eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament28/55

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2025-0002
znt2855/znt2855.pdf1215
2025
2855 Dronsch Strecker Vogel

Einleitung weiter denken

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2025
Sandra Huebenthal
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1 Zu dieser Zeit war noch nicht einmal der erste der sechs Bände von Herders Theologi‐ schem Kommentar zum Alten Testament zu Jesaja (2003-2022) von Willem Beuken und Ulrich Berges erschienen. Der Band, der Jes 58 erhält, erschien 2022. Kanonische und synchrone Jesaja-Exegese sind eine Erscheinung der letzten-20 Jahre. Zum Thema Einleitung weiter denken Das Neue Testament als Familienalbum Sandra Huebenthal Ein alter Witz unter Bibelwissenschaftlern ist, dass vor den Augen eines deutschen Exegeten der biblische Text augenblicklich in seine Schichten zerfällt. Schon als Studentin hat mich die Frage umgetrieben, was danach passiert. Wenn ich den Witz selbst erzähle, mache ich nach dem ersten Teil eine kurze Pause, um dann fortzufahren: „Das Problem ist nur - wie bekommt man ihn wieder zusammen? “ In meiner Ausbildung habe ich oft den Eindruck gewonnen, dass es der Exegese gar nicht darum ging, den Text „wieder zusammenzubekommen“, sondern dass die Aufgabe mit der Rekonstruktion seines Entstehungsprozesses abgeschlossen schien. Ich erinnere mich gut an mein blankes Entsetzen als ich in den frühen 2000ern einen Besinnungstag zu Jes 58 - Ein Fasten, das Gott gefällt - vorbereiten wollte und in der gut sortierten exegetischen Bibliothek meiner Alma Mater keinen einzigen Kommentar finden konnte, der mir etwas anderes geboten hätte als Theorien zu Wachstum, Entstehung und religionsge‐ schichtlichen Hintergründen des Jesaja-Buches. 1 Der zurate gezogene Professor - ein Spezialist genau für Jesaja - konnte mir auch nicht weiterhelfen. Er zuckte die Schultern und sagte: „Das ist Ihre Aufgabe, da müssen Sie sich etwas einfallen lassen.“ Der Besinnungstag fand statt und war eine intensive Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 2 Das Deuteronomium-Projekt von Norbert Lohfink und Georg Braulik dürfte der letzte große Versuch gewesen sein, alles Wissen über ein biblisches Buch zu erfassen und auszuwerten. In Zeiten von KI könnten solche Datenbanken eine Renaissance erleben und Data Mining könnte sich mitunter als letzte Möglichkeit erweisen, um künftig überhaupt noch den Überblick zu behalten und einen Status Quaestionis aufzuarbeiten. Auseinandersetzung mit dem Jesajatext und mit unseren eigenen Fragen, doch exegetische Literatur hat nur wenig zum Gelingen dieses Tages beigetragen. Die Ausgangsfrage hat mich indes weiter begleitet: „Wollen wir den Text denn überhaupt wieder zusammenbekommen? “ Die Erfahrung mit den Jesa‐ jakommentaren hat sich an einigen anderen Stellen wiederholt. In vielen historisch-kritischen Ansätzen und Methodenbüchern wird die Auslegung des vorliegenden Endtexts nicht (mehr) als Teil des Arbeitsauftrags gesehen und entsprechend an die Homiletik oder Praktische Theologie delegiert. Man kann das durchaus positiv als Teil der theologischen Arbeitsteilung sehen und als rationale Entscheidung verstehen. Spezialisierung und Expertise beruhen zu einem großen Teil auf Arbeitsteilung und die Möglichkeit hochspezialisierter Forschung befördert neue Erkenntnisse und Arbeitsmethoden, die ihrerseits die gesamte Theologie weiterbringen können. Zumindest in der Theorie. Die Praxis in der Wissenschaft und noch mehr der Alltag in der Praxis sehen anders aus. Die wissenschaftlichen Ergebnisse spezialisierter exegetischer Forschung kommen nicht nur in den seltensten Fällen bei den Multiplikatoren vor Ort - Lehrern und Pfarrern, aber auch Journalisten und (Kirchen-)Politikern - an. Auch innerhalb der Theologie gibt es kaum Austausch. In anderen Fachkulturen - der Dogmatik, Moraltheologie, Religionspädagogik oder auch der Kirchengeschichte - werden die Erkenntnisse der Bibelwissenschaft kaum rezipiert und selbst untereinander fehlen uns häufig die Berührungspunkte. Wer Paulusforschung betreibt, interessiert sich nur selten für Johannes. Wer die synoptische Frage erforscht, kümmert sich gewöhnlich nicht um Pseudepigraphie und wer sich auf den historischen Jesus konzentriert, lässt oft die Kanonfrage links liegen. Dies geschieht nicht aus mangelndem Interesse, sondern eher aus Gründen der Zeitökonomie. Die exegetischen Fachdiskurse haben sich so stark ausdifferenziert, dass kaum Zeit bleibt, die Entwicklung auf anderen Gebieten sinnvoll mitzuverfolgen. Oft ist es schon eine Herausforderung, die Fachliteratur im eigenen Forschungsgebiet zu rezipieren. In manchen Teilgebieten der Bibelwissenschaft wäre das ein Fulltime-Job und so ist es nicht verwunderlich, dass selbst Markusexperten nicht (mehr) alle Markus-Kommentare lesen können, die erscheinen. 2 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 26 Sandra Huebenthal 3 Die Visualisierung entspricht dem Selbstverständnis des Faches, doch die Praxis sieht häufig anders aus. Die Testleser dieses Beitrags, die an unterschiedlichen Orten studiert haben, kamen unabhängig voneinander zu der Einschätzung, dass der Kreis für die Theologie nur in etwa so groß sein dürfte wie der der Literaturwissenschaft und dass die Einleitung so stark vom historischen Zugang dominiert ist, dass in der Praxis kaum Platz für die Theologie ist. Womöglich muss man das Selbstverständnis auf der Basis der Praxis korrigieren und formulieren: Theologen arbeiten in der Einleitungswis‐ senschaft mit historischer und literaturhistorischer Methodik an Entstehungsfragen zu neutestamentlichen Texten. 1. Einleitungswissenschaft: Die letzte Bastion historisch-kritischer Exegese? Was hat das mit Einleitung und neutestamentlicher Einleitungswissenschaft zu tun? Eine ganze Menge, denn selbstverständlich bleibt auch die Einleitungswis‐ senschaft nicht von diesen Entwicklungen verschont. Auch dieses Fach ist in den allgemeinen Trend zur Spezifizierung und Arbeitsteilung mit hineingezogen und auch Einleitung hat das Problem der fehlenden Schnittstelle von Theorie und Praxis. Einleitungswissenschaft ist von ihrer Anlage und Aufgabenbeschreibung her ein hybrides Fach. Sie versteht sich als Schnittstelle von Theologie, Geschichts- und Literaturwissenschaft, an der in einem theologischen Setting historisch und literaturwissenschaftlich gearbeitet wird: 3 Abb. 1: Einleitungswissenschaft als Disziplin an der Schnittstelle von Theologie, Ge‐ schichte und Literaturwissenschaft Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 27 4 So Udo Schnelle in Anschluss an die Einleitung von Werner Georg Kümmel: „Nicht die wissenschaftliche Methode, sondern der Kanonbegriff begründet den theologischen Charakter der Einleitungswissenschaft“. Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testa‐ ment. Göttingen- 10 2024, 26. Bei Werner G. Kümmel, Einleitung in das Neue Testament, Heidelberg 21 1983, 6, heißt es „Nicht durch ihre wissenschaftliche Methode, sondern nur durch die besondere Art ihres Gegenstandes ist darum die ‚Einleitung in das Neue Testament‘ eine theologische Disziplin.“ 5 Die hier vorgestellten Überlegungen beziehen sich nur auf die neutestamentliche Ein‐ leitungswissenschaft. Für Aussagen über die alttestamentliche Einleitungswissenschaft fehlt mir die nötige Feldkompetenz. 6 Es geht hier um die Zeit nach der 21. und letzten Auflage der Einleitung in das Neue Testament von Werner Georg Kümmel 1983, die „über viele Jahre das Buch zur Einleitung in das Neue Testament“ war. Ciliers Breytenbach, Historisch-kritische Einleitung in das Neue Testament? Randbemerkungen zu einer hybriden Disziplin, in: Michael Labahn (Hg.), Spurensuche zur Einleitung in das Neue Testament. Eine Festschrift im Dialog mit Udo Schnelle (FRLANT-271) Göttingen-2017, 17-29, hier: -23. Nicht die Methoden sind in der Einleitungswissenschaft theologisch, sondern der Rahmen und mitunter die Fragestellungen. 4 Neutestamentliche Einleitung ist ferner arbeitsteilig organisiert: Die allgemeine Einleitung beschäftigt sich mit der Entstehung des Kanons und die spezielle Einleitung mit der Entstehung der 27 Bücher des neutestamentlichen Kanons. Hinzu kommen die neutestament‐ liche Zeitgeschichte und die handschriftliche Überlieferung. Im Grunde hat die neutestamentliche Einleitungswissenschaft also vier Teilgebiete, 5 die inzwi‐ schen häufig auch unabhängig und getrennt voneinander arbeiten. Das Problem der Ausdifferenzierung und der fehlenden Vernetzung stellt sich damit auch für die Einleitungswissenschaft. Hinzu kommt, dass die Einleitungswissenschaft neue Impulse aus den benachbarten Disziplinen nur zögerlich aufnimmt. Die Methodenexplosion in der neutestamentlichen Exegese seit den 1960er Jahren scheint weitgehend spurlos an der Einleitung vorbeigegangen zu sein. Ein Blick auf die Einleitungswerke der letzten gut 40 Jahre lässt vermuten, dass die Einleitungswissenschaft das letzte Refugium historisch-kritischer Exegese ist. 6 Wenn die Einleitung tatsächlich die letzte Bastion der historisch-kritischen Exegese ist, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass sie dasselbe Problem hat, wie es der alte Witz für die Exegese angenommen hat: Dass der Text zwar augenblicklich in seine Schichten zerfällt, man aber seine liebe Mühe hat, ihn wieder zusammenzubekommen und dass der Endtext eigentlich keine Rolle spielt. Anders formuliert: Spezielle Einleitungswissenschaft ist so stark auf die Entstehung der Texte fokussiert, dass die Rezeption und der kanonische Status fast schon zwangsläufig unter den Tisch fallen. Ein Blick auf die aktuellen Einleitungswerke zeigt das. Neutestamentliche Einleitungswissenschaft hat die Aufgabe, die Bücher, die später zum Neuen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 28 Sandra Huebenthal 7 Gerd Theißen, Das Neue Testament, München- 3 2006,-21. 8 Gravitationszentrum der Einleitung ist die Evangelienforschung. Hier haben sich die grundlegenden Fragen und Methoden entwickelt: Historische Rückfrage, synoptische Frage, Fragen zu Genre und vor allem zur Traditions- und Überlieferungsprozessen Testament zusammengewachsen sind, in ihrem Entstehungsprozess zu untersu‐ chen. Der Kanon ist dabei die Vorgabe, 27 zum Teil sehr unterschiedliche Texte, die zwischen Ende der 40er Jahre des ersten bis in die Mitte des zweiten Jahrhun‐ derts im Mittelmeerraum entstanden sind, in Bezug auf ihre Entstehung, ihre Herkunftskontexte und ihre Pragmatik zu erforschen. Bei vielen der aktuellen Einleitungsbücher stellt man jedoch überrascht fest, dass nicht 27 kanonische Bücher vorgestellt und erforscht werden, sondern 28, also eines mehr. Die hypothetisch erschlossene Logienquelle Q hat in vielen Einleitungsbüchern mittlerweile einen festen Platz und damit einen quasi-kanonischen Status erhalten. Das ist ein Indiz dafür, wie sich die spezielle Einleitungswissenschaft - womöglich unbewusst - von der kanonischen Vorgabe entfernt hat und vor allem historisch arbeitet. Das mag durchaus an den Wurzeln der Einleitungswissenschaft in der historisch-kritischen Exegese liegen. Zur Logienquelle Q hat der evangelische Neutestamentler Gerd Theißen einmal festgehalten: „Die Logienquelle ist ein Lieblingskind der Wissenschaft, das seine von der kirchlichen Tradition verschwiegene Existenz allein ihrem Scharfsinn verdankt.“ 7 Ohne die histo‐ risch-kritische Wissenschaft, so könnte man meinen, säßen wir theologisch noch immer auf den Bäumen. Mit dem historischen Jesus gegen die Übermacht des Dogmas, mit der Vernunft gegen den naiven Obrigkeitsgehorsam - so verstand sich die historisch-kritische Exegese als theologische Avantgarde innerhalb der Kirche, und so nimmt sich historisch-kritische Exegese mitunter noch immer wahr. Und damit nicht genug: Dass die Quelle Q eine Hypothese ist und bleibt, kommt in der Feststellung Theißens nicht vor. Das Narrativ von der Kirche, die kontroverse Meinungen und notwendige Aufbrüche unterdrückt, funktioniert jedoch konfessionsübergreifend noch immer. Wer die Geschichte der historischen Jesusforschung ein wenig kennt, kann die Punkte verbinden: Einleitungswissenschaft und historische Jesusforschung sind im Grunde Geschwister. Auch historische Jesusforschung hat als institu‐ tionen- und dogmenkritisches Unternehmen begonnen und die Methoden, die entwickelt wurden, um die „historische Rückfrage“ zu untersuchen, sind Methoden historisch-kritischer Exegese geworden. Es ist kein Zufall, dass die Evangelien und allen voran die Synoptikerforschung der archimedische Punkt der Einleitungswissenschaft sind und Fragen und Methoden für anderen neutes‐ tamentlichen Schriften sich von hier herleiten. 8 Die Verbindung zur historischen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 29 und deren Erforschung. Aus der historischen Rückfrage stammen Literar-, Form-, Traditions-, und Redaktionskritik, die noch immer zum Standardmethodenrepertoire der historisch-kritischen Exegese gehören. Dabei greifen Hypothesen und Methoden Hand in Hand: Weil die Evangelien als Traditionsliteratur gelten, die aus einzelnen Überlieferungsstücken gewachsen ist, gibt es passende Methoden, die eher die Evan‐ gelientraditionen und ihr Wachstum als die Evangelien selbst erforschen. Die litera‐ turwissenschaftliche Analyse von Evangelien ist seit kaum einer Generation erst in die Exegese gekommen und spielt in der Einleitung, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Hier geht es eher um die Genres oder Untergattungen der einzelnen Traditionen und Perikopen, selten um den Gesamtentwurf, und noch immer wird der literarische Charakter der Texte sträflich vernachlässigt, wenn die Texte als Fenster in ihren Wachstumsprozess oder ihre Gemeindesituation verstanden werden. Auch wenn dieses Verfahren bei der neutestamentlichen Briefliteratur mittlerweile kritisch gesehen wird, ist Mirror-Reading bei den Evangelien noch immer gang und gäbe, und die Erzählfiguren, die sich nicht dagegen wehren können, werden wider Willen zum Spiegel der Situation der Adressaten oder der Gemeinde. 9 Das heißt nicht, dass historische Fragen grundsätzlich unwichtig oder problematisch wären. Es ist historisch nicht beliebig, dass Jesus existiert hat und mit Petr Pokorný und Ulrich Heckel gesprochen, liegt die theologische Relevanz der historischen Bibel‐ wissenschaft „in ihrem Beitrag zur Erinnerung an Jesus, der den heutigen Möglichkeiten entspricht. Sie ist das Instrument der Rückbindung des Glaubens an die Person Jesu und zugleich ein Instrument zur Kontrolle seines Bekenntnisses.“ Es geht also auch darum, Beliebigkeiten einzuhegen. Weiter heißt es: „Weil das Auftreten Jesu ein einmaliges geschichtliches Ereignis war, sind die Methoden der historischen Bibelwissenschaft nicht zufällig oder sachfremd, sondern ein angemessenes Mittel zur Interpretation seiner Botschaft.“ Petr Pokorný/ Ulrich Heckel, Einleitung in das Neue Testament. Seine Literatur und Theologie im Überblick, Tübingen 2007, 27. Der Teufel steckt dabei, wie so häufig, im Detail: Die Herangehensweise ist historisch, das Ziel theologisch. Jesusforschung und zur „historischen Rückfrage“ - die keine typisch historische Arbeitsweise ist, sondern nur in der historisch-kritischen Exegese beheimatet ist, überhaupt nur für Jesus gestellt wird und deren Methoden und Kriterien nur hier begegnen und nirgends sonst in der Geschichtswissenschaft - erklärt das jetzige Erscheinungsbild von Einleitungswissenschaft und den Fokus auf die historischen Fragestellungen als eine Art Korrektiv für Theologie und Kirche. 9 Daran ist nichts zu bemängeln. Der Impuls ist vollkommen richtig und nachvollziehbar. Gegenseitige Kontrolle hat sich als wirkungsvolles Instrument in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft erwiesen und gehört zum Selbstver‐ ständnis westlicher Identität. Dabei bleibt es wichtig, neben der Kontrolle und Korrektivfunktion auch weiterhin Verbundenheit zu spüren und miteinander im Gespräch zu bleiben. Damit sei nicht nur angedeutet, dass es zwischen den unterschiedlichen theologischen Disziplinen und zwischen Theologie und Kirche, aber auch zwischen Theologie und Welt Schnittstellenprobleme gibt, sondern auch eine Art von „Kanonvergessenheit“ in der speziellen Einleitung. So verständlich die wissenschaftliche Begeisterung für Q - und damit die Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 30 Sandra Huebenthal 10 Zu den Meisterstücken der Einleitungswissenschaft gehören die synoptische Frage und der Lösungsvorschlag „Zwei-Quellen-Theorie“, der sich allein schon dadurch termino‐ logisch von allen anderen Vorschlägen absetzt, dass er im Gegensatz zu ihnen nicht „Hypothese“, sondern „Theorie“ genannt wird und damit eine größere wissenschaftliche Plausibilität für sich reklamiert. Stefan Alkier, Neues Testament, Tübingen 2010, 127, hält völlig zu Recht fest, dass wenn man Ockhams Rasiermesser zur Hand nimmt, Mark-Without-Q wissenschaftstheoretisch plausibler ist. In vielen neueren Werken taucht Mark-Without-Q nicht auf oder wird ohne größere Diskussion verworfen. Zur kritischen Diskussion vgl. die Beiträge des Themenhefts Synoptische Hypothesen, ZNT-43/ 44-(2019). 11 Schnelle, Einleitung (s. Anm. 4), 30: „Die historische Dimension der Einleitungswis‐ senschaft ergibt sich notwendigerweise aus dem Charakter der zu untersuchenden Literatur. Auch die theologische Ausrichtung der Einleitungswissenschaft leitet sich aus dem Selbstzeugnis der ntl. Schriften ab. Sie beanspruchen, das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus gültig und verbindlich auszusagen. Der Kanonsbegriff bündelt und fixiert lediglich nachträglich einen Anspruch, der den ntl. Schriften bereits innewohnt. Man kann deshalb auf ihn verzichten, ohne das Sachanliegen der ntl. Schriften preiszugeben und die theologische Dimension der Einleitungswissenschaft zu negieren.“ Hervorhebung S.-H. 12 Vgl. hierzu die Diskussion in Labahn, Spurensuche (s. Anm. 6), insb. die Beiträge von Breytenbach (s. Anm. 6) und Friedrich W. Horn, Kanonsgeschichte und Einleitung in das Neue Testament am Beispiel des 1. Petrusbriefs. Die Aufgabe einer Einleitung in das Neue Testament, in: Labahn, Spurensuche (s.-Anm.-6), 331-346. Zwei-Quellen-Hypothese ist -, 10 es bleibt irritierend, wenn in einer Einleitung in das Neue Testament, die die neutestamentlichen Bücher vorstellen soll, eine hypothetisch erschlossene Schrift mit quasi kanonischem Status auftaucht - und an der Spitze der Evangelien noch vor dem Markusevangelium behandelt wird. An dieser Stelle fragt sich auch: Was heißt denn eigentlich genau „neutesta‐ mentlich“? Welchen hermeneutischen Rahmen gibt der kanonische Status der Texte vor, an dem auch die Einleitungswissenschaft nicht vorbeikommt, wenn sie sich als Disziplin an der Schnittstelle von Theologie und Geschichte versteht? Anders gefragt: Was heißt der kanonische Status für die einzelnen Schriften und für den produktionsorientierten Blick auf diese Schriften, der Aufgabe der Einleitungswissenschaft ist? Er kann und darf nicht nur historisch sein, sondern braucht mehr. Dieses Mehr besteht nicht einfach in der Annahme, der kanonische Anspruch habe den neutestamentlichen Texten von Anfang an innegewohnt, wie es Udo Schnelle in seiner Einleitung in das Neue Testament formuliert hat 11 und wie es zu Recht kritisch in der Festschrift im Gespräch mit Udo Schnelle diskutiert wurde. 12 Dennoch ist die Beobachtung nicht einfach als unpassend abzuwerten - im Gegenteil. Sie deutet auf etwas hin, wofür die Einleitungswissenschaft mit ihrem historisch-kritischen Fokus kein Vokabular und kein Erforschungsinst‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 31 rumentarium hat: Die Regeln von identitätsbildenden und sozialen Prozessen, Gruppendynamiken die zur Aushandlung von Identitäten führen und über einen Zeitraum von mehreren Generationen fundierende Erfahrungen in un‐ terschiedliche Speichermedien überführen, kanonisieren und als fundierende, normative und formative Medien/ Quellen verstehen: Gründungsgeschichten, identitätskonkrete formative Texte - kurz: Kanon und kulturelles Gedächtnis. Historischer und literaturwissenschaftlicher Forschung allein fehlen Voka‐ bular, Metatheorie und Methoden zur Erforschung und Beschreibung dieser Prozesse. Dazu braucht es die Unterstützung aus anderen Disziplinen, die sich mit solchen Phänomenen auskennen, weil sie sie erforschen, wie Soziologie, Kulturwissenschaft, Medientheorie und Oralitätsforschung. 2. Ein frühchristliches Familienalbum - oder: Den Kanon als Vorgabe mitdenken Wie könnte ein produktionsorientierter Blick auf die neutestamentlichen Texte aussehen, der ihren kanonischen Status als hermeneutische Vorgabe mit reflek‐ tiert? In der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft beschäftigen wir uns mit den Texten, weil sie kanonisch sind, sprich: Sie sind für uns als Christen fund‐ ierende und identitätskonkrete Texte, Gründungsurkunde unseres christlichen Glaubens. Der kanonische Status der Texte, mit denen wir arbeiten, macht die Einleitungswissenschaft zu einem emischen Unternehmen, d.-h. wir betrachten die Texte nicht neutral, sondern als zentral für unsere eigene christliche Identi‐ tät. Der emische Blick macht die Einleitung nicht unwissenschaftlich, sondern ist notwendige Voraussetzung und muss als Vorverständnis bewusst bleiben. Er ist gewissermaßen die theologische Seite der Einleitungswissenschaft. Das zeigt sich auch aus ökumenischer Perspektive, wenn man die kanonische Reihenfolge (und im Alten Testament den Umfang) mitdenkt. Der kanonische Status der neutestamentlichen Texte droht bei der typischen Arbeitsteilung in der Einleitungswissenschaft in die allgemeine Einleitung dele‐ giert zu werden und damit bei der speziellen Einleitung in Vergessenheit zu geraten. Es kann helfen, sich immer wieder daran zu erinnern, dass wir es nicht mit irgendwelchen antiken Texten zu tun haben und dass der Unterschied zwischen kanonischen und nicht-kanonischen Texten darin liegt, dass die einen für christliche Identität noch heute verbindlich sind, die anderen nicht. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 32 Sandra Huebenthal 13 Die Vorstellung vom Familienalbum ist auch ein Gegenentwurf zum klassischen „Die Bibel als Bibliothek“-Bild. Eine Bibliothek besteht aus verschiedenen, zwar thematisch sortierten aber sonst voneinander unabhängigen Büchern. Das Familienalbum nicht. 14 So formuliert es auch Udo Schnelle im Rückgriff auf Christian F. Baur: „Jede Schrift des Neuen Testaments steht in einem bestimmten historischen Zusammenhang und muss aus diesem heraus erklärt werden.“ Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-4), 24. 15 Vgl. Sandra Huebenthal, „Frozen Moments“ - Early Christianity through the Lens of Social Memory Theory, in: Simon Butticaz/ Enrico Norelli (Hg.), Memory and Memories in Early Christianity (WUNT I/ 398), Tübingen 2018, 17-43; ferner: Sandra Huebenthal, Gedächtnistheorie und Neues Testament, Tübingen-2022, 99-113. 16 Das gilt nicht nur für das, was abgebildet wird, sondern auch für das, was nicht zu sehen ist. Oft ist der Umgang mit „Lücken“ wie nicht berücksichtigten Ereignissen oder fehlenden (ehemaligen) Familienmitgliedern ebenso interessant wie die vorhandenen Bilder. Und bei den „fehlenden Bildern“ stellt sich im Familienalbum ebenso wie bei neutestamentlichen Traditionen die Frage, ob sie unbekannt waren, keine Bilder vorlagen oder die Bilder bewusst weggelassen wurden. Man denke nur an die Frage der „fehlenden“ Erscheinungsgeschichten oder des Vater Unsers im Markusevangelium. Die Metapher oder Vorstellung, mit der ich arbeite, um diesen Zusammen‐ hang präsent zu halten, ist das Bild vom frühchristlichen Familienalbum.  13 Die Kanonisierung im Neuen Testament hat die 27 Schriften zu Einzelbildern oder Momentaufnahmen im frühchristlichen Familienalbum gemacht, das begründ‐ ender Teil auch heutiger christlicher Identität(en) ist. Bei diesen Einzelbildern handelt es sich um identitätsstiftende und identitätskonkrete Texte, die in spezifische, historisch-konkrete Situationen gehören und ebenso spezifische historisch konkrete soziale Prozesse reflektieren. 14 Wie jedes andere Familien‐ album enthalten auch sie Momentaufnahmen aus dem Leben einer spezifischen Erinnerungsgemeinschaft, zumeist einer Familie, die aus einem größeren Pool von Aufnahmen ausgewählt wurden, und im Rückblick gestaltet sind. Im Familienalbum inszeniert sich die Familie und wählt aus, was sie zeigen möchte. Familienalben bieten nicht nur Erinnerungen, sondern erzählen die Familien‐ identität im Medium Bild. Dieser Teil ist immer mitzuberücksichtigen, wenn man die Texte untersucht. Er fehlt in den speziellen Einleitungen zumeist, weil er sich nur ganz schlecht historisch-kritisch und literaturgeschichtlich denken lässt. Wie ich andernorts ausgeführt habe, lassen sich die Texte des Neuen Tes‐ taments als Momentaufnahmen frühchristlicher Identitätsbildung verstehen, die im Familienalbum Neues Testament präsentiert werden. 15 Auch in diesem Familienalbum befindet sich nur ein Teil aller Momentaufnahmen und auch dieses Album wurde später gestaltet. Wie jedes andere Familienalbum zeigt auch das Neue Testament, was die Familienmitglieder wahrnehmen und nicht mehr vergessen sollen. 16 Familienalben geben Auskunft darüber, wie Familien sich Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 33 17 Vgl. Sandra Huebenthal, Gedächtnis trifft Einleitung. Ein neuer Blick auf alte Fragen, in: NTS-70 (2024), 131-148, hier: -131-133. verstehen und inszenieren. Das ist für die Familie selbst genauso interessant wie für Verwandte, Freunde und diejenigen, die in die Familie einheiraten oder als Nachgeborene durch den Blick ins Familienalbum etwas über die Familiengeschichte erfahren. Wenn sich die neutestamentliche Einleitungswissenschaft des Bildes vom frühchristlichen Familienalbum bedient, lassen sich typische Fragen der Einlei‐ tung gut auf dieses Bild übertragen und so auch für ein breiteres Publikum erschließen. Sie werden dadurch in gewissem Sinne intuitiv und helfen bei der Selbstvergewisserung und Rollenklärung für die konkrete Arbeit: 17 1. Die Frage nach dem Unterschied zwischen Einzeltext und Sammlung wird zur Frage danach, ob ich einzelne Aufnahmen im Album betrachten und verstehen möchte oder das Gesamtbild. 2. Die Frage nach den Kompositionsprinzipien des Kanons - also im weitesten Sinne nach der Kanonhermeneutik - wird zur Frage, ob ich einzelne Bilder für sich betrachten oder den Aufbau und die Anordnung der Bilder im Album verstehen will. 3. Die Frage nach der Textgeschichte bzw. der Entstehung der einzelnen neutestamentlichen Bücher wird zur Frage danach, ob ich die einzelnen Bilder auf mich wirken lassen oder die Geschichte, die zu den Aufnahmen geführt hat, verstehen will. 4. Die Unterscheidung zwischen historischer Rückfrage und frühchristlicher Identitätsgeschichte wird besser verständlich als Frage, ob ich durch die Bilder im Album die Familiengeschichte rekonstruieren oder erfahren möchte, wie sie die Familie selbst versteht. 5. Die in der Einleitungswissenschaft oft nicht bedachte Unterscheidung von emischer oder etischer Perspektive wird durch die Frage besser verständlich, ob ich die einzelnen Bilder von unserer jetzigen Familienidentität her verstehen und bewerten will oder aufgrund meines Wissens über Famili‐ enbilder und Familienalben insgesamt. 6. Die Frage nach dem Verhältnis von neutestamentlichen Schriften und außerkanonischer Literatur wird zur Frage, ob ich dieses Familienalbum anschauen möchte oder mich einzelne Bilder im Vergleich zu anderen Bildern aus einer bestimmten Zeit, die nicht im Album sind, vielleicht noch mehr interessieren. 7. Der Unterschied zwischen kanonischer Lektüre und historischer Kontex‐ tualisierung lässt sich schließlich reformulieren als Frage, ob ich das Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 34 Sandra Huebenthal 18 Vgl. Werner H. Kelber, Modalities of Communication, Cognition, and Physiology of Perception. Orality, Rhetoric, Scribality, in: Semeia 65 (1994), 193-216; Paul A. Soukup, A Media Ecology of Theology. Communicating Faith throughout the Christian Tradition, Waco,-TX-2022, 17-32. Album und seine Bilder aus sich selbst heraus verstehen kann oder ob ich Zusatzinformationen zu Fotographie, Kompositionstechnik, Familienalben und Kontexten brauche. Der Fragenkatalog ist nicht erschöpfend, doch er vermittelt einen guten ersten Eindruck davon, welches hermeneutische Potential in der Vorstellung vom frühchristlichen Familienalbum steckt. Das Bild hilft auch noch in einem weite‐ ren Punkt: Indem es daran erinnert, dass Familienalben als Medien des sozialen Gedächtnisses an der Schnittstelle zur Oralität zu verorten sind, lenkt es den Blick weg vom Medium Text und der Fixierung auf Schriftlichkeit. Wenn wir das Neue Testament als Familienalbum betrachten, wird auch klar, dass wir es beim Entstehungsmilieu der Texte mit oralen Kulturen zu tun haben - ein weiterer Punkt, der in der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft unterbelichtet bleiben kann, weil das Vokabular und die Metatheorie fehlen. 18 3. Kulturwissenschaft als neue Schnittstelle neben Theologie, Geschichte, Literaturwissenschaft Wie lässt sich das Bild vom frühchristlichen Familienalbum in der speziellen Einleitungswissenschaft umsetzen? Müssen die Einleitungswerke jetzt neu ge‐ schrieben werden? Das nun nicht. Es geht nicht darum, die neutestamentliche Einleitungswis‐ senschaft zu revolutionieren und alle bislang geleistete Arbeit als fehlerhaft und überholt auszusortieren, sondern einen komplementären Zugang zu eröffnen, der an manchen Stellen die klassischen Fragen ergänzt und manchmal als Bestätigung und manchmal als Korrektiv wirkt. Die W-Fragen, die in der Speziellen Einleitung zum Standard gehören: Wer schrieb welchen Text wann und wo für wen zu welchem Zweck bleiben erhalten und werden mit ande‐ ren Partnerdisziplinen und Theorien weiterbearbeitet. Während die klassische Einleitungswissenschaft mit den Partnerdisziplinen Geschichte, insbesondere Zeit- und Literaturgeschichte, aber auch Gattungsgeschichte und Archäologie arbeitet, sind die Partnerdisziplinen dieses Zugangs die Kulturwissenschaft, insbesondere kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorie, Medientheorie, Ora‐ litätsforschung und Soziologie. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 35 Abb. 2: Historische und kulturwissenschaftliche Schnittstellen und ihre Partnerdiszipli‐ nen/ Partnerwissenschaften Der Zugang erweitert das klassische Methoden- und Theorienrepertoire der Einleitungswissenschaft, indem er eine weitere Schnittstelle hinzufügt: die Kulturwissenschaft. Einleitung ist dann nicht mehr nur eine Wissenschaft an der Schnittstelle von Theologie und Geschichte oder Theologie, Geschichte und Li‐ teraturwissenschaft, sondern - genau wie die Exegese auch - eine Wissenschaft mit Schnittstellen zu Theologie, Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft. Abb. 3: Einleitungswissenschaft als Disziplin mit Schnittstellen zu Theologie, Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 36 Sandra Huebenthal 19 Das lässt sich für das Alte Testament so nicht sagen. Vor allem der Iconic Turn ist durch die Arbeiten von Othmar Keels, Silvia Schroers, Christoph Uehlingers und Thomas Staublis in alle Bereiche der Exegese eingegangen, so z. B. in Thomas Staubli, Begleiter durch das Erste Testament, Ostfildern 5 2014; als eigenes Kapitel ist es auch in die dritte Auflage eines Methodenbuchs aufgenommen worden: Siegfried Kreuzer/ Dieter Vieweger u.-a., Proseminar Altes Testament, Stuttgart-2019, 173-186. Das Hinzutreten der Kulturwissenschaft wertet auch die literaturwissenschaft‐ liche Schnittstelle auf. In der klassischen Einleitungswissenschaft wird der literaturwissenschaftliche Anteil stark literaturhistorisch gedacht: Es geht zu‐ meist um Formen, Gattungen und ihre Entwicklung. Der literarische Charakter neutestamentlicher Texte wird in der Einleitungswissenschaft selten ernst genommen: Sie bleiben Quellen. Das ist verständlich, wenn man sich bewusst macht, dass Einleitungswissenschaft zumeist historisch-kritisch betrieben wird. An diesem Punkt zeigt sich, dass es auch zwischen Einleitungswissenschaft und Exegese einen Disconnect gibt. Während es in der Exegese im Zuge des Linguistic Turn und der Cultural Turns seit den 1960er Jahren eine regel‐ rechte Methodenexplosion gegeben hat und der Fokus immer stärker auch auf interdisziplinärem Arbeiten liegt, sind die Turns an der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft scheinbar spurlos vorübergegangen. 19 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 37 Abb. 4: Überblick deutschsprachige Einleitungen seit 1983 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 38 Sandra Huebenthal 20 Es ist eine Fußnote wert, dass Einleitungswerke bislang ausschließlich von männlichen Kollegen verfasst wurden, und selbst beim Sammelband von Martin Ebner/ Stefan Schreiber ist mit Marlies Gielen nur eine Kollegin vertreten. Auch die Spurensu‐ che-Festschrift für Udo Schnelle ist komplett aus männlicher Feder. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Einleitung sei fest in männlicher Hand - oder die Kolleginnen interessierten sich nicht sonderlich für Einleitungswissenschaft. Erst wenn man Me‐ thodenbücher zur Hand nimmt, ändert sich die Sachlage. 21 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-4), 28f. 22 So z. B. Andreas Lindemann/ Jens Schröter/ Konrad Schwarz, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, Tübingen 15 2024; Bernd Kollmann, Neues Testament Kompakt, Stutt‐ gart-2014 oder Alkier, Neues Testament (s.-Anm.-10) (ohne spezielle Einleitung). 23 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-4). 24 Ingo Broer/ Hans-Ulrich Weidemann, Einleitung in das Neue Testament, Würz‐ burg- 4 2016. 25 Martin Ebner/ Stefan Schreiber (Hg.), Einleitung in das Neue Testament, Stuttgart 3 2020. 26 Wilfried Eisele, Kurzgefasste Einleitung in das Neue Testament. Ein Lehr- und Studi‐ enbuch, Freiburg-i.-Br.-2021. 27 Karl-Wilhelm Niebuhr (Hg.), Grundinformation Neues Testament, Göttingen- 3 2008. 28 Kollmann, Neues Testament Kompakt (s.-Anm.-22). 29 Ferdinand R. Prostmeier, Kleine Einführung in die synoptischen Evangelien, Frei‐ burg-i-Br.-2006. Ein Blick auf die Einleitungswerke, die in der letzten Generation entstanden sind, belegt das. Sie sind durch die Bank von historisch-kritisch arbeitenden Exegeten verfasst, zumeist aus evangelischer Feder und in mitunter langer Tradition. 20 Zudem sind die klassischen Einleitungswerke aufgrund ihrer his‐ torisch-kritischen Tradition in der Regel deutschsprachig - insgesamt ist die Einleitungswissenschaft in ihrer aktuellen Ausformung ein sehr deutsches Phänomen. Udo Schnelle merkt in seiner Einleitung in der Einführung völlig zu Recht an, dass die Textbooks im englischsprachigen Raum, insbesondere in den USA, anders aufgestellt sind. 21 Sie sind eher Arbeitsbücher zum Neuen Testament, die Einführung, Bibelkunde, Methodik, Zeitgeschichte, Einleitung und mitunter auch Kanongeschichte verbinden. Diesen Weg gehen inzwischen auch einige der deutschen Werke, 22 die oft stärker enzyklopädischen Charakter haben und weniger Arbeitsbücher als Nachschlagewerke sind. Doch auch die speziellen Einleitungen - als Standard haben sich Werke von Udo Schnelle, 23 Ingo Broer/ Hans-Ulrich Weidemann 24 und der von Martin Ebner und Stefan Schreiber herausgegebene Sammelband 25 durchgesetzt - werden von Auflage zu Auflage umfangreicher. Kleinere Einleitungen wie die von Wilfried Eisele, 26 Karl-Wilhelm Niebuhr et al., 27 Bernd Kollmann 28 oder Ferdinand Prostmeier 29 sind kompakter auf notwendiges Wissen angelegt, um in modularisierten Zeiten durch die Prüfungen zu kommen und ein Basiswissen als Sicherheitsnetz zu haben. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 39 30 Hans Conzelmann/ Andreas Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, Tübin‐ gen-1975. 31 Mittlerweile hat sich das verändert. Die aktuelle 15. Auflage stellt auf knapp 140 Seiten die Methodenschritte Textkritik-Textanalyse-Verarbeitung von Quellen und Überliefe‐ rungen-Gattungen-Ziel: eigene Auslegung vor und bindet narrative Methoden in die Textanalyse ein, sodass die Auslegung am Ende ein historisches Unternehmen bleibt. Das Ziel einer Synthese und Gesamtinterpretation ist auch hier Aufgabe des Anwen‐ ders, d.-h. des Lesers des Arbeitsbuchs. Die Durchsicht der Einleitungswerke, die derzeit auf dem Markt sind, bestätigt den Eindruck, dass die Einleitungswissenschaft die letzte Bastion historisch-kritischer Exegese geblieben ist, die bislang allen methodischen Stürmen trotzen konnte. Wie sehr sie das aber auch in die Defensive gebracht hat, wird deutlich, wenn man sich die Einleitungen/ Vorworte dieser Bücher durchliest. Trotz allen Scharfsinns und aller amtskirchenkritischen Avantgarde ist die Einleitung irgendwie in die Krise geraten und wird von theologischen Fakultäten, Modulkatalogen und Lehrplänen mehr und mehr beschnitten. Die Stundentafel für Einleitung wird kleiner und eine Reaktion darauf ist, dass die Lehrbücher - unter dem Lamento, dass die Exegese sich an der Universität fachfremden Kriterien beugen müsse und fachfremde Logiken an das Fach herangetragen würden - entweder immer kompakter werden oder sich als gesamtneutestamentliche Arbeitsbücher präsentieren und strategische Partner‐ schaften mit Bibelkunde, neutestamentlicher Zeitgeschichte, Hermeneutik und Methodenlehre eingehen. Die aktuelle Krise ist nichts Neues, schon in der Einleitung der ersten Ausgabe des Arbeitsbuchs zum Neuen Testament 1975 schreiben Hans Conzelmann und Andreas Lindemann: Biblische Exegese, zumal des Neuen Testaments, scheint gegenwärtig weniger „ge‐ fragt“ zu sein. Das mag zum einen daran liegen, daß das Interesse an Geschichte [sic! ] überhaupt geringer geworden ist. Es liegt zum erheblichen Teil aber auch daran, daß die Methoden der Exegese sich inzwischen so weit verfeinert und spezialisiert haben, daß sie nur noch „Eingeweihten“ verständlich scheinen. Die Vielfalt der Methoden und vor allem der Ergebnisse erweckt beim Studenten den Eindruck, neutestamentliche Exegese trage weniger zum Verstehen als zur allgemeinen Verunsicherung bei. 30 Auch hier wird deutlich: Der Fokus ist historisch, und daran hat sich in der letzten Generation wenig geändert. Die Methoden, die in der ersten Auflage des Arbeitsbuchs vorgestellt werden, sind dementsprechend ausschließlich his‐ torisch-kritisch: Formgeschichte, Redaktionsgeschichte, Literarkritik. 31 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 40 Sandra Huebenthal 32 Der Knackpunkt ist die Anschlussfähigkeit an das eigene Leben und die eigenen Erfahrungen. Studierende suchen nach Relevanz und einer existenziellen Dimension. Eine Einleitung, zu der sie keinen Zugang finden und die „die unvermeidlich trockenen und technischen Informationen (…), die nun einmal zum Geschäft der neutestamentli‐ chen Einleitungswissenschaft gehören“ (Franz-Joseph Schierse, Einleitung in das Neue Testament, Düsseldorf 5 1991, 10) liefert, bleibt ein ungeliebtes Nachschlagewerk, das verhindert, dass man sich die Texte zu eigen macht. Auf diesem Wege werden sie nicht zu besseren Vermittlern des Glaubens. 33 Vgl. dazu: Werner H. Kelber, Die frühe Jesustradition im Kontext der Kommunikations‐ geschichte, in: ZNT-43/ 44 (2019), 79-134. Dass sich die Zeiten geändert haben, ist offensichtlich, und die historische Kritik allein kann keine Antworten geben. So wichtig Arbeitsteilung und Spe‐ zialisierung sind, so sehr braucht es auch die Kooperation, um zu ganzheitlichen Ergebnissen zu kommen. Man könnte auch sagen: Mit dem Fokus auf einen produktionsorientiert-historisch-etischen Blick ist der Einleitung mitunter das Bewusstsein dafür verloren gegangen, dass sie innerhalb der christlichen Com‐ munity am christlichen Familienalbum forscht und ihr Arbeitsgegenstand iden‐ titätsstiftende Texte als Diskussionsbeiträge auf den Weg zu frühchristlichen Identitäten sind. Das ist genau die Lücke, die eine Einleitung zum Familienalbum Neues Testament, die auch etwas stärker auf Wissenschaftskommunikation setzt, schließen könnte. 32 4. Die konkrete Umsetzung Wie könnte diese Einleitung in das Neue Testament als Familienalbum an der Schnittstelle von Theologie, Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft konkret aussehen? Zunächst bietet sie über die kulturwissenschaftliche Gedächt‐ nistheorie ein Modell, wie sich Gedächtnis, Erinnerung und Identitätsaushand‐ lung in unterschiedlicher Weise über mehrere Generationen entwickeln, und welche typischen Probleme, Strategien und Medien auftauchen (können). Me‐ dientheorie, Oralitätsforschung und Soziologie liefern weitere Erkenntnisse darüber, wie sich Gruppen, Prozesse und Medien verändern, wenn die Erinne‐ rungsgemeinschaft wächst und sich zeitlich und örtlich immer weiter von ihrem Ursprungskontext, ihren fundierenden Ereignissen und Erfahrungen entfernt. 33 Die kulturwissenschaftliche Schnittstelle steuert das Wissen um Generati‐ onen und Krisen im kollektiven Gedächtnis bei, weiß dass Traditionsbrüche zumeist Verschriftlichungsschübe bedingen und dass sich an der Grenze des le‐ bendigen Dreigenerationengedächtnisses die Notwendigkeit ergibt, Erinnerun‐ gen in stabile, zeitüberdauernde Formen zu bringen, damit sie nicht im Floating Gap verschwinden. Sie steuert ebenfalls das Wissen bei, dass Anonymität und Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 41 34 Zur Einführung vgl. Huebenthal, Gedächtnistheorie (s. Anm. 15). Zur Diskussion des Ansatzes vgl. die Rezensionen von Alan Kirk (NovTest 65 [2023], 275-282) und Gerd Häfner (ThRev-120 [2024]). Pseudepigraphie Strategien von Identitätsbildungsprozessen zu bestimmten Zeiten sind und viel mit der Epochenenschwelle (Generational Gap) zu tun haben, die sich nach etwa 40 Jahren auftut, und dass sie ein Weg sind, Traditionen zu schaffen, die man noch nicht hat. Sie kann ebenfalls helfen zu verstehen, wie sich die Alltagskommunikation des sozialen Gedächtnisses von der stilisierten Kommunikation des kollektiven Gedächtnisses unterscheidet und wie sich das methodisch für die Analyse von Briefliteratur verwenden lässt, um Pseudepi‐ graphie als Strategie und zeitlich begrenztes Phänomen besser einzuordnen und zu verstehen. 34 So kann sie auch Evangelienüberschriften oder Traditionsketten als Medien und Strategien verstehen, die ihrerseits in bestimmte Generationen gehören und bestimmte Zwecke verfolgen. Sie kann schließlich auch über die Veränderung von Gruppengröße und Gruppenzusammensetzung Inkultu‐ rationsprozesse mit zeitgeschichtlichen Gegebenheiten verbinden und damit unterschiedliche Entwicklungen theoriegestützt erklären. Sie geht damit über die Anwendung historischer Plausibilitäten hinaus, die manchmal mehr mit der Vorstellungskraft des Forschers als dem Sachverhalt zu tun haben. Wenn sie gemeinsam mit nicht-kanonischen Formen und Medien gedacht, untersucht und visualisiert wird, kann sie helfen, die Spezifika neutestamentlicher Texte noch besser zu verstehen. Die kulturwissenschaftliche Schnittstelle steuert also einige neue Erkennt‐ nisse bei, die mit den anderen Schnittstellen verbunden werden müssen. Das macht die alten Einleitungswerke nicht obsolet, sondern, ganz im Gegenteil, baut auf ihnen auf und ergänzt sie. Die Tabelle zeigt, wie sich die unterschied‐ lichen Schnittstellen und ihre Perspektiven ergänzen und gemeinsam das Ver‐ ständnis der neutestamentlichen Texte als Momentaufnahmen aus konkreten Generationen und Kontexten fördern. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 42 Sandra Huebenthal 35 Vgl. Huebenthal, Gedächtnistheorie (s. Anm. 15), 97; Huebenthal, Gedächtnis (s.-Anm.-17), 12. Abb. 5: Unterschiedliche Frageperspektiven der unterschiedlichen Schnittstellen in einer Zusammenschau Dass die Tabelle leer ist, zeigt, dass die Arbeit noch am Anfang steht. Es ist jedoch zu erwarten, dass sie für interessante neue Erkenntnisse, Perspektiven und Synergieeffekte sorgen wird. Wie viel eine Zusammenschau ändert, zeigt bereits das Übereinanderlegen von Erkenntnissen aus der historisch-kritischen speziellen Einleitungswissenschaft und der kulturwissenschaftlichen Gedächtnis‐ theorie: 35 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 43 Abb. 6: Neutestamentliche Generation und Textgruppen in der Zusammenschau Eine Einleitung in das Neue Testament als Familienalbum an der Schnittstelle von Theologie, Geschichte, Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft ist noch nicht geschrieben, aber wir haben eine Idee gewonnen, wie sie aufgebaut sein könnte: Nach einer Einführung in das Familienalbum als bekanntes All‐ tagsmedium würde sie in einem ersten Teil die Geschichte der ersten fünf bis sechs Generationen von Jesusnachfolgern als Geschichte von Identitätssuche erzählen und die typischen Fragestellungen und Herausforderungen einer jeden Generation mit dem Wissen über neutestamentliche Zeitgeschichte, Medien und literarische Formen verbinden. Nach dieser Übersicht, die den kanonischen Rahmen als identitätsstiftendes Charakteristikum in Erinnerung ruft, würden in einem zweiten Teil die Einzel‐ bilder aus den verschiedenen Generationen betrachtet und dabei besonderes Augenmerk auf ihre Gemeinsamkeiten gelegt. Anders als in den speziellen Einleitungen des klassischen Typs würden die Einzelbilder weder in kanoni‐ scher Reihenfolge noch in Werkgruppen (Evangelien, Paulusbriefe, Katholische Briefe) betrachtet, sondern in ihrer Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen frühchristlichen Generationen. Hier würden medientheoretisches Wissen, Er‐ kenntnisse aus der speziellen Einleitung und Erkenntnisse der literaturwissen‐ schaftlichen und kulturwissenschaftlichen Schnittstellen zusammenfließen. In einem dritten Teil würde man schließlich erfahren, was der kanonische Blick - also die Zusammenschau der Bilder im frühchristlichen Familienalbum - für die einzelnen Bilder, aber auch für christliche Identität insgesamt austrägt, und was sich verändert, wenn die Texte im kanonischen Kontext stehen. Wie Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 44 Sandra Huebenthal verändert beispielsweise der kanonische Blick die Einzelbilder von Jesus in den vier Evangelien? Wie verändern die Deuteropaulinen die Erinnerungsfigur Paulus? Was steuern paulinische, synoptische und johanneische Texte nebst Ka‐ tholischen Briefen zu christlicher Identität bei? Welche historischen, literatur- und mediengeschichtlichen Rückfragen ergeben sich daraus und wie sind sie an der Schnittstelle von Theologie, Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft mit gemeinsamer Methodik zu untersuchen? Die Einleitung in das Neue Testament als Familienalbum würde etischen und emischen Blick wieder verbinden und so helfen, die Probleme, die durch eine allzu große Segmentierung und Spezialisierung entstanden sind, zu überwinden. Es geht um Zusammendenken und Komplementarität, die neue Perspektiven und Methoden mit sich bringt und daher auch neue und andere Ergebnisse liefert. Dass sie nicht alle Erkenntnisse einleitungswissenschaftlichen Forschens und alle vorausliegenden methodischen und hermeneutischen Diskussionen in einem Interface abbilden kann, ist selbstredend. Für den vertieften Blick gibt es die bewährten Einleitungen, Theologien des Neuen Testaments, Zeitgeschichten und Methodenbücher. Einleitung in das Neue Testament als Familienalbum würde Einleitung weiter denken und einen frischen Zugang zum Neuen Testament bieten, der die neutestamentlichen Schriften wieder zusammenbringt und als Identitätstexte ernst nimmt. Über das Bild vom Familienalbum wäre es auch für Christen ohne theologische Vorbildung anschlussfähig und könnte zudem auch Nichtchristen das frühchristliche Familienalbum als kulturellen Text erschließen. Sandra Huebenthal studierte Katholische Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Ge‐ orgen/ Frankfurt sowie am Milltown Institute in Dublin. Nach Lehrvertretungen in Basel und St Andrews ist sie seit 2015 Professorin für Exegese und Biblische Theologie an der Universität Passau und Gastprofessorin an der Hussitischen Theologischen Fakultät der Karls-Universität in Prag. Ihre For‐ schungsschwerpunkte sind Kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorie und frühchristliche Identitätskonstruktion, Biblische Methodik und Hermeneutik sowie kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Einleitungswissenschaft. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 45