ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
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1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2022-0013
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2022
2550
Dronsch Strecker VogelDer Jakobusbrief im neutestamentlichen Kanon
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2022
Susanne Luther
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1 So Klinghardt, Wie und warum ist der Jakobusbrief ins Neue Testament gekommen? , 88. Kontroverse Der Jakobusbrief im neutestamentlichen Kanon Einleitung in die Kontroverse Susanne Luther Wer war der Autor des Jakobusbriefs? Wann wurde der Text abgefasst? Welche Intention verfolgt der Autor mit seinem Schreiben? Und in welchem Verhältnis steht der Jakobusbrief zu anderen neutestamentlichen Schriften, z. B. zu den Paulusbriefen? Für diese Fragen, die sich jeder Leser und jede Auslegerin des Jakobusbriefs stellen muss, wurden im Lauf der Forschungsgeschichte unzählige Antworten gesucht und gefunden - und doch hat sich bis heute keine allgemein akzeptierte These herauskristallisieren können. Liegt dies daran, dass die Fragen „in der Regel noch nicht einmal angemessen gestellt werden“ 1 oder dass die historischen, theologischen oder einleitungswissenschaftlichen Vorannahmen, die Wahrnehmungen der Form und der Intention des Textes selbst und die Deutungen des frühchristlichen Literaturschaffens und der Kanonentstehung zu sehr differieren, um in dieser Frage einen Konsens zu erzielen? Die Kontroverse richtet den Fokus von Neuem auf diese viel und kontrovers diskutierten, komplex miteinander verwobenen Fragestellungen und beleuchtet sie unter der Perspektive der Textentstehung und der frühen Kanonisierungs‐ prozesse: Kann man die Frage nach Autor und Adressaten des Jakobusbriefs und nach der Intention des Schreibens überhaupt beantworten, ohne den Prozess der Kanonisierung zu bedenken? Oder setzt die Frage nach der Aufnahme des Textes in den Kanon nicht vielmehr bereits eine Positionierung zu den Einleitungsfragen und der Intention des Textes voraus? 2 Vgl. Klinghardt, Wie und warum ist der Jakobusbrief ins Neue Testament gekommen? , 85. 3 Vgl. Metzner, Ein Nachzügler, 104. Matthias Klinghardt und Rainer Metzner stellen zwei innovative Positionen der deutschsprachigen Forschung vor, die kontroverser nicht sein könnten und deren Argumentationen jeweils weitreichende Konsequenzen für die In‐ terpretation des Jakobusbriefs mit sich bringen - sowohl hinsichtlich seiner historischen Situierung und Autorschaft als auch hinsichtlich seiner theologi‐ schen und theologiegeschichtlichen Bedeutung. Matthias Klinghardt stellt die These vor, der Jakobusbrief sei ein kanonisches Pseudepigraph, also ein Text, der nicht als unabhängiges Schreiben zirkulierte, sondern gezielt für die Aufnahme in die Kanonische Ausgabe des Neuen Testa‐ ments verfasst wurde. Er beruft sich dafür auf Befunde der handschriftlichen Überlieferung und folgert, dass der pseudepigraphe Autor zur Zeit der Entste‐ hung der Kanonischen Ausgabe (im zweiten Drittel des 2. Jh.) einen Text verfasst habe, dessen Referenzen auf andere neutestamentliche Schriften nicht durch gemeinsame frühchristliche Tradition zu erklären, sondern als „beabsichtigte intratextuelle Kohärenzsignale“ zu lesen seien. 2 Der Jakobusbrief fungiere für die Leserinnen und Leser der Kanonischen Ausgabe als verbindendes Element, indem er die Angaben unterschiedlicher neutestamentlicher Schriften ( Jak, Gal, Apg) zu einer kohärenten Geschichte konstruiere und sich zugleich selbst als fingiertes Dokument in die apostolische Geschichte einschreibe. Dieser Argumentation entgegnet Rainer Metzner mit einer differenten Inter‐ pretation der kanongeschichtlichen Belege und der These, dass der Jakobusbrief spät verfasst worden und zunächst als individuelles Schreiben eines ansonsten unbekannten frühchristlichen Lehrers namens Jakobus zirkuliert sei. Erst durch die „Verwechslung des unbekannten Jakobus mit dem bekannten Bruder Jesu“ 3 und die Zuschreibung des Textes an den Herrenbruder habe der lange Zeit umstrittene Text an Autorität gewonnen und sei, im Zuge der Zusammenstel‐ lung kleinerer Schriftcorpora Ende des 3. Jh. als „Nachzügler“ unter die später kanonisch gewordenen Schriften als einer der Briefe der Jerusalemer Säulen aufgenommen worden. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern eine anregende Lektüre und eine bereichernde Auseinandersetzung mit den konzise dargelegten Positionen sowie ein unbestechliches Urteilsvermögen bei der Abwägung der Argumente beider Autoren! Zeitschrift für Neues Testament 25/ 50 (2022) DOI 10.24053/ ZNT-2022-0013 84 Susanne Luther
