Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)
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Francke Verlag Tübingen
10.24053/VvAa-2023-0016
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Fischer Heilmann Wagner KöhlmoosSchreiben wissenschaftlicher Publikationen auf Englisch
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Lutz Doeringhttps://orcid.org/0000-0001-5053-1211
In der akademischen Welt der Gegenwart fungiert Englisch als lingua franca und bietet unvergleichliche Möglichkeiten für eine globale Reichweite. Dieser Trend birgt jedoch die Gefahr, dass andere Sprachen des akademischen Publikationswesens wie das Deutsche, das aufgrund seines nuancierten Ausdrucks und generativen Vokabulars nach wie vor unverzichtbar ist, an den Rand gedrängt werden. Der Autor betont aus seiner eigenen Erfahrung heraus, wie wichtig es ist, direkt auf Englisch zu schreiben, um den stilistischen und strukturellen Anforderungen gerecht zu werden, anstatt sich auf Übersetzungen aus dem Deutschen zu verlassen. So erleichtert die Veröffentlichung in akzeptablem Englisch eindeutig die internationale Rezeption. Andererseits vertritt der Autor die Auffassung, dass es durchaus einen Raum für die Publikation von Forschungsergebnissen auf Deutsch gibt. Ein ausgewogener Ansatz gewährleistet sowohl die globale Zugänglichkeit als auch die Kontinuität verschiedener akademischer Sprachkulturen.
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Schreiben wissenschaftlicher Publikationen auf Englisch Erfahrungen, Herausforderungen und Chancen Lutz Doering (orcid.net/ 0000-0001-5053-1211) In today’s academia, English functions as the lingua franca, offering unparalleled opportunities for global reach. However, this trend risks marginalizing other languages of academic publishing like German, which remains vital for its nuanced expression and generative vocabulary. Draw‐ ing from my own experience, I emphasize the importance of writing directly in English to meet its stylistic and structural demands, rather than relying on translations from German. Thus, publishing in acceptable English clearly facilitates international reception. On the other hand, I argue that there is room for presenting research in German. A balanced approach ensures both global accessibility and the continuity of diverse academic voices. In der akademischen Welt der Gegenwart fungiert Englisch als lingua franca und bietet unvergleichliche Möglichkeiten für eine globale Reich‐ weite. Dieser Trend birgt jedoch die Gefahr, dass andere Sprachen des akademischen Publikationswesens wie das Deutsche, das aufgrund sei‐ nes nuancierten Ausdrucks und generativen Vokabulars nach wie vor unverzichtbar ist, an den Rand gedrängt werden. Der Autor betont aus seiner eigenen Erfahrung heraus, wie wichtig es ist, direkt auf Englisch zu schreiben, um den stilistischen und strukturellen Anforderungen ge‐ recht zu werden, anstatt sich auf Übersetzungen aus dem Deutschen zu verlassen. So erleichtert die Veröffentlichung in akzeptablem Englisch eindeutig die internationale Rezeption. Andererseits vertritt der Autor die Auffassung, dass es durchaus einen Raum für die Publikation von Forschungsergebnissen auf Deutsch gibt. Ein ausgewogener Ansatz ge‐ DOI 10.24053/ VvAa-2023-0016 währleistet sowohl die globale Zugänglichkeit als auch die Kontinuität verschiedener akademischer Sprachkulturen. Das Thema Internationalisierung spielt heute eine große Rolle. In der Regel bedeutet das, dass in der Kommunikation wissenschaftlicher Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse die englische Sprache als lingua franca verwendet wird. Dies gilt zumindest für den deutschen Sprachraum. Wissenschaftliche Konferenzen können mit Blick auf den Aspekt der Internationalisierung heute kaum mehr allein in deutscher Sprache durchgeführt werden. Abgesehen von deutschen Mutter- und Zweitsprachler: innen mag es einzelne Forscher: innen, vorwiegend aus kontinentaleuropäischen Ländern, geben, die fähig und bereit sind, Vorträge auf Deutsch zu hören und solche sogar selbst zu halten. Doch kann heute nicht mehr grundsätzlich eine Beherrschung der deutschen Sprache vorausgesetzt werden, die für eine verstehende und aktive Teilnahme an einer rein deutschsprachigen Konferenz ausreichte; das gilt auch zunehmend für den skandinavischen und nordischen Raum, wo das früher selbstverständliche Publizieren auf Deutsch inzwischen weitgehend aus der Mode gekommen ist. Ebenso trifft dies zumeist für Teilnehmer: innen aus dem englischen Sprach‐ raum zu. Forschungsaufenthalte in Deutschland, etwa mit einem Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, können einen Rahmen bieten, in dem Deutschkenntnisse erworben oder vertieft werden, und können daher förderlich sein, zumindest für das Sprachverstehen, gelegentlich auch für den aktiven Gebrauch des Deutschen. Man kann fragen, ob die überwältigende Dominanz der englischen Spra‐ che nicht zu einem einseitigen und damit eingeschränkten Verständnis von Internationalisierung beiträgt. Auch das Französische etwa ist eine weltweit ge‐ sprochene Sprache; in bestimmten Fachgebieten ist die Verbreitung des Franzö‐ sischen als Konferenz- und Publikationssprache signifikant und erreicht neben Mutter- und Zweitsprachler: innen etwa in Europa, Amerika und Afrika auch Sprecher: innen anderer romanischer Sprachen leichter als das Englische. Dane‐ ben hat auch das Spanische einen großen Rezeptionsbereich auf verschiedenen Kontinenten. Während Französisch etwa in meinem Fach - Neues Testament - neben dem Englischen und dem Deutschen eine Publikationssprache in den führenden Zeitschriften ist (Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft, New Testament Studies), gilt das bislang aber nicht für das Spanische - ob sich das in naher Zukunft ändern wird, ist fraglich. Und auch die Zahl der französischsprachigen Aufsätze in diesen Zeitschriften ist vergleichsweise ge‐ DOI 10.24053/ VvAa-2023-0016 68 Lutz Doering 1 Für die Jahre 2020-2024 hat ZNW einen französischen Aufsatz gebracht (englische: 37; deutsche: 24), NTS sieben (englische: 142; deutsche: 21). 2 Angela Standhartinger, „Where do you want us to go… so you may eat? “ Performing the Lord’s Supper in Cemeteries and-Cities. 3 Seit 2000: Hans-Josef Klauck (2003, Bonn); Barbara Aland (2005, Halle); Andreas Lindemann (2009, Wien); Udo Schnelle (2014, Szeged); Michael Wolter (2017, Pretoria). 2018 in Athen hielt der Schweizer Neutestamentler Jean Zumstein die presidential address auf Französisch. ring. 1 Auf dem General Meeting der internationalen Fachgesellschaft Studiorum Novi Testamenti Societas (SNTS), die Englisch, Deutsch und Französisch als Kongresssprachen anerkennt, wird es zunehmend schwierig, französische main papers zu besetzen, und der Kreis der Zuhörenden bei diesen Vorträgen ist überschaubar. Aber auch das Deutsche hat einen immer schwereren Stand. Auf dem General Meeting der SNTS 2024 in Melbourne hielt die in diesem Jahr amtierende deutschsprachige Präsidentin der Gesellschaft ihre presidential address auf Englisch. 2 Das war bei den letzten Malen mit deutschsprachiger Präsidentschaft noch anders gewesen, nicht nur dann, wenn das Meeting im deutschsprachigen Raum stattfand. 3 Es ist nachvollziehbar, dass in besonders sensiblen Kontexten der Gebrauch des Englischen die beste Wahl ist. Gleichwohl ist die Tendenz einer Beschränkung der Wissenskommunikation auf die engli‐ sche Sprache unübersehbar. Es gibt also durchaus Gründe zum Unbehagen an diesen einseitig mit dem Englischen verbundenen Implikationen der Internationalisierung. Eine der sich daraus ergebenden Fragen ist, wann und in welchen Kontexten Wissenskom‐ munikation und Publikation noch in deutscher Sprache stattfinden sollen. Das Deutsche ist ja eine etablierte Wissenschaftssprache, mit einer ihr eigenen Begrifflichkeit, einer eingeführten Begriffsgeschichte und einer ihr innewoh‐ nenden Generativität neuer Begriffe. Und vor allem ist es eine Sprache, in der Nuancierungen und Gewichtungen häufig in recht variabler Weise angebracht werden können. „We have been waiting for the verb“, sagte mir mal ein briti‐ scher Kollege nach der Teilnahme an einem deutschsprachigen Vortrag. Diese Variabilität der deutschen Sprache, bei der man einen erläuternden Nebensatz einschieben oder auch einmal mit dem Verb zuwarten kann (bzw. im Fall eines Infinitivs: muss), bis Anderes, Wesentliches ausgesprochen ist; die Fähigkeit zur Bildung von neuen Begriffen, v. a. Komposita („Redaktionsgeschichte“, „Fort‐ schreibung“, „Tradentengruppe“, „halachageschichtlicher Vergleich“); und der mit den Eigenschaften der deutschen Sprache gegebene, eigene Diskursaufbau sind gute Gründe, am Deutschen als Wissenschaftssprache auch im Zeitalter der Internationalisierung festzuhalten. Hinzu kommt die leichtere Rezipierbarkeit DOI 10.24053/ VvAa-2023-0016 Schreiben wissenschaftlicher Publikationen auf Englisch 69 4 Solches Englisch findet insbesondere in Großbritannien beißenden Spott. Vgl. für Beispiele aus dem alltäglichen Sprachgebrauch Croker, Lost in Translation; Stone, Lost in Translation; siehe auch Littger, The devil lies in the detail. eines deutschsprachigen Textes bei mindestens manchen muttersprachlichen Leser: innen. Ich komme am Ende des Beitrags darauf zurück. Wo das Deutsche als Muttersprache im akademischen Diskurs gar nicht mehr verwendet wird, tritt häufig schlechtes, unidiomatisches Englisch an seine Stelle. 4 Beispiele dafür sind leider nicht selten zu finden: in Instituten und Fachbereichen an Universitäten im deutschsprachigen Raum, die mit Blick auf die Lehre, teilweise aber auch die gesamte fakultätsinterne Kommunikation, auf das Englische umgestellt haben; oder in englischsprachigen Publikationen, die die Schalen der Übersetzungssprache nicht genügend abgestreift haben. Hinzu kommen gegebenenfalls die bekannten, den Sprecher: innen meist gar nicht bewussten Missgriffe des „Denglischen“ wie beamer (was sich leider im universitären Kontext hartnäckig hält), handy, home office oder public viewing. Ein solches auf die deutsche Grundlage unverkennbar zurückverweisendes Übersetzungs-Englisch zu hören oder zu lesen, ist trotz der unfreiwilligen Komik kein wirkliches Vergnügen. Für meine eigene Praxis des Schreibens englischsprachiger Publikationen war es zunächst grundlegend, dass ich bereits während der Arbeit an meiner (auf Deutsch verfassten) Doktorarbeit von meinem Zweitbetreuer zu zwei in‐ ternationalen, englischsprachigen Konferenzen nach Cambridge und Jerusalem mitgenommen wurde. Das hatte zur Folge, dass ich drei noch während der Promotionszeit entstandene Aufsätze auf Englisch veröffentlichte - und sie auch in dieser Sprache schrieb (dazu gleich mehr). Sodann wurde ich 2004 auf eine unbefristete Stelle am King’s College London berufen und war seitdem zehn Jahre im Vereinigten Königreich beschäftigt, fünf Jahre in London und fünf Jahre an der Durham University. Das bedeutete für mich, einen erheblichen Teil meiner frühen selbständigen wissenschaftlichen Tätigkeit, beginnend bei den Bewerbungsverfahren, ganz in einem englischsprachigen Kontext zu verbrin‐ gen - und dabei natürlich auch in die idiomatischen Eigenheiten einer Form des (akademischen) Englisch einzutauchen. Ich habe dann mein second book, auch in Deutschland als Habilitationsschrift eingereicht, auf Englisch geschrieben. Ich bin der Ansicht, dass (mindestens in den Geistes- und Sozialwissenschaf‐ ten) der Anspruch an Stil und sprachliches Niveau einer wissenschaftlichen Publikation auf Englisch ebenso hoch sein muss wie bei einer deutschsprachi‐ gen Veröffentlichung. Das heißt, es ist korrektes und idiomatisches Englisch erforderlich. Das ist zum einen für die Satzebene relevant: An der Reihenfolge subject - predicator - object führt in deklarativen Sätzen meist kein Weg vorbei; DOI 10.24053/ VvAa-2023-0016 70 Lutz Doering 5 Vgl. Leech u. a., English Grammar, 33.75.85.116 („in the context of English as a whole, the S P O order is usual“), doch vgl. 114f. für begrenzte Fälle von Umstellung und 11f. für Vergleiche mit anderen Sprachen. Zur Terminologie: Bei Leech u. a. bezeichnet predicator das das Prädikat einleitende Verb. 6 Vgl. Leech u. a., English Grammar, 172, die freilich die Bedeutung der „Regeln“ relativieren, aber zugleich raten (182): „It is best … to keep to these ‚rules‘ unless there are bad consequences of obeying them which outweigh the good consequences.“ 7 Mit Humor und Ernst zugleich begegnet diesem Problem Truss, Eats, Shoots & Leaves. 8 Vgl. Leech u.-a., English Grammar, 49f. gegebenenfalls werden sie erweitert um complement und adverbial. 5 Anders als bei der flexiblen Platzierung im Deutschen stehen temporale Adverbiale entweder an letzter Stelle oder, mit Komma abgetrennt, an erster. Wenn man es genau nimmt, haben die verschiedenen Arten von if-clauses (Realis, Potentialis, Irrealis) feste Tempusbzw. Modus-Entsprechungen, wobei etwa beim Potenti‐ alis im if-Satz regelgerecht nicht Konditional, sondern eine Vergangenheitsform steht (if this were …, we might conclude …). Nach den konventionellen „Regeln“ für formales schriftliches Englisch wird das Futur der ersten Person mit shall, nicht will, gebildet, wovon heute freilich häufig abgewichen wird. 6 Es macht für die Zeichensetzung einen Unterschied, ob ein Relativsatz zur Näherbestimmung erforderlich (dann ohne Komma) oder nur erläuternd ist (dann mit Komma). Darüber hinaus gilt, dass vor „that“ als Relativpronomen nie ein Komma steht. Einzuräumen ist, dass die Zeichensetzung auch - und vielleicht gerade - für native speakers oft eine Herausforderung bleibt. 7 Ferner müssen die „kleinen“ Wörter wie also, too oder still und auch die Adverbien an der richtigen Stelle in Bezug auf das Prädikat stehen - ich gestehe, dass mir das nicht immer gelingt, wofür dann die letzte Durchsicht durch Muttersprachler: innen wichtig bleibt. Idiomatische Wendungen sind elegant und beleben den Text, müssen aber als solche treffsicher gebildet werden (z.-B. I had better go, mit Infinitiv). Doch nicht nur die Ebene des Satzes ist relevant. Die gesamte Anlage und Konstruktion einer Argumentation ist im Englischen anders als im Deutschen. Die Argumentation wird Schritt für Schritt mit adverbialen Signalwörtern (sentence adverbs) 8 vorangetrieben - folgernd, erweiternd, einschränkend oder widersprechend: therefore, moreover, nevertheless oder however leiten meist Sätze in der gewohnten Ordnung Subjekt - Prädikat - Objekt ein, mit denen die Argumentation entfaltet wird. Schachtelsätze sind dabei zu vermeiden, unnötige Randbemerkungen sollten unterbleiben. Gutes Englisch zeigt eine zwanglose, aber sichere Regelhaftigkeit, die im Deutschen keine genaue Entsprechung hat. So müssen z. B. die Wortpaare either … or und both … and genau parallel stehen, also nicht both for A and B, sondern for both A and B oder aber both for A and for B. Guter englischer Stil ist konzis und gut lesbar. Ähnlich wie im Französischen ist DOI 10.24053/ VvAa-2023-0016 Schreiben wissenschaftlicher Publikationen auf Englisch 71 9 Entsprechende Ratgeber sind zahlreich. Ein Beispiel ist Turley, Writing Essays. 10 Vgl. Turley, Writing Essays, 94: „Footnotes do not exist to host secondary or tertiary discussions, no matter how tempting this may seem. They are also not there to act as a dumping ground for anything not quite good enough to make it into your main text. Learn to let go! “ 11 Das ist auch eine Möglichkeit, den ungefähren Inhalt deutschsprachiger Vorträge auf internationalen Konferenzen Teilnehmer: innen zu erschließen, deren Deutschkennt‐ nisse für ein Hörverstehen nicht ausreichen. auch im Englischen der Essay das Vorbild wissenschaftlichen Schreibens; Essay- Schreiben spielt insbesondere in der Hochschulbildung eine wesentlich größere Rolle als im deutschsprachigen Raum. 9 Der englische Essay, insbesondere der veröffentlichte, kann unter Umständen ganz ohne Anmerkungen auskommen; vielfach begnügt er sich mit Endnoten, die man nachschlagen kann, aber nicht muss. Die im Deutschen so beliebte ausführliche Fußnote, mit der zum Obertext gleichsam ein zweites Programm geliefert wird, wird als überladen und nicht sachgerecht empfunden. 10 Da die Argumentation anders angelegt ist und andere Schwerpunkte aufweist als im Deutschen, empfiehlt es sich, eine wissenschaftliche Publikation, die auf Englisch erscheinen soll, auch auf Englisch zu schreiben. Gewiss, auch eine Übersetzung eines auf Deutsch vorformulierten Textes ist möglich, aber die Umstellung auf einen in seiner Argumentation „anders konstruierten“ englischen Text ist mühsam und erfordert, wenn sie gut gemacht werden soll, beachtliche Umformulierungen. Beim heutigen Stand der KI erzielt auch eine automatisierte Übersetzung überzeugende Resultate, wobei die beschriebenen Unterschiede auf Satzebene sowie der andersartige Satzanschluss (however etc.) bereits bedient werden können, kaum jedoch andere Aspekte der Textkonstruk‐ tion wie der zielorientierte Aufbau. Mancher übersetzte Text klingt eben auch auf Englisch noch Germanic - und das ist nicht gerade als Kompliment gemeint. Eine in der momentanen Situation denkbare Lösung wäre die Anfertigung einer Rohübersetzung eines auf Deutsch formulierten Textes mittels einer KI, 11 auf den dann aber eine nach den Grundlagen „englischen“ Schreibens verfahrende Nachbearbeitung folgen muss. Im Fall einer Übersetzung ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass „Wörtlichkeit“ gegebenenfalls das in der anderen Sprache Gemeinte verfehlt und dass es Aspekte gibt, die nicht „linear“ übersetzt werden können. Wer sich hingegen darauf einlässt, einen Aufsatz grundständig auf Englisch zu schreiben, hat die Chance, sich die stärker regelbasierte und zielführende Ar‐ gumentationsweise anzueignen, wie sie insbesondere im Abfassen von englisch‐ sprachigen Essays üblich ist. Das Resultat wird sein, dass solche Texte weltweit, auch von englischen Muttersprachler: innen, als acceptable English wahrgenom‐ DOI 10.24053/ VvAa-2023-0016 72 Lutz Doering 12 Dazu gehört auch der Vortrag eines main paper im Fall, dass es auf Deutsch als einer der anerkannten Kongresssprachen gehalten werden soll (siehe oben). men und zitiert werden. In meiner eigenen Schreib- und Veröffentlichungspraxis haben derartige Erfahrungen zu einer situativen, gleichsam textpragmatischen Differenzierung geführt: Auf Englisch schreibe und publiziere ich in der Regel, wenn ich in gut lesbarer Form in den internationalen Diskurs eingreifen und po‐ tenziell global (wenn auch mit einer Bevorzugung der englischsprachigen Welt, siehe oben) rezipiert werden möchte. Auf Deutsch schreibe und publiziere ich, wenn ich speziell ein deutschsprachiges Publikum erreichen möchte oder soll, 12 meinen eigenen muttersprachlichen „Ton“ finden und zur Geltung kommen lassen möchte oder die Rezeption durch deutschsprachige Studierende im Blick habe. Für Letzteres ist auch zu beachten, dass es bestimmte Buchformate wie Bibelkunden oder exegetische Methodenlehrbücher fast gar nicht auf Englisch gibt, weil das entsprechende Lehrformat (Bibelkunde, exegetisches Proseminar) in englischsprachigen Ländern jeweils kein Äquivalent hat. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Schreiben wissenschaftlicher Pu‐ blikationen auf Englisch sehr große Chancen bietet, insbesondere mit Blick auf eine breite internationale Rezeption. Zugleich stellt sich an solch ein Schreiben die Herausforderung, klares, idiomatisches Englisch und einen sicheren engli‐ schen Stil in der Entwicklung der Argumentation zu verwenden. Etwaige Über‐ setzungen aus dem Deutschen müssen den Eigenheiten dieses Stils Rechnung tragen; daher empfiehlt es sich in erster Linie, englischsprachige Publikationen von vornherein „auf Englisch zu denken“ und in dieser Sprache abzufassen. Übersetzungen ins Englische ebenso wie englische Texte, die deutsche Mutter‐ sprachler: innen verfasst haben, sollten in jedem Fall von native speakers noch einmal durchgesehen werden. Zugleich bietet die ausschließliche Publikation in englischer Sprache - mindestens im Bereich der Geisteswissenschaften - die Gefahr der intellektuellen Verarmung: Lebendige und produktive Aus‐ drucks- und Argumentationsformen drohen verlorenzugehen, eine gewachsene Wissenschaftstradition kommt zum Erliegen, und ein bestehender Kreis von Rezipient: innen wird nicht mehr unmittelbar bedient. Das Veröffentlichen auf Deutsch hat neben dem Publizieren auf Englisch einen eigenen „Sitz im Leben“ und damit ein bleibendes Recht. Es ist sogar möglich, dass mit fortschreitender Entwicklung der KI deutschsprachige Texte - wenigstens behelfsmäßig - auch international von breiteren Kreisen erschlossen werden können. DOI 10.24053/ VvAa-2023-0016 Schreiben wissenschaftlicher Publikationen auf Englisch 73 Literaturverzeichnis Croker, Charlie: Lost in Translation. Misadventures in English Abroad, London 2006. Leech, Geoffrey u. a.: English Grammar for Today. A New Introduction, Basingstoke 1982. Littger, Peter: The Devil Lies in the Detail. Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache, Köln 2015. Stone, Chris: Lost in Translation. The English Language Taken Hostage at Home and Abroad, London 2012. Truss, Lynne: Eats, Shoots & Leaves. The Zero Tolerance Approach to Punctuation, London 2003. Turley, Richard M.: Writing Essays. A Guide for Students in English and the Humanities, London 2 2015. DOI 10.24053/ VvAa-2023-0016 74 Lutz Doering
