eJournals Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)9/1

Forum Exegese und Hochschuldidaktik: Verstehen von Anfang an (VvAa)
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2366-0597
2941-0789
Francke Verlag Tübingen
10.24053/VvAa-9-0007
vvaa91/vvaa91.pdf0824
2026
91 Fischer Heilmann Wagner Köhlmoos

Genderfragen in der theologischen Hochschullehre – aber wie?!

0824
2026
Verena Suchhart-Krollhttps://orcid.org/0009-0000-5347-4515
Genderfragen in der theologischen Hochschullehre in der Breite aller Fächer einzubeziehen, ist lohnenswert, aber auch herausfordernd. Eine Unterstützung bietet der TeachTank: Lehrbausteine „Gender in Theologie“, der exemplarische Lehrmaterialien zu den verschiedenen Disziplinen der Theologie bereitstellt. Er inspiriert zu eigenen Adaptionen und motiviert dazu, die Potenziale theologischer Genderforschung zu heben, wenn diese nicht nur als Add-on, sondern als eine durchgehende Perspektive in der Theologie zur Geltung kommt. Das Folgende bietet einige Einblicke in den TeachTank, seine Inhalte und seinen Aufbau.
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1 Verena Suchhart-Kroll ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster und Promovendin am Institut für Religionspädagogik und Pastoraltheologie. 2 Zu nennen sind vor allem die Arbeitsstelle für Islamisch-Theologische Genderfor‐ schung am Zentrum für Islamische Theologie ebenfalls an der Universität Münster und die Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. Darüber hinaus gibt es andere Formen der Institutio‐ nalisierung von theologischer Genderforschung. In der evangelischen Theologie ist z. B. die Professur für Feministische Theologie und Gender Studies an der Augustana Hochschule in Neuendettelsau und das Institut für Feministische Theologie, Theolo‐ gische Geschlechterforschung und soziale Vielfalt an der Kirchlichen Hochschule Genderfragen in der theologischen Hochschullehre - aber wie? ! Der TeachTank: Lehrbausteine „Gender in Theologie“ Verena Suchhart-Kroll 1 (orcid.org/ 0009-0000-5347-4515) Genderfragen in der theologischen Hochschullehre in der Breite aller Fächer einzubeziehen, ist lohnenswert, aber auch herausfordernd. Eine Unterstützung bietet der TeachTank: Lehrbausteine „Gender in Theologie“, der exemplarische Lehrmaterialien zu den verschiedenen Disziplinen der Theologie bereitstellt. Er inspiriert zu eigenen Adaptionen und motiviert dazu, die Potenziale theolo‐ gischer Genderforschung zu heben, wenn diese nicht nur als Add-on, sondern als eine durchgehende Perspektive in der Theologie zur Geltung kommt. Das Folgende bietet einige Einblicke in den TeachTank, seine Inhalte und seinen Aufbau. 1 Totale - Der TeachTank: Lehrbausteine „Gender in Theologie“ Die katholisch-theologische Fakultät der Universität Münster teilt mit wenigen anderen Fakultäten und Instituten in Deutschland 2 eine Besonderheit: Sie hat DOI 10.24053/ VvAa-9-0007 Wuppertal zu nennen; in der katholischen z. B. noch die Teildenomination für Gender Studies/ Masculinity Studies an der Universität Siegen. 3 Heimbach-Steins u.-a., Einleitung, 11. 4 Die Projektidee wurde 2019 mit dem Gleichstellungspreis der Universität Münster ausgezeichnet. Das Projekt konnte mithilfe des Preisgeldes realisiert werden. eine Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung (ATG). Diese hat die Auf‐ gabe, theologische Genderforschung an der Fakultät zu fördern, zu vernetzen, sowie entsprechende Anliegen und Inhalte im Lehrangebot zu garantieren und zu unterstützen. Fakultätsmitglieder können sich um eine Mitgliedschaft in der ATG bewerben und miteinander zu Fragen rund um feministische Theologie, Intersektionalität, Geschlechterkonstruktionen, Gerechtigkeitsfragen u.v.m. in der eigenen Forschung und Lehre kooperieren. Gerade im Hinblick auf das Lehrangebot stellt sich den Mitgliedern der ATG, aber auch allen Lehrenden, immer wieder die Herausforderung, Gender‐ fragen angemessen zu berücksichtigen. Schließlich ist theologische Gender‐ forschung ihrem Anspruch nach keine Disziplin, die neben Dogmatik oder Religionspädagogik als zusätzliche Perspektive behandelt würde, sondern eine „Querschnittsdisziplin“ 3 . Insofern ist nicht das Ziel, dass einzelne Expert: innen die entsprechenden Themen in der Lehre vertreten, sondern dass Genderfra‐ gen in allen Fachgebieten und Lehrveranstaltungen einbezogen werden. Viele Lehrende teilen dieses Anliegen, stoßen aber in der konkreten Praxis auf Hürden: Die Lehrveranstaltung ist konzipiert und hat sich bewährt, zentrale zu lernende Inhalte und Kompetenzen sind angesichts knapper Zeitressourcen bereits verdichtet und ausgewählt. Auf das Einarbeiten in Geschlechterperspek‐ tiven auf die jeweiligen Themen, die Recherche passender Materialien und die Konzeption geeigneter didaktischer Vorgehensweisen muss oft verzichtet werden. Genau auf diese Herausforderung reagiert der TeachTank: Lehrbausteine „Gender in Theologie“  4 . Lehrende unterschiedlicher theologischer Disziplinen haben Lehrbausteine, d. h. Lehrmaterialien wie Textarbeiten, Lernvideos und Podcast-Beiträge, Anleitungen zu Diskussionen, Schreibgesprächen u.v.m., entwickelt, die anderen Lehrenden zur direkten Anwendung, aber auch als Inspiration zur Verfügung gestellt werden. Jeder Lehrbaustein besteht aus einer einführenden Handreichung für Lehrende, Anleitungen und Materialien zu den Blöcken „Einstiege“, „Erarbeitungen“ sowie “Vertiefungen und Transfers“ und einer Auswahlbibliographie mit weiterführender Literatur. Schwerpunkte liegen auf einführenden Lehrveranstaltungen wie z. B. Proseminaren. Diese vermitteln Studierenden bereits zu Studienbeginn die Relevanz entsprechen‐ der Perspektiven und werden oft von neu beginnenden Wissenschaftlichen DOI 10.24053/ VvAa-9-0007 88 Verena Suchhart-Kroll 5 Vgl. für die im Hintergrund zu reflektierenden Fragen Gruber, Entinnerung; Leimgru‐ ber, Patterns. 6 Diesen von mir erstellten Lehrbaustein bespreche ich in Suchhart-Kroll, Herausforde‐ rung. Mitarbeiter: innen gegeben, die besonderes Interesse an Beispielmaterialien und Unterstützung haben. Zugleich eignen sich gerade die „Vertiefungen und Transfers“ dazu, Inhalte im Sinne eines Spiralcurriculums auch in höheren Semestern genauer zu behandeln. Der TeachTank ist exemplarisch und auf eine sukzessive Ergänzung neuer Lehrbausteine angelegt. Damit trägt er der Tatsache Rechnung, dass die Theo‐ logie in ihren Inhalten, Methoden und Zugängen plural ist und sich - gerade angesichts von Internationalisierung und gesellschaftlicher Diversität - immer weiter ausdifferenziert. Ein Anspruch auf vermeintliche Vollständigkeit ließe sich nicht einlösen und könnte - bliebe der damit verbundene Versuch, einen Kanon zu lernenden Wissens vorzugeben, unreflektiert - exkludierende Wir‐ kung haben. 5 Stattdessen soll der TeachTank dazu einladen, in den Diskurs darüber zu treten, was Lehrende im Bereich der theologischen Genderforschung als relevant bestimmen und wie sie die entsprechenden Perspektiven in wech‐ selnden Themenfeldern ausbuchstabieren. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes liegen 13 Lehrbausteine vor. Ne‐ ben der von Anna Hack erarbeiteten „Einführung - Gender, Feminismus, The‐ ologie“ finden sich z. B. „Geistliche Frauen im Mittelalter“ von Gisela Muschiol und Sr. Jakoba Zöll aus kirchengeschichtlicher Perspektive, „Intergeschlecht‐ lichkeit“ von Katharina Mairinger-Immisch mit einem moraltheologischen Schwerpunkt, „Gendergerechte Seelsorge“ von Theresa Focke und Anna Hack mit pastoraltheologischem und „Liturgische Sprache“ von Miriam Vennemann mit liturgiewissenschaftlichem Schwerpunkt. Hinzutreten Lehrbausteine, die quer zu den theologischen Disziplinen angelegt sind, so z. B. zu „Gottesbildern“ von Theresa Focke oder zur Frage der „Repräsentation in der Theologie“ 6 . Im Folgenden wird der Lehrbaustein mit dem neutestamentlich-exegetischen Schwerpunkt „Frauenfiguren in den Evangelien“ von Volker Niggemeier vorge‐ stellt, um einen genaueren Einblick in den TeachTank und dessen Materialien zu ermöglichen. DOI 10.24053/ VvAa-9-0007 Genderfragen in der theologischen Hochschullehre - aber wie? ! 89 7 Niggemeier, Handreichung, 1. 8 Niggemeier, Block 1, 1. 2 Close-Up: Der Lehrbaustein „Frauenfiguren in den Evangelien“ Den neutestamentlich-exegetischen Lehrbaustein hat Volker Niggemeier auf Grundlage seiner eigenen Lehrerfahrungen mit Blick auf exegetische Prose‐ minare entwickelt. Gerade dort zeige sich verschärft die Problematik, so Niggemeier, „dass zunächst in die Methoden der sprachlich-narrativen und historisch-kritischen Exegese eingeführt werden muss, - das Thema der femi‐ nistischen Bibelauslegung [ist] oft nur Appendix und wird in nicht ausreich‐ ender Zeit am Rande thematisiert“ 7 . Bei einem Workshop zur Planung der Lehrbausteine beschrieb er eindrucksvoll, wie wenig zufriedenstellend diese Ausgangslage sei. Gerade die letzten Sitzungen, in denen die feministische Exe‐ gese als Ergänzung angesprochen werde, zeichneten sich durch hohe Fehlzeiten im Zugehen auf die Prüfungen aus. Zudem könnten Dozierende die Thematik zwar als relevant beschreiben, für Hausarbeiten spiele sie in der Regel aber keine Rolle. Der Lehrbaustein antwortet auf diese Herausforderung damit, dass biblische Texte, in denen Frauenfiguren im Zentrum stehen, zum Erarbeiten der sprachlich-narrativen und historisch-kritischen Methoden genutzt werden. Beim Erschließen der Texte stellen sich somit geradezu automatisch Genderfra‐ gen und in den von Niggemeier vorgeschlagenen Texten auch Fragen nach anderen Heterogenitätskategorien wie race in intersektionaler Verschränkung. Bei den „Einstiegen“ findet sich zunächst der von Niggemeier verfasste Text „Wir sind Frauen in den Evangelien“, der „Perspektiven mehrerer Frauenfiguren in den Evangelien in einer 'Stimme' [bündelt]. Ausgewählte weibliche Erzähl‐ figuren kommen darin selbst zu Wort, thematisieren die Texte, in denen sie begegnen, aber auch die Rezeption, die sie erfahren (haben)“ 8 . Zu diesem Text werden unterschiedliche Impulsfragen vorgeschlagen, um sich der Thematik anzunähern und eigene Assoziationen wachzurufen. Zudem wird Material für eine Gattungskritik zu den im Stammbaum Jesu erwähnten Frauenfiguren und für vorbereitende Schritte zu einer Exegese, d. h. v. a. zum Erschließen von Sprachgebrauch und Sprechakten, zur Textstelle über die Syrophönizische Frau (Mk 7,24-31) angeboten. In den „Erarbeitungen“ werden die beiden Texte genauer behandelt und gerade Mk 7,24-31 für eine ausführliche Exegese vorgeschlagen, in der die unterschiedlichen Methodenschritte eingeübt werden können. Ergänzend fin‐ det sich ein Gruppenpuzzle zur Erarbeitung und Diskussion von einführen‐ den Texten in feministische und gendersensible Exegese. Somit bietet dieses DOI 10.24053/ VvAa-9-0007 90 Verena Suchhart-Kroll 9 Bei Interesse an den Lehrmaterialien kann bereits jetzt jederzeit Kontakt zur Arbeits‐ stelle für Theologische Genderforschung (gender.theologie@uni-muenster.de) aufge‐ nommen werden. Lehrmaterial zugleich Anregungen, wie ein Proseminar zur Einführung in exegetische Methoden Genderfragen im Sinne eines roten Fadens durchgehend und gerade nicht als Appendix behandeln kann. Auch in den Transfers begegnet noch einmal die Textstelle über die Syrophö‐ nizische Frau, nun mit Blick auf die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte und unter Einbezug der Analyse exegetischer Kommentarliteratur zur Textstelle. Dabei reflektieren die Studierenden kritisch, wie in den Kommentaren aus unterschiedlichen Jahrzehnten Geschlecht und Herkunft der Frau thematisiert werden und wie Vorannahmen und Sensibilisierungen der Exeget: innen unter‐ schiedliche Interpretationen begünstigen. Zugleich werden Leseskills bezogen auf exegetische Fachliteratur trainiert. Darüber hinaus findet sich eine vertie‐ fende Textarbeit zu namenlosen Frauen in den Evangelien sowie eine Auseinan‐ dersetzung mit der biblischen Figur der Maria aus Magdala und der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte zu dieser bedeutenden Gestalt. Diese Elemente des Lehrbausteins sind zudem so aufbereitet, dass sie auch für Seminare in anderen theologischen Disziplinen Anknüpfungspunkte bieten. 3 Ausblick: Planungen und Desiderate Der TeachTank ist auf beständige Erweiterung und Überarbeitung hin angelegt. 2022 wurde er in einem Moodle-Kurs, dem Learnweb der Universität Münster, als Beta-Version mit der Bitte um Erprobung und Feedback für alle Lehrenden der Fakultät freigegeben. Zurzeit wird eine Veröffentlichung auf der Homepage der Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung vorbereitet, um den Teach‐ Tank ab dem Frühjahr 2026 sukzessive einem breiten Adressat: innen-Kreis zugänglich zu machen. 9 Zudem sind weitere Lehrbausteine - z. B. zum Thema Schöpfung aus alttestamentlicher Perspektive - in der Entstehung. Eine bleibende Herausforderung stellt die Passung des TeachTanks zur uni‐ versitären Lehre dar. Anders als im Religionsunterricht ist der Theologie an der Universität so etwas wie eine Lehrbuch-Kultur eher fremd und die Lehre wird deutlich stärker durch die eigene Forschung geprägt. Insofern ist immer wieder zu prüfen, wie die Materialien beschaffen sein sollten, dass sie auf die Bedürfnisse der Lehrenden nach Unterstützung, aber auch nach Inspiration für eigene Adaptionen antworten. Durchgehend stellt sich für die ATG daher auch die Aufgabe, den Austausch unter Lehrenden zu fördern und zum Einbezug theologischer Genderforschung in der Lehre zu motivieren. Ein interdiszipli‐ DOI 10.24053/ VvAa-9-0007 Genderfragen in der theologischen Hochschullehre - aber wie? ! 91 när-kooperatives Projekt wie der TeachTank und ein Netzwerk wie die ATG bieten dafür den idealen Rahmen, damit Studierende in unterschiedlichen Zu‐ sammenhängen und aus verschiedenen Perspektiven lernen, wie Genderfragen den eigenen Horizont erweitern können. Literaturverzeichnis Gruber, Judith: Wider die Entinnerung. Zur postkolonialen Kritik hegemonialer Wis‐ senspolitiken in der Theologie, in: Nehring, Andreas/ Wiesgickl, Simon (Hg.): Postko‐ loniale Theologien, Bd.-2. Perspektiven aus dem deutschsprachigen Raum, Stuttgart 2018, 23-37. Heimbach-Steins, Marianne u.a.: Einleitung, in: Heimbach-Steins, Marianne u.-a. (Hg.): Gender (Studies) in der Theologie. Begründungen und Perspektiven (Münsterische Beiträge zur Theologie. Neue Folge 4), Münster 2021, 9-16. Leimgruber, Ute: Hidden Patterns - Überlegungen zu einer machtsensiblen Pastoralthe‐ ologie, ET-Studies 11.2 (2020), 207-224. Niggemeier, Volker: Lehrbaustein „Frauenfiguren in den Evangelien“. Handreichung, TeachTank: Lehrbausteine „Gender in Theologie“ 8 (unveröffentlichtes Manuskript). Niggemeier, Volker: Lehrbaustein „Frauenfiguren in den Evangelien“. Block 1 „Einstiege“, TeachTank: Lehrbausteine „Gender in Theologie“ 8 (unveröffentlichtes Manuskript). Suchhart-Kroll, Verena: Herausforderung Repräsentation in der theologischen Wissen‐ schaft. Hochschuldidaktische Reflexionen, Crosscultural Studies of Religion and Theology 1 (2023), doi.org/ 10.25598/ CSRT/ 2023-15, letzter Zugriff: 07.07.2025. DOI 10.24053/ VvAa-9-0007 92 Verena Suchhart-Kroll