Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VOX-2025-011
vox841/vox841.pdf0216
2026
841
Kristol De StefaniCarolin Pazelt/Elton Prifti (ed.), Diachrone Varietätenlinguistik: Theorie, Methoden, Anwendungen, Berlin (Peter Lang) 2020, 234 p. (Studia Romanica et Linguistica 59).
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2026
Daniel Kallweithttps://orcid.org/0000-0003-4105-4569
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211 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus dieval Studies). Sans doute certaines décisions ont-elles été dictées par des impératifs pratiques comme la disponibilité des spécialistes. En ce qui concerne l’ordre de présentation des textes, il n’est pas clair quel critère a présidé à celui-ci. Mais il ne s’agit là que de remarques de détail, qui ne préjugent en rien de la qualité de cette anthologie. Sachons gré, donc, au Professeur Wilhelm et à tous les intervenants de l’école d’été de Klagenfurt - à laquelle la participation est gratuite - pour leurs efforts méritoires et leur contribution précieuse à la formation des jeunes philologues. Nico Lioce (KU Leuven, CoHistAL) https: / / orcid.org/ 0000-0002-0623-8437 ★ c Arolin P Azelt / e lton P rifti (ed.), Diachrone Varietätenlinguistik: Theorie, Methoden, Anwendungen , Berlin (Peter Lang) 2020, 234 p. ( Studia Romanica et Linguistica 59). Der vorliegende Band ist das Ergebnis der Sektion «Diachrone Varietätenlinguistik: Theorien, Methoden, Perspektiven», die im Rahmen des XXXIV. Romanistentags in Mannheim stattfand, «ergänzt um weitere einschlägige Studien zum Rahmenthema» (p. 7). Die Herausgeber verfolgen mit der Publikation das Ziel, die diachrone Varietätenlinguistik durch die versammelten Beiträge als Disziplin theoretisch und methodisch auszubauen. Dabei gehen sie von der Grundannahme aus, «dass die Geschichtsschreibung einer Sprache sich nicht nur - wie allzu häufig üblich - auf eine bestimmte exemplarische (Standard-)Varietät beziehen kann, sondern eine systematische Berücksichtigung des gesamten Spektrums möglicher Variationen erfordert» (ibd.). In ihrem Vorwort erläutern Patzelt und Prifti, dass sich der Band in vier Blöcke gliedert, auf die sich die insgesamt zehn Beiträge verteilen. Hier ist jedoch eine gewisse Inkongruenz zwischen der Abfolge der Kurzsynopsen im Vorwort und der Organisation der Beiträge im Band selbst zu erkennen: Laut den Herausgebern ist der Beitrag von Arnold (p. 105-30) dem zweiten thematischen Block zuzuordnen; im Band findet er sich jedoch nach dem Beitrag von Garatea (p. 91-103), welcher dem dritten Themenfeld zuzuordnen sei (p. 8). Im ersten Artikel des Sammelbandes widmet sich Johannes Kramer den «Bezeugungen von Entlehnungen in großen Sprachen als Mittel zur Datierung von Wörtern in Kleinsprachen» (p. 11-20) und möchte auf diese Weise Licht in die «dunklen Perioden der Sprachgeschichte» (p. 11) ebenjener Sprachen bringen. Er behandelt das Rumänische, Ladinische und das Papiamento, deren Sprachgeschichte nur auf «Rückprojektion heutiger Sprachstände in die Vergangenheit» (p. 12) beruht, da die ersten schriftlichen Belege aus vergleichsweise späten Epochen (16. bis 19. Jh.) stammen. Der Verf. schlägt mit seinem vorgelegten Beitrag eine Alternative zum bisherigen Vorgehen vor, bei dem die genannten Rückprojektionen mit analogen Entwicklungen in anderen romanischen Sprachen und im Lateinischen abgeglichen werden. Hierzu greift er bzgl. des Rumänischen die anhaltende Kontinuitätsbzw. Diskontinuitäts-Diskussion hinsichtlich seines Ursprungs auf (p. 13) und zeigt anschließend sehr überzeugend, dass die vier gewählten lexikalischen Einheiten des Rumänischen aus dem 212 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus kirchlich-religiösen Bereich nicht nördlich der Donau entstanden sein können. Die lateinischen Erstbelege dieser Lexeme stammen nämlich allesamt aus der Zeit nach Ende der Christenverfolgung (311/ 313 n. Chr.), also aus einer Zeit, die deutlich nach der Aufgabe dieses Gebiets durch die Römer (271 n. Chr.) liegt (p. 13-15). Für das Dolomitenladinische untersucht Kramer Ortsnamen und Lehnwörter, die in die Kontaktvarietäten des Deutschen übernommen wurden. Auf diese Weise erhält er Informationen zu Lautwandelprozessen im Übergang vom Lateinischen zum Ladinischen, die sich im Mittelalter vollzogen haben müssen. Auch hier ist die Darstellung überzeugend und lässt das kritische Bewusstsein des Verf. erkennen, dass Lautveränderungen in Namen stets zeitversetzt in der Schrift dokumentiert werden (p. 16) - m.E. gilt dies jedoch nicht nur für Namen, wie Kramer suggeriert. Die anschließende knappe Abhandlung altbairischer Lexeme im Ladinischen (p. 16s.) erlaubt eine zeitliche Einordnung dieser Elemente, wenn man die Chronologie des deutschen Lautwandels bedenkt. Auch hier ist sich Kramer des approximativen Charakters seines Ansatzes bewusst (p. 17). Im letzten Abschnitt seines Beitrags widmet er sich schließlich der Frage, ob das Papiamento auf den Antillen entstanden ist oder aber bereits als fertiges Kreol aus Afrika exportiert wurde (p. 17s.). Hierzu führt der Verf. zahlreiche Belege für Lexeme an, die bereits vor dem 18. Jh. aus dem Niederländischen, als einer der Hauptquellsprachen des Papiamentos, verschwunden sind, in der Kreolsprache jedoch zum Kernwortschatz gehören. Dies sieht er als Beweis dafür, «dass der Entstehungsprozess zumindest des Wortschatzes der neuen Kreolsprache in der neuen [sic] Welt stattgefunden haben muss und nicht etwa vorher, etwa in Guinea oder auch anderswo in Afrika» (p. 18). Die Hispanisierung des Papiamentos, welche anhand eines Beispiels ( sangura < zancudo [p. 19]) exemplifiziert wird, sei jedoch aufgrund des konservativeren Wortschatzes weniger sicher auf das 17. Jh. zu datieren (ibd.). Der Beitrag schließt mit dem Fazit, dass die Betrachtung von Entlehnungen aus gut bzw. besser belegten Kontaktsprachen ein nützliches Datengerüst für die diachrone Untersuchung unbezeugter Kleinsprachen liefern kann. Dieser innovative Ansatz erscheint mir äußerst vielversprechend und ließe sich sicherlich auf eine Vielzahl anderer spät in der Schrift dokumentierter Sprachen anwenden, die nicht zwingend zu den romanischen Sprachen zählen müssten (man denke bspw. an autochthone Sprachen auf den amerikanischen Kontinenten). In seinem Artikel «Konvergenzen und Divergenzen im Schreiben ungeübter Schreiber (Französisch, Italienisch, Deutsch)» (p. 21-38) untersucht Gerhard Ernst Dokumente aus dem 17. und 18. Jh. auf Charakteristika, die allein auf den geringen Bildungsgrad der Schreibenden zurückzuführen sind. Zu diesem Zweck betrachtet der Verf. zuerst fehlerhafte Zusammenschreibungen von Syntagmen und rhythmischen Gruppen sowie die falsche (Nicht-)Verwendung des Apostrophs. All diese Fehler lassen sich sowohl bei ungeübten als auch bei gebildeten Schreiber: innen feststellen (p. 22). Bei ungeübten Schreibenden ist jedoch an der häufig fehlerhaften Worttrennung erkennbar, dass ein Bewusstsein für bzw. ein Überblick über die grammatische Struktur des Textes nicht vorhanden war (p. 22s.). Bzgl. der phonographematischen Abweichungen von der zeitgenössischen Norm zeigt Ernst sehr überzeugend, dass deren Frequenz in direkter Korrelation zur Anzahl der graphematischen Alternativen für ein und dasselbe Phonem steht. So treten besagte Fehlschreibungen im Französischen besonders häufig in den Fällen auf, in denen allein die Norm festlegt, welche der graphematischen Alter- 213 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus nativen korrekt ist (p. 24), während sie im Italienischen, in dem weniger in der Norm fixierte homophone Alternativen bestehen, seltener zu finden sind (p. 24s.). Besonders interessant erscheint der Erklärungsansatz für fehlerhafte Konsonanten-Degeminierung bzw. -Doppelung (p. 26s.) sowie für Fehlschreibungen, die sich auf ein unzureichendes Bewusstsein über die Stimmhaftigkeit respektive -losigkeit des entsprechenden Phonems zurückführen lassen (p. 27s.). Beides sind Phänomene, die in allen drei behandelten Sprachen zu finden sind: In beiden Fällen argumentiert der Verf. mit der geringen Salienz des jeweiligen lautlichen Phänomens, welche er in Bezug auf die Stimmbeteiligung «unterhalb der Wahrnehmungsschwelle» (p. 28) ansetzt und als übereinzelsprachlich postuliert (ibd.). Der anschließende Absatz zu morphosyntaktischen und syntaktischen Phänomenen, die auf einer konzeptionellen Mündlichkeit basieren (wenig elaborierte Satzverknüpfungen, Elision der Subjektpronomina im Französischen mit daraus resultierenden Anakoluthen) ist leider recht knapp gehalten (p. 29s.). Im verbleibenden Teil seines Beitrags (p. 30-35) widmet sich Ernst den Phänomenen der «bemühten Schriftlichkeit» nach Schlieben-Lange (1998) 1 und demonstriert dabei sehr plausibel anhand des behördensprachlich markierten lequel sowie verschiedener Fälle koordinierter finiter Verbformen mit Infinitiven, dass auch bei ungeübten Schreibenden ein vages Bewusstsein für die Existenz einer schriftsprachlichen Norm vorhanden war. Die Tatsache, dass der Verf. dabei sowohl qualitativ als auch quantitativ vorgeht, trägt zur Nachvollziehbarkeit der angelegten Argumentation bei, sodass die Vorbildfunktion der administrativen Sprache amtlicher Verlautbarungen evident wird. Insgesamt zeigt der Beitrag, dass die Charakteristika der Schriftlichkeit ungeübter Schreibender zwar auch, aber nicht ausschließlich auf die jeweils gesprochene Varietät der verschrifteten Sprache zurückzuführen sind. Sie resultieren ferner aus einer nicht ausreichenden Beherrschung der orthografischen und grammatischen Normen sowie aus der wenig reflektierten Imitation distanzsprachlicher Elemente formeller Schriftlichkeit. Somit rückt er eine konkrete (diachronische und diastratische) Varietät der geschriebenen Sprache(n) in den Fokus, die auch für die übrigen romanischen Sprachen einer Betrachtung wert zu sein scheint. Carsten Sinner möchte in seinem Artikel «Fehlende Berücksichtigung diasystematischer Dimensionen als Prozessfehler. Modellierung anhand des Beispiels der Verbalperiphrasen im Spanischen» (p. 39-70) auf die oftmals in der Behandlung von Verbalperiphrasen ungenaue Abgrenzung der Bedeutungen und Funktionen ebendieser sowie auf die häufig fehlende Verortung im jeweiligen Diasystem aufmerksam machen. So beachten zahlreiche Autor: innen laut Sinner die räumliche und die zeitliche Dimension der Architektur der Sprachen nach Flydal und Coseriu nicht, was zu Fehlinterpretationen sowie Falschaussagen bzgl. der untersuchten Verbalperiphrasen führe (p. 40). Am konkreten Beispiel der Verbalperiphrase haber de + Infinitiv zeigt der Verf. im Folgenden, dass die meisten Darstellungen mithilfe konstruierter Beispiele arbeiten oder aber, wenn sie authentische Sprachdaten nutzen, diese ungeachtet jeglicher diasystematischer Variation miteinander vergleichen (p. 42s.). Die Nichtbeachtung varietätenlinguistischer Aspekte exemplifiziert Sinner anhand des Diccionario de 1 s chlieBen -l AnGe , B. 1998: «Les hypercorrections de la scripturalité», CLF 20: 255-73. 214 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus perífrasis verbales (García Fernández 2006 2 ) bzw. des entsprechenden Artikels zur ausgewählten Verbalperiphrase von García García-Serrano (2006) 3 , in welchem an keiner Stelle die Varietät des Spanischen präzisiert werde, auf die Bezug genommen wird (p. 45). Die daran anschließende Illustration, dass dasselbe Problem in Studien zu gänzlich anderen Themen ebenfalls zu finden sei (p. 45s.), wirkt ein Stück weit deplatziert und langatmig; hier hätte auch ein kurzer Kommentar in Form einer Fußnote ausgereicht. Anhand der Betrachtung verschiedener Grammatiken und der in ihnen dargestellten unterschiedlichen Werte der Periphrase haber de + Inf. demonstriert Sinner, dass die untersuchten Autor: innen praktisch nie spezifizieren, auf welche Varietät sie sich beziehen, und häufig die Dimensionen dialektal und geschrieben gegenüberstellen. Letzteres sieht er als grundlegendes varietätenlinguistisches Problem an (p. 50). Die Relevanz der Benennung der jeweiligen Bezugsvarietät demonstriert er am Beispiel des in Katalonien gesprochenen Spanisch, in dem die gewählte Verbalperiphrase nicht nur als in der Mündlichkeit unmarkiert gelten muss, sondern auch signifikant häufiger in der Schriftlichkeit vorkommt als in anderen Regionen der hispanophonen Welt (p. 51). Durch unpräzise und unscharfe Aussagen bzgl. der Häufigkeit von haber de + Inf. kommt es zur Genese unklarer Daten, deren Resultate oftmals in Folgepublikationen perpetuiert werden (p. 54). Den restlichen Teil seines Aufsatzes widmet der Verf. der Suche nach einem passenden Modell zur Darstellung von Sprachwandel, wobei er das häufig verwendete Kreismodell dezidiert ablehnt (p. 55), «da ja für dieselbe Bedeutung eben nicht dieselben Formen wiederkehren» (p. 56, Hervorhebung im Original). Nach einer knappen Thematisierung unterschiedlicher Modellentwürfe gelangt Sinner zu einem Wellenmodell, mit dem er die Wechsel zwischen Modalität und Temporalität der Formen für den Ausdruck des Futurs im Spanischen veranschaulichen will (p. 61). Da der Kurvenverlauf hinsichtlich seiner Phase, Amplitude sowie seiner Phasengeschwindigkeit in jeder Varietät unterschiedlich ist, ist ein Vergleich verschiedener Varietäten ohne die Berücksichtigung dieser durch außersprachliche Faktoren bedingten Unterschiede sinnfrei (p. 60-64). Sinner leistet mit seinem Aufsatz einen zweifelsohne relevanten Beitrag, indem er auf die methodologisch-theoretischen Fehler praktisch aller Darstellungen spanischer Verbalperiphrasen hinweist; leider schlägt er jedoch in seinem Artikel, der streckenweise eher einer wenig wohlwollenden Rezension des Diccionario de perífrasis verbales gleicht, keinerlei konkrete Verfahren vor, die für eine methodisch saubere Beachtung der diasystematischen Dimensionen einzuhalten wären. In seinem Beitrag «Le variazione nelle Romània dalmatica altomedievale» (p. 71-90) verfolgt Nikola Vuletić das Ziel, die dalmatischen romanischen Varietäten zu beschreiben. Hierzu betrachtet er den frühmittelalterlichen Sprachkontakt zu den slavischen Sprachen wobei der Fokus speziell auf der Untersuchung der Fischnamen im aktuellen Kroatischen und Montenegrinischen liegt, deren Ursprung in romanischen Bezeichnungen zu finden ist (p. 71s.). Durch die gewählte geolinguistische Perspektive der historischen Sprachkontaktforschung soll ferner die theoretische Reflexion der Konzepte Varietät und Varietätenraum vorangetrie- 2 G ArcíA f ernández , l. (ed.) 2006: Diccionario de perífrasis verbales , Madrid, Gredos. 3 G ArcíA G ArcíA -s errAno , m. A. 2006: « Haber de + infinitivo», in: l. G ArcíA f ernández (ed.), Diccionario de perífrasis verbales , Madrid, Gredos: 164-66. 215 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus ben werden (p. 72s.). Nach einem konzisen Abriss der Konsequenzen, welche die Slaven-Migrationsbewegungen im 7. Jh. mit sich brachten - Abbruch der direkten Kommunikation mit der Restromania, wachsender Bilinguismus, Entstehung eines separaten Kommunikationsraumes ohne Zentrum, was zum Verlust des Sprachbewusstseins führte (p. 74s.) -, wendet der Verf. das ökologische Modell nach Krefeld (2003) 4 auf die Sprachkontaktsituation(en) im byzantinischen Dalmatien an (p. 76s.). Auf diese Weise legt er nachvollziehbar dar, dass kulturelle Affinität nach Krefeld (2003) die Ursache für die deutlich höhere Frequenz romanischstämmiger Wörter «nei campi denotativi connessi con la vita marinara» (p. 78) ist und dass die romanischen Idiome vor ihrem endgültigen Verschwinden in einer Art Mikrodiglossie auf bestimmte (Berufs-)Gruppen beschränkt gewesen sein dürften. Für die anschließende Analyse skizziert Vuletić zunächst die diatopische Variation der Lexik der romanischen Varietäten Dalmatiens unter Bezugnahme auf einschlägige Autor: innen, bevor er fünf Bezeichnung maritimer Lebewesen (Fische und Schnecken) hinsichtlich ihrer geografischen Verteilung untersucht (p. 80-86). Sind die einzelnen Abschnitte auch knapp gehalten, so integriert der Verf. dennoch etymologische Überlegungen, Beschreibungen semantischer Wandelprozesse sowie externsprachgeschichtliche Aspekte und gelangt zu einer nachvollziehbaren Darstellung, die durch die abgedruckten Karten zudem anschaulich ist. In seinem Fazit zieht Vuletić die Schlussfolgerung, dass «l’attuale variazione lessicale dei romanismi encorici nelle parlate croate e montenegrine rispecchia in un modo abbastanza fedele l’originaria variazione diatopica di una parte importante della Romània submersa nell’Adriatico orientale» (p. 86s.). Abschließend plädiert er dafür, das Konzept der Varietät von dem der historischen Einzelsprache zu lösen, um so bspw. den Varietätenraum beschreiben zu können, der aller Wahrscheinlichkeit nach in den urbanen Zentren des byzantinischen Dalmatiens zu finden war. Auch wenn dieser Vorschlag gewiss noch weiterer theoretischer Reflexion bedarf, eröffnet der vorliegende hochinteressante Beitrag neue Perspektiven für die Erforschung des sprachlichen Erbes der Romania submersa sowie zu deren Rekonstruktion. Der fünfte Aufsatz des Sammelbandes stammt von Carlos Garatea und trägt den Titel «Variación y contacto. El español andino en textos coloniales» (p. 91-103). Über die Untersuchung der Durchsetzung des Spanischen in Peru während des 16. und 17. Jh. sowie der soziokulturellen Veränderungen, die durch die Auferlegung der spanischen Sprache und Gesellschaftsstrukturen ausgelöst wurden, möchte der Verf. dreierlei Ziele erreichen: Einerseits sollen die durch den Sprachkontakt beeinflussten Register in kolonialen Texten indigener Schreiber dargestellt werden. Andererseits soll die Relevanz sozialer Verflechtungen als Diffusionsmedien des Spanischen demonstriert werden. Schließlich sollen grundlegende Konzepte, die die Entstehung der peruanischen Varietät des Spanischen erklären, revidiert werden (p. 91s.). Um diese Ziele zu erreichen, nutzt Garatea zahlreiche koloniale Textbeispiele, an denen er nachvollziehbar herausarbeitet, dass die Verbreitung des Spanischen in der Andenregion auf uneinheitliche Weise über die Mündlichkeit geschah (p. 98) und zu diversen 4 K refeld , t h . 2003: «Methodische Grundlagen der Strataforschung», in: G. e rnst / m.-d. G less - Gen / c. s chmitt / w. s chweicKArd (ed.), Romanische Sprachgeschichte. Ein internationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen , 1. Teilband, Berlin/ New York, De Gruyter, 197-208. 216 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus Transferenzen der jeweiligen autochthonen Sprache im Spanischen der indigenen Schreiber führte. Diese lassen sich bspw. an Fehlschreibungen erkennen, die das dreivokalische Phonemsystem des Quechua widerspiegeln (p. 99), aber auch an Numerus- und Genusinkongruenzen (ibd.), um nur zwei Beispiele zu nennen. Die interessante Präsenz des latinisierenden Diskursmarkers ítem belegt der Verf. zwar anhand zweier Textstellen, erläutert sie jedoch nicht weitergehend (p. 101s.), sodass die intendierte Argumentation hier nur sehr bedingt nachvollziehbar ist. Insgesamt fällt der Beitrag hinsichtlich seiner Argumentation etwas knapp aus und gelangt auch zu keinem wirklichen Fazit, das über die Konstatierung unterschiedlicher Register bei bilingualen Schreibern aus der Andenregion hinausginge. So bleibt das letzte der drei eingangs formulierten Ziele für den Leser leider unklar, wenn auch der Aufsatz - dem eine Untergliederung in nummerierte Abschnitte mehr Struktur und Übersichtlichkeit verliehen hätte - wichtige Anstöße für die weitere Beschäftigung mit der Sprachgeschichte des Spanischen in Amerika im Allgemeinen sowie in Peru im Speziellen gibt. Mit seinem Artikel «Die Diachronie des Judenspanischen ( Judezmo ) und seiner Varietäten - ein Stiefkind der Lexikographie» (p. 105-30) möchte Rafael D. Arnold alle Varietätendimensionen des Judenspanischen systematisch beleuchten, um anschließend die lexikografische Behandlung ebenjener Varietäten zu analysieren (p. 106). Hinsichtlich der Diachronie zeichnet der Verf. sehr schlüssig die unterschiedlichen Etappen der Varietätenherausbildung sowohl vor der Vertreibung von der Iberischen Halbinsel (p. 106s.) als auch nach 1492, insbesondere für das Osmanische Reich nach (p. 107-08). Dabei wird deutlich, dass die Sprachwandelprozesse in den einzelnen Varietäten des Judenspanischen zum einen auf Sprachkontakt und die Abschwächung sozialer Bindungen, zum anderen aber auch auf Vereinfachungs- und Nivellierungsprozesse zurückzuführen sind (ibd.). Bezüglich der Diatopik arbeitet Arnold - abermals überzeugend - heraus, dass die diatopischen Varietäten aller iberoromanischen Idiome das Judenspanische bereits auf der Iberischen Halbinsel beeinflusst haben müssen, finden sich doch bspw. navarro-aragonesische Entlehnungen auf allen Ebenen des Sprachsystems (p. 109). Eine systematische Erforschung des aktuellen, stark heterogenen Dialektgebiets, das sich aus voneinander abgegrenzten Sprachinseln in anderssprachigen Umgebungen zusammensetzt, steht laut Verf. noch aus (p. 109s.), auch wenn Quintana Rodríguez (2006) 5 einige der vorhandenen Einzelstudien zu einem größeren Gesamtbild zusammenbrachte (p. 110). Anhand der Ergebnisse dieser Überblicksstudie lässt sich bei einigen dialektalen Merkmalen - sowohl lexikalischer als auch phonetischer und morphosyntaktischer Natur - eine Ost-West-Differenzierung erkennen, welche von den divergierenden Zentren Thessaloniki und Istanbul beeinflusst ist (p. 113). Die offensichtlich stärkere nicht-kastilische Prägung der westlichen Zone wird auch durch die illustrierenden Karten (p. 113s.) sehr anschaulich dargestellt. Die Abschnitte zur Diastratik, Diamesik und Diaphasik (p. 116-18) fallen recht kurz aus, was jedoch auf das Fehlen aussagekräftiger Daten für diese Bereiche zurückzuführen ist. Diesbezüglich formuliert Arnold ein klares Desiderat, diese Situation zu 5 Q uintAnA r odríGuez , A. 2006: Geografía lingüística del Judeoespañol. Estudio sincrónico y diacrónico, Bern, Peter Lang. 217 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus ändern, und verweist auf Tonaufnahmen mit muttersprachlichen Sprachzeugnissen (p. 117 N4). In Hinblick auf die lexikografische Behandlung des Judenspanischen und seiner Varietäten konstatiert der Verf. das Fehlen eines historischen Wörterbuchs mit klar diachroner Perspektive (p. 118) und moniert die meist unsystematische und in den seltensten Fällen kontrastive Aufnahme diatopischer Varianten (p. 119). Abschließend formuliert der Autor die Hoffnung, dass «im Rahmen der Digital Humanities » (p. 121, Hervorhebung im Original) die Erstellung eines allgemeinen Wörterbuchs des Judenspanischen, das dessen Diasystem sowohl diachron als auch synchron darzustellen vermag, gelingen möge. Arnold legt einen immens wertvollen Beitrag vor, der schon allein aufgrund seiner exzellenten Dokumentation sowie der neunseitigen Bibliografie den Ausgangspunkt für die weitere Erforschung des Judenspanischen bilden dürfte. Hinsichtlich des zum Schluss formulierten Desiderats könnte die in der Zeit nach Einreichung des Manuskripts 2018 gegründete Akademia Nasionala del Ladino, welche auch Mitglied der ASALE ist, die lexikografische Erfassung des Judenspanischen bedeutsam vorantreiben. Der siebte Beitrag des Tagungsbandes stammt von Georg A. Kaiser und Michael Zimmermann und ist mit «Zum Status der Subjektpronomina im Altfranzösischen. Eine Untersuchung anhand von Paralleltexten» überschrieben (p. 131-55). Die Autoren möchten mithilfe einer empirischen Untersuchung von Paralleltexten neue Erkenntnisse in die Debatte einbringen, ob das Altfranzösische über ein oder zwei Paradigmen der Subjektpronomina verfügte. Hierzu zeichnen sie zunächst kurz die Tradition der Paralleltextuntersuchung in der Linguistik nach und arbeiten die Vorteile dieser Methode am Beispiel der Bibel verständlich heraus (p. 132-34). Anschließend resümieren sie die beiden Hypothesen bzgl. der Subjektpronomina, von denen eine ein alleiniges Paradigma starker Pronomina postuliert, während die zweite neben ebenjenem Paradigma von einem weiteren mit schwachen Subjektpronomina ausgeht (p. 134-38). In dieser Darstellung führen Kaiser und Zimmermann neben den als bekannt anzunehmenden Evidenzen auch Korpusbelege mit entsprechenden Erläuterungen an, sodass die theoretische Basis zwar kurz, aber dennoch nicht weniger verständlich erscheint. Zur Überprüfung der beiden Hypothesen dienen die Quatre Livre des Reis (1170) sowie die Bible de Saint-Jean d’Arc (1250-1254), welche hinsichtlich der Samuel-Bücher und der Bücher der Könige des Alten Testaments untersucht werden (p. 139). Durch die präsentierte Analyse kann das Paradigma der starken Subjektpronomina weitgehend bestätigt werden, da praktisch alle als Evidenz vorgebrachten Verhaltensweisen belegbar sind (p. 140-45). Die Nutzung der Bibelübersetzung im modernen Spanisch und Französisch, um die Subjektpronomina in der Funktion zur kontrastiven Akzentuierung zu belegen (p. 142-44), erscheint besonders geschickt, handelt es sich beim Spanischen doch um eine typische Pro-Drop -Sprache, während das Französische keine Nullsubjektsprache ist. Die Annahme eines schwachen Subjektpronomina-Paradigmas «erfährt im Rahmen der durchgeführten Paralleltextuntersuchung hingegen keine derart eindeutige Bestätigung» (p. 145), da die zuvor genannten Verhaltensweisen kaum bzw. überhaupt nicht nachweisbar sind (ibd.). Belegbar sind allein die Existenz expletiver Subjektpronomina und das Auftreten referenzieller Subjektpronomina in unmarkierten Kontexten. Somit zeigen die Verf. einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Altfranzösischen und prototypischen Nullsubjektsprachen, die nur starke Pro- 218 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus nomen aufweisen, weswegen eine Neubewertung des Altfranzösischen als notwendig erscheint. Der insgesamt erhellende Beitrag kommentiert die Konsequenzen der Tatsache, dass drei der fünf angenommenen Eigenschaften von schwachen Subjektpronomina nicht überzeugend nachweisbar sind, für die eigenen Resultate leider nicht weitergehend; es wird lediglich auf ein «ambivalentes Bild bezüglich der Annahme der Existenz eines Paradigmas ‹schwacher› Subjektpronomina im Altfranzösischen» (p. 150) hingewiesen. Hier hätte sich der interessierte Leser noch einen weiterführenden Kommentar hinsichtlich möglicher künftiger Forschungsansätze gewünscht. Im achten Artikel «Denotaciones y connotaciones del sufijo -ismo : variación diacrónica y discursiva» (p. 157-73) unternimmt Miguel Metzeltin eine Dokumentation des Ursprungs und der semantischen Entwicklung des spanischen Suffixes -ismo . Nach kurzen grundlegenden Überlegungen zu Satz- und Wortbildungsprozessen im Spanischen (p. 158) sowie der Feststellung, dass auf -ismo endende Substantive häufig abstrakter Natur und somit als nomina actionis oder als nomina qualitatis zu kategorisieren sind, zeichnet der Autor die Etymologie des Suffixes nach (ibd.). Demnach hat -ismo seinen Ursprung in einem Subsystem der griechischen Suffixe, in dem es zur Ableitung von nomina agentis diente; nach der Übernahme ins Lateinische war das Suffix dort ab dem 2. Jh. n. Chr. vor allem im religiösen Kontext zur Bezeichnung einer Doktrin produktiv. Die aus christiAnismus , iudAismus und PAGAnismus hervorgegangenen romanischen Religionsbezeichnungen sind seit dem 13. Jh. belegt (p. 159) und ab der Reformation wurden nach diesem Vorbild diverse Termini geprägt, «que indican una doctrina o conjunto de seguidores» (p. 160), sodass diese als nomina qualitatis einzustufen sind. Anhand zahlreicher Beispiele (p. 161s.), die mit trumpismo bis in die Gegenwart reichen, zeigt Metzeltin, dass die mit -ismo gebildeten Derivate auch außerhalb des religiösen Bereichs, nämlich innerhalb der philosophischen sowie der politischen Domäne, an Produktivität gewannen (p. 161). Die anschließende Darlegung, dass seit der Aufklärung eine Vielzahl an nomina qualitatis mittels -ismo abgeleitet wurden, was als Anzeichen dafür zu sehen ist, dass Menschen, die einer bestimmten Einstellung bzw. Doktrin folgen, auch entsprechende Haltungen und Verhaltensweisen zeigen, ist für die Lesenden gut nachvollziehbar. Auch die daraus resultierende abermalige semantische Erweiterung des Inhalts von -ismo wird überzeugend erläutert (p. 162-64). An die verständlich ausgeführte Unterscheidung subjektivierender und objektivierender nomina qualitatis schließt sich die ausführliche diachrone und synchrone Betrachtung der objektivierenden Termini humanismo , patriotismo und nacionalismo (sowie der französischen und teils englischen Entsprechungen) an, mit welcher der Verf. sowohl das Aufkommen als auch die semantischen Veränderungen der untersuchten lexikalischen Einheiten demonstriert (p. 165-67). Abschließend wird an den Beispielen liberalismo , welches mit liberal im Gegensatz zu früheren mittels -ismo gebildeten Derivationen eine semantisch recht unspezifische Basis hat (p. 168), und socialismo das breite semantische Profil der nomina qualitatis aufgezeigt. Aus diesem werden in der Gegenwart je nach Textsorte bzw. Kontext einzelne Komponenten (z.B. eher auf die Gesellschaft oder aber auf die Ökonomie bezogen) betont. Insgesamt gelingt es Metzeltin sehr gut, am konkreten Beispiel des Suffixes -ismo sowohl dessen semantischen Wandel als auch den Abbau der Selektionsbeschränkungen nachzuzeichnen. Im achten Abschnitt (zu liberalismo ) tendiert der Beitrag m.E. 219 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus etwas zu stark in Richtung der ökonomischen Ausführungen, wodurch sein Mehrwert jedoch in keiner Weise geschmälert wird. Miguel Gutiérrez Maté verfolgt in seinem Artikel «Neues zur Entstehung und Ausbreitung der Konstruktion mit ser focalizador . Ein Plädoyer für die afrohispanische Hypothese» (p. 175-203) das Ziel, bisher vernachlässigte Aspekte dieser dem karibischen Spanisch zugeschriebenen syntaktischen Besonderheit zu untersuchen. Nach einer kurzen Diskussion der lange vertretenen Ansicht, bei Konstruktionen mit ser focalizador handele es sich um vereinfachte Pseudospaltsätze, in der mithilfe syntaktischer Proben - wie der Klitika-Anhebung und der Betrachtung des Modus im Nebensatz - die Unterschiede zwischen diesen beiden Phänomenen herausgearbeitet werden (p. 176-79), vergleicht der Autor die hier ausgewählte Fokusmarkierungsstrategie mit weiteren im Spanischen verfügbaren Verfahren (p. 180s.). Die anschließende diasystematische Einordnung charakterisiert die Konstruktion als iberoromanisches Phänomen (p. 181), das diatopisch begrenzt und markiert ist sowie als nähesprachlich eingeordnet werden muss (p. 182). Dass diese konzeptionelle Mündlichkeit von Beginn an für das ser focalizador zu gelten hat, zeigt Gutiérrez Maté über die Betrachtung historischer Quellen, die zum einen metalinguistischer Art, zum anderen aber auch allgemeinsprachlicher Natur sind (p. 183-85). Der Hauptteil des Beitrags (p. 186-95) ist der Frage gewidmet, wie das ser focalizador entstanden sein könnte, das sehr stark einer Fokuspartikel ähnelt, welche ihrerseits «eigentlich keine mögliche Option» (p. 186) zur Fokusmarkierung im Spanischen darstellt. Die interessante Hypothese geht von einem kontaktinduzierten Sprachwandelphänomen aus, bei dem die zuvor diskutierten Pseudospaltsätze als Vorbild gedient haben könnten, wodurch ein Beispiel für Konvergenz vorläge (p. 186). Aufgrund der hohen Frequenz der Konstruktionen mit ser focalizador im zirkumkaribischen Raum sowie des demografischen und auch des sozialen Gewichts afrikanischstämmiger Sprecher: innen in dieser Region sucht der Verf. in den Niger-Kongo-Sprachen nach einem möglichen Ursprungselement (p. 186-90). Da in dieser Sprachfamilie die Funktionserweiterung der Kopula zu einem Fokusmarker sehr häufig zu beobachten ist, übernimmt der Autor die sogenannte afrohispanische Hypothese von Bosque (1999) 6 , nach der die aus dem Kongo verschleppten Sklaven die Polyfunktionalität der L 1 -Kopula in ihrer Lernervarietät des Spanischen replizierten, wodurch das ser focalizador entstand (p. 192). Bzgl. des Einwands, Konstruktionen mit ser focalizador seien weder in der gesamten Karibik noch exklusiv dort zu finden, konstatiert Gutiérrez Maté, dass es zu diesem Aspekt bisher praktisch noch keine ausreichenden Forschungsergebnisse gebe (p. 188), betont anschließend jedoch, dass die derzeit verfügbaren Daten «darauf hinzudeuten [scheinen], dass dieses Phänomen in den Gegenden mit bedeutsamer Anzahl an Afrikanischstämmigen eindeutig bevorzugt zu werden scheint» (p. 190). Sein Vorkommen außerhalb des karibischen Raums ließe sich schließlich entweder mit Migrationsbewegungen oder aber mit einem ehemals höheren Bevölkerungsanteil afrikanischstämmiger Spanischsprecher: innen erklären (ibd.). In Ermangelung ausreichender authentischer Sprachzeugnisse aus der Kolonialzeit, mit denen sich die Varietät afrohispanischer Sprecher: innen untersuchen ließe, wählt 6 B osQue , i. 1999: «On focus vs. wh-movement: The case of Caribbean Spanish», Sophia Lingüística 44-5: 1-32. 220 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus der Verf. den Abgleich mit dem Palenquero, in dem jue bzw. é als direkte Relexifizierung der Kopula/ Fokuspartikel i des Kikongo belegt ist (p. 192-95). Auf diese Weise präsentiert der vorliegende Beitrag plausible und sehr gut nachvollziehbare Indizien für die afrohispanische Hypothese, die ferner im Einklang mit dem Forschungsstand zu Lernervarietäten, Pidginisierung und Kreolisierung stehen. Die weitere Überprüfung dieser Indizien sowie der Hypothese selbst obliegt nun künftigen Studien. Der Sammelband wird durch den Artikel «Junger Wein in alten Schläuchen? Bemerkungen zur diachronen Entwicklung des Lunfardo anhand zweier Textbeispiele aus den Jahren 1887 und 2000» (p. 205-34) von Eva Gugenberger beschlossen. Der Beitrag soll zum einen die Entwicklungsgeschichte des für den Río-de-la-Plata-Raum typischen lexikalischen Phänomens nachzeichnen und den Lunfardo in das gegenwärtige Varietätengefüge des Spanischen einordnen (p. 206). Zum anderen soll anhand zweier ausgewählter Texte der lexikalische Wandel des betrachteten Charakteristikums analysiert werden, um so «die oftmals beschworene dynamische Entwicklung des Lunfardo zu prüfen und zu dokumentieren» (ibd.). Unter Rückbezug auf Coserius Überlegungen zum Sprachwandel, insbesondere auf die von ihm genutzten Termini Innovation , Adoption und Diffusion , sowie auf das Modell Godenzzis (2010) 7 , das die Bewegungen sprachlicher Neuerungen zwischen einzelnen Varietäten bzw. kommunikativen Räumen erfasst, wird knapp und sehr verständlich dargelegt, wie sich die anfangs diatopisch begrenzten und diastratisch niedrig markierten lexikalischen Einheiten zwischen dem späten 19. Jh. und den 1950er Jahren regional ausbreiteten und dabei in diaphasische, d.h. nicht mehr schichtgebundene Varietäten Einzug hielten (p. 206-08). Auch der Einfluss jugendsprachlicher kommunikativer Stile auf die weitere Entwicklung des Lunfardos (p. 208s.) sowie die gegenwärtige Verbreitung alter und neuer Lunfardismen via Kino und vor allem jüngere Musikgenres (p. 209s.) werden schlüssig dargestellt. In der anschließenden varietätenlinguistischen Einordnung des auf den Wortschatz begrenzten Phänomens arbeitet die Autorin die Parallelen zwischen dem Lunfardo und dem frz. Argot, die sowohl in ihrer Entstehung und Verbreitung als auch in den verwendeten Wortschöpfungsverfahren zu konstatieren sind, auf verständliche Weise heraus (p. 211s.). Der im folgenden Abschnitt gegebene Überblick über relevante Lunfardo-Wörterbücher sowie die Diskussion der Kriterien, nach denen eine lexikalische Einheit in ein solches lexikografisches Werk aufgenommen werden bzw. dort eine varietätenlinguistische Markierung erfahren sollte (p. 212-14), ist konzise und vermittelt den Lesenden ein Verständnis der Probleme, welche die lexikografische Erfassung von Lunfardismen mit sich bringt. Bzgl. der Funktionen betont Gugenberger die «ludische und grenzüberschreitende Komponente» (p. 215), aber auch den identitätsstiftenden Charakter des Lunfardo als typisch porteño (ibd.). Somit gelingt es ihr, auf begrenztem Raum einen umfassenden Überblick über das Wortschatzphänomen der La-Plata-Region zu geben, welchen man in anderen einschlägigen - teils deutlich umfangreicheren - Publikationen oft vergeblich sucht. Der Analyseteil des Beitrags untersucht zwei Textauszüge, die sich sowohl diachronisch als auch diamesisch stark unterscheiden: Zum einen wird ein Dialogauszug aus 7 G ondezzi , j. c. 2010: «Innovación y adopción en variedades lingüísticas: el caso del doble posesivo en el español de los Andes», RILI 15: 57-69. 221 DOI 10.24053/ VOX-2025-011 Vox Romanica 84 (2025): 211-221 Besprechungen - Comptes rendus dem literarischen Text Caló porteño von 1887 betrachtet, zum anderen eine Dialogsequenz aus der Fernsehserie Okupas aus dem Jahr 2000. Hinsichtlich des Textbeispiels aus der Frühphase des Lunfardos zeigt die Verf., dass mehr als die Hälfte der darin identifizierten Lunfardismen nicht mehr im gegenwärtigen Sprachgebrauch vertreten ist, während nur noch gut ein Drittel der Lunfardo-Wörter von jüngeren Sprecher: innen genutzt wird (p. 218s.). In Bezug auf die lexikalischen Einheiten, die aktuell «in veränderter/ zusätzlicher Bedeutung» (p. 218) gebräuchlich sind, ist eine Inkongruenz festzustellen, wird ihre absolute Häufigkeit doch zuerst mit zehn angegeben (ibd.), während später im Fließtext von neun Wörtern die Rede ist (p. 219). Durch die anschließende detaillierte Darstellung aller 60 Lunfardismen, in der sowohl die jeweilige Etymologie (sofern bekannt) und Bedeutung als auch der Status im aktuellen Lunfardo angegeben werden (p. 220-26), erhält die Analyse eine beachtliche Tiefe und liefert äußerst wertvolle Informationen. Besonders die Einlassungen zu den zehn durch Bedeutungswandel gekennzeichneten Lexien (p. 225s.) sind als aufschlussreich zu bezeichnen. Auch die Analyse des aus der Serie Okupas stammenden Dialogauszuges liefert relevante Ergebnisse, indem sie zeigt, dass für über 70% der identifizierten Lunfardismen «weit zurückliegende Belege» (p. 227) zu finden sind und sie somit als «alte (traditionelle) Lunfardismos» (ibd.) zu klassifizieren sind. Analog zur vorherigen Vorgehensweise stellt die Autorin im Folgenden alle 18 lexikalischen Einheiten einzeln bzgl. ihres Ursprungs und ihrer Semantik (inklusive semantischer Wandelprozesse) dar, wobei sie zwischen alten und neuen Lunfardismen (Letztere ab 1950 registriert [p. 230]) unterscheidet (p. 228-31). Über diese kontrastive Betrachtungsweise gelangt Gugenberger zu dem Schluss, dass die Immigrantensprachen für frühe Lunfardismen hochrelevante Gebersprachen waren, während sie in neueren Wortschöpfungen keine Rolle mehr spielen. Ferner zeigen sich vier unterschiedliche Mechanismen in der Dynamik des Lunfardo: die Aufgabe sprachlicher Einheiten, die Schaffung neuer Lexien und Wendungen, die semantische Umdeutung bestehender Formen und letztlich die «Veränderung der variationellen Markierung» (p. 232). Somit stellt der Artikel nicht nur einen exzellenten Überblick zum Lunfardo dar, sondern liefert außerdem noch Ergebnisse, die für die weitere Erforschung dieses lexikalischen Phänomens sicherlich inspirierend sein dürften. Patzelt und Prifti versammeln im vorliegenden Band Beiträge unterschiedlichster Couleur, die ein breites Spektrum abdecken - sowohl in Bezug auf die untersuchten Sprachen bzw. Varietäten als auch hinsichtlich der verschiedenen methodologischen Ansätze. Der im Vorwort bekundete Anspruch, mit dem vorgelegten Buch einen «Beitrag zu einem systematischen Ausbau einer diachronen Varietätenlinguistik» (p. 7) zu leisten, darf berechtigterweise als erfüllt bezeichnet werden, finden interessierte Lesende in den zehn Aufsätzen doch zahlreiche Anknüpfungspunkte, von denen sich eine diachrone varietätenlinguistische Perspektive weiterdenken lässt. Daniel Kallweit (Ruhr-Universität Bochum) https: / / orcid.org/ 0000-0003-4105-4569 ★
