Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)
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2366-0597
2941-0789
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VvAa-9-0005
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Fischer Heilmann Wagner KöhlmoosDiversity issues im "Grundkurs Altes Testament" sichtbar machen
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Sara Kipferhttps://orcid.org/0009-0008-5788-3082
Aline Ott
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1 Dieser Beitrag war Teil der Abschlussarbeit für das Baden-Württemberg-Zertifikat für Hochschuldidaktik „Diversity issues im 'Grundkurs Altes Testament' sichtbar machen“, eingereicht am 22. Februar 2022 an der Universität Heidelberg. 2 Sara Kipfer ist Professorin für Evangelische Theologie mit Schwerpunkt Altes Testament an der TU Dortmund. 3 Aline Ott, Theoversity Alumni, ist Promovendin im Neuen Testament mit Schwerpunkt feministische Theologie und intersektionale Exegese an der KiHo Wuppertal. 4 Vgl. Czock, Heidrun / Donges, Dominik / Heinzelmann, Susanne (2012): Endbericht zum Projekt „Diskriminierungsfreie Hochschule - mit Vielfalt Wissen schaffen“, Antidiskriminierungsstelle des Bundes, https: / / www.antidiskriminierungsstelle.de/ Sh aredDocs/ downloads/ DE/ publikationen/ Diskriminierungsfreie_Hochschule/ diskrimin ierungsfreie_hochschule_endbericht_20120705.html, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024. 5 Das Diversity Konzept der Universität Heidelberg nennt Alter, Geschlecht, Familie, kul‐ tureller und weltanschaulicher Hintergrund, soziale Herkunft, Gesundheit / Krankheit. Hier fehlt entsprechend die ethnische Herkunft und Nationalität und die sexuelle Ori‐ entierung. Vgl. Freytag, Tanya / Girdziute, Lina / Speck, Agnes (Hrsg.): Diversity-Kon‐ Diversity issues im „Grundkurs Altes Testament“ sichtbar machen 1 Sara Kipfer 2 (orcid.org/ 0009-0008-5788-3082) in Zusammenarbeit mit Aline Ott 3 1 Die unterschiedlichen Vielfaltsdimensionen oder: Diversity in der Hochschullehre Das folgende didaktische Experiment hat sich zum Ziel gesetzt, in einer ganz „gewöhnlichen“ Lehrveranstaltung auf diversity issues zu achten, gendersensi‐ bel zu kommunizieren und den Unterricht möglichst offen und vielfältig zu gestalten. Dabei wurde versucht, die ganze Bandbreite an Vielfaltsdimensionen zu berücksichtigen. 4 Die Charta der Vielfalt, die die Universität Heidelberg ratifiziert hat, legt folgende Vielfaltsdimensionen fest (s. Abb. 1): Alter, ethnische Herkunft und Nationalität, Geschlecht und geschlechtliche Identität, körperli‐ che und geistige Fähigkeiten, soziale Herkunft („Klasse“), sexuelle Orientierung sowie Religion und Weltanschauung. Diese sieben Kern-Dimensionen werden im Leitbild der Universität Heidelberg auf fünf beziehungsweise sechs reduziert (Abb. 2). 5 Die soziale Herkunft wurde im Leitbild der Universität Heidelberg DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 zept. Universität Heidelberg, Gleichstellungsbüro, 2, www.uni-heidelberg.de/ md/ gsb/ d iversity-konzept_a4_final.pdf, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024. Das Diversity-Konzept 2024-2029 der Universität Heidelberg sieht neu auch sieben Dimensionen vor. Vgl. http s: / / www.unify.uni-heidelberg.de/ de/ vielfalt/ diversity-dimensionen, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024 6 Leider findet sich nirgendwo eine Erklärung für diese Ergänzung. Vgl. zum Klassismus an deutschen Hochschulen Baudson, Tanja Gabriele / Altieri, Riccardo (2022): Wer kommt an die Spitze? Klassismus in Academia, Forschung und Lehre 1/ 22, 26-28. 7 Vgl. die Studie des Bundesministeriums für „Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ Krell, Claudia / Oldemeier, Kerstin (2015) (Hrsg.): „Coming-out - und dann…? ! “. Ein DJI-Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und Jungen Erwachsenen, München, 22, https: / / www.dji.de/ file admin/ user_upload/ bibs2015/ DJI_Broschuere_ComingOut.pdf, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024, zur Hochschule als „ambivalentem Ort“ sowie ferner die amerikanische Stu‐ die Cech, Erin A. / Waidzunas, Tom J. (2021): Systematic inequalities for LGBTQ profes‐ sionals in STEM, Science Advances 7, doi/ 10.1126/ sciadv.abe0933. Vgl. ferner die Studie zu Diskriminierungserfahrungen von Studierenden gegenüber MOGAI* in Heidelberg, Autonomes Queerreferat der Verfassten Studierendenschaft Heidelberg, 2018, https: / / www.stura.uni-heidelberg.de/ wp-content/ uploads/ 2020/ 01/ HD-Studi-Studie-zu-Diskri minierungserfahrungen-gegen-MOGAI.pdf, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024. 8 Dies belegt etwa auch das EU-Forschungsprojekt „UniSAFE. Ending Gender-Based Violence“ (2021-2024), das geschlechtsbezogene Gewalt an Hochschulen und For‐ schungseinrichtungen untersucht. Vgl. https: / / unisafe-gbv.eu/ , zuletzt aufgerufen am 27.10.2024. 9 Vgl. Auga, Ulrike E. (2022): Religion und Geschlecht als diskursive, intersektionale, performative Kategorien der Wissensproduktion: Zum epistemischen Bruch von Reli‐ gionskonzepten unter postsäkularen Bedingungen, Paragrana 31, 11-131, https: / / doi.o rg/ 10.1515/ para-2022-0008. um die Familie ergänzt, die in der Charta der Vielfalt fehlt. 6 Entsprechend fällt die „sexuelle Orientierung“ sowie „Religion und Weltanschauung“ weg. Studien zeigen jedoch ganz klar, dass LGBTQ* (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer) genauso wie BIPoC (Black, Indigenous, People of Colour) Personen von Diskriminierung betroffen sind - sowohl Studierende, als auch Forschende. 7 Insgesamt ist bezüglich der Wahrnehmung und Förderung von LGBTQ* Stu‐ dierenden noch viel Sensibilisierungsarbeit nötig. 8 Auch das Thema Religion und Weltanschauung ist wichtig, zumal eine „objektive“, „wertfreie“ Forschung und Lehre nie möglich ist. Gerade die Fra‐ gen nach dem Umgang mit unterschiedlichen Ideologien, dem Verhältnis von Wissenschaft und Politik, aber auch die Ermöglichung der Religionsausübung, sind im gegenwärtigen universitären Diskurs immer wieder anzutreffen. Hinzu kommt, dass Religion generell als intersektionale Kategorie (also als Teil von Differenzierungsmerkmalen wie Alter, Geschlecht, Milieu, kulturelle Herkunft oder Behinderung) lange unhinterfragt blieb. 9 DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 64 Sara Kipfer in Zusammenarbeit mit Aline Ott 10 Vgl. das Diversity-Konzept 2024-2029 der Universität Heidelberg, https: / / www.unify.u ni-heidelberg.de/ de/ vielfalt/ diversity-dimensionen, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024. Auch das neue Diversity Modell an der Universität Heidelberg von 2024 (Abb. 3) entspricht nicht der Charta der Vielfalt. Neu wird Care Arbeit und Pflege als eigenes diversity Konzept angeführt und Geschlecht und sexuelle Orientierung werden zusammengefasst. 10 Abbildung 1: Auszug aus Grafik https: / / www.charta-der-vielfalt.de/ , zuletzt aufgerufen am 27.10.2024 (lediglich die Kerndimensionen, Abbildung nachgebaut). Abbildung 2: © GLB Universität Heidelberg, aus: https: / / www.uni-heidelberg.de/ diversi ty/ leitbild.html, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024 (Abbildung nachgebaut). DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 Diversity issues im „Grundkurs Altes Testament“ sichtbar machen 65 11 Vgl. #ProgressDiversity. Weshalb Wissenschaft mehr Vielfalt braucht. Humboldt Kos‐ mos. Forschung - Diplomatie - Internationalität 112/ 2021, Alexander von Humboldt Stiftung, 15. Abbildung 3: https: / / www.uni-heidelberg.de/ de/ einrichtungen/ chancengleichheit-unddiversitaet/ beteiligungsprozess-diversity, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024 (Abbildung nachgebaut). Grundsätzlich sollten in der Hochschullehre möglichst alle sieben diversity Dimensionen der Diversity Charta berücksichtigt werden. Dies heißt jedoch nicht, dass alle immer gleich wichtig sind. Dass die unterschiedlichen diversity Dimensionen ganz unterschiedlich gewichtet werden können, zeigt etwa eine Umfrage unter 159 Hochschulen in 36 europäischen Wissenschaftssystemen. Überraschend an dieser Studie ist, dass der religiöse Hintergrund lediglich an 8 % der Hochschulen bei Studierenden erhoben wird. Diese diversity Dimension scheint gegenüber dem Geschlecht (88 %), aber auch dem ethnischen Hinter‐ grund (28-%) eher ein Schattendasein zu führen. 11 Insgesamt beinhaltet diversity die Wahrnehmung und Sichtbarmachung unterschiedlicher Lebensformen, Einstellungen, Erfahrungen, Prägungen etc. Diese sollen auch im Hochschulunterricht adäquat Ausdruck finden. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage, wie dies angemessen geschehen kann. DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 66 Sara Kipfer in Zusammenarbeit mit Aline Ott 1.2 Ausgangslage: Der „Grundkurs Altes Testament“ im Wintersemester 2021-2022 1.2.1 Art der Veranstaltung Der Grundkurs Altes Testament ist spezifisch für Lehramtsstudierende konzi‐ piert und wird ohne Hebräisch-Kenntnisse durchgeführt. Der Lernstoff besteht einerseits aus den wichtigsten historisch-kritischen Methoden der alttestament‐ lichen Wissenschaft, andererseits aus einer Einleitung und einem Überblick über die wichtigsten Themen der Forschung. Allein an diesem doppelten Ziel - einerseits anwendungsorientiert und fokussiert auf Methoden, andererseits ausgerichtet auf den Erwerb von Wissen und grundlegenden Kenntnissen des Faches - zeigen sich die extrem hohen Erwartungen an die Lehrveranstaltung. Der „Grundkurs Altes Testament“ ist sehr lernintensiv und zeitaufwändig. Die Studierenden erhalten dafür 4 Leistungspunkte. Das heißt: Es wird mit einer Vor- und Nachbereitungszeit von 5 bis 6 Stunden pro Woche gerechnet. Am Ende des Semesters schreiben die Studierenden eine Klausur, in der sowohl die Anwendungskompetenz als auch das Allgemeinwissen abgeprüft wird. 1.2.2 Die Teilnehmer: innen Zur Lehrveranstaltung „Grundkurs Altes Testament“ haben sich im Winterse‐ mester 2021-2022 23 Studierende angemeldet. Die überwiegende Mehrheit studiert Theologie auf Lehramt Gymnasium (20 Studierende) mit unterschied‐ lichen Fächerkombinationen (5 Anglistik; 1 Italienisch; 3 Germanistik; 2 Latein; 1 Geschichte; 2 Mathematik; 3 Geographie; 1 Biologie; 2 Sport). Ferner nahmen eine Austauschstudentin aus England, eine Studentin, die im BA Christentum und Kultur studiert, sowie ein Student mit dem Studienziel BA Gerontologie, Gesundheit und Care an der Lehrveranstaltung teil. 90 % gaben in der Lehrver‐ anstaltungsbefragung an, dass sie den Kurs als Pflichtveranstaltung belegen. Ungefähr die Hälfte der Studierenden ist im 3.-4. Fachsemester, ein Viertel der Studierenden gab an, im 5.-6. Semester zu studieren. Es nahmen jedoch auch Studierende im 1. Fachsemester sowie Studierende im 8. Fachsemester teil. Die Studierenden stehen also - trotz der Ausgangslage, dass es sich um eine Lehrpflichtveranstaltung handelt - an sehr unterschiedlichen Stellen in ihrem Studium und bringen unterschiedliches Vorwissen mit. Mindestens zwei Stu‐ dierende sind zudem Werkstudent: innen, mindestens zwei Studierende haben DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 Diversity issues im „Grundkurs Altes Testament“ sichtbar machen 67 12 Diese Angaben wurden an keinerlei Stelle abgefragt; es handelt sich daher um zufäl‐ lige Informationen, die ich im persönlichen Gespräch mitgeteilt bekommen habe. Möglicherweise nahmen auch Studierende mit Migrationshintergrund an der Lehrver‐ anstaltung teil. 13 Vgl. beispielsweise Speck, Agnes (2021): Mitgemacht statt mitgedacht - Grundlagen der praktischen Anwendungen einer „Sprache für alle“, https: / / www.uni-heidelber g.de/ md/ gsb/ begleittext_zum_online-training__gendergerechte_sprache_.pdf, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024 sowie zahlreiche weitere Literatur da. 14 Vgl. Berting Berting, Anna / Maidowski, Luise / Ott, Aline / Väterlein, Kathrin (2021): Es ist genug für alle da. Ein Plädoyer für mehr Reichtum und Vielfalt in der Theologie, in: zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, https: / / zeitzei chen.net/ node/ 9048. Betreuungspflichten. 12 Insgesamt haben drei von ursprünglich 23 Studierenden den Kurs abgebrochen. 1.2.3 Die Zielsetzung Das Thema diversity issues - so war von Anfang an klar - kann und soll keinen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt bilden, um die ohnehin schon ho‐ hen Anforderungen an die Lehrveranstaltung nicht noch weiter zu steigern und um die Studierenden nicht zu überfordern. Stattdessen geht es darum, auf unterschiedlichen Ebenen auf diversity issues Bezug zu nehmen und die Veranstaltung entsprechend sensibel zu gestalten. Diversity issues werden also nicht in erster Linie zum Inhalt der Lehrveranstaltung gemacht, sondern sollen überwiegend die Lehre selbst bestimmen. Dass hier insgesamt viel Unsicherheit und Verbesserungsbedarf besteht, ist mehr als deutlich. Abgesehen von Richtli‐ nien zur gendergerechten Verwendung von Sprache 13 gibt es bislang nur wenig Handreichungen für den Unterricht. Bei diesem didaktischen Experiment ist offen, ob die getroffenen „Maßnah‐ men“ bei den Studierenden ankommen und ob sie überhaupt erwünscht sind. Diversity Themen können auch leicht ins Negative kippen und von Studierenden als nervige und provozierende Identitätspolitik abgetan werden. 14 In beide Richtungen könnte gemäß dieser Risikoanalyse das Experiment also scheitern: Es könnte unterrepräsentiert bleiben, so dass bei den Studierenden gar nichts hängen bleibt, oder aber es könnte im Verlauf der Lehrveranstaltung ein immer größeres Gewicht einnehmen, wodurch sich möglicherweise Studierende auch provoziert fühlen könnten. Im besten Falle lassen sich daraus jedoch Kompetenzen für die Studierenden ableiten, wobei vor allem die Sozialkompetenz im Mittelpunkt steht. Das Achten auf diversity issues führt zu einer guten, offenen Lehr- und Lernatmosphäre, wobei die Studierenden dazu angehalten werden, sich einzubringen, sowie DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 68 Sara Kipfer in Zusammenarbeit mit Aline Ott 15 Vgl. Berting, Anna / Maidowski, Luise / Ott, Aline / Väterlein, Kathrin (2021): Es ist genug für alle da. Ein Plädoyer für mehr Reichtum und Vielfalt in der Theologie, in: zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, https: / / zeitzeiche n.net/ node/ 9048. Wünsche (auch anonym auf Moodle) und Kritik zu äußern. Sie sollen befähigt werden, sich untereinander über Ziele und Werthaltungen zu verständigen so‐ wie kooperativ und sozial verantwortlich zu handeln. Die Auseinandersetzung mit Vielfaltsthemen fördert Differenzierungskompetenz, kritische Urteilsfähig‐ keit und Selbstreflexionsvermögen. 15 2 Planung und Durchführung 2.1 Die Anlage des „didaktischen Experiments“ Die Lehrveranstaltung folgte inhaltlich über weite Strecken dem vorgegebenen Curriculum und den entsprechenden vorgegebenen Lehrzielen der Veranstal‐ tung. Die Studierenden wussten nichts davon, dass in dieser Lehrveranstaltung speziell auf diversity issues geachtet werden soll. In der zweitletzten Sitzung wurde die Lehrveranstaltung auf diversity issues hin evaluiert (vgl. Evaluations‐ bogen im Anhang). Die Evaluation übernahmen Aline Ott und Anna Berting, zwei Studierende von der Universität Leipzig, die #theoversity mitbegründet haben. Sie haben damit die Lehrveranstaltung nach ihren Kriterien einer diversen, vielfältigen, exegetisch-theologischen Lehre extern evaluiert. 2.2 Diversity issues im Veranstaltungsdesign Ich verfolge grundsätzlich einen kulturrelativistischen Ansatz und betone im Unterricht immer wieder, dass die Texte der Hebräischen Bibel aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt stammen, dass es bei der Analyse dieser Texte um das Wahrnehmen und Verstehen des Anderen und des Fremden geht und nicht nur um eine reine „Übersetzungs“- oder „Auslegungs“-Leistung. Dies schließt auch mit ein, dass Diversität, beispielsweise Genderrollen in unterschiedlichen Kulturen und zu unterschiedlichen Zeiten verschieden konnotiert waren und teilweise auch beträchtlich von heutigen Rollenmustern abweichen können. Diese Kulturrelativität war entsprechend ganz natürlich über das ganze Semes‐ ter Thema, beispielsweise, wenn es um die Frage nach Körpermetaphern wie dem Herz oder der Leber als Sitz von Gefühlen im Alten Testament ging. Darüber hinaus folgte die Implementierung von diversity issues sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene. DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 Diversity issues im „Grundkurs Altes Testament“ sichtbar machen 69 16 Diese Regelung gilt generell für Vorträge, Diskussionen etc. Wird der biblische (hebrä‐ ische) Text gelesen, sollte der Gottesnamen natürlich nicht ausgesprochen werden. 17 Vgl. für eine Standortbestimmung beispielsweise Schroer, Silvia (2021): Auf Autorinnen kommt es an. Feministische Exegese im Spiegel von 75 Jahren „Bibel und Kirche“, in: Bibel und Kirche 4/ 2021, 209-218. 2.2.1 Diversity issues auf formaler Ebene Gender-/ Diversitätsreflektierende-Sprache und Vermeidung von Stereotypen und Zuschreibungen Während des Unterrichts wurde auf gendergerechte Sprache geachtet. Münd‐ liche und schriftliche Beiträge der Studierenden, bei denen nicht gegendert wurde, habe ich jedoch nicht korrigiert und die Sprache auch nicht weiter thematisiert. Ferner habe ich die Studierenden nicht gefragt, wie sie gerne ange‐ sprochen werden möchten und beispielsweise während der Vorstellungsrunde keine Pronomen abgefragt. Die Sprache war jedoch explizit Thema in der zweiten Sitzung bei der Präsentation unterschiedlicher Bibelübersetzungen. Hier hat eine Studentin die Bibel in gerechter Sprache (hrsg. von Bail, Ulrike / Crüsemann, Frank / Crüse‐ mann, Marlene 2006) vorgestellt und sehr positiv auf die darin verwendete Sprache hingewiesen. Ich habe das zum Anlass genommen, das Thema zu vertiefen. In dieser Sitzung war auch die political correctness bei der Aussprache des Gottesnamens ( JHWH) Thema. Wenige Tage zuvor habe ich von zwei jüdisch-amerikanischen Forschern in Facebookposts erfahren, dass ihnen in Deutschland bereits bei Vorträgen Antisemitismus vorgeworfen wurde, weil sie die konventionelle, wissenschaftliche Aussprache („Jahwe“) verwendet haben. Ihnen ist die Aussprache des Gottesnamens jedoch wesentlich lieber als von nicht-jüdischen Menschen das liturgische Adonaj zu hören. 16 Dieses Beispiel verdeutlicht, wie wichtig es ist, immer wieder neu auf Minderheiten zu hören und nicht kontinuierlich das zu reproduzieren, wovon man meint, dass es für „die Anderen“ das Richtige sei. Insgesamt wurden damit zwei Kernbereiche explizit angesprochen, nämlich die genderreflektierende Sprache generell und die Sensibilisierung für Stereo‐ typen. Literatur von Frauen, Queeren, jüdischen Forscher: innen etc. Die ambivalente Forderung nach einer adäquaten Repräsentation von Litera‐ tur von Frauen (und darüber hinaus jüdischen Forscher: innen, von Forscher: in‐ nen aus dem globalen Süden etc.) beschäftigt mich schon länger. 17 Einerseits sollte Literatur nicht auf Grund von Gendermerkmalen, religiöser oder eth‐ nischer Zugehörigkeit etc. von Autor: innen ausgesucht werden, zumal die DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 70 Sara Kipfer in Zusammenarbeit mit Aline Ott 18 Die Markierung beispielsweise von „jüdischer Literatur“ hat grundsätzlich etwas Prob‐ lematisches. Vgl. beispielsweise Marcel Reich-Ranicki: Es gibt keine jüdische Literatur, 27.10.1988, https: / / www.swr.de/ swr2/ wissen/ archivradio/ marcel-reich-ranicki-es-gibt -keine-juedische-literatur-100.html, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024. 19 Vgl. Bartsch, Julia (2021): Ruf nach Vielfalt in der Theologie, in: luhze. Leipzigs unabhängiger Hochschulzeitung, https: / / www.luhze.de/ 2021/ 04/ 16/ ruf-nach-vielfalt-i n-der-theologie/ , zuletzt aufgerufen am 27.10.2024: „'Ich habe Seminarlisten gesehen ohne eine einzige Frau. Das ist keine Ausnahme, sondern der Standard', kritisiert Berting.“ 20 Musharbash, Yassin (2021): Das an den Rand gedrängte Land, Die ZEIT 22, 27. Mai 2021. religiöse Zugehörigkeit auch nicht immer einfach ersichtlich ist. 18 Umgekehrt ist die Tatsache, dass Semesterlisten ohne eine einzige Literaturangabe von einer Autorin an die Studierenden weitergegeben werden, natürlich ein Warnsignal, dass weiterhin eine gewisse Clusterbildung stattfindet und vor allem Literatur angegeben wird, die der eigenen Forschungsposition und -methode entspricht. 19 Ich habe mir den Mehraufwand gemacht, eine möglichst durchmischte Litera‐ turliste zusammen zu stellen. Zulassen von Glaubensfragen und unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen Ein wichtiges Anliegen war es auch, Raum für unterschiedliche religiöse und ideologische Einstellungen zu eröffnen. Dies geschah einerseits durch Anregung im Unterricht selbst, andererseits aber auch durch persönliche Gespräche. Bereits innerhalb der ersten beiden Sitzungen wurden kritische Fragen zur Entstehung der Texte sowie der historischen Glaubwürdigkeit beziehungsweise der entsprechenden Einschätzung, was tatsächlich „geschehen“ ist, gestellt. Dieses Thema wurde anhand einer Unterrichtseinheit zur Geschichtsschreibung ausführlich behandelt. Ausgangspunkt war 2Sam 15 sowie ein Beitrag aus Die ZEIT. 20 Die Tatsache, dass sich gegenwärtig nicht klar sagen lässt, was genau am 2. April 2021 in Amman geschah und wer möglicherweise gegen wen und mit welchen Motiven einen Aufstand plante, sollte zur Vorsicht mahnen, die biblischen Texte, die von einer Usurpation berichten, als historische Dokumente zu lesen. Vielmehr ist auf ihre Perspektivenvielfalt und Widersprüchlichkeit zu achten. Mein Eindruck war, dass dieses aktuelle Beispiel die Problematik der Frage nach dem, was historisch „geschah“, sehr eindrücklich veranschaulicht hat. Angenehme, vertrauensvolle Lehr- und Lernatmosphäre schaffen Eines der Kernanliegen war es, eine angenehme, vertrauensvolle Lehr- und Lernatmosphäre zu schaffen. Die Studierenden sollen sich ernstgenommen und wertgeschätzt fühlen. Begrüßt und im neuen Semester willkommen geheißen habe ich die Studierenden mit Lindor-Kugeln (sowie veganem Lindt-Ersatz) in ganz unterschiedlichen Farben - als Symbol für ihre Vielfalt, jedoch ohne DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 Diversity issues im „Grundkurs Altes Testament“ sichtbar machen 71 21 Dies war auch der Titel einer Ausstellung im Bibelhaus, Frankfurt, https: / / www.bibelh aus-frankfurt.de/ de/ ausstellungen/ gott-w-m-d, zuletzt aufgerufen am 11.12.2024. dies explizit zu thematisieren. Ich verdeutlichte implizit, dass sich eine Vielzahl an unterschiedlich positionierten Personen, die sehr verschiedene Fähigkeiten, Ressourcen, Vorkenntnisse, Erfahrungen und Bedürfnisse mitbringen, an dieser Lehrveranstaltung teilnehmen. 2.2.2 Diversity issues auf inhaltlicher Ebene Natürlich wurden diversity issues auch explizit thematisiert, jedoch auch hier nicht unbedingt so, dass das entsprechende Thema unter der Vielfaltsdimen‐ sion angesprochen wurde. Die Vielfaltsdimension „Geschlecht“ wurde beispiels‐ weise bei den Bibelübersetzungen thematisiert, oder bei der Frage nach dem Geschlecht Gottes. Ethnische Zugehörigkeit und soziale Herkunft beziehungs‐ weise soziale Gerechtigkeit waren Themen im Zusammenhang mit der alttes‐ tamentlichen Prophetie. Unterschiedliche religiöse Entwicklungen wurden im Zusammenhang mit Schöpfungsvorstellungen, Bundeskonzeptionen oder der Religionsgeschichte thematisiert. Insgesamt war das Thema Vielfalt durchaus auch explizit präsent. Exemplarisch sollen drei Beispiele vorgestellt werden. Geschichte Israels - mal anders… Einleitend zur Sitzung „Geschichte Israels“ habe ich den Studierenden die Bedeutung nicht nur der Zeit, sondern auch des Raumes, in dem sich die jeweilige Geschichte „ereignet“, deutlich gemacht. Damit ist die Grundlage für ein ganz anderes Geschichtsverständnis gelegt. Im Zentrum steht nicht mehr eine Ereignisgeschichte, die mehrheitlich auf die „großen Taten großer Männer“ und entsprechende schriftliche Quellen fokussiert. Stattdessen rücken die Klimageschichte, Sozialgeschichte, Kultur- und Literaturgeschichte und damit auch das alltägliche Leben einer Gesellschaft in den Mittelpunkt. Dies bietet die Möglichkeit, auch ganz neue Akteur: innen in den Blick zu nehmen - auch wenn natürlich eine historische Darstellung mehrheitlich auf gewissen Gruppen und deren Rolle fokussiert bleibt. Jhwh, Aschera und die anderen Götter - Gott weiblich / männlich / divers? Eine Sitzung war für die Religionsgeschichte eingeplant. Die Studierenden sollten die Entwicklung vom Polytheismus zum Monotheismus nachvollziehen und anhand der biblischen Texte begründen können. Ein weiteres Lernziel be‐ stand darin, die wichtigsten altorientalischen Gottheiten und ihre Funktionen zu kennen. Die zweite Hälfte der Sitzung war für die Diskussion zum Thema „Gott weiblich / männlich / divers“ 21 eingeplant. Ich habe die Studierenden zu Beginn dieser Einheit gefragt, ob sie das Thema grundsätzlich für wichtig erachten, und DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 72 Sara Kipfer in Zusammenarbeit mit Aline Ott 22 Ich habe mich ansonsten fast ausschließlich auf altorientalisches Bildmaterial sowie Karten und Grafiken beschränkt. in Aussicht gestellt, den Unterricht frühzeitig zu beenden, wenn eine Mehrheit der Überzeugung ist, dass das Geschlecht Gottes keine Rolle spielt. Bereits die ersten beiden Wortmeldungen waren divergent und es entstand eine lebhafte Diskussion, bei der einerseits die Tatsache, dass Gott der „ganz Andere“ und eine „höhere geistige Macht“ ist, andererseits aber auch das Problem, dass Gott meist mit männlichen Pronomina und Attributen belegt wird und damit eine patriarchal verfasste Ordnung zementiert wird, zur Sprache kam. Ich habe die Studierenden in Gruppen eingeteilt und sie je einen kurzen Text zu den Themen 1. das grammatische Geschlecht Gottes (genus) 2. die sozialen Geschlechter Gottes (gender) 3. das biologische Geschlecht Gottes (sexus) lesen lassen. Anschließend haben sich die Studierenden in Zweierbeziehungs‐ weise Dreiergruppen ausgetauscht. Die Ergebnisse sind im Plenum gesammelt und teilweise von mir durch weiteres Material (Bibelstellen; altorientalische Ikonographie) ergänzt worden. Die Studierenden haben sich insgesamt gut auf die Diskussion eingelassen, gleichzeitig kamen aber auch immer wieder kritische Einwände. In einem abschließenden Input habe ich nochmal hervor‐ gehoben, dass Geschlechtsausdruck und Geschlechtsidentität stark kulturell geprägt sind und dass auch das, was wir heute als „weibliches“ und „männliches“ Verhalten etc. „bewerten“, in den alttestamentlichen Texten anders konnotiert werden konnte. In der Forschung wurden häufig weibliche altorientalische Gottheiten „verklärt“ - entweder als „erotisch“ oder als „mütterlich“. Statt der Übertragung von gegenwärtigen Gender-Rollen in die damalige Zeit bedarf es jedoch einer ernsthaften, historischen Untersuchung, wie Sexualität und Gender in alttestamentlicher Zeit konzeptualisiert wurden. Auf einer Folie habe ich in diesem Zusammenhang in meiner PowerPoint-Präsentation auch ein Foto verwendet, das einen jungen Vater mit seinem neugeborenen Kind zeigt. 22 Zwei Studierende haben nonverbal sehr emotional auf das Bild reagiert (Hand vor die Augen halten und gleichzeitig den Kopf senken). Diese Reaktion hat mir nochmal verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass mit Bildmaterial nicht festgelegte Genderrollen zementiert werden, sondern diese durch modernes Fotomaterial aufgebrochen werden können. DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 Diversity issues im „Grundkurs Altes Testament“ sichtbar machen 73 Abbildung 4: https: / / www.mibaby.de/ Magazin/ wp-content/ uploads/ 2016/ 02/ papa-schla eft-mit-baby-auf-dem-bauch.jpg, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024. Schlusssitzung: Reader-Response Criticism, Rezeptionsgeschichte, Feministische Bibelhermeneutik, Cultural Exegesis, Postcolonial Criticism In der Schlusssitzung wurden fünf weitere hermeneutische Zugänge kritisch diskutiert. Dabei habe ich die Studierenden gebeten, selber ein Thema zu wählen und dies in Gruppen zu bearbeiten. Die Studierenden sollten folgende Fragen beantworten: Worum geht es bei dem jeweiligen Ansatz? Was ist sein Hauptanliegen? Was sind Vorteile gegenüber der historisch-kritischen Exegese, was könnten Nachteile sein? Könnten Sie sich vorstellen mit diesem Ansatz zu arbeiten? (Bitte begründen! ) Die fünf Ansätze wurden dann von den Gruppen in der letzten Sitzung vorgestellt. Das Niveau war durchweg sehr hoch; die Studierenden haben sich intensiv mit den Ansätzen auseinandergesetzt. Auch hier gab es jedoch viele kritische Nachfragen sowohl zu ergänzenden Methoden (Rezeptionsgeschichte; reader response criticism) als auch zu dissidenten Lesestrategien (feministische und postkoloniale Exegese). Insbesondere die feministische Exegese und ihre Wahrnehmung der Texte als androzentrische Produkte ist auf Widerspruch gestoßen. Dieses Unbehagen der Studierenden wollte ich nicht ausräumen, sondern ernst nehmen und die eingebrachte Kritik würdigen. DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 74 Sara Kipfer in Zusammenarbeit mit Aline Ott 23 Vgl. https: / / www.uni-heidelberg.de/ de/ universitaet/ qualitaetssicherung-entwicklung/ qualitaetsentwicklung-in-studium-lehre/ qualitaetsziele-in-studium-und-lehre, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024. 24 Vgl. zu Chancen und Schwierigkeiten der Lehrevaluation beispielsweise das Themen‐ heft Köller, Olaf (2015): Lehrvaluation als Mittel zur Erfassung und Verbesserung universitärer Lehre? , Diagnostica 61, https: / / econtent.hogrefe.com/ toc/ dia/ 61/ 3. Vgl. ferner Peiffer, Henrike / Rach, Hannah / Rosanowitsch, Sarah / Wörl, Julia / Schneider Michael (2015): Lehrevaluation, in: Schneider, Michael / Mustafić, Maida (Hrsg.): Gute Hochschullehre: Eine evidenzbasierte Orientierungshilfe, Berlin, Heidelberg, doi.org/ 10.1007/ 978-3-662-45062-8_7. 25 Vgl. Anhang III: Vielfalt im Theologiestudium. 3 Diskussion und Ausblick 3.1 Ergebnisse der diversity-Evaluation Zur Umsetzung der Qualifikationsziele in Studium und Lehre der Universität Heidelberg wird unter anderem festgehalten, dass sich die Erhöhung der Qua‐ lität der Lehrveranstaltungen an der Beurteilung der Studierenden orientiert. Eine Weiterentwicklung von Kriterien für hohe Lehr-Lern-Qualität soll ferner anhand von Ergebnissen und Erkenntnissen der Lehr- und Lernforschung sowie anhand der Beurteilung der Studierenden in den Studiengangbefragungen geschehen. 23 Die Lehrevaluation spielt also aus der Sicht des Senats, der die Ziele zur Qualitätssicherung und -entwicklung an der Universität Heidelberg am 26. Juni 2012 verabschiedet hat, eine zentrale Rolle bei der Verbesserung der Lehre. 24 Um mich zu vergewissern, ob und wie das Thema „Vielfalt“ bei den Studieren‐ den angekommen ist, habe ich einen extra auf diese Thematik hin konzipierten Evaluationsbogen verwendet (vgl. Anhang). Letzterer hat den Vorteil, dass sich Studierende anonym äußern können. 3.2 Diversity-Evaluation durch Studierende der Universität Leipzig (#theoversity) Die Evaluation wurde von Aline Ott und Anna Berting, zwei Studierende von der Universität Leipzig, die #theoversity mitbegründet haben, auf Edkimo erstellt. 25 Das „didaktische Experiment“ wurde also nach studentischen Kriterien einer diversen, vielfältigen, exegetisch-theologischen Lehre hin evaluiert. Der Evaluationsbogen entspricht nicht wissenschaftlichen Standards, hat dafür jedoch den Vorteil, dass er die Anliegen der Studierenden einschließt und sozusagen von Studierenden für Studierende entwickelt wurde. An der Evaluation nahmen 16 von 18 präsent und online anwesende Studierende teil (drei Studierende haben sich für die Sitzung entschuldigt; DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 Diversity issues im „Grundkurs Altes Testament“ sichtbar machen 75 26 Vgl. https: / / www.uni-heidelberg.de/ de/ universitaet/ qualitaetssicherung-entwicklung/ qualitaetsentwicklung-in-studium-lehre/ qualitaetsziele-in-studium-und-lehre, zuletzt aufgerufen am 27.10.2024. zwei Studierende nahmen teil, haben die Evaluation aber nicht ausgefüllt). Die ersten drei Fragen beziehen sich auf Inhalt und Methoden und wurden mehrheitlich zustimmend beantwortet. Drei weitere Fragen widmeten sich der Seminaratmosphäre. Am eindeutigsten wurde die Frage bejaht, dass sich in der Veranstaltung alle Geschlechter gleichmäßig beteiligen konnten. Die Mehrheit der Studierenden hat sich im Seminar wohl gefühlt. Etwas weniger eindeutig fiel die Frage nach dem subjektiven Wohlbefinden hinsichtlich der eigenen theologischen Prägung aus: Zehn Studierende haben sich immer wohlgefühlt, fünf oft, eine selten. Ich vermute - leider wollte sich in der Abschlusssitzung, als ich die Ergebnisse präsentiert habe, niemand dazu äußern - dass dieser Wert stark mit den Lehrinhalten zu tun hat. Es ist durchaus „normal“, dass die Auseinandersetzung mit „wissenschaftlichen“ Textzugängen (insbesondere der historisch-kritischen Exegese) auch Fragen und Unbehagen auslöst. Mein Umgang mit den Studierenden wurde wiederum als sehr positiv eingeschätzt. Auch der digitale und präsente Raum wurde als leicht zugänglich für alle eingeschätzt (etwa mit Blick auf technische Ausstattung oder Barrierearmut). Die letzten Fragen richteten sich auf die Sprache. Hier haben zwei Studierende angegeben, dass es sie gestört hat, dass gendergerechte Sprache verwendet wurde und nur sieben fanden es nicht störend. Möglicherweise sind diese Ergebnisse darauf zurückzuführen, dass an dieser Stelle die Fragerichtung geändert wurde. Einige wenige Studierende wurden in Lehrveranstaltungen schon mit Vor- und Nachnamen angesprochen, bislang wird diese Ansprache jedoch von niemandem bevorzugt. 3.3 Persönliche Einschätzung und Fazit Eines der Ziele der Universität Heidelberg ist die Optimierung der Studienbe‐ dingungen für eine zunehmend heterogene Studierendenschaft. 26 Insgesamt denke ich, dass es noch sehr viel Sensibilisierung auf unterschiedlichsten Ebenen braucht. Die schwierigen Voraussetzungen auf universitärer Ebene sind lediglich eine Seite. Anzunehmen, die Studierenden wünschten sich von Semesterbeginn an einen offenen, vielfaltsbezogenen Unterricht, ist genauso verkehrt. Auch die Studierenden müssen in einigen Bereichen erst sensibilisiert werden, um Vielfalt als Chance zu erkennen und nutzen zu können. Entspre‐ chend werde ich weiterhin meine Lehre kritisch bezüglich unterschiedlicher DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 76 Sara Kipfer in Zusammenarbeit mit Aline Ott Vielfaltsdimensionen reflektieren und mir in regelmäßigen Evaluationen auch das Feedback von Studierenden holen. Anhang: Evaluationsbogen „Vielfalt im Theologiestudium“ Inhalt und Methoden Die Veranstaltung hat mir auch einen Einblick in postkoloniale, feministische oder anderweitig diversitätsorientierte Methoden gegeben. • stimmt • stimmt teilweise • stimmt eher nicht • stimmt nicht Der Lektüreplan hat sowohl Autorinnen als auch Autoren enthalten. • stimmt • stimmt teilweise • stimmt eher nicht • stimmt nicht Die verwendeten Darstellungen und Bilder haben vielfältige Menschen und Lebensentwürfe abgebildet (Behinderungen, Hautfarbe, etc.). • stimmt • stimmt teilweise • stimmt eher nicht • stimmt nicht Platz für eigene Anregungen, Anmerkungen und Ideen in Bezug auf die Lern‐ inhalte. Seminaratmosphäre In der Veranstaltung wurde darauf geachtet, dass alle Geschlechter sich gleich‐ mäßig beteiligen konnten. • trifft zu • trifft teilweise zu • trifft eher nicht zu • trifft nicht zu DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 Diversity issues im „Grundkurs Altes Testament“ sichtbar machen 77 Ich habe mich als Person im Seminar wohlgefühlt. • immer • oft • selten • nie Ich habe mich mit meiner eigenen theologischen Prägung im Seminar wohlge‐ fühlt. • immer • oft • selten • nie Ich hatte den Eindruck, dass ich Fehler machen darf, ohne mein Gesicht zu verlieren. • trifft zu • trifft teilweise zu • trifft eher nicht zu • trifft nicht zu Den Umgang der Seminarleiter: in mit den Studierenden empfand ich als ange‐ messen. • stimmt • stimmt teilweise • stimmt eher nicht • stimmt nicht Der digitale und präsentische Raum war für alle gleich leicht zugänglich (etwa in der geforderten technischen Ausstattung oder der Barrierearmut). • trifft zu • trifft teilweise zu • trifft eher nicht zu • trifft nicht zu Platz für eigene Anregungen, Anmerkungen und Ideen in Bezug auf die Semi‐ naratmosphäre. DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 78 Sara Kipfer in Zusammenarbeit mit Aline Ott Sprache Es hat mich gestört, dass gendergerechte Sprache verwendet wurde. • stimmt • stimmt teilweise • stimmt eher nicht • stimmt nicht Mit Vor- und Nachnamen angesprochen zu werden habe ich schon in anderen Lehrveranstaltungen erlebt. • trifft zu • trifft teilweise zu • trifft eher nicht zu • trifft nicht zu Ich bevorzuge es mit Vor- und Nachnamen im Seminar angesprochen zu werden. • stimmt • stimmt teilweise • stimmt eher nicht • stimmt nicht Das hat diese Veranstaltung von durchschnittlichen Lehrveranstaltungen un‐ terschieden Das möchte ich sonst noch sagen: DOI 10.24053/ VvAa-9-0005 Diversity issues im „Grundkurs Altes Testament“ sichtbar machen 79
