyTrés : 16) 38 , das möglicherweise nur im jüdischen Gesellschaftsbereich des Mittelalters verwen- 35 Cf. DEAFpré , https: / / deaf2ub.adw.uni-heidelberg.de/ lemme/ morir#morine [13.6.2025]; auch DMF s. morine : «Maladie mortelle, mort», http: / / zeus.atilf.fr/ scripts/ dmfX.exe? LIEN_DMF; LEMME=morine [26.6.2025]. 36 «Nekrotisierende u. sehr schmerzhafte Entz. der regionalen Lymphknoten proximal der Flohbissstelle (meist in der Leiste)» (Pschyrembel/ Witzel/ Dornblüth 2007: 1477 [s. Pest]). 37 Cf. DEAFpré , https: / / deaf2ub.adw.uni-heidelberg.de/ lemme/ ancre [13.6.2025]. 38 Levy verweist auf Weinreich (1956: 427). Weinreich wiederum verweist auf S. 418 in der Anmerkung 61 seines Artikels auf ein früheres Buch von Levy als Quelle für ancron , nämlich auf Levy- Rech . 129 DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie det worden sein könnte, und damit das Potential hätte, als «judäo-französisch» eingestuft zu werden. Levy war das Wort ancron ausschließlich aus GlBNhébr1243 bekannt (cf. LevyRech : 21; LevyContr : 81). In LevyContr diskutiert er die Endung -on des Wortes, und weist darauf hin, dass sie häufig in «judäo-französischen» Wörtern erscheine, allerdings auch in französischen Wörtern verwendet werde (cf. Levy- Contr : 81). Eine Untersuchung dieses Falles ist nicht einfach, da ein Anker in der hebräischen Bibel nicht erwähnt wird, und er daher normalerweise in Glossaren und Wörterbüchern, die auf den biblisch-hebräischen Wortschatz fokussieren, nicht behandelt wird. Erst im rabbinischen Hebräisch sind zwei Lexeme mit der Bedeutung «Anker» belegt 39 . 4.3.2 Der Eintrag zu √רתח in GlBNhébr1243 GlBNhébr1243 bildet eine Ausnahme von der Regel, dass die Bezeichnung «Anker» in Glossaren nicht besprochen wird, auf Grund einer Eigenheit des Autors, der seine Erklärungen gerne mit kleinen zusätzlichen Informationen grammatischer, halachischer oder exegetischer Art anreichert. In seinem Eintrag zu der Wurzel √רתח ergreift er die Gelegenheit, eine solche ergänzende Information zu vermitteln, und daher können wir hier ein Wort der Vernakularsprache mit der Bedeutung «Anker» lesen. Abbildung 4. Der Eintrag zu √רתח in GlBNhébr1243 : Fol. 16v. Der farbig unterlegte Text auf dem zweiten Bild zeigt Elemente der digitalen Edition: Der blaue Pfad markiert die Wurzel, die grünen Pfade markieren altfranzösische Wörter, die roten Erklärungen des Autors, und Zitate aus der Bibel sind lila unterlegt. Über dem Wort שנורקנא ( ancrons ) ist eine leicht geschwungene Linie zu erkennen, die das Wort als zur Vernakularsprache gehörig kennzeichnet. Bei dem Wort אֿבי י ﬞ ק ( cheve ) genügten dem Schreiber die diakritischen Zeichen für diese Kennzeichnung. (Das Foto des Manuskriptes ist in der Public Domain, die Edition wird im Rahmen der Dissertationsarbeit lizensiert als Creative Commons CC-BY-SA 4.0.). 39 Cf. Jastrow (1903: vol. 2, 1047 [s. ןיֵ גֹ וע]): « anchor , ballast »; Jastrow (1903: vol. 1, 336 [s. ןיֵ גֹ וה]): «( balance-holder ,) anchor, ballast ». 130 Bettina Burghardt DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Auf Fol. 16v gibt unser Autor für das Verb mit der Wurzel √רתח die altfranzösische Übersetzung cheve (in hebräischer Graphie: א ֿ בי י ﬞ ק , Transkription: chyyvʾ ; grüner Pfad in Abb. 4) an, die wir mit dem DEAFpré Eintrag chaver , «creuser», verbinden 40 . Als erstes Beispiel für die Verwendung dieses Verbes in der Bibel nennt unser Autor םיתב ךשחב רתח, ‛im Dunkel graben sie [sich zu] Häusern [durch]’, aus Hi 24: 16 (erster lila Pfad in Abb. 4), und umschreibt die Bedeutung des Verbes zusammen mit einem Verweis auf seine Informationsquelle: תרתחמ 'ל 'ישרפ ‛Raschi erklärte: eine Bezeichnung des Tunnel-Grabens’. In der Tat lesen wir in Raschis Kommentar zu Hi 24: 16, im Kontext einer Aufzählung von dem, was dreiste Verbrecher tun: םימותח ויה םויבו הלילב םיתבב םירתוח ויה םויב תויטסל תושעמ םהמ םישלח ויהש םתוא .(Rosenberg 1995: 130-31) םהיתבב םירגוסמו ‛Diejenigen, die zu schwach waren für solche Übergriffe während des Tages, pflegten sich in der Nacht zu Häusern durchzugraben, und bei Tag waren sie abgeschottet und eingeschlossen in ihren Häusern.’ Als zweites Beispiel nennt unser Autor םישנאה ורתחיו aus Jona 1: 13 (zweiter lila Pfad in Abb. 4). Hier ist der Kontext Jonas Flucht auf einem Schiff, die durch einen schweren Sturm verhindert wird. In dem von unserem Autor zitierten Vers nimmt das Verb mit der Wurzel √רתח nach modernem Verständnis eine völlig andere Bedeutung an, nämlich «rudern» 41 . Warum trotzdem beide Vorkommnisse des Verbes zur gleichen Grundbedeutung gehören, wird verständlich, wenn wir die mittelalterlichen Exegeten zu Rate ziehen. In Raschis Kommentar zu Jona 1: 13 lesen wir: .(Rosenberg 1997: 185) תרתחמב רתוחכ וקסעו ועגי ‛Sie verausgabten sich und strengten sich an wie jemand, der einen Tunnel gräbt.’ Eine noch anschaulichere Erklärung gibt Rabbi David Kimchi (ca. 1160-1235, auch bekannt unter dem Akronym Radak; er lebte überwiegend in Narbonne; cf. z. B. Talmage 2007: 155) in seinem Kommentar zu Jona 1: 13: םיב רתוחכ אוה םיב וכילומו טושמה שפות יכ השביה לא הניפסה איצוהל תוטושמב וקיזחה .Rosenberg (1997: 185) 40 Cf. DEAFpré , https: / / deaf2ub.adw.uni-heidelberg.de/ lemme/ chaver [13.6.2025]; auch DMF s. chaver , http: / / zeus.atilf.fr/ scripts/ dmfX.exe? LIEN_DMF; LEMME=chaver [26.6.2025]. 41 Tur-Sinai übersetzt: «Da ruderten die Männer» (Tur-Sinai 1993: 956); die Herder Bibel formuliert: «Und die Männer legten sich in die Ruder» (Herder 1966: 1015); JSB hat den Text: «Nevertheless the men rowed hard» (Berlin/ Brettler 2014: 1189). 131 DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie ‛Sie ergriffen die Ruder, um das Schiff zum trockenen Land zu bringen; denn einer, der ein Ruder fasst und es durchs Meer führt, ist wie jemand, der das Meer umgräbt.’ Überraschenderweise greift unser Autor in diesem Fall aber nicht auf Raschi oder Radak zurück; stattdessen präsentiert er eine völlig andere Interpretation, die wir in keiner der Ausführungen anderer mittelalterlichen Exegeten gefunden haben. Wir lesen (cf. dritter und vierter roter Pfad sowie zweiter grüner Pfad in Abb. 5): הניפסה דימעהל ידכ עקרקה ךות 'יסנכנש שנורקנא 'ירוקש 'ילזרבה וכילשה 'יפ ‛Die Erklärung ist: Sie warfen die Eisen aus, die ancrons [in hebräischer Graphie: שנורקנא, Transkription: ʾncrwns ] genannt werden, die in den Grund eindringen, um das Schiff anzuhalten.’ Wie ist unser Autor gerade auf diese ungewöhnliche Erklärung verfallen? Es wäre möglich, dass er hinter dem Verb mit der Wurzel √רתח in Jona 1: 13 das «sich-in-den- Meeresgrund- Graben » des Ankers sieht, was ja in der Tat Gemeinsamkeiten mit dem «sich-zu-Häusern-Durch graben » in Hi 24: 16 haben würde 42 . Was die Quelle bzw. die Inspiration für seine Auslegung betrifft, so lässt uns eine etwas weitergehende Untersuchung vermuten, dass unser Autor seine Auslegung nicht aus dem Nichts erschaffen hat. Radak kommt in seinem Wurzelwörterbuch Sefer haSchoraschim auf Anker zu sprechen: םיכילשמו םילבחב םתוא םירשוקש םילודגה םימודרקה ןהו […] הלש ןינוגיע ולא אייח יבר ינתו שרוקנא זעלב ׄירוקש אוהו הניפסה דימעהל םיב םתוא ‛Und Rabbi Chija lehrte: […] das sind seine [des Schiffes] Anker 43 . […] Und dies sind die großen Hacken 44 , die man mit Seilen festbindet und ins Meer wirft, um das Schiff anzuhalten; und das sind, was man in der Vernakularsprache ancors [in hebräischer Graphie: שרוקנא, Transkription: ʾncwrs ] nennt.’ Die Erklärung von Radak dazu, was ein Anker ist, weist deutliche Parallelen mit den Ausführungen des Autors von GlBNhébr1243 zu √רתח auf: Beide sprechen von Geräten (im Plural), die offensichtlich zur Ausrüstung eines Schiffes gehören und «ausgeworfen werden, um ein Schiff anzuhalten» (unter Verwendung der gleichen Wörter), 42 Einem Fachbuch aus dem Jahre 1794 können wir entnehmen, dass Anker historisch nicht nur beim «Vor-Anker-Liegen» eingesetzt wurden, sondern auch «der Hauptanker oder der gröſste und ſchwerſte von allen […] bey einem Sturm oder in der äuſſerſten Noth gebraucht wird.» Cf. Röding (1794: 2. Abt., Sp. 83). 43 Hier bezieht sich Radak auf den babylonischen Talmud, Traktat Bava Batra (bBB 73a). 44 Das hebräische Nomen םודרק könnte als ‘Spaten’, ‘Axt’, ‘Beil’, oder ‘Hacke’ übersetzt werden (cf. Jastrow 1903: vol. 2, 1412 [s. םֹ ו ּ ד ְ ר ַ ק ׳ ְ רּ וק,]). Wir haben uns an dieser Stelle für «Hacke» entschieden, da dadurch der Aspekt des «in den Boden eindringen und sich verhaken», den Radak im Blick gehabt zu haben scheint, am ehesten zum Ausdruck gebracht wird. .(Kimchi 1546: Sp. 340-41 [s. הגע]) 132 Bettina Burghardt DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 beide geben eine Übersetzung in die Vernakularsprache an. Der Unterschied zwischen den beiden Erklärungen besteht darin, dass der Autor von GlBNhébr1243 von «Eisen, die in den Grund eindringen» spricht, während Radak die Anker als «große […] Hacken, die man mit Seilen festbindet und ins Meer wirft» beschreibt. Es drängt sich somit der Verdacht auf, dass unser Autor die Erklärung bei Radak entlehnt und für seine Bedürfnisse angepasst hat; wenn wir mit unserer obigen Vermutung richtig liegen, dann war es ihm im Zusammenhang mit dem Verb √רתח ja wichtig, den Aspekt des «sich in den Boden Eingrabens» eines Ankers zu betonen, so dass es plausibel erscheint, dass er Radaks Erklärung modifiziert haben würde. Radaks Umgangssprache war Okzitanisch, so dass seine Übersetzung des hebräischen Wortes für «Anker» (pl.) als ancors (in hebräischer Graphie: שרוקנא, Transkription: ʾncwrs ) sicherlich okzitanisch ist 45 . Der Autor von GlBNhébr1243 hat hingegen altfranzösisch gesprochen. Die entscheidende Frage ist nun: Welcher Sprache entstammt das Wort ancrons , das unser Autor verwendet? Wir tendieren dazu, ancrons ebenfalls als okzitanisches Wort zu identifizieren, und zwar aus folgendem Grund: In den judäo-französischen Glossen findet sich häufig nons für nos , ‘ nous ’. Somit können wir mit gebotener Vorsicht analog eine Form ancros pl. erschließen. Das FEW 24,542b nennt moderne okzitanische Dialektbelege für ancro , ‘Anker’, und der Plural hierzu ist ancros . Das bedeutet, dass wir es hier eventuell mit einer okzitanischen Form ancro(n)s zu tun haben 46 . 5. Fazit Die drei hier diskutierten Beispiele illustrieren, mit welchen Problemen ein Forscher rechnen muss, der die altfranzösischen Wörter analysieren will, die in hebräisch-altfranzösischen Glossaren erhalten geblieben sind. Die moderne Erwartungshaltung, mit der man an ein biblisch-hebräisches Lexem herantritt, wird gelegentlich vom mittelalterlichen Verständnis nicht erfüllt. Dann können nur die hebräischen Erklärungen helfen zu verstehen, wie die mittelalterlichen jüdischen Gelehrten in diesem Fall die altfranzösische Sprache verwendet haben. Das erste Beispiel in diesem Artikel diskutiert einen Fall, in dem ein Judaist im Vorteil ist gegenüber einem Romanisten. Bei der Bearbeitung der Wörter im zweiten Beispiel kann ein Judaist einige Aspekte eher bewältigen, andere Aspekte sind von einem Romanisten leichter abzuschätzen (vor allem die Bedeutungsfelder der Lexeme fi und morine ). Das dritte Beispiel zeigt einen Fall, bei dem die Identifizierung eines Wortes (hier ancron ) nur von einem Romanisten geleistet werden kann. 45 «Radak himself spoke the language of another nation, Provençal, and enriched his writings with frequent references to it.» Cf. Talmage (1975: 63). 46 Ich danke Stephen Dörr für diese Analyse, ohne die ich - als Judaistin - zur Beantwortung dieser Frage nichts hätte besteuern können. 133 DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie Ein Beispiel, in dem ein Eintrag keine hebräische Erklärung enthält, und nur die altfranzösische Übersetzung Information darüber enthält, wie der Autor des Glossars ein biblisch-hebräisches Wort verstanden hat, wurde hier nicht besprochen; es ist aber offensichtlich, dass in solchen Fällen ein Romanist eindeutig besser qualifiziert ist, Aussagen zu machen als ein Judaist. Die optimale Vorgehensweise ist somit eindeutig: Eine interdisziplinäre Kollaboration ist der sicherste Weg, zuverlässige Ergebnisse zu erzielen. Im Jahre 1951 stellte Giuliana Fiorentino bezüglich der Balance der romanistischen und der hebraistischen Seite bei der Erforschung altfranzösischer Wörter in jüdischen Quellen fest: Since this study required real specialists, it attracted first of all the Hebraists, who were better prepared, and in some cases, the only ones who had the necessary and essential preparation for the understanding of these texts because of their knowledge of the Hebrew language and the Hebrew sacred texts. This is the reason why the Romance side of the question often remained in the background, nay, was altogether ignored (Fiorentino 1951: 57). Inzwischen ist vielen Judaisten dieses Problem bewusst geworden, und es gibt wohl kaum jemanden, der sich ohne ein fundiertes Studium der Romanistik mit einer Spezialisierung auf die mittelalterlichen Sprachstufen an ein altfranzösisch-hebräisches Glossar oder Wörterbuch heranwagen würde. Umgekehrt kann selbst jemand, der biblisches Hebräisch gelernt hat, auf Probleme stoßen, wenn er versucht, mittelalterliche Werke zu verstehen, da mittelalterliches Hebräisch in der Regel eine Kombination aus biblischem und rabbinischem Hebräisch, und daher auch mit aramäischen sowie griechischen Komponenten durchsetzt ist. Die semitischen Sprachen sind grundsätzlich in stärkerem Maße kontextabhängig als die indogermanischen, und die Glossare liefern wenig Kontext, allein schon auf Grund ihres knapp formulierten Stils. Darüber hinaus werden regelmäßig Abkürzungen verwendet, sowie Anspielungen auf Texte, von denen die damaligen Autoren wussten, dass sie in rabbinischen Kreisen wohlbekannt waren, bis hin zum Wortlaut einzelner Formulierungen. Ganz bewusst sprechen wir daher von «Judaisten», und nicht «Hebraisten», die sich mit diesem Forschungsgebiet befassen sollen, denn ohne Einblick in die kulturellen, religiösen und historischen Gegebenheiten der jüdischen mittelalterlichen Welt würde ein Verständnis der Glossareinträge häufig unmöglich bleiben. Da es aber unpraktikabel ist, von Forschern zu verlangen, auf beiden Gebieten hochqualifiziert zu sein, plädieren wir hier - einmal mehr - für eine enge Zusammenarbeit zwischen professionellen Judaisten und professionellen Romanisten 47 , um den Herausforderungen dieses Forschungsgebietes gerecht zu werden. 47 Wie z. B. in Bos et al. (2011), Bos/ Mensching (2014) und zahlreichen anderen Veröffentlichungen. 134 Bettina Burghardt DOI 10.24053/ VOX-2025-006 Vox Romanica 84 (2025): 115-137 Abkürzungen bBB Babylonischer Talmud, Traktat Bava Batra Blondh Les parlers judéo-romans et la Vetus Latina von David S. 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In addition to presenting the results of this analysis, the article also intends to highlight the mutual benefits of complementary expertise across disciplines and to encourage researchers of the Jewish usage of Old French to undertake their investigations in a similar collaborative manner. Keywords: Old French, Hebrew glossaries, MS hébreu 1243 (Bibliothèque nationale de France), Medieval Jewish Bible exegesis, «Judeo-French», Transdisciplinary approach Fallstricke vermeiden bei der Analyse altfranzösischer Glossen in hebräischer Graphie 137
