Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VOX-2025-029
vox841/vox841.pdf0216
2026
841
Kristol De StefaniLenka Zajícová (ed.), Lenguas indígenas de América Latina: contextos, contactos, conflictos, Madrid/Frankfurt am Main (Iberoamericana/Vervuert) 2022, 235 p. (Lengua y Sociedad en el Mundo Hispánico 51).
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2026
Daniel Kallweithttps://orcid.org/0000-0003-4105-4569
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311 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus Pese a la magnitud del trabajo, se identifican aspectos que podrían mejorarse en futuras ediciones e, incluso, se esbozan líneas relevantes para trabajos posteriores. Los capítulos iniciales podrían ampliarse para ofrecer un contexto más rico y la reorganización de las notas a pie de página facilitaría la lectura. Además, sería relevante aclarar si se obtuvo el consentimiento informado de los informantes, cuyos nombres se mencionan en las páginas 40 y 41, para cumplir con los estándares éticos de la investigación. En trabajos futuros, se podría replicar, si es posible, la investigación con personas jóvenes, trazando cartográficamente los posibles movimientos de las fronteras lingüísticas, si es que existen, en función de la edad, con el fin de observar las dinámicas dialectales internas tras los fenómenos cada vez más generalizados de globalización o de hibridación por movimientos migratorios y contacto. En conclusión, ELCOA es un gran aporte para la dialectología asturiana, puesto que combina tradición y modernidad con un enfoque inclusivo y una metodología rigurosa. A través de su innovadora aplicación de herramientas digitales y su análisis exhaustivo de fenómenos lingüísticos, esta obra establece un estándar elevado para investigaciones futuras en Asturias y más allá. Aunque pequeñas mejoras podrían enriquecer aún más su impacto, el estudio de Rodríguez Monteavaro ya se posiciona como un referente indispensable en el campo. Cristina Bleorțu (Universidad Stefan cel Mare de Suceava) https: / / orcid.org/ 0000-0002-1645-7932. Miguel Cuevas Alonso (Universidade de Vigo) https: / / orcid.org/ 0000-0001-7656-2374 ★ Romania Nova l enKA z Ajícová (ed.), Lenguas indígenas de América Latina: contextos, contactos, conflictos , Madrid/ Frankfurt am Main (Iberoamericana/ Vervuert) 2022, 235 p. ( Lengua y Sociedad en el Mundo Hispánico 51). Die indigenen Sprachen Lateinamerikas wurden und werden zumeist im Hinblick auf ihren Kontakt mit einer oder mehreren ehemaligen Kolonialsprache(n) beschrieben, wobei verschiedenste Perspektiven eingenommen und unterschiedlichste Schwerpunkte gesetzt werden (cf. bspw. Haboud Bumachar/ Sánchez Avadeño/ Garcés Velásquez 2020 1 , Blestel/ Palacios 1 h ABoud B umAchAr , m./ s ánchez A vedAño , c./ G Arcés v elásQuez , f. (ed.) 2020: Desplazamiento lingüístico y revitalización. Reflexiones y metodologías emergentes , Quito, Abya-Yala. 312 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus 2021 2 , Puma Ninacuri 2022 3 , Jara/ Zariquiery/ Valenzuela/ Escobar 2023 4 , Patzelt 2024 5 ). In den meisten Fällen liegt hierbei der Fokus auf den aus Europa stammenden Sprachen, die hinsichtlich ihrer - durch den Kontakt mit den indigenen Sprachen hervorgerufenen - Veränderungen bzw. Erweiterungen untersucht werden. Da jedoch in jeder Sprachkontaktsituation von einer wechselseitigen Beeinflussung auszugehen ist, sollte sich die Erforschung kontaktinduzierter Phänomene nicht nur auf diese einseitige Perspektive beschränken, sondern vielmehr auch die jeweilige Kontaktsprache in den Blick rücken (cf. Garibova 2018 6 : 37). Der hier rezensierte Band möchte diesem Anspruch gerecht werden und versammelt zu diesem Zweck Beiträge des IV. Internationalen Kolloquiums der Lateinamerikanischen Studien in Olomouc, welches bereits im Mai 2015 stattfand. Laut der Herausgeberin liegt der Publikation die Überzeugung zugrunde, dass «un conocimiento mejor [de los pueblos amerindios y sus culturas] y su difusión lleva a una mayor apreciación y a un mayor prestigio» (p. 7). Der Band gliedert sich - neben den einleitenden Ausführungen Zajícovás (p. 7s.) - in zwei Hauptteile: Estudios generales (p. 11-102), welche drei Beiträge umfassen, und Estudios particulares (p. 105-230), die sieben Artikel vereinen. Somit finden sich sowohl Aufsätze theoretischer Natur, «que pretenden suscitar un debate científico» (p. 7), wie es die Herausgeberin in der Einleitung formuliert, als auch kontaktlinguistische Arbeiten. Der erste, von Klaus Zimmermann geschriebene Beitrag trägt den Titel «Impacto colonial en la lingüística de las lenguas indígenas de América» (p. 11-39) und untersucht mittels der kritischen Diskursanalyse das Aufkommen und die Geschichte konzeptueller Bedeutungen und Ideologien, die das im kolonialen Geist entstandene linguistische Denken bis heute leiten und prägen. Zimmermann widmet sich somit einem nach eigener Aussage kaum erforschten Thema (p. 14 N3) und legt seiner Untersuchung die Hypothese zugrunde, dass praktisch jede Linguistik, die die Sprache(n) der kolonialisierten Völker untersucht, eine kolonialistische Prägung trägt (p. 13) und somit weder objektiv noch ideologiefrei sein kann (p. 14). Dies ist damit zu begründen, dass die Sprachbeschreibungen von Nicht-Muttersprachlern vorgenommen werden mussten, zumeist mit Theorien und Konzepten, die für gänzlich andere, nämlich europäische Sprachen erdacht worden waren (ibd.). Nach einem kurzen methodischen Überblick (p. 14s.) sowie einem ebenfalls knappen, aber dennoch sehr informativen Resümee des Kolonialismus auf sprachlicher Ebene (p. 15s.) legt der Verf. überzeugend dar, dass die i.d.R. von Missionaren verfassten Grammatiken überwiegend kontrastiv zu den europäischen Sprachen ausgerichtet waren (p. 18) und dass diese kontrastive Perspektive auch heute in bistatt 2 B lestel , é./ P AlAcios A. (ed.) 2021: Variedades del español en contacto con otras lenguas , Berlin, Peter Lang. 3 P umA n inAcuri , c. 2022: «La influencia del kichwa en el castellano andino ecuatoriano ambateño: el caso del morfema -ka », Boletín de Filología 58/ 1: 209-31. 4 j ArA , m./ z AriQuiey , r./ v AlenzuelA , P. m./ e scoBAr , A. m. (ed.) 2023: Spanish Diversity in the Amazon. Dialect and Language Contact Perspectives , Leiden/ Boston, Brill. 5 P Atzelt , c. 2024: «Neo-limeño vs. quechuañol. Representaciones sociolingüísticas del contacto de variedades en Lima», in: B. P eter (ed.), Contact des langues et plurilinguisme dans la Romania. Contacto de lenguas y plurilingüismo en la Romania , Berlin, Frank & Timme: 213-36. 6 G AriBovA , j. 2018: «1.2 Historische und kommunikative Aspekte», in: j. r oche / e. t errAsi -h Aufe (ed.), Mehrsprachigkeit und Sprachenerwerb , Tübingen, Narr Francke Attempto: 29-39. 313 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus monolingualen Wörterbüchern sowie in europäischen Sprachen verfassten Grammatiken der indigenen Sprachen fortbesteht (p. 19). Auch die Tatsache, dass diese in der Kolonialzeit entstandenen Sprachbeschreibungen nicht aus wissenschaftlichem Interesse, sondern zum Zwecke der Evangelisierung verfasst wurden und somit Teil der kolonialen Dominanz waren, wird gut nachvollziehbar erörtert (ibd.). Im weiteren Verlauf zeigt Zimmermann am Beispiel des Otomí, dass die indigenen Sprachen häufig diffamierend beschrieben wurden (p. 21s). Ferner unterzieht er die Arbeiten der Missionarslinguisten einer kritischen Betrachtung und kommt zu dem Schluss, dass praktisch alle Defizite dieser Arbeiten auf verschiedene «theoretische» Fehler (p. 23) zurückzuführen sind, die wiederum aus der unreflektierten Übertragung der Kategorien der europäischen Grammatikografie auf die indigenen Sprachen resultieren (p. 23s.). Zimmermann sieht in diesen Umstand jedoch keinen wirklichen Fehler oder eine theoretisch-empirische Unangemessenheit, sondern vielmehr eine « estrategia doble de facilitar el entendimiento intercultural en el contexto colonial » (p. 25, Hervorhebung im Original), welche zwar einer kolonialen Logik entspreche, per se aber keine koloniale Ideologie der Überlegenheit ausdrücke (ibd.). In der anschließenden Analyse zeitgenössischer Wörterbücher wird die koloniale Haltung und ihr Einfluss noch deutlicher (p. 25-28), weshalb der Verf. den Terminus exolexicografía für die von Missionaren durchgeführte lexikografische Arbeit vorschlägt (p. 25). Neben den eindeutigen Spuren des kolonialen Denkens diskutiert Zimmermann auch rein deskriptive Werke verschiedener Autoren, was seiner Darstellung die notwendige Differenziertheit verleiht (p. 29). Auch die in Abschnitt 11 aufgeführten aktuellen Nachwirkungen des kolonialen Einflusses in der iberoamerikanischen Welt (p. 30s.) zeigen einerseits Zimmermanns Bewusstsein für differenzierte Ausführungen komplexer Sachverhalte; andererseits sind die einzelnen Aspekte sehr gut nachvollziehbar und die Erläuterungen dürften ihrerseits bei den Lesenden ein Bewusstsein für die Tragweite ebenjener Nachwirkungen wecken, wie z.B. die Tatsache, dass viele indigene Linguisten die Gründung einer Akademie nach dem Vorbild der RAE für unumgänglich halten, damit ihre jeweiligen Sprachen Akzeptanz erfahren (p. 30). In seinem Fazit kommt Zimmermann zu der Schlussfolgerung, dass die Inhalte und Praktiken der analysierten Werke für sich genommen nicht kolonial sind, aber durch die Intentionen, die zu ihrer Entstehung führten (d.h. Eroberung, Kontrolle, Evangelisierung der indigenen Völker), zum Ausdruck kolonialer Ideologie werden, die bis in die Gegenwart nachwirkt (p. 32s.). Fernando Zúñiga verfolgt mit seinem Beitrag «Hacia una nueva tipología morfológica de las lenguas indoamericanas» (p. 41-63) das Ziel, die morphologische Analyse hinsichtlich ihrer Prämissen, Instrumente und Verfahren zu verfeinern, um die Unschärfe der Konzepte Polysynthese und Wort - zentrale Probleme der morphologischen Typologie - lösen zu können (p. 42). Auf Basis des durch Bickel/ Nichols (2007) 7 entwickelten Modells zur morphologischen Typologisierung von Sprachen (p. 43) konstatiert der Verf. eine sehr hohe Variation bei den morphologischen Verfahren und Mustern der indigenen Sprachen (p. 44-46) und er- 7 B icKel , B./ n ichols j. 2007, «Inflectional Morphology», in: t. s hoPen (ed.), Language Typology and Syntactic Description , vol. 3, Grammatical Categories and the Lexicon , Cambridge, Cambridge University Press: 169-240. 314 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus örtert, dass die Frage, ob Sprachen mit ähnlichen morphologischen Mustern zwangsläufig miteinander verwandt seien (wie es die Hypothese DuPonceaus und Whitneys aus dem 19 Jh. nahelegt), auf Grundlage derzeitiger Daten nicht beantwortet werden kann (p. 47). Abschnitt zwei seines Beitrags widmet Zúñiga der morphologischen Typologie und den Problemen, welche er in dieser erkennt und unter denen die immer wieder gestellte Frage nach ihrem Nutzen das wohl gravierendste ist: «[…] los rótulos tradicionales […] son demasiado amplios para ser verdaderamente útiles como herramientas analíticas» (p. 48). Im vorliegenden Beitrag diskutiert er die konkreten Probleme der beiden Konzepte Polysynthese und Wort und zeigt am Beispiel der Verbalformen im Koasati und Mapudungún sehr überzeugend und nachvollziehbar, dass der Terminus Polysynthese auf sehr unterschiedliche Arten und Muster der Morphemkombination angewendet wird. Dementsprechend plädiert der Autor für qualitative Definitionen der Polysynthese, durch welche bspw. spezifiziert werden könnte, ob eine Konkatenation von Stämmen oder aber lexikalischen Affixen vorliegt oder ob die Polysynthese inkorporierender Art ist (p. 48s.). Das Wort -Problem behandelt Zúñiga auf Grundlage von Dixon/ Aikhenvald (2002) 8 und lehnt die Konzepte semantisches Wort und orthografisches Wort aufgrund ihrer Unbrauchbarkeit ab (p. 49). Die Konzepte phonologisches Wort und grammatikalisches bzw. morphosyntaktisches Wort diskutiert er ausführlicher (p. 49-51), bevor er erneut auf das Modell von Bickel/ Nichols zurückkommt. Deren Ansatz, in dem Flexitivität, Fusion und Exponenz eine zentrale Rolle spielen, erscheint dem Autor am vielversprechendsten für die Lösung beider Probleme (p. 52). Im dritten Abschnitt des Beitrags widmet sich der Verf. schließlich der Lösung der beiden Probleme und verweist dazu zunächst auf Sapirs (1921) 9 drei morphologische Parameter, welche er jedoch für wenig handhabbzw. operationalisierbar hält (p. 52s.). Im Anschluss wird der Ansatz von Bickel/ Zúñiga (2017) 10 erläutert, für welchen die Bezeichnung «tipología morfemática» (p. 54) vorgeschlagen wird und der dann auf zwei indigene Sprachen angewandt wird, die häufig als polysynthetisch bezeichnet werden: das Mapudungun und das Siksiká (p. 55s.). Leider wendet diese Analyse nicht alle multifaktoriellen Parameter des Ansatzes auf die beiden Sprachen an, was laut Verf. «razones de espacio» (p. 58) geschuldet sei. Für das Mapudungun wird hinsichtlich der Parameter Kohäsion und Verhalten ( comportamiento ) auf Bickel/ Zúñiga (2017) verwiesen, während für das Siksiká eine tabellarische Übersicht (Fig. 3, p. 58.) geboten wird. Hier ist es für den Leser aufgrund der verknappten Darstellung sehr schwierig, der angelegten Argumentation zu folgen und die hinter der Tabelle stehende Logik zu durchdringen, was sehr schade ist. Als Zwischenfazit schlägt Zúñiga jeweils zwei morphosyntaktische und phonologische Worttypen im Mapudungun vor (p. 58) und formuliert das Desiderat, die bisher noch bestehenden Forschungslücken bzgl. der Phonologie des Siksiká zu schließen, um dann ähnliche «Kandidaten» für phonologische und morphosyntaktische Worttypen in dieser Sprache bestimmen 8 d ixon , r. m. w./ A iKhenvAld , A. (ed.) 2002: Word: A Cross-Linguistic Typology , Cambridge, Cambridge University Press. 9 s APir , e. 1921: Language: An Introduction to the Study of Speech , New York, Harcourt, Brace & Co. 10 B icKel , B./ z úñiGA , f. 2017: «The Word in Polysynthetic Languages: Phonological and Syntactic Challenges», in: m. f ortescue / m. m ithun / n. e vAns (ed.), The Oxford Handbook of Polysynthesis , Oxford, Oxford University Press: 158-85. 315 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus zu können (p. 58s.). Der Beitrag schließt mit der Feststellung, dass die traditionelle Morphologie in typologischen Arbeiten zugunsten der hier vorgestellten morphematischen Typologie aufgegeben werden sollte, welche es zu operationalisieren, anzuwenden und zu verfeinern gelte (p. 59). Somit würde sich die neuartige Typologie in den derzeitigen Trend der «tipología lingüística de comienzos del siglo XXI» (ibd.) einreihen, «[que] ya no es holística sino más bien atomista» (ibd.), indem sie das Ziel verfolgt, morphologische Regularitäten zu erforschen und dabei Morpheme in ihrer Zusammensetzung, Struktur und Bedeutung - hinsichtlich ihrer syntagmatischen und paradigmatischen Eigenschaften - in den Fokus stellt (ibd.). Darüber hinaus könne die adaptierte Typologie neue Erkenntnisse über die Sprachverwandtschaft indigener Sprachen sowie über Sprachwandelprozesse, die klassischerweise als kontaktinduziert bezeichnet werden, fördern (p. 60). Gerade diese Perspektive macht den hier vorgestellten Ansatz m.E. zu einem innovativen und sehr vielversprechenden, der jedoch im vorliegenden Band in einzelnen Aspekten leider zu knapp skizziert wird. Der erste Teil des Sammelbandes ( Estudios generales ) wird durch den Beitrag «Lenguas indígenas en los medios de comunicación en la legislación de los países hispanoamericanos» (p. 65-102) von der Herausgeberin Lenka Zajícová abgeschlossen. Darin analysiert die Verf. die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Medienpräsenz der indigenen Sprachen in Hispanoamerika, wozu sie eingangs einen zwar knappen, aber sehr informativen Überblick über den jeweiligen legislativen Status der einzelnen Sprachen gibt (p. 65s.). Die anschließende Kontextualisierung auf internationaler Ebene im Rahmen der universellen Menschenrechte (p. 66s.), auf der Ebene der Rechte indigener Völker und Minderheiten (p. 67) sowie auf der Ebene des Schutzes der kulturellen und sprachlichen Diversität (p. 67-69) ist als umfassend zu bezeichnen, da die betreffenden Paragrafen bzw. Gesetzestexte ihrem Wortlaut getreu entweder in Fußnoten oder - beim relevantesten Text - auch im Fließtext zitiert werden. Auch die anschließende geschichtliche Kontextualisierung der Präsenz indigener Sprachen in den Medien erweist sich als sehr informativ und ist gut nachvollziehbar (p. 69s.). Den Großteil des Beitrages macht die detaillierte und bemerkenswert gut dokumentierte Darstellung der Gesetzgebungen in den einzelnen Ländern aus (p. 70-88), welche alphabetisch geordnet ist, was die Übersichtlichkeit zusätzlich erhöht. Die Lesenden erhalten in den Unterkapiteln einen umfassenden Überblick über die Situation in den beschriebenen Staaten. An einzelnen Stellen hätte sich der Leser zusätzliche Informationen zur tatsächlichen Umsetzung der gesetzlichen Rahmenbedingungen gewünscht (so z.B. in den Abschnitten zu Nicaragua [p. 84] und Venezuela [p. 88]). Im Kontext des für Mexiko beschriebenen Rechtes der indigenen Völker, eigene Medien zu etablieren und dort die eigene Sprache zu nutzen (p. 83), wäre m.E. die kritische Anmerkung vonnöten gewesen, dass diese Möglichkeit nicht für alle indigenen Gruppen ohne Weiteres umsetzbar sein dürfte, bedenkt man die Ressourcen, aber auch die Kosten, die für die Etablierung eigener Medien erforderlich sind. Die Ergebnisse der umfassenden Darstellung fasst Zajícová im Fazit zusammen, indem sie die erörterten gesetzlichen Regelungen in verschiedene Gruppen klassifiziert: a) anhand der Frage, welche Art von Gesetz das Thema der Präsenz der indigenen Sprachen in den Medien regelt (hier arbeitet sie vier Gruppen heraus); b) anhand der Frage, was gesetzlich etabliert wird (fünf Gruppen) (p. 89) und letztlich c) anhand der Frage, welche Reichweite die Medien haben, für die 316 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus gesetzliche Regelungen existieren (zwei Gruppen: lokal vs. national) (p. 89s.). Hinsichtlich der überregionalen bzw. nationalen Medien betont die Verf. den symbolischen bzw. bildenden Wert, der sich letztlich positiv auf den Status und das Selbstbild der jeweiligen Sprecher: innen-Gruppe auswirken kann (ibd.). Abschließend formuliert sie das Desiderat, die tatsächliche Medienpräsenz und somit auch die Konsequenzen der dargestellten Gesetzgebung zu untersuchen (p. 90), und weist auf die geringe legislative Aktivität bzgl. der Sozialen Medien hin. Im Vergleich zu den klassischen Massenmedien schreibt sie diesen jedoch einen geringeren Stellenwert für die Überwindung der noch herrschenden diglossischen Verhältnisse in den hispanoamerikanischen Staaten zu (p. 91). Abgerundet wird dieser im hohen Maße relevante und informative Beitrag durch eine sehr detaillierte und gut dokumentierte Bibliografie (p. 91-101), in welcher die zitierte Forschungsliteratur lediglich etwa 1,5 Seiten umfasst. Der zweite Abschnitt des Bandes ( Estudios particulares ) wird durch den Beitrag «La lengua general del Inca, ¿realidad o mito? » von Willem F. H. Adelaar eröffnet (p. 105-17), welcher sich zum Ziel setzt, die Sprachenvielfalt zur Zeit der frühen Kolonialisierung zu untersuchen und der Frage nachzugehen, ob es eine lengua general del Inca gab. Hierzu skizziert der Verf. kurz, aber dennoch erhellend, dass das Konzept der lengua general zwar eine vereinheitlichte und normierte Varietät der Quechua-Sprachfamilie impliziert, die Dokumentation des 16. und 17. Jahrhunderts jedoch sehr unterschiedliche Varietäten ebenjener Sprache beschreibt (p. 106s.). Nach einer Übersicht über die Struktur und Entwicklung der Quechua-Sprachfamilie, die deren Komplexität kritisch und trotzdem nachvollziehbar darlegt (p. 108s.) sowie die relevantesten distinktiven Merkmale der unterschiedlichen Varietäten erörtert (p. 109s.), geht Adelaar auf die heutige Verbreitung ebendieser Varietäten ein, welche er mit den in der frühkolonialen Dokumentation beschriebenen Verbreitungsgebieten und Merkmalen abgleicht (p. 110s.). In den folgenden Unterkapiteln diskutiert der Verf. den Status, die Verbreitung sowie die Charakteristika dreier konkreter Quechua-Varietäten, von denen zwei dem sogenannten Quechua IIB und eine dem sogenannten Quechua IIC zuzuordnen sind (p. 110- 14). Auf Grundlage dieser Darstellung, welche stets die aktuelle Synchronie mit der diachronen Entwicklung der betrachteten Varietäten abgleicht, gelangt der Autor zu der Schlussfolgerung, dass bei Ankunft der Spanier mindestens drei Varietäten der Quechua-Sprachfamilie im Inkareich existierten, die als überregionale Kommunikationsmittel und somit als lenguas generales fungierten (p. 114s.). Gleichzeitig konstatiert er, dass es keinerlei Belege für eine normierte lengua general im Inkareich vor Ankunft der Spanier gibt (p. 115), und formuliert das abschließende Desiderat, den möglichen ecuadorianischen Ursprung der sonorisierenden Varietät des Quechua sowie den geografischen Ursprung der Gruppe Quechua IIB in künftigen Studien zu erforschen (ibd.). Für derartige Untersuchungen dürfte der vorliegende Beitrag, der wegen seiner diachron-varietätenlinguistischen Ausrichtung als innovativ zu bezeichnen ist, ein guter Ausgangspunkt sein. Auch der fünfte Artikel des vorliegenden Bandes ist dem Quechua gewidmet. Mit «Tiempo, modo y persona en la flexión verbal del quechua» (p. 119-33) möchte Vlastimil Rataj eine neue Sicht auf das System der Verbalflexion des Quechua eröffnen. Ausgangspunkt seiner Ausführungen ist die Tatsache, dass die Flexionsmorpheme des Quechua sowohl Person als auch gleichzeitig Tempus und Modus ausdrücken, wodurch eine Beschreibung mithilfe tra- 317 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus ditioneller flexionsmorphologischer Kategorien nur schwer möglich ist und i.d.R. wenig transparent ausfällt (p. 119). Bei der anschließenden regionalen Kontextualisierung des Quechua (p. 119s.) fällt auf, dass nicht dieselben Termini bzw. Klassifikationsbegriffe verwendet werden wie im vorigen Beitrag. Zwar ist terminologische Varianz in jeder wissenschaftlichen Disziplin zu finden und auch als Stilmittel zu sehen, dennoch wäre an dieser Stelle eine Einheitlichkeit innerhalb des vorliegenden Bandes wünschenswert gewesen. Im ersten Abschnitt seines Beitrags präsentiert der Verf. die Verbalmorphologie des Quechua auf sehr begrenztem Raum. Dabei gelingt es ihm, die Komplexität des Themas auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren und es für die Lesenden in nachvollziehbarer Form darzulegen (p. 120-24). So finden sich verschiedene Beispiele zur Illustrierung der Zusammensetzung von Quechua- Verbformen sowie Tabellen, welche die Personalsuffixe (p. 122) und die Tempus- und Modusbildung (p. 123) in der analysierten Sprache veranschaulichen. Dennoch weisen einige Formulierungen eine gewisse Vagheit auf (z.B. «[…] aunque ciertas formas están suplidas por las de alguna otra serie» [p. 123]), sodass beim Leser nach der Lektüre noch einzelne Aspekte unklar bleiben. Das anschließende Unterkapitel arbeitet hingegen sehr überzeugend heraus, dass die Darstellung bzw. Erklärung der Verbformen, wie sie in Quechua-Grammatiken traditionellerweise zu finden ist, wenig plausibel und somit abzulehnen ist (p. 124-26). Nach der traditionellen Sicht wären Vergangenheitsformen nämlich mittels zweier Suffix-Subsysteme doppelt markiert: einerseits über ein kumulatives Suffix mit dem Inhalt «nicht-futurisches Tempus, Indikativ» und andererseits mittels eines präzisierenden Suffixes, welches «Präteritum» ausdrückt (p. 126). Im folgenden Abschnitt seines Beitrags legt der Autor den Diskurs darüber dar, ob das Futur tatsächlich in die grammatische Kategorie der Tempora einzuordnen sei, und gelangt nach einer klaren und überzeugenden Ausführung der zentralen Argumente (Futur ≠ reale Ereignisse, sondern Vorhersage von Ereignissen, die nicht zwangsläufig realisiert werden müssen) zu dem Vorschlag, das Futur allgemein, aber auch im Speziellen für das Quechua als Modalitätstypus (Irrealis) zu klassifizieren (p. 128). Dies begründet Rataj mit der Tatsache, dass sowohl im Quechua als auch in anderen Andensprachen, wie dem Aymara, die Tempora in realisierte Tempora (Präsens und Präteritum) und nicht-realisierte Tempora (Futur) unterteilt werden, was mit der modalen Unterscheidung real vs. irreal korreliert (p. 129). Da auch die Analyse der Quechua-Morphotaktik, in welcher auch für die Subordination unterschiedliche Suffixe genutzt werden, die in Abhängigkeit zum Bezug auf realisierte respektive nicht-realisierte Geschehen stehen (p. 129s.), diesen Vorschlag stützt, kommt der Verf. zu dem Schluss, dass das Futur im Quechua keinesfalls als indikativischer Modus zu betrachten ist (p. 130). Gemäß dem präsentierten Ansatz verfügt das Quechua vielmehr über vier Modi, namentlich Indikativ (= Realis) auf der einen Seite sowie Futur, Imperativ und Potentialis (= Irrealis) auf der anderen (ibd.). Wie Rataj in seinem Fazit nochmals betont, löst diese Perspektive auf die Verbalflexion des Quechua die zuvor konstatierten Probleme, da nach dem von ihm vorgeschlagenen Analyseschema die Markierung des Tempus allein durch separative Suffixe geschieht, während die vier Modi mittels kumulativer Suffixe ausgeprägt werden (p. 131). Für die fortbestehende Problematik hinsichtlich des Potentialis im Quechua präsentiert der Verf. abschließend einen sinnvollen und nachvollziehbaren Lösungsansatz (p. 131s.), sodass der vorgelegte Beitrag eine neue und alternative Perspektive auf die Futur- 318 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus formen der Andensprachen ermöglicht. Gleichzeitig regen die Ausführungen aber auch zur Reflexion über die Kategorie des Futurs in europäischen Sprachen an. Im sechsten Beitrag des Bandes beschäftigt sich Martha Mendoza mit «Rasgos léxicos y morfosintácticos del español en el purépecha: un ejemplo de contacto lingüístico en el oeste de México» (p. 135-51). Ihr Hauptanliegen ist es, mit ihrem Artikel die Asymmetrie der Konsequenzen aufzuzeigen, die der Sprachkontakt zwischen dem Spanischen und dem Purépecha mit sich bringt, da sich im Letzteren Einflüsse des Spanischen sowohl im lexikalischen als auch im grammatischen Bereich feststellen lassen, während das Spanische lediglich lexikalische Entlehnungen aus der indigenen Sprache aufweist (p. 135s.). Nach einer einführenden soziolinguistischen Darstellung des Purépecha (p. 136s.) sowie einem geschichtlichen Abriss des Kontakts zwischen den beiden untersuchten Sprachen (p. 137s.) stellt die Verf. die Resultate ebenjenes Kontakts zuerst für das Spanische (p. 138s.) und dann für die indigene Sprache dar (p. 139-48). Der unterschiedliche Umfang dieser beiden Abschnitte entspricht nicht nur der Schwerpunktsetzung des vorliegenden Bandes, sondern trägt auch der deutlich größeren Einflussnahme der ehemaligen Kolonialsprache gegenüber der autochthonen Sprache Rechnung. Hier gelingt es Mendoza sehr gut, die Bandbreite der durch den Sprachkontakt zum Spanischen betroffenen Domänen des Purépecha aufzuzeigen (p. 139-42), aber auch die Tragweite der kontaktinduzierten Phänomene in der indigenen Sprache zu verdeutlichen: So stellt die Übernahme spanischer Präpositionen, wie etwa para oder a causa de , in eine eigentlich durch postpositionale Konstruktionen geprägte autochthone Sprache eine relevante Neuerung dar, deren sprachtypologischen Auswirkungen derzeit noch nicht abzusehen sind (p. 143-45). Die Darstellung lässt sich insgesamt als sehr gut nachvollziehbar bewerten; allein bei der Erörterung der Entlehnungshierarchien nach Matras (2007) 11 (p. 147) stellt sich dem Leser die Frage, warum diese im Abschnitt zum Adverb como zu finden sind, zieht die Autorin sie doch zur Erklärung der Entlehnung von para - das zwei Unterkapitel zuvor thematisiert wurde - heran. In ihrer Conclusio plädiert die Autorin für die weitergehende Erforschung des hegemonialen Einflusses der spanischen Sprache, damit die mit diesem verbundene Sprachverdrängung besser verstanden und entsprechende Gegenmaßnahmen zum Erhalt der indigenen Sprachen eingeleitet werden können (p. 149). Der siebte Beitrag (p. 135-51) stammt von Manuel Peregrina Llanes und Zarina Estrada Fernández, trägt den Titel «El tópico discursivo en náhuatl y pima bajo» und ist als kontrastive Analyse der Kodierung der Referenzverfolgung in diesen beiden Sprachen angelegt. Die Notwendigkeit dieser Untersuchung begründen die Verf. mit der Charakteristik des Náhuatl, alle Argumente pronominal am Verb zu markieren, sodass eine besondere Spezifizierung der gängigen Referenzverfolgungsmechanismen (Nominalphrasen, Demonstrativa sowie die sogenannte Nullanapher) nötig erscheint (p. 153-55). Nach einer informativen einführenden Darstellung der uto-aztekischen Sprachfamilie, zu der die beiden betrachteten Sprachen zählen (p. 156s.), werden sowohl die verwendeten Korpora (jeweils elf narrative Texte mit rund 300 Sätzen; tabellarische Aufbereitung: p. 158) als auch die angelegte Methodik knapp, aber 11 m AtrAs , y. 2007: «The Borrowability of Structural Categories», in: i d ./ j. s AKel (ed.), Grammatical Borrowing in Cross-Linguistic Perspective , Berlin/ New York, Mouton de Gruyter: 31-73. 319 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus dennoch verständlich beschrieben (p. 157). Die darauffolgende Präsentation der phorischen Elemente beider Sprachen (freie und gebundene Pronomina, Demonstrative sowie Numeralia) ist zwar durch die tabellarischen Darstellungen (p. 159s.) übersichtlich gestaltet, bleibt jedoch ohne vertiefende Erläuterung. Die anschließende Analyse der Referenzmechanismen orientiert sich an der Methodologie Givóns (2001) 12 , welche auch stichpunktartig ausgeführt wird (p. 161), und fokussiert diejenigen Mechanismen, die das diskursive Thema kodifizieren (ibd.). Peregrina Llanes und Estrada Fernández gehen bei der Darstellung ihrer Analyse sehr detailliert und kleinschrittig vor (p. 161-72), wodurch sie für die Lesenden sehr gut nachvollziehbar wird; auch die Nutzung von Tabellen zur übersichtlichen Präsentation der Resultate ihrer quantitativen Korpusanalysen (p. 165s., p. 167, p. 171) ist positiv hervorzuheben. Durch dieses Vorgehen werden die Analyseergebnisse den Lesenden evident: Die Nullanapher stellt sowohl im Náhuatl als auch im Pima Bajo die wichtigste Strategie zur Codierung des Topik- Partizipanten dar, welche jedoch praktisch nie zur Objektcodierung genutzt wird (p. 163-65 sowie p. 171s.). Der Schlussfolgerung, nach welcher die Referenzverfolgung in den beiden untersuchten Sprachen umso weniger explizit stattfindet, je höher die Beibehaltung des Referenten ist, kann somit nur zugestimmt werden. Der vorliegende Artikel leistet m.E. einen wichtigen Beitrag zur kontrastiven Beschreibung der indigenen Sprachen Mexikos, indem er ein innovatives Thema in den Fokus rückt. Ein Beitrag, der sich in positiver Weise von den anderen Kapiteln des Sammelbandes abhebt, ist der Artikel «La langua nonuya: historia y estado actual de su proceso de revitalización» von Juan Álvaro Echeverri und Isabel Victoria Romero Cruz (p. 175-88). Die Verf. informieren darin über den aktuellen Stand der Dokumentations- und Revitalisierungsbestrebungen des Nonuya, welches als die am stärksten gefährdete der drei überlebenden Sprachen aus der Witoto-Sprachfamilie gilt (p. 175s.). Der Bericht über die zu Beginn des 20. Jahrhunderts beinahe ausgelöschten Nonuya, von denen nur drei muttersprachliche Sprecher überlebten, die in das Ursprungsgebiet ihrer vertriebenen Vorfahren zurückkehrten, um dort aktiv nach weiteren Sprecher: innen zu suchen, liest sich beinahe wie eine literarische Erzählung (p. 176-78). Dies schmälert die Qualität des Beitrags jedoch keineswegs, erörtern Echeverri und Romero Cruz doch in den folgenden Abschnitten sehr gut nachvollziehbar die soziolinguistische Situation des Nonuya (p. 178-80), die Verwandtschaftsdistanz der einzelnen Idiome der Witoto-Familie (p. 180s.) sowie - sehr minutiös, aber dennoch gut lesbar - den derzeitigen Dokumentationsstand der untersuchten indigenen Sprache (p. 181s.). Hier wäre allein die offensichtliche Fehlschreibung Wawrin statt Wavrin (p. 181 N2) kritisch anzumerken. Im vierten Unterkapitel präsentieren die Verf. die vorläufigen Resultate erster phonetisch-phonologischer Analysen (p. 182-84) sowie der Untersuchung ausgewählter morphologisch-syntaktischer Merkmale des Nonuya (p. 184s.). Da sowohl eine vollständige phonologische Analyse dieser Sprache als auch generelle morphologische Untersuchungen zu ihr noch ausstehen, liefert der vorliegende Beitrag nützliche und relevante Daten, die in Anschlussstudien nutzbar gemacht werden sollten. Insbesondere durch seine kontrastive Ausrichtung, die stets die beiden anderen überlebenden Idiome der Sprachfamilie (Ocaina und Murui) im Blick hat, sind hier weiterführende Unter- 12 G ivón , t. 2001: Syntax I: A Functional Typological Introduction , Amsterdam, John Benjamins. 320 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus suchungen sehr gut denkbar, welche letztlich zu einem besseren Verständnis der Witoto-Familie führen und auch dem Spracherhalt dienlich sein dürften (p. 185s.). Das neunte Kapitel des Buches bildet der Beitrag «Huellas lingüísticas del aporte guaraní en el español de Uruguay: la dispersión diatópica de algunos guaranismos» von Yliana Rodríguez und Adolfo Elzaicín (p. 189-215). Ausgehend von dem Topos, «el Uruguay es un país sin indios» (p. 191) zeigen die Verf. überzeugend, dass dies nicht der Wahrheit entspricht und dass vor allem der Kontakt des Spanischen mit dem Guaraní - vor dem Hintergrund anthropologisch-linguistischer Untersuchungen - als intensiv zu bezeichnen ist (p. 189-91). Hierzu führen sie zunächst archäologische Belege für eine prähispanische Guaraní-Präsenz im heutigen Uruguay an (p. 194), bevor sie ausführlich auf die signifikanten Migrationsbewegungen der Guaraní sowie deren ökonomische und politische Gründe eingehen, die das sprachlichkulturelle Erbe der Missionars-Guaraní in diesem Gebiet begründen (p. 194-99). Nach kurzen einleitenden Erörterungen zum Sprachkontakt als allgemeinem Phänomen, in welchen auf einschlägige Autoren wie Weinreich, Thomason und Haugen verwiesen wird (p. 199s.), erläutern Rodríguez und Elzaicín ihre Methode, die lexikografische, korpus-, geo- und soziolinguistische Techniken miteinander kombiniert (p. 200), und beschreiben das Untersuchungsdesign ihres Elizitationsexperiments, bei dem Proband: innen auf Grund visueller Stimuli die entsprechenden Bezeichnungen der jeweiligen Referenten und Konzepte nennen sollen. Ziel des Experiments ist es, herauszufinden, ob die genannten Bezeichnungen aus dem Guaraní entlehnt sind. An dieser Stelle zeigen die Verf. das notwendige Problembewusstsein hinsichtlich der Übertragbarkeit der so gewonnenen Daten auf die spontane Sprachproduktion (p. 200 N28). Die eigentliche Untersuchung wird in den weiteren Unterkapiteln zu 2. detailliert beschrieben und stets mit Verweisen auf den entsprechenden linguistisch-theoretischen Hintergrund erläutert (p. 201-06), sodass der Leser ein vollständiges Bild der Studie erhält, das durch die tabellarische Darstellung der Zusammensetzung der insgesamt drei Stichproben (p. 204-06) vervollkommnet wird. Etwas überraschend ist die erneute Beschreibung der Item-Auswahl zu Beginn des dritten Unterkapitels (p. 207), hätte der Leser die hier gegebenen Informationen doch eigentlich eher im Methodenals im Analyseteil des Beitrags erwartet. Ferner wäre die Angabe der spanischen Entsprechungen der untersuchten Lexeme in Tabelle 6 (p. 207) gerade für Lesende, die des Guaraní nicht mächtig sind, sinnvoll und wünschenswert gewesen. Die Resultate zeigen, dass sowohl in der Stichprobe, die ganz Uruguay umfasst, als auch in der kleineren Stichprobe, welche je zwölf Sprecher: innen aus Rivera und Montevideo vergleicht (um zu überprüfen, ob die Guaranismen über den in Rivera stärkeren Sprachkontakt mit dem brasilianischen Portugiesisch ins Spanische der Proband: innen gelangt sind), die Guaraní-Bezeichnungen für Referenten/ Konzepte aus dem semantischen Feld der Fauna besser bekannt sind als diejenigen aus dem Bereich der Flora (p. 209 sowie p. 211). Weder die vermuteten Unterschiede zwischen Nord- und Süd-Uruguay noch die zwischen ruralen und urbanen Sprecher: innen erweisen sich als signifikant, sofern man von einzelnen lexikalischen Einheiten absieht, die entweder im Norden bekannter sind ( mandioca ) oder aber im Süden häufiger genannt werden ( ñandú , yacaré ) (p. 208). Die Verf. illustrieren ihre Analyseergebnisse mit Säulendiagrammen, die allerdings für die Druckfassung des Bandes deutlich zu klein gesetzt sind, sodass kaum lesbar ist, um welche lexikalische 321 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus Einheit es sich bei den einzelnen Säulen der Diagramme handelt (Abb. 1: p. 208, Abb. 3: p. 209 und Abb. 5: p. 211). In der digitalen Version des vorliegenden Buches stellt dies - aufgrund der technischen Möglichkeit der Vergrößerung - sicherlich ein kleineres Problem dar, dennoch sollte bei der Konzeption und Drucklegung eines jeden wissenschaftlichen Textes immer noch die Möglichkeit bedacht werden, dass Lesende auf das gedruckte Buch anstatt auf das E-Book zurückgreifen. Bzgl. Abb. 4 (p. 210) ist zu monieren, dass die Darstellung offensichtlich unvollständig ist, fehlen doch sowohl die X-Achse als auch deren Beschriftung Norte . Der methodisch dennoch solide und hervorragend dokumentierte Beitrag wird durch ein sehr knappes Fazit abgeschlossen, das zur Schlussfolgerung gelangt, die gleichmäßige Verteilung der Guaranismen innerhalb Uruguays sei als «evidencia del grado de asimilación que tuvieron estos pueblos nativos al entramado de las comunidades criollas hispanohablantes de la región» (p. 211) zu interpretieren. Sowohl die angelegte innovative Methode als auch die durch sie erzielten Ergebnisse bergen m.E. großes Potenzial, um in zukünftigen Untersuchungen der Guaranismen im Spanischen nutzbar gemacht zu werden. Den Abschluss des vorliegenden Bandes bildet der Beitrag «Crear un buscador léxico polígrafo para un corpus multilingüe en lenguas amerindias: el caso de la base de datos LAN- GAS» von Élodie Blestel und Stéphane Fouelefak (p. 217-30), in dem sie die Herausforderungen beschreiben, welche mit der Schaffung eines Suchtools für die 2011 erstellte Datenbank LANGAS einhergehen. Diese vereint verschiedenste Dokumente, die in der späten Kolonialsowie frühen Republikzeit in einer der lenguas generales verfasst wurden, und verfolgt dabei das Ziel, «contribuir a la historia social, semántica y cultural de las mismas [lenguas generales]» (p. 219). Aktuell sind ca. 100 paläografisch transkribierte und ins Spanische übersetzte Texte aus dem 16. bis 18. Jahrhundert im Internet frei zugänglich und mittels der integrierten lexikalischen Suchfunktion durchsuchbar, welche - so die Verf. - auch Beispiele für phonologische und morphosyntaktische Wandelprozesse enthält (p. 219s.). Unterkapitel 1.2 stellt den offenkundig sehr aufwendigen Prozess der Korpuserstellung und Manuskriptverarbeitung ausführlich und sehr gut nachvollziehbar dar (p. 220-23), bevor die Verf. in Abschnitt 2 ihres Beitrags die Notwendigkeit einer polygrafischen Suchfunktion mit der starken Heterogenität der paläografisch transkribierten Manuskripte sowie mit lückenhaften oder auch unsicheren Transkriptionen begründen (p. 224). Für diese Suchfunktion, die sich derzeit offenbar noch in der Entwicklung befindet, sind zwei unterschiedliche Modi angedacht, welche sich gegenseitig ergänzen: Zum einen soll die kanonische Suche ( búsqueda canónica ) implementiert werden, die nicht auf Graphemen, sondern auf deren phonologischen Projektion (p. 227) basiert, da «los manuscritos fueron escritos según lo que los autores escuchaban, o creían escuchar» (p. 226). Wie Blestel und Fouelefak weiter ausführen, wurden zu diesem Zweck Phonem-Graphem-Korrespondenzen der einzelnen lenguas generales erstellt, auf deren Grundlage Computerprogramme die phonologischen Entsprechungen für jedes Graphem und jeden Text generieren, die dann mit der Suchfunktion der Datenbank verknüpft werden können (p. 227s.). Die zur Veranschaulichung sehr hilfreiche Tabelle 6 (p. 227) enthält jedoch leider einen Fehler, muss es doch sicher in der Zelle des Allophons [i͂] sin contexto nasal statt si contexto nasal heißen. Die ergänzende Suchfunktion, welche zum anderen in die lAnGAs- Datenbank integriert werden soll, wird von den Verf. als topologische Suche ( búsqueda topo- 322 DOI 10.24053/ VOX-2025-029 Vox Romanica 84 (2025): 311-322 Besprechungen - Comptes rendus lógica ) bezeichnet und basiert auf der Levenshtein-Distanz (p. 228). Da diese Suchfunktion nicht nur die eingegebene Graphemsequenz, sondern zusätzlich auch Sequenzen mit einer maximalen Levenshtein-Distanz von 3 berücksichtigt, ist die Wahrscheinlichkeit, alle grafischen Varianten der phonologischen Projektion eines konkreten Textes zu erfassen, relativ hoch; schließlich sollte es sich bei diesen allesamt um Varianten der ersten, zweiten oder dritten Ordnung nach dem Levenshtein’schen Distanz-Konzept handeln (ibd.). In ihrer Schlussfolgerung geben die Verf. einen Ausblick auf die nächste zu lösende Herausforderung, namentlich die Variation hinsichtlich der Wortsegmentierung, für die sie jedoch bereits einen Lösungsansatz (Löschung aller Leerzeichen und anschließende automatische Segmentierung) erdacht haben. Die Erkenntnisse, die aus diesem interessanten und hochrelevanten Beitrag gewonnen werden können, sollten auch auf andere Korpora mit ähnlichen Schwierigkeiten übertragbar und für diese nutzbar sein - man denke bspw. an alt- und mittelspanische Korpora, die ebenfalls durch hohe graphematische Variation geprägt sind -. Mit dem vorliegenden Band stellt die Herausgeberin einmal mehr ihre Expertise auf dem Gebiet der indigenen Sprachen Lateinamerikas unter Beweis und versammelt Beiträge, die ein breites thematisches Spektrum sowie eine Vielzahl indigener Sprachen abdecken. Dass darunter nicht nur die typischerweise beschriebenen Idiome, sondern auch kleinere und vor allem auch stark bedrohte Sprachen vertreten sind, die bislang kaum Berücksichtigung in der Fachliteratur fanden, lässt hoffen, dass das sprachliche Erbe der lateinamerikanischen Urbevölkerung einem breiteren (Fach-)Publikum nähergebracht werden kann. Die Konsequenzen, welche aus dieser wachsenden Kenntnis - und somit auch aus dem wachsenden Bewusstsein für den Status der autochthonen Sprachen in Lateinamerika - erwachsen, könnten zu einer nachhaltigen Aufwertung sowohl der Sprachen selbst als auch der jeweiligen Sprecher: innengruppe führen; so wie es Zajícová in ihren einleitenden Worten zum vorliegenden Band formuliert. Daniel Kallweit (Ruhr-Universität Bochum) https: / / orcid.org/ 0000-0003-4105-4569
