eJournals Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)8/2

Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)
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2366-0597
2941-0789
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VvAa-2023-0019
vvaa82/vvaa82.pdf0330
2026
82 Fischer Heilmann Wagner Köhlmoos

Schreiben, schreiben, schreiben oder mit Übung zur Expertise

0330
2026
Ludger Hiepelhttps://orcid.org/0000-0003-4473-3399
Schreiben ist ein Handwerk, das man erlernen kann. Durch wachsende Erfahrung wird Schreiben immer mehr zu einer üblichen Praxis wie etwa für eine:n Schreiner:in berufliche Erfahrung und handwerkliches Können zu Meisterleistungen – und entsprechendem Meistertitel – führen. Das deutsche Sprichwort „Übung macht den Meister“ ist weit verbreitet und wird häufig verwendet, um genau das zu betonen. Im Verlauf eines Studiums lernt man, seine Schreibprozesse bewusster zu steuern, entsprechend des eigenen Schreibtyps zu gestalten und damit auch das Handwerk von Theolog:innen immer besser zu beherrschen. Im Wissen und fortwährenden Weiterlernen, welches Vorgehen beim Schreiben individuell gut funktioniert und was eine gute Hausarbeit ausmacht, können sowohl der Schreibprozess als auch die Schreibprodukte immer besser gelingen. Daher ist es wichtig, immer wieder und wieder zu schreiben. Das exegetische Proseminar – vielfach verbunden mit dem Verfassen einer exegetischen Hausarbeit – steht in den jeweiligen Curricula für das Studium der Theologie oder Religionslehre meist in den ersten Semestern an. In manchen Studienplänen begleiten Lehrveranstaltungsformate wie eine „Schreibwerkstatt“ oder Übungen „Schreiben im Theologiestudium“ das Abfassen der ersten Hausarbeit. Unabhängig davon, ob solche Formate etabliert sind, ist es sinnvoll, bereits im Verlauf des Proseminars den Studierenden immer wieder Schreibaufgaben zu geben, damit neben der exegetischen Methodik auch Erfahrungen und Kompetenzen im wissenschaftlich-exegetischen Schreiben erworben werden können. Im Folgenden werden drei ausgewählte und erprobte Möglichkeiten vorgestellt, die das Abfassen der Hausarbeit im exegetischen Proseminar vorbereiten und begleiten. Bei der exegetischen Arbeit im Proseminar wird mit den biblischen Texten gearbeitet. In der Regel steht, wenn Sprachkenntnisse in Hebräisch und/oder Griechisch vorhanden sind, in den ersten Sitzungen das Erstellen einer eigenen Arbeitsübersetzung an. Diese ist dann häufig zusammen mit dem ursprachlichen Text die Grundlage für die weitere Arbeit im Proseminar, auf der die exegetischen Methoden vorgestellt und eingeübt werden. Hier haben sich in der akademischen Lehre zwei Wege bewährt: das exegetische Lerntagebuch und/oder konkrete Schreibaufgaben für das parallel zum Proseminar angelegte Abfassen der Hausarbeit. Sie sind der Idee schreibend lernen verpflichtet.
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1 Lena Seehausen ist Dekanatsrätin der Theologischen Fakultät und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neutestamentliche Wissenschaft jeweils an der Universität Leipzig. 2 Eva Maria Viziotis ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neutestamentliche Wissenschaft an der Universität Leipzig. Schreibwerkstatt im Neuen Testament Lena Seehausen 1 / Eva Maria Viziotis 2 1 Einleitung „Mir fehlt einfach die Übung beim Schreiben.“ - Diesen Satz haben wir Lehren‐ den von unseren Student: innen im Rahmen ihrer verschiedenen Schreibaufga‐ ben (Essay, Portfolio etc.) nicht nur einmal gehört. Über die Semester hinweg wurde uns bewusst, dass im Theologiestudium der Raum für das Erlernen des Schreibens an sich und natürlich des wissenschaftlichen Schreibens im Besonderen nicht mitgedacht ist. Menschen, die anfangen, an einer Universität zu studieren, haben bereits ihre Schulzeit hinter sich und das Abitur in der Tasche. Die Fähigkeit zu schreiben wird als Kompetenz vorausgesetzt. Aber die Schreibprojekte in der Schule differieren doch in vielen Fällen sehr von denen an der Universität. Hier werden die Themen und Fragestellungen komplexer und die Student: innen beginnen, sich schreibend in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen. Das verlangt mehr als die Beherrschung von Rechtschreibung und Zeichensetzung. Die Student: innen werden dabei oft von großen Unsicherheiten und Ängsten begleitet: Wie gehe ich bei der Planung meiner Hausarbeit vor? Was ist eigentlich wissenschaftliches Schreiben? Wie finde ich meinen eigenen Stil? Was darf ich und was darf ich nicht? Bei uns Lehrenden ist daher über die Zeit der Wunsch gereift, an unserer Fakultät einen Raum zu eröffnen, in dem sich die Studierenden mit dem Prozess des Schreibens in all seiner Komplexität beschäftigen, gegenseitig unterstützen DOI 10.24053/ VvAa-2023-0019 3 Wir freuen uns, dass wir an dieser Stelle über unser Konzept und unsere Erfahrungen berichten dürfen. Im Entstehungsprozess dieses Textes sind einige Techniken und Tools aus unserer Werkstatt zum Einsatz gekommen. Besonders freuen wir uns, dass Aaron Rother, Teilnehmer unseres Kurses, im Rahmen einer Feedback- und Überarbeitungs‐ runde mitgewirkt hat. 4 Vgl. Elbow, Freewriting, 46-55 und Levy, Genius, 15-44. und vernetzen können. Im Wintersemester 2023/ 24 konnten wir nun erstmalig eine derartige Schreibwerkstatt anbieten. 3 2 Ziele der Lehrveranstaltung und ihre Einbettung ins Studium Generelles Ziel der Schreibwerkstatt ist es, die Studierenden dafür auszustatten, mit Freude und Know-How an das Schreiben von Seminar- und Abschlussarbei‐ ten, Praktikumsberichten, Portfolios, Essays und auch Predigten heranzugehen. Um dies zu erreichen, müssen zwei Ebenen in den Blick genommen werden: die emotionale und motivationale Seite des Schreibens sowie die praktische Herangehensweise, also die Fertigkeiten des Schreibens. Beides ist eng mitein‐ ander verbunden. Die meisten Schreibängste und -blockaden haben damit zu tun, dass wir nicht wissen, was einen guten Text auszeichnet, insbesondere wenn es sich um einen wissenschaftlichen Text handelt. So ist es das primäre Ziel, die Freude am Schreiben zu wecken sowie Ängste und Unsicherheiten zu nehmen. Die Studierenden sollen durch viele praktische Übungen Selbsterfahrung sammeln und dadurch ihren eigenen Weg des Schreibens finden und lernen, Schreib- und Denkblockaden zu überwinden. Es ist außerdem entscheidend, die Etappen des Schreibens bei der Anferti‐ gung von größeren Projekten zu verstehen. Die Studierenden sollen einen möglichen Fahrplan zur Orientierung bekommen; damit hängt auch das Ent‐ werfen von realistischen Zeitplänen zusammen. Ein weiteres Lernziel ist es, den besonderen Wert von Rohtexten für den eigenen Schreibprozess hin zu einem Endtext herauszustellen. Durch das Ver‐ fassen von Rohtexten kommen die Teilnehmer: innen in einen Schreibfluss und lernen so, ihre Gedanken zügig ‚vom Kopf aufs Blatt‘ zu bringen. Das Einüben des sog. Freewritings 4 ist daher ein besonderes Anliegen der Schreibwerkstatt. Ausgehend davon ist es das Ziel, die Studierenden zur Bearbeitung ihrer eigenen Rohtexte zu befähigen. Ein wichtiger Punkt ist an dieser Stelle auch die Frage, welche Kriterien Texte erfüllen müssen, um wissenschaftliche Texte zu sein. Hier will die Schreibwerk‐ statt die Angst vor dieser Hürde nehmen und Mythen entlarven. DOI 10.24053/ VvAa-2023-0019 92 Lena Seehausen/ Eva Maria Viziotis Die Lehrveranstaltung kann auf diese Weise grundlegende Schreibkompe‐ tenzen für alle theologischen Fächer bieten. Sie kann sowohl zu Beginn des Studiums als auch am Ende für die Vorbereitung auf die Examensarbeit belegt werden. Die Schreibwerkstatt kann auch dann gewinnbringend sein, wenn möglichst viele Studierende aus unterschiedlichen Phasen des Studiums daran teilnehmen, sodass sie sich gegenseitig mit ihren Fragen und Erfahrungen weiterhelfen können. Die Lehrveranstaltung bietet die Möglichkeit, Schreib- Skills für das Verfassen von Seminararbeiten etc. über das Erlernen von fach‐ wissenschaftlichen Methoden hinaus zu trainieren. Die Schreibwerkstatt will für die spätere Praxis die Freude am Schreiben wecken, z. B. für das Verfassen von Predigten, Andachten, das Schreiben von Artikeln im Gemeindekontext oder für die schriftliche Vorbereitung von Unter‐ richtsplanung, -materialien und Schulgottesdiensten im Religionsunterricht. 3 Didaktische Herausforderungen Neben den Anforderungen, die die erstmalige Planung einer Lehrveranstaltung generell mit sich bringt, haben sich zwei Aspekte als besonders herausfordernd bei der Planung der Schreibwerkstatt herausgestellt: das Thema und die Gruppe. Das Thema ‚Schreiben‘ ist für sich schon komplex und gewinnt durch die Einbettung in Wissenschaft (und Exegese) noch weitere Dimensionen hinzu. Es gilt hier einen Ansatz zu finden, bei dem innerhalb eines Semesters möglichst viele Aspekte und Perspektiven fokussiert werden können, ohne dabei nur an der Oberfläche zu kratzen. Schreiben lernt man am besten beim Schreiben. Es muss daher eine gute Balance gefunden werden zwischen Theorie und Praxis; hilfreiche Literatur, aber auch Selbsterfahrung und Schreibübungen müssen gleichermaßen ihren Raum haben. Die Beschäftigung mit dem eigenen Schreiben ist zudem ein sehr intimes und sensibles Thema. Es ist demnach stark mit der eigenen Persönlichkeit und mit eigenen Erfahrungen verbunden. Als Lehrperson steht man deswegen vor der Herausforderung und Verantwortung, eine geschützte Atmosphäre zu schaffen und eine Zusammenarbeit in der Gruppe zu ermöglichen, die von Offenheit, Vertrauen und Respekt geprägt ist. Die Zusammenstellung der Gruppe der Teilnehmer: innen stellt sowohl bei der Planung als auch bei der Durchführung eine sehr große Herausforderung dar. Bis zu Beginn der Lehrveranstaltung ist meist nicht klar, wie groß die Gruppe tatsächlich sein wird und welche Fachsemester vertreten sein werden. Beide Faktoren sind eigentlich für die inhaltliche, didaktische und methodische Planung entscheidend. Es ist im Vorfeld also nicht absehbar, in welchem DOI 10.24053/ VvAa-2023-0019 Schreibwerkstatt im Neuen Testament 93 5 Vgl. Wolfsberger, Frei geschrieben. Maß Vorerfahrungen und Vorwissen vorhanden sind und ob die Studierenden aktuelle Schreibprojekte mitbringen, an denen sie arbeiten möchten. Die Lehr‐ veranstaltung muss demnach inhaltlich und methodisch so konzipiert sein, dass sie logisch und vielseitig aufgebaut ist, aber auch genügend Spielraum lässt, um gegebenenfalls flexibel auf die tatsächliche Gruppengröße und Bedürfnisse der einzelnen Teilnehmer: innen eingehen zu können. 4 Curriculum für ein Semester 4.1 Grundlegende Vorbemerkungen Inhaltliche Grundlage für die durchgeführte Schreibwerkstatt ist das Buch Frei geschrieben von Judith Wolfsberger. 5 Es ermöglicht einerseits einen leichten Einstieg in die Thematik und ist gleichzeitig ein zentraler Begleiter für die Schreibpraxis weit über die Zeit der Werkstatt hinaus. Es beinhaltet zudem viele wertvolle Literaturhinweise, die eine Vertiefung einzelner Bereiche je nach Bedarf und Interesse ermöglichen. Die Durchführung der einzelnen Sitzungen ist unterschiedlich angelegt und von verschiedenen Lehr-, Arbeits- und Sozialformen geprägt. Fester Bestandteil in allen Sitzungen ist jedoch eine kleine kreative Schreibübung zu Beginn, z. B. in Form des sog. Freewritings. Hierfür stellten wir den Teilnehmer: innen am Anfang des Semesters Notizhefte und Bleistifte zur Verfügung. Dieser Einstieg im Zusammenspiel mit einem Stuhlkreis anstelle der starren Sitzordnung eines Frontalunterrichts sorgt sofort für eine aufgelockerte Atmosphäre und baut das Gefühl von Hierarchien ab, was sich wiederum positiv auf ein vertrauensvolles Miteinander auswirkt. Ein weiterer Bestandteil aller Sitzungen ist das selbst‐ ständige Arbeiten zu Hause, entweder als vor- oder nachbereitende Lektüre oder in Form von praktischen Schreibübungen, bei denen das Gelernte getestet und angewendet werden kann. Im Folgenden findet sich eine Übersicht der Themen in entsprechender Reihenfolge unserer Werkstatt. Sie ist für ein Semester mit zwölf Sitzungen à zwei SWS angelegt. Es handelt sich hierbei lediglich um eine Möglichkeit von vielen und soll daher nur als Beispiel und Orientierung dienen. Das Konzept sollte in jedem Fall immer an die jeweiligen Rahmenbedingungen der Fakultät oder des Instituts, sowie die spezifischen Herausforderungen und die Kompetenzen der einzelnen Teilnehmer: innen angepasst werden. DOI 10.24053/ VvAa-2023-0019 94 Lena Seehausen/ Eva Maria Viziotis 6 An dieser Stelle möchten wir uns herzlich für die Gespräche und die Zusammenarbeit mit Dr. Friederike Kunath bedanken und auf ihr Angebot als Schreibcoach verweisen: https: / / www.schreibstimme.ch/ . 4.2 Die thematischen Schwerpunkte der einzelnen Sitzungen 1. Konstituierende Sitzung Die erste Sitzung ist sehr entscheidend. Hier wird der Grundstein gelegt und der Rahmen für das gesamte Semester geschaffen. Ein gutes Kennenlernen aller - Teilnehmer: innen und Lehrende gleichermaßen - ist wichtig, um die Wünsche und Erwartungen der Gruppe zu erfahren. Hierzu gehört auch unbedingt die Absprache, dass die Werkstatt ein geschützter Raum sein soll. Alle Fragen und Sorgen dürfen geäußert werden: What is said in the room stays in the room! Fragen für diese Sitzung können sein: • Warum bin ich hier? • Was will ich mitnehmen? • Welche Schreiberfahrungen habe ich schon gemacht? • Gibt es aktuelle Schreibprojekte? 2. Schreiborte, Materialfragen, Schreibtyp Hier geht es darum, die eigenen Rahmenbedingungen für erfolgreiches Schrei‐ ben abzustecken. Wo und womit kann ich gut schreiben? Was brauche ich noch? Welcher Schreibtyp bin ich? 6 3. Planung und Rahmenbedingung Der Schwerpunkt dieser Sitzung liegt zum einen auf der Frage nach den Hinderungsgründen, denen die Teilnehmer: innen beim Schreiben begegnen und welche Lösungen es dafür geben könnte. Zum anderen geht es um die Aspekte Projektplanung (z. B. welche Schritte gehören zum Verfassen einer Hausarbeit dazu? ) und Zeitmanagement. DOI 10.24053/ VvAa-2023-0019 Schreibwerkstatt im Neuen Testament 95 7 Vgl. z.-B. Elbow, Freewriting, 46-55 und Levy, Genius, v. a. 13-44. 8 Vgl. z.-B. Cameron, Weg, v. a. 32-45 und Wolfsberger, Frei geschrieben, 74f. 9 Wolfsberger, Frei geschrieben, 94-97. 10 Vgl. Wolfsberger, Frei geschrieben, 222-225. 4. ‚Ins Schreiben kommen‘ - Freewriting und Morgenseiten Das Konzept des Freewritings 7 wird vorgestellt und getestet. Einführung in die Idee der sog. Morgenseiten. 8 5. Ein Thema finden Ideenfindung und Hilfestellung beim Formulieren einer Forschungsfrage. 6. Recherche Wo finde ich passende Literatur? Wie wähle ich aus? Wie verwalte ich meine Literatur? Wie verfasse ich gute Exzerpte? 7. Struktur der Arbeit Der Weg zu einer Gliederung, z.-B. mithilfe von „clustering“. 9 8. Rohtext Hier wird die Idee des Rohtextes vorgestellt und damit der Mut zugesprochen, einfach zu schreiben; überarbeiten kann man später noch! 9. Schreibangst Die Schreibangst ist eines der größten Hindernisse auf dem Weg der Gedanken vom Kopf auf das Blatt. Deshalb soll dieser Thematik eine ganze Sitzung gewidmet sein. Wovor habe ich eigentlich Angst? Wie kann ich mit dieser Angst umgehen? Wie kann ich mich vielleicht sogar von ihr lösen? 10. Feedback und Überarbeitung Der erste Rohtext steht! Nun darf man sich Feedback einholen und mit den hinzugewonnenen Kenntnissen und einem zusätzlichen „Handwerkskoffer“ 10 den eigenen Text überarbeiten. Es geht also darum, mit welchen sprachlichen DOI 10.24053/ VvAa-2023-0019 96 Lena Seehausen/ Eva Maria Viziotis 11 Vgl. Wolfsberger, Frei geschrieben, 222, und Märtin, Erfolgreich texten. und stilistischen Mitteln die Rohtexte so bearbeitet werden können, dass sie einfach, prägnant, strukturiert und reizvoll werden. 11 11. Wissenschaftliches Schreiben Was ist wissenschaftliches Schreiben? Wann und wie wird ein Text zu einem wissenschaftlichen Text? Wie finde ich meinen eigenen wissenschaftlichen Sprachstil? Und wie zitiere ich eigentlich richtig? 12. Abschlusssitzung Die letzte Sitzung steht ganz im Zeichen der Zusammenfassung und Evaluation der Schreibwerkstatt. Die Antworten zu den Fragen nach der Motivation und Erwartungshaltung der Teilnehmer: innen aus der ersten Sitzung werden noch einmal mitgebracht. Darauf bezugnehmend können z. B. folgende Fragen beantwortet werden: • Was hat mir gut gefallen? • Was nehme ich tatsächlich mit? • Was hat mir gefehlt? Welche Fragen sind offengeblieben? • Was war gar nicht gut und müsste beim nächsten Mal verändert werden? 5 Reflexion Die Konzeption der Schreibwerkstatt hat sich grundsätzlich als sinnvoll und erfolgreich herausgestellt. Es ist gelungen, den Studierenden die verschiede‐ nen Facetten vorzustellen, die das Schreiben und das Verfassen von Haus-/ Abschlussarbeiten beinhalten. Mit sieben eingeschriebenen Student: innen, von denen durchschnittlich vier bis fünf anwesend waren, war die Gruppe, mit der wir kontinuierlich gearbeitet haben, verhältnismäßig klein. Dadurch entstand schnell eine lockere Atmosphäre, die gegenseitige Offenheit sowie ausreichend Zeit und Raum für individuelle Fragen und eine Kommunikation auf Augenhöhe ermöglichte. Dies haben wir Lehrenden, aber auch die Teilnehmer: innen als eine große Bereicherung empfunden und entsprach einem unserer selbstgesteckten Ziele. Das Evaluationsgespräch in der letzten Sitzung ergab, dass die Übungen zu bestimmten Schreibtechniken wie Freewriting und Morgenseiten als besonders DOI 10.24053/ VvAa-2023-0019 Schreibwerkstatt im Neuen Testament 97 hilfreich wahrgenommen wurden. So resümierte ein Teilnehmer, dass er für sich die Erkenntnis mitnehme, „dass man wirklich erstmal losschreibt, egal wie katastrophal und schrecklich es klingt.“ Er habe jetzt den Mut, den Text erst einmal stehen zu lassen. Ein anderer bemerkte: „Freewriting kann ich auf alle Lebensbereiche anwenden.“ Ebenfalls gut wurde die vielfältige Menge an Material aufgenommen (siehe Literaturverzeichnis), die den Studierenden zur Verfügung gestellt wurde. Es scheint, als sei die angestrebte Balance von Theorie und Praxis erreicht worden. Von den Teilnehmer: innen wurde zudem gespiegelt, dass die Gestaltung der Lehrveranstaltung von zwei Dozentinnen mit je eigenen Erfahrungen sehr gewinnbringend war. Die kleine Gruppe hatte aber auch ihre Schwierigkeiten. Bei einer höheren Personenzahl wäre eine größere Abwechslung von Methoden und mehr Varianz in den Diskussionen möglich gewesen. Dies lässt sich leider durch Lehrende nur schwer beeinflussen. Für uns Dozentinnen war etwas überraschend, dass, wie die Evaluation gezeigt hat, die Teilnehmer: innen die Schreibübungen für die Nachbzw. Vorarbeit des Seminars als zu frei in der Aufgabenstellung empfunden haben und sich teilweise mehr Druck gewünscht hätten. Unser Anliegen war es, mit Blick auf die gesamte Arbeitsbelastung der Studierenden, den zeitlichen Aufwand von Eigenarbeit beschränkt zu halten. Dies führte letztlich auch zu einer grundsätz‐ lichen Frage für die Gestaltung der Schreibwerkstatt: Sollten die Studierenden als Teilnahmevoraussetzung ein eigenes Schreibprojekt mitbringen müssen, so‐ dass sie ein konkretes Projekt haben, an dem sie während des Semesters arbeiten können, und somit auch die Relevanz der Schreibübungen gesteigert wird? Da eine derartige Voraussetzung jedoch Studienanfänger: innen außen vor ließe und zudem nicht mit den zeitlichen Fristen für Seminararbeiten kombinierbar wäre, scheint sie nicht sinnvoll. Es empfiehlt sich aber zukünftig, zu Beginn der Schreibwerkstatt ein gemeinsames Schreibprojekt zu einem Thema festzulegen. Semesterbegleitend können die Studierenden daran arbeiten, sich gegenseitig mit Überarbeitungen und Korrekturen unterstützen und voneinander lernen. Am Ende des Semesters hätte man so ein gemeinsames schriftliches Ergebnis. Literaturverzeichnis Boalker, Joan (Hg.): The Writer’s Home Companion. An Anthology of the World’s Best Writing Advice, From Keats to Kunitz, New York 1997. Cameron, Julia: Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität, München 2019. DOI 10.24053/ VvAa-2023-0019 98 Lena Seehausen/ Eva Maria Viziotis Elbow, Peter: Freewriting, in: Bolker, Joan (Hg.): The Writer’s Home Companion. An Anthology of the World’s Best Writing Advice, From Keats to Kunitz, New York 1997, 46-55. Klöckener, Monnica: Schreiben im Theologiestudium (Schreiben im Studium 12/ UTB 5850), Opladen 2022. Krogerus, Mikael/ Tschäppeler, Roman: Machen. Eine Anleitung fürs Loslegen, Dranblei‐ ben und zu Ende führen, Zürich 5 2021. Kruse, Otto: Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durchs Studium, Frankfurt a.-M. 12 2007. Kunath, Friederike: Der Gamechanger für deine Masterarbeit. Sofort umsetzbare Stra‐ tegien für Studierenden mit Job, im Zweitstudium oder in der Weiterbildung, https: / / www.schreibstimme.ch/ lm-gamechanger-lp. Letzter Zugriff: 22.06.2025. Lenarz, Jan/ Glimbowski, Milena: Ein guter Plan, Berlin 2022. Levy, Mark: Accidental Genius. Using Writing to Generate Your Best Ideas, Insight and Content, Oakland 2 2010. Märtin, Doris: Erfolgreich texten. Klarer schreiben - Überzeugender ansprechen - Wirkungsvoller kommunizieren, Frankfurt a.-M. 5 2019. Wolfsberger, Judith: Frei geschrieben. Mut, Freiheit und die Strategie für wissenschaftli‐ che Abschlussarbeiten (UTB 3218), Wien 5 2021. DOI 10.24053/ VvAa-2023-0019 Schreibwerkstatt im Neuen Testament 99