ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
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1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
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Dronsch Strecker VogelInnovation in exegesegeschichtlicher Sicht
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Wolfgang Grünstäudl
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1 Darauf habe ich hingewiesen in Wolfgang Grünstäudl, Was ist neu am childist criticism? , in: ZNT-48 (2021), 101-115, bes. 101-103, mit weiterer Literatur. 2 Martin Hengel, Aufgaben der neutestamentlichen Wissenschaft, in: NTS 40 (1994), 321-357, hier: -329. 3 Knut Backhaus, Aufgegeben? Historische Kritik als Kapitulation und Kapital von Theologie, in: ZThK-114 (2017), 260-288, hier: 282. Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht Ein Werkstattbericht Wolfgang Grünstäudl „Innovation“ ist innerhalb der neutestamentlichen Exegese ein ambivalent besetzter Begriff. So sehr die neutestamentliche Exegese wie jede andere Wissenschaft nach Erkenntnisgewinn, d. h. nach neuen Einsichten, strebt, so sehr nagt an ihr der beständige Zweifel, inwiefern angesichts eines radikal begrenzten Materialobjekts - 27 später kanonisch gewordene antike Schriften - überhaupt noch tatsächlich neue Erkenntnisse im Bereich des Neuen Testa‐ ments zu gewinnen seien. 1 Die Strategien, mit dieser Ambivalenz umzugehen, sind ebenso pluriform wie die Exegese selbst: Wer in Zeiträumen und histo‐ rischen Kontexten denkt, kann mit Martin Hengel das Zeitalter des Neuen Testaments „gegenüber der alttestamentlichen Wissenschaft und Judaistik bis in die Anfänge der hellenistischen Zeit, d. h. bis ins 4. oder 3. Jh. v. Chr. (…), [und] gegenüber der Patristik (…) bis ins 3. Jh. n. Chr.“ 2 ausdehnen, oder aber mit Knut Backhaus die „natürlichen Grenzen des Fachs zwischen (…) 200 v. Chr. und 200 n. Chr.“ 3 verorten. In jedem Fall ist der Rahmen, in welchem Neues zum Neuen Testament zu vermuten ist, deutlich erweitert. Das gilt umso mehr dort, wo die Rezeptionsgeschichte nicht als bloße Nachgeschichte der neutestamentlichen Texte, sondern vielmehr als deren Existenzweise gesehen wird. Wie sehr das Neue Testament nicht jenseits seiner Rezeption existiert, wird vielleicht nirgends so deutlich wie angesichts der materialen Qualität Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 4 Vgl. hierzu nur grundlegend David C. Parker, The Living Text of the Gospels, Cambridge 1997, sowie die ebenso bereits klassische Einführung von Brent Nongbri, God’s Library. The Archaeology of the Earliest Christian Manuscripts, New Haven/ London 2018. 5 Vgl. zuletzt nur Ulrike U. Kaiser, Neutestamentliche Exegese kompakt. Eine Einführung in die wichtigsten Methoden und Hilfsmittel (UTB 5984), Tübingen 2022; Aaron Schart, Einführung in die Methode der biblischen Exegese (UTB 6242), Göttingen 2024 (mit ntl. und atl. Perspektive), sowie die methodischen Abschnitte in Andreas Lindemann/ Jens Schröter/ Konradt Schwarz, Arbeitsbuch zum Neuen Testament (UTB 52), Tübingen 15 2024. und Pluralität der Manuskripte. 4 Noch einmal andere Entdeckungs- und Dis‐ kursräume eröffnen sich natürlich durch die fortwährende Erschließung neuer methodischer und hermeneutischer Zugänge, was sich nicht zuletzt im Eifer, mit dem in dichter Abfolge neue Methodenbücher zum Neuen Testament vorgelegt werden, eindrücklich widerspiegelt. 5 Aus Sicht der Exegesegeschichte, jener hybriden Disziplin an der Grenze von Bibel- und Geschichtswissenschaft, für die noch kein Methodenbuch existiert, ist wiederum vor allem interessant, wie sich „Neues“ und „Fortschritt“ in der neutestamentlichen Exegese messen lässt und wie die Vorstellung vom „Neuen“ und seiner Herstellung bzw. Entdeckung selbst diskursiv erzeugt wurde. Welche Wege die Exegesegeschichte beschreitet und welche Einsichten sie dabei gewinnt, soll im Folgenden anhand eines knappen Werkstattberichts erörtert werden: Vorgestellt wird ein Forschungsprojekt, das an der Universität Münster beheimatet ist, ein exegetisches Netzwerk, das Innovationsmaschinen in den Blick nimmt und demnächst erste Ergebnisse einer flankierenden Tagung veröffentlichen wird. Basierend auf einer organisationssoziologischen Bestim‐ mung des Begriffs „Innovation“ soll im Anschluss an die durch die Projekte eröffneten Perspektiven versucht werden, einige Erfolgsfaktoren exegetischer Innovationen näher zu beleuchten und dabei weiterführende exegesegeschicht‐ liche Zugänge aufzuzeigen. 1 Was ist „Innovation“? Jeder analytische Ansatz bedarf einer möglichst präzisen Klärung der verwen‐ deten Begriffe. Umso notwendiger ist dies dort, wo sich die wissenschaftliche Verwendung von Begriffen nahelegt, die alltagssprachlich weite Verbreitung finden und deren Bedeutung oft unbesehen vorausgesetzt wird. Im Kontext des Projekts „Innovationsprozesse in der katholischen neutestamentlichen Exegese am Beispiel von Herders Theologischem Kommentar zum Neuen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 10 Wolfgang Grünstäudl 6 Projektziel ist eine monographische Aufarbeitung der Frühphase des HThKNT (1944- 1961), samt einer Kartographierung des relevanten Nachlass-Bestands. Zu den bisheri‐ gen Vorarbeiten vgl. Wolfgang Grünstäudl, Weihnachten, Krieg und Exegese. Notizen zu Heinrich Vogels’ Brief an Karl Hermann Schelkle vom 19. Dezember 1944, in: Matthias Adrian/ Rainer Kampling (Hg.), Freiheit in Grenzen? Forschung und Konflikte neutestamentlicher Exegese der ‚Katholischen Tübinger Schule‘ im 19. Jahrhundert (Contubernium 89), Stuttgart 2021, 159-180; ders., „…nicht gewalttätig polternd, so doch klar…“. Karl Hermann Schelkles Zusage einer Mitarbeit an Herders neutestament‐ lichem Kommentar, in: Elzbieta Adamiak/ Judith Distelrath/ Bettina Reichmann (Hg.), Glaubenswege. Aufgeklärt - kritisch - zeitgemäß, FS Wolfgang Pauly, Darmstadt 2020, 173-194. 7 Die Abgrenzung ergibt sich dadurch, dass zwar der erste Teilband bereits 1953 erschien - Rudolf Schnackenburg, Die Johannesbriefe (HThKNT XIII/ 3), Freiburg i. Br./ Basel/ Wien 1953 - jedoch erst der acht Jahre später folgende zweite Teilband Karl Hermann Schelkle, Die Petrusbriefe. Der Judasbrief (HThKNT XIII/ 2), Freiburg i. Br./ Basel/ Wien 5 1980 (1961), den Durchbruch brachte. Zu den zum Teil äußerst euphorischen Reaktionen auf das Erscheinen eines weiteren Bandes des Kommentars vgl. Grünstäudl, Nicht gewalttätig polternd (s.-Anm.-6),-190. Testament (1944-1961)“ 6 stellte sich deshalb in der Planungsphase bereits sehr früh die Frage nach einem reflektierten und verantwortbaren Gebrauch des Terminus „Innovation“. Das Projekt untersucht die Frühphase von Herders Theologischem Kommentar zum Neuen Testament (HThKNT) zwischen den ersten Einladungsschreiben des Gründungsherausgebers Alfred Wikenhauser im November 1944 und dem Erscheinen des zweiten Teilbandes, der Kommentie‐ rung der Petrusbriefe und des Judasbriefes durch Karl Hermann Schelkle (1908- 1988) am Vorabend des Zweiten Vatikanums. 7 In dieser formativen Phase des HThKNT wurde ausweislich der noch vorhandenen Archivalien, insbesondere der Korrespondenz zwischen beteiligten Autoren, Herausgebern und Verlag, in angeregten bis kontroversen sowie zum Teil äußerst kleinteiligen Debatten erörtert, wie katholische neutestamentliche Exegese auf der Höhe der Zeit zu betreiben sei. So legte etwa der seitens des Herder-Verlags verantwortliche Lektor Robert Scherer (1904-1997) im Zusammenhang der Planungen des HThKNT im September 1944 ein dreiseitiges Memorandum unter dem Titel „In welchem Sinne Exegese eine theologische Wissenschaft ist“ vor, das er an Wikenhauser versandte und in dem unter anderem festgehalten wird: Es genügt nicht, daß der Exeget formal einen Text in seiner Bedeutung klarlegt. Er muß vielmehr aus dem zur Zeit der Komposition dieses Textes schon lebendigen Glaubensbewußtsein, das bis heute lebendig geblieben ist, diesen Text auslegen, indem er denselben aus der Gesamtheit der übrigen Texte der Heiligen Schrift wertet und Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 11 8 Robert Scherer, In welchem Sinne Exegese eine theologische Wissenschaft ist, 29.9.1944 (UAF-C-103/ 28), [2], Hervorhebungen im Original unterstrichen. 9 Scherer, Theologische Wissenschaft (s. Anm. 8), [3], Hervorhebungen im Original unterstrichen. 10 Im kurzen Begleitschreiben Scherer an Wikenhauser, 29.9.1944 (UAF C 103/ 28), nennt Scherer das Memorandum einen „Nachtrag zu unserem Plan eines exegetisch-theolo‐ gischen Kommentars zum Neuen Testament“. im Lichte des lebendigen Glaubensbewußtseins der Kirche deutet. Die Lösung dieser Aufgabe erst macht den Exegeten zum Theologen. 8 Und weiter: Falsch wäre es aber zu behaupten, der Exeget habe sich nicht um das geschicht‐ lich-übergeschichtliche Glaubensbewusstsein der Kirche zu kümmern. Er muß dies tun und zwar, ich wiederhole es, nicht bloß, indem er dieses als negative Richtschnur für seine kritische Forschung hinnimmt, sondern indem er die denkerische Leistung der Synthese von historischem Text und geschichtlich-übergeschichtlichem Glaubensbe‐ wußtsein vollzieht, aus der heraus der Text seine wahre theologische Bedeutung erlangt. Es ist schwer, auf ein Vorbild dieser Art hinzuweisen, da unsere neuere Exegese noch zu stark im Banne der durch die protestantische Exegese aufgekommenen kritischen Methode ist. Die ältere Exegese war noch bewußt theologisch eingestellt, nur fehlten ihr die Mittel der modernen Wissenschaften. Was wir heute brauchen, ist die Synthese von beiden. 9 Bemerkenswert an diesen Ausführungen ist nicht nur die pointierte Diskussion der theologischen Valenz neutestamentlicher Exegese innerhalb eines Papiers zur Publikationsstrategie des Verlags, 10 sondern insbesondere die Feststellung, die „neuere Exegese“ (katholischer Provenienz), deren Rückgriff auf die metho‐ dischen „Mittel der modernen Wissenschaften“ positiv gewertet wird, sei „noch zu stark im Banne der durch die protestantische Exegese aufgekommenen kritischen Methode“. Aus Sicht der katholischen Exegeten stellte sich hingegen zur Mitte des 20. Jahrhunderts viel eher die Frage, wie Ergebnisse protestantischer Forschung, insbesondere die Arbeitsweisen und Resultate der Formgeschichte, in den öf‐ fentlichen katholischen Wissenschaftsdiskurs eingespeist werden sollten, ohne wissenschaftspolitische Restriktionen seitens kirchlicher, d. h. insbesondere römischer, Behörden zu riskieren. Die 1943 erschienene und viel beachtete Enzyklika Pius’ XII. Divino afflante Spiritu stellte dabei eine wesentliche Weg‐ marke dar, wenngleich entsprechende Initiativen der Exegeten wesentlich weiter zurückreichten. Auch der Plan eines „theologischen neutestamentlichen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 12 Wolfgang Grünstäudl 11 Schmid an Blinzler, 19.5.1944, Archiv des Bistums Passau, NL-Blinzler Nr.-20. 12 Schmid an Blinzler, 27.12.1943, Archiv des Bistums Passau, NL-Blinzler Nr.-20. 13 Die Ergebnisse der Tagung werden demnächst in der Reihe History of Biblical Exegesis (Mohr Siebeck) erscheinen. Kommentars“ war durch Herder bereits im Februar 1943 an Friedrich Wilhelm Maier (1883-1957) herangetragen worden. Zudem war das Verhältnis zwischen Exegese und Lehramt durch das römische Schreiben noch bei weitem nicht entspannt oder gar endgültig geklärt. Illustrativ ist eine Bemerkung des Münch‐ ner Neutestamentlers Josef Schmid in einem Brief vom 16. Mai 1944 an seinen Passauer Kollegen (und früheren Schüler) Josef Blinzler-(1910-1970): Was sagst Du zur neuen Bibelenzyklika, die in der ZAszM abgedruckt ist. Manches klingt verdammt ‚modern‘. (…) Ich bleibe aber einstweilen bei meinem Standpunkt: timeo Danaos, auch wenn sie liebliche Worte gebrauchen. 11 Je nach Perspektive konnte das Neue und Moderne in der Exegese somit in der Vergangenheit liegen und „noch zu stark“ nachwirken (Scherer) oder aber als noch Ausstehendes vorsichtig (aus Rom) erhofft werden (Schmid). Noch komplexer wird der Befund, wenn man berücksichtigt, dass auch für „moderne“, nach einer weiteren Öffnung ihres Fachs strebenden Exegeten wie Josef Schmid in manchen Punkten eine Grenze der interkonfessionellen Kooperation spürbar wird. So schreibt Schmid an Blinzler kurz nach Weihnachten-1943: Neulich war ein Student da, der in Tübingen studiert. Die kath. Theologen haben dort die ausdrückliche Erlaubnis im NT Kittel zu hören. Eine solch generelle Erlaubnis finde sogar ich etwas bedenklich. 12 Wie aber sollte man nun im Zusammenhang mit diesen exegesegeschichtlichen Transformationsprozessen von „Innovation“ sprechen? Da es nahe liegt, diese Frage im interdisziplinären Austausch zu klären, brachte die das Projekt flankie‐ rende Tagung „Innovation. Erkundungen zu einer exegesegeschichtlichen Ka‐ tegorie“, die im Mai 2023 in Münster stattfand, 13 exegesegeschichtlich arbeitende katholische Neutestamentler (Ingo Broer, Wolfgang Grünstäudl, Christoph Heil, Thomas J. Kraus) nicht nur mit ihren evangelischen Kolleg: innen (Eve-Marie Becker, Lukas Bormann, Brandon Massey) ins Gespräch, sondern vor allem mit Vertretern der Nachbardisziplinen Orientalistik (Ludger Hiepel) und Neu‐ ere Kirchengeschichte (Markus Pfister). Ganz besonders bedeutsam war aber der Austausch mit der Wissenschafts- und Organisationssoziologie (Markus Gamper, Thomas Heinze), die auf lange Erfahrung im Bereich der Innovations‐ forschung zurückblicken kann. In seinem Grundsatzreferat machte Thomas Heinze deutlich, dass in der Perspektive soziologischer Innovationsforschung Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 13 14 Helga Rusche wurde 1943 mit einer Arbeit zur pietistischen Bibelrezeption bei Dibelius in Heidelberg promoviert. Zur Biographie vgl. Johannes M. Nützel, Art. Rusche, Helga, in: Friedrich W.-Bautz (Hg.), BBKL-XXXVI (2015), 1144-1146. „Neuerung“ und „Innovation“ keineswegs schlicht dasselbe meinen, sondern sorgfältig voneinander zu unterscheiden sind. Als Innovationen zu gelten haben, so Heinze, nur die diejenigen Neuerungen, die sich im beobachteten Kontext (z. B. dem Markt, der scientific community) durchgesetzt und etabliert haben. Kurz: Innovation bezeichnet eine erfolgreiche Neuerung. Wird diese vermeintlich kleine begriffliche Nuancierung im Kontext der Exegesegeschichte übernommen, führt dies zu mindestens zwei gewichtigen Konsequenzen: Erstens trägt die Unterscheidung von „Neuerung“ und „Innova‐ tion“ dazu bei, angesichts der alltagssprachlich (und auch wissenschaftspolitisch - man denke nur an die Usancen der Antragsprosa! ) inflationären Verwendung der Zuschreibungen „Innovation“ und „innovativ“ ein Kriterium einzuführen, das dem Begriff „Innovation“ wieder Kontur verleiht. Nicht alles und jedes, das „neu“ ist, ist bereits „innovativ“. Zugleich rücken, zweitens, jene Faktoren, die zum Erfolg einer Neuerung und damit zu ihrer Etablierung als Innovation beitragen, in den Mittelpunkt. Diese Faktoren werden dabei selbst wiederum zum Gegenstand exegesegeschichtlichen Interesses, so dass es nicht wunder nimmt, wenn in der weiteren Tagungsdiskussion die Kurzformel „Innovation ist eine erfolgreiche Neuerung“ bei gleichzeitiger Berücksichtigung alternativer Innovationskonzepte - etwa Innovation als „kreative Devianz“ im Anschluss an Robert K. Merton (so Markus Thurau) oder Innovation als diffundierende Größe nach Everett M. Rogers (so Christoph Heil) - gerne aufgegriffen und in unterschiedlichen Forschungszusammenhängen durchdekliniert wurde. Deutlich wurden dabei insbesondere Erfolgsfaktoren, die nicht im engeren Sinne unter fachlicher Qualität zu subsumieren sind. Wissenschaftliche Exzel‐ lenz mag eine notwendige Bedingung exegetischer Innovationen sein, eine hinreichende Bedingung ist sie mit Sicherheit nicht. Bereits die Antwort auf die elementare Frage, wie lange ein: e Exeget: in lebt, entscheidet nicht unwe‐ sentlich darüber, wie sehr das „Neue“ in der Forschung dieser Person zur anerkannten Innovation heranreift. Ein besonders drastisches Beispiel in dieser Hinsicht bieten die Biographien von Rudolf Bultmann (1884-1976) und Martin Dibelius (1883-1947). Beide Exegeten, deren Namen zusammen mit dem von Karl Ludwig Schmidt-(1891-1956) untrennbar mit der Entstehung der Formge‐ schichte verbunden sind, konnten ihr Fach durch Exzellenz und Kreativität über Jahrzehnte hinweg prägen. Welche ambitionierten Arbeitsprogramme sie dabei verfolgten, verdeutlicht eine Mitteilung Martin Dibelius’ an seine Schülerin Helga Rusche-(1913-1996) 14 aus dem Jahr-1943: Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 14 Wolfgang Grünstäudl 15 Gemeint ist ein Beitrag zu Friedrich Nietzsche. 16 Dibelius an Rusche, 11.5.1943, UA Heidelberg, Heid. Hs. 3814, III. B., [9]. Es handelt sich hierbei um eine 64-seitige Sammlung maschinenschriftlicher Briefexzerpte, die zum Teil von Hand (vmtl. von Helga Rusche selbst) ergänzt wurden. Der zitierte Abschnitt ist im Original zum Teil von Hand unterstrichen, die Orthographie wurde angepasst. 17 Dibelius an Rusche, 7.10.1947, UA-Heidelberg, Heid.-Hs.-3814, III.-B., [64]. Bei dieser Arbeit 15 und bei mancherlei Besprechungen mit dem feinen, stillen Eltester wegen der ZNW - ist mir ein Arbeitsplan für Hauptsachen in den nächsten Jahren aufgegangen. Ich brauche für die beiden Paulusbücher 3-Jahre für die urchristliche Lit. Geschichte (Vertrag liegt vor) 3-Jahre für „Nomos und Pneuma“ (Entstehung der chr. Ethik; mein Lieblingsziel)-3-Jahre Evtl. für die Religionsgeschichte der ausgehenden Antike, mit der mich Christel Schröder und Verlag Reinhardt jetzt behängen wollen: 3-Jahre. Wenn ich etwa die Edition des Hermas für die Berliner Kirchenväter machen soll: -1-Jahr. Wenn ich etwa die Apostelgeschichte im „Handbuch“ übernehme: 2-Jahre. Das sind 15 Jahre! 60 + 15 = 75. Man hat kein Recht, mit längerer Lebensdauer, geschweige Arbeitsfähigkeit zu rechnen. Also: ich bin besetzt! 16 Nur vier Jahre später, im November 1947, war Martin Dibelius tot und keines der in der Liste genannten Werke abgeschlossen. Die letzte, im Briefwechsel mit Rusche erhaltene Referenz auf eine eigene Publikation Dibelius’ betrifft eine Wiederauflage seines Jesus-Buches: „‚Jesus‘ 2. Aufl. grau und hässl[ich] broschiert - ist erschienen… Ich bringe vieles nicht mehr zustande, was ich gerne möchte.“ 17 Es ist müßig zu spekulieren, in welcher Weise sich die exe‐ getische Forschung der Nachkriegszeit verändert hätte, wären Dibelius wie Rudolf Bultmann weitere 30 Lebens- und Schaffensjahre geschenkt gewesen. Fakt ist jedoch, dass Bultmann für die Aufbrüche der katholischen Exegese in der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Zweiten Vatikanum als Gesprächspartner in Zustimmung und Abgrenzung erhalten blieb, während Dibelius, dessen Heidelberger Grab von Josef Schmid, einem der einflussreichs‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 15 18 Vgl. Rudolf Pesch, Josef Schmid, in: Cilliers Breytenbach/ Rudolf Hoppe (Hg.), Neutes‐ tamentliche Wissenschaft nach 1945. Hauptvertreter der deutschsprachigen Exegese in der Darstellung ihrer Schüler, Neukirchen-Vluyn 2008, 399-406, 401: „Als Mitglied der ‚Studiorum Novi Testamentum Societas‘ war er ein Freund vieler evangelischer Theologen. Einen hat er bewundert: In Heidelberg besuchte er öfter das Grab von Martin Dibelius (1883-1947), dessen Werk er sehr schätzte.“ Oder Rudolf Pesch, Josef Schmid wird 80 Jahre, in: Paul Hoffmann (Hg.) in Zusammenarbeit mit Norbert Brox/ Wilhelm Pesch, Orientierung an Jesus. Zur Theologie der Synoptiker, FS Josef Schmid, Freiburg/ Basel/ Wien 1973, 7-12, 11: „In Heidelberg besuchte er das Grab von Martin Dibelius, des von ihm am meisten verehrten evangelischen Kollegen. Handschriftliche Gebete und Gedichte dieses großen Forschers hat er als Leihgabe längere Zeit aufbewahrt und immer wieder betrachtet.“ 19 Vgl. jetzt Maren R. Niehoff/ Francesco Zanella (Hg.), Das frühe Reallexikon für Antike und Christentum (RAC) und der Nationalsozialismus, Paderborn 2025, sowie Hannah M.-Kreß, Das RAC und der zeitgenössische protestantische Antisemitismus, in: Kirche und Israel-39 (2024), 26-46. 20 Vgl. umfassend Lukas Bormann/ Arie W. Zwiep (Hg.), Auf dem Weg zu einer Biographie Gerhard Kittels (1888-1948), HABE-3, Tübingen 2022. ten katholischen Neutestamentler dieser Zeit, mehrfach besucht wurde, 18 nicht mehr als Diskutant zur Verfügung stand. 2 Und welche Rolle spielen Netzwerke bei der Entstehung von Innovation? Damit ist bereits ein weiterer möglicher Erfolgsfaktor von exegetischen Innova‐ tionen angesprochen: Die Präsenz und Aktivität von wissenschaftlichen Netz‐ werken. Während es auf den ersten Blick unmittelbar plausibel erscheint, dass Netzwerke von Forschenden einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung von „Neuem“ und somit zur Generierung von Innovationen leisten, zeichneten die Tagungsbeiträge hierzu ein ambivalentes Bild. So stellten Hannah Kreß und Lu‐ kas Bormann Ergebnisse ihrer Forschungen zu wissenschaftlichen Netzwerken im Umfeld des Reallexikons für Antike und Christentum vor 19 und machten dabei deutlich, dass die unbestrittenen Innovationsleistungen dieses Sammelwerks zum Teil auch durch effiziente Kooperation mit dem zum Teil zeitgleich entste‐ henden Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament erreicht wurden (etwa durch Übernahme eines bestimmten Lemmas in beiden Werken durch ein und denselben Bearbeiter). Heute würde man in diesem Fall von „Synergieeffekten“ sprechen. Intensiv diskutiert wurde in diesem Zusammenhang, inwiefern der Begriff „Innovation“ dort angebracht ist, wo eine Position propagiert wird, die eher einen Rückschritt darstellt bzw. aus inhaltlichen Gründen abzulehnen ist, wie im Fall der sattsam bekannten Haltung Gerhard Kittels zum Judentum. 20 Die Leistungen der Herausgeber des ThWNT sind auf dem Hintergrund der Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 16 Wolfgang Grünstäudl 21 Vgl. zur Einführung Markus Gamper/ Linda Reschke/ Marten Düring (Hg.), Knoten und Kanten III. Soziale Netzwerkanalyse in Geschichts- und Politikforschung, Bielefeld 2015. 22 Ronald S. Burt, Structural Holes and Good Ideas, in: AJS 110 (2004), 349-399, hier: 349. oben vorgestellten Definition von „Innovation“ zweifellos als „innovativ“ zu bezeichnen, was aber gerade nicht ausschließt, die Defizite dieses Projektes klar zu benennen und insbesondere die Faktoren kritisch zu analysieren, die zum Erfolg gerade dieses neuartigen Projektes beitrugen. In einem interdisziplinären Beitrag untersuchten Wolfgang Grünstäudl und Markus Gamper am Beispiel des HThKNT die Möglichkeit, Exegesegeschichte und Netzwerkanalyse miteinander ins Gespräch zu bringen. Die ursprünglich in den Sozialwissenschaften beheimatete Netzwerkanalyse ist mittlerweile in den Geschichtswissenschaften als Methode etabliert und stellt der exegesege‐ schichtlichen Forschung potentiell hilfreiche Analysewerkzeuge zur Verfügung. So hilft die (visualisierbare) Erhebung von Scharnierstellen und Verbindungs‐ linien („Knoten“ und „Kanten“) dabei, strukturelle Muster zu entdecken, wäh‐ rend das Wissen um die „Platzierung“ von Innovationspotentialen in sozialen Strukturen die historische Suche nach besonders relevantem Quellenmaterial fokussieren kann. 21 Geradezu ikonisch wurde in diesem Zusammenhang Ro‐ nald S. Burts Diktum „that people who stand near the holes in a social structure are at higher risk of having good ideas.“ 22 Angesprochen sind damit nicht zuletzt die sogenannten „broker“, jene Personen, die in sozialen Netzwerken (oder an deren äußerer Grenze) Brückenpositionen besetzen und so Ideen von einem Netzwerk(-bereich) in ein anderes bzw. in einen anderen transferieren. Ein eindrückliches Beispiel für eine solche Broker-Figur stellt der nun bereits mehrfach genannte Josef Schmid dar, der nicht umsonst im Rahmen der Münsteraner Innovationstagung Gegenstand von nicht weniger als drei Vorträ‐ gen (Heil, Kraus, Juan Hernández Jr.) war. Schmid war zu keinem Zeitpunkt Herausgeber oder Autor des HThKNT - und würde daher in eng gefassten Visu‐ alisierungen dieses Netzwerks und seiner juristisch-organisatorischen Struktur überhaupt nicht sichtbar werden -, prägte dieses Projekt aber dennoch wie kein Zweiter durch intensiven Austausch mit den meist deutlich jüngeren Autoren. Um die unverwechselbare Art und Weise zu illustrieren, in der Schmid als Ideengeber und Berater exegetische Innovationsprozesse im Rahmen des HThKNT begleitete und moderierte, soll im Folgenden ein Brief Schmids an den Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 17 23 Einige der folgenden Beobachtungen durfte ich auf Einladung von Christoph Heil am 15. November 2024 an der Universität Graz vorstellen. Allen Teilnehmenden des Workshops, insbesondere Michaela Sohn-Kronthaler und ihrem Team des Instituts für Kirchengeschichte und kirchliche Zeitgeschichte danke ich herzlich für hilfreiche Rückfragen und Hinweise. HThKNT-Autor Karl Hermann Schelkle in (angepasster) Transkription samt einigen kursorischen Anmerkungen vorgestellt werden. 23 - München, 19.-12.-60 - Sehr verehrter Herr Kollege! Weil ich meine Schreibmaschine offenbar zu grob behandelt habe, muß sie augenblicklich repariert werden und muß ich Ihnen zumuten, meine Handschrift zu entziffern. Ich danke Ihnen herzlich für Ihren freundlichen Brief vom 7.12. Unser Vögtle ist, wie ich hoffe, jetzt auf dem Wege, sein seelisches Gleichgewicht wieder zu finden, daß durch einen Angriff eines Inquisitors stark gelitten hat. Nach Neujahr soll angeblich der Bd.-5 des Lexikon mit dem etwas „gemilderten“ Artikel J. Christus erscheinen. Sie werden sich dann selbst von seiner Tragbarkeit überzeugen können. Wir leben nun einmal nicht mehr in der Karolingerzeit oder in der der Neandertaler. Inzwischen wird Herr Vögtle, wie ich annehme, die Verträge über Ihr Manuskript übersandt haben. Ich habe natürlich nicht viel an Einzelheiten notiert, sondern ihm meinen Gesamteindruck mitgeteilt. Daß Sie, wie Sie schreiben, am Text des Kommentars nichts mehr zu ändern gedenken, finde ich ganz in Ordnung. Aber in Anmerkungen werden Sie ja noch allerlei beifügen, vielleicht auch einige der von Ihnen gesammelten patrist. Texte. Manche sind es ja wohl nicht wert, ausgegraben zu werden[.] Der Name Oikumenes wird ja wohl ganz verschwinden. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 18 Wolfgang Grünstäudl Ich weiß noch nicht recht, was ich Ihnen an Literatur nennen könnte. Es könnte sich dabei doch wohl nur um Speziallit. handeln, da die Kommentare ja alle z.-St. bei dem fleißigen Holzmeister genannt sind. Ich weiß nicht, ob er Ihnen die Mühe, Stegmüller Repertorium bibl. medii aevi nochmals duz durchzulesen, ganz ersparen wird. Wert für uns haben diese Kompilationen für mich keinen Wert. Daß die Glossa ordinaria, „das exeget. Lehrb. des MA“ nicht von W. Strabo stammt, wie man noch bei Holzmeister lesen kann, sondern von Anselm von Laon und Mitarbeitern, ist jetzt keine Neuigkeit mehr vgl. etwa Lex./ ThuK unter Glossen, wo vor allem der zitierte Aufsatz von Miss Smalley wichtig ist. In einer noch nicht gedruckten Diss. hat ein Schüler von mir, P. Anselm Schulz, Nachfolge und Nachahmung im NT, gezeigt, dass 1 Petr 2 21 ff . der griech. μίμησις- Begriff vorliegt, ein Grund mehr, den Brief nicht von histor. Petrus verfaßt sein zu lassen[.] Glauben Sie übrigens, der geschtl. Petrus (oder vielmehr Simon) habe sich selber als Petrus bezeichnet? Das war doch zunächst nur Übersetzung des semit. Kephas, das Beiname war. Was ich mir bei Ihrem Kommentar noch besonders erweitert wünsche, ist eine Darstellung und Beurteilung der Hypothese von Perdelwitz bis Boismard, daß im 1 Petr eine Taufpredigt w[..] enthalten sei, und ein Kapitel über die Theologie des 1 Petr. Sollte ich einmal noch Ihre Lit.-Zusammenfassung in die Hand bekommen, will ich sehen, ob ich dazu etwas zu ergänzen finde, was nicht bei Holzmeister und im Elenchus bibl. der Biblica steht. Der Aufsatz von Wifstrand, Stylistic Problems in the Epistles of James and Peter (Studia Theologica I, Lund 1948) wird Ihnen nicht entgangen sein. Es ist herzlich wenig, was ich Ihnen hier schreiben kann. Daß ich mich über die Maßen freue, daß endlich wieder ein Band dieses Kommentars erscheint, meine ich Ihnen schon gesagt zu haben. Natürlich bin ich auch der Meinung, daß es eine Rangordnung der Wichtigkeiten gibt. Wenn Sie gerade an Ihren Kommentar die letzte Hand anlegen, werden ich und andere Ihr evt. Nichterscheinen in Beuron wohl verstehen. München kann nachdem, was sich am letzten Samstag ereignet hat, keine ungetrübten frohen Weihnachten feiern. Ihnen darf ich eine gesegnetes Weihnachtsfest wünschen und alle guten Wünsche aussprechen für das kommende Jahr[.] Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebener J Schmid - Da ich nicht weiß, ob Vögtle Ihr Ms., das ich ihm schon zurückgegeben habe, noch hat, sende ich die mir übersandten Ergänzungen am besten Ihnen selbst. Der Exkurs ist sachlich wie grundsätzlich höchst wertvoll. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 19 24 Hoffmann (Hg.), Orientierung an Jesus (s. Anm. 18), 12. Die Bildunterschrift des Fragments lautet „Brief von Professor J.-Schmid, München, 20.-4.-1969“. 25 Rudolf Hoppe, Anton Vögtle, in: Breytenbach/ Hoppe (Hg.), Neutestamentliche Wissen‐ schaft nach 1945 (s.-Anm.-18), 461-476, 472. Weil ich meine Schreibmaschine Seine beinahe unleserliche Handschrift war so sehr ein Markenzeichen Schmids, dass sogar auf den ersten Seiten seiner ihm zum 60. Geburtstag dargebrachten Festschrift eine Handschriftenprobe prangt. 24 Ob die kurze Sequenz aus einem Brief Schmids, in der er in jovialem Ton einen Sonntagsausflug beschreibt, bei dem ihn seine Haushälterin, die er seine „Perle“ zu nennen pflegte, im Auto aus München auf das Land chauffierte, auch dann gewählt worden wäre, wenn alle Herausgeber der Festschrift in der Lage gewesen wären, den Text zu lesen, mag bezweifelt werden. In jedem Fall verrät im vorliegenden Brief Schmids selbstironische Notiz über die defekte Schreibmaschine ein zweites Markenzeichen des Neutestamentlers - seinen Humor. Unser Vögtle Von Alfred Wikenhauser, seinem Lehrer und Vorgänger auf der neutestament‐ lichen Professur in Freiburg, hatte Anton Vögtle (1910-1996) die Agenden des HThKNT-Herausgebers übernommen. Deshalb ist er der finale Adressat des Kommentar-Manuskripts, das der Autor Karl Hermann Schelkle an Schmid - of‐ fenbar mit der Bitte um sein Urteil - gesandt hatte. Ehe sich die Kommunikation diesem Manuskript zuwendet, erwähnt Schmid aber noch die Schwierigkeiten, die sich Vögtle mit der Bearbeitung des Lemmas „Jesus Christus“ im neu erscheinenden Lexikon für Theologie und Kirche eingehandelt hatte: „Vögtles Text hat dem damaligen, sehr einflussreichen Vertreter des Fachs Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität München [sc. Michael Schmaus] derart missfallen, dass er eine Neubearbeitung forderte und für den Fall der Nichterfüllung seiner Bedingungen mit der Verhinderung des Erscheinens des Lexikons - via Rom - drohte. Nur auf Drängen des Mithe‐ rausgebers Karl Rahner ließ sich Vögtle davon abhalten, seinen Beitrag ganz zurückzuziehen.“ 25 Zur Lösung des Konflikts gehörte auch eine Modifikation des ursprünglichen Entwurfs (Schmid spricht von einem „etwas ‚gemilderten‘ Artikel“). am Text des Kommentars nichts mehr zu ändern gedenken Schelkle, der bereits 1944 angefragt worden war, die Kommentierung der beiden Petrusbriefe und des Judasbriefs zu übernehmen, dürfte erleichtert gewesen sein, dass Schmid zu seiner Textauslegung keine größeren Ergänzungs- oder Änderungswünsche äußerte („finde ich ganz in Ordnung“), sondern (zunächst) Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 20 Wolfgang Grünstäudl 26 Mit Verweis auf Urban Holzmeister, Epistula prima S. Petri Apostoli (Cursus Scripturae Sacrae-III/ 13/ 1), Paris 1937, als hilfreiche Ressource. 27 Mittlerweile liegt Friedrich Stegmüller/ Klaus Reinhardt (Hg.), Repertorium Biblicum Medii Aevi, 11 Bde., Madrid 1950-1981, auch in Form einer digitalen, durchsuchbaren Datenbank vor: https: / / www.repbib.uni-trier.de/ cgi-bin/ rebihome.tcl. 28 Vgl. Josef Schmid, Art. Glossen, in: Stefan Haering (Hg.), LThK-IV, 968-970. 29 Aufgegriffen sind diese Hinweise in Schelkle, Petrusbriefe (s.-Anm.-7), X mit Anm.-1f. 30 Bei diesem Satz scheint die Syntax durch eine Wiederholung des Gedankens durchei‐ nander geraten zu sein. 31 Die Dissertation wurde nicht veröffentlicht, erschien aber später als Publikation für einen weiteren Kreis: Anselm Schulz, Unter dem Anspruch Gottes. Das neutestament‐ liche Zeugnis von der Nachahmung, München 1967. 32 Schelkle, Petrusbriefe (s.-Anm.-7), 15. auf mögliche Ergänzungen in den Fußnoten abhebt. Es beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit dabei die gesamte Auslegungstradition im Blick ist - von den antiken und mittelalterlichen Kommentaren 26 über die frühneuzeitliche Exegese 27 bis hin zur Glossa ordinaria, zu der Schmid den aktuellen Forschungs‐ stand referiert und en passant den Hinweis auf eine eigene Publikation („vgl. etwa Lex./ ThuK unter Glossen“ 28 ) einstreut. 29 Gleichzeitig werden Zweifel spür‐ bar, ob der Rückgriff auf die Auslegungsgeschichte tatsächlich ertragreich sein kann („wohl nicht wert, ausgegraben zu werden“, „haben diese Kompilationen für mich keinen Wert“ 30 ). In einer noch nicht gedruckten Diss. Von Antike und Mittelalter springt der Gedanke zur jüngsten Forschung. Nicht ohne Stolz kann der Doktorvater Schmid auf eine in München entstandene Dissertation 31 verweisen und deren noch nicht veröffentlichten Ergebnisse mit Schelkle teilen, wobei allerdings sein klares Votum für eine pseudepigraphe Abfassung des 1Petr („ein Grund mehr, den Brief nicht vom histor. Petrus verfaßt sein zu lassen“) vom immer vorsichtigen Schelkle so nicht übernommen werden wird: „Es scheint der Exegese unmöglich zu sein, die Fragen um die Verfasserschaft des Briefes eindeutig zu klären und zwingend zu beantworten.“ 32 Nach einer kurzen - beinahe rhetorischen - Rückfrage zum Namen des his‐ torischen Petrus folgt dann doch noch ein Arbeitsauftrag: Schmid wünscht sich eine Auseinandersetzung mit der These einer in 1Petr integrierten baptismalen Homilie sowie „ein Kapitel über die Theologie des 1Petr“. Beide Anregungen sind im dann veröffentlichten Kommentar aufgegriffen. Im Abschnitt zur „Tra‐ ditions- und Formgeschichte“ des 1Petr behandelt Schelkle unter der Überschrift Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 21 33 Vgl. R. Perdelwitz, Die Mysterienreligion und das Problem des 1. Petrusbriefes. Ein li‐ terarischer und religionsgeschichtlicher Versuch, Gießen, 1911; Marie-Émile Boismard, Une liturgie baptismale dans la Prima Petri I, in: RB 63.2 (1956), 182-208; Marie-Émile Boismard, Une liturgie baptismale dans la Prima Petri-II, in: RB-64.2 (1957), 161-183. 34 Schelkle, Petrusbriefe (s.-Anm.-7), 5. 35 Vgl. v.-a. Schelkle, Petrusbriefe (s.-Anm.-7), 110-113. 36 Interessant ist zudem, dass sich alle Hinweise Schmids nur auf den traditionell als theologisch bedeutsam eingestuften 1Petr beziehen, die von Schelkle im selben Kom‐ mentarband ebenfalls besprochenen 2Petr und Jud jedoch keinerlei Beachtung finden. „Liturgisch-kultische Überlieferung“ knapp Richard Perdelwitz’ These und ihre Rezeption, 33 kommt allerdings zu einem eher distanzierten Urteil: Sind mithin auch viele dieser Aufstellungen in den Einzelheiten hypothetisch geblie‐ ben, so haben sie doch erhoben, daß in 1Petr in reichem Maße liturgisch-kultische Überlieferung eingegangen ist. Das strukturierende und tragende Interesse des Briefes gehört aber der Paränese. 34 Zur Theologie des 1Petr findet sich zwar kein eigenes „Kapitel“, aber doch zwei einschlägige Exkurse (zu „Christologische Formeln in 1Petr“ und „Die Passionstheologie in 1Petr“). 35 In jedem Fall wird deutlich, welches Gewicht Schelkle den Hinweisen Schmids beimaß - und welchen Einblick die erhaltene Korrespondenz in das Werden einer „neuen Exegese“ erlaubt. 36 Natürlich bin ich auch der Meinung, daß es eine Rangordnung der Wichtigkeiten gibt. Auf die inhaltlichen und bibliographischen Hinweise („Es ist herzlich wenig, was ich Ihnen hier schreiben kann.“) lässt Schmid nicht nur den Jubel über einen weiteren HThKNT-Band folgen, sondern erteilt Schelkle auch die Abso‐ lution für ein allfälliges Nichterscheinen bei der nächsten Biennaltagung der deutschen katholischen Neutestamentler (1961 in Beuron). Ein Hinweis auf das Tagesgeschehen, in diesem Fall auf das tragische Flugzeugunglück vom 17. Dezember 1960, bei dem eine US-amerikanische Militärmaschine auf eine Münchner Straßenbahn stürzte, beschließt den Brief. Aus exegesegeschichtlicher Sicht zeitigte diese interdisziplinäre Spurensuche, für die der vorgestellte Brief des „brokers“ Josef Schmid nur als ein erstes Beispiel dienen sollte, insbesondere zwei Erkenntnisse: Einerseits ist die Netz‐ werkanalyse - genauso wie die Exegese und die Geschichtswissenschaften - ein in sich vielfältiger Diskurs. Interdisziplinäre Kooperation und Theorietransfer funktionieren deshalb nur dann unfallfrei, wenn seitens der Exegesegeschichte geklärt wird, mit welchem Ansatz der Netzwerkanalyse konkret die Zusammen‐ arbeit gesucht wird. Selbst dann ist aber zu berücksichtigen, dass termini Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 22 Wolfgang Grünstäudl 37 Konkret „673 managers who ran the supply chain in 2001 for one of America’s largest electronic companies“ (Burt, Structural Holes (s.-Anm.-22, 359)). technici der Netzwerkanalyse ihre eigene Begriffsgeschichte besitzen und mitunter in unterschiedlichen Zusammenhängen unterschiedlich gebraucht werden können. Zweitens verrät sich die sozialwissenschaftliche Herkunft der Netzwerkanalyse überall dort, wo ihre analytischen Zugriffe und ihre Beschreibungssprache vollständige Befunde voraussetzen. Eine der wichtigsten Studien zur sozialen Netzwerkanalyse (und Innovationsforschung), diejenige von Burns zu „structural holes“, beruht zum Beispiel auf der Befragung aller Mitarbeitenden einer bestimmten Managementebene eines US-amerikanischen Konzerns. 37 Diese Form der Vollständigkeit (und zeitlichen Nähe) findet sich in den Geschichtswissenschaften nur sehr selten. Viel häufiger sind Quellenbe‐ funde (stark) fragmentarisch und erinnern Historiker: innen mitunter drastisch daran, dass diese nach einem Diktum von Martha Howell und Walter Prevenier „Gefangene ihrer Quellen“ sind, die nur so weit sehen, als ihnen ihre Quellen Einblick gewähren. Das gilt nicht zuletzt auch für den HThKNT: Zwar ist einiges an Korrespondenz zwischen Verlag, Herausgebern und Autoren noch vorhan‐ den und erlaubt die Beschreibung von strukturellen Phänomenen innerhalb des Netzwerks deutschsprachiger katholischer Neutestamentler zur Mitte des 20. Jahrhunderts, doch sind die Lücken zum Teil äußerst schmerzhaft. So gilt etwa der Nachlass von Rudolf Schnackenburg (1914-2002) als verschollen, wo‐ durch sich die wissenschaftspolitische Aktivität eines besonders einflussreichen und engagierten Vertreters seiner Disziplin nur aus fragmentarischen Spuren in Fremdnachlässen und Tertiärquellen erschließen lässt. Gleichermaßen sind die Dokumente, die beim Bombardement des Verlagshauses Herder in Freiburg im Breisgau (27. November 1944) Opfer der Flammen wurden, nicht zu ersetzen. Diese leicht zu vermehrenden Beispiele zeigen, dass ein netzwerkanalytischer Zugriff auf exegesegeschichtliche Fragestellungen immer im Blick zu behalten hat, dass sich nur beschreiben und visualisieren lässt, was in den Quellen geboten wird. 3. Zusammenfassung Was ist Innovation? Weder diese Frage selbst noch ihre Beantwortung ist in exegesegeschichtlicher Perspektive banal. Der vorliegende Werkstattbericht aus einem laufenden Projekt zur Frühzeit von Herders Theologischem Kommentar zum Neuen Testament konnte aber zeigen, dass ein verstärkter Austausch nicht nur an der Grenze von Exegese und Geschichtswissenschaft, sondern auch zwi‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 23 schen Bibelwissenschaften und Netzwerkanalyse, Organisationssoziologie und Innovationsforschung wünschenswert und lohnend ist. Dieser kann dazu bei‐ tragen, Exegese nicht nur als geschichtsbezogene Wissenschaft zu verstehen, die sich Vergangenem widmet, sondern auch als Wissenschaft mit einer Geschichte, deren stetiges Streben nach Neuem wie das tatsächliche Implementieren von Innovationen ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft prägt. Wolfgang Grünstäudl, Jahrgang 1977, studierte Katho‐ lische Theologie und Religionspädagogik in Wien und Regensburg und wurde 2012 in Regensburg promoviert. Nach beruflichen Stationen im Schuldienst war er 2008 bis 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Koblenz-Landau und von 2013 bis 2022 Akademischer Rat bzw. Oberrat an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2022 ist er Professor für Theologie des Neuen Testaments und Biblische Didaktik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Aktuelle Forschungsschwerpunkte sind das Lukasevangelium, die Katho‐ lischen Briefe, Exegesegeschichte sowie Grundfragen neutestamentlicher Theologie und Hermeneutik. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 24 Wolfgang Grünstäudl
