eJournals Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)8/2

Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)
vvaa
2366-0597
2941-0789
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VvAa-2023-0022
vvaa82/vvaa82.pdf0330
2026
82 Fischer Heilmann Wagner Köhlmoos

Christine Wenona Hoffmann/Ann-Kathrin Knittel: Predigt und Exegese im Atelier. Ein Praxisbuch

0330
2026
Milena Hasselmann
vvaa820113
1 Milena Hasselmann ist Studienleiterin des Studienprogramms „Studium in Israel“ in Jerusalem. Christine Wenona Hoffmann/ Ann-Kathrin Knittel: Predigt und Exegese im Atelier. Ein Praxisbuch Rezensiert von Milena Hasselmann 1 Bibliographische Details: Hoffmann, Wenona Christine/ Knittel, Ann-Kathrin: Predigt und Exegese im Atelier. Ein Praxisbuch, Stuttgart 2023, 172 S. mit 10 Abb., ISBN 978-3-17-041654-3, https: / / shop.kohlhammer.de/ predigt-und-exe gese-im-atelier-41654.html#147=19 Christine Wenona Hoffmann, Praktische Theologin, und Ann-Kathrin Knittel, Pfarrerin und Alttestamentlerin, legen ein Praxisbuch vor, das sich der guten Predigt widmet. Die gute Predigt zeichnet sich in diesem Werk durch das auf den ersten Blick paradox anmutende Zusammenspiel aus filigran-pedantischer exegetischer Beobachtung und freigeistig-assoziativer Kreativität aus. Eben in diesem Zusammenspiel liege das Potenzial einer Predigt, die wirkt und fesselt und den Hörenden nachhaltig etwas vermittelt, ja sie selbst in eine Beziehung mit dem Text und dem Wort bringt. Die Autorinnen beobachten eine Trennung der Diskurse in Wissenschaft und Verkündigung, Exegese und Kreativität, Handwerklichkeit und Kunstfertigkeit. Sie postulieren die Zusam‐ mengehörigkeit dieser Pole und treten damit vor allem für eine Ehrenrettung der Exegese ein, der innerhalb der Homiletik, vor allem aber in der konkreten Predigtvorbereitung, etwas Dröges, Starres, Verstaubtes anhängt. Der Exegese wurde, wenn überhaupt, ein Platz in der Predigtvorbereitung zugeschrieben, eine Funktion in der Predigt selbst faktisch fast vollständig in Abrede gestellt. Dabei könne gerade die Exegese dem Trend, Predigt als Kunstwerk zu sehen und sie daher mit allerlei Kunstformen zu gestalten, ein solideres Fundament geben. Die Exegese soll dabei „nicht nur Filter und Weichenstellungen innerhalb der Predigtvorbereitung liefern, sondern selbst Anregungen und wesentliche Pfeiler DOI 10.24053/ VvAa-2023-0022 zur Predigtgestaltung liefern“ (15). Was im Vorwort inhaltlich überzeugend dargelegt wird - die Tatsache des Nebeneinanders und das Potenzial des Zusammenspiels - wird im Verlauf des Buches anhand eines festen Schemas in sechs Kapiteln erarbeitet und zugänglich gemacht. Jedes Kapitel stellt einen der klassischen exegetischen Methodenschritte und seinen Wert für eine Predigt im Atelier vor. Beginnend mit der Übersetzung wer‐ den Textkritik, Sprachliche Analyse, Literarkritik und Redaktionsgeschichte, Traditionsgeschichte und abschließend Formkritik vorgestellt. Das Buch kann daher chronologisch und als Gesamtwerk gelesen werden, es kann aber auch bedarfsorientiert, als Nachschlagewerk und punktuelle Anregung genutzt wer‐ den. Die Kapitel teilen sich in vier immer gleiche Abschnitte. Unter der Überschrift „worum geht’s? “ wird der jeweilige Methodenschritt vorgestellt. Dabei ist die Zielrichtung aber sinnvollerweise keine umfassende Darstellung, sondern eine auf den Nutzen in der Predigtvorbereitung ausgerichtete Pointierung. Der Abschnitt zur Textkritik hält sich somit nicht mit einer ausführlichen Darstellung und Wertung aller Handschriftengruppen auf, sondern widmet sich ihr im Sinne der „(re-)produktiven Textstörung“ (36). Die Textkritik der Predigtvorbereitung kann also nach den theologischen Potenzialen fragen, die dort freigesetzt würden, „wo versehentlich etwas geändert wurde und trotzdem lesbarer neuer Text entsteht“ (37). Der zweite Abschnitt „Wie wird’s gemacht? “ geht tiefer und beschreibt die konkrete Umsetzung. So führt dieser Abschnitt im Kapitel „Sprachliche Analyse“ die Lesenden instruktiv auf den Weg, die sprachlichen Details auch am deutschen Text wahrnehmen zu können, wenn der Blick in die hebräischen und griechischen Texte nicht (mehr) möglich ist. In diesem Abschnitt finden eine Vielzahl an Materialien und praktischen Hinweisen, bis hin zu konkreten Vorschlägen für die interaktive Gestaltung eines Gottesdienstes, z. B. durch die Nutzung von „mentimeter“ Platz. Basis der Erläuterungen sind Abschnitte aus Predigttexten, anhand derer der recht kleinschrittige Methodenschritt erklärt wird. Die Visualisierungsmöglichkeiten und Literaturhinweise helfen, den Bezug zur Predigt zu behalten. Der dritte Abschnitt „Was wird daraus? “ überführt die konkrete Methode in ihre Bedeutung für und Auswirkung auf die Predigt. Den Ungereimtheiten auf der Spur könne eine Predigt literarkritische Beobachtungen also derart aufgrei‐ fen, dass sie diese im Sinne der dramaturgischen Homiletik in unterschiedlichen „moves“ miteinander ins Gespräch bringt. Die Redaktionskritik wiederum rege dazu an, einmal selbst redaktionell tätig zu werden und Texte mit anderen ins DOI 10.24053/ VvAa-2023-0022 114 Rezensiert von Milena Hasselmann Gespräch zu bringen oder aber redaktionell die eigene theologische Haltung in den Text einzupflegen. Jedes Kapitel schließt mit dem Abschnitt „Szenen aus der Praxis“. Dieser beinhaltet mindestens zwei Predigtausschnitte, anhand derer das vorher Dar‐ gestellte konkret wird. So dient in einer Predigt zu Estomihi über Lk 10 (die Geschichte von Jesus bei Maria und Marta) das Wissen um die Bedeutung der doppelten Namensnennung im Judentum zum Verständnis der Erzählung. Statt die lange Tradition einer Dichotomie beider Frauen fortzusetzen, wird die traditionsgeschichtliche Einsicht in jüdische Hermeneutik fruchtbar gemacht, um den zwar appellativen, aber gleichzeitig unterstützenden Charakter der Worte Jesu an Marta deutlich zu machen. An diesen Hauptteil schließt sich eine kurze Darstellung der wechselhaften Beziehungsgeschichte zwischen Predigt und Exegese an, die das vorliegende Buch erhellend in eine sichtbare Bewegung zu einer größeren Durchlässigkeit zwischen beiden Bereichen einordnet. Dem Dank zur Entstehung des Buches folgt eine instruktive Werkbesprechung aus der Feder Gerd Theißens, dessen wissenschaftliche Spuren sich auch durch das Buch an sich ziehen. Eine Zusam‐ menstellung analoger und digitaler Hilfsmittel und Literaturempfehlungen, die thematisch sortiert sind, schließt das Buch ab. Das Buch als Ganzes ist ausgesprochen instruktiv und leicht zugänglich auf‐ gebaut und lässt sich - auch aufgrund seiner Knappheit - gut als Werkbuch im pfarramtlichen Alltag nutzen. Die Kehrseite der Knappheit ist eine notwendige Verkürzung, die bisweilen auf Kosten der Tiefe geht. So kommt eine jüdischchristliche Reflexion der Exegese als solcher und einzelner Schritt nur punktuell vor. Auch verschiedene homiletische Ansätze bzw. das Potenzial der Exegese für unterschiedliche Ansätze werden nur vereinzelt thematisiert. In die Quel‐ lensammlung hätten diese Themen noch stärker eingebunden werden können, so wird beispielsweise die Kommentarreihe „Theologischer Kommentar zum Neuen Testament“, der die für die Predigt fruchtbare Sozialgeschichte und das jüdisch-christliche Verhältnis explizit zum Thema macht, nicht genannt. Besonders die digitale Quellensammlung ist ausgesprochen instruktiv, auch hier hätte der Verweis auf die sehr gut aufbereitete digitale Sammlung jüdischer Traditionen (www.sefaria.org) das Bild sinnvoll erweitert. Eine große Stärke des Buches liegt darin, dass es aufgrund der filigranen Kapiteleinteilung zahlreiche Möglichkeiten eröffnet, sich selbst auszuprobieren. Die eigene Lust am Schreiben wird durch die Kleinschrittigkeit und die dadurch vermittelte Niederschwelligkeit geweckt und durch die plastischen „Szenen aus der Praxis“ noch verstärkt. Es sind außerdem vielfache Anwendungen des Buches denkbar: Auf dem Schreibtisch regelmäßig oder auch nur sporadisch DOI 10.24053/ VvAa-2023-0022 Christine Wenona Hoffmann/ Ann-Kathrin Knittel: Predigt und Exegese im Atelier 115 predigender Menschen liegt es in jedem Fall richtig, weil es die vielfältigen Wege zum detaillierten Wahrnehmen des Predigttextes eröffnet. Auch das homileti‐ sche (Pro-)Seminar als Ort, an dem Exegese und Predigt zusammengedacht werden, bietet sich an, um das Werkbuch einzuführen und auch mit ihm zu arbeiten. Schließlich würde es dem Anspruch des Buches Rechnung tragen, wenn auch exegetische (Pro-)Seminare den Ausblick auf die Predigt als eine Konkretion ihrer Arbeit in den Blick nähmen. Dafür eignen sich jeweils die beiden letzten Abschnitte eines Kapitels, die die exegetischen Methodenschritte auf die Predigt hin entwickeln. Beim Lesen entsteht aber vielmehr der Eindruck, als müssten nach der Lektüre dieses Buches (wieder? ) viel mehr interdisziplinäre Seminare zwischen Homiletik und Exegese an den Ausbildungsstätten angebo‐ ten und besucht werden! DOI 10.24053/ VvAa-2023-0022 116 Rezensiert von Milena Hasselmann