eJournals Vox Romanica84/1

Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VOX-2025-018
vox841/vox841.pdf0216
2026
841 Kristol De Stefani

Elwys De Stefani/Anja Stukenbrock (ed.), Hundert Jahre «Italienische Umgangssprache»: Leo Spitzer im Gespräch/Conversazioni con Leo Spitzer: a cento anni dalla pubblicazione della «Italienische Umgangssprache», Heidelberg (Winter) 2023, 172 p.

0216
2026
Gudrun Held
vox8410256
256 DOI 10.24053/ VOX-2025-018 Vox Romanica 84 (2025): 256-259 Besprechungen - Comptes rendus e lwys d e s tefAni / A njA s tuKenBrocK (ed.), Hundert Jahre «Italienische Umgangssprache»: Leo Spitzer im Gespräch/ Conversazioni con Leo Spitzer: a cento anni dalla pubblicazione della «Italienische Umgangssprache» , Heidelberg (Winter) 2023, 172 p. Dass der Romanist Leo Spitzer und sein aus den Erfahrungen als Zensor im Ersten Weltkrieg entstandenes sprachwissenschaftliches Werk 6 nicht in der Fachgeschichte verschwand, sondern immer wieder aufgegriffen wird, ja sogar ein Revival erfährt, ist der Fama zu verdanken, in Spitzer einen Vorläufer der Pragmatik zu sehen und dies aus der Sicht der Italianistik - der deutschen und italienischen! - immer wieder neu zu hinterfragen. Anlass dazu ist nicht zuletzt die Übersetzung von Spitzers Italienische Umgangssprache (1922) ins Italienische, die unter dem Titel La lingua italiana del dialogo (und einer prophetisch als «La pragmatica a venire» überschriebenen kritischen Einleitung von Claudia Caffi) 2013 erschienen ist. Übersetzung und Vergleich des Werks mit dem Stand der heutigen Sprachwissenschaft machen die Schwierigkeiten deutlich, welche sich aus dem Versuch ergeben haben, im Verhältnis von deutscher Ausbildung, italienischer Praxiserfahrung und technikfernem Spürsinn eine Linguistik der Umgangssprache anzugehen, die trotz der theoretischen und methodischen Mängel zu bahnbrechenden Erkenntnissen gelangt: mit der viel kritisierten «psychologischen» Intuition kommt Spitzer einerseits zur Darstellung universaler Prozesse der menschlichen Kommunikation und andererseits zu einer eindrucksvollen Sammlung von Phänomenen, die für das gesprochene Italienisch bis heute als typisch betrachtet werden. Dieser faszinierende Widerspruch steht im Mittelpunkt des vorliegenden Bandes, der von Elwys De Stefani und Anja Stukenbrock zum hundertjährigen Jubiläum der Italienischen Umgangssprache (IU) herausgegeben wurde. Als Zeichen der (von Spitzer begünstigten) fachlichen und thematischen Verbindung wurden germanistische und romanistische Linguisten um ihre Stellungnahme zur IU gebeten - entstanden ist ein Band, der uns einen erhellenden Einblick sowohl in die Fachgeschichte als auch in jene Grundfragen bietet, die - terminologisch, theoretisch und methodisch - in die Zukunft einer linguistischen Pragmatik weisen. Um eine Zusammenfassung der Beiträge des Bandes zu vermeiden - sie sind in der Einleitung gut nachzulesen (in Deutsch 7-18, in Italienisch 19-33) -, möchte ich die Begutachtung des Bandes an Spitzers (umstrittenem) Verdienst für die moderne Pragmatik festmachen, welches - angestoßen von der Zielsetzung der Herausgeber - in allen sechs Beiträgern aus unterschiedlichen Blickrichtungen zum zentralen Thema gemacht und - vor dem Hintergrund heutiger linguistischer Forschung - durchaus kontrovers diskutiert wird. Was hat der - in den 70er Jahren in der anglo-amerikanischen Forschung initiierte - Turn zur Pragmatik für die bislang historisch ausgerichtete, positivistisch und in der Folge strukturalistisch fundierte Sprachwissenschaft an nachhaltigen Innovationen gebracht, welche 6 Die «Italienische Umgangssprache» wird schon von Spitzer selbst (im Nachwort der IU, 1922: 292) im Zusammenhang mit dem «Bücher-Triptykon» (= 1920: Die Umschreibungen des Begriffs Hunger im Italienischen, 1921: Italienische Kriegsgefangenenbriefe, 1922: Italienische Umgangssprache) gesehen, das auf seine Tätigkeit als Zensor der Korrespondenz italienischer Kriegsgefangener zurückgeht. Indem die IU als sprachwissenschaftliche «Vollendung» dieser italienischen Erfahrung angesehen wird, sind diese früheren Werke sowohl im vorliegenden Band als auch in der vorliegenden Rezension mitgemeint. 257 DOI 10.24053/ VOX-2025-018 Vox Romanica 84 (2025): 256-259 Besprechungen - Comptes rendus von Spitzer tatsächlich angebahnt, in den europäischen Philologien allerdings verdrängt wurden? In Raffung der Positionen geht es in der Pragmatik um die (ursprünglich philosophisch, dann soziologisch angelegte) Erforschung der Prinzipien und Regeln des Sprachgebrauchs und ihrer Erklärung im Zusammenhang mit den (sprech)handelnden Subjekten in einer gegebenen Kommunikationssituation. Dies bedingt die Hinwendung zur lebendigen «Rede» in ihrer phylogenetischen Entfaltung als mündliches Gespräch («Konversation») und seiner Natur als beziehungsgeleitete, dialogisch progredierende Interaktion. Gleichsam automatisch tritt damit ein bislang kaum beachteter Gegenstandsbereich ins Blickfeld, i.e. die Gesprochene Sprache, deren universale Systematik - aufgrund (technologisch immer präziser werdender) empirischer Analysemethoden - sowohl neue sprachliche Phänomene und Prozesse zu Tage fördert als auch neue funktional orientierte Paradigmen konstituiert. Schon aufgrund der Kapitel der IU, die Spitzer einerseits in «Eröffnungs- und Abschlussformen des Gesprächs» sowie das «Ineinandergreifen von Rede und Gegenrede» und andererseits in «Höflichkeit» sowie «Sparsamkeit vs. Verschwendung im Ausdruck» (unter)gliedert, kann ihm die Nähe zur modernen Conversational Analysis und - in gewisser Weise sogar - zu den Griceschen Maximen und den darauf beruhenden politeness -Paradigmen durchaus attestiert werden. Welche Argumente allerdings dafür oder dagegen sprechen und wie Spitzers eklektische Sammlung von Formen und Funktionen aus heutiger Sicht zu bewerten ist, wird im Band von Beiträgern aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen genauer behandelt - je nach Schwerpunkt der Autor/ inn/ en kommen verschiedene Themen zur Sprache: Ein auf den ersten Blick brisantes Thema ist der problematische, weil kaum entsprechend übersetzbare Terminus der «Umgangssprache», der von Elwys De Stefani (p. 57-78) lexikologisch im Verhältnis zur italienischen Lösung in « lingua del dialogo » diskutiert und anhand der - vermutlichen - Begriffsentsprechung «Umgang» = « con-versazione » historisch durchleuchtet wird. Ein überzeugender Exkurs in die Semantik eines deutschen Begriffs, der erst im Spiegel der italienischen Sprachgeschichte die terminologischen Schwierigkeiten aufzeigt, welchen eine «Universalpragmatik» in der inter-sprachlichen Auseinandersetzung mit der Semiotik «sozialer Umgangsformen» begegnet und somit eine einheitliche englische Begrifflichkeit geradezu herausfordert. Zwei weitere Beiträge setzen den Begriff der Umgangssprache in ihre Überschrift, behandeln ihn aber inhaltlich aus unterschiedlicher Perspektive. Peter Auer (p. 33-57) versucht aus dem Vergleich mit Wunderlichs Konzept der Umgangssprache Spitzers Imitationen vs. Innovationen herauszuschälen. Unter dem Titel von Wunderlichs Aussage «Der innere Kern muss erschlossen werden, dem die äusseren Erscheinungen entkeimen» geht es Auer um das damals für die spontane (dialogische! ) Rede schon erkannte Zusammenspiel von internen und externen Faktoren, die sich nach Wunderlich «in der Eigenart ihrer Satzfügung» bemerkbar machen und zur Erkenntnis von syntaktischen Phänomenen führen, die außerhalb simpler psychologischer Motivierung jeglicher strukturalistischer Erklärung entbehren. Viele davon werden von Spitzer aufgenommen und unter gesprächstechnischen Vorzeichen deutlicher erklärt, ja gewissermaßen programmatisch als «Redesignale» verortet. Unter besonderer Berücksichtigung der dialogisch bedingten Modalitäten, die bei beiden Autoren metaphorisch als Spannungsverhältnis von «Sparsamkeit» vs. «Verschwendung» gehandhabt werden, be- 258 DOI 10.24053/ VOX-2025-018 Vox Romanica 84 (2025): 256-259 Besprechungen - Comptes rendus spricht Auer verschiedene mehr oder weniger zu Mustern gefestigte grammatische Phänomene der damaligen deutschen Sprechsprache, die sich in Spitzers italienischer Sammlung fast deckungsgleich, aber funktional präziser identifiziert wiederfinden - und deshalb, das sei nicht zuletzt im Kontext der idealistischen Sprachwissenschaft und der damals hoch gehandelten Stilistik gefolgert, als typische Stilformen (oder Varietäten? ) einer Umgangssprache gedeutet werden, deren konkrete Definition im zunehmenden Geflecht medialer Vermittlung bis heute aussteht und daher ständiger empirischer Belege bedarf. Maria Selig (p. 79-100) stellt die IU in einen umfassenderen fachgeschichtlichen Zusammenhang. Sie prüft Spitzers Auffassung von Stil und Stilistik im Kontext einer - wie sie sagt - «nationalen Wissenschaftskultur» im Deutschland der Zwischenkriegszeit, wo sich im Interface positivistischer und idealistischer Strömungen Sprach- und Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft verquicken: Stil ist dabei das sprachlichen Texten automatisch inhärente Scharnier-Element. Sein «innerer Kern» unterliegt einem Spannungsverhältnis zwischen Intellekt und Affekt, wonach grammatische Auflagen unter psychologisch-expressiven Einflussmomenten variieren und differieren. Bevorzugtes Beobachtungsinstrument kann nur die mündliche Rede sein. Selig zeigt dazu überzeugend auf, wie Spitzers «Umgangssprache» in den zeitgenössischen Stil-Auffassungen (etwa eines Wunderlich, Brugmann, Vossler oder Bally) verankert ist und nicht nur psychologische, sondern auch soziologische Interpretationen zulässt. Angela Ferrari (p. 101-22) nimmt ein sprachliches Phänomen auf, das erst mit der Gesprochenen Sprache als Untersuchungsobjekt überhaupt in Erscheinung tritt, dann aber einen sprachübergreifenden Forschungsboom auslöst und seither sozusagen zum «Klassiker» moderner linguistischer Pragmatik gehört: die sog. Gesprächswörter, im Italienischen segnali discorsivi genannt. Diese formal wie funktional heterogene, aber im adressierten Gespräch omnipräsente Gruppe von Wörtern dürften tatsächlich in Spitzers IU erstmals gesichtet, nach Gesprächsfunktionen geordnet und exemplarisch belegt worden sein. Ferrari löst sie aus dem Werk heraus und ordnet sie nach den Kriterien der bisherigen (und unerwähnt zahlreichen! ) Arbeiten im Schnittpunkt zwischen Textlinguistik und Pragmatik neu: es entsteht eine brauchbare Kategorisierung der italienischen segnali discorsivi , die dem bekannten Forschungsgebiet zwar einmal mehr prozedurale Relevanz verschafft, eine - gerade in diesem Feld notwendige - kritische Beurteilung der segnali (z.B. im Hinblick auf die von Spitzer so zentral herausgestellte «Höflichkeit als Rücksichtnahme auf den Partner») steht jedoch aus. Der Beitrag von Utz Maas (p. 123-50) ist epistemologischer Natur und nimmt unter dem Titelzitat nihil est in syntaxi quod non fuerit in stylo auf das Stil-Konzept in Spitzers Gesamtwerk Bezug. Ähnlich wie Selig, sieht Maas die Gemengelage von Stil(en) im Kontext der Zeit als Produkt schöpferischer Ästhetik und alltagssprachlicher Lebendigkeit und versucht diese Auffassungen anhand der Saussureschen Differenzierung zwischen langage, langue und parole näher zu erläutern. Dabei identifiziert er Spitzers Werk als Widergabe von empirisch Erlebtem und damit als bewusste Abwendung von theoretischen Dogmen hin zum lebendigen, im Alltag ständig praktizierten Sprachgebrauch, der sich im Begriff der Umgangssprache wörtlich (! ) spiegelt. Angesichts dieser grundsätzlich menschlichen Sprachwissenschaft Spitzers, die eher auf anthropologischer Natürlichkeit basiert, lehnt Maas die verschiedenen 259 DOI 10.24053/ VOX-2025-019 Vox Romanica 84 (2025): 259-264 Besprechungen - Comptes rendus Vorläufer-Thesen ab und re-etabliert damit - übrigens in einem schwer lesbaren wissenschaftstheoretischen Diskurs - die philosophische Lesart der modernen Pragmatik. Der letzte Beitrag des Bandes von Lorenzo Renzi (p. 151-72) deklariert sich als Un’attribuzione , zumal er auf uno scritto di Spitzer censore umanitario Bezug nimmt und damit die Entstehungsgeschichte der dem Italienischen gewidmeten Buchreihe - insbesondere eben der IU - durchleuchtet. Renzi liest aus der Begeisterung Spitzers für die Tätigkeit als Zensor der italienischen Kriegsgefangenkorrespondenz (Brief an Schuchard von 1915) einen Zusammenhang mit der Erstellung der Richtlinien des damaligen Zensurdienstes heraus; ja Renzi vermutet dahinter als deren Urheber sogar Spitzer selbst. Man darf daraus deduzieren, dass der Umgang der verschiedenen Zensurgruppen mit dem zu zensierenden Material - vor allem der der sog. Remedier-, Dechifrier- und Sortiergruppe - Spitzers Sensibilität für verschiedene Dialekt- und Schreibstile (heute: Varietäten) schärfte und es sich demnach als brauchbare Quelle für linguistische Zwecke geradezu anbot. Nicht umsonst bekundet Spitzer (im selben Brief) «ich sammle besonders originelle Psyche- und Dialektproben» und legt damit schon ein Zeugnis ab über die - zukunftsträchtige - Erforschung «derselben Sprache in verschiedenen Sprachen», wofür der Ausdruck des Hungers ein treffendes Exempel abgibt. Die Rezension eines Bandes über Spitzer kommt um eine Rezension von Spitzer und seinem Werk, in diesem Fall der IU von 1922 als Krönung der bekannten italienischen Untersuchungen, nicht umhin. Die Leistung des Bandes von De Stefani und Stukenbrock liegt gerade darin, sich Spitzers wissenschaftliche Positionen zurückzurufen und in die heutige allgemeine Sprachwissenschaft kritisch einzuordnen. Den Beiträgen - die abwechselnd in Deutsch oder Italienisch verfasst sind - ist dies gelungen; sie orten und reflektieren fachgeschichtliche Kreuzpunkte, linguistische Entwicklungstrends und sprachliche Erkenntnisse, die im Zuge der zunehmenden Technisierung und Mediatisierung der Kommunikation von hoher Relevanz sind. Gudrun Held (Salzburg) ★ Galloromania Le Petit Thalamus de Montpellier. Les «Annales occitanes»: édition, traduction et commentaire , coordonné par Gilda Caïti-Russo et Daniel Le Blévec, avec la collaboration de Florence Clavaud, Montpellier (Presses universitaires de la Méditerranée) 2023, 714 p. Les chercheurs occitanistes peuvent se réjouir pour la parution de ce volume, très attendu par la communauté scientifique, qui offre l’édition critique, traduite et commentée des Annales occitanes de Montpellier, fondée sur le manuscrit AA9 des Archives Municipales de la ville, le témoin le plus récent et le plus complet du corpus des Thalami montpelliérains.