eJournals Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa) 7/2

Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)
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2366-0597
2941-0789
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VvAa-2022-0017
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2022
72 Fischer Heilmann Wagner Köhlmoos

Der ,Schwarmintelligenz‘ vertrauen

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2022
Matthias Hopfhttps://orcid.org/0000-0002-9183-7740
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Der ‚Schwarmintelligenz‘ vertrauen Ein Lehr-/ Lernbeispiel für seminaristische Gruppen Matthias Hopf (orcid.org/ 0000-0002-9183-7740) 1 Problemstellung Ein bestimmtes Problem kann gerade bei relativ flexibel strukturierten Modul‐ studiengängen immer wieder auftreten: In einer Veranstaltung wäre eigentlich etwas aus einer anderen vorauszusetzen, nur ist jene andere noch nicht belegt worden. Dies ist bspw. bei Proseminaren und einleitenden Überblicksvorle‐ sungen des Öfteren der Fall. Erstere werden häufig jedes Semester angeboten, letztere aber je nach Semesterrhythmen und Größe der Fakultät bzw. des Instituts vielleicht nicht. Im hier vorausgesetzten konkreten Fall des alttestamentlichen Proseminars ging es um den fehlenden Überblick über die Geschichte Israels, die schwerlich in einem Proseminar abgedeckt werden kann, aber eben auch nicht jedes Se‐ mester als Vorlesung angeboten wird. Ähnliches ist im Bereich Neues Testament vorstellbar oder auch in der Kirchengeschichte, wenn man eigentlich einen groben Überblick über einen bestimmten Zeitraum bräuchte. Das Problem ist jeweils, dass zwar eine vorlaufende lesende Aneignung von Einleitungswissen o. ä. durchaus möglich ist Inhalte aber ohne den größeren Bezugsrahmen u. U. sehr abstrakt, sodass angelesenes Wissen keinen Platz auf der ‚mentalen Karte‘ bspw. den mehreren hundert Jahren der Geschichte Israel findet. Umgekehrt heißt das aber nicht, dass überhaupt nichts vorauszusetzen ist. Ein Teil der Studierenden hat u. U. sehr wohl schon erste Vorkenntnisse. Bei anderen können Teilkenntnisse vorhanden sein; manchmal existiert aber nur oberflächliches, vages und ‚gefühltes‘ Wissen. Eine solche Diskrepanz in den Voraussetzungen kann erschwerend zum zumindest teilweise fehlenden Vorwissen hinzukommen. 1 Vgl. hierzu auch die Überlegungen zur Wirksamkeit des Ansprechens vielfältiger Bezugsebenen bei Gerstenmaier/ Mandl, Wissenserwerb. 2 Als Materialien bieten sich u. a. Baustellenabsperrband (aus dem Baumarkt), ein Seil, sehr dicke Wolle o.-ä. an - in jedem Fall sollte es gut sichtbar sein. 3 Laminiert halten diese auch mehrere Semester. 2 Darstellung der Methode Das hier vorgestellte Lehr-/ Lernbeispiel will an diese komplexe Situation an‐ knüpfen, um mit just diesem disparaten Wissensschatz zu arbeiten und, daran anknüpfend, diese Vorkenntnisse zu ordnen, zu strukturieren und so ‚greif‐ barer‘ zu machen sowie gleichzeitig die Studierenden stärker auf ein ähnliches Wissensniveau zu bringen. Dabei wird auf räumlichem Vorstellungsvermögen sowie auf den sozialen Bezügen zwischen den Studierenden aufgebaut. 1 Im beschriebenen konkreten Fall eines alttestamentlichen Proseminars war dabei jeweils das Ziel, dass sich die Studierenden in der Rolle je eines Ereig‐ nisses o. ä. in der Geschichte Israels auf einem Zeitstrahl positionieren und so schließlich gemeinsam selbige im wahrsten Sinne des Wortes verkörpern und darstellen. Dazu ist im Vorlauf dieser ca. 30 bis 45minütigen Einheit ein Zeitstrahl mit einer Länge von mindestens zehn Metern Länge abzustecken, damit genug Platz für die Positionierung der Studierenden vorhanden ist. 2 Zusätzlich sollten durch Plakate, Fähnchen o. ä. Jahreszahlen in 100er- oder 200er-Schritten angezeigt werden. Ein weiteres Hilfselement kann sein, den Zeitstrahl im Zeitraum der ‚geteilten Reiche‘ Israel und Juda zu splitten, um so eine zusätzliche Orientierungsmöglichkeit zu bieten. Dies sähe dann in etwa so aus: Abbildung 1: Zeitstrahl der Geschichte Israels Nachdem die Studierenden an den Zeitstrahl geführt wurden und bevor die eigentliche Aufgabenstellung erläutert wird, ist es sinnvoll, den Zeitstrahl kurz mit den Studierenden zu besprechen: die Zeiträume, den Hintergrund des ggf. gesplitteten Zeitstrahls und warum der eine Ast sehr viel früher endet etc. Im Anschluss daran müssen die Studierenden je ein Plakat mit einem Zeitab‐ schnitt bzw. einem Ereignis aus einem Stapel ziehen. 3 Im konkreten Fall wurde DOI 10.24053/ VvAa-2022-0017 86 Matthias Hopf 4 Diese ist zugegebenermaßen sehr am biblischen Narrativ bzw. an der recht konserva‐ tiven Darstellung von Donner, Geschichte, orientiert. 5 Denkbar wäre beispielsweise, gerade die zwischentestamentliche Zeit noch stärker ereignisgeschichtlich abzubilden, etwa indem man Alexander den Großen, die Makka‐ bäer o.-ä. mit aufnimmt. 6 Gerade die erstgenannten Phasen der Erzeltern etc. können bspw. auch einfach auf dem Zeitstrahl ausgelegt werden, wenn nicht genügend Studierende das Seminar besuchen bzw. in der Arbeitseinheit anwesend sind. In diesem Fall sollte aber eine auf die Gruppe zugeschnittene Auswahl an Plakaten vorbereitet werden, dass die verwendeten Ereignisse nicht völlig dem Zufall überlassen bleiben. Es sei zudem darauf hingewiesen, dass es wenig ratsam erscheint, Studierenden mehr als ein Plakat zu geben, da dies den Effekt der Identifizierung und Orientierung im Raum konterkariert. 7 Ob man den Austausch von Plakaten zulässt, ist eine Abwägungsfrage. Ich würde eher davon abraten, da so das gemeinsame Nachdenken befördert wird. dabei die folgende Auswahl verwendet: 4 Erzeltern, Exodus, Landnahme, Rich‐ terzeit, Saul, David, Jerusalem wird Hauptstadt, Salomo, Bau des ersten Tem‐ pels, Reichsteilung, Jerobeam, Rehabeam, Untergang Nordreich, Belagerung Jerusalems durch Assur, Josianische Kultreform, Erste Eroberung Jerusalems, Zerstörung Jerusalems, Exil, Kyros-Edikt, Bau des zweiten Tempels, Qumran- Schriften, Zerstörung des zweiten Tempels, Niederschlagung des Bar-Kochba- Aufstandes. Natürlich sind hier auch andere Auswahlen und Schwerpunkte möglich. 5 Wichtig ist nur, dass diese Plakate keine Jahreszahlen oder anderen Hinweise enthalten und zumindest in Grundzügen einem vorauszusetzenden Wissen entsprechen. Es ist zudem sinnvoll, einen grundsätzlich größeren Satz von Plakaten mit einer Vielzahl von Ereignissen in Reserve zu haben, da ja Studiengruppen von Semester zu Semester bisweilen erheblich in der Größe variieren. 6 Als Aufgabenstellung ist dann auszugeben, dass sich die Studierenden ge‐ meinsam und in Kooperation auf dem Zeitstrahl positionieren müssen. Manche werden etwas überfordert darauf reagieren. Umso wichtiger ist es zu betonen, dass vielleicht nicht jede bzw. jeder das eigene Ereignis o. ä. genau einordnen kann, dass aber in der Summe der Gruppe - im Zusammenspiel der ‚Schwarmin‐ telligenz‘ - vermutlich alle Studierenden mit ihren Plakaten einen Platz finden dürften. Entsprechend sind die Studierenden weiterhin explizit zur Absprache, zur gegenseitigen Korrektur und zur Diskussion zu ermuntern. 7 Die Erfahrung aus mehreren Semestern zeigt, dass sich die Studierenden tatsächlich insgesamt relativ gut einordnen, selbst wenn manchmal - v. a. bei kleineren Gruppen - evtl. etwas nachgeholfen werden muss. In einem Schlussabschnitt der Arbeitseinheit ist es schließlich sinnvoll, mit den Studierenden in ein reflektierendes und vertiefendes Gespräch einzutreten - etwa darüber, was besonders einfach oder schwierig einzuordnen war. Auch DOI 10.24053/ VvAa-2022-0017 Der ‚Schwarmintelligenz‘ vertrauen 87 kann es sehr lehrreich sein, auf einzelne Studierende und ihre Ereignisse zu verweisen oder zu überlegen, wie wer mit wem interagiert - da so die sozialen Beziehungen auf die jeweils vertretenen Ereignisse etc. hin transparent werden. Weiterhin ist es ratsam, einen kurzen Dozierendenvortrag anzuschließen, der alleine durch die aufgelockerte Atmosphäre deutlich nachhaltiger wirkt als dies im Rahmen des Seminarraums der Fall wäre. Inhalte eines solchen Inputs können sein: In welchem Bereich des Zeitstrahls bewegen wir uns in histo‐ risch relativ gesicherten Phasen, wo sind die Unsicherheiten groß bzw. die Quellenlage dürftig? Welche Zeitabschnitte sind besonders formativ für die atl. Literatur? Wo sind welche biblischen Bücher literarhistorisch anzusiedeln u.-v.-m. 3 Chancen und Grenzen der Anwendung Insgesamt soll in dieser Arbeitseinheit ein Gesamtbild der Geschichte Israels entstehen, welches aufgrund der Positionierungen im physischen wie sozialen Raum möglichst einprägsam ist und zusätzlich durch das oft sehr unterhaltsame Geschehen eine positive emotionale Besetzung bewirkt, was in Kombination eine wesentlich nachhaltigere Orientierung ermöglicht, als dies eine rein le‐ sende Aneignung je könnte. Letztere mit ihren Details kann dadurch natürlich nicht ersetzt werden. Gleichwohl wird so bestehendes Wissen strukturiert und geordnet sowie die Studierenden zumindest in Ansätzen auf einen vergleich‐ baren Wissensstand gebracht, sodass im Folgenden das Einleitungswissen zur Erörterung literarhistorischer Fragen durch eine viel plastischere Anschauung leichter und fruchtbringender eingesetzt werden kann - nicht zuletzt, weil durch die Methode eine Vielzahl von Gedächtnisebenen angesprochen werden. Grundsätzlich erscheint eine so strukturierte Arbeitseinheit für nahezu alle räumlich darstellbaren Sachverhalte einsetzbar: für einen Überblick über das corpus paulinum, zur Erschließung der Topographie Israels, für die Darstellung der Bezüge innerhalb der synoptischen Tradition oder auch für viele weitere bibelkundliche oder einleitungswissenschaftliche Fragen und Aspekte. Wichtig zu beachten ist nur, dass grundsätzliche Vorkenntnisse vorhanden sein müssen, dass also der behandelte Wissensbereich nicht zu spezifisch oder zu speziell sein darf. Auch ist abzuwägen, ob der vergleichsweise hohe Zeitaufwand dem Thema angemessen ist. Im besprochenen Fall eines Überblicks über das essenzielle Thema der Geschichte Israels ist dies sicherlich so, in anderen Fällen vermutlich nicht unbedingt. Insgesamt zeigen die Erfahrungen mit dieser Methode sowie die Rückmel‐ dungen von Studierenden - die ich z. T. auch noch lange nach der Veranstaltung DOI 10.24053/ VvAa-2022-0017 88 Matthias Hopf erhalten habe -, dass die so erarbeiteten Inhalte einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Dieser Effekt wäre aber beispielsweise auch am Ende einer Ein‐ führungsveranstaltung zur Wiederholung des Besprochenen einsetzbar, wenn‐ gleich hierfür dann die Aussprache deutlich vertiefter ausfallen müsste. In jedem Fall zeigt die Erfahrung, dass der hier beschriebene spielerische Umgang mit der Materie für weiteres, vertieftes Lernen großes Potenzial birgt. - Literatur Donner, Herbert: Geschichte des Volkes Israels und seiner Nachbarn in Grundzügen (2 Bde.; GAT 4), Göttingen 3 2000-2001. Gerstenmaier, Jochen/ Mandl, Heinz: Wissenserwerb unter konstruktivistischer Perspek‐ tive, ZP 41 (1995), 867-888. DOI 10.24053/ VvAa-2022-0017 Der ‚Schwarmintelligenz‘ vertrauen 89