eJournals Vox Romanica84/1

Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VOX-2025-016
vox841/vox841.pdf0216
2026
841 Kristol De Stefani

Maria Lieber/Valentina Cuomo (ed.), La lingua italiana dal fiorentino all’internazionalizzazione, Tübingen (Stauffenburg Verlag) 2024, 252 p. (Romanica et Comparatistica 40).

0216
2026
Jörn Albrecht
vox8410244
244 DOI 10.24053/ VOX-2025-016 Vox Romanica 84 (2025): 244-251 Besprechungen - Comptes rendus m AriA l ieBer / v AlentinA c uomo (ed.), La lingua italiana dal fiorentino all’internazionalizzazione , Tübingen (Stauffenburg Verlag) 2024, 252 p. ( Romanica et Comparatistica 40). Der hier vorzustellende Band ist dem früh verstorbenen italienischen Germanisten und Übersetzer Luigi Reitani gewidmet. Er enthält neben der Einführung der Herausgeberinnen fünf Abschnitte mit insgesamt zehn Beiträgen, alle in italienischer Sprache. In der Einführung wird an einen in Dresden abgehaltenen Convegno erinnert, aus dessen Akten der Band hervorgegangen ist. Auf eine ausführliche, blumige Schilderung des «Elbflorenz» Dresden, mit der die besondere Beziehung zwischen den beiden Städten hervorgehoben werden soll, folgt, wie in Einführungen üblich, eine kurze Vorstellung der einzelnen Beiträge. Der erste Teil trägt den Titel La lingua italiana dal fiorentino all’internalizzazione: processi di (ri)standardizzazione . Er stammt von der Tübinger Romanistin Sarah Dessì Schmid und besteht aus fünf, zum Teil nochmals unterteilten Abschnitten. In Abschnitt I geht es um die nuova questione della lingua , also nicht mehr um die Schaffung einer einheitlichen Standardsprache, sondern um deren praktische Durchsetzung in der Bevölkerung, und zwar sowohl in «horizontaler Richtung», d.h. über die verschiedenen Regionen hinweg als auch in «vertikaler Richtung», d.h. durch alle sozialen Schichten hindurch, um Verbreitung eines italiano non-aulico unitario 1 . Diese alltagstaugliche Standardsprache wird sehr schön ex negativo charakterisiert: Es sei an der Zeit, dass ein «italiano non più ingabbiato tra pagine d’inchiostro color sepia» auf dem Wege sei, sich durchzusetzen, selbst bei den Eliten, «che lo padroneggiano con sicurezza» (p. 21). Im zweiten Abschnitt, Questioni teoriche e terminologiche geht es um soziolinguistische Fragen, wobei der Unterschied zwischen normazione ( policy planning ) und normalizzazione ( language cultivation ) im Mittelpunkt steht. Darüber hinaus wird diskutierte, ob man bei einem Kurswechsel ( correzione di rotta ) bei den Bemühungen um Normierung von ristandardizzazione oder von destandardizzazione sprechen soll (p. 23). Im dritten Abschnitt liefert die Verf. einen kurzen Rückblick auf die annosa questione - gemeint ist die questione della lingua . Sie stützt sich dabei auf das Standardwerk von Maurizio Vitale (1978) 2 . Die Einzelheiten können in einer kurzen Besprechung nicht alle referiert werden. Ein Faktum verdient es, hervorgehoben zu werden: Moderne italienische Sprachpolitiker mögen noch so bemüht sein, die Glorifizierung des italienischen Trecento durch die traditionellen Bildungseliten zu kritisieren; sie müssen dennoch zur Kenntnis nehmen, dass Autoren wie Dante, Petrarca und Boccaccio noch heute von Gebildeten im Original gelesen werden, während das bei deutschen oder französischen Autoren des gleichen Zeitraums unmöglich ist (p. 26). Jürgen Trabant hat in diesem Zusammenhang vom «miracolo italiano» gesprochen (Trabant 2010) 3 . 1 Cf. A lBrecht , J. 1979: «Italiano non-aulico unitario? Zum Problem des überregionalen Substandards im Italienischen», Italienische Studien 2: 145-60, insb. p. 146. 2 Cf. v itAle , m. 1978: La questione della lingua. Nuova edizione , Palermo, Palumbo. 3 t rABAnt , j. 2010: «Akademie und Nationalsprache», in: s. v olKer (ed.), Das Europa der Akademien , Heidelberg, Winter, 43-75. 245 DOI 10.24053/ VOX-2025-016 Vox Romanica 84 (2025): 244-251 Besprechungen - Comptes rendus Im vierten Abschnitt werden Veränderungen der Ist-Norm (nicht der Soll-Norm) anhand konkreter sprachlicher Beispiele diskutiert: Gebrauch des Präsens statt des Futurs ( vado in pensione fra due anni ); Gebrauch des Imperfekts mit modaler Nuance ( volevo un kilo di mele «ich hätte gern»); Gebrauch des Imperfekts in Konditionalsätzen ( se venivi, ti divertivi «wenn… hättest du»); der Ersatz des passato remoto durch das passato prossimo ( cinque anni fa sono stato in Turchia statt fui ) und schließlich, besonders ausführlich, die immer stärkere Verbreitung der Periphrase stare + gerundio ( sto vedendo un film , p. 31f.). Die Darstellung ist manchmal etwas verwirrend. Der Beispielsatz Leo sta essendo biondo wird ohne Asterisk angeführt. Man muss schon genau lesen, bevor man beruhigt feststellt, dass er von der Verfasserin als nicht akzeptabel eingestuft wird (p. 34). Der letzte kurze Abschnitt ist der Zunahme analytischer Konstruktionen auf Kosten von synthetischen Formen im Sprachgebrauch des modernen Italienischen gewidmet (p. 36-37). Teil II: Varietà e tendenze dell’italiano contemporaneo besteht aus zwei Beiträgen: Ugo Cardinale, im Ruhestand befindlicher Dozent für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Triest, behandelt die Neologismen, die für die letzten sechzig Jahre der italienischen Sprachgeschichte kennzeichnend sind. Fabio Marri von der Universität Bologna, mehrfach Gastprofessor in Dresden, beschreibt sprachliche Eigentümlichkeiten, die sich in der öffentlichen Diskussion der Corona-Pandemie herausgebildet haben. Cardinales Beitrag zu den Neologismen schließt an sein früher erschienenes Buch über dasselbe Thema an (Cardinale 2021) 4 ; er ist teils nach systematischen, teils nach chronologischen Gesichtspunkten gegliedert. Der Beitrag beginnt mit sehr allgemein gehaltenen Bemerkungen zu dem im 18. Jhdt. geprägten, mit negativer Konnotation versehenen Terminus neologismo . Der Autor möchte in den Neologismen zwar keine prinzipiell negative Erscheinung sehen, aber dennoch nicht ganz auf eine axiologische Betrachtung des Phänomens verzichten. Er möchte zeigen, dass Neologismen die Sprache bereichern, aber auch «verderben» können. Zunächst werden die verschiedenen Typen nach linguistischen Kriterien klassifiziert: Ableitung, Komposition, Präfix-, Infix- Suffixbildungen, semantische Umdeutungen etc. Zur Illustration werden unzählige Beispiele aufgeführt, darunter der zumindest deutschsprachige Leser verblüffende Terminus merkelismo (p. 45). Der aufmerksame Leser stößt auf eine negative Einstellung gegenüber Anglizismen, die man eher bei französischen als bei italienischen Autoren vermuten würde: Im übermäßigen Gebrauch von Anglizismen wie stepchild adoption , cash back oder question time zeige sich ein Minderwertigkeitskomplex gegenüber der angelsächsischen Kultur. Das beste Mittel, die «aura di superiorità» des Englischen zu überwinden, bestehe nicht in einer wütenden Ablehnung, sondern in einem sorgsamen Vergleich der beiden Sprachsysteme. Ein kurzer Abschnitt über das von Charles Fillmore in die Linguistik eingeführte Konzept des «frame» (Fillmore wird nicht erwähnt) trennt den systematischen vom chronologischen Teil des Artikels. 4 c ArdinAle , u. 2021: Storie di parole nuove. Neologia e neologismi nell’Italia che cambia , Bologna, Il Mulino. 246 DOI 10.24053/ VOX-2025-016 Vox Romanica 84 (2025): 244-251 Besprechungen - Comptes rendus Im chronologischen Teil werden die Neologismen der vergangenen sechzig Jahre besprochen, die für diese Epoche kennzeichnend sind. Der Verfasser unterteilt diesen Zeitraum in sieben Abschnitte, die hier nicht im Einzelnen aufgeführt werden können. Nicht alles ist «typisch italienisch». Man stößt auf Bildungen, die entweder deutschen Vorbildern nachgebildet wurden wie finlandizzazione (angeblich nach dem Franz Josef Strauß zugeschriebenen Ausdruck Finlandisierung (etwa «erzwungene Nicht-Zugehörigkeit zu einem der Blöcke im Ost-Westkonflikt») oder im Deutschen ebenso üblich sind wie maggioranza silenziosa «schweigende Mehrheit» (p. 52, 53), die möglicherweise auf ein amerikanisches Vorbild zurückgeht. Schließlich ist virale im Sinne von «sich schnell ausbreitend» (p. 64) im Deutschen seit Neuestem ebenso üblich: «Es geht viral». Gemeinsames Vorbild ist wiederum das Englische: to go viral . Von Fabio Marris Beitrag muss der Titel in extenso zitiert werden, um interessierte Leserinnen und Leser darauf vorzubereiten, was sie erwartet: «Italiano straniero , toscano residuale, dialetto come allegria di naufragi: cronache dall‘era-Corona». Auf vierzig Seiten wird - nicht im genus humile wie für wissenschaftliche Abhandlungen üblich, sondern im genus sublime - eine kaum zu überblickende Fülle von terminologischem Material ausgebreitet. Der Verfasser beginnt mit der Bemerkung, Putin habe mit seiner «militärischen Spezialoperation» den Virologen die Schau gestohlen, ja nicht nur den Virologen, sondern auch den Literaturwissenschaftlern, die in der Corona-Ära mit Hinweisen auf die Schilderungen von Seuchen bei Thukydides, Boccaccio, Manzoni, Camus und Thomas Mann bei einer breiteren Öffentlichkeit Aufmerksamkeit fanden (p. 67-68). Angesichts der verwirrenden Terminologie, mit der die Bürokratie die Öffentlichkeit über mögliche und nötige Maßnahmen zur Bewältigung der Pandemie informiere, könne man zum Querdenker werden - der Verfasser beherrscht die modischen Ausdrücke verschiedener europäischer Sprachen auf bewunderungswürdige Weise. Die Etymologie von epidemia und pandemia wird in allen Einzelheiten ausgebreitet, wobei unter der Fülle der mitgeteilten Informationen verloren zu gehen droht, dass der Bedeutungsunterschied im Grad der Ausbreitung der Seuche besteht. Hervorgehoben zu werden verdient der Ausdruck covidiano . Er soll auf eine sarkastische französische Modifikation der vierten Bitte des Pater noster zurückgehen: Donne-nous aujourd’hui notre soin covidien (p. 71). Es folgen zahlreiche Beispiele aus norditalienischen Dialekten, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Hinter dem Literaturverzeichnis (bedauerlicherweise mit Bibliografia statt mit Riferimenti bibliografici überschrieben, wie bei sämtlichen Beiträgen des Bandes) erscheint eine Postilla 2023 : Es geht um ein 2020 fertiggestelltes Buch von Roberto Speranza, das auf Wunsch des Verfassers erst drei Jahre später auf den Markt kam. Speranza hatte die Lage zum ursprünglich vorgesehenen Erscheinungstermin zu optimistisch eingeschätzt. Teil III, L’italiano in prospettiva didattica , enthält zwei Beiträge von Daniel Reimann, Professor für Romanistik an der Humboldt-Universität Berlin, und Patrizia Cordin, Dozentin für Sprachwissenschaft an der Universität Trient. Es geht um Sprachdidaktik, und damit wird der Stil der Ausführungen erheblich nüchterner als in den vorausgehenden Abschnitten. Der Titel von Reimanns Beitrag umfasst nicht weniger als fünf Zeilen; die Rede ist von der «rezeptiven Varietätenkompetenz» von deutschen Schülerinnen und Schülern im Schulfach 247 DOI 10.24053/ VOX-2025-016 Vox Romanica 84 (2025): 244-251 Besprechungen - Comptes rendus Italienisch. Der Verf. beginnt mit Überlegungen zur Einordnung seiner Forschungen in die allgemeine Wissenschaftssystematik; darauf folgt eine Analyse der Stellung des Italienischen im Schulsystem der deutschen Bundesländer. Von Baden-Württemberg, wo der hier besprochene Band verlegt wurde, ist nie die Rede. Wenn auch das Italienische im Zentrum des Beitrags steht, so enthält er doch darüber hinaus interessante Informationen zu den übrigen Schulsprachen. So wird z.B. darauf hingewiesen, dass im deutschen Schulunterricht im Fach Englisch nur die britische und die amerikanische Standardvarietät berücksichtigt würden, nicht jedoch die kanadische, australische oder südafrikanische (p. 120). Es folgen ausführliche Beobachtungen zu Hörverständnistests im Schulunterricht, wobei das Italienische im Mittelpunkt steht. Das Hörverständnis regionaler Varietäten der Schulsprachen spielt heute im Sprachunterricht an den Schulen der meisten Bundesländer eine größere Rolle, als dies früher der Fall war. Das Schlusswort enthält Ratschläge zu einer Verbesserung der Lehrmethoden im Fach Italienisch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Sprache Dantes in Deutschland heute meist nur dritte Fremdsprache ist. In ihrem Beitrag «Leggere e scrivere in italiano L2 nella scuola primaria» berichtet Patrizia Cordin von den Bemühungen, Kindern von Immigranten, die zum größten Teil in Italien geboren sind, aber keine italienische Staatsangehörigkeit besitzen, durch intensiven Italienischunterricht in der Grundschule die Integration in die italienische Gesellschaft zu erleichtern. Der Anteil dieser Gruppe an der Gesamtzahl der Schüler italienischer Grundschulen betrug im Schuljahr 2019-2020 immerhin über 10 Prozent. Die meisten Kinder von Einwanderern leben in den nördlichen Regionen Italiens und stammen aus 10 verschiedenen Ländern. Rumänien, Albanien und Marokko liegen an der Spitze (s. Tabelle p. 137). Bei der Ermittlung der Sprachkenntnisse werden 4 Teilkompetenzen unterschieden: verstehen, sprechen, lesen und schreiben. Dazu kommen 5 Grade der jeweiligen Kompetenz: nicht vorhanden (per niente); gering (poco); ausreichend (abbastanza); gut (bene) und hervorragend (perfettamente). Die Eltern, die um die Einschätzung der Sprachkenntnisse ihrer Kinder gebeten wurden, schätzen deren Beherrschung des Italienischen deutlich höher ein als die der jeweiligen Muttersprachen (p. 138-39). Der Bilinguismus der a.c.n.i. - dieses Kürzel wird zwar eingangs erklärt: «alumni bilingui con cittadinanza non italiana», prägt sich jedoch bei der Lektüre nicht wirklich ein - kann auch Vorteile mit sich bringen. Wenn gleichzeitig mit der Erlernung des Italienischen ein Ausbau der Beherrschung der Muttersprache einhergeht - Cordin spricht von lingua di famiglia - führt dies zum Erwerb eines metasprachlichen Bewusstseins (consapevolezza metalinguistica p. 141) und in besonders günstigen Fällen auch zu einer Steigerung der kognitiven Fähigkeiten, die sich u.a. im Fach Mathematik bemerkbar macht. Großen Wert misst die Verf. der Lektüre zu, im Vorschulalter vor allem dem regelmäßigen Vorlesen von für Kinder geeigneten Texten. Dies erweise sich als besonders günstig, wenn die Kinder dabei Fragen stellen können, die die Eltern beantworten. In welchem Maße dies in Immigrantenfamilien geschieht, wird anhand von Schaubildern dokumentiert (p. 146-47). 248 DOI 10.24053/ VOX-2025-016 Vox Romanica 84 (2025): 244-251 Besprechungen - Comptes rendus Im abschließenden Abschnitt bringt die Verf. ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, dass es in den meisten Einwandererfamilien um die Pflege der jeweiligen Muttersprachen schlecht bestellt ist. Um hier ein wenig Abhilfe zu schaffen, sollten im Schulunterricht neben den in Italien üblicherweise gelehrten Fremdsprachen auch die Muttersprachen der Einwanderer berücksichtigt werden. Teil IV ist mit Italofonia nel mondo überschrieben. Er enthält zwei Beiträge von Massimo Vedovelli, Dozent für Semiotik an der Università per Stranieri in Siena, und von Monica Barni, Dozentin für Semiotik und Sprachdidaktik an derselben Universität. Vedovelli beschäftigt sich seit Jahren mit der Situation des Italienischen auf dem «Sprachenmarkt» ( mercato delle lingue ). In seinem Beitrag «Italiano 2020: una ricerca sull’italiano ai tempi delle crisi» möchte er zeigen, dass sich die Position des Italienischen im Jahre 2020 gegenüber 2000 weltweit erheblich verschlechtert hat. Er macht dafür in erster Linie die Wirtschaftskrise der Jahre 2008-2010 und die Covid-19-Pandemie verantwortlich. Dabei lässt er immer wieder durchblicken, dass es mit dem Vertrauen auf die intrinsischen Werte der Italianità nicht getan ist; ohne finanzielle Förderung der mit dem Italienischunterricht betrauten Institutionen werde sich die Lage nicht bessern. Was die Passivität der Verantwortlichen für die Förderung des Italienischunterrichts im Ausland betrifft, nennt er drei ideologische (in seiner Terminologie «rhetorische») Gemeinplätze, mit denen die Ansicht gestützt werde, das Italienische werde den Rang, den es verdient, ganz von selbst behaupten (p. 160-64): 1. An erster Stelle steht die Ansicht, das Italienische gehöre zu den weltweit am häufigsten gelehrten Fremdsprachen. Für diese Behauptung gebe es keinerlei handfeste Beweise, sie diene lediglich zur Beruhigung der Besorgten. Die Wirklichkeit sehe anders aus. 2. In einem andersartigen Argumentationszusammenhang wird die These vorgebracht, das Italienische sei eine «Kultursprache». Damit wird stillschweigend unterstellt, eine solche Sprache sei nun einmal nicht für die große Masse bestimmt, sondern nur für ein geistige Elite. Damit werde, so Vedovelli, unterschwellig vielen anderen wichtigen Sprache der Status von Kulturträgern abgesprochen. Die Position des Italienischen werde mit der Berufung auf eine solch arrogante These eher geschwächt als gestärkt. 3. Die dritte These stellt nach Ansicht des Rezensenten eine Variante der zweiten dar: Das Italienische sei eine «Nischensprache» ( lingua di nicchia ), eine Sprache für die happy few . Damit werde unterstellt, die Beherrschung der italienischen Literatursprache sei für die breite Masse ohnehin ein unerreichbares Ziel, man solche sich gar nicht erst um ihre Verbreitung bemühen. Die Berufung auf solche «rhetorischen» Gemeinplätze diene nur dazu, dass Versagen einer demokratischen Sprachpolitik zu kaschieren, die einen fairen Wettstreit der Sprachen ermöglichen und fördern sollte. Der Beherrschung des Italienischen werde ein geringer gesellschaftlicher Nutzwert zugesprochen, dafür werde dessen hoher kultureller Wert gepriesen. Die gezielte Förderung der Verbreitung des Italienischen sei jedoch ein legitimes Ziel, insbesondere im Bereich der neuerdings so benannten italianicità , d.h. der Gesamtheit der Personen «mit italienischen Wurzeln», die außerhalb Italiens leben, keine italienische Staatsangehörigkeit besitzen und in der Regel wenig oder überhaupt kein Italienisch beherrschen. 249 DOI 10.24053/ VOX-2025-016 Vox Romanica 84 (2025): 244-251 Besprechungen - Comptes rendus Der Beitrag von Monica Barni: «L’italiano in Germania. Vecchie e nuove continuità. Problemi e opportunità» schließt in mancherlei Hinsicht an die Ausführungen Vedovellis an, insb. was die Kritik an dem zur Schau getragenen Optimismus staatlicher Institutionen betrifft, dem die Fakten entschieden widersprechen. Die Verfasserin betont, dass sie keine eigenen Untersuchungen durchführen möchte. Ihre Absicht sei es, die Situation in Deutschland auf der Grundlage bereits vorliegender Untersuchungen zu analysieren. Sie untersucht Umfang und Stellenwert des Italienischunterrichts in Deutschland an verschiedenen Lehrinstitutionen und stellt dabei die Glaubwürdigkeit der ihr vorliegenden Daten in Frage (p. 175). Die universitären Ausbildungstätten für Übersetzer und Dolmetscher werden nicht eigens erwähnt. Besondere Aufmerksamkeit wird den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Italien und Deutschland geschenkt. Die Präsenz einer Vielzahl «typisch italienischer» Produkte auf dem deutschen Markt habe dazu geführt, dass ein «italienisches Flair» bei einem gewissen Typ von Konsumenten als «schick» gilt. Dazu kommen die Wellen italienischer Einwanderer, die in verschiedenen Epochen nach Deutschland gelangt sind, sowie zahlreiche Italiener, die teils in Deutschland, teils in Italien leben (z.B. Besitzer von nur im Sommer geöffneten Eisdielen). Sie alle tragen auf ihre Weise zur Präsenz des Italienischen in Deutschland bei. Von der Präsenz der Mafia ist nirgendwo die Rede. Dafür wird in einem nicht ausdrücklich als Exkurs gekennzeichneten Abschnitt auf die Situation des Italienischen in Australien eingegangen. Der auffällig häufige Gebrauch von Anglizismen zeigt, dass auch Personen, die die Dominanz des Englischen beklagen, sich dieser nicht entziehen können. Was Tullio De Mauros in zahlreichen Auflagen vorliegende Sprachratgeber Guida all’uso delle parole mit der Situation italienischer Emigranten zu tun haben soll (p. 189), kann der Berichterstatter nicht nachvollziehen. Teil V ist mit L’italiano della musica überschrieben und enthält drei materialreiche Beiträge, die hier nur in knapper Form vorgestellt werden können. Der erste stammt von Wiebke Gerlach und Josephine Klingebeil, beide Dozentinnen und Forscherinnen an der technischen Universität Dresden. Sie behandeln einen Teil der Geschichte der italienischen Musik in Dresden. Der im Titel erscheinende Vers Lacrime di piacer sento sul ciglio «Tränen der Freude spür‘ ich an meiner Wimper» stammt aus einer komischen Oper, an deren Textbuch auch Lorenzo da Ponte, Mozarts Librettist, mitgearbeitet hat. Im ersten Abschnitt wird die Geschichte des teatro in musica in Dresden behandelt, der Hauptstadt des Kurfürstentums Sachsen. Es geht natürlich auch um die Semperoper und, nebenbei, um die deutsche Musikgeschichte von Heinrich Schütz bis Carl Maria von Weber. Im zweiten Abschnitt, L’Italiano come lingua della musica e del teatro , geht es zunächst um die Entwicklung des bel canto , einer typisch italienischen Gesangstechnik, die später vor allem in Frankreich auf Ablehnung stieß. Wir erfahren auch, dass die sog. Commedia dell’arte korrekterweise Commedia all’improvviso heißt, ein Terminus, der genauer ausdrückt, dass es sich dabei um Stegreiftheater handelt. Die Stücke dieser Gattung wurden auch von einem Publikum ohne Italienischkenntnisse begeistert aufgenommen (p. 191-92). Im dritten Abschnitt wird ein Korpus von handschriftlich überlieferten Libretti in italienischer Sprache vorgestellt. Die Gattung «Textbuch» wird genauer beschrieben, die Herkunft 250 DOI 10.24053/ VOX-2025-016 Vox Romanica 84 (2025): 244-251 Besprechungen - Comptes rendus der erhaltenen Exemplare dokumentiert. Einige unter ihnen stammen aus Warschau; der in Dresden residierende Kurfürst August der Starke war ja gleichzeitig König von Polen. In der Sammlung befindet sich auch der Text von Haydns Schöpfung , in der deutschen Fassung Gottfried von Swietens zusammen mit einer italienischen Übersetzung eines unbekannten Übersetzers. Besondere Aufmerksamkeit schenken die Verfasserinnen der bayerischen Komponistin Maria Antonia Walpurgis, die mit Metastasio zusammengearbeitet hat. Bei der Erwähnung des Siebenjährigen Kriegs ist den Herausgeberinnen ein Zahlendreher unterlaufen: Er begann 1756, nicht 1765 (p. 195). Im Titel des letzten Abschnitts wird die Frage gestellt, ob es sich beim Textbuch um das «Aschenputtel» der Literatur oder um eine Mischgattung handelt - « cenerentola » della letteratura o genere di intersezione . Es werden vier für die Gattung charakteristische Merkmale benannt, die aus einer deutschsprachigen Untersuchung zum Opernlibretto von Anja Overbeck stammen: 1) Konventionalität; 2) Formelhaftigkeit; 3) Abstand zur Alltagssprache; 4) häufiges Vorkommen von «librettismi»; d.h. für die Gattung charakteristischen Stereotypen. Der zweite Beitrag umfasst drei Artikel von Dozentinnen und Dozenten an der Hochschule für Musik in Hamburg. Da die Beiträgerinnen und Beiträger häufig zusammenarbeiten, enthalten ihre Texte zahlreiche inhaltliche Überschneidungen. Es geht in allen drei Teilbeiträgen um die korrekte Aussprache des Italienischen für Sängerinnen und Sänger mit nichtitalienischer Muttersprache. Donatella Brioschi untersucht die Behandlung der korrekten Aussprache (Orthoepie) in Italienischlehrbüchern. Insgesamt finde das Problem nicht die Aufmerksamkeit, die es verdienen würde. Der auch für Italiener außerhalb der Toskana schwierige Unterschied zwischen geschlossenem und offenem e und o sowie die Doppelkonsonanten (Geminaten) sollten gründlicher behandelt werden. Mariella Martini-Merschmann geht spezifischer auf den Ausspracheunterricht für Sängerinnen und Sänger nicht-italienischer Muttersprache ein. Besonderen Wert legt sie auf die Beherrschung des raddoppiamento fonosintattico : Nach einem betonten Vokal wird der folgende Konsonant verdoppelt. Hier nur angedeutet in nicht-phonetischer Schrift: perché nno ; tra ppoco ; che ffaii ? Die Liaison, die in jedem Französischlehrbuch mehr oder weniger ausführlich behandelt wird, spielt im gesungenen Italienisch eine leicht zu übersehende Rolle. In dem Vers von Lorenzo da Pontes Le Nozze di Figaro : Finché l’aria è ancor bruna habe Mozart die Vokalfolge ia-è-a korrekt mit einer einzigen Note bedacht (p. 215). Fausto Nardi berichtet über didaktische Aspekte seiner Arbeit an der Hamburger Musikhochschule. Seine Schülerinnen und Schüler stammen aus allen Weltgegenden; das erfordert eine zumindest rudimentäre Kenntnis der phonetischen Eigentümlichkeiten ihrer jeweiligen Muttersprachen. Eine der Hauptschwierigkeiten stelle der freie Akzent des Italienischen dar, denn viele Absolventen haben Muttersprachen mit festem Wortakzent. Die Ausführungen über «musikalische» Sprachen (Italienisch) und «nicht-musikalische» Sprachen (Deutsch) sind nicht frei von wohlbekannten Klischees (p. 217). Im letzten Beitrag des Bandes beschäftigt sich Oliver Mayer, Dozent für Didaktik der romanischen Sprachen an der Humboldt Universität Berlin und davor als Romanist an der Technischen Universität Dresden tätig, mit Status und Rolle des Italienischen beim Eurovi- 251 DOI 10.24053/ VOX-2025-017 Vox Romanica 84 (2025): 251-255 Besprechungen - Comptes rendus sion Song Contest. Zunächst wird die Präsenz italienischer oder zum Teil italienischer Lieder vom Beginn im Jahr 1956 bis 2023 dokumentiert (s. die Übersichtstabelle p. 223). Es zeigt sich, dass das Italienische nicht die dominierende Rolle spielt, die man erwarten könnte. Nicht wenige italienische cantautori singen auf Englisch oder verwenden eine Mischung von englischen und italienischen Versen. Kenner und Liebhaber dieser Veranstaltung werden auf eine Fülle von Namen und Fakten stoßen, die hier nicht aufgeführt werden können. Eine Reihe von italienischsprachigen Beiträgen finden großen Zuspruch, weil sie in der Tradition des Petrarkismus und der italienischen Oper stehen: «Il concetto d’amore petrarchesco e la tradizione dell’opera lirica compaiono già quasi in ogni canzone presentata all‘ Euro Festival» (p. 226). Ein eigener Abschnitt ist Peppino di Capri gewidmet, der beim Eurofestival in Rom im Jahr 1991 ein Lied auf Neapolitanisch vorgetragen hat, das in toto abgedruckt wird (p. 228). Lieder im Dialekt kommen hin und wieder aus Österreich, ansonsten treten sie recht selten beim Eurofestival in Erscheinung. So viel zum Inhalt des hier besprochenen Bandes. Kurze biographische Notizen zu allen Beiträgerinnen und Beiträgern sowie ein umfangreiches Namenregister stehen am Ende. Sollte es zu einer Neuauflage kommen, wäre an ein Sachregister für diejenigen zu denken, die Bücher dieser Art nicht zu lesen, sondern zu konsultieren pflegen. Der gesamte Band ist überaus sorgfältig gestaltet. Druckfehler «glänzen durch Abwesenheit». Jörn Albrecht (Universität Heidelberg) ★ e nrico c Astro / l orenzo t omAsin (ed.), Dialettologia ed etimologia: studi, metodi e cantieri , Pisa (Edizioni ETS) 2023, 324 p. Il volume qui recensito, Dialettologia ed etimologia. Studi, metodi e cantieri , nasce a margine del Vocabolario storico-etimologico del veneziano (VEV) , diretto da Lorenzo Tomasin e Luca D’Onghia, in cui felicemente dialogano «competenze e metodi dal campo della dialettologia e da quello dell’etimologia» (p. 1). Dialettologia ed etimologia non rende però conto solo dell’attività del VEV o del «vasto campo delle ricerche filologiche e linguistiche che nutre direttamente o indirettamente gli studi lessicali ed etimologici del Vocabolario » (p. 2), ma si apre ad altri progetti in corso, «affratellati […] dalla comune impostazione lessicografica, storica ed etimologica» (p. 1): in primo luogo il Dizionario Storico ed Etimologico del Napoletano (DESN) e la Grammatica del Veneto delle Origini (GraVO) . Dopo una breve Premessa (p. 1-2) di Tomasin, in «Etimologie Venete». Omaggio a Giovan Battista Pellegrini nel centenario della nascita (1921-2007) (p. 3-18), Maria Teresa Vigolo illustra prima come Giovan Battista Pellegrini sia riuscito a mettere in dialogo la ricerca dialettologica con quella etimologica, permettendo, tra le altre cose, una più precisa localizzazione areale dei testi. Presenta poi la posizione dello studioso agordino rispetto alle Etimologie Venete di Angelico Prati, pubblicate postume proprio da Pellegrini assieme a Gianfranco Fole-