eJournals Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)8/2

Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)
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2366-0597
2941-0789
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VvAa-2023-0023
vvaa82/vvaa82.pdf0330
2026
82 Fischer Heilmann Wagner Köhlmoos

Interview mit ... Beate Ego

0330
2026
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Interview mit … Beate Ego Steckbrief: Beate Ego Geboren: 1958 Familiäres: Verheiratet, zwei erwachsene Söhne Studium: Germanistik / Evangelische Theologie (Lehramt) und Vergleichende Religionswissenschaften an der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie meh‐ rere Semester Studienaufenthalte an der Hebräischen Universität in Jerusalem (Rabbinica, jüdische Literatur und Philosophie) Aktuelle Position: seit 01.03.2024 Seniorprofessorin an der Evangelisch-Theologi‐ schen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum Wichtigste Veröffentlichungen: 1. Im Himmel wie auf Erden. Studien zum Verhältnis von himmlischer und irdischer Welt im rabbinischen Judentum (WUNT II 34), Tübingen 1989. 2. Targum Scheni zu Ester. Übersetzung, Kommentar und theologische Deutung (TSAJ 54), Tübingen-1996. 3. Ester (BK.AT 21), Göttingen 2017. 4. Tobit (IEKAT), Stuttgart 2022. Vorneweg Blitzlichter • Lehre - Lust oder Frust? Ich kann ja auf eine sehr lange Lehrtätigkeit zurückblicken und ich habe auch sehr gerne gelehrt. Am liebsten war mir die Hebräischlektüre mit den Studierenden. Durch das laute Lesen und Übersetzen lässt sich eine ganz besondere Atmosphäre und Nähe zum Text erzeugen - ein Prozess, der allein am Schreibtisch nicht möglich ist. Dieses gemeinsame Erschließen der Texte ist etwas Besonderes. • Lehre oder Forschung? Diese beiden Elemente kann man nicht gegeneinander ausspielen. Wenn man über viele Jahre in der Lehre tätig ist, ergibt sich irgendwann die Situation, dass man Stoffe und Themen wiederholen muss, und so besteht die Gefahr der Abschleifung und der eigenen Langeweile - die sich dann auch auf die Studierenden überträgt. Das Geheimnis einer guten Lehre ist DOI 10.24053/ VvAa-2023-0023 ihre Lebendigkeit, und diese kann man sich dadurch erhalten, dass man sich immer wieder aktiv mit neuen Forschungsarbeiten auseinandersetzt. Ich habe mir für jede Vorlesung und jedes Seminar auch neue Forschungs‐ arbeiten angeschaut, auch für die ‚Einführung‘ oder die ‚Geschichte Israels‘, die sich ja öfter wiederholt haben. • Erstsemester oder Integrationsphase? Integrationsphase - einfach, weil da ein höheres Niveau vorausgesetzt werden kann und weil die Studierenden in der Examensphase motivierter sind. • Neues oder Bewährtes? Eine Mischung. Für das Proseminar hat sich im Lauf der Jahre einfach Bewährtes herauskristallisiert, da manche Texte hervorragend zur Ver‐ anschaulichung eines bestimmten Methodenschritts geeignet sind. Aber ansonsten habe ich mich eigentlich immer, auch für mich selbst und insbesondere um die Lebendigkeit zu erhalten, darum bemüht, Neues zu erschließen. • Referate oder Gruppenarbeit? Jedes Seminar hat seinen eigenen Charakter. Am Anfang meiner Karriere plante ich jedes Seminar akribisch vor Beginn des Semesters durch. Davon bin ich im Laufe der Jahre abgekommen und bin dazu übergegangen, mit den Studierenden gemeinsam zu überlegen, auf welche Art und Weise sie sich die Stoffe aneignen und wie sie arbeiten wollen. Es ist letztlich ihr Seminar und entscheidend ist, dass sie ihre Fragen und Interessen auf ihre Weise verfolgen konnten. Manche Seminare waren dann etwas zögerlicher und bei anderen Seminaren konnte man die Stoffe leidenschaftlicher und engagierter entfalten. Lange Referate gab es in meinen Seminaren aber nie, denn dies erfordert sehr viel Übung und Vorbereitung und verleitet die Zuhörerschaft zur Passivität. Welche Erfahrungen und/ oder Menschen haben Ihre Lehre nachhaltig geprägt bzw. beeinflusst? Das waren meine drei Tübinger Lehrer: Mein Doktorvater, Hans Peter Rüger, der leider sehr früh verstorben ist, beeindruckte mich mit seiner philologischen Genauigkeit und seiner Kenntnis der Apokryphen und der rabbinischen Litera‐ tur. Der Alttestamentler Hartmut Gese prägte mich mit seinem Tiefgang im Hinblick auf traditionsgeschichtliche Fragen und schließlich ermutigte mich der Neutestamentler und Judaist, Martin Hengel, mit seiner Begeisterung und Offenheit, die traditionellen disziplinären Grenzen zu überschreiten. Von ihm DOI 10.24053/ VvAa-2023-0023 120 Interview mit … Beate Ego habe ich die wissenschaftliche Parole „Wir müssen das Fenster weit öffnen! “ mitgenommen, mit der er für ein breites Verständnis der exegetischen Fächer plädierte. Mein Ziel war es immer, diese Aspekte in meine eigene Lehre zu integrieren, und wenn mir dies gelungen ist, freue ich mich darüber. Die philolo‐ gische Auseinandersetzung mit den Texten bildet die Basis, aber die Themen, die mich am meisten interessiert haben, waren und sind traditionsgeschichtlicher Art. Schließlich ist es mir auch immer wichtig gewesen, mein Fach ‚Altes Testament‘ mit dem der Judaistik zu verbinden. Würden Sie sagen, dass es ein grundlegendes Paradigma, eine grundlegende Überzeugung gibt, die Ihre Lehre begleitet? Das grundlegende Paradigma, das mir über die Zeit deutlich geworden ist, ist, dass es für Studierende nur sinnvoll und gewinnbringend ist, sich mit den Texten zu beschäftigen, wenn sie einen eigenen emotionalen Zugang zu dem Stoff gewinnen können. ‚Emotional‘ verstehe ich hier in einem sehr weiten Sinne. Das kann zum Beispiel die Begeisterung am wissenschaftlichen Arbeiten sein. ‚Emotional‘ kann aber auch die Liebe zur hebräischen Sprache und zur Schönheit der Texte oder aber ihre seelsorgerliche Tiefe sein. Das soll in keinem Fall die akribische Wissenschaft ausschließen, aber mir wurde im Laufe der Jahre deutlich, dass ohne einen solchen persönlichen Konnex zu den Stoffen alles Schall und Rauch ist. Entweder kommen die Inhalte gar nicht an oder sie werden ganz schnell wieder vergessen. Daher ist mir immer wichtiger geworden, Studierende zu ermutigen, sich ihren eigenen persönlichen Zugang zu erarbeiten. Es sollte ihnen gelingen, eine Liebe zu den Stoffen - im weitesten Sinne - zu entwickeln. Welche Bedeutung hat die Kompetenzorientierung für Ihren Unterricht? Kompetenzorientierung ist selbstverständlich wichtig für den Unterricht. Es stellt sich aber die Frage, wie man Kompetenzen definiert. Für mich wäre eine Kompetenz zum Beispiel die Fähigkeit, einen ursprachlichen Text zu übersetzen. Eine andere Kompetenz wäre es, eine Klausur zu schreiben. Auch das Führen eines Prüfungsgespräches ist eine wichtige Kompetenz. Diese unterschiedlichen Kompetenzen spielen insbesondere für das Repetitorium eine bedeutende Rolle. Eine wichtige Kompetenz ist es auch, Ideen zu entwickeln, welche Rolle die Texte in der Praxis spielen könnten. Ich würde dementsprechend das Feld der Kompetenzorientierung sehr weit aufmachen. Allerdings lässt sich die Kompetenzorientierung nicht gegen die Inhalte ausspielen. Am Anfang muss als Basis die solide Beschäftigung mit den Stoffen stehen. Diese Ausgabe von Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an beschäftigt sich mit dem Schreiben in den biblischen Fächern. Sie haben DOI 10.24053/ VvAa-2023-0023 Interview mit … Beate Ego 121 Monographien, Kommentare und zahlreiche Aufsätze geschrieben und sind zudem kurz davor, Ihr Lehrwerk abzuschließen. Kann man sagen, dass Ihnen das Schreiben leicht fällt? Nein! Es fällt mir schwer, meistens jedenfalls. Ich weiß auch gar nicht, wie man früher überhaupt geschrieben oder vielmehr publiziert hat. Ich gehöre ja noch zu der Generation, die damit aufgewachsen ist, handschriftlich Texte zu verfas‐ sen und diese dann mit der Schreibmaschine abzuschreiben, z. T. noch ohne Korrekturtaste … Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Hinter meinen Publikationen stehen unzählige Fassungen und Überarbeitungen. Ich feile meist lange an einem Text und das ist einfach eine mühselige Arbeit. Wer es selbst nicht kennt, weiß nicht, was das bedeutet. Können Sie irgendwelche Schreibtipps geben? Jede und jeder muss das letztlich selbst für sich ausprobieren. Schreiben kann nur gelingen, wenn man für sich selbst eine gute Routine findet. Ich kann aber gerne noch berichten, wie ich meine Schreibprozesse gestalte. Ich fange an, Materialien und Notizen in einer Datei zu sammeln. Der Rest ist dann wie ein Kochvorgang: Es brodelt vor sich hin, sortiert sich, verbindet sich miteinander und es kristallisiert sich schließlich eine Gliederung des Stoffes heraus. Dann werden diese Notizen, die teilweise sprachlich vielleicht auch noch nicht ganz ausgefeilt waren, nach und nach präzisiert, die Referenzen oder kleinere Anmerkungen kommen in die Fußnoten. So entsteht im Laufe der Zeit der Text. Ich betone dabei ‚im Laufe der Zeit‘, denn das Schreiben eines Textes dauert. Unter Zeitdruck kann ich keine Texte verfassen. Ein Text wächst auch dann, wenn man sich nicht aktiv daransetzt. Ich denke über das Thema und den Text nach - morgens, mittags, abends und manchmal auch nachts. Neue Ideen entstehen dabei, es kommen aber auch neue Fragen auf. Nach und nach entstehen zusammenhängende Passagen, die ich aber immer wieder überarbeite. Wichtig am Schluss eines solchen Prozesses ist auch das Korrekturlesen durch eine zweite Person, die einen Blick von außen auf das Material hat. Haben Sie Ihre eigenen Texte in der Lehre einsetzen können? Den Schreibprozess mit der Lehre verknüpfen können? Synergieeffekte zwischen Forschung und Lehre schaffen können? Ich habe so gut wie nie Texte von mir, die bereits publiziert waren, im Unterricht verwendet. Ich finde das eigentlich langweilig. Meine Ansichten kann ich auch so ins Seminar einbringen. Spannender ist es dann doch, sich mit anderen Meinungen und Positionen auseinanderzusetzen. Ab und zu gab es Unterrichts‐ stunden zu Themen, an denen ich gearbeitet habe. Aber grundsätzlich habe ich eher Themen behandelt, die im Lehrplan eine Rolle spielen oder die wichtig für DOI 10.24053/ VvAa-2023-0023 122 Interview mit … Beate Ego die spätere Praxis im Pfarramt sind. Meine Forschungsschwerpunkte mit Ester und Tobit und anderen Apokryphen sowie das antike Judentum waren oft zu speziell für den Unterricht. Im Vordergrund stand für mich das, was für das Curriculum der Studierenden von primärer Bedeutung ist. Gelegentlich habe ich aber Texte aus meinem künftigen Lehrwerk im Unter‐ richt verwendet. An diesem Werk arbeite ich schon etwas länger, wodurch bereits einige Abschnitte und Kapitel fertig waren. Beim Einsatz in der Lehre allerdings musste ich dann feststellen, dass sich die Studierenden sehr schwer damit getan haben und ich musste nochmals einiges umschreiben. Somit konnte ich gut ausprobieren, ob die Studierenden die Inhalte verstehen und mit dem Text zurechtkommen. Es ging mir dabei also weniger um die Synergie als vielmehr um die Erprobung meines Entwurfs. Und zum Schluss: Was möchten Sie den Kolleginnen und Kollegen mit Blick auf die eigene Lehre gerne mit auf den Weg geben? Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir in unserem Beruf so viel Zeit mit diesen wunderschönen biblischen Texten verbringen können. Das gilt nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Lehre, in der wir gemeinsam mit den Studierenden diesen reichen Überlieferungen begegnen können. DOI 10.24053/ VvAa-2023-0023 Interview mit … Beate Ego 123