eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament 25/50

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2022-0009
121
2022
2550 Dronsch Strecker Vogel

Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion

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2022
Susanne Luther
znt25500005
1 So Martin Luther, Vorrede auf die Epistel S. Jacobi 1522, in: Heinrich Bornkamm (Hg.), Luthers Vorreden zur Bibel, Göttingen ³1989, 215-218. 2 Vgl. z. B. John-Christian Eurell, The Epistle of James as a Reception of Paul. Rehabili‐ tating an Epistle of Straw, in: SJT 73 (2020), 216-224; Petra von Gemünden / Matthias Konradt / Gerd Theissen (Hg.), Der Jakobusbrief. Beiträge zur Rehabilitierung der „strohernen Epistel“, Münster 2003; Margaret M. Mitchell, The Letter of James as a Document of Paulinism? , in: Robert L. Webb / John S. Kloppenborg (Hg.), Reading James with New Eyes (LNTS), Bloomsbury 2007, 75-98. 3 Vgl. Karl-Wilhelm Niebuhr, ‘A New Perspective on James? ’ Neuere Forschungen zum Jakobusbrief, in: ThLZ 129 (2004), 1019-1044, 1019: „Die jüngere Forschung zum Jako‐ busbrief ist gekennzeichnet durch das Absetzen der ‚paulinischen Brille‘. […] Mit dem Absetzen der paulinischen Brille ist weit mehr verbunden als die Wahrnehmung eigener NT aktuell Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion Tendenzen und Perspektiven der neueren Forschung Susanne Luther Einführung Der Stellenwert der „strohernen Epistel“ 1 hat sich in der Forschung der letzten Jahrzehnte stark verändert. Zwar trägt Martin Luthers vielfach zitiertes Verdikt nach wie vor zur Marginalisierung des Briefes in der neutestamentlichen Wissenschaft bei, doch hat sich die Forschung zum Jakobusbrief in den letzten 30 Jahren redlich bemüht, den Text zu rehabilitieren und hat Luthers Urteil auch vielfach widerlegen können. 2 Neuere sprachwissenschaftliche, literaturwissen‐ schaftliche, epistolographische und hermeneutische Zugänge wurden genutzt, um den Jakobusbrief als einen eigenständigen Beitrag zu einer frühchristlichen weisheitlichen Theologie und Ethik ohne direkten Bezug auf Paulus wahrzu‐ nehmen und seine Bedeutung für die Erfassung der frühchristlichen Auseinan‐ dersetzung mit dem jüdischen wie auch dem griechisch-römischen Kontext aufzuzeigen. Diese - von Karl-Wilhelm Niebuhr als new perspective on James  3 theologischer Gedanken oder gar einer eigenständigen Theologie des Briefes innerhalb des neutestamentlichen Kanons. Es ist geradezu eine ‚neue Perspektive‘, in der der Brief und sein Autor wahrgenommen werden“. Vgl. dazu auch Webb / Kloppenborg, Reading James with New Eyes (s. Anm. 2) und Matthias Konradt, Antipauliner oder Zeugen eines nichtpaulinischen Christentums? Kritische Überlegungen zum Verhältnis des Jakobusbriefes und des Matthäusevangeliums zur paulinischen Tradition, in: Jens Schröter / Simon Butticaz / Andreas Dettwiler (Hg.), Receptions of Paul in Early Christianity. The Person of Paul and His Writings Through the Eyes of His Early Interpreters (BZNW 234), Berlin / Boston 2018,-675-728. 4 Niebuhr, New Perspective on James (s. Anm. 3), 1019-1044; Peter H. Davids, The Epistle of James in Modern Discussion, in: ANRW II,25,5 (1988), 3621-3645; Ferdinand Hahn / Peter Müller, Der Jakobusbrief, in: ThR 63 (1998), 1-73; Matthias Konradt, Theologie in der ‚strohernen Epistel‘. Ein Literaturbericht zu neueren Ansätzen in der Exegese des Jakobusbriefs, in: VF 44 (1999), 54-78; Todd C. Penner, The Epistle of James in Current Research, in: CR.BS 7 (1999), 257-308; Bruce Chilton, James, Jesus’ Brother, in: Scott McKnight / Grant R. Osborne (Hg.), The Face of New Testament Studies. A Survey of Recent Research, Grand Rapids 2004, 251-262; Mark E. Taylor, Recent Scholarship on the Structure of James, in: CBR 3 (2004), 86-115; Mariam Kamell Kovalishyn, The Epistle of James, in: Scot McKnight / Nijay K. Gupta (Hg.), The State of New Testament Studies. A Survey of Recent Research, Grand Rapids 2019, 407-424. 5 Oda Wischmeyer im KEK, Karl-Wilhelm Niebuhr im EKK und John S. Kloppenborg in der Hermeneia-Reihe; siehe dazu Oda Wischmeyer, Who was „James“? Der Herren‐ bruder, „ein Namenloser aus den Vielen“, ein „role model“ oder ein frühchristlicher Lehrer mit Namen Iakobos? Die Neukommentierung des Jakobusbriefes für Meyers Kritisch-Exegetischen Kommentar, in: Eve-Marie Becker / Sigurvin Lárus Jónsson / Su‐ sanne Luther (Hg.), Who was ‚James‘? Essays on the Letter’s Authorship and Prove‐ nance (WUNT 485), Tübingen 2022, 179-195; Karl-Wilhelm Niebuhr, Wer war „Jakobus“ in den Augen seiner Leser? Zu meinem Ansatz der Kommentierung des Jakobusbriefs im EKK, in: Becker / Jónsson / Luther, Who was ‚James‘? , 161-178; ders., Der Jakobus‐ brief in ökumenischer Perspektive. Ein Vorgriff auf meine Kommentierung im EKK, in: Ulrich Luz et al. (Hg.), Exegese - ökumenisch engagiert. Der „Evangelisch-Katholische Kommentar“ in der Diskussion über 500 Jahre Reformation. Ein Rückblick und ein Ausblick, Ostfildern / Göttingen 2016, 137-145; John S. Kloppenborg, The Author of James and His Lexical Profile, in: Becker / Jónsson / Luther, Who was ‚James‘? , 197-217. bezeichnete - Wende bereitete mit einer Vielzahl an neuen Erkenntnissen und Beobachtungen den Weg für eine neue Würdigung des Jakobusbriefs im Kontext der neutestamentlichen Forschung. Im Folgenden kann der Anspruch nicht darauf liegen, eine umfassende Darstellung aller neueren Publikationen zum Jakobusbrief zu bieten; dazu sei auf die vorliegenden Literatur- und For‐ schungsberichte verwiesen. 4 Zudem ist ein derartiger Anspruch am Vorabend der Publikation dreier großer Kommentare zum Jakobusbrief ohnehin nicht einholbar. 5 Daher möchte ich im Rahmen dieses Beitrags lediglich eine kleine Auswahl an vielversprechenden neueren Ansätzen kurz darstellen. Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 6 Susanne Luther 6 Vgl. z.-B. David R. Nienhuis, Not by Paul Alone. The Formation of the Catholic Epistle Collection and the Christian Canon, Waco 2007 (Kap. 3 ist überschrieben mit: „Reading James as a Canon-Conscious Pseudepigraph”); vgl. auch den Beitrag von Matthias Klinghardt in der Kontroverse dieser Ausgabe der ZNT ( Jakobus als „kanonisches Pseudepigraph”); weiterhin zu dieser Position: David R. Nienhuis / Robert W. Wall, Reading the Epistles of James, Peter, John, and Jude as Scripture. The Shaping and Shape of a Canonical Collection, Grand Rapids 2013; Darian R. Lockett, Are the Catholic Epistles a Canonically Significant Collection? A Status Quaestionis, in: CBR 14 (2015), 62-80; ders., Letters from the Pillar Apostles. The Formation of the Catholic Epistles as a Canonical Collection, Eugene 2017. Explizit dagegen argumentieren z. B. Chris S. Stevens, Does Neglect Mean Rejection? Canonical Reception History of James, in: JETS 60 (2017), 767-780 und Rainer Metzner in der Kontroverse dieser Ausgabe der ZNT. Vgl. weiterhin Christian Bemmerl, Die frühe Rezeption des Jakobusbriefs und die Geschichte des neutestamentlichen Kanons, in: ASE 34 (2017), 513-535. Aus Sicht der Literarizität und antiken Buchkultur reflektiert die Problematik Gregory P. Fewster, Ancient Book Culture and the Literacy of James. On the Production and Consumption of a Pseudepigraphal Letter, in: ZAC-20 (2016), 387-417. 7 Vgl. die Hinführung in Rainer Metzner, Der Brief des Jakobus (ThHK 14), Leipzig 2017; zudem Niebuhr, New Perspective on James (s. Anm. 3), 1019-1044; ders., James in the Minds of the Recipients. A Letter from Jerusalem, in: Karl-Wilhelm Niebuhr / Robert W. Wall (Hg.), The Catholic Epistles and Apostolic Tradition. A New Perspective on James to Jude, Waco 2018, 43-54. 8 So z. B. Franz Mußner, Der Jakobusbrief (HThKNT 13/ 1), Freiburg 5 1987; Luke T. Johnson, The Letter of James. A New Translation with Introduction and Commentary (AncB 37A), New York 1995; Patrick Hartin, James (Sacra Pagina 14), Collegeville 2003. Diese Position impliziert eine frühe Datierung auf 43/ 44 oder spätestens 62 n. Chr. Allerdings sprechen z. B. die ausgezeichnete Beherrschung des Griechischen, das fehlende Interesse des Briefes an Fragen der jüdischen Identität oder anderen Themen, die in den frühen Schriften des NT eine Rolle spielen, gegen diese Hypothese. 1 Die Diskussion um die Autorschaft Die Frage nach dem Autor des Jakobusbriefs beschäftigt die Forschung seit langem, da sie bedeutende Auswirkungen auf die Datierung, das Verhältnis zu anderen neutestamentlichen Schriften und das Verständis des Textes generell hat. Sofern der Jakobusbrief nicht, wie zum Teil in der jüngeren, v. a. englisch‐ sprachigen Forschung, im Kontext der kanonischen Sammlung von Briefen gelesen wird und somit seine individuelle Autorschaft und Theologie nicht mehr vorausgesetzt werden, 6 lassen sich zwei Positionen grundlegend voneinander unterscheiden: Einerseits wird vorgeschlagen, dass der Autor, der als „Jakobus, Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus“ an die „zwölf Stämme in der Diaspora“ schreibt ( Jak 1,1), 7 von einer historischen Person namens „Jakobus“ verfasst wurde, die der Tradition bekannt war. Dieser orthonyme Verfasser wird dann entweder mit dem Zebedaiden oder mit dem Bruder Jesu identifiziert. 8 Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion 7 9 Vgl. z. B. Martin Dibelius, Der Brief des Jakobus (KEK 15), Göttingen 1921; Christoph Burchard, Der Jakobusbrief (HNT 15.1), Tübingen 2000; Wiard Popkes, Der Brief des Ja‐ kobus (ThHK 14), Leipzig 2001; Matthias Konradt, „Jakobus, der Gerechte“. Erwägungen zur Verfasserfiktion des Jakobusbriefes, in: Jörg Frey et al. (Hg.), Pseudepigraphie und Verfasserfiktion in frühchristlichen Briefen / Pseudepigraphy and Author Fiction in Early Christian Letters (WUNT 246), Tübingen 2009, 575-597; Kloppenborg, The Author of James and His Lexical Profile (s. Anm. 5), 197-217. Gegen diese These werden v. a. die unpersönliche Form, Fehlende Referenzen auf den Herrenbruder und die Rezeptionsgeschichte des Schreibens in Anschlag gebracht. 10 Metzner, Brief des Jakobus (s.-Anm.-7), 8. 11 Metzner, Brief des Jakobus (s.-Anm.-7), 11. 12 Metzner, Brief des Jakobus (s.-Anm.-7), 13. 13 Metzner, Brief des Jakobus (s.-Anm.-7), 14. Andererseits wird erwogen, ob der Jakobusbrief als pseudepigraphes Schreiben zu betrachten sei, das sich der Autorität des Herrenbruders bedient. 9 Dahingegen hat Rainer Metzner in seinem 2017 erschienenen Kommentar zum Jakobusbrief in der Reihe Theologischer Handkommentar zum Neuen Testa‐ ment - gegen die bis dahin dominant vertretenen, oben genannten Positionen - eine bislang in der Forschung nur marginal in Erwägung gezogene Position stark gemacht, nämlich dass „der Brief von einem sonst unbekannten Jakobus geschrieben wurde“. 10 Als ein orthonymes Schreiben, wie sie im frühen Chris‐ tentum ab dem 2. Jh. belegt sind, stamme der Brief von einem der christlichen Oberschicht zugehörigen „Lehrer, dem nicht an seiner Person, sondern an seiner Botschaft gelegen“ sei. 11 In den in Jak 1,1 genannten Adressaten sieht Metzner im übertragenen Sinn „alle Christen und überall angesprochen“ und verortet das Schreiben somit dezidiert im Kontext des frühen Christentums. 12 Wenngleich Metzner konstatiert, dass „Informationen zu Lokal- und Zeitkolorit [weitgehend] fehlen“, 13 so versucht er doch, den Brief anhand der Annahme der orthonymen Autorschaft sowie der Rezeption des Schreibens auf eine Datierung um 130-140 n. Chr. festzulegen, als Entstehungsort wird Rom angenommen. Wenngleich dieser These zur Verfasserschaft des Jakobusbriefs kritisch entge‐ gengehalten werden kann, die Aussagen des Briefes über den Verfasser für bare Münze zu nehmen und somit die gängige Praxis der Pseudepigraphie in der Antike in den Hintergrund zu rücken, während doch kein Nachweis für den angenommenen orthonymen Verfasser „Jakobus“ erbracht werden kann, so kommt sie im Vergleich zu den beiden vorher genannten Positionen doch mit den wenigsten Vorannahmen über die Person des Verfassers aus. Die Frage der Autorschaft bleibt trotz der genannten, mit den unterschied‐ lichen Hypothesen einhergehenden Schwierigkeiten von Interesse und bietet weiterhin Anlass zur Diskussion, da sie eng mit der Interpretation des Briefin‐ halts sowie mit der Frage nach der Stellung des Briefes im Verhältnis zu anderen Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 8 Susanne Luther 14 Becker-/ -Jónsson-/ -Luther, Who was ‚James‘? (s.-Anm.-5). 15 Vgl. Eve-Marie Becker / Jörg Rüpke (Hg.), Autoren in religiösen literarischen Texten der späthellenistischen und frühkaiserzeitlichen Welt. Zwölf Fallstudien (CRPG 3), Tübingen 2018; Gernot Michael Müller / Sabine Retsch / Johanna Schenk (Hg.), Adressat und Adressant in antiken Briefen. Rollenkonfigurationen und kommunikative Strategien in griechischer und römischer Epistolographie (BzA 382), Berlin / Boston 2020. 16 Vgl. Eve-Marie Becker / Sigurvin Lárus Jónsson / Susanne Luther, Who was “James”? Profiling the Epistolary Author and his Provenance. Introduction to the Volume, in: dies., Who was James? (s.-Anm.-5), 1-11. frühchristlichen Schriften verbunden ist. Einen etwas anderen Weg gehen die Beiträge in dem von Eve-Marie Becker, Sigurvin Lárus Jónsson und Susanne Luther herausgegebenen Sammelband Who was ‘James’? Essays on the Letter’s Authorship and Provenance, 14 die nach dem Profil des Autors fragen. Der Aus‐ gangspunkt ist die vieldiskutierte und doch letztlich unlösbare Frage nach dem historischen Autor des Jakobusbriefs, die dem methodischen Neuansatz statt‐ gibt, den Fokus auf die Analyse der epistolaren Autorschaftskonzeption und die Rückfrage nach der intellektuellen Provenienz des Verfassers zu richten. Dabei werden innertextliche, kontextuelle und literaturgeschichtliche Indikatoren zur umfassenderen Bestimmung des literarischen und religiösen Autorenprofils herangezogen. Von besonderer forschungsgeschichtlicher Bedeutung ist, dass die konventionelle Debatte um den historischen Autor durch die Einbeziehung antiker Konzepte von Autorschaft eine Bereicherung erfährt. 15 Der maßgebliche Beitrag dieses Bandes zur Fachdiskussion besteht darin, aufzuzeigen, dass die einzelnen vorgelegten Ansätze jeweils nur ein Mosa‐ iksteinchen zu einem Autorenprofil beitragen - allein in ihrer Polyphonie vermögen sie (in Ansätzen) das Profil des Autors zu zeichnen. 16 Dafür bedarf es eines mehrdimensionalen Konzepts der Briefautorschaft, in dem Beobach‐ tungen zum expliziten, zum impliziten, zum historischen und zum literarischen Autor mit Studien zu Stil, Rhetorik, Gattungskritik und Literaturgeschichte, religiösen Kontexten, literarischen Autorenschaftskonzeptionen, kommunika‐ tiven Strukturen und zur Linguistik miteinander kombiniert werden. Zudem ist die Berücksichtigung der spezifischen im Jakobusbrief rezipierten und adaptierten literarischen und literaturgeschichtlichen Traditionen wie auch der im Text thematisierten sozioökonomischen, ethischen und theologischen Fragestellungen und ihrer diskursiven Kontexte für ein Autorenprofil von Bedeutung. Dieser multidimensionale Zugang ermöglicht eine umfassende und differenzierte Profilierung von „Jakobus“ als antikem (Brief-)Autor. Die Beiträgerinnen und Beiträger des Bandes plädieren folglich für eine Heuristik der (literarischen, theologischen, sprachlichen usw.) Profilierung an‐ Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion 9 17 Vgl. dazu die Beiträge von Alicia J. Batten, Thomas Johann Bauer, Eve-Marie Becker, Clarissa Breu, Niclas Förster, Christine Ganslmayer, George Hinge, Sigurvin Lárus Jónsson, John S. Kloppenborg, Susanne Luther, Karl-Wilhelm Niebuhr, Lorenzo Scor‐ naienchi, Nicolas Wiater und Oda Wischmeyer. 18 Neuere Publikationen in der Folge von Ulrich Luck, Patrick Hartin und Hubert Frankemölle: Benjamin G. Wold, „Ḥokma of the Hands“ in Early Jewish Sapiential Tradition and the Letter of James, in: JSPE 30 (2020), 74-86; ders., Universal and Particular Law in the Letter of James and Early Judaism, in: JSNT 41 (2018), 95-106; Oda Wischmeyer, Jak 3,13-18 vor dem Hintergrund von 1Kor 1,17-2,16. Frühchristliche Weisheitstheologie und der Jakobusbrief, in: ASE 34 (2017), 403-430; Nicholas J. Ellis, The Hermeneutics of Divine Testing. Cosmic Trials and Biblical Interpretation in the Epistle of James and Other Jewish Literature (WUNT 2/ 396), Tübingen 2015; Richard J. Bauckham, James. Wisdom of James, Disciple of Jesus the Sage (New Testament Readings), London 1999; ders., The Wisdom of James and the Wisdom of Jesus, in: Jacques Schlosser (Hg.), The Catholic Epistles and the Tradition (BEThL 176), Leuven 2004, 75-92. Vgl. zudem auch Karl-Wilhelm Niebuhr, The Epistle of James in Light of Early Jewish Diaspora Letters, in: Darian R. Lockett (Hg.), The Catholic Epistles. Critical Readings, London 2021, 67-83; vgl. des Weiteren auch Kathleen Elkins / Thomas M. Bolin, Boundaries, Intersections, and the Parting of Ways in the Letter of James, in: Interpretation 74 (2020), 335-343. 19 Einen ausführlichen Überblick über die unterschiedlichen Positionen bietet Achim Peter, Akoluthiewahrung und Jesusüberlieferung im Jakobusbrief (WUNT 2/ 536), Tübingen 2020; ebenso John S. Kloppenborg, The Reception of the Jesus Tradition in James, in: Schlosser, The Catholic Epistles (s. Anm. 18), 93-141; vgl. ders., The Emulation of the Jesus Tradition in the Letter of James, in: Webb / Kloppenborg, Reading James with New Eyes (s. Anm. 2), 121-150; Patrick Hartin, James and the Jesus statt einer (historischen) Identifizierung von „Jakobus“ als Briefautor. Zugleich wird deutlich, dass aufgrund der hermeneutischen Brille einer diversifizierten, pluralen Profilierung des Autors neue Erkenntnisse in Bezug auf Inhalt und Gestalt des Textes sowie die historischen, religiösen, sozialen, kulturellen, literarischen und intellektuellen Kontexte des Autors gewonnen werden. 17 2 Der Jakobusbrief in seinen sozialen, religiösen, kulturellen, literarischen, intellektuellen und historischen Kontexten Die kontroverse Diskussion über die lokale Verortung des Jakobusbriefs, die zuvorderst auf Vorannahmen über den Autor und die Kommunikationssitua‐ tion sowie auf sprachlichen und thematischen Anhaltspunkten im Vergleich zu anderen frühjüdischen, neutestamentlichen und frühchristlichen Texten basierte, erlebte in den letzten Jahren wiederum aufgrund vergleichender Untersuchungen neue Impulse. Zum einen wurden verstärkt Parallelen zu weisheitlichen Traditionen und frühjüdischen Schriften 18 erhoben, zum anderen wurde vertieft die Relation des Jakobusbriefs zur Jesustradition untersucht. 19 Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 10 Susanne Luther Tradition. Some Theological Reflections and Implications, in: Webb / Kloppenborg, Reading James with New Eyes (s. Anm. 2), 55-70; Matthias Konradt, Der Jakobusbrief im frühchristlichen Kontext. Überlegungen zum traditionsgeschichtlichen Verhältnis des Jakobusbriefes zur Jesusüberlieferung, zur paulinischen Tradition und zum 1Petr, in: Schlosser, The Catholic Epistles (s. Anm. 18), 171-212; Karl-Wilhelm Niebuhr, James, in: Helen K. Bond et al. (Hg.), The Reception of Jesus in the First Three Centuries, Bd. 1: From Paul to Josephus. Literary Receptions of Jesus in the First Century CE, London u. a. 2020, 259-275; ders., Der erinnerte Jesus bei Jakobus. Ein Beitrag zur Einleitung in einen umstrittenen Brief, in: Michael Labahn (Hg.), Spurensuche zur Einleitung in das Neue Testament (FS Udo Schnelle; FRLANT 271), Göttingen 2017, 307-329. Vgl. zudem auch Chris Armitage, Jesus Remembered in James. James 2: 5 and Matthew 5: 3 / Luke 6: 20b as a Test Case of Social Memory in James, in: ABR 69 (2021), 81-99; Susanne Luther, Von Feigenbäumen und Oliven. Die Rezeption, Transformation und Kreation sprachethischer Traditionen im Jakobusbrief, in: ASE 34 (2017), 381-401; dies., Profiling the Author of the Letter of James. Dealing with Traditions in the Light of Epistolary Authorship Conceptions, in: Becker / Jónsson / Luther, Who was James? (s.-Anm.-5), 29-55. 20 Vgl. dazu die Ausführungen unten. 21 Huub van de Sandt / Jürgen K. Zangenberg (Hg.), Matthew, James, and Didache. Three Related Documents in Their Jewish and Christian Settings (SBLSymS 45), Atlanta 2008; darin Oda Wischmeyer, Reconstructing the Social and Religious Milieu of James. Methods, Sources, and Possible Results, 33-41; zudem David H. Edgar, Has God Not Chosen the Poor? The Social Setting of the Epistle of James ( JSNTS 206), Sheffield 2001. 22 Vgl. z. B. Jens Schröter, Jesus Tradition in Matthew, James, and the Didache. Searching for Characteristic Emphases, in: van de Sandt / Zangenberg, Matthew, James, and Didache (s.-Anm. 21),-233-255. Darüber hinaus wurde der Text in den griechisch-römischen literarischen Kontext eingebunden. 20 All diese Studien tragen dazu bei, den Jakobusbrief besser in seinem Entstehungskontext verorten zu können. Im Folgenden soll auf zwei Ansätze, die das Entstehungsmilieu des Jakobusbriefs zu differenzieren suchen, eingegangen werden. Der enge Zusammenhang zwischen dem Matthäusevangelium und dem Jakobusbrief ist in der Forschung seit langem gesehen worden; in dem von Huub van de Sandt und Jürgen Zangenberg herausgegebenen Sammelband Matthew, James, and Didache: Three related documents in their Jewish and Christian Settings wurde er umfassend herausgearbeitet. 21 Die Beiträgerinnen und Beiträger des Bandes gehen nicht von einer literarischen Abhängigkeit der Schriften voneinander aus, doch können sie auf unterschiedlichen Ebenen (sozialer Hintergrund, Rezeption von Jesustradition 22 usw.) und bezüglich ver‐ schiedener inhaltlicher Aspekte (Stellung zur Thora und zum Ritualgesetz, ethische Schwerpunktsetzung, Identitätsfragen usw.) enge Parallelen aufzeigen, die auf ein gemeinsames religiöses und soziales jüdisch-christliches Milieu rückschließen lassen. Dies führt zu der Schlussfolgerung: Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion 11 23 Van de Sandt-/ -Zangenberg, Matthew, James, and Didache (s.-Anm.-21), 1. 24 Van de Sandt-/ -Zangenberg, Matthew, James, and Didache (s.-Anm.-21), 1f. 25 Sigurvin Lárus Jónsson, James among the Classicists. Reading the Letter of James in Light of Ancient Literary Criticism (Studia Aarhusiana Neotestiamentica 8), Göttingen 2021. 26 Jónsson, James among the Classicists (s.-Anm.-25), 78. 27 Jónsson, James among the Classicists (s.-Anm.-25), 80. The three documents could reflect various stages in the development of a network of communities that shared basic theological assumptions and expressions, or they may represent contemporaneous strands or different regional forms of the same wider phenomenon we now call Jewish Christianity. 23 Doch werden die theologischen Übereinstimmungen, gemeinsamen Themen und anerkannten Formen religiöser Praxis sowie sprachliche Entsprechungen, die die drei Schriften vereinen, kritisch gegenüber den Differenzen zwischen den Schriften und den je individuellen Parallelen mit anderen neutestamentlichen Schriften abgewogen, um aufzuzeigen, dass - wenngleich jede der Schriften ihr eigenes Profil erhalten hat - doch die Gemeinsamkeiten auf ein gemeinsames soziales und religiöses Milieu schließen lassen, das sich zwar nicht ähnlich kohärent darstellt wie die paulinische und die johanneische Schule, das aber die Vermutung zulässt: „Matthew, James, and the Didache represent a third important religious milieu within earliest Christianity, which is characterized by its distinct connections to a particular ethical stream of contemporary Jewish tradition“. 24 Wenngleich dieses Milieu nicht ebenso klar definiert und kohärent ist wie die anderen beiden, so lässt es sich doch anhand der Gemeinsamkeiten der drei Schriften beschreiben. Neben der engen Vernetzung des Jakobusbriefs mit dem literarischen Kontext des Frühjudentums und des frühen Christentums wurde auch die Verortung des Schreibens im Kontext der griechisch-römischen Literatur verstärkt in den Blick genommen. So liest Sigurvin Lárus Jónsson den Jakobusbrief in seiner Monographie James among the Classicists  25 vor dem Hintergrund des Konzeptes des literarischen Klassizismus und fragt nach der rhetorischen Funktion des Schreibens. Ausgehend von der antiken Literaturtheorie und Rhetorik - Jónsson beruft sich z. B. auf Dionysius von Halikarnassos, Aristoteles, Demetrius, Longinus und Theon - argumentiert er, dass der Jakobusbrief als Ethopoiie beschrieben werden könne, d. h. als „the imitation of the character of a person supposed to be speaking“, 26 unabhängig davon, ob der vermeintliche Sprecher eine reale oder fiktive Person ist. Da Ethopoiie oder Speech-in-Character „the ability of an author to depict himself in speech as authoritative and righteous“ 27 beinhaltet, kann für den Jakobusbrief gelten, dass der (pseudonyme) Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 12 Susanne Luther 28 Vgl. dazu auch Sigurvin Lárus Jónsson, The Letter of James as Ethopoeia, in: Be‐ cker / Jónsson / Luther, Who was James? (s. Anm. 5), 371-389; sowie auch Sigurvin Jónssons Beitrag in dieser Ausgabe der ZNT. 29 Oda Wischmeyer, Scriptural Classicism? The Letter of James as an Early Christian Literary Document, in: Becker / Jónsson / Luther, Who was James? (s. Anm. 5), 277-311. 30 Wischmeyer, Scriptural Classicism (s.-Anm.-29), 278. 31 Nicolas Wiater, The Ideology of Classicism. Language, History, and Identity in Dionysius of Halicarnassus (UALG-105), Berlin-/ -New York 2011. Autor bekannte Techniken der antiken Rhetorik gebrauchte, um sich als glaub‐ würdig und autoritativ zu inszenieren. Durch die spezifische Verwendung von Vokabular und Stil (wiederholende Strukturen, umfangreiche Variationen im Vokabular, innovative Wortwahl, poetische Prosa, Neologismen) in seinem epistolographischen Schreiben, impliziert er seine Bildung; er nimmt die Rolle des Weisen, des Lehrers und Exegeten ein. Aus dieser Position heraus kann er die Probleme bei den Adressaten (z. B. die sozioökonomische Ungleichheit) autoritativ kommentieren und ethische Weisung bieten. Jónssons Textanalysen zeigen, dass der Verfasser des Jakobusbriefes viele Kriterien eines rhetorisch versierten Autors erfüllt und sein Text somit in den breiteren literarischen Kontext der griechisch-römischen Literatur eingeordnet werden kann. Zugleich lassen sich aber auch deutlich Abweichungen erkennen, die vielleicht auf den Einfluss der frühjüdischen Literatur zurückzuführen sind. Die Frage der historischen Autorschaft - d. h. die Frage der Sprache und des Stils, sofern der Text Jakobus, dem Bruder Jesu, zuzuschreiben wäre - wird nicht beleuchtet; das Interesse der Studie liegt vielmehr auf der Rekonstruktion des intellektuellen und ästhetischen Hintergrunds, der kulturellen Prägung und des Profils des pseudonymen Autors. 28 In ihrem Beitrag „Scriptural Classicism? The Letter of James as an Early Christian Literary Document“ 29 fokussiert Oda Wischmeyer auf die literarische Qualität und die Form des Jakobusbriefs. Sie argumentiert, dass im Kontext der frühjüdischen und frühchristlichen griechischen Literatur „James’ letter can be characterized as an independent text of literary quality, connecting the features of imitation and emulation with the literary technique of blending, thereby combining scriptural Classicism with innovative elements“. 30 Sie benutzt - mit Bezug auf Wiater 31 - den Begriff des Klassizismus in einem erweiterten oder figurativen Sinn, indem sie ihn von der literaturauf die kulturgeschichtliche Ebene überträgt. So verwendet, dient er zur Beschreibung einer literarischen Tätigkeit, die auf der Grundlage der literarischen Überlieferungen - z. B. unter Rückgriff auf die Septuaginta, die paulinischen Briefe und die Jesustradition - eine kulturelle, soziale und religiöse Identität ausformt. So lässt sich anhand intertextueller Analysen aufzeigen, dass sich der Jakobusbrief bestens in die Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion 13 32 Wischmeyer, Scriptural Classicism (s.-Anm.-29), 306. 33 Vgl. z. B. James R. Strange, The Moral World of James. Setting the Epistle in Its Greco-Roman and Judaic Environments (SBLit 136), New York 2010; Darian R. Lockett, Purity and Worldview in the Epistle of James (LNTS 366), London / New York 2008; Patrick J. Hartin, The Letter of James. Its Vision, Ethics, and Ethos, in: Jan G. van der Watt (Hg.), Identity, Ethics, and Ethos in the New Testament (BZNW 141), Berlin / New York 2006, 445-471; Susanne Luther, Jakobusbrief, in: Ruben Zimmermann (Hg.), Ethik des Neuen Testaments, Tübingen (im Druck). 34 Vgl. Karl-Wilhelm Niebuhr, Jüdisches, jesuanisches und paganes Ethos im frühen Chris‐ tentum. Inschriften als Zeugnisse für Rezeptionsmilieus neutestamentlicher Texte im kaiserzeitlichen und spätantiken Kleinasien am Beispiel des Jakobusbriefes, in: Roland Deines / Jens Herzer / Karl-Wilhelm Niebuhr (Hg.), Neues Testament und hellenis‐ tisch-jüdische Alltagskultur. Wechselseitige Wahrnehmungen (WUNT 274), Tübingen 2011, 251-274; ders., Jakobus und Paulus über das Innere des Menschen und den Ursprung seiner ethischen Entscheidungen, in: NTS-62 (2016), 1-30. frühchristliche griechische Literatur des 1. und frühen 2. Jh. n. Chr. einfügt, indem er einerseits die Tradition aufgreift und weiterführt, andererseits inno‐ vative Formen und Inhalte erschafft: [W]e perceive the connection between a literary movement that may be labelled as a certain kind of Early Christian Classicism, but at the same time comes up with innovative forces. Both directions of the origins of Christian literature should be considered when it comes to the task of interpreting James: carefully cultivated stylistic traditionalism, currently (metaphorically) interpreted as Classicism, and innovation or modernism, i.e. the claim to create new kinds of sub-genres and new forms of linguistic and stylistic expression. 32 Oda Wischmeyer legt dar, wie das Konzept des literarischen Klassizismus die Perspektive eröffnet, Texte wie den Jakobusbrief als literarische Grundlage für die Herausbildung eines identitätsstiftenden religiösen und moralischen Kosmos der gebildeten, literarisch anspruchsvollen, griechischsprechenden Mitglieder der Gemeinden von Christusgläubigen zu verstehen. 3 Neue Perspektiven auf die Ethik des Jakobusbriefs Die „moral world“ des Jakobusbriefs wurde in den vergangenen Jahren intensiv untersucht. Zum einen finden sich Überblicksdarstellungen, 33 die die traditions‐ geschichtlichen Hintergründe der ethischen Topoi zu eruieren suchen, 34 zum anderen widmeten sich Studien vertieft methodischen, sprachlichen und inhalt‐ lichen Einzelaspekten, z. B. der sprachlichen Darstellung und Argumentation ethischer Inhalte (bildhafte Sprache, Rollenmodelle, Polemik, Narratologie), 35 den anthropologischen 36 und theologischen 37 Aspekten und Bedingungen ethi‐ Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 14 Susanne Luther 35 Vgl. z. B. Oda Wischmeyer, Polemik im Jakobusbrief. Formen, Gegenstände und Fronten, in: dies. / Lorenzo Scornaienchi (Hg.), Polemik in der frühchristlichen Literatur (BZNW 170), Berlin 2011, 357-379; Susanne Luther, Protreptic Ethics in the Letter of James. The Potential of Figurative Language in Character Formation, in: Jan G. van der Watt / Ruben Zimmermann (Hg.), Moral Language in the New Testament (WUNT 2/ 296), Tübingen 2010, 330-364; Michael Glöckner, Bildhafte Sprache im Jakobusbrief. Form, Inhalt und Erschließungspotential der metaphorischen Rede einer frühchristlichen Schrift (ABG 69), Leipzig 2021; Robert J. Foster, The Significance of Exemplars for the Interpretation of the Letter of James (WUNT 2/ 376), Tübingen 2014; Holly E. Hearon, The Storied World of James, in: Interpretation 74 (2020), 353-362. 36 Matthias Konradt, Christliche Existenz nach dem Jakobusbrief. Eine Studie zu seiner soteriologischen und ethischen Konzeption (StUNT 22), Göttingen 1998; Karl-Wilhelm Niebuhr, Ethik und Anthropologie nach dem Jakobusbrief. Eine Skizze, in: Friedrich Wilhelm Horn / Ruben Zimmermann (Hg.), Jenseits von Indikativ und Imperativ (WUNT 238), Tübingen 2009, 329-346; ders., Jakobus und Paulus über das Innere des Menschen (s. Anm. 34), 1-30. 37 Vgl. z. B. Matthias Konradt, Werke als Handlungsdimension des Glaubens. Erwägungen zum Verhältnis von Theologie und Ethik im Jakobusbrief, in: Horn / Zimmermann, Jenseits von Indikativ und Imperativ (s. Anm. 36), 309-327. Ein vertieft erforschter Zu‐ gang ist zu beobachten in Bezug auf die Thematik des Bösen: Oda Wischmeyer, Gut und Böse. Antithetisches Denken im Neuen Testament und bei Jesus Sirach, in: Eve-Marie Becker (Hg.), Von Ben Sira zu Paulus. Gesammelte Aufsätze zu Texten, Theologie und Hermeneutik des Frühjudentums und des Neuen Testaments (WUNT 173), Tübingen 2004, 66-73; Nicholas J. Ellis, A Theology of Evil in the Epistle of James. Cosmic Trials and the Dramatis Personae of Evil, in: Chris Keith / Loren Stuckenbruck (Hg.), Evil in Second Temple Judaism and Early Christianity (WUNT 2/ 417), Tübingen 2016, 262-281; Susanne Luther, The Evil of the Tongue. Evil and the Ethics of Speech in the Letter of James, in: Keith / Stuckenbruck, Evil in Second Temple Judaism and Early Christianity, 246-261; Oda Wischmeyer, Zwischen Gut und Böse. Teufel, Dämonen, das Böse und der Kosmos im Jakobusbrief, in: Jan Dochhorn-/ -Susanne Rudnig-Zelt-/ -Benjamin G. Wold (Hg.), Das Böse, der Teufel und Dämonen - Evil, the Devil, and Demons (WUNT 412), Tübingen 2016, 153-168; Benjamin G. Wold, Sin and Evil in the Letter of James in Light of Qumran Discoveries, in: NTS-65 (2019), 78-93. 38 Vgl. z. B. G. Bergh van Eysinga, De Tong… en Erger! Proeve van Verklaring van Jakobus-3, vs.-6, in: NedThT-20 (1931), 303-320. 39 Vgl. dazu z. B. Pheme Perkins, Tongue on Fire. Ethics of Speech in James, in: Interpre‐ tation 74 (2020), 363-373; Katrin Brockmöller, In weiser Gelassenheit leben. Ein Weg mit Worten aus Jakobus 3,13-18, in: BiHe 57 (2021), 32-33; Petra Fietzek, Die Macht der Zunge. Jakobus 3,1-12, in: -BiHe-57 (2021), 24-26. schen Handelns, sowie einzelnen ethischen Topoi. Im Folgenden möchte ich eines dieser Einzelthemen, die - bereits vor langem angestoßene 38 und vor dem Hintergrund von hate speech und fake news wieder sehr aktuelle 39 - Debatte um die Ethik des rechten Sprechens, aufgreifen. Susanne Luther geht in ihrer Studie Sprachethik im Neuen Testament davon aus, dass im Jakobusbrief - wie auch in anderen neutestamentlichen Texten wie z. B. dem Matthäusevangelium - zwischen einer ‚Bereichsethik‘ des rechten Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion 15 40 William R. Baker, Personal Speech-Ethics in the Epistle of James (WUNT 2/ 68), Tübingen 1995. 41 Vgl. dazu ausführlich Susanne Luther, Sprachethik im Neuen Testament. Eine Analyse des frühchristlichen Diskurses im Matthäusevangelium, im Jakobusbrief und im 1. Pet‐ rusbrief-(WUNT-2/ 394), Tübingen 2015. 42 Vgl. Luther, Sprachethik (s.-Anm.-41), bes. 414-422. 43 Zu Werten und Normen vgl. Nicholas List, Job’s Endurance ( Jas 5: 11b). Greco-Roman Virtue in the Letter of James, in: NT 64 (2022), 469-488; Mariam J. Kamell, The Econo‐ mics of Humility. The Rich and the Humble in James, in: Bruce W. Longenecker / Kelly Liebengood (Hg.), Engaging Economics. New Testament Scenarios and Early Christian Reception, Grand Rapids 2009, 157-175; Luther, Jakobusbrief (s.-Anm.-33). 44 Vgl. ausführlich Konradt, Existenz (s. Anm. 36), 303-310; ders., „Geboren durch das Wort der Wahrheit“ - „gerichtet durch das Gesetz der Freiheit“. Das Wort als Zentrum der theologischen Konzeption des Jakobusbriefes, in: ders. et al. (Hg.), Der Jakobusbrief. Beiträge zur Rehabilitierung der „strohernen Epistel“ (BVB-3), Münster 2003, 1-15. Sprechens und einer ‚Bereichsethik‘ des rechten Handelns unterschieden werden muss. Im ethischen Referenzrahmen der brieflichen Argumentation, der sich auf die sprachliche wie auf die nicht-sprachliche Dimension bezieht, konvergieren diese beiden Aspekte der Ethik. Dennoch liegt im Jakobusbrief ein Schwerpunkt der ethischen Argumentation und Unterweisung auf dem Aspekt des rechten Sprechens. 40 Ein breites Spektrum an Topoi der antiken sprachethi‐ schen Tradition wird rezipiert und zugleich der ethischen Argumentation des Autors entsprechend adaptiert, so z. B. das Verbot des zornigen Sprechens ( Jak 1,19-27), die Forderung der Integrität in Wort und Tat ( Jak 1,26f.; 3,9-12), die Ermahnung zur Kontrolle der Zunge ( Jak 1,26f.; 3,1-18), die Kritik des Streits und der unangemessenen Rede (z. B. Jak 4,1-4) sowie auch des Richtens ( Jak 4,11f.) und Schwörens ( Jak 5,12). Besonders hervorgehoben wird die (eschatologische) Bedeutung der (gegenseitigen) Zurechtweisung ( Jak-5,19f.). 41 Zentral für die jakobeische Sprachethik ist Kap. 3, 42 das den Diskurs mit der Feststellung eröffnet, dass „wir alle“ im Wort versagen - alle, außer dem vollkommenen Menschen, dem teleios anēr ( Jak 3,2). Der Autor begründet die Möglichkeit des angemessenen Sprechens durch die Zugehörigkeit zur neuen Schöpfung durch das Einpflanzen des Wortes der Wahrheit ( Jak 1,18). 43 Den‐ noch ist unangemessenes, ungezügeltes Sprechen ein empirisches Phänomen ( Jak 4,1-3), das der erneuten Annahme des emphytos logos, des eingepflanzten Wortes, bedarf und eines Lebens in Übereinstimmung mit dem logos alētheias, dem Wort der Wahrheit ( Jak 1,19-27). 44 Allerdings gelingt es selbst dem voll‐ kommenen Menschen, dem teleios anēr ( Jak 3,2), nur, die Zunge vorübergehend zu zügeln, nicht aber, sie zu zähmen, d. h. sie dauerhaft positiv zu nutzen. Zu stark sind der Einfluss der Welt ( Jak 1,27) und ihrer Begierden ( Jak 1; 4,1-4). 45 Die Diskrepanz zwischen dem Bereich der neuen Schöpfung und der Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 16 Susanne Luther 45 Vgl. dazu Susanne Luther, Preparing for Temptation in a Culture of Mutual Ethical Responsibility, in: Daniel L.-Smith-/ -Loren T.-Stuckenbruck (Hg.), Testing and Tempta‐ tion in Second Temple Jewish and Early Christian Texts (WUNT 2/ 519), Tübingen 2020, 63-80. 46 Vgl. Nicholas List, Δίψυχος. Moving beyond Intertextuality, in: NTS 67 (2021), 85-104; Anna Nürnberger, Zweifelskonzepte im Frühchristentum. Dipsychia und Oligopistia im Rahmen menschlicher Dissonanz- und Einheitsvorstellungen in der Antike, Göttingen 2019. 47 Vgl. Luther, Sprachethik (s.-Anm.-41), passim. 48 Vgl. (jeweils mit Literaturangaben) die neueren Beiträge von Karl-Wilhelm Niebuhr, One God, one Lord in James, in: Matthew V. Novenson (Hg.), Monotheism and Christology in Greco-Roman Antiquity (NovTSup 180), Leiden 2020, 172-188; Niebuhr, James (s. Anm. 19), bes. 265-267; Susanne Luther, The Christ of James’ Story, in: Pedrag Dragutinovic et al. (Hg.), Christ of the Sacred Stories (WUNT 2/ 453), Tübingen 2017, 191-200. irdischen Lebenswelt spiegelt sich in der inneren Zerrissenheit des Menschen wider ( Jak 1,6-8; 3,9-12), 46 der sich selbst täuscht, wenn er glaubt, auf Gott und den Dienst an ihm bedacht zu sein ( Jak 1,26). Die wiederholte Rückkehr zum Wort bzw. Gesetz ist notwendig, um nicht durch unangemessene Worte die Beziehung zu Gott zu beeinträchtigen ( Jak 1,26). Jak 4,11f. vertieft das Thema der unangemessenen Rede: Richten wird gleichgesetzt mit Verurteilen, d. h. mit der kritischen Bewertung in negativer Absicht, der Konsequenzen im eschatologischen Gericht drohen; daher folgt ein nachdrückliches, unein‐ geschränktes Verbot, die menschlichen Kompetenzen zu überschreiten und andere zu verurteilen. Kritisch-richtende Äußerungen sind nicht gestattet; ermahnende Beurteilung mit positiver Intention hingegen wird als notwendig erachtet ( Jak-5,19f.). In Jak-5,12 wird die Wahrhaftigkeit des Menschen und die Zuverlässigkeit seiner Worte thematisiert. Der Jakobusbrief fordert Klarheit der Rede und eine eindeutige Disposition; wenn die Rede bedingungslos wahrhaftig ist, sind Eide überflüssig. 47 Die jakobeische Sprachethik bietet eine historische Perspektive, die als Hintergrund für gegenwärtige Debatten über die Ethik des rechten Sprechens dienen kann. Die antiken Diskurse spiegeln unsere heutigen Herausforderungen, zeigen aber auch die Unterschiede auf und können daher unseren Blick auf aktuelle Diskurse über Identität und Sprachkultur im Zusam‐ menhang mit der Ethik des rechten Sprechens schärfen. 4 Theologische Schwerpunkte im Fokus Während die Frage einer Christologie des Jakobusbriefes seit langem diskutiert wird, 48 ist in der jüngeren Zeit auch die Theologie des Textes in den Fokus der Forschung gerückt. 49 In Rahmen dieses Beitrags soll Stefan Wengers Studie Der Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion 17 49 Vgl. dazu den Überblick bei Konradt, Theologie (s. Anm. 4), 54-78. Vgl. aber z.-B. auch die neueren Einzelbeiträge von Mariam J. Kamell, The Implications of Grace for the Ethics of James,-in: Bib. 92 (2011), 274-287; dies., Life in the Spirit and Life in Wisdom. Reading Galatians and James as a Dialogue, in: Mark W. Elliott et al. (Hg.), Galatians and Christian Theology, Justification, the Gospel, and Ethics in Paul’s Letter, Grand Rapids 2014, 353-363; Philip I. G. Du Toit, Reconsidering “Law” in the Letter of James, in: Neotest. 54 (2000), 275-305; Matthias Konradt, Gesetz und Identität im Jakobusbrief, in: Eberhard Bons (Hg.), Identität und Gesetz. Prozesse jüdischer und christlicher Identitätsbildung im Rahmen der Antike (BThSt 151), Neukirchen-Vluyn 2014, 73-101; ders., Sünde im Jakobusbrief, in: ZNT 32 (2013), 21-28; Karl-Wilhelm Niebuhr, Sünde im Jakobusbrief. Eine vernachlässigte Stimme zur Theologie des Neuen Testaments, in: KuD 66 (2020), 290-311; ders., Glaube im Stresstest. Πίστις im Jakobusbrief, in: Jörg Frey / Benjamin Schliesser / Nadine Ueberschaer (Hg.), Glaube. Das Verständnis des Glaubens im frühen Christentum und in seiner jüdischen und hellenistisch-rö‐ mischen Umwelt (WUNT 373), Tübingen 2017, 473-501; ders., Gerechtigkeit und Rechtfertigung bei Matthäus und Jakobus. Eine Herausforderung für gegenwärtige lutherische Hermeneutik in globalen Kontexten, in: ThLZ 140 (2015), 1329-1348 (= Justice and Justification in Matthew and James. A Challenge for Lutheran Hermeneutics Today, in: Vox Scripturae 25 [2017], 521-546); Michael Glöckner, Betende Existenz: Jakobus 5,13-15 als Beispiel frühchristlicher Gebetspraxis, in: ThBeitr 52 (2022), 33-45; Christopher Naseri, Suffering and Prayer in the Messianic Community of Jas 5: 13a, in: Verbum vitae 39 (2021), 1159-1174. 50 Vgl. Stefan Wenger, Der wesenhaft gute Kyrios. Eine exegetische Studie über das Gottesbild im Jakobusbrief (AThANT 100), Zürich 2011. 51 Wenger, Der wesenhaft gute Kyrios (s. Anm. 50), 13. 52 Wenger, Der wesenhaft gute Kyrios (s. Anm. 50), 13. wesenhaft gute Kyrios  50 vorgestellt werden, in der er sich in monographischer Form mit dem Gottesbild des Jakobusbriefs beschäftigt. Wenger stellt dar, „dass Jakobus in jüdisch-christlicher Tradition stehend selbstverständlich vom einen wahren Gott, Schöpfer und Herrn allen Lebens ausgeht“, zugleich wird deutlich, dass „Jakobus den als wesenhaft gut gedachten Gott einerseits zwar als Geber nur guter und vollkommener Gaben, andererseits aber eben auch als Gott in Erinnerung ruft, der (als Anwalt) Recht einfordert und (als Richter) herstellt bzw. anerkennt“. 51 Daher kommt Wenger zu dem Schluss: Wenn Jakobus Gott als den wesenhaft Guten charakterisiert, impliziert dies ihm zufolge zwar zwingend auch dessen Richtersein (v. a. im Blick auf diejenigen, denen zu ihrem Recht verholfen werden soll), aber gleichzeitig lässt sich seine Rede vom richtenden Gott (v. a. hinsichtlich derjenigen, die wegen des von ihnen begangenen Unrechts zur Rechenschaft gezogen werden) nur schwer ins Bild eines als wesenhaft gut gedachten Gottes integrieren, sondern muss eher komplementär und in einer gewissen Spannung dazu gedacht werden. 52 Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 18 Susanne Luther 53 Wenger, Der wesenhaft gute Kyrios (s. Anm. 50), 290. Diese grundlegende Spannung zwischen dem „wesenhaft guten Gott“ und dem zu erwartenden Richter und souveränen Kyrios wird unter vier Aspekten exege‐ tisch analysiert und religionsgeschichtlich profiliert. Hinsichtlich der Prädikate „Gott als der wahre Gott, Schöpfer und Herr allen Lebens“ beleuchtet Wenger z. B. den traditionellen Hintergrund des Monotheismus und die Verwendung der kurios- und patēr-Terminologie, in Bezug auf „Gott als der wesenhaft Gute“ wird z. B. auf Gott als apeirastos und Geber aller guten Gaben eingegangen ( Jak 1,13-16; 1,17; 1,18-25; 1,2-4; 3,13-18; 4,1-10). Das Unterkapitel „Gott als derjenige, der Recht einfordert, herstellt und anerkennt“ beleuchtet Gottes Ge‐ rechtigkeit und Barmherzigkeit als Richter und Anwalt; abschließend wird Gott „als der barmherzige Geber eschatologischen Heils“ dargestellt. Wenger kann in seiner Studie aufzeigen, dass der Jakobusbrief ein facettenreiches Gottesbild entwirft, das sowohl auf alttestamentlich-frühjüdischen und frühchristlichen Traditionen fußt, als auch Traditionen aus der paganen, insbesondere hellenis‐ tischen Umwelt rezipiert und für seine Belange fruchtbar macht. In Anbetracht des Anliegens des Jakobusbriefs und seiner durch das Gottesbild geprägten, auf ethische Themen ausgerichteten Argumentation wird daher konstatiert, dass das Schreiben Gott als den begreifen lässt, der das Gute seinem Wesen nach will, sucht und fördert, dass er zugleich aber immer auch als majestätisch-souveräner Gott verstanden werden muss, vor dem sich menschliches Leben zu rechtfertigen hat und auf dessen Barmherzigkeit auch der „vollkommenste“ Christ geworfen bleibt. 53 5 Neuere hermeneutische Ansätze In der Forschungsliteratur zeichnet sich des Weiteren die Tendenz ab, den Jakobusbrief verstärkt aus der Perspektive unterschiedlicher hermeneutischer Brillen zu lesen. Bereits seit den 1990er Jahren werden feministische Ansätze für die Auslegung des Jakobusbriefs in Anschlag gebracht, die hervorheben, dass der Jakobusbrief Frauen nur randständig erwähnt ( Jak 1,27; 2,15.25; 4,4), jedoch die Thematisierung von Armut, Unterdrückung und Ungerechtigkeit die Argumentation des Schreibens prägt: [T]he author consistently demonstrates that social and economic disparities, immoral judgments, and insensitive favoritism must be eradicated. This writing offers many resources for exploring contemporary injustices against women and children, as well Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion 19 54 Gay L. Byron, James, in: Carol A. Newsom / Sharon H. Ringe / Jacqueline E. Lapsley (Hg.), The Women's Bible Commentary, Louisville 3 2012, 613. 55 Byron, James (s.-Anm.-54), 615. 56 Byron, James (s.-Anm.-54), 614. 57 „Militant patience“, vgl. Elsa Tamez, Elemente der Bibel, die den Weg der christli‐ chen Gemeinde erhellen. Eine hermeneutische Übung anhand des Jakobusbriefs, in: EvTheol-51 (1991), 92-100. 58 Vgl. dazu Irene Dannemann, Der Brief des Jakobus. Streiten um den Weg der Gerech‐ tigkeit, in: Luise Schottroff / Marie-Theres Wacker (Hg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 694-700. 59 K. Jason Coker, Nativism in James 2.14-26. A Post-colonial Reading, in: Webb / Klop‐ penborg, Reading James with New Eyes (s.-Anm.-2), 27-48. as other injustices emanating from inequitable distribution of resources (e.g., financial, health care, educational, etc.) that continue to affect women across the globe. 54 Insbesondere die Forderung nach Integrität ( Jak 1,5-8; 2,4; 4,8) wird unter der feministischen Perspektive erweitert interpretiert: Another way of understanding the call for wholeness is a communal sense. According to James, one can understand the meaning of faith only in the context of a community of individuals striving to become ‚mature‘ and ‚complete‘, lacking nothing (1: 4). Wo‐ manist interpreters argue for this type of wholeness through their commitment to the wholeness of the collective community, which transcends the boundaries of racism, sexism, heterosexism, classism, and able-ism. In the warnings to avoid favoritism, class distinctions, and any other forms of partiality (2: 1-13), James provides a paradigm for community accountability whereby all members are free of judgment and empowered to strive or wholeness and hope (2: 13). 55 Im Zusammenhang mit der Polemik gegenüber den Reichen und Mächtigen wird betont, dass „God is on the side of the oppressed and responds to those of different ethical, economic, social, and cultural backgrounds“, 56 und es werden Rückschlüsse auf die historische Situation und Sozialstruktur der Gemeinden erwogen. Weiterhin lässt sich dadurch die Forderung einer Lebenshaltung der „kämpferischen Geduld“ 57 begründen, die in der Anweisung zum Ertragen des Leids ( Jak 1,5f.; 5,10f.) und zum beharrlichen Gebet ( Jak 5,4.16-18) ihre konkrete Ausformung finde und sowohl eine eschatologische (1,9-12; 2,5) als auch eine präsentische (2,5.8) Perspektive aufweise. 58 Eine befreiungstheologische Perspektive legen James Coker und Ingeborg Mongstad-Kvammen auf den Jakobusbrief: Laut James Coker 59 vertritt Jakobus eine konservative Position, wenn er die Identität der Gläubigen in einer reinen Form der Frömmigkeit begründet sieht, die im Gegenüber zu den sie umgebenden kulturellen Normen steht und eine Kontinuität mit dem Altherge‐ Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 20 Susanne Luther 60 Coker, Nativism (s.-Anm.-59), 27. 61 Vgl. dazu ausführlich K. Jason Coker, James in Postcolonial Perspective. The Letter as Nativist Discourse Minneapolis 2015 sowie den Buchreport zu Cokers Monographie in dieser Ausgabe der ZNT. 62 Vgl. Coker, Nativism (s.-Anm.-59), 47 f. 63 Ingeborg Mongstad-Kvammen, Toward a Postcolonial Reading of the Epistle of James. James 2: 1-13 in its Roman Imperial Context (BIS 119), Leiden 2013; vgl. zudem Stefan Silber, Verfaulter Reichtum. Eine befreiungstheologische Lektüre des Jakobusbriefs, in: BiHe-57 (2021), 15-17. 64 Diese Passage hat einige Aufmerksamkeit erfahren, vgl. z. B. Peter Wick, Zwischen Parteilichkeit und Barmherzigkeit! Jak 2,1-13 und die elaborierte Ethik des Jakobus‐ brachten, den jüdischen Traditionen, aufweist. Paulus hingegen plädiere für eine Identität, die auf etwas Neuem und - mit postkolonialer Terminologie gesprochen - Hybriden beruht: James and Paul’s argument can then be seen as an argument between nativist resistance to colonial power, which is characterized by reproducing colonial repre‐ sentations in order to resist colonial influence, and hybrid resistance, which is characterized by blurring the boundaries of colonizer/ colonized in order to renegotiate a new set of power relations. 60 Coker liest den Jakobusbrief - insbesondere auch das in der Forschung viel‐ diskutierte Verhältnis zwischen Jakobus und Paulus - politisch, als eine viel‐ schichtige Auseinandersetzung des Jakobusbriefs mit der jüdischen Identität im Gegenüber sowohl zum römischen Imperialismus als auch zur paulinischen Hybridität. 61 Jakobus’ Vorstellung einer „reinen“ Frömmigkeit könne, so Coker, dem Druck des Imperiums nicht standhalten. Die hybride Form der religiösen Identität bei Paulus hingegen habe an Popularität gewonnen, da sie eine gangbare Alternative darstellte, um in einem kolonialen Kontext zu bestehen und Widerstand zu leisten. Den heutigen Lesern hingegen, so Coker, seien beide Formen des Widerstands in den literarischen Texten des Jakobus und des Paulus erhalten, die miteinander kombiniert werden und durch diese Zusammenfüh‐ rung zweier Arten von Widerstand zu ethischen Lesarten der Texte anleiten sollen. Aus einer postkolonialen Perspektive biete die Kontroverse zwischen Jakobus und Paulus einen fruchtbaren Boden für Kirche und Wissenschaft, um die Auswirkungen des Kolonialismus auf die biblischen Autoren wie auch auf die modernen Leser zu rekonzeptualisieren. 62 Ingeborg Mongstad-Kvammen 63 liest die Passage Jak 2,1-13 unter postko‐ lonialer Perspektive und identifiziert den anēr chyrsodaktylios in Jak 2,2 als römischen Ritter, als Repräsentanten des römischen Imperiums, den ptōchos als einen Bettler. 64 Anhand der Kritik des Verfassers des Jakobusbriefs am Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion 21 briefes, in: Annali di storia dell'esegesi 34 (2017), 443-455; Hildegard Scherer, Eine Frage der Würde. Jakobus 2,1-13, in: BiHe-57 (2021), 12-14. 65 Mongstad-Kvammen unterscheidet zwischen geographischer, religiöser und ideologi‐ scher Diaspora und zählt zu den Herausforderungen des Lebens in der Diaspora Binarität, Hybridität, Unterdrückung und Fremdbestimmung, vgl. dies., Toward a Postcolonial Reading of the Epistle of James (s.-Anm.-63), 205-217. 66 Vgl. dazu auch Matthew R. Hauge, Empire in James. The crown of life, in: Adam Winn (Hg.), An introduction to empire in the New Testament (RBS 84), Atlanta 2016, 237-254. 67 Vgl. dazu auch den Beitrag von Ingeborg Mongstad-Kvammen in dieser Ausgabe der ZNT. 68 Margaret P. Aymer, First Pure, then Peaceable. Frederick Douglass Reads James (LNTS-379), London 2008, 32. Verhalten der Gemeinde diesen beiden Personen gegenüber und anhand seiner Argumentation, die mit Binaritäten arbeitet (Kolonisator - Kolonisierte, Macht - Machtlose, reich - arm, Ehre - Schande usw.), zeigt sie auf, dass das zentrale Problem in den hybriden Identitäten der Diasporagemeinden ( Jak 1,1) liegt, die in einem Kontext der Unterdrückung lebten 65 und - beeinflusst durch die römi‐ sche Kolonialmacht 66 - ihre soziale und kulturelle Prägung und ihr Verhalten den sozialen und kulturellen Standards der römischen Umgangsformen ange‐ passt hatten. Damit entsprach es jedoch nicht mehr dem jüdisch-christlichen Verständnis der Gleichbehandlung. Der Verfasser des Jakobusbriefes appelliere, so Mongstad-Kvammen, daher an die Gemeinden, ihre hybride Identität zu reflektieren, sich auf ihre ursprüngliche Prägung zu besinnen und somit eine Distanzierung von der Kolonialmacht vorzunehmen, die gegebenenfalls gar Situationen der Verfolgung und Unterdrückung erzeuge, da ihr Verhalten aufgrund ihrer hybriden Identität ihre Verurteilung als Übertreter des Gesetzes Gottes nach sich ziehen würde. 67 Eine Brücke zwischen den befreiungstheologischen zu den kontextuellen Hermeneutiken bietet Margaret Aymer mit ihrer rezeptionsgeschichtlich und ideologiekritisch ausgerichteten Studie über die Rolle des Jakobusbriefs im Kontext der Antisklavereibewegung (Abolitionist Movement) in den USA des 19. Jahrhunderts. Sie legt dar, wie Frederick Douglass, ein ehemaliger Sklave und späterer Abolitionist und Autor, den Jakobusbrief, insbesondere Jak 3,17, in seinen abolitionistischen Reden verwendete, um vor dem Hintergrund dieses biblischen Textes und seiner spezifischen Rhetorik die „Finsternis“ der Sklaverei und des sklavenhaltenden Christentums seiner Zeit zu interpretieren. Sie arbeitet heraus, wie Douglass anhand von rhetorischen Strategien wie Parodie, Inversion und Polemik „penetrates and redefines the hegemonic ideology of his day - the Bible and Christianity - by means of the very texts that were originally intended to uphold that hegemony“. 68 Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 22 Susanne Luther 69 Vgl. aber auch einzelne Aufsätze aus anderen geographischen Kontexten wie James Ha Tun Aung, Ministering to the Marginalized in a Pluralistic Society. An Act of Pure Religion in James 1: 27, in: JAsM 18 (2017), 51-70; Mookgo S. Kgatle, Healing Practices in the Epistle of James Applied to New Prophetic Churches in South Africa, in: Neotest. 55 (2021), 111-123. 70 Brian K. Blount et al. (Hg.), True to Our Native Land. An African American New Testament Commentary, Minneapolis 2007. 71 Vgl. z. B. Solomon Andria, James, in: Tokunboh Adeyemo (Hg.), Africa Bible Commen‐ tary, Nairobi 2006, 1535-1542. 72 Andria, James (s.-Anm.-71), 1537. Zu den kontextuellen Hermeneutiken lassen sich insbesondere afrikanische Perspektiven auf die Interpretation des Jakobusbriefs anführen, 69 die den Text mit historisch-kritischer Methodik auslegen, zugleich aber auch durch die Brille der afrikanischen (bzw. afroamerikanischen) Geschichte und der gelebten Er‐ fahrungen der afrikanischen (bzw. afroamerikanischen) Kirchen lesen. Auf diese Weise wird der historische Kontext, in dem der Jakobusbrief geschrieben wurde, ebenso berücksichtigt wie der soziale, historische, politische und wirtschaftliche Kontext, der die heutigen Leser und ihre Perspektive auf den Text bestimmt. Im Kommentarband True to Our Native Land: An African American New Testament Commentary werden Artikel über afroamerikanische Hermeneutik (slavery in the early church, Africa and African Imagery in the Bible, Womanist Biblical In‐ terpretation, African American Preaching and the Bible usw.) dem Kommentar‐ teil vorweggestellt; in den Kommentaren zu den einzelnen biblischen Büchern werden neben wissenschaftlichen Studien auch Poesie, Literatur und bildende Kunst sowie einzelne Stimmen afroamerikanischer Ausleger für die Interpreta‐ tion fruchtbar gemacht, die die Überschneidung der biblischen Traditionen und der afroamerikanischen communities aufzuzeigen. 70 Im African Bible Commen‐ tary werden im Rahmen der historisch-kritischen Auslegung des Jakobusbriefs durchwegs Verweise auf die Situation in afrikanischen Kontexten geben, der Text auf konkrete Missverhältnisse und referenzierbare Fehlverhalten bezogen oder zur Erläuterung Parallelen zur traditionellen Volksweisheit aufgezeigt. 71 So wird z.-B. thrēskeia kathara in Jak-1,27 folgendermaßen kontextualisiert: But pure religion is not just a non-governmental organization, an NGO doing social work. The work done by believers is the product of their faith and the religion is characterized by the holy lives of its memsbers. Briefly put, the word must produce in us acts that prove our relationship to God and a way of life that glorifies him. 72 Dem Kommentar zu Jak 2,1-13 wird ein separates Textfeld beigegeben, das von Jakobus ausgehend aus kanonischer Perspektive biblische Positionen zur Vetternwirtschaft („favoritism“) darlegt: Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion 23 73 Andria, James (s.-Anm.-71), 1538. 74 Vgl. zu letzterem Aspekt z.-B. Karl-Wilhelm Niebuhr, The Communities Configured in the Letter of James, in: Paola Ceccarelli et al. (Hg.), Letters and Communities. Studies in the Socio-Political Dimensions of Ancient Epistolography, Oxford 2018, 303-322. 75 Vgl. oben Anm. 5. 76 Vgl. z. B. die kontextuellen Hermeneutiken sowie die Publikationen in kirchlichen Kontexten unterschiedlicher Denominationen. Christian communities in Africa are not immune to this sometimes unconscious discrimination in favour of the rich since the power of money is strong when many are poor. The rich are easily noticed and gain respect of leaders. Then the poor find themselves shoved to one side because, as the proverb says, ‚thin cows are not licked by their friends‘. They are ignored because they are ‚thin‘ and cannot make a financial contribution to the community. 73 Fazit In dieser skizzenhaften Darstellung konnten nur einige der aktuellen Tendenzen in der Forschung zum Jakobusbrief aufgegriffen und innerhalb derer jeweils nur wenige ausgewählte Ansätze präsentiert werden. Vieles musste mit Ver‐ weisen in den Fußnoten abgedeckt oder gänzlich unerwähnt bleiben - so z. B. weitestgehend die Debatte um die Relation zwischen dem Jakobusbrief und Paulus oder die Auseinandersetzung mit der Struktur des Jakobusbriefes und seiner epistolographischen Form. 74 Auch auf die in Bälde erscheinenden großen Kommentare zum Jakobusbrief sei hier nochmals explizit verwiesen. 75 Was sich aus dem hier Dargelegten jedoch deutlich erheben lässt, ist die in den letzten Jahren stetig fortschreitende, aufwertende Würdigung des Jako‐ busbriefs, die sich im Kontext der Forschung (insbesondere z. B. in Bezug auf die Theologie, Christologie und Ethik des Schreibens) in einer Vielzahl an exegetischen Publikationen und der Einbindung des Jakobusbriefs in die breitere Forschungsdiskussion niederschlägt. Aber auch im Kontext der gelebten Fröm‐ migkeit (z. B. in Hinsicht auf seine konkreten ethischen, ekklesiologischen und frömmigkeitspraktischen Weisungen) erfährt der Jakobusbrief eine Neuentde‐ ckung. 76 Es wäre wünschenswert, dass diese zunehmende Wertschätzung des Textes über die neutestamentliche Exegese und die kirchliche Rezeption hinaus auch in der breiteren theologischen Diskussion wahrgenommen würde. Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 24 Susanne Luther Nach dem Studium in Erlangen und Durham (GB) war Susanne Luther von 2007-2009 Wissenschaftliche Mit‐ arbeiterin an der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen, von 2009-2018 Wissenschaftliche Mitarbei‐ terin an der Theologischen Fakultät der Universität Mainz. 2012 wurde sie in Erlangen promoviert. Nach der Habilitation (2018) war sie Assistenzprofessorin für Neues Testament an der Fakultät für Theologie und Religionswissen‐ schaften der Universität Groningen in den Niederlanden. Seit 2020 ist sie Professorin für Neues Testament an der Universität Göttingen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Ethik im NT, Wundererzählungen im frühen Christentum, Hermeneutik sowie Geschichtsschreibung und Ge‐ schichtsverständnis im NT. Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0009 Der Jakobusbrief in der aktuellen Diskussion 25